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Das Glück wohnt auf dem LandDas Glück wohnt auf dem Land

Das Glück wohnt auf dem Land

Roman

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Das Glück wohnt auf dem Land — Inhalt

Die perfekte Lektüre für den Frankreichurlaub

Francis Lafarges Auftauchen versetzt die Bewohner des verschlafenen französischen Dörfchens in helle Aufregung. Seit seiner Jugend hatte er sich nicht mehr hier blicken lassen, warum also jetzt? Auch Tante Lucette ist alles andere als begeistert und hat Sorge, dass ihr ruppiger Neffe sie aus dem Haus, das einst seinen Eltern gehörte, vertreiben und in ein Heim abschieben will. Doch dessen Pläne ändern sich, als er die junge Lehrerin Marylise kennenlernt. Ihr gesteht er den wahren Grund für seine Rückkehr nach Coissardon …

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 12.05.2014
Übersetzt von: Christiane Landgrebe
256 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-30386-6
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 12.05.2014
Übersetzt von: Christiane Landgrebe
256 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96429-6

Leseprobe zu »Das Glück wohnt auf dem Land«

1

Der Regen trommelte auf die Windschutzscheibe. Selbst im Schnellgang schafften die Scheibenwischer es nicht, diese Sintflut zu bewältigen. Das Licht der Scheinwerfer durchdrang die tiefschwarze Nacht. War es die Nacht? Oder stand die Welt Kopf?

Francis fuhr langsamer. Der Regen rauschte herunter und bildete einen dichten Vorhang. Einige Male war das Auto wegen Aquaplaning fast von der Fahrbahn abgekommen. Selbst in Irland, wo Francis mehrere Jahre gelebt hatte, waren die Elemente nicht so außer Rand und Band geraten.

Und dann komme ich auch noch [...]

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1

Der Regen trommelte auf die Windschutzscheibe. Selbst im Schnellgang schafften die Scheibenwischer es nicht, diese Sintflut zu bewältigen. Das Licht der Scheinwerfer durchdrang die tiefschwarze Nacht. War es die Nacht? Oder stand die Welt Kopf?

Francis fuhr langsamer. Der Regen rauschte herunter und bildete einen dichten Vorhang. Einige Male war das Auto wegen Aquaplaning fast von der Fahrbahn abgekommen. Selbst in Irland, wo Francis mehrere Jahre gelebt hatte, waren die Elemente nicht so außer Rand und Band geraten.

Und dann komme ich auch noch freiwillig hierher und sperre mich in diesem Kaff ein, dachte er. Er konnte die Zahl Sechs auf dem Meilenstein erkennen. »Wird auch langsam Zeit«, seufzte er.

Ein Auto begegnete ihm mit aufgeblendeten Nebelscheinwerfern, und er schimpfte über den Idioten von Fahrer, der nicht mal die einfachsten Verkehrsregeln für Regenwetter kannte. Er stellte das Fernlicht an.

»Hier, da kriegst du, was du verdient hast, Blödmann!«, rief er und grinste.

Dann legte er die Hände wieder ans Steuer.

Auf der Uhr am Armaturenbrett war es Viertel nach acht. Am frühen Nachmittag war er in Paris losgefahren und hatte nur einmal kurz hinter Nevers angehalten, um vollzutanken.

Nachdem die Straße sich noch ein langes gerades Stück hinzogen hatte, sah er weiter hinten das Ortsschild Coissardon. Er hatte es geschafft, er war endlich am Ziel. »Bei diesem Sauwetter erkenne ich überhaupt nichts wieder!«, stellte er leicht verärgert fest. Und dann dachte er, dass er in dem Dorf, in dem er seine Kindheit verbracht hatte, ein Fremder geworden war.

Er stellte den Motor ab und löschte die Scheinwerfer. Die Laternen auf dem menschenleeren Kirchplatz bildeten eine diffuse gelbliche Lichtquelle, in die der schräg fallende Regen fiel, der unaufhörlich auf das Wagendach trommelte. Francis zögerte einen Moment, bevor er die Tür öffnete. »Also, los jetzt!«, sagte er dann. Er riss die Wagentür auf und lief bis zum Eingang des Hotel-Restaurants La Bonne Marmite, das spärlich von einem schwachen Neonlicht beleuchtet war.

Als er die Tür aufdrückte, klingelte die darüber befestigte Glocke. Ein helles, kristallenes Geräusch, das den Blick des Wirts und zweier Männer auf ihn lenkte, die an der Theke saßen und Ricard tranken.

»Guten Abend, Monsieur«, sagte der Wirt. »Mieses Wetter, finden Sie nicht?«

Wie es sich für einen richtigen Küchenchef gehört, hatte auch Louis Reynard einen stattlichen Bauch. In der Gegend war er wohlbekannt, und wenn man sonntagmittags einen Tisch bei ihm haben wollte, musste man Wochen im Voraus reservieren. In der Woche war es natürlich ruhiger. Er verdiente sein Geld vor allem am Sonntag.

»Was kann ich Ihnen bringen?«, fragte der Wirt.

Francis wartete einen Moment, bevor er antwortete. Er fuhr sich mit der Hand über sein regennasses Gesicht, strich sich Haare und Schnurrbart glatt und setzte sich dann auf einen Hocker an der Theke.

»Einen Whisky, bitte«, sagte er. »Mit Eis.«

Die beiden anderen Gäste musterten den Neuankömmling mit unverhohlenem Blick. Wer war dieser Fremde, der hier einfach so bei ihnen hereinschneite? Was wollte er hier? Hatten sie ihn vielleicht irgendwo schon mal gesehen?

Francis ärgerte sich über die dreiste Neugier, mit der sie ihn betrachteten, zündete sich eine Philip Morris an und wandte ihnen den Rücken zu. Er sah sich in dem riesigen Spiegel, der über der Theke an der Rückwand hing. Seine schwarzen Haare, die allmählich grau wurden, seinen Schnurrbart, die Ringe unter den Augen. Seinen Blick, der eher enttäuscht als müde wirkte.

So sah er also aus, Francis, der Junge aus dem Dorf Coissardon, der sein Leben auf den Straßen der Welt verbracht hatte und jetzt mit fünfundvierzig nach Hause zurückkam. Wer würde ihn wiedererkennen? Wer konnte sich noch daran erinnern, dass er hier in diesem Dorf mitten in der Auvergne aufgewachsen war?

Er nahm einen Schluck Whisky und wandte sich an den Wirt.

»Ich bin der Mann, der Sie vor ein paar Tagen angerufen hat, um ein Zimmer zu reservieren«, sagte er. »Ich würde gern vor dem Abendessen mein Zimmer beziehen.«

»Sind Sie Monsieur Lafarge?«

»Genau.«

»Ah. Herzlich Willkommen, Monsieur Lafarge. Es bringt Sie gleich jemand nach oben.«

Louis Reynard öffnete eine Tür links neben der Bar.

»Régine!«, rief er. »Hier ist der Gast von Zimmer siebzehn. Bringst du bitte den Schlüssel und zeigst ihm den Weg?«

Francis Lafarge stellte seine Taschen auf das Bett. Bevor Madame Reynard das Zimmer verließ, fragte sie ihn noch, wann er zu speisen wünsche.

»In zwanzig, fünfundzwanzig Minuten«, sagte er.

Bevor sie die Tür schloss, fügte er noch hinzu: »Und bringen Sie mir einen Whisky zum Essen, mit Eis bitte.«

Das Zimmer war ein bisschen altmodisch. Auf der vergilbten Tapete waren Jagdszenen zu sehen. Ein von einer hechelnden Hundemeute gehetzter Hirsch vor einem Teich. Oder ein Jäger mit einem Gewehr, der auf ein aufgescheuchtes Rebhuhn zielte, das sich im Flug befand. Und dann ein Wildschwein vor einer Meute Jagdhunde, die sich mit hochgezogenen Lefzen im nächsten Augenblick auf ihre Beute stürzten.

Francis grinste, als er diese Bilder aus vergangenen Zeiten sah. In seiner Kindheit hatte er viele solcher Jagdszenen gesehen und er musste an sein Haus am Waldrand denken.

Sein Haus …

Was blieb ihm anderes übrig, als diese letzte Chance zu nutzen, um es wiederzubekommen? In dieser ersten Nacht in Coissardon schlief er nur deshalb im Hotel, um die Dinge ruhig angehen zu lassen. Morgen war ein neuer Tag, und auch danach ging das Leben weiter. So war nun mal der Lauf der Welt.

Vom Kirchturm schlug es neun. Francis lauschte. Ein paar Sekunden hallten die metallischen Klänge nach und riefen Erinnerungen wach, die er völlig vergessen zu haben glaubte.

Er zündete sich eine Zigarette an und ließ sich ein Bad ein. Ich rauche zu viel, dachte er und nahm genussvoll den ersten Zug.

Einen Augenblick lang sah er sich wieder auf den Champs-Élysées bei dem Versuch, die Kerle abzuschütteln, die ihm auf den Fersen waren. Das war erst gestern gewesen, unglaublich! An der Place de l´Étoile hatte er das Tempo beschleunigt und war in die Avenue de la Grande-Armée gerast. Dann zur Porte Maillot, auf den Périphérique und – adieu! Diese schrecklichen Typen waren immer wieder aufgetaucht, einmal rechts, einmal links, es hatte Spaß gemacht, sie abzuhängen wie die Schnecken – er hatte das Gaspedal seines Golf GTI bis zum Anschlag durchgetreten. Der Motor mit einhundertfünfzig Pferdestärken hatte aufgeheult. Es war, als zähmte man ein wildes Tier.

Francis stieg in die Badewanne und ließ sich in das schaumige Wasser gleiten. Ein unschuldiges Vergnügen, das ihn alles andere vergessen ließ. Nichts kam ihm in diesem Moment wichtiger vor, als in die wohltuende Wärme zu tauchen.

Er schloss die Augen. Der Badeschaum gab ein leise knisterndes Geräusch von sich – so wie Luftblasen, die an der Oberfläche von Sümpfen zerplatzen. Es fühlte sich alles ganz leicht an. Vollkommene Entspannung. An der Grenze zur Bedeutungslosigkeit. Als ob man gar nicht existierte …

Wie lange war das her?

Wie lange schon hatte er nicht mehr die Möglichkeit gehabt, sich einen Moment der Entspannung zu gönnen? Rückkehr aus den USA, der Flughafen Roissy-Charles de Gaulle. Die Verfolgungsjagd. Zwei Wochen, in denen sie hinter ihm her waren. Ohne dass er wusste, wer sie waren. Schnell von einem Metroabteil ins nächste gehüpft. Stets den Blick in den Rückspiegel seiner Existenz. Und dann die ständige Bedrohung. Das Fallbeil, das jederzeit herunterfallen konnte. Doch jetzt war er in Sicherheit.

Francis streckte sich in der Badewanne aus. Ein wenig Wasser schwappte über den Rand. Von der Bar drangen Stimmen zu ihm herauf. Wahrscheinlich immer noch die beiden Gestalten, die an der Theke ihren Aperitif getrunken hatten, als er in die Wirtsstube getreten war. Die beiden waren typische Bauern, man konnte den Stallgeruch nahezu riechen.

Francis stand auf, schlang das Badetuch um sich und trocknete sich ab. Dann zog er sich ein frisches Hemd an, schlüpfte in seine Jeans und ging nach unten ins Restaurant.

»Lafarge? Er hat wirklich Lafarge gesagt, Loulou, oder?«

Einer der Bauern hatte seine Gitane wieder angezündet und kniff nachdenklich ein Auge zu, bevor er nach dem Wirt rief.

»Genau das hat er gesagt«, antwortete Louis Reynard.

»Lafarge«, wiederholte der Bauer einige Male. Zwei Falten bildeten sich auf seiner Stirn, ein deutliches Zeichen, dass er nachdachte. Und das passierte bei ihm nicht oft.

Er schob seine schwarze Baskenmütze zurecht. Der Stoff war ausgebleicht und an einigen Stellen abgewetzt. Sein wettergegerbtes Gesicht mit der roten Adlernase verzog sich angestrengt.

»Du denkst zu viel nach, mein armer Jojo!«, sagte sein Kumpel, der sich schwer auf die Theke stützte und sich an seinem Ricard-Glas festhielt wie an einem Rettungsring. Und grinsend fügte er hinzu:

»Streng dein Hirn nicht zu sehr an, gleich kriegst du noch ’nen Schlaganfall!«

»Ja, lach du nur, Riton! Du kannst sagen, was du willst, aber die Visage von diesem Lafarge kenne ich.«

Jojo trank sein Glas in einem Zug leer und wischte sich über den Mund. »Mein Gott, natürlich!«, rief er dann.

»Ach nee, er hat ’ne Entdeckung gemacht«, stellte Riton fest und tat, als sei ihm das gleichgültig.

»Sehr richtig, Monsieur, eine Entdeckung, wie du sagst.«

Jojo wandte sich an Louis Reynard.

»Erinnerst du dich noch an Lafarge, den alten Bär, der hinten im letzten Haus am Waldrand wohnte?«

»Ja«, sagte der Wirt und kratzte sich nachdenklich am Kopf. »Der muss inzwischen schon zehn Jahre tot sein. Jetzt wohnt seine Schwester im Château.«

»Ja, die Verrückte … Jedenfalls hatte der Alte einen Sohn. Weißt du noch, dass der Bürgermeister vergeblich versucht hat, ihn zur Beerdigung antanzen zu lassen? Sohnemann war verschwunden, keiner wusste, wohin.«

»Glaubst du etwa, der Junge des alten Lafarge ist wieder zurückgekommen?«, fragte Riton.

»Der Junge ist inzwischen ziemlich erwachsen«, bemerkte Louis Reynaud mit einem spitzbübischen Grinsen.

»Schenk uns noch ’ne Runde ein, Loulou!«, forderte Jojo ihn auf und zog seine Mütze tiefer ins Gesicht.

Er schwieg eine Weile, dann sagte er:

»Und nicht, dass du dich vertust. Wir sind keine Amis, die nur Whisky trinken. Wir bleiben bei unserem Ricard, was?!«

Riton brach in ein derbes Gelächter aus. Doch als er plötzlich im Spiegel das Bild von Lafarge entdeckte, verstummte er.

»Bitte nehmen Sie doch im Restaurant Platz«, sagte der Wirt zu dem Neuankömmling und wies in den hinteren Teil des Raums.

Francis blieb einen Augenblick stehen und musterte die beiden rotgesichtigen Schluckspechte an der Theke.

Dann zündete er sich eine Zigarette an und sagte so laut, dass es jeder hören konnte:

»Sie können Ihre Gäste beruhigen. Ich bin kein Amerikaner. Ich trinke zwar Whisky, aber ich esse kein Rindfleisch, das mit Hormonen vollgepumpt ist.«

Er drehte den drei Männern den Rücken zu und ging hinüber ins Restaurant.

Am nächsten Tag herrschte düsteres Wetter. Der Oktobernebel wollte sich nicht auflösen. Nur mit Mühe konnte man den Eichenwald erkennen, der etwa zweihundert Meter weiter oben lag. Die Blätter waren rostrot, die Farben wurden allmählich blass. Wie Blumen, die einen langsamen Tod starben.

Francis öffnete die Fensterläden, und die frostig-feuchte Kälte des Herbstmorgens schlug ihm ins Gesicht. Sein Wagen war der einzige helle Fleck auf dem grauen Hotelparkplatz. Francis rieb sich die Augen, strich sich über die stoppeligen Wangen und schloss das Fenster. Ihn fröstelte.

Er hatte eine unruhige Nacht hinter sich. Voller böser Träume. Immer wieder liefen die letzten Wochen wie ein Film vor ihm ab. Nachdem er in Roissy gelandet war, hätte er versuchen sollen, sich Isabel gegenüber durchzusetzen. Aber wäre sie bereit gewesen, ihn eine Weile bei sich aufzunehmen?

Und was hieß schon eine Weile? Das änderte auch nichts an seinem Problem. Er konnte sich nicht in Paris niederlassen. In der Provinz würde er sicherer sein. Wer sollte ihn schon in diesem gottverlassenen Nest in der Auvergne aufspüren?

Francis war versucht, sich eine Zigarette anzuzünden, doch er zähmte sein Verlangen, weil es ihm vor dem Frühstück unvernünftig zu sein schien. Vernünftig … War er bisher in seinem Leben jemals vernünftig gewesen? Hatten seine Eltern ihm nicht schon als Kind gesagt, es würde nie etwas aus ihm, wenn er sich weigerte, in die Schule zu gehen?

»Du bist ein Taugenichts, ein Taugenichts!«, schrie sein Vater außer sich vor Wut darüber, dass Francis ganze Nachmittage in der Natur verbrachte, anstatt in der Schule zu sitzen. »Du machst uns Schande, mein Junge!«, klagte die Mutter. Weil er für die anderen Schüler ein schlechtes Vorbild war, sah der Lehrer sich gezwungen, ihn von der Schule zu weisen. Dann ging seine unrühmliche Laufbahn weiter, von einem Internat zum nächsten, darunter sogar eines für Schwererziehbare. Mit sechzehn war er in die Stadt geschickt worden. Dort war der Dschungel, es herrschte das Gesetz des Stärkeren. Dort konnte man lernen, sich starke Fäuste zuzulegen. Und seinen Charakter zu formen.

Francis zündete seine Zigarette schließlich doch an und ging hinunter in den Speisesaal.

»Guten Morgen, Monsieur«, sagte die Kellnerin mit einem charmanten Lächeln.

Er fand sie ziemlich hübsch und musterte ihr ebenmäßiges Gesicht. Eine schmale Figur in einer engen Jeans, winzige Brüste, die er sich birnenförmig vorstellte. Das Mädchen besaß sicher Temperament!

»Tee oder Kaffee?«, fragte sie und bemühte sich, nicht zu lachen, weil er sie so übertrieben anstarrte.

»Kaffee, bitte.«

Er folgte ihr mit den Augen, während sie wiegenden Schrittes auf das Büro zuging. Francis mochte Frauen. Alle Frauen. Hatte er sich deshalb zweimal scheiden lassen? Martine, seine erste Frau, hatte seine Seitensprünge nicht lange ertragen. Mit Isabel hatte er etwas länger zusammengelebt. Zweimal war er gescheitert, und das war wohl der Beweis dafür, dass er es nie irgendwo länger aushalten konnte. Er war für die Ehe so ungeeignet wie eine Kuh fürs Holzhacken.

»Arbeiten Sie schon lange hier?«, fragte er die Bedienung, als sie die Kaffeekanne, die Zuckerdose und einen Teller mit noch warmen Croissants auf den Tisch stellte.

»Bald zwei Jahre. Aber ich stamme aus der Gegend.« Sie zögerte, bevor sie weiterredete. »Ich erinnere mich noch gut an Ihren Vater.«

Francis fuhr auf.

»Wissen Sie denn, wer ich bin?«, fragte er erstaunt.

»Na ja. Ehrlich gesagt, hier kennt jeder jeden …« Sie beugte sich herunter, um ihm den Kaffee einzuschenken. Ihre Haut roch angenehm nach Zimt. Nervös drückte Francis seine Zigarette im Aschenbecher aus und blies den letzten Rauch zur Decke.

»Sie heißen doch Francis Lafarge, oder?«, sagte sie unschuldig. »Ein Cousin von mir ist mit Ihnen zur Schule gegangen.«

Er beschloss, es von der humorvollen Seite zu nehmen. »Sagen Sie bloß!«, entgegnete er und grinste. »In Coissardon scheint es ja ein gut funktionierendes Spitzelsystem zu geben!« Dann fügte er in ironischem Ton hinzu: »Dabei dachte ich, ich käme ganz inkognito hierher! Scheint mir aber nicht gelungen zu sein.«

In diesem Moment steckte Madame Reynard die Nase durch die halb geöffnete Tür.

»Corinne, machen Sie schnell, der Tiefkühlkostlieferant ist da. Bitte kontrollieren Sie auf dem Lieferschein, dass nichts fehlt.«

»Sofort, Madame.«

Corinne ging hinaus, aber erst nachdem sie Francis einen vielsagenden Blick zugeworfen hatte. Er beugte sich über seine Tasse.

Das Croissant roch verlockend und hatte eine glänzende knusprige Kruste. Madame Reynaud war an den Tisch getreten und lächelte etwas gezwungen.

»Sie haben Ihre Tante wohl schon lange nicht mehr gesehen, was?«, mutmaßte sie. Sie ignorierte, dass er erstaunt die Augenbrauen hochzog, und fuhr ohne auf eine Antwort zu warten fort: »Na, sie hat sich auf jeden Fall ganz schön verändert, die alte Dame. Guten Appetit, Monsieur Lafarge!«

Francis versuchte, ihren Worten einen Sinn zu geben. Er runzelte die Stirn und trank einen Schluck Kaffee. Was meinte Madame Reynaud damit? Was sollte diese Bemerkung bedeuten?

Über Gérard Georges

Biografie

Gérard Georges, selbst im ländlichen Montbrison im Departement Loire aufgewachsen, war Rundfunkjournalist und arbeitete an der Universität und als Direktor einer Schule, bevor er sich entschloss, nur noch zu schreiben. Die Liebe zum Land mit all seinen Vor- und Nachteilen hat den Autor von mehr als...

Pressestimmen

OÖ Nachrichtenn (A)

»Eine Liebesgeschichte auf dem Land, verknüpft mit viel Spannung aus der Stadt.«

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