Lieferung innerhalb 2-3 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Das Haus an der Montego Bay

Das Haus an der Montego Bay

Roman

E-Book
€ 9,99
€ 9,99 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
In den Warenkorb
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Das Haus an der Montego Bay — Inhalt

1885, Montego Bay, Jamaika: Valerie, die bei ihrer Großmutter lebt, ist verzweifelt: Sie darf ihren Liebsten nicht heiraten, weil den zukünftigen Schwiegereltern ihre Hautfarbe zu dunkel ist. Als Valerie immer mehr Anfeindungen ausgesetzt wird, weiht ihre Großmutter sie in ein altes Familiengeheimnis ein. Die schicksalhafte Geschichte einer verbotenen Liebe zwischen zwei Welten – Flensburg und Montego Bay …

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 17.02.2014
496 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-98052-4

Leseprobe zu »Das Haus an der Montego Bay«

Für Margaret Dugdall, meine Mum,
die Geschichten erzählt, wie andere Leute atmen,
und mir gezeigt hat, dass man selbst die schmerzlichsten
Begebenheiten schön erzählen kann.
In Liebe und Dankbarkeit.

Früher

1.

Lautlos trete ich über die Schwelle und lausche der Stille des Hauses. In dieser Stunde, zwischen drei und vier Uhr nachts, wenn die Menschen tief und fest schlafen, wirkt die Küche größer und leerer als bei Tageslicht. Anders. Nein, ich fühle mich anders, denn diesmal nehme ich Abschied.
Ganz leicht liegt Emmas Duft noch in der Luft, das Parfum, [...]

weiterlesen

Für Margaret Dugdall, meine Mum,
die Geschichten erzählt, wie andere Leute atmen,
und mir gezeigt hat, dass man selbst die schmerzlichsten
Begebenheiten schön erzählen kann.
In Liebe und Dankbarkeit.

Früher

1.

Lautlos trete ich über die Schwelle und lausche der Stille des Hauses. In dieser Stunde, zwischen drei und vier Uhr nachts, wenn die Menschen tief und fest schlafen, wirkt die Küche größer und leerer als bei Tageslicht. Anders. Nein, ich fühle mich anders, denn diesmal nehme ich Abschied.
Ganz leicht liegt Emmas Duft noch in der Luft, das Parfum, das nach frischen Äpfeln riecht. Im Regal steht das Holzkistchen mit den verschiedenen Tees. Ich werde nie mehr beobachten können, wie sie sich darüberbeugt und ihr Haar wie ein Vorhang herabfällt, wie sie es zurückstreicht, während sie überlegt, welchen Tee sie trinken möchte. Auch Luke werde ich nie wiedersehen, das hat sie mir deutlich gesagt.
Mein Blick streift das große Bild an der Wand. Ein Druck, der den Eiffelturm zeigt, denn dort hat sie mit ihrem ersten Ehemann die Flitterwochen verbracht. Auf der Arbeitsplatte sind schmutzige Teller und Besteck, an dem die vertrockneten Reste ihrer letzten Mahlzeit kleben. Ich dachte immer, sie wäre so ordentlich, aber im Grunde habe ich sie gar nicht richtig gekannt. Nicht so, wie du es getan hast.
Ich durchquere die Küche bis zu dem großen Esszimmer, ganz langsam, denn ich möchte nicht, dass mir etwas entgeht. Alles will ich mir einprägen. Dort haben wir gesessen, Emma und ich, hatten die Hände um unsere warmen Teebecher gelegt. Die rote Farbe der Wände merke ich mir ebenso wie das weiße Fichtenholz des Fenstersitzes. Auf dem Tisch liegen eine Packung Silk-Cut-Zigaretten und ein Streichholzbriefchen. Angeblich hat Emma das Rauchen aufgegeben, aber der Tag heute hatte es in sich.
Mein Blick wandert weiter. Ich sehe mich in dem kleinen Spiegel an der Wand und erschrecke über das, was mein Gesicht verrät: Auf meinen Wangen brennen rote Flecke, und meine Augen wirken beinahe schwarz. Ich trete näher. Meine Pupillen sind extrem geweitet. Aufgeregt wirke ich, wenn nicht sogar erregt.
Kurz beginnt mein Herz zu rasen, und meine Hände werden feucht. Das muss der nervöse Kitzel sein, der Einbrecher befällt. Nur dass ich nichts stehlen werde. Emma ist die Diebin, nicht ich. Das Einzige, was ich aus diesem Haus jemals entwendet habe, ist der Schlüssel für die Hintertür, den ich heimlich habe nachmachen lassen, ehe ich ihn wieder an seinen Haken gehängt habe.
Leise steige ich die Treppe hoch und meide jene Stellen, von denen ich weiß, dass sie unter meinem Gewicht knarren. Nachtlichter brennen auf dem oberen Flur, und Emmas Tür steht ein Stück weit offen. Ich spähe in ihr Schlafzimmer. Die Vorhänge sind zurückgezogen, der Mond ist groß und rund.
Emma schläft auf der Fensterseite und hat die Decke bis zum Kinn hochgezogen. Neben ihr liegt der schwere Körper eines Mannes unter der Bettdecke verborgen: Dominic. Ich betrete das Schlafzimmer und schleiche mich näher. Wie ein Fötus hat sie sich eingerollt. Ich betrachte ihr perfektes Ohr, die Wange, das blonde Haar, das in dem dämmrigen Licht aschfarben wirkt, und frage mich, ob ich sie berühren könnte, ohne dass sie aufwacht. Nur noch wenige Zentimeter trennen mich von ihr.
Sie wälzt sich herum, und ich erstarre. Doch dann wird mir klar, dass sie sich nur in einem unruhigen Traum bewegt. Ihr Gesicht ist mir halb zugewandt. Ich erkenne die steile Falte auf ihrer Stirn und die verkniffenen Lippen. Habe ich das bewirkt, oder liegt die Schuld dafür bei dir?
Ich kehre zurück in den Flur, tappe weiter zum Kinderzimmer und schlüpfe durch die halb geöffnete Tür. In dem kleinen Zimmer schläft das wunderschöne Baby in seinem Bettchen. Es ist ein Junge. Er liegt auf dem Rücken, als hätte er sich ergeben, die kleinen Fäuste auf der Wolldecke, das Gesicht friedlich entspannt. Weiche Haut hat er und dicke Pausbäckchen. Sonst schaue ich ihm immer beim Schlafen zu, doch heute Nacht genügt es mir nicht.
Luke ist meinen Griff und meinen Geruch gewohnt. Er regt sich, als ich ihn hochhebe. In dem Augenblick glaube ich, im Nebenzimmer eine Stimme zu hören, und halte inne. Jetzt ist es wieder still. Lukes Körper ist mir vertraut. Ich wiege ihn, lege einen Arm unter seinen Rücken und die freie Hand auf seinen Schenkel, so wie man es machen muss. Ganz ruhig liegt er da und schmiegt den Kopf an meine Brust.
Ich liebe ihn, liebe ihn unbändig.
Wieder höre ich einen Laut im Nebenzimmer. Wie erstarrt stehe ich da und warte. Der Laut wird zu einem Flüstern und dann zu Stöhnen. Ein Bett stößt rhythmisch gegen die Wand. Behutsam, um ihn nicht zu wecken, lege ich Luke zurück in sein Bettchen und verlasse den Raum. Als ich an dem Schlafzimmer vorüberkomme, wird Emmas Stöhnen lauter, und sie keucht: »Ja, ja, ja, ja, ja.«

2.

Ein lautes Klopfen an der Vordertür reißt mich aus dem Schlaf. Ich denke, hoffe, dass du es bist, aber es ist die Polizei. Sie sind gekommen, um mich zu holen. Wir wissen, dass Sie in dem Haus waren, sagen sie. Es hat dort gebrannt, sagen sie. Dann teilen sie mir mit, dass Luke tot ist, und mir fehlt die Luft zum Atmen. Sie möchten, dass ich ihnen bei ihren Nachforschungen behilflich bin, und ich willige ein.

Ein Polizist führt mich eine Treppe hinunter und sperrt mich in eine Zelle. Die Wände sind grau gestrichen, die Pritsche ist an der Wand befestigt. Kurz darauf öffnet sich die Tür, und ein Mann tritt ein. Er hat schütteres Haar und trägt ein kurzärmeliges Hemd. Seine Arme sind von der Sonne verbrannt, die Haut schält sich.
»Mein Name ist Mike Hogg«, stellt er sich vor. »Ich bin Ihr Pflichtverteidiger.«
Er setzt sich nicht. Ohne mich anzusehen, macht er sich auf einem Block Notizen. Wichtige Dinge fragt er mich nicht, nur ob ich selbstmordgefährdet und ob ich hungrig sei. Ich frage ihn, ob es wahr sei, ob Luke tatsächlich tot ist. Er sagt, ja, doch darüber sollten wir besser nicht reden.
Als Nächstes kommt ein uniformierter Polizist herein und führt mich in den Vernehmungsraum, der klein und düster ist, denn die Fenster sind hoch oben unter der Decke. Der Holztisch sieht aus, als gehöre er in eine Schule. Dahinter sitzt ein anderer Polizist, im Anzug statt in Uniform. Er zieht eine schwarze Diskette aus der Hülle und schiebt sie in das Aufnahmegerät. Er unterhält sich mit Mr Hogg, der sich neben mich setzt. Die beiden fragen sich gegenseitig, wie es ihren Ehefrauen gehe. Anscheinend ist das hier für sie so normal und alltäglich, dass ihnen mein Zittern gar nicht auffällt. Mr Hogg erzählt dem Polizisten von seinem Urlaub in Griechenland und wie sein Sohn gelernt hat, im Meer zu schwimmen.
Ich fühle mich beklommen und konfus. Wie können sie über einen Urlaub sprechen, wenn gerade erst ein Baby gestorben ist? Es kostet mich große Kraft, auf dem Stuhl sitzen zu bleiben, denn ich bin kurz davor zusammenzubrechen. Ich bin todmüde und fühle mich so schwer und dumpf, als hätte sich mein Gehirn ausgeschaltet. Luke, das ist das Einzige, woran ich denken kann.
Zu guter Letzt machen sie sich bereit. Der Polizist lehnt sich zurück. Aus der Innentasche seines Jacketts zieht er eine Packung Zigaretten hervor, eine goldene Schachtel, die er zuerst Mr Hogg zeigt und dann mir anbietet. »Hier herrscht leider Rauchverbot, aber wenn Sie möchten, können Sie sich eine für später mitnehmen.«
»Nein, danke.«
»Ach, richtig, falsche Marke. Sie rauchen ja nur Silk Cut.«
In einem verborgenen Winkel meines Gehirns erahne ich, worauf er hinauswill.
Er drückt die Aufnahmetaste des Geräts, und ein rotes Lämpchen leuchtet auf. Er spricht langsam und bedächtig. »Ich bin Sergeant West. Mit mir im Raum befinden sich …«
»Mike Hogg, Pflichtverteidiger.«
West zeigt auf mich, und ich sage: »Rose Wilks.«
»Ich habe Miss Wilks über ihre Rechte belehrt. Die Vernehmung beginnt heute, Sonntag, den sechsten Juni, um elf Uhr sechsundzwanzig. Also, Miss Wilks, können Sie mir sagen, wann Sie zuletzt im Haus von Emma und Dominic Hatcher waren?«
»Gestern.«
»Für das Protokoll, gestern war Samstag, der fünfte Juni. Und was haben Sie dort getan?«
»Ich habe Luke gehütet.« Der Name des Kleinen bleibt mir im Hals stecken, und ich umklammere die Kanten meines Stuhls, um gegen das Zittern meiner Hände anzugehen.
»In welcher Beziehung standen Sie zur Familie Hatcher?«
»Wir sind Freunde. Luke ist … war … für mich wie ein Sohn. Ich habe oft auf ihn aufgepasst. Emma ist meine Freundin.«
»Aha. Um wie viel Uhr haben Sie das Haus der Familie Hatcher am Samstag verlassen?«
»Als sie von ihrem Ausflug aus Southwold wiederkamen. Sie waren früher als angekündigt zurück, so gegen vier Uhr nachmittags.«
»Sind Sie an dem Abend noch einmal dorthin gegangen?«
»Nein.«
»Könnten Sie das für die Aufnahme bitte in einem ganzen Satz sagen?«
»Nein, ich bin an dem Abend nicht mehr dorthin gegangen.«
»Sind Sie sich dessen absolut sicher? Waren Sie nicht doch noch mal im Haus? Bitte, überlegen Sie sich genau, was Sie sagen. Alles, was Sie jetzt bestreiten und zu einem späteren Zeitpunkt zugeben, wird vor Gericht gegen Sie verwendet werden.«
»Ich bin frühmorgens noch einmal dort gewesen. Gegen drei Uhr.«
Der Unterkiefer von Sergeant West entspannt sich. Mit dieser Aussage hat er offenbar nicht gerechnet. Auf seinen Lippen deutet sich ein Lächeln an.
Mr Hogg verlagert sein Gewicht. »Ich möchte die Vernehmung kurz unterbrechen und mit Rose unter vier Augen sprechen.«
Sergeant West wirft ihm einen abfälligen Blick zu. Mit dem einvernehmlichen Geplauder von vorhin ist es anscheinend vorbei. Aber ich will mit Mr Hogg nicht unter vier Augen sprechen. Ich möchte die Wahrheit sagen und konzentriere mich voll und ganz auf das Gerät, das meine Worte einfängt. Sie sollen für alle Zeiten in diesem Plastikgehäuse gefangen sein.
»Ich bin gegen drei Uhr heute Morgen ins Haus zurückgekehrt, um Luke noch einmal zu sehen.«
»Rose«, unterbricht Mr Hogg mich. »Ich halte das wirklich nicht für …«
Sergeant West geht über seinen Einwurf hinweg. »Wie sind Sie ins Haus gelangt?«
Ich spüre das warme Stück Metall an meiner Halskette. Mein kostbarer Schlüssel.
»Die Hintertür war unverschlossen. Mit solchen Dingen nimmt Emma es nicht so genau.«
»Waren Sie in Lukes Zimmer?«
»Ja.«
»Haben Sie sich dort eine Zigarette angesteckt?«
»Nein! In der Nähe des Jungen rauche ich nie.«
»Haben Sie beim Verlassen des Hauses eine Zigarette fallen lassen? Die dann den Brand ausgelöst hat?«
»Nein!«
»Ich frage Sie noch einmal: Haben Sie sich im Haus der Familie Hatcher eine Zigarette angezündet?«
»Nein, das habe ich nicht getan.«
»Der Brand wurde durch eine Zigarette verursacht, und Sie geben zu, in den frühen Morgenstunden im Haus gewesen zu sein.«
»Emma raucht. Es wird ihre Zigarette gewesen sein. Sie war wach, als ich gegangen bin. Sie hatte Sex mit ihrem Ehemann.«
Sergeant West betrachtet mich mit einem Ausdruck unverhohlener Verachtung. »Mrs Hatcher war vergangene Nacht allein. Ihr Ehemann hat woanders übernachtet. Sie war allein und hat geschlafen, und Sie waren in ihrem Haus, bei ihrem Sohn, der kurz darauf aufgrund eines Brandes umgekommen ist. Haben Sie dafür eine Erklärung?«
Ich schließe die Augen. Heiße Tränen brennen unter meinen Lidern.
»Rose Wilks, haben Sie im Zimmer von Luke Hatcher einen Brand verursacht?« Sergeant West spricht jedes Wort ganz langsam aus und betont die einzelnen Silben.
Mr Hogg rutscht nervös auf seinem Stuhl herum.
Ich sammele all meine Kraft, beuge mich vor und flüstere in das Aufnahmegerät, als gälten meine Worte nur ihm. Mein Mund berührt das Plastikgehäuse: »Nein.« Doch dann kann ich mich nicht mehr zurückhalten, denn ich bin müde, und Luke ist tot, und das ertrage ich nicht. »Nein«, flüstere ich. »Nein, nein, nein, nein!«

3.

Es ist Montag. Die letzte Nacht habe ich in einer Zelle auf dem Polizeirevier verbracht. Heute Morgen hat der Richter gegen meine Freilassung auf Kaution entschieden, deshalb muss ich jetzt erst mal in Untersuchungshaft. Ein Wachmann führt mich in einen weißen Van. Er legt mir in einem winzigen Abteil Handschellen an und kettet mich an der Wand fest. Vor einigen Jahren haben Demonstranten den Hafen von Felixstowe blockiert und gegen die Art und Weise protestiert, wie Schlachtvieh transportiert wird. Gegen den Transport von Gefangenen protestiert niemand.
Mir ist übel. Wenn ich nicht selbst Auto fahre, wird mir häufig schlecht, und jetzt sitze ich mit dem Rücken zum Fenster und starre auf eine Wand. Hinausschauen kann ich nur, wenn ich den Kopf drehe. Irgendjemand sitzt in dem Abteil nebenan, aber ich erkenne nur die Spitze eines Kopfes, brünettes Haar, dicht und gewellt. Wohin wir fahren, hat mir niemand gesagt.
Die Fahrt dauert ewig, und meine Übelkeit will nicht nachlassen. Es gibt weder etwas zu trinken, noch wird irgendwo angehalten, damit wir die Toilette benutzen können. Ich bin völlig erschöpft, denn seit zwei Tagen habe ich nicht mehr geschlafen. Ich will zu Luke, sehne mich schmerzlich nach ihm.
Nach einer Stunde wird der Van langsamer. Vor uns öffnen sich Tore, durch die wir hindurchfahren. Als wir anhalten, höre ich Frauenstimmen. Ihr Akzent klingt nach Essex. Der Gefangene neben mir darf aussteigen. Dann wird die Tür wieder zugeknallt, und wir fahren weiter.
Der Wachmann hinten im Van schläft. Ich höre, wie er schnarcht und das Brummen des Motors. Draußen ziehen Tankstellen und Autobahnraststätten vorüber. Ich bin so müde, dass ich einnicke. Als ich wach werde, steht der Van, und der Wachmann öffnet die Tür.
Eine Stimme ruft: »Nur eine?« Dann zerrt mich eine stämmige Beamtin ins Freie. Sie hat ein Klemmbrett in der Hand, wie eine Reiseleiterin, aber sie lächelt nicht. »Wilks?«
»Ja.«
Die Frau macht einen Haken auf der Liste an ihrem Klemmbrett und löst meine Fesseln. Meine Handgelenke sind aufgeschürft. Ich betaste die geröteten Stellen. Von irgendwoher weht der ranzige Geruch verfaulenden Abfalls herüber.
»Willkommen in Holloway«, sagt sie.
Ich werde zu krankenhausgrünen Trennwänden dirigiert, hinter denen bereits eine Frau in Unterwäsche steht. Eine Beamtin inspiziert gerade ihre Haare. Die Frau legt ihre Armbanduhr und ihren Schmuck in eine Plastikschale. Ich denke an meinen Schlüssel und weiß, dass ich mich von ihm nicht trennen kann. Er ist das Einzige, was mir geblieben ist, jetzt, da Luke tot ist. Das Einzige, was mich mit ihm verbindet.
»Könnte ich bitte kurz auf die Toilette gehen?«
»Da entlang. Aber lassen Sie die Tür offen.«
Die Beamtin bleibt im Flur vor der Toilette stehen und redet mit jemandem. Rasch löse ich den Schlüssel von meiner Kette, lasse die Jeans herunter und hocke mich auf die Toilette.
Ich darf nicht aufgeben. Das würde Luke nicht wollen. Die Beamtin verstummt und kommt auf mich zu. Ich schiebe den Schlüssel in meine Vagina und winde mich vor Schmerz, ehe er sitzt. Dann ziehe ich die Jeans wieder hoch. Die Beamtin steht jetzt direkt vor mir.
»Bisschen schneller, Wilks. Ich hab auch noch was anderes zu tun.«
Ich folge ihr zurück zu den grünen Trennwänden.
»Ziehen Sie sich aus, und legen Sie die Kleidungsstücke auf den Stuhl. Schmuck in die Schale.«
Ich streife mein T-Shirt ab, knöpfe die Jeans auf und ziehe sie aus. Fröstelnd lege ich Ohrringe und Armbanduhr ab.
»Auch die Unterwäsche«, sagt sie. »Na los, ich hab nicht den ganzen Tag Zeit.«
Ich hake den Büstenhalter auf und lege ihn ebenfalls ab. Meine Brüste sind groß, die Milch lässt sie anschwellen, und die Venen treten hervor. Der Blick der Beamtin bleibt daran haften. Ich beuge mich vor, ziehe die Unterhose aus und falte sie in der Mitte zusammen. Seit zwei Tagen habe ich weder die Unterwäsche gewechselt noch geduscht. Ich fühle mich schmutzig.
Sie schnappt sich meine Unterhose, schüttelt sie auf und fährt mit einem Finger an den Säumen entlang. Dann nimmt sie meinen Büstenhalter und betastet die Körbchen, ehe sie den Rest meiner Kleidung inspiziert. Dann zieht sie sich Handschuhe über, greift mir fest in die Haare, zerrt daran und begutachtet sie. Ich bin größer als sie, weshalb ich mich vorbeugen muss, bis mein Rücken anfängt zu schmerzen.
»Ich habe keine Läuse.«
»Nach denen suche ich auch nicht.«
»Mund auf.« Mit einem Finger fährt sie mir kreisförmig durch den Mund. Ich muss würgen wegen des Gummis.
»Betrachten Sie sich als selbstmordgefährdet?«
»Nein.«
Sie mustert mich von Kopf bis Fuß. Ich drücke die Schenkel zusammen und hoffe, dass die Qual bald vorüber ist. Dass sie keine weiteren Körperöffnungen untersucht. Sie wirft einen Blick auf die Uhr an der Wand.
»Okay, ziehen Sie sich wieder an. Zeit, Sie einzuschließen.«

Ich folge der Beamtin durch mehrere Türen und Flure. Eine Zellentür steht offen und gibt den Blick auf zwei Metallpritschen und ein Waschbecken frei. Ich erkenne eine silbrige Toilette, die nur halb von einer schmalen Trennwand abgeschirmt wird. Auf einer der Pritschen liegt eine Frau, die mit Wachsmalstiften zeichnet. Ihr Lächeln ist breit, der Blick benommen oder schläfrig.
Die Beamtin wirft ein dünnes Handtuch und ein Laken auf das freie Lager. »Ich hole Ihnen was zu essen, aber mehr als Reste gibt’s jetzt nicht mehr.« Sie knallt die Tür hinter sich zu und schließt mich ein.
Ich stehe mitten in der kleinen Zelle. Meine Hände zittern. Die andere Frau starrt mich an. Sie hat mausbraunes Haar und graue Augen. Auf ihrem Schoß liegt das Bild, das sie gemalt hat: ein Strichmännchen und ein Haus.
»Hallo«, sagt sie. »Hast du Lust auf was Süßes?« Sie öffnet die Hand und zeigt mir eine zerdrückte Rolle Schokodrops.
»Nein, danke.«
Ich setze mich auf mein Lager und kratze an der rauen Wolle der Decke.
»Geht’s dir nicht gut?«
»Nein.«
»Du gewöhnst dich schon noch daran.« Sie lutscht die Schokolade von ihren Fingern ab. »Seit ich fünfzehn war, bin ich mal drinnen und mal draußen gewesen. Hier kennen mich alle. Man legt mich immer mit den Neuen zusammen, damit ich ihnen helfen kann – manchmal kommen sie anfangs nicht so gut zurecht.« Dann wiederholt sie die Frage, die man mir jetzt schon zweimal gestellt hat. »Du bist nicht selbstmordgefährdet, oder?«
»Nein.«
»Das ist doch schon mal ein Plus für dich«, sagt sie zuversichtlich. »Einige der Neuen zittern wie nasse Kätzchen.«
Ich verberge die Hände auf dem Rücken und bin froh, dass sie nicht gesehen hat, wie sehr sie zittern.
»Wie heißt du?«
»Rose.«
»Ein schöner Name. Ich heiße Jane.« Sie lächelt voller Vertrauen. »Meine Freunde nennen mich Janie.«
»Dürfte ich mal das Klo benutzen?«
»Du brauchst nicht um Erlaubnis zu fragen.« Sie deutet auf die Metallschüssel hinter der schmalen Trennwand.
»Du schaust aber nicht zu, oder?«
Sie starrt mich an, als hätte ich den Verstand verloren, zuckt mit den Schultern und dreht sich auf die Seite, mit dem Rücken zu mir. Hinter der Trennwand schiebe ich eine Hand in meine Unterhose. Gleich darauf seufze ich erleichtert auf und befreie mich von dem unangenehmen Druck.
Ich halte den Schlüssel ans Licht und reibe ihn an meiner Jeans ab. Mein kostbarer Schlüssel. Das Einzige, was mir von Luke geblieben ist.

Über Ava Bennett

Biografie

Ava Bennett lebt als Journalistin in Los Angeles. Ihre Vorfahren stammen aus Flensburg. Wenn sie kann, besucht sie dort Verwandte und erforscht die Geschichte der Stadt. Die Blütezeit des Rums hat sie zu ihrem ersten Roman »Das Haus an der Montego Bay« inspiriert.

Kommentare zum Buch

Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden