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Das Gespenst von Killingly Hall Das Gespenst von Killingly Hall

Das Gespenst von Killingly Hall

und andere weihnachtliche Schauergeschichten

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Das Gespenst von Killingly Hall — Inhalt

Weihnachten – die besinnlichste und friedvollste Zeit des Jahres. Doch was, wenn auf einmal ein Gespenst an Ihrer Festtagstafel sitzt? Wenn die Weihnachtsdekoration plötzlich zum Leben erwacht? Eine Hexe den Glühwein vergiftet? Oder eine Horde toter Schwertkämpfer an Ihrem Christbaum vorbeimarschiert? Dann wundern Sie sich nicht! Denn dieses Jahr wünscht Ihnen Paul Finch mit fünf festlichen Gruselgeschichten: Creepy Christmas!

 

Erschienen am 04.10.2016
Übersetzer: Bärbel Arnold, Velten Arnold
240 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30973-8
Erschienen am 04.10.2016
Übersetzer: Bärbel Arnold, Velten Arnold
224 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97488-2

Leseprobe zu »Das Gespenst von Killingly Hall «

Die Weihnachtsgeschenke

Spazzer traf Tookey im Park direkt am Nordeingang.

Sie verharrten dort eine Weile und vergewisserten sich, dass die Insassen der vorbeifahrenden Autos keine Notiz von ihnen nahmen, auch wenn es ziemlich unwahrscheinlich war, dass jemand in der Lage sein würde, sie zu erkennen, denn sie hatten sich an diesem Heiligabend dick mit Schals und Mützen vermummt. Sie beobachteten das Haus direkt gegenüber.

Es lag zurückgesetzt hinter einem Vorgarten und war durch eine doppelreihige Ligusterhecke von der Straße abgeschirmt, aber wie so [...]

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Die Weihnachtsgeschenke

Spazzer traf Tookey im Park direkt am Nordeingang.

Sie verharrten dort eine Weile und vergewisserten sich, dass die Insassen der vorbeifahrenden Autos keine Notiz von ihnen nahmen, auch wenn es ziemlich unwahrscheinlich war, dass jemand in der Lage sein würde, sie zu erkennen, denn sie hatten sich an diesem Heiligabend dick mit Schals und Mützen vermummt. Sie beobachteten das Haus direkt gegenüber.

Es lag zurückgesetzt hinter einem Vorgarten und war durch eine doppelreihige Ligusterhecke von der Straße abgeschirmt, aber wie so viele andere Häuser um diese Jahreszeit war es hell erleuchtet: Abwechselnd blaue und gelbe Lichterketten schlängelten sich an den Dachvorsprüngen entlang, drei leuchtende Engel – weiß gewandete Putten mit Schwanenflügeln – standen wie die Teilnehmer einer Prozession auf der Spitze des Dachs. Tookey betrachtete sie beklommen aus der Finsternis des Parks.

»In diesem Teil der Stadt sind die Häuser ziemlich gut gesichert«, sagte er. »Hast du das Haus auch gut abgecheckt?«

»Hab es zwei Wochen lang ausgespäht«, erwiderte Spazzer. »Es gibt definitiv keine Alarmanlage.«

»Jedenfalls keine, die einem sofort ins Auge fällt.«

Spazzer kicherte. »Glaubst du vielleicht, die haben eine Standleitung zu den Bullen? Die Hütte sieht zwar ganz nobel aus, aber in der Millionärsmeile steht sie auch nicht gerade.«

»Und warum haben wir sie uns dann überhaupt ausgesucht?«

»Weil es ein Kinderspiel ist. Die Leute verlassen das Haus jeden Abend gegen sieben Uhr. Ich bin ihnen gestern gefolgt. Sie proben für ein Wohltätigkeitskonzert in der St. Aiden’s. Das Konzert findet heute Abend statt, sie werden auf keinen Fall früh zurückkommen.«

Sie waren also Kirchgänger, dachte Tookey mit ungutem Gefühl. Und St. Aiden’s? Die Kirche befand sich in einem Problemviertel der Stadt. Sie waren nicht nur Kirchgänger, sondern auch noch welche, die Geld für gute Zwecke sammelten.

»Aber weißt du was – es kommt noch besser!« Spazzer war groß und spindeldürr. Sein tätowiertes Gesicht verengte sich, und er grinste wie ein Frettchen. »Das Haus ist auch nach hinten und zu den Seiten von Bäumen abgeschirmt. Sobald wir auf dem Grundstück sind, kann uns niemand mehr sehen. Also – keine Alarmanlage und wir können uns Zeit lassen. Wie sieht’s aus? Bereit zum Abräumen?«

Tookey war kleiner und im Vergleich zu Spazzer pummelig. Er hatte blasse, schneckenartige Züge und karottenrotes Haar, von dem zerzauste, fettige Fransen unter dem Rand seiner Wollmütze hervorlugten. Auf den ersten Blick sah er genauso abstoßend aus wie sein Kumpel, und er hatte auch mindestens genauso viel Zeit hinter Gittern verbracht wie dieser, aber bei dieser Sache hatte er einfach ein ungutes Gefühl.

»Na gut, dann ist es eben ein Kinderspiel«, sagte er. »Aber wenn es keine Millionärsvilla ist – was soll das Ganze dann?«

»Ich hab einen kurzen Blick durchs Wohnzimmerfenster geworfen«, erwiderte Spazzer. »So einen Geschenkeberg hast du in deinem Leben noch nicht gesehen.«

»Sind wir etwa hier, um Weihnachtsgeschenke mitgehen zu lassen?«

»Es müssen an die dreihundert sein. Und in so einer Gegend kannst du einen darauf lassen, dass es total hochwertiges Zeug ist. Jede Wette, dass da locker Geschenke im Wert von fünf Riesen rumliegen.«

»Wer wohnt denn da, Spaz?«

Spazzer kratzte sich an der Warze auf seiner Lippe. »Seltsam aussehende Vögel, wenn du mich fragst. Der Typ ist groß und hat dichtes graues Haar – sieht aus wie ’n Staubwedel. Die Frau ist jünger, in den Vierzigern vielleicht. Hat dunkles Haar, Riesentitten und einen knackigen Arsch.«

»Also nur ein Paar? Zwei Erwachsene?« Tookey klang hoffnungsvoll.

»Ne, die haben auch noch zwei Kinder. Einen Jungen und ein Mädchen. Rennen immer kreischend herum, wenn sie rauskommen und ins Auto steigen, bewerfen sich mit Schneebällen und so.«

»Kommst du dir dabei nicht ein bisschen mies vor … den Kids am Heiligen Abend die Geschenke zu klauen?«

Spazzer zuckte mit den Schultern. »Zahlt doch alles die Versicherung.«

»Wenn sie keine Alarmanlage haben, kann es sein, dass sie ziemliche Probleme kriegen werden, die Versicherung anzuzapfen.«

»Ist doch ihre Schuld, wenn sie keine haben, oder etwa nicht? Mensch, Took, diese reichen Wichser können sich doch jederzeit kaufen, was sie wollen.«

Tookey ließ seinen Blick wieder zu dem Haus wandern. Es sah anheimelnd festlich aus. Das Dach und die Tannen, die das Haus umgaben, waren mit Schnee bedeckt, von den Fenstern hingen Eiszapfen herab, aus dem rautenförmigen Fenster neben der Eingangstür fiel warmes Licht nach draußen. »Irgendwie kommt mir das einfach alles falsch vor, das ist alles.«

»Falsch? Wirst du jetzt ein Weichei?« Jetzt, da sein Kumpel seinen Plan kritisierte, wurde Spazzers Tonfall etwas schärfer. Schlaksig und ausgemergelt, wie er war, stellte er physisch keine Bedrohung dar. Aber er verfügte über gute Verbindungen. Er musste nur ein Wort fallen lassen, dass Tookeys Verlässlichkeit zu wünschen übrig lasse, und schon würde dieser ruck, zuck auf dem Trockenen sitzen.

»Liegt wohl an der weihnachtlichen Stimmung«, entgegnete Tookey.

»An der weihnachtlichen … was?«

»Stimmung … ich bin sicher, dass du davon schon mal gehört hast.«

»Na ja, hab ’ne vage Vorstellung … Warum hältst du nicht einfach die Klappe und überlässt mir das Grübeln?«

»Wie du meinst.«

»Hast du den Transporter mitgebracht?«

»Steht am Ende der Miry Lane, wie von dir gewünscht.«

»Plane drüber?«

»Ja, abgedeckt. So, wie es schneit, wird er aussehen, als ob er schon seit Stunden da steht.«

Spazzer schob die Hand ins Innere seiner Jacke. Das Rascheln von Plastik bestätigte ihm, dass sein eingewickeltes Werkzeug an Ort und Stelle war. »Na dann … auf geht’s.«

 

Es war kurz vor einundzwanzig Uhr, und abgesehen von einem gelegentlich vorbeifahrenden Taxi herrschte kein Verkehr. Es schneite immer noch, der eisige Wind sorgte dafür, dass die Flocken diagonal hinabstoben. Alles – die Wege und Rasenflächen im Park sowie die Bürgersteige zu beiden Seiten der Straße – war mit einer beinahe zwanzig Zentimeter dicken Schneeschicht bedeckt. Spazzer und Tookey gingen vom Parkeingang schnurstracks über die Straße, die Hände in den Jackentaschen, die Köpfe gesenkt. Sie würden nur etwa fünf Sekunden lang auf der offenen Straße exponiert sein, was zwar ein Risiko darstellte, jedoch ein geringeres als unter normalen Umständen. Falls sie jemand sähe, würde er nur vage zwei dick eingemummte verschneite Gestalten ausmachen können. Das Ende der Zufahrt wurde zusätzlich zu dem grellen Lichterschmuck am Dach von einem Licht über dem Garagentor beleuchtet, das durch einen Bewegungsmelder aktiviert wurde. Aufgrund des heftigen Schneetreibens war das Licht lange vor Spazzers und Tookeys Eintreffen angegangen und würde auch weiterhin brennen. Aber wie Spazzer gesagt hatte, waren die Bäume neben und hinter dem Haus so hoch und standen so dicht beieinander, dass das Grundstück gut abgeschirmt war. Sie huschten in den engen Durchgang zwischen dem Haus und der Garage. Dort blieb Spazzer stehen und fummelte unter seiner Jacke nach seinem Werkzeug.

»Wie steigen wir ein?«, flüsterte Tookey.

Spazzer klopfte vorsichtig an ein Seitenfenster, dann setzte er seinen Meißel neben der Laibung an und brachte ihn durch mehrmaliges Wackeln und Drücken in Position. »Das Fenster führt direkt in die Diele.«

Tookey sah sich vorsichtig um. Am hinteren Ende des Weges, der seitlich am Haus vorbeiführte, befand sich ein zweites per Bewegungsmelder gesteuertes Licht, das den Garten hinter dem Haus beleuchtete. Der schmale Streifen, den Tookey von seinem Standpunkt aus sah, ließ eine ausgedehnte Rasenfläche erkennen, die an diesem Abend in eine verschneite weiße Wildnis verwandelt worden war und noch weiter hinten von einem schwarzen Geflecht aus blattlosen Ästen begrenzt wurde. Da er glaubte, dahinten etwas gehört zu haben, sah er genauer hin, fokussierte seinen Blick und versuchte, durch das Schneetreiben hindurch etwas erkennen zu können, sah jedoch nichts. Währenddessen begann Spazzer, mit seinem mit einem Lappen umwickelten Hammer auf den Meißel einzuschlagen. In dem Moment glaubte Tookey erneut, am Ende des Weges etwas gehört zu haben – und diesmal sah er es auch.

In seinem Sichtfeld war plötzlich eine riesige Silhouette aufgetaucht.

Um ein Haar hätte er losgeschrien. Wahrscheinlich hätte er tatsächlich geschrien, wenn Spazzer ihm nicht seine in einem Handschuh steckende Hand vor den Mund gepresst hätte. Sprachlos und ungläubig starrten sie zum Ende des Wegs, wo etwas hin und her hüpfte, das aussah wie ein riesiges Gummitier. Die Umrisse dieses Riesendings waren zunächst nicht besonders gut zu erkennen, weil es komplett weiß war, doch dann konnten sie die massigen, erhobenen Arme mitsamt den typisch gebogenen Tatzen und einen weit aufgerissenen, hellroten Mund ausmachen. »Ein Eisbär?«, flüsterte Tookey. »Ein verdammter Eisbär!« Das Monstrum, das mindestens zwei Meter zehn groß war, blockierte das Ende des Weges komplett, aber es wankte immer noch hin und her, als ob es im Einklang mit den Schneewirbeln sein Gewicht verlagerte. »Sag mir bitte, dass das Ding aufblasbar ist.«

»Natürlich ist es das!«, zischte Spazzer. »Du hast doch wohl nicht geglaubt, dass es echt ist?«

»Was zum Teufel … ist das?«

»Eine von diesen bescheuerten aufblasbaren Winterdekorationen!«

»Wusstest du, dass es hier so ein Teil gibt?«

»Ich hab es gesehen, als ich neulich abends die Lage sondiert habe. Aber da war es nicht aufgeblasen.«

»Und warum ist es … warum ist es jetzt plötzlich aufgeblasen?«

»Was spielt das schon für eine Rolle?« Spazzer zuckte mit den Achseln und kicherte über die Unwissenheit seines Freundes. »Normalerweise sind diese Dinger an Schläuchen befestigt, oder? Und mithilfe kleiner Motoren werden sie hin und wieder mit Luft aufgepumpt und stehen auf. Du musst solche aufblasbaren Gummiteile doch schon mal auf Fußballplätzen gesehen haben.«

Die Erklärung mochte zwar vernünftig sein, doch in diesem Moment beugte sich der Eisbär nach vorn, während die Schneeflocken hinter ihm wirbelten, als ob er Anstalten machte, es irgendwie über den Weg zu ihnen zu schaffen.

»Geh einen Schritt zurück!«, sagte Spazzer, der seine Aufmerksamkeit wieder dem Fenster zugewandt hatte.

Es ließ sich problemlos öffnen. Der hölzerne Rahmen war nur minimal beschädigt und die Scheibe gar nicht. Als sie drinnen waren, schlossen sie das Fenster wieder und richteten alles so, wie es gewesen war. Spazzer wickelte seine Werkzeuge wieder ein und ließ sie in einer der zahlreichen Innentaschen seiner Jacke verschwinden. Sie fanden sich in einer kleinen Abstellkammer unter der Treppe wieder, die von der Diele abging. Verglichen mit der draußen herrschenden Kälte war es im Haus herrlich warm. Ein gespenstisches grünes Licht durchflutete das Innere des Hauses und erzeugte eine Art Waldatmosphäre. Als sie die Köpfe aus der Kammer streckten, sahen sie den Grund dafür: Die komplette Diele war ausgiebig mit immergrünen Zweigen geschmückt. An den Wänden hingen ganze Büschel voller mit Kunstschnee überzogener Tannenzapfen, und sämtliche Bilder waren mit Stechpalmenzweigen voller roter Beeren umkränzt. Über ihnen rankte sich ein dichtes Geflecht aus Efeu und Tannenzweigen, darüber verströmten etliche Lichterketten ein zartes Licht in allen möglichen Grüntönen.

»Ist das die Grotte des Weihnachtsmanns?«, fragte Spazzer kichernd.

Am Ende der Diele, unweit der inneren Haustür, war ein schlanker, aber sehr hoher künstlicher Weihnachtsbaum aufgestellt worden. Er war mindestens dreieinhalb Meter hoch und konnte nur deshalb an dieser Stelle stehen, weil er ins Treppenhaus hinaufragte. Er war mit weißem Lametta behängt und mit feinem blauem und goldenem Christbaumschmuck verziert. Neben dem Baum stand eine schmale, rot angestrichene Leiter. Von der Diele gingen drei weitere Türen ab. Die vorderste führte vermutlich ins Wohnzimmer, die nächste wahrscheinlich ins Esszimmer, und die dritte, die sich im hinteren Bereich der Diele befand, sah wie der Zugang zur Küche aus. Alle Türrahmen waren kunstvoll mit zusammengebundenen Tannenzweigen geschmückt, die mit Schleifen und scharlachroten Weihnachtssternblüten verziert waren und jeweils einen weihnachtlich anmutenden Bogen bildeten.

Ohne besonderen Grund tappten sie zuerst in die Küche. Der Fußboden war aus Stein, die Möbel und die Einrichtungsgegenstände aus gebürstetem Kiefernholz. Das einzige Licht in dem Raum kam aus dem Backofen, in dem auf einem Backblech Mince Pies vor sich hin buken und herrlich braun wurden. Auf den Arbeitsflächen stand weiterer Festtagsschmaus bereit: Platten und Teller mit Sandwiches und Kanapees, mit Pilzen gefüllte Blätterteigpasteten, Hähnchenschenkel, kalte Fleischröllchen, Würstchen im Speckmantel, Garnelenspieße, Pies, Pflaumenkuchen und Makronen. Es roch köstlich nach Orange und Muskat. Als sie nach der Quelle dieses Wohlgeruchs Ausschau hielten, sahen sie, dass er einer Pfanne auf dem Herd entstieg, in der eine mit Blättern und Fruchtstücken angereicherte violette Flüssigkeit simmerte. An der kupfernen Dunstabzugshaube darüber hing ein Mistelzweig.

»Die planen aber ein gediegenes Fest«, stellte Spazzer fest. Er nahm eine große Tasse von einem Haken, tauchte sie in den Glühwein und probierte einen Schluck. Er tat so, als wäre er ein Experte, rollte den Wein im Mund und spuckte ihn auf den Boden. Dann wandte er sich den Speisen zu und schaufelte sich handvollweise davon in den Mund. »Mensch, Took, am besten schlagen wir uns erst mal den Bauch voll … was Besseres werden wir an diesem Weihnachtsfest nicht zu futtern kriegen.«

Tookey zögerte. Obwohl sie angeblich den ganzen Abend zur Verfügung hatten, wurde er zusehends nervöser. Spazzer nagte das Fleisch von ein paar Hähnchenschenkeln ab, ließ die Knochen und den Knorpel auf den Boden fallen, leckte sich sorgfältig das Fett von seinen dreckigen, in Handschuhen steckenden Fingern – und genau in dem Augenblick zuckten sie erschrocken zusammen.

Irgendwo am anderen Ende der Diele hatte auf einmal ein leises elektronisches Summen eingesetzt, das immer wieder von einem Klick unterbrochen wurde. Tookey drückte sich an die Wand, sodass er von der Diele aus nicht mehr zu sehen war, während Spazzer einen Blick in das grünlich erleuchtete Halbdunkel riskierte. Er konnte zunächst keine Bewegung ausmachen, doch dann … lachte er laut los.

Tookey folgte ihm durch die Diele. Als sie vor dem hohen Weihnachtsbaum standen, kam eine kleine Figur mühsam die rot angestrichene Leiter hinuntergestiegen: ein Weihnachtsmann in der Größe eines Pintglases in seinem typischen roten Mantel mit Kapuze und einem Sack auf dem Rücken, aus dem eine winzige Zuckerstange herausragte. Die Figur war höchstens fünfzehn Zentimeter groß und bewegte sich mit der Steifheit eines Aufziehspielzeugs.

»Was für ein Scheiß«, kommentierte Spazzer abfällig. »Worauf diese Schickimicki-Fuzzis so abfahren, was?« Er leckte sich seine behandschuhten Finger ein letztes Mal ab, um sich auch noch das letzte bisschen Hühnchenfett schmecken zu lassen, dann drehte er sich um und ging ins Wohnzimmer.

Dieser Raum war ungefähr so groß wie die gesamte untere Etage des Reihenhauses, in dem Tookey mit seinem Vater wohnte. Der Boden war mit einem dicken Teppich ausgelegt, die Möbel waren edel, die Decke war mit dekorativen Eichenbalken verziert. Es gab auch einen großen Kamin aus Granit, aus dessen Schornstein in der Mitte zwei lebensgroße, in roten Hosen und schwarzen Stiefeln mit Pelzbesatz steckende Beine herabhingen, die auf einem in grüne und silberne Schleifen gehüllten Christklotz standen. An den Wänden hingen liebevoll arrangiert etliche Weihnachtskarten. Der Kaminsims war reich mit Stechpalmenzweigen und Efeu geschmückt. In einer Ecke des Zimmers stand noch ein Weihnachtsbaum, der zwar nicht so hoch war wie der im Eingangsbereich, dafür aber reicher und ausgefallener geschmückt. Er versank bis zu einem Viertel seiner Höhe in einem chaotischen bunten Haufen verpackter Geschenke.

»Du lieber Himmel«, murmelte Tookey. »Das können wir niemals alles wegschaffen.«

»Hab ich dir doch gesagt.« Spazzer holte eine Rolle Müllsäcke aus seiner Tasche, gab Tookey zwei und riss sich selber ebenfalls zwei ab. »Aber du hast recht, wir können nicht alles mitgehen lassen. Schließlich können wir wohl kaum den ganzen Abend über die Straße hin- und herlaufen. Also packt sich jeder maximal zwei Säcke voll. Sieh zu, dass du all die schweren Päckchen erwischst. Das dürften die wertvollen Sachen sein.« Er hockte sich hin und arbeitete sich auf Händen und Knien durch den riesigen Geschenkeberg, wobei er jedes einzelne Päckchen auf Größe und Gewicht prüfte.

Tookey sah sich erneut in dem Zimmer um. Gedämpftes Lampenlicht verstärkte die weihnachtliche Atmosphäre. Auf beiden Seiten des Kaminsimses brannte eine künstliche, aber echt aussehende Kerze. Überall gab es Weihnachtsfiguren. Auf den Bücherregalen standen viktorianische Sternsinger, und auf dem Fußboden war zu beiden Seiten des Kamins jeweils ein Soldat in Uniform aus dem achtzehnten Jahrhundert und mit gefiedertem Dreispitz postiert; ihre porzellanfarbenen Gesichter waren mit leuchtender Farbe betupft – Zuckergussfiguren, die Wache hielten. Das Erkerfenster des Wohnzimmers ging zum Vorgarten hinaus. Auf der Fensterbank war eine Jazzband aus Schneemännern arrangiert. Jede Figur war etwa dreißig Zentimeter groß, alle hatten die typischen Karottennasen und Messingknopfaugen, trugen jedoch steife Hüte und gestreifte Jacketts. Einer der Schneemänner hielt ein Banjo in den Händen, der andere ein Saxofon, der dritte saß hinter den beiden an einem Schlagzeug. Spazzer hatte recht, dachte Tookey. Jemand, der sich all diesen Schnickschnack leisten konnte, war auf ein paar Geschenke nicht angewiesen.

»Mensch, Tookey, beweg deinen Arsch!«, zischte Spazzer. Tookey setzte sich in Bewegung, doch vorher musterte er noch einmal die Schneemänner-Jazzband. Alle Köpfe waren ihm zugewandt. Er war sicher, dass dies eine Minute zuvor noch nicht der Fall gewesen war.

»Tookey!«

»Ist ja schon gut!« Tookey ging in die Hocke. Je mehr Päckchen er in seinen Sack steckte, die alle mit Schleifen, Anhängern und weihnachtlichen Aufklebern verziert waren, desto leichter fiel es ihm, sich in Erinnerung zu rufen, dass er selber zum Fest weder als Kind noch als Erwachsener jemals mit so einem Berg an Geschenken oder auch nur mit so vielen guten Wünschen bedacht worden war.

Spazzer hatte seinen ersten Sack bereits gefüllt und nach draußen in die Diele geschleppt. Tookey folgte ihm mit seinem Sack und stellte ihn neben der Haustür ab – doch dann hielt er inne und sah sich um. Neben ihm war der mechanische Weihnachtsmann auf halbem Weg die Leiter herunter stehen geblieben. Tookey starrte ihm jetzt direkt ins Gesicht. Auch wenn das absolut lächerlich erschien: Die Figur hatte ihm den Kopf zugewandt und sah ihn an. Für einen Augenblick war Tookey wie hypnotisiert. Die Augen des winzigen Plastikgesichts waren zwei blaue Punkte, aber es hatte eine spitze Nase, und der weiße, vom Kinn herabhängende Bart hatte irgendwie etwas Dämonisches. Tookey zuckte zusammen, als der Weihnachtsmann plötzlich wieder zum Leben erwachte und seinen unbeholfenen Abstieg fortsetzte, wobei sein Gesicht sich wieder der Leiter zuwandte.

»Spaz«, sagte Tookey, als er wieder im Wohnzimmer war, erschreckte sich jedoch beinahe zu Tode, als die Schneemänner-Jazzband hinter ihm plötzlich ebenfalls zum Leben erwachte.

… »I wish it could be Christmas every daa-aa-aay!« …

Tookey wirbelte herum. Die drei Figuren drehten sich während ihrer Performance, ihr Gesang und die Musik drangen aus irgendeinem verborgenen Lautsprecher. Beinahe so abrupt, wie das Gejaule eingesetzt hatte, verstummte es wieder. Die Schneemänner blickten jetzt alle in unterschiedliche Richtungen.

Spazzer hatte sich ruckartig aufgerichtet. »Verdammt, was hast du gemacht?«

»Nichts. Es ist einfach so losgegangen! Und dieser Weihnachtsmann auf der Leiter …«

»Wahrscheinlich funktionieren sie mit Timern, oder? So ein Scheiß ist gerade voll angesagt. Aber egal, los, machen wir weiter.«

Tookey wollte gerade das Zimmer durchqueren, als er seinen Blick zufällig zur Tür schweifen ließ und den kleinen Weihnachtsmann dort stehen sah. Er hatte nach wie vor seinen Sack auf dem Rücken, den Kopf aber so gedreht, als würde er ins Wohnzimmer blicken. »Scheiße!«, schrie Tookey. Die kleine Figur stand reglos da, aber sie war eindeutig aus eigener Kraft die Leiter hinuntergestiegen und hatte die Diele durchquert. »Kann es denn angehen, dass dieses Ding durch die Gegend spaziert?«

»Was?«, entgegnete Spazzer und kam zu ihm.

»Dieses Ding … sieh doch!«

»Und wenn schon!«, entgegnete Spazzer. Er verpasste der kleinen Figur einen Tritt und katapultierte sie zurück in die Diele, wo sie mit einem lauten Scheppern auf dem Boden aufschlug. »Na bitte … Problem gelöst.«

Tookey musterte mit ungutem Gefühl all die anderen Dekorationsgegenstände.

»Soll ich dir was sagen, Took«, sagte Spazzer, »ich glaube, wir sind hier auf eine Goldmine gestoßen.«

Tookey war immer noch beunruhigt. Warum sahen ihn die Sternsinger auf dem Bücherregal an? Er war sicher, dass sie ihre Blicke beim letzten Mal, als er sie betrachtet hatte, einander zugewandt hatten. »Hä?«

»In den nächsten zwei Stunden kommt niemand zurück. Und der Transporter steht direkt um die Ecke. Mann, wir können die ganze Bude leer räumen. Wir können echt alles mitnehmen.«

Tookey begriff schließlich, worauf sein Kumpel hinauswollte. Er blickte wieder zu dem Geschenkeberg. Zwei Säcke waren bereits gefüllt, doch der Haufen war kaum kleiner geworden. Wie lange würde es dauern, alles wegzuschaffen? Wie viele Male würden sie zu dem Wagen und wieder zurücklaufen müssen? Wie lange würden sie noch in diesem Haus bleiben müssen?

»Lass uns mal einen Blick ins Esszimmer werfen!«, sagte Spazzer. »Mal sehen, ob es irgendwelches Tafelsilber gibt.«

»Was ist Tafelsilber denn heutzutage schon noch wert?«, wandte Tookey ein, während er seinem Kumpel folgte.

»Ich kenne jemanden, der das Zeug verticken kann. Da wird für uns auch nett was abfallen, keine Sorge.«

Wie im Wohnzimmer war auch die Decke des Esszimmers mit Eichenbalken verziert, die allesamt mit Efeu geschmückt waren. Ein langer Esstisch war mit Besteck, Servietten und mit Krepp umwickelten Weihnachtsknallbonbons gedeckt. An einer der Wände stand eine Mahagonianrichte, auf deren polierter Oberfläche drei weitere Weihnachtsbäume arrangiert worden waren. Auch diese Bäume waren künstlich, sie standen in mit Bändern geschmückten Eimern, aus denen hinten dünne Strippen kamen, die sich über die Anrichte schlängelten. Die Spitzen der Zweige leuchteten in verschiedenen Farbtönen.

»Meinst du so was?«, fragte Tookey und nahm eine Gabel in die Hand.

»Ne.« Spazzer riss eine Schublade der Anrichte auf. »Feine Pinkel wie die Leute, die hier wohnen, haben ein besonderes Service im Schrank, das nur für besondere Anlässe auf den Tisch kommt – nicht für die Familie.«

Hark! The herald angels siii-iiing …

Drei melodische Stimmen sangen in voller Lautstärke.

»Mein Gott!« Diesmal schrak selbst Spazzer zusammen.

Verblüffenderweise waren drei Münder erschienen, in jedem Gezweig der drei Weihnachtsbäume einer, wobei das heitere Weihnachtslied eindeutig aus den Eimern ertönte, in denen die Bäume standen. Spazzer fegte einen der Bäume von der Anrichte. Als er auf den Boden krachte, verstummte das Lied abrupt. Die Kabel an den Bäumen strafften sich, und die anderen beiden Weihnachtsbäume kippten ebenfalls auf den Boden. »Ich hasse diesen Dekoscheiß!«, fluchte Spazzer und trat wütend auf die Bäume ein. Zweige zerbrachen, die Eimer rollten durch den Raum, der Schaltkreis wurde unterbrochen.

»Vielleicht verschwinden wir besser«, schlug Tookey vor.

»Noch nicht!«, rief Spazzer und riss weitere Schubladen auf.

Tookey sah sich um. Das Fenster des Esszimmers ging auf den hinteren Garten hinaus, in dem immer noch die Schneeflocken tanzten. Die Szenerie bildete einen stimmungsvollen Hintergrund für die detailgenaue Weihnachtskrippe, die auf der Fensterbank aufgebaut worden war. Als er sich hinunterbeugte und das Ganze näher in Augenschein nahm, sah er, dass es in Wahrheit viel mehr war als nur eine Weihnachtskrippe: Es schien sich um eine Miniaturdarstellung von ganz Bethlehem zu handeln. Für einen flüchtigen Moment war Tookey gerührt, und die längst begrabenen Erinnerungen an seine Grundschultage kamen wieder hoch, als er noch die gleichen weihnachtlichen Hoffnungen und Ängste gehegt hatte wie all die anderen Kinder. Die Flachdachhäuser des nachgebauten Bethlehems waren braun oder beige, wie aus Lehmziegeln geformt, aus dem Inneren der Häuser fiel sanftes Licht nach draußen, vor ihnen standen Esel- und Kamelgespanne. Genau in der Mitte gab es einen kleinen Hügel, auf dem sich ein Stall befand, dessen Vorderseite entfernt worden war. In dem Stall lag ein Baby in einer Krippe, an deren Seiten Figuren von Maria und Joseph in der Größe von Spielzeugsoldaten knieten. Über ihnen hing ein einzelner Stern. Irgendwo auf dem Boden sprühten aus einem der Kabel der heruntergekrachten Weihnachtsbäume Funken, und der Stern erleuchtete in einem blassen silbernen Licht. Gleichzeitig setzten sich in der Stadt diverse Figuren in Bewegung. Tookey sah fasziniert zu, wie drei oder vier Männer – auch diese nicht größer als Spielzeugsoldaten – durch die engen Gassen zogen. Mit ihren Kapuzen und Umhängen und ihren Krummdolchen sahen sie so aus, als ob sie Unheilvolles im Schilde führten. Sie bewegten sich auf elektrischen Laufschienen, die ihm zuvor nicht ins Auge gefallen waren, und statteten einem Haus nach dem anderen einen Besuch ab. Jedes Mal, wenn sie ein Haus betraten, veränderte sich dessen Innenbeleuchtung und erstrahlte blutrot – begleitet von blechernen Schreien.

»Was zum Teufel …«, brachte Tookey hervor. Er erinnerte sich vage an eine Schulstunde, in der er etwas über diesen finsteren Kerl gehört hatte – wie hieß er noch mal? Herodes? –, der all die kleinen Kinder hatte töten lassen, um Jesus zu erwischen. Aber verdammt – so eine Szene stellte man doch nicht im Rahmen einer Weihnachtsdekoration dar! »Spaz!«, sagte er. »Spaz…«

»Was ist?«, raunzte Spazzer zurück, der immer noch Schubladen aus der Anrichte riss.

Bevor Tookey weiterreden konnte, wich er ruckartig zurück – vor dem Fenster war eine riesige Gestalt aufgetaucht, direkt vor ihm. Sie war weiß und mehr als zwei Meter groß. Ihre aufgerissene rote Schnauze und ihre kunststoffüberzogenen Klauen klopften an die Scheibe. »O mein Gott!«, schrie er.

Spazzer wirbelte herum, entspannte sich jedoch sofort wieder, als er den aufblasbaren Eisbären sah. »Vollidiot! Du hast mich zu Tode erschreckt!«

Die Klauen des Eisbären tappten weiter gegen die Scheibe. Aus dieser Nähe betrachtet, sahen seine Augen aus wie schwarze, tief liegende Kugeln; seine Hängebacken verzogen sich grauenhaft, als er die Lippen zurückzog und realistisch aussehende Zähne fletschte. Tookey wich weiter zurück, bis er mit dem Esstisch kollidierte. Er stieß so heftig dagegen, dass das Besteck herunterschepperte. »Ich hau ab, Spazzer. Ohne Scheiß, Alter. Mir reicht’s!«

»Wir hauen beide ab«, stellte Spazzer klar, dem die Anrichte schließlich egal war. Er verpasste ihr einen brutalen Tritt, woraufhin eine der fein gearbeiteten Holzfronten zersplitterte. Der aufblasbare Eisbär schien jetzt noch lauter an die Scheibe zu klopfen. »Schnappen wir uns einfach nur die Geschenke und verschwinden von hier.«

Sie huschten zurück durch die Diele. Die innere Haustür war verschlossen, aber auf einem Brett lag der Schlüssel bereit. Dahinter befand sich eine kleine Veranda, an deren Seiten rechts und links jeweils ein lebensgroßes Rentier aus Rattan stand. Die beiden Rentiere waren mit leuchtenden weißen Lichterketten geschmückt, jedoch auch mit einem Gewirr aus Kabeln behängt, die sich merkwürdigerweise zwischen ihnen über die Veranda zogen und somit eine Art Barriere bildeten und den Weg versperrten.

»Kümmere dich darum«, wies Spazzer Tookey an. »Ich werfe noch einen Blick in die Schlafzimmer.«

Während Spazzer nach oben stapfte, versuchte Tookey, die beiden Rentiere in die Diele zu ziehen, doch er stieß sofort auf Probleme. Die Kabel, die zum Stromanschluss führten, waren nicht nur ineinander verheddert, sondern schienen unter den Filzteppichfliesen herzuführen. Nachdem er ein paar von ihnen hochgenommen hatte, sah er, dass die Kabel durch ein Loch hindurchführten, das in die Stufe zwischen der Veranda und dem Flur gebohrt worden war, was bedeutete, dass sie auch in der Diele unter dem Teppich verliefen. Ein verirrter Strang führte allerdings am hölzernen Türrahmen entlang und nach oben zu der grün geschmückten Decke. Während Tookey an den Kabeln herumfummelte, begann eines von ihnen zu zischen, weshalb er nach einem Verteilerkasten suchte, um den Strom abzustellen, doch es war nirgends einer zu sehen, und je mehr er herumhantierte und sich hin und her drehte, desto mehr verhedderten sich seine Füße in dem Gewirr der Lichterkette.

»Scheiße!«, fluchte er, als er rückwärts in die Diele stolperte.

Als er sich von dem Kabelgewirr befreit hatte, waren die Rentiere immer noch in der Veranda, allerdings lagen sie inzwischen übereinander und waren von den Lichterketten umwickelt. Eine leichte Bewegung erregte seine Aufmerksamkeit. Durch den festlich geschmückten Torbogen der Tür, die in die Küche führte, sah er ein großes weißes Objekt, das sich von außen gegen die Küchenfensterscheibe drückte. Der Wind musste den aufblasbaren Eisbären wieder an der Rückseite des Hauses entlanggetrieben haben, doch genau in dem Moment, in dem Tookey ihn erblickte, verharrte der Bär auf einmal reglos – als ob er ihn anstarrte.

»Was ist denn nun?«, fragte Spazzer, der die Treppe wieder herunterkam.

»Nichts, ich …« Tookey riss sich aus der Trance, in die er gefallen war, musste jedoch zweimal hinsehen, als er sah, dass vor dem Küchenfenster auf einmal wieder nichts mehr war. »Gibt’s da oben irgendwas?«

Spazzer hielt ihm seine geöffnete Hand hin, in der ein paar Schmuckstücke glitzerten. Er stopfte sie in seine Tasche. »Ist nicht viel, aber besser als gar nichts. Gute Arbeit übrigens.« Er deutete auf die beiden Rentiere, die immer noch die Veranda blockierten.

»Die Dinger haben sich total in den Lichterketten verheddert. Ich hab versucht, sie da wegzuschaffen, aber es ging nicht.«

Spazzer sprang ohne ein weiteres Wort auf die beiden Dekorationsobjekte und trat und stampfte auf ihnen herum, bis von ihnen wenig mehr übrig war als ein Haufen Fetzen und Kabel. Jetzt war es kein Problem mehr, sie in die Diele zu zerren und aus dem Weg zu schaffen. »Wenn ich das nächste Mal deinen Transporter brauche, Tookey, hole ich ihn mir und lasse dich zu Hause.« Er öffnete die Haustür und sah nach draußen. »Mach noch zwei Säcke voll und komm hinter mir her.« Er hievte sich die beiden Säcke, die sie bereits an der Tür abgestellt hatten, über die Schulter, doch das kombinierte Gewicht ließ ihn beinahe nach hinten überkippen. »Verdammte Scheiße!« Tookey versuchte, ihm zu helfen, aber Spazzer wollte nichts davon wissen. »Kümmer dich nicht um mich! Pack einfach noch zwei Säcke voll!« Ohne sich noch einmal umzudrehen, taumelte Spazzer nach draußen und verschwand schwankend über die Zufahrt aus Tookeys Sicht. In dem Moment ertönte eine weitere scheppernde weihnachtliche Jazzeinlage.

… Mary’s boy-child, Jesus Christ, was born on …

Tookey wirbelte herum. Dabei verhedderten sich seine Füße erneut in den Kabeln der Lichterkette. Er stolperte seitlich gegen den Weihnachtsbaum. Als er sich – nun schon zum zweiten Mal – von den Kabeln befreit hatte, war die Musik verstummt. Argwöhnisch ging er wieder ins Wohnzimmer. Die Köpfe aller Jazzmusiker waren ihm zugewandt. Er ließ seinen Blick durch den Raum schweifen und hatte erneut den Eindruck, dass jede einzelne Figur in dem Zimmer den Kopf in seine Richtung gedreht hatte und ihn beobachtete, sogar die Zuckerguss-Soldaten, die nicht einmal aus beweglichen Teilen bestanden. Er stürzte sich auf die verbliebenen Müllsäcke und stopfte den ersten, den er zu fassen bekam, mit Päckchen voll, überlud ihn jedoch, sodass er, als er ihn durch den Raum zu ziehen versuchte, aufriss und alles wieder herausfiel. Die Zeit lief ihm davon, wie ihm panisch bewusst wurde. Aber er konnte diese Schatzhöhle doch nicht mit leeren Händen verlassen. Er nahm sich einen neuen Sack, warf ein paar Sachen hinein und zog ihn in die Diele, wo Schneeflocken durch die weit geöffnete Haustür stoben. Aus irgendeinem Grund veranlasste ihn dies, den Blick zurück zum Küchenfenster schweifen zu lassen. Dass der Eisbär nicht mehr da war, war kaum verwunderlich – der Wind musste das verdammte Teil kreuz und quer durch die Gegend gefegt haben. Aber dann hörte er von der Seite des Hauses ein Geräusch: ein Kratzen und quietschendes Schaben, als ob etwas Riesiges, Aufblasbares sich durch den engen Durchgang zur Vorderseite des Hauses zwängte.

Tookey stürmte zur Haustür und knallte sie zu. Dann trat er einen Schritt zurück, betrachtete durch das rautenförmige Fenster die draußen umherwirbelnden Schneeflocken und rechnete jeden Augenblick damit, dort einen riesigen Umriss auftauchen zu sehen. Er war sich vage dessen bewusst, dass er das Schreien von Babys hörte, die scharfen Klingen zum Opfer fielen. Doch dann hörte er noch etwas anderes: ein Rumpeln und Schaben. Er blickte zur Wohnzimmertür, brauchte jedoch nicht in das Zimmer hineinzugehen, um zu wissen, was das für ein Geräusch war: Es mussten diese in schwarzen Stiefeln mit rotem Pelzbesatz steckenden Beine sein. Er stellte sich vor, wie sie in dem Versuch, den großen Körper durch den über ihnen befindlichen Schornstein zu zwängen, hin und her strampelten. Vor seinem inneren Auge sah er eine korpulente, plumpe Gestalt, natürlich in Lebensgröße, die sich, schwarz vom Ruß, langsam durch den Schornstein herunterließ. Vielleicht umklammerten die in Handschuhen steckenden Hände genau in diesem Augenblick die Unterseite des Kaminsimses, um sich durch die Öffnung herauszuziehen.

Tookey floh über die Diele. Wenn er es schaffte, durch das Küchenfenster nach draußen zu steigen, könnte er vielleicht in den benachbarten Garten entkommen. Doch auf dem Weg verhedderten sich seine Füße wieder in den Schlingen der Lichterkette und den zerfetzten Überresten der Rattan-Rentiere. Eine gewaltige Ladung Putz rieselte herab, als er die Kabel von der Decke riss. Die zu Girlanden gebundenen Zweige und das über ihnen angebrachte Geflecht grüner Lichterketten folgten, und alles zusammen landete in einer einzigen Masse auf Tookey und begrub ihn unter sich. Das Gewirr war so schwer, dass es ihn beinahe in die Knie zwang. Von allen Seiten stachen Tannennadeln und die Dornen der Stechpalmenblätter auf ihn ein. Er drehte und wand sich und versuchte, sich zu befreien, doch dabei verhedderte er sich nur noch fester in dem Gewirr. Blitze zuckten, als die Lichterketten kurzschlossen und Funken sprühten. Ein stromführendes Kabel fiel herunter und landete Funken sprühend auf seiner Schulter. Ein weiteres wand sich wie eine Schlange um seine Füße. Tookey erstarrte, als er sich all der beschädigten Stromkabel um sich herum bewusst wurde – jedoch ein bisschen zu spät, wie die schweren Schritte, die aus dem Wohnzimmer auf ihn zugestapft kamen, bald bestätigen sollten.

 

Unter der Last der beiden Säcke niedergedrückt, taumelte Spazzer den sich schlängelnden Weg entlang, der innen um den Park herumführte. Es war eher unwahrscheinlich, dass er auf diesem wenig genutzten Weg jemandem begegnen würde, aber er hatte trotzdem gegen einige Widrigkeiten zu kämpfen. Der tiefe Neuschnee ließ ihn immer wieder stolpern und taumeln. Die Miry Lane, die ihm bei der Planung dieses Einbruchs als so geeignet erschienen war, kam ihm jetzt, in Anbetracht dessen, dass sie so viel Beute abzutransportieren hatten, absurd weit vor. Sie hätten den Transporter auch direkt in die Zufahrt des Hauses stellen können, aber was wäre gewesen, wenn die Familie früher als erwartet nach Hause gekommen wäre und ihnen den Weg versperrt hätte? Selbst wenn Tookey und Spazzer es in diesem Fall geschafft hätten, über eines der Nachbargrundstücke zu entkommen, hätte der Transporter die Bullen direkt zu ihnen geführt. Spazzer, der sowieso etwas schwach auf der Brust war, war bereits am Ende seiner Kräfte. Der Hals tat ihm weh, und die Last des schweren Diebesguts schlug ihm bei jedem Schritt schmerzhaft gegen die Wirbelsäule. Doch diese unbedeutenderen Probleme relativierten sich, als er den Park durch den auf die Miry Lane führenden Seitenausgang verließ und sah, dass von Tookeys Transporter kaum noch mehr zu erkennen war als ein schimmernder weißer Buckel.

Spazzer blieb stehen, die beiden Säcke glitten aus seinen eisigen Fingern. Etliche Sekunden lang konnte er nur dastehen und mit offenem Mund starren. Sobald er die Plane abgezogen hätte, wäre das Dach des Transporters frei, so wie auch die Windschutzscheibe und die Türen, aber die Räder waren komplett im Schnee versunken. Eine lähmende Leere überfiel ihn, als ihm allmählich dämmerte, dass dieses unvorhersehbare Problem die ganze Aktion zum Scheitern gebracht hatte. Selbst wenn es ihnen gelänge, irgendwo Schaufeln aufzutreiben – wie lange würden sie wohl brauchen, um den Wagen frei zu kriegen, und wie viel Aufmerksamkeit würde das erregen? Die nächsten Häuser an der Miry Lane waren keine dreißig Meter entfernt. Wäre er von dem fünfminütigen Marsch von dem Haus bis hierher nicht sowieso bereits zittrig und schweißnass gewesen, hätte ihn spätestens die Erkenntnis, dass all die Mühe vergeblich gewesen war, umgehauen. Die einzige Möglichkeit, die es noch gab, war, die Säcke im Park zu verstecken und an einem anderen Tag zurückzukehren und sie zu holen, aber damit würden sie ein großes Risiko eingehen. De facto war es schon ein großes Risiko, den Transporter stehen zu lassen, aber sie hatten wohl kaum eine andere Wahl.

Er warf einen Blick über seine Schulter und rechnete halbwegs damit, Tookey auf ihn zutaumeln zu sehen. Dass von seinem Kumpel weit und breit keine Spur zu sehen war, verärgerte ihn nur noch mehr. Eins stand jedenfalls fest: Sie mussten so schnell wie möglich verschwinden. Also stapfte er entnervt den gleichen Weg zurück, den er gekommen war, und fluchte leise vor sich hin. Als er mit seiner vom Rauchen zugrunde gerichteten Lunge den Nordeingang des Parks erreichte, war er völlig außer Atem und stinksauer, dass Tookey ihm immer noch nicht entgegengekommen war. Außerdem war er wütend, dass die Sache in die Hose gegangen war – daran gab es nichts mehr zu deuteln. Die ganze Nummer war verkackt. Sie konnten jetzt bestenfalls jeder noch einen Sack mitnehmen, denn sie müssten die ganze Strecke zu Fuß nach Hause gehen. Er vergewisserte sich, dass die Straße immer noch menschenleer war, und überquerte sie schnell – doch erst, als er in die Zufahrt hineinging, fiel ihm auf, dass das Haus komplett im Dunkeln lag. Er sah verblüfft nach oben. Weder die Engel auf dem Dach noch die Lichterketten an den Dachvorsprüngen leuchteten noch. Auch im Inneren des Hauses brannte kein einziges Licht. Oder war vielleicht die Sicherung herausgesprungen? Was hatte Tookey bloß jetzt schon wieder angestellt?

Als Spazzer die Haustür erreichte, stellte er fest, dass sie geschlossen und verriegelt war. Aber durch das Seitenfenster sah er, dass drinnen offenbar doch noch ein Licht brannte, das allerdings nur ganz schwach glimmerte. Er wischte den Schnee von der rautenförmigen Scheibe, um mehr erkennen zu können. In der Mitte der Diele lag ein Haufen von der Decke heruntergefallener schwelender grüner Efeuranken und Tannenzweige inmitten eines Wirrwarrs aus schwarzen ineinander verhedderten Kabeln. In diesem Haufen konnte er soeben etwas ausmachen, das aussah wie eine menschliche Gestalt, die jedoch total verkohlt war und über die immer noch Flammen hinwegleckten.

Spazzers Mund war zu trocken, um auch nur ein entsetztes Krächzen hervorzubringen. Als er versuchte zu schlucken, fühlte sich sein Speichel an wie ein verschimmeltes Apfelkerngehäuse.

Und falls es nicht seiner wilden Fantasie entsprang, dass da eine weitere entfernt menschenähnliche, ebenfalls verkohlte Gestalt neben der anderen zu liegen schien, ja, diese sogar zu umgreifen schien, konnte er sich nicht erklären, um was es sich sonst handeln sollte. Spazzer wandte sich ab, er fühlte sich wie betrunken. Selbst durch die geschlossene Tür roch er den Geruch von versengtem Fleisch. Und dann setzte sein Herz einen Schlag aus, als er den riesigen aufblasbaren Eisbären am Ende des neben dem Haus entlangführenden Durchgangs erblickte – doch genau in dem Moment sank der Bär mit einem Plumps auf alle viere nieder und fiel langsam in sich zusammen. Seine furchterregende Visage wurde faltig und schrumpfte zusammen, als keine Heißluft mehr in ihn hineinströmte.

Wie benommen umrundete Spazzer die kraftlose Gummifigur und rannte drauflos. Und diesmal rannte er wirklich – mit gleichmäßigen, großen, gazellenartigen Sätzen –, erst die Zufahrt entlang, dann über die Straße und zurück durch den Park. Am Ende der Miry Lane blieb er stehen, schnappte sich einen der Säcke, die er bereits hergeschleppt hatte, schwang ihn sich über die Schulter und eilte weiter. Angst und Entsetzen verliehen ihm Kräfte, von denen er nicht im Traum geglaubt hätte, dass sie in ihm steckten, und versetzten ihn in die Lage, den Nachhauseweg in nur fünfzehn Minuten zu schaffen. Merkwürdigerweise hörte es genau in dem Moment auf zu schneien, als er den Wohnblock erreichte, in dem sich seine Bude befand. Er schaffte es die vier Serpentinentreppen hinauf, ohne jemandem zu begegnen, betrat seine Wohnung, warf den Sack ins Schlafzimmer und ging schwitzend und zitternd weiter in das äußerst spärlich eingerichtete Wohnzimmer. Es gab nur ein schlecht gefedertes Sofa, einen Fernseher und einen niedrigen Beistelltisch, auf dem sich eine volle Packung Zigaretten, ein Becher und eine halb leer getrunkene Flasche Whisky befanden. Er schenkte sich schnell vier Fingerbreit ein und steckte sich eine Zigarette in den Mund. Beinahe geistesabwesend schaltete er den Fernseher ein und starrte eine junge und überraschend begehrenswerte Julie Andrews an, die wie wild mit ein paar Zeichentricktieren tanzte. Er nahm kaum wahr, was er sah, goss sich nochmals vier Fingerbreit ein und ließ sich den Whisky durch die Kehle gleiten. Sich bis zur Besinnungslosigkeit zu betrinken – das war die einzige Lösung. Er schaltete den Fernseher aus, genehmigte sich noch einen Schluck Scotch, diesmal direkt aus der Flasche, und taumelte ins Schlafzimmer.

Spazzer hatte keine Ahnung, wie spät es war, als er aufwachte, wahrscheinlich früh am Morgen. Er fühlte sich von dem Whisky benebelt, aber das Schlafzimmer war eisig kalt, und sein rechtes Auge tat ihm höllisch weh. Er tastete blind nach der Nachttischlampe und zog an der Schnur. Als die Glühbirne aufflammte, betastete er sein Gesicht und entdeckte Blut auf seiner Wange und etwas, bei dem es sich offenbar um einen kleinen Holzsplitter handelte, der sich in seinen Augenwinkel gebohrt hatte. Nachdem er ihn entfernt hatte, starrte er den Fremdkörper ungläubig an. Es war eine winzige, pink-weiß gestreifte Zuckerstange.

Er sah hinab auf sein Kissen, und dort lag der aufziehbare Weihnachtsmann. Einer seiner Arme fehlte, und sein Hals war grässlich verdreht, aber seine Beine bewegten sich immer noch, als ob sie die Leiter hinaufsteigen wollten. Spazzer war bereits über das Stadium des Staunens und der Verwunderung hinweg. Der Sack mit den Geschenken stand neben dem Bett, das erklärte also, wie der kleine Mistkerl in sein Schlafzimmer gelangt war. Spazzer knurrte wütend, packte die Figur, schleuderte sie auf den Boden und trat immer wieder auf sie ein, bis Zahnrädchen und Federn in alle Richtungen flogen. Als er fertig war, kehrte er den platt getretenen Schrott zusammen, taumelte in die Küche und versenkte ihn im Müllschlucker. Doch kaum hatte die Anlage aufgehört, zu rattern und zu mahlen, um das Müllvolumen zu reduzieren, hörte Spazzer aus seinem Schlafzimmer ein anderes Geräusch: Es klang wie das Zerreißen und Zerknüllen von Papier.

Er eilte hin, blieb in der geöffneten Tür stehen und wusste nicht, ob er sich in das Zimmer hineinwagen sollte. Diverse bunt verpackte Päckchen waren aus dem Sack gefallen und bewegten sich selbstständig über den Teppich. Die verpackten Geschenke wickelten sich langsam aus. Wie es schien, war Spazzer mit den Weihnachtsdekorationen fertig geworden, doch jetzt musste er es mit den Weihnachtsgeschenken aufnehmen.

Paul Finch

Über Paul Finch

Biografie

Paul Finch hat als Polizist und Journalist gearbeitet, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Er hat zahlreiche Drehbücher, Kurzgeschichten und Horrorromane veröffentlicht und wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem British Fantasy Award und dem International Horror Guild Award. Er...

Inhaltsangabe

Die Weihnachtsgeschenke

Mitternachtsgottesdienst

Das verzauberte Haus

Die Mummenschanz-Spieler

Das Gespenst von Killingly Hall

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