Lieferung innerhalb 2-3 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Blick ins Buch
Das Haus der geheimen TräumeDas Haus der geheimen Träume

Das Haus der geheimen Träume

Roman

Taschenbuch
€ 9,99
E-Book
€ 8,99
€ 9,99 inkl. MwSt.
Lieferzeit 2-3 Werktage
Jetzt kaufen Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen
€ 8,99 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
Jetzt kaufen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Das Haus der geheimen Träume — Inhalt

Nach einer Trennung entschließt sich Julia zu einem Tapetenwechsel. Schon oft hatte ihr Schwager George sie in sein Haus nach Staten Island eingeladen, doch bislang hatte Julia sich gesträubt, da das Haus traurige Erinnerungen in ihr weckt: Hier hatte einst ihre Schwester Jennifer gelebt, bis sie 2001 tragisch ums Leben kam. Nun scheint Julia die Zeit reif, der Vergangenheit ins Gesicht zu blicken. Doch am Flughafen spielt der Verstand ihr einen Streich: Sie glaubt, Jennifer zu sehen. Julia merkt immer deutlicher, dass etwas nicht stimmt. Aber da ist es fast schon zu spät …

 

 

 

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 01.03.2016
512 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30818-2
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 01.03.2016
512 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97146-1

Leseprobe zu »Das Haus der geheimen Träume«

Prolog


11. September 2001. Das Großraumbüro der Architektenfirma Spencer & Bates, 81. Stock im Nordturm des World Trade Center in New York. 8:42 Uhr.
Sie sitzt an ihrem Rechner und lässt den Blick aus dem Fenster schweifen, denn sie kann sich nicht auf ihre Arbeit konzentrieren. Dabei hat sie so viele Ideen, wie das geplante Versicherungsgebäude in Brooklyn aussehen könnte, doch durch ihren Kopf wirbeln andere Gedanken. Was ist dieser Auftrag gegen ihr Leben, das in eine Sackgasse geraten ist, aus der es keinen Ausweg zu geben scheint?
Es sei denn … Sie [...]

weiterlesen

Prolog


11. September 2001. Das Großraumbüro der Architektenfirma Spencer & Bates, 81. Stock im Nordturm des World Trade Center in New York. 8:42 Uhr.
Sie sitzt an ihrem Rechner und lässt den Blick aus dem Fenster schweifen, denn sie kann sich nicht auf ihre Arbeit konzentrieren. Dabei hat sie so viele Ideen, wie das geplante Versicherungsgebäude in Brooklyn aussehen könnte, doch durch ihren Kopf wirbeln andere Gedanken. Was ist dieser Auftrag gegen ihr Leben, das in eine Sackgasse geraten ist, aus der es keinen Ausweg zu geben scheint?
Es sei denn … Sie traut sich nicht, es zu Ende zu denken. Nicht einmal der Blick auf den strahlend blauen Himmel dort draußen kann ihr etwas von dieser Hoffnungslosigkeit nehmen.
Erst ein verhaltenes, dumpfes Brummen, ein grollendes Zittern, das durch den Fußboden, die Decke und die Wände geht, ein pulsierender Bass, gefolgt von einem ohrenbetäubenden Lärm, dann ein gewaltiger Knall, als würde Beton bersten, verbunden mit einem Geräusch, als tobe ein Orkan durch ihr Büro, reißen sie aus ihren Gedanken. Ein Element der Deckenverkleidung kracht haarscharf neben ihrem Schreibtisch zu Boden. Staub und Dreck überall. Ihr Herz pocht bis zum Hals. Was ist das?, denkt sie kurz, doch als sich das Gebäude plötzlich neigt, fürchtet sie, es würde umfallen. Sekunden später aber schwankt es in die andere Richtung wie das Pendel einer Uhr. Und nichts bewegt sich mehr. Der Turm steht, als wäre nichts geschehen. Im Büro ist es totenstill, bis sie ihren Chef brüllen hört: »Alles raus hier! Ein Erdbeben!«
Erdbeben?, geht ihr durch den Kopf. Gilt New York nicht als erdbebensicher? Doch dann folgt sie ihren Kollegen in Richtung der Fahrstühle. Im Flur schlägt ihnen beißender Rauch entgegen. Aus den Aufzugschächten treten Flüssigkeiten aus, und Kerosingeruch hängt in der Luft. Keiner der elf Mitarbeiter spricht auch nur ein einziges Wort. Zwei Kolleginnen schluchzen verhalten. Sie aber ist wie erstarrt und denkt gar nichts mehr, sondern folgt den anderen zur Treppe. Ihre Augen tränen, und sie muss husten. Es ist stickig und heiß, so entsetzlich heiß. Der Schweiß läuft ihr aus allen Poren zugleich. Sie kann nichts mehr sehen, denn er tropft ihr auch in die Augen. Sie bleibt stehen, reibt sich mit den Händen das Gesicht trocken. Als sie wieder sehen kann, sind die anderen fort, doch eine fremde Menschengruppe, die aus dem Nichts zu kommen scheint, drängelt sich nun vor ihr auf die Treppe.
Sie wird hektisch, will zu den anderen, doch dann knickt sie mit ihrem High Heel um. Ein höllischer Schmerz im Knöchel durchfährt sie, aber sie weiß, dass sie nicht stehen bleiben darf. Kurz entschlossen entledigt sie sich der schwarzen Schuhe, die sie gerade erst vor ein paar Tagen für viel Geld in ihrem Lieblingsladen erstanden hat. Barfuß eilt sie weiter, bis sie einen Treppenabsatz erreicht. Unter ihren Füßen brennt es. Der Boden glüht, aber sie schenkt dem keine Beachtung. Im nächsten Stockwerk teilt sich die Treppe. Die Menge drängt sich nach links. Sie bleibt stehen und überlegt. Ein unbestimmtes Gefühl rät ihr, die rechte Treppe zu wählen. Sie zögert, dann entfernt sie sich von den anderen. Auf dieser Treppe ist sie ganz allein. Panik überkommt sie. Soll sie nicht lieber umkehren? Doch sie geht weiter wie in Trance. Stufe für Stufe nach unten. Nach einer halben Ewigkeit stößt ein Pulk von Menschen dazu. Eine Frau schreit, eine andere, stark übergewichtige setzt sich. »Lasst mich, ich habe es mit dem Herzen, ich kann nicht mehr«, jammert sie, als zwei Männer sie packen und mit sich ziehen.
Das Klagen der Übergewichtigen hört nicht auf. Sie will sich von ihren Helfern losreißen, aber die schleifen sie entschlossen mit. Die Frau verliert ihre Schuhe. »Meine Schuhe«, japst sie.
Sie kann das Gejammer nicht mehr aushalten. »Nun halten Sie doch endlich Ihren Mund!«, zischt sie und tatsächlich, die Übergewichtige verstummt.
Das Etuikleid klebt ihr am Körper. In Strömen rinnt der Schweiß ihre nackten Beine hinunter. Die Luft ist zum Ersticken, und es stinkt erbärmlich. Nach Rauch, Chemikalien und immer stärker nach Kerosin. Erneut muss sie husten. Sie hätte gern ein Taschentuch, um es sich vor die Nase zu pressen, aber sie hat ihre Handtasche im Büro gelassen.
»Ein Sportflugzeug. Ein Sportflugzeug ist in den Turm geflogen!«, ruft ein Mann aufgeregt hinter ihr.
Sie dreht sich um. Überall versteinerte Gesichter. Die meisten schweigen.
Ihr Blick fällt auf die Zahl an der Wand. Es ist das 63. Stockwerk. Was, wenn ich hier nicht lebend herauskomme?, fragt sie sich und ist dabei erstaunlich ruhig. Daran hat sie noch gar nicht gedacht: Sterben wäre immerhin eine Option! Nun wird sie noch ruhiger. Was auch immer geschehen wird, die Lösung ist nah. Sie spürt es und gibt ihr Schicksal in die Hand einer höheren Macht. Sie ist nicht religiös und hat seit Jahren keine Kirche mehr von innen gesehen, außer als Touristin.
Und trotzdem, da ist diese tiefe Gewissheit in ihr. Sie kann nichts mehr tun. Nach einer halben Ewigkeit setzt sich die Menschenmenge wieder in Bewegung. Wieder ein Treppenabsatz, wieder teilt sich die Treppe. Und wieder stellt sich die Frage. Links oder rechts? Die meisten nehmen die linke Treppe. Wie die Lemminge, geht ihr durch den Kopf, während sie mit ein paar wenigen nach rechts geht. Kaum hat sie den ersten Schritt getan, wird sie von einem Wirbelsturm erfasst und findet sich staubbedeckt in tiefster Dunkelheit wieder. Menschen schreien. Eine Frau neben ihr setzt sich schluchzend auf die Treppe. »Es ist vorbei. Das ist der Weltuntergang«, wimmert sie und fängt laut zu beten an.
Sie versucht, den Staub von ihrem Kleid zu wischen, aber als sie ihre dreckverschmierten Hände sieht, gibt sie es auf. Stattdessen packt sie die betende Frau unter den Achseln und herrscht sie an. »Sie versperren uns den Fluchtweg!«
Die Frau erhebt sich, immer noch betend und geht hinter den anderen her.
Auf dem nächsten Treppenabsatz kommen sie plötzlich von allen Seiten herbeigeströmt, Menschen, denen die nackte Panik in den Gesichtern steht.
»Sie haben uns untersagt, das Büro zu verlassen, diese Arschlöcher, aber eben kam die Durchsage, wir sollen raus«, flucht ein Herr im blauen Zweireiher und drängelt sich rücksichtslos an ihr vorbei. Wieder kommt die Schlange ins Stocken. Es geht nicht mehr vorwärts, auch nicht rückwärts. Menschen schubsen von hinten. Endlich sieht sie den Grund, warum es nicht weitergeht: Mehrere schwitzende Männer in schweren Monturen bahnen sich den Weg an ihnen vorbei nach oben.
»Was ist passiert?«, fragt ein Mann einen der Feuerwehrmänner.
Der zuckt mit den Achseln und sagt nur, sie sollen weitergehen. »Das Gebäude ist sicher«, fügt er noch hinzu.
Ihre Blicke treffen sich. Sie kann darin lesen, dass er lügt. Was auch immer geschehen ist, denkt sie, es muss so entsetzlich sein, dass man es ihnen nicht sagen will. Hat man Angst vor einer Panik?
Es vergeht eine halbe Ewigkeit, bis es weitergeht. Viel langsamer als zuvor, denn in jedem Stockwerk stoßen weitere Menschen dazu, deren verzerrte Gesichter glauben lassen, sie wären nur haarscharf dem Höllenfeuer entkommen. Sie lässt sich einfach treiben, denn sie hat sich in ihr Schicksal ergeben. Ohne Gebet. Einfach alles abgegeben an eine höhere Macht, an die sie noch nie zuvor geglaubt hat. Vielleicht ist es die beste Lösung, denkt sie in fatalistischem Gleichmut.
Im 44. Stock geben Sicherheitsleute Anweisungen, das Treppenhaus zu wechseln. Sie sind jetzt bei der Sky Lobby angekommen. Durch ein großes Fenster kann sie ins Freie sehen. Blau, alles blau, aber es schneit Papier. Wie weiße Vögel, die ihre Orientierung verloren haben, schweben die Blätter am Fenster vorbei in die Tiefe.
Sie hat sich gerade wieder umgedreht, als hinter ihr eine Frau hysterisch aufschreit. »Ein Mensch! Da! Da ist ein Mensch vorbeigeflogen.«
Als sie den Blick zum Fenster wendet, sind da nur diese weißen, langsam flatternden Papiervögel.
Ein Sicherheitsmann mahnt mit überkippender Stimme, sie sollen nicht rausgucken, sondern weitergehen, immer weitergehen.
Sie geht weiter. Etage für Etage. Sie hat inzwischen kein Zeitgefühl mehr. Immer mehr Feuerwehrmänner kommen ihnen auf der Treppe entgegen. Niemand fragt sie mehr, was geschehen ist. Sie hat den Eindruck, das ist nicht mehr wichtig für diese Menschen, die nur noch ein Ziel eint: ins rettende Freie zu gelangen. Will ich das eigentlich auch?, geht ihr durch den Kopf. Sie weiß es nicht wirklich.
Ein Blick auf ihre Armbanduhr zeigt ihr an, dass es kurz vor halb elf ist. Anderthalb Stunden ist sie nun schon auf dem Weg nach unten, und es scheint kein Ende in Sicht. Doch dann endlich haben sie es geschafft. Einige weinen vor Erleichterung, als sie die Lobby erreichen. Das Schicksal hat sich für das Leben entschieden, denkt sie gerade, als eine höllische Explosion den Boden unter ihr erzittern lässt und ein furchterregender Lärm ihre Trommelfelle förmlich zum Platzen bringt. Alle rennen zum Ausgang, nur sie dreht sich noch einmal um. Überall schlagen Flammen aus den Fahrstühlen, die Stahltüren brechen auf, Menschen als brennende Fackeln, Stahlträger werden auseinandergerissen, als wären sie aus Styropor. Die Fahrstühle explodieren, und eine nach Kerosin stinkende Feuerwelle walzt auf sie zu. Sie ist wie erstarrt, kann den Blick nicht von diesem Inferno lassen. Ein Geräusch, als rase ihr eine Lok mit Highspeed entgegen, lässt sie wieder zu sich kommen. Und da ist er endlich wieder. Ihr Wille zum Leben. Sie will raus, sie will eine andere Lösung finden, nein, Sterben ist keine Alternative. Hat ihre Mutter nicht mal so ein Buch gelesen? Sterben ist keine Alternative, denkt sie noch, als sie etwas kochend Heißes an ihrer Hand spürt, aber sie kann nicht mehr schreien, denn in dem Augenblick wird ihr Kopf von einem harten Gegenstand getroffen, und alles ist schwarz.


Erster Teil
JULIA


1.
Julia Bender zögerte. Es fiel ihr nicht leicht, bei ihm zu klingeln. Hatte er ihr nicht vor knapp einer Woche eine knallharte WhatsApp geschrieben? Brauche Abstand! Natürlich hatte sie das nicht so stehen lassen wollen und ihn mit zig Nachrichten bombardiert. Warum? Lass uns reden! Was ist los? Bitte melde dich! Doch er hatte sie offenbar nicht mal gelesen, wie sie unschwer an dem einzelnen grauen Häkchen erkennen konnte, das hinter jeder dieser Nachrichten stand. Schließlich hatte sie es mit Anrufen probiert, aber es war nicht einmal eine Mailbox rangegangen. Jan war nicht mehr zu erreichen, jedenfalls nicht für sie.
Und nun stand sie vor einem der wenigen nicht luxussanierten Gründerzeithäuser in der Simon-Dach-Straße und traute sich nicht, auf den Klingelknopf zu drücken. Aber hatte sie eine Wahl? Was nützte es ihr, wenn der Stolz siegte? Sie wollte ihn ja auch gar nicht mehr zurück, sondern nur eine Nacht in seiner Wohngemeinschaft schlafen und ihn bitten, ihr das Geld zurückzugeben. Zwanzigtausend Euro hatte sie ihm geliehen, ihr ganzes Erspartes, als sie noch glaubte, ihre Stelle bei der Zeitung sei sicher. Schließlich hatte sie zwei Entlassungswellen schadlos überstanden, aber nun hatte sie überraschend ihre Kündigung erhalten. Julia hatte es Jan noch gar nicht gesagt, denn es war an dem Tag geschehen, an dem er ihr diese Nachricht geschickt hatte. Ein fatales Zusammentreffen, das Julia bittere Tränen gekostet hatte. Sie hatte geglaubt, es könne nicht schlimmer werden. Doch nun hatte ihr Heike, mit der sie seit drei Jahren in Wohngemeinschaft zusammenlebte, heute Morgen beim Frühstück ziemlich schonungslos mitgeteilt, sie brauche das Zimmer, weil sie mit ihrem Freund zusammenziehen wolle. Einen Mietvertrag hatte Julia nicht. Was soll der ganze bürokratische Aufwand, hatte Heike stets abgewiegelt, wenn Julia das Thema aufgebracht hatte. Inzwischen war sich Julia sicher, dass Heike die Option von Anfang an im Kopf gehabt hatte, eines Tages dort mit ihrem Freund einzuziehen, wenn sie denn mal eine ernsthafte Beziehung eingehen würde. Und nun hatte sie sich in Georg verliebt, der schon seit Wochen ständiger Gast in ihrer Wohnung war.
Julia stieß einen tiefen Seufzer aus und drückte beherzt auf den Klingelknopf. Sie brauchte das Geld und ein Dach über dem Kopf, wenigstens für eine Nacht, denn ihr Konto war gähnend leer, sodass sie sich gar nicht mehr an den Geldautomaten ihrer Filiale traute, weil sie den Augenblick fürchtete, in dem der verflixte Satz Zurzeit ist keine Auszahlung möglich im Display erscheinen würde. Das hatte sie zum letzten Mal als Studentin erlebt, und sie spürte die Scham noch so intensiv, als wäre es gestern gewesen. Mit geduckten Schultern war sie davongeschlichen und hatte sich von den wissenden Blicken der Leute, die hinter ihr standen, schier erdolcht gefühlt. Nein, sie brauchte das Geld jetzt sofort. Das hatte sie Jan bereits eindringlich gesagt, bevor ihr die Kündigung auf den Tisch geflattert war. Ein merkwürdiges Gefühl hatte sie nämlich bereits seit Wochen gehabt, es aber immer wieder erfolgreich verdrängen können und sich stattdessen nur noch tiefer in die Arbeit vergraben. Inzwischen war ihr klar, dass sie ihrem Bauchgefühl lieber hätte trauen und Max darauf ansprechen sollen. Max, ihr Chef, der wirklich große Stücke auf sie hielt, hatte ihr schon seit Wochen nicht mehr so richtig in die Augen blicken können. Das fiel auf, weil die beiden ein beinahe freundschaftliches Verhältnis verband und er es plötzlich gemieden hatte, sie allein zu treffen. Ihre Ahnung hatte sich bestätigt, als sie das knappe Schreiben auf ihrem Schreibtisch vorgefunden hatte. Wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen … blablabla. Nach der ersten Schrecksekunde, in der sie wie gelähmt war, hatte es kein Halten mehr gegeben. Mit dem Schreiben in der Hand war sie in sein Büro geplatzt, ungeachtet der Proteste seiner Sekretärin.
»Was soll das?«, hatte sie Max angebrüllt und ihm die Kündigung auf den Tisch geknallt.
»Es tut mir so leid, aber das kommt von oben«, hatte er ihr entschuldigend erklärt und ihr dabei wenigstens endlich wieder in die Augen sehen können. »Ich habe bis zum Schluss für dich gekämpft, und ich habe die ganze Zeit mit dir reden wollen, aber ich habe immerhin erreicht, dass du bei uns als freie Autorin bleiben kannst. Das würde dann allerdings nach Zeilenhonorar …«
»Du kannst mich mal!«, hatte sie ihn harsch unterbrochen, das Büro wutschnaubend verlassen, ihren Schreibtisch leer geräumt und das Verlagsgebäude wenig später hoch erhobenen Hauptes verlassen.
Vielleicht hätte ich doch eingelenkt, wenn ich gewusst hätte, was noch auf mich zukommt, ging es ihr durch den Kopf, während der Summer ertönte und sie die Haustür aufstieß.
Sie mochte dieses etwas heruntergekommene Haus, das den abgeblätterten Charme längst vergangener Tage ausstrahlte. Es besaß nicht einmal einen Fahrstuhl. Die Summer waren das Einzige, was die Eigentümer bislang an Neuerungen hatten einbauen lassen. Stöhnend stieg sie die Treppen bis in den vierten Stock hinauf. Eigentlich war sie sportlich und joggte jeden Tag, aber die vergangene Woche seit der Kündigung der Zeitung und Jans Nachricht hatte sie meist liegend auf ihrem Bett verbracht. Ich brauche dringend eine neue Wohnung, dachte sie, während sie völlig außer Atem vor der Tür stehen blieb, denn Heike hatte sie aufgefordert, ihre Möbel und ihre privaten Sachen bis zum nächsten Ersten aus der Wohnung zu holen. Da war Julia endgültig der Kragen geplatzt, und sie hatte Heike in ihrem Brass beschimpft. Sie konnte sich nicht einmal mehr genau erinnern, was sie ihr alles an den Kopf geworfen hatte, aber sie war sich fast sicher, dass sie ihre einstige Freundin als »dumme Kuh« bezeichnet hatte, und das war wohl noch die eher harmloseste Beleidigung gewesen. Jedenfalls war der Streit zwischen ihnen so heftig gewesen, dass sie keine Nacht mehr unter Heikes Dach verbringen konnte. So hatte sie in ihrem Zorn eine Tasche mit willkürlich aus dem Schrank gerissenen Kleidungsstücken vollgestopft, sich ihren Laptop geschnappt und war zur S-Bahn gehetzt. Kein Wunder, dass sie nun aus der Puste war.
Die Wohnungstür stand offen.
»Hallo!«, rief sie, machte einen Schritt in den Flur und schloss die Tür hinter sich. Wie immer, wenn sie diese Wohnung betrat, fiel ihr sofort der Kontrast ins Auge. Bei Heike und ihr war alles geschmackvoll eingerichtet und sehr ordentlich. Hier herrschte das blanke Chaos. Als Julia keine Antwort bekam, stieg sie über einen riesigen Schmutzige-Wäsche-Berg und riskierte einen Blick in die Küche. Pitschi, der eigentlich Peter hieß, saß nur mit einer Boxershorts und einem Unterhemd aus Feinripp bekleidet am Küchentisch und rauchte einen Joint. Er sah nicht einmal auf, als Julia sich räusperte, um seine Aufmerksamkeit zu gewinnen.
»Ich möchte zu Jan. Ist er da?«, fragte sie schließlich energisch.
Pitschi hob den Kopf und sah sie an, als hätte sie ihm eine ungeheuerliche Frage gestellt.
»Nö«, erwiderte er. Pitschi kam irgendwo von der Nordseeküste. Sie meinte sich zu erinnern, dass der Ort Husum hieß, und er redete nie viel. Diese Einsilbigkeit brachte Julia in diesem Augenblick jedoch zur Weißglut.
»Pitschi, wann kommt er wieder? Ich muss ihn dringend sprechen und verlasse diese Wohnung nicht, ehe ich was mit ihm geklärt habe.« Entschlossen schnappte sie sich einen der wackeligen Küchenstühle und setzte sich ihm gegenüber.
Er musterte sie mit glasigem Blick.
»Er ist ausgezogen.«
»Ausgezogen? Wann?« Julias Stimme überschlug sich vor Entrüstung.
Pitschi zuckte die Achseln. »Letzte Woche oder so.«
»Und kannst du mir seine neue Adresse geben?«, hakte sie etwas ruhiger nach.
»Nö, die hätte ich auch gern. Er hat nämlich drei Monate die Miete nicht gelöhnt und sich von mir und von Maika noch Kies geliehen.«
Julia schluckte. Sie hätte es wissen müssen, aber sie hatte es nicht wissen wollen. Jan, der an seinem großen Roman schrieb, seit sie ihn kennengelernt hatte, war notorisch pleite gewesen. Und sie hatte ihm abgenommen, dass er einen Verlag gefunden hatte und demnächst einen Vorschuss erwartete, von dem er ihr das Geld »quasi aus der Portokasse« wiedergeben wollte. So hatte er es ihr jedenfalls vollmundig versprochen. Alles gelogen, dachte sie, während sie mit den Tränen kämpfte. Nicht, weil sie ihn verloren hatte, sondern weil sie nun ohne einen Cent dastand. Jan war von Anfang an nicht ihre große Liebe gewesen, nein, aber sie hatte ihn wirklich gemocht und ihm vertrauen wollen. So unbedingt vertrauen wollen, dass sie alle Signale wie eine rote Ampel einfach überfahren hatte. Sie hatten einander Geborgenheit gegeben. Zwei verlorene Seelen für immerhin vier Jahre in einem gemeinsamen Kokon aus Alltag und gelegentlich aufregenden, aber meist nur kuscheligen Nächten.
»Ist sein Zimmer schon vermietet?«
»Nö, wir wollen heute Abend eine Anzeige starten«, erwiderte er. »Er hat dich auch verarscht, oder?« Julia konnte in seinen Augen so etwas wie Mitgefühl erkennen. Das tat ihr gut.
Sie nickte.
»Könnte ich wohl heute Nacht in dem Zimmer schlafen?«
»Klar, so lange du willst«, entgegnete Pitschi, bevor er noch einen tiefen Zug seines Joints nahm und ihn ihr ungefragt über den Tisch reichte.
Julia hatte manchmal zusammen mit Jan gekifft. Eigentlich mochte sie es nicht wirklich, weil sie nie eine Wirkung spürte außer bleierner Müdigkeit.
Trotzdem zog sie hektisch an dem Joint.
»Kannst den Rest haben. Ich glaube, du brauchst das jetzt.«
Julia rauchte noch drei Züge, bevor sie den Rest ausdrückte und aufstand.
»Ich ziehe mich dann mal zurück. Ist da überhaupt noch ein Bett drin?«
»Er hat nix mitgenommen außer seinen persönlichen Sachen. Wir machen heute Abend eine Nudel. Du kannst mitessen.«
»Weiß nicht«, sagte sie schwach.
»Du musst was essen! Um acht. Okay?«
»Okay.«
Julia fühlte sich ein bisschen benebelt, als sie Jans Zimmer betrat. Wenn sie es nicht besser wüsste, würde sie vermuten, dass er gleich wiederkäme. Sein Bett war ungemacht wie immer. Seine Bücher standen im Regal, seine Poster mit Tesafilm krumm und schief an den Wänden befestigt, über seinen Schreibtisch verteilten sich die gelben Zettel, auf die er seine Ideen für den großen Roman notierte, der zuletzt nicht mehr als fünfzig Seiten betragen hatte, und der Papierkorb quoll über. Gedankenverloren griff Julia nach dem zusammengeknüllten oberen Blatt.
Es war die Absage eines Verlages. Ein unpersönliches Formschreiben.
Ich hätte es mir denken können, dachte sie und ließ sich stöhnend auf sein ungemachtes Bett fallen. Es war merkwürdig, sie vermisste ihn nicht, aber jetzt hatte sie endlich eine plausible Erklärung, warum er ihr diese WhatsApp geschrieben hatte. Er hatte verhindern wollen, dass sie Wind von seinem geplanten Abgang bekam. Sie kannte keinen Menschen, der schon so oft umgezogen war wie Jan. Von Hamburg nach München, von Nürnberg nach Hannover und von Gran Canaria nach Berlin. Er hatte seine Ortswechsel stets spannend aufbereitet und sich das Flair eines kreativen Vagabunden gegeben. Julia hatte das mächtig imponiert, war sie doch nur einmal umgezogen, von Hamburg nach Berlin. Nach der Sache mit Noah … und das war nun auch schon über siebzehn Jahre her. Süße achtzehn war sie damals gewesen.
Noah, immer wieder Noah, aber sie wollte doch nicht mehr an ihn denken. Schließlich hatte sie sogar eine Therapie gemacht, um das alles zu vergessen, aber offenbar hatte sich die Verletzung in ihr Bewusstsein gebohrt wie eine Zecke, deren Kopf im Körper stecken geblieben war und sich entzündet hatte.

2.
Und nun hatte Noah Julia schon wieder geschrieben. Wie jedes Jahr. Und jedes Jahr hatte sie seine Briefe nach dem Lesen verbrannt in der Hoffnung, dass damit auch die Erinnerung zu Asche zerfiel.
Julia war noch nicht dazu gekommen, den Brief zu öffnen, aber sie wusste auch so, was er von ihr wollte. Sie sollte ihn endlich besuchen und mit ihm zusammen zum Ground Zero gehen, um von Jennifer Abschied zu nehmen. In den vergangenen Jahren hatte sie ihm stets eine kurze Mail geschrieben, dass sie bedauern würde, seiner Einladung nicht folgen zu können, weil sie zu viel Arbeit hätte.
Julia hatte gehofft, er würde irgendwann einmal begreifen, dass dies nur fadenscheinige Ausreden waren, weil sie ihn einfach nicht wiedersehen wollte. Ihr wäre es lieb, er würde eines Tages ganz aus ihrem Leben verschwinden und mit ihm die Erinnerung an damals.
Und von Jennifer hatte sie längst in Deutschland Abschied genommen. Susanne hatte damals eine spirituell angehauchte Zeremonie für ihre Tochter organisiert. Da es keine Spuren von Jennifer gab, hatte Susanne sich geweigert, einen leeren Sarg zu Grabe zu tragen und eine Trauerfeier in einer Kirche abzuhalten. Nein, sie hatten an einem See Abschied von Jennifer genommen, begleitet von einer Schamanin. Julia hatte sich damals gar nicht vorstellen mögen, was Jennifer wohl zu diesem Zauber gesagt hätte, denn sie hatte noch weniger Zugang zu der spirituellen Ader ihrer Mutter als ihre Schwester. Julia glaubte ja immerhin ganz vage daran, dass nicht alles wissenschaftlich zu erklären war, was sich zwischen Himmel und Erde abspielte. Jennifer glaubte im Grunde nur an die Macht des Geldes und die Magie ihrer Schönheit.
Julia würde im Leben nicht vergessen, wie die ganze Redaktion am 11. September 2001 mit ungläubigem Entsetzen im Konferenzzimmer vor dem Fernsehgerät gesessen hatte. Jennifer!, war ihr erster Gedanke gewesen, als sie die unvorstellbaren Bilder von dem Flugzeug, das sich in den Nordturm gebohrt hatte, auf dem Bildschirm verfolgt hatte. Wie Szenen aus einem Science-Fiction-Film waren sie an ihr vorbeigerauscht. Sie hatte ja gar nicht gewusst, wo genau ihre Schwester arbeitete, nur, dass sie hoch oben in den Türmen ihren Schreibtisch hatte, das hatte Jennifer ihr einmal geschrieben. Hoffentlich nicht oberhalb des Einschlags, hatte sie damals gedacht, und bei jedem der aus den Fenstern wie Puppen stürzenden Körper hatte sie gebetet, dass es nicht ihre Schwester sein möge. Monatelang hatten diese Bilder sie im Schlaf verfolgt, und sie hatte schließlich Frieden mit Jennifer geschlossen. Ihr ganzer Groll gegen die ältere Schwester hatte sich in tiefe Trauer um sie verwandelt, nachdem sie die Gewissheit hatte, dass sie unter den Opfern gewesen war. Noah hatte ein paarmal verzweifelt bei ihr in Berlin angerufen, und sie hatte mehr schlecht als recht versucht, ihn zu trösten, aber irgendwann hatte sie ihn abgewimmelt, und dann waren nur noch diese Briefe von ihm gekommen. Mit der dringenden Bitte, ihn doch in New York zu besuchen.
Und jetzt schon wieder so eine Einladung, die sie natürlich ablehnen würde. Missmutig holte Julia den Brief hervor. Sie wunderte sich jedes Mal erneut, dass er ihr keine Mails schrieb, sondern immer wieder eine Nachricht in seiner akkuraten Schrift. Und in fehlerfreiem Deutsch. Sie wusste auch nicht, warum sie seine Briefe jedes Mal wieder las, kannte sie den Inhalt doch bereits. Seufzend zog sie den Brief aus dem Umschlag. Er benutzte auch jedes Mal das gleiche Briefpapier. Edles und altmodisch anmutendes Büttenpapier.
Liebe Julia,
nun ist es schon fast wieder ein Jahr her, dass wir uns geschrieben haben, mal abgesehen von den Weihnachts­grüßen.
Du denkst bestimmt, ich will dich wieder mal überreden, mir einen kurzen Besuch abzustatten, aber dieses Mal geht mein Anliegen darüber hinaus. Ich möchte es auch gar nicht so spannend machen. Es geht um einen Job. Ich weiß ja, dass du bei deiner Zeitung recht zufrieden bist, aber ich habe über einen Freund, einen Verleger, erfahren, dass sie für eine deutschsprachige Wochenzeitung, den »German New Yorker«, eine neue Ressortleiterin für den Bereich Kultur suchen. Da das Blatt manchmal etwas veraltet wirkt und entsprechend eine eher ältere Leserschaft hat, werden jetzt dringend junge Mitarbeiter für das Team gesucht. Und ich habe ihm von dir vorgeschwärmt. Du bräuchtest nicht mal ein Vorstellungs­gespräch. Er würde dich mit Handkuss nehmen. Wäre das nicht etwas für dich? Ich mache mir keine allzu großen Hoffnungen, dass ich dich mit so einem Job nach New York locken könnte, aber ich möchte es nicht unversucht lassen. Wohnen könntest du natürlich erst einmal bei mir in den Hamptons oder in meiner Wohnung in Manhattan. Ich könnte gut etwas Gesellschaft in dem Riesenhaus gebrauchen. Ich habe es immer noch nicht über mich gebracht, es zu verkaufen. Ich kann das Haus einfach nicht loslassen, wo Jennifer und ich glücklich gewesen sind. Verrückt, oder? Nun ist es schon vierzehn Jahre her, und ich führe mich auf wie ein frischgebackener Witwer, aber wenn ich durch die Zimmer gehe, dann spüre ich sie in jedem Raum. Ich rieche sie, fühle sie … vielleicht kannst du mir helfen, vernünftig zu werden.
Bitte, bitte überlege es dir gründlich, und sage mir nicht gleich ab! Der Job wäre ab September frei. Wir haben nun Ende Juni. Du kannst dir also gut noch vier Wochen Zeit mit einer Antwort lassen. Mein Freund weiß Bescheid und hält ihn solange frei für dich.
Ach, Julia, es würde mir so guttun, wenn wir uns endlich wiedersehen. Du bist doch der Mensch, der Jennifer einmal näher als jeder andere auf der Welt gestanden hat. Ich kann so schwer damit leben, dass von ihr nichts mehr übrig geblieben ist, nicht mal eine winzige Spur ihrer DNA. Ich möchte so gern mit dir über sie sprechen.
Dein unglücklicher Schwager Noah
Julia ließ den Brief sinken. Warum waren seine Sätze immer noch wie Messerstiche in ihr Herz? Wer wusste besser als sie, wie abgöttisch er ihre Schwester geliebt hatte? Sie würde nie vergessen, wie sie damals wie aus dem Nichts an ihren Tisch ins Restaurant »Jakob« geschwebt war, und wie er sie angesehen hatte. Wie ein Weltwunder! In dem Augenblick hatte sie die Gewissheit gehabt, dass sie ihren neuen Freund und ihre erste große Liebe an Jennifer verloren hatte. Sie erinnerte sich an jede verdammte Minute dieses schrecklichen Abends, der so wunderschön begonnen hatte. Wie im Märchen hatte sie sich gefühlt, seit sie den jungen amerikanischen Arzt kennengelernt hatte, der für ein Jahr am Universitätskrankenhaus im Hamburg arbeitete. Seine Großmutter war Deutsche gewesen, und er hatte unbedingt das Land seiner Vorfahren kennenlernen wollen. Sie waren sich bei einem Konzert im Stadtpark regelrecht in die Arme gelaufen. In Julia sträubte sich alles, an die darauffolgenden Wochen erinnert zu werden, aber ihre Gefühle für ihn verspürte sie noch mit derselben Intensität wie damals. Sie hatte sich Hals über Kopf in den hochgewachsenen schlanken Mann mit dem flachsblonden Haar, den strahlenden graugrünen Augen und der großen, etwas gekrümmten Nase, die ihn in ihren Augen ungeheuer anziehend machte, verliebt. Er war nicht das, was man auf den ersten Blick als »schönen Mann« bezeichnen würde, aber er wirkte interessant. Es wäre ihr völlig egal gewesen, wenn er nicht aus dieser reichen Oberschichtfamilie aus den Hamptons, sondern aus einer Brooklyner Arbeiterfamilie gestammt hätte. Geld war nichts, womit man Julia Bender beeindrucken konnte. Ganz im Gegensatz zu ihrer drei Jahre älteren Schwester. Wie anders wäre ihr Leben doch verlaufen, wenn sie Jennifer niemals erzählt hätte, dass ihr neuer Freund stinkreich war. Julia hatte sich dabei gar nichts gedacht, war Jennifer doch völlig vernarrt gewesen in ihren Jürgen, der verdammt gut aussah, aber ihre Schwester auffallend schlecht behandelte und in Julias Augen ein übler Angeber war. Doch Jennifer hing regelrecht an seinen Lippen, wenn er großsprecherisch mit seinem wohlklingenden Bass von seinen neusten Erfolgen im Kunsthandel schwärmte. Wie oft schon hatte er angeblich Bilder in Millionenhöhe verscherbelt und ließ sich trotzdem von Jennifer aushalten, die schon während des Studiums einen Nebenjob in einem der renommiertesten Architekturbüros Berlins ergattert hatte. Damals vor siebzehn Jahren hatte Julia ihre bildhübsche und kluge Schwester glühend bewundert und auch beneidet – bis auf ihre Beziehung zu Jürgen. Einen solchen Aufschneider hätte Julia schon damals nicht mit spitzen Fingern angefasst. Gegen ihre Schwester fühlte sich Julia immer wie ein linkisches, pummeliges Kind. Sie war nicht nur fast zwei Köpfe größer als die zierliche Jennifer, sondern würde auch niemals in Kleidergröße 34 passen.
Julia stöhnte auf. Warum konnte sie nicht endlich aufhören, daran zu denken, dass sie sich neben Jennifer stets wie ein hässliches Entlein gefühlt hatte? An jenem Junitag vor siebzehn Jahren, da war dieser Komplex wie weggeblasen, weil sie sich geliebt fühlte von Noah, auf Händen getragen, verwöhnt wie eine Prinzessin. Ja, sie hatte sich so sicher gefühlt, dass sie die Gefahr verkannt hatte. Dabei hatte sogar ihre Mutter sie davor gewarnt. »Lass auf keinen Fall Jennifer dazukommen, wenn du deinen Doc triffst. Verrat ihr einfach nicht, dass er dich ins ›Jakob‹ eingeladen hat. Sag ihr, ihr geht sonst wohin, aber lass sie bitte nicht nachkommen. Ich kenne den Blick meiner Ältesten, wenn sie etwas haben will. Pass auf! Ich habe da so ein Bauchgefühl. Findest du es überhaupt nicht merkwürdig, dass sie unbedingt deinen Freund kennenlernen will?«
»Aber Susanne, sie hat doch Jürgen!«, hatte Julia damals energisch widersprochen. Ihre Mutter war eine esoterisch angehauchte Alternative, die öfter mal »so ein Bauchgefühl« hatte und es rigoros ablehnte, »Mutter« genannt zu werden.
Susanne hatte eine abschätzige Handbewegung gemacht. »Sie hängt zwar an diesem Arschloch wie eine Klette, aber ich schwöre dir, sie weiß auch, wo der Barthel seinen Most holt, und wenn da einer kommt, der ihr was bieten kann …«
»Susanne, das ist gemein, sie würde mir doch niemals den Freund ausspannen!«
Julia erinnerte sich noch heute daran, wie sie ihre Schwester voller Elan verteidigt hatte. Und dann hatte sie mit schmerzendem Herzen ansehen müssen, wie ihre Mutter recht behalten sollte.
Wie ein Werbespot lief der Film vor Julia ab: Noah nimmt gerade ihre Hand und will ihr etwas sagen. Ihr Herz klopft bis zum Hals. Möchte er sie etwa fragen, ob sie mit nach New York kommt, wenn er in zwei Monaten zurückgeht? Ja, jubiliert sie, ja, ich gehe mit ihm ans Ende der Welt! »Du weißt, ich fange in drei Monaten in den Hamptons in einer Klinik …« Ja, ja, er wird mich fragen, denkt sie noch, als er stockt und sein Blick zur Tür schweift. Er sieht aus wie jemand, der ein Wunder erblickt hat. Julia kann nicht sehen, was für eine Erscheinung er da hat, denn sie mag sich nicht umdrehen.
»Noah, du wolltest was sagen?«, versucht Julia, ihn in die Realität zurückzuholen. Ihm scheint es die Sprache verschlagen zu haben. Nun dreht sie sich doch um und erstarrt. Wie in Zeitlupe schwebt die zierliche Frau in ihrem knallroten Etuikleid auf ihren High Heels heran. Wie zufällig schüttelt sie ihr langes glattes pechschwarzes Haar. Und sie hat diesen gewissen Blick drauf, der Männern in Sekundenschnelle signalisieren kann: Ich will dich! Und ich habe dich schon! Und auch der Mund spielt mit, die Lippen sind leicht geschürzt … Julia hat oft vor dem Spiegel geübt, wenigstens einen Hauch dieser Laszivität zu erreichen. Vergebens. Bei ihr sieht es peinlich aus. Wie eine Karikatur. Julia schnürt es förmlich die Kehle zu. Jennifer fixiert Noah mit diesem Blick, als wäre er allein auf der Welt, aber verdammt, sie sitzt neben ihm und fühlt sich doch unsichtbar, als habe ihre Schwester sie weggezaubert. Bevor sie den Tisch erreicht, kommt die Wolke ihres Parfüms an, aber in perfekter Dosierung. Nicht zu schwer, nicht zu leicht.
Noah steht jetzt der Mund offen. Julia findet das ultrapeinlich, dass er wie ein sabbernder Rüde auf ihre Schwester reagiert. So wie die meisten Männer. Und sie hat gedacht, er wäre anders … Das ist der Moment, in dem sie resigniert und ihren Freund der Schwester überlässt. Julia hat das Gefühl, sie sei binnen Sekunden dreimal so dick geworden und in dem gepunkteten Kleid im Fünfzigerjahrestil, das sie eben noch wie eine Diva getragen hat, kommt sie sich jetzt vor wie in einem Putzkittel. Aber das ist ja auch egal, sie ist ja eh nicht mehr da. Wenn sie jetzt aufstehen und gehen würde, keiner würde es bemerken. Nein, so kann sie unmöglich den Kampf gegen diesen fleischgewordenen Traum der Männerherzen aufnehmen, geschweige denn gewinnen. Für den Bruchteil einer Sekunde hofft sie noch, dass Jennifer es nicht darauf anlegt, Noah für sich zu gewinnen, sondern die Schwesterliebe sie davon abhalten wird. Jennifer weiß doch, wie verliebt Julia in den Mediziner aus New York ist. Nein, das wird sie mir nicht antun, denkt sie noch. Eine Hoffnung, die sich in dem Augenblick, in dem Jennifer Noah ihre schmale Hand mit den sorgfältig lackierten Fingernägeln hinstreckt und ihn mit einem hinreißenden Lächeln begrüßt, in das große Nichts auflöst. »Was für eine Überraschung. Meine Schwester hat mir gar nicht erzählt, wie umwerfend attraktiv ihr neuer Freund ist.« Umwerfend attraktiv, wie blöd ist das denn, geht Julia durch den Kopf, wenn überhaupt, dann ist er rasend interessant. Aber Noah rutscht auf dieser Schleimspur aus.
»Das Kompliment kann ich zurückgeben. Sie hat mir die Existenz ihrer bezaubernden Schwester auch unterschlagen.« Er strahlt Jennifer in einer Intensität an, mit der er Julia noch nie angesehen hat.
Der Rest des Abends ist wie in eine Nebelwand gehüllt. Sie hört nur die Stimme ihrer Schwester gurren, flöten, säuseln. Und er hängt an ihren Lippen, beantwortet ihre vielen Fragen, die sie ihm zu seinem Leben stellt. Sie zeigt überbordendes Interesse daran und spricht in Superlativen: Großartig! Wie interessant! So spannend. Erzählen Sie mehr! Natürlich wäre es besser, sie würde wirklich aufstehen und gehen oder Noah auf den Kopf zusagen, dass er ein Trottel ist, weil er auf diese abgeschmackte Show reinfällt. Jennifer hat sich in ihrem ganzen Leben noch nie für Kardiologie interessiert, und jetzt tut sie so, als wäre das die Offenbarung schlechthin. Doch Julia rührt sich nicht vom Fleck. Sie glaubt, wenn sie das stoisch erträgt, wird noch alles gut. Vielleicht durchschaut er das ganze Theater auch und findet Jennifers Verhalten aufgesetzt. Er hat doch sonst ein gutes Gespür für Menschen …
Julia merkte erst in diesem Augenblick, dass sie Noahs Brief in ihrer Hand zusammengeknüllt hatte. Nein, mein Lieber, ging ihr wütend durch den Kopf, ich denke nicht daran, dir dabei zu helfen, ihren Tod zu verwinden.
Julia lag immer noch auf Jans ungemachtem Bett und stierte die Decke an. Sie hatte Mühe, sich wieder auf ihr Leben und vor allem auf ihre Probleme zu konzentrieren. Was sollte bloß werden ohne Job, ohne Geld und ohne ein Dach über dem Kopf?
Ihre Gedanken schweiften zu Susanne. Nicht einmal ihre Mutter konnte sie um Hilfe bitten, denn die hatte schon vor Jahren alles verkauft und lebte nun auf einer Finca auf La Gomera, wo sie meditierte und nach Erleuchtung strebte.
Ein Klopfen an der Tür riss sie aus ihren Gedanken. Pitschi steckte seinen Zottelkopf ins Zimmer. »Kommst du zum Essen? Die Nudel ist fertig.«
Sie suchte nach Ausreden, warum ihr der Sinn gerade nicht nach einem WG-Nudelessen stand, aber Pitschi kam auf sie zu und zog sie förmlich vom Bett.
»Du musst essen«, sagte er streng. Sie folgte ihm zögernd in die Küche. Dort wurde sie mit großem Hallo begrüßt.
»Dich hat der Typ also auch verarscht«, seufzte Maika. »Bei mir waren es ja nur fünfhundert Mäuse, aber hast du ihm nicht richtig viel Kies geliehen?«
»Alles, was ich hatte«, erwiderte Julia trocken und setzte sich auf den freien Stuhl zwischen Christoph und Pitschi.
Pitschi füllte ihr den Teller randvoll mit verkochten Spaghetti und Tomatensoße. Jetzt erst entdeckte sie an Christophs Seite eine Frau, die sie noch nie zuvor gesehen hatte, aber das war bei dem Rockmusiker nichts Besonderes. Er brachte immer stets wechselnde Groupies von seinen Auftritten mit.
»Julia wird ein paar Tage bei uns wohnen. In Jans Zimmer«, verkündete Pitschi.
»Was heißt das?«, fragte Christoph in scharfem Ton.
»Na, bis sie eine neue Wohnung hat!«
»Sorry, aber das geht nicht. Jans Zimmer kriegt Caren.« Er deutete auf die Blondine an seiner Seite.
»Kann die nicht erst mal bei dir schlafen?«, fragte Pitschi.
»Nee, wir haben nix miteinander. Wir haben uns nach dem Konzert kennengelernt, und sie sucht ein WG-Zimmer. Sie kommt aus Sydney und will ein Jahr Berlin machen. Und wir suchen doch einen Nachmieter, oder willst du da ganz einziehen?« Er musterte Julia prüfend.
Sie schüttelte den Kopf. »Nur für ein paar Tage.«
»Sorry, das geht nicht«, entgegnete Christoph.
»Und ob das geht, ich habe das Zimmer Julia überlassen, solange sie es braucht.«
»Sorry, das läuft aber nicht ohne Absprache.« Er wandte sich an Julia. »Sorry, Julia, ist nichts gegen dich, aber du hast doch so eine geile Butze. Hat Jan immer gesagt …«
Julia zog es vor zu schweigen. Sollte sie etwa an diesem fremden WG-Tisch ihre geballten Probleme ausbreiten?
»Schon gut. Nur diese eine Nacht«, bat sie leise.
»Also, Chris, das finde ich jetzt nicht in Ordnung«, protestierte Pitschi, doch da war Julia bereits vom Tisch aufgesprungen. »Morgen bin ich weg!« Mit diesen Worten verließ sie die Küche, ohne einen Bissen angerührt zu haben, und ließ sich im Zimmer gleich wieder auf das Bett fallen. Gedankenverloren nahm sie den zerknüllten Brief in die Hand und las ihn noch einmal.
Plötzlich kam ihr ein verwegener Gedanke. Da stand die Lösung für alle ihre Probleme schwarz auf weiß geschrieben: Job, Geld und ein Dach über dem Kopf!
Soll ich diese Chance wirklich sausen lassen, weil ich eine Kränkung, die siebzehn Jahre zurückliegt, nicht überwinden kann?, fragte sie sich und stöhnte laut auf. Habe ich denn überhaupt eine andere Wahl? Auf einen neuen festen Job in Berlin durfte sie jedenfalls nicht so bald hoffen. Jetzt ging es um ihr Überleben und nicht darum, wie sie den Verlust Noahs je verschmerzen sollte. Kaum hatte Julia diesen Gedanken zu Ende geführt, als sie sich dafür schämte, dass sie im Zusammenhang mit dem Verlust an ihn dachte und nicht an ihre Schwester. Jennifer ist tot, die alte Sache erledigt, ich muss endlich die Verletzung loslassen, sagte sie sich entschieden. Ich muss es tun, und vielleicht ist es gut, wenn ich ihm noch einmal begegne, fügte sie in Gedanken hinzu, vielleicht trauere ich die ganze Zeit einer Chimäre hinterher …
Julia nahm kurz entschlossen ihren Laptop zur Hand und gab Flüge nach New York ein. Ihr Herzschlag beschleunigte sich, als sie die konkreten Daten auf dem Bildschirm sah: 22. Juli 13:00 TXL, 15:40 JFK. Und den Preis: 1190 Euro!
Aber wo sollte sie bis morgen über 1000 Euro hernehmen? Resigniert wechselte sie in ihren Online-Account bei der Bank und war fest davon überzeugt, dass sie bereits im Minus war. Als sie die schwarze Zahl auf dem Monitor sah, rieb sie sich erstaunt die Augen. 2300 Euro. Dann fiel ihr ein, dass ihr der Verlag noch etwas geschuldet hatte. Offenbar hatte Max dafür gesorgt, dass man es ihr umgehend überwiesen hatte.
Aber ich kann doch nicht einfach morgen schon in New York auftauchen, nachdem ich Noah jahrelang mit billigen Ausreden abgespeist habe, um mich vor einem Besuch bei ihm zu drücken, sagte sie sich. Das kann ich eigentlich nicht, aber ich muss!
Ihr Herz pochte ihr bis zum Hals, als sie seine alte E-Mail-Adresse eingab. Hoffentlich stimmt sie noch, dachte sie, während sie ihm ein paar knappe Zeilen schrieb.
Nehme dein Angebot an. Bin morgen um 15:40 am JFK.
Wenn dir das nicht zu spontan ist, schreibe mir, damit ich den Flug buchen kann. Julia
Ihre Hand zitterte leicht, als sie auf Absenden drückte. In dem Moment flogen sie die Zweifel wie ein aufgeschreckter Wespenschwarm an. Das halte ich nicht aus, dachte sie, nein, ich muss eine andere Lösung finden, hämmerte es in ihrem Kopf.
Welche Alternativen gibt es denn?, fragte sie sich angestrengt, nachdem dieser emotionale innere Ausbruch vorüber war.
Es wollte ihr partout nichts dazu einfallen, sodass sie sich noch einmal in die Flugdaten einloggte, um sich zu vergewissern, ob auf der Maschine überhaupt noch Plätze frei waren. Daran hatte sie nämlich noch keinen Gedanken verschwendet. Dass es schlichtweg zu kurzfristig war.
Ihr Atem stockte, als sie feststellte, dass es nur noch einen einzigen freien Platz auf der Maschine gab. Das kann doch kein Zufall sein, dachte sie, während sie alles auf eine Karte setzte und buchte. Aber dann fiel ihr Blick auf die verschärften Einreisebedingungen, die für die USA galten. Normalerweise würde sie weder einen bordeauxroten Pass noch eine ESTA-Einreiseerlaubnis besitzen, aber da sie im letzten Jahr eigentlich für eine Reportage nach New York hatte fliegen sollen, die sie aber ein paar Tage zuvor panisch abgesagt hatte, brauchte sie nur die Flugdaten auf einer Internetseite einzutragen. Sie hoffte, dass man ihr die Einreise nicht verweigerte, weil sie ihre Angaben weniger als 72 Stunden vor dem Abflug machte, aber da man ihre Angaben ja bereits gründlich durchgecheckt hatte, würde man ihr das vielleicht problemlos durchgehen lassen. Und dann musste sie nur noch ihren Pass aus Heikes Wohnung holen.
Doch was nützte es ihr, wenn sie morgen in die USA würde einreisen dürfen und Noah nichts von ihrem spontanen Entschluss erfuhr? Die nächsten Stunden starrte sie wie gebannt auf ihren Maileingang. Was, wenn Noah nicht reagierte, wenn diese Adresse doch schon veraltet war? Zur Not besaß sie noch seine Telefonnummer in den Hamptons, aber seine Stimme nach so vielen Jahren zu hören, das war ihr einfach noch zu viel. Sie brauchte noch ein wenig Zeit, um sich auf die veränderte Sachlage einzustellen. Mindestens eine Nacht und einen Atlantikflug würde sie noch benötigen, um zu begreifen, was sie da gerade in die Wege leitete. Das spürte Julia in jeder Pore. Sie war noch nicht so weit, fröhlich mit ihm am Telefon zu plaudern. Sie nahm sich vor, bis zum nächsten Morgen zu warten. Wenn sie bis dahin keine Nachricht von ihm erhalten hatte, dann würde sie wohl oder übel zum Telefon greifen müssen.
Julia nutzte die Zeit, um aus der Tasche die Sachen auszusortieren, die sie nicht mit nach New York nehmen wollte. Es blieb nicht viel übrig, denn sie hatte in der Hektik überwiegend Kleidungsstücke eingepackt, die nicht zu einer Reise nach New York passten. Shorts zum Beispiel und das Sido-T-Shirt mit der Aufschrift: Hammer Fett Bombe Krass. Auch das hatte sie gerade neulich in der Zeitung gelesen, dass Fluggästen mit solchen Kleidungsstücken auch gern mal der Zutritt zum Flieger verweigert wurde. Sie stellte fest, dass sie überhaupt keine Kleider mitgenommen hatte, und nahm sich vor, morgen in aller Frühe in die Wohnung zu fahren und dort richtig zu packen. Wenn sie Glück hatte, dann war Heike bereits zum Frühdienst in die Klinik gegangen und würde sie nicht in eine Diskussion verwickeln, weil Julia unter den jetzigen Umständen gezwungen war, in ihrem Zimmer alles so zurückzulassen, wie es war. Aber sie nahm sich vor, ihr einen versöhnlichen Brief auf dem Küchentisch zu hinterlassen mit der Nachricht, dass sie überraschend zu einer Recherchereise hatte aufbrechen müssen. Heike ahnte noch nicht, dass Julia nicht mehr bei der Zeitung arbeitete. Natürlich würde sie sich lieber am Flughafen neu einkleiden, aber das verbliebene Geld wollte sie auf keinen Fall für Kleidung aus der Hand geben. Was, wenn sie, kaum dass sie in New York angekommen war, ihren Entschluss bitter bereute? Dann hatte sie immer noch das Geld in der Hinterhand, um sich einen billigen Stand-by-Flug nach Madrid zu besorgen und von dort nach La Gomera zu reisen, um ihrer Mutter bei der Selbstfindung Gesellschaft zu leisten. Aber das war wirklich nur das Notszenario. Sie hatte ihre Mutter schon mehrmals dort besucht und keinerlei Schwingungen gespürt. Nein, das war nicht ihre Welt, aber trotzdem brauchte sie diese Reserve für ihr Gefühl, dass es immer noch ein Zurück gab.
Zu guter Letzt schloss Julia noch eine Auslandskrankenversicherung ab. Sie war nicht besonders ängstlich oder beschwor auch keine Katastrophen herauf, aber in solchen Dingen war sie sehr umsichtig.
Sie stellte sich den Wecker auf ihrem Handy, zog sich bis auf Slip und das T-Shirt aus und versuchte zu schlafen. Nachdem sie sich eine ganze Weile von einer Seite zur anderen gewälzt hatte, schlief sie ein und erwachte schließlich aus einem schrecklichen Albtraum: Sie fiel von einem hohen Turm in die Tiefe, doch kurz vor dem Aufprall schlug sie die Augen auf. Sie war völlig verschwitzt, und ihr Herz pochte bis zum Hals. Ein Blick auf ihr Handy zeigte ihr, dass es fünf Uhr morgens war. An Einschlafen war nicht mehr zu denken. Ein letztes Mal quälten sie Zweifel, ob sie das Richtige tat, aber nun gab es kein Zurück mehr. Mit immer noch pochendem Herzen warf sie einen Blick in ihren Maileingang auf dem Laptop. Ihr Atem stockte, als sie Noahs Antwort auf ihre Nachricht öffnete.
Ach, Julia, du glaubst gar nicht, wie glücklich du mich machst. Hole dich am JFK ab. Rechne mal locker mindestens anderthalb Stunden für die Einreiseformalitäten ein. Ruf mich an, wenn du abschätzen kannst, wie lang die Schlangen sein werden und damit die Wartezeit. Ich stehe dann oben vor dem Terminal 8, da darf man direkt davor kurz halten. Ich kann es gar nicht mehr erwarten, dich in meine Arme zu schließen und endlich mit dir zu reden. Noah
Ja, ja, dachte sie bitter, und dann gedenken wir gemeinsam meiner unvergleichlichen Schwester. Wahrscheinlich würde er mit ihr weinselig über alten Alben sitzen wollen und bei jedem Foto gerührt ausrufen: Ist sie nicht schön!
Keine Frage, Jennifer war eine der schönsten Frauen, die sie je gekannt hatte. Entschieden stand sie auf. Es half alles nichts: Diesen Preis würde sie dafür zahlen müssen, dass sie wieder eine Zukunft, und wenn auch nur eine auf Zeit, hatte. Schließlich wollte sie nur so lange in New York bleiben, bis sie wieder so viel Geld angespart hatte, dass sie nach Berlin zurückkehren und sich mit einem anständigen Dach über dem Kopf um einen neuen Job bemühen konnte.
Sie schrieb ihm in knappen Worten zurück und mailte ihm ihre Handynummer, falls der Flieger Verspätung hatte oder sie einander aus irgendeinem Grund verpassten.
Julia atmete ein paarmal tief durch. Eigentlich blieb ihr doch genügend Zeit, sich seelisch darauf vorzubereiten, ihn wiederzusehen und sich dann nicht das Geringste anmerken zu lassen. Ja, sie würde das nur überstehen, wenn sie ihm auch nicht den allerkleinsten Einblick in ihre wahren Gefühle gewährte! Und vielleicht gehörte der Zauber ohnehin der Vergangenheit an, wenn sie ihn erst wiedersah. Siebzehn Jahre waren eine verdammt lange Zeit, und Menschen veränderten sich. Schließlich war sie ja auch nicht mehr das schwer verliebte und zutiefst verletzte Ding, das sie mit achtzehn einmal gewesen war.

Mia Löw

Über Mia Löw

Biografie

Mia Löw hat Jura und Germanistik studiert und als Anwältin und Regieassistentin am Theater gearbeitet. Heute schreibt sie (unter anderem unter Pseudonym) erfolgreiche Neuseelandsagas, Familiengeheimnis- und Liebesromane. Sie lebt mit ihrer Familie und Hund in Hamburg.

Kommentare zum Buch

Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden