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Das Geheimnis von RookwoodDas Geheimnis von Rookwood

Das Geheimnis von Rookwood

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Das Geheimnis von Rookwood — Inhalt

Dies ist die Geschichte, wie aus Ivy Scarlet wurde ... Als die zwölfjährige Scarlet unter mysteriösen Umständen verschwindet, wird ihr Platz an der Eliteschule Rookwood frei, und Scarlets Zwillingsschwester Ivy soll ihn einnehmen. Doch nicht etwa als normale Schülerin. Denn die finstere Lehrerin Miss Fox eröffnet Ivy, dass sie sich als Scarlet ausgeben soll. Und das, obwohl sich Ivy in Rookwood überhaupt nicht auskennt und Scarlet eigentlich so ganz anders ist als sie! Aber natürlich will Ivy herausfinden, was mit ihrer geliebten Schwester passiert ist, und so lässt sie sich auf den Deal ein. Sie beginnt, an der ihr völlig neuen Schule Nachforschungen anzustellen und kommt dabei dem dunklen Geheimnis von Rookwood auf die Spur ...

€ 13,00 [D], € 13,40 [A]
Erschienen am 02.10.2018
Übersetzt von: Andreas Decker
288 Seiten, Hardcover
EAN 978-3-492-70464-9
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 02.10.2018
Übersetzt von: Andreas Decker
288 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99234-3

Leseprobe zu »Das Geheimnis von Rookwood«

1. Kapitel

Dies ist die Geschichte, wie ich meine Schwester wurde.

Der Brief kam am ersten September. Das weiß ich so genau, weil das der Tag nach unserem dreizehnten Geburtstag war. Meinem dreizehnten Geburtstag. Dem ersten, den ich nicht mit meiner Zwillingsschwester Scarlet teilen konnte.

Ich wachte auf, ging die Wendeltreppe im Haus von Tante Phoebe hinunter und atmete den Duft von Schinken ein, der in der Pfanne schmorte. Die frühe Morgensonne erwärmte bereits die Luft. Es hätte ein schöner Tag werden können.

Als ich aus dem Schatten der Treppe in [...]

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1. Kapitel

Dies ist die Geschichte, wie ich meine Schwester wurde.

Der Brief kam am ersten September. Das weiß ich so genau, weil das der Tag nach unserem dreizehnten Geburtstag war. Meinem dreizehnten Geburtstag. Dem ersten, den ich nicht mit meiner Zwillingsschwester Scarlet teilen konnte.

Ich wachte auf, ging die Wendeltreppe im Haus von Tante Phoebe hinunter und atmete den Duft von Schinken ein, der in der Pfanne schmorte. Die frühe Morgensonne erwärmte bereits die Luft. Es hätte ein schöner Tag werden können.

Als ich aus dem Schatten der Treppe in den sonnendurchfluteten Korridor trat, sah ich ihn. Auf den Steinfliesen lag ein Brief.

Im ersten Moment hielt ich ihn für einen verspäteten Geburtstagsgruß. In diesem Jahr hatte ich nur von meiner Tante eine Karte bekommen, und der Anblick des einsamen, einzelnen Namens oben auf der Seite hatte mehr geschmerzt, als ich in Worte fassen konnte. Aber als ich den Umschlag aufhob, fühlte es sich mehr nach einem richtigen Brief an.

Scarlet hatte es geliebt, mir geheime Botschaften zu schicken. Aber sie hatte ihre Briefe immer so schlampig zugemacht, dass es vermutlich genügt hätte, sie kurz anzuhauchen, um sie zu öffnen. Dieser Umschlag war fest verschlossen und mit Wachs versiegelt. Ich drehte ihn um. Er war an meine Tante adressiert. Ich sollte ihn öffnen, dachte ich. Tante Phoebe hatte nichts dagegen, wenn ich ihre Post las. Tatsächlich musste ich das für gewöhnlich sogar tun; wenn ich mich nicht darum kümmerte, türmten sich die Briefe nur im Korridor auf.

Ich ging in die Küche und setzte mich auf einen der wackeligen Stühle. Dann betrachtete ich das Siegel auf dem Umschlag genauer – es war schwarz und zeigte die reliefartige Darstellung eines Vogels auf einer Eiche. Darunter standen die Worte »Rookwood School« mit dunkler Tinte aufgestempelt.

Rookwood School. Scarlets Schule. Warum schrieben die Tante Phoebe?

Ich holte ein Messer aus der Küchenschublade und schnitt damit den Umschlag auf.

 

Mrs. Phoebe Gregory

Blackbird Cottage

Bramley Hollow

 

30. August 1935

Sehr geehrte Mrs. Gregory,

da Sie der Vormund von Ivy Grey sind, informiere ich Sie hiermit, dass auf unserer Schule durch die unglücklichen Umstände der letzten Zeit ein Platz frei geworden ist, den Ihre Nichte einnehmen wird. Die Eltern haben das Schulgeld in voller Höhe bezahlt und sie soll sobald wie möglich anfangen. Eine Lehrerin wird sie abholen, die Einzelheiten wird man ihr bei ihrer Ankunft erklären.

Mit freundlichen Grüßen

Edgar Bartholomew (Direktor)

 

 

Ich warf den Brief von mir, als hätte ich mir die Finger daran verbrannt. Bezeichneten sie den Tod meiner Schwester wirklich als »unglückliche Umstände«?

Ich saß da und starrte den Brief an, Fragen über Fragen schossen mir durch den Kopf. Aus irgendeinem Grund wollte die Rookwood School mich haben – den Zwilling, der nicht gut genug gewesen war. Sicherlich hätten sie den Platz Hunderten anderer Mädchen geben können. Warum also gerade mir?

In diesem Augenblick bemerkte ich, dass es nicht mehr nach gebratenem Schinken roch, sondern nach verbranntem Schinken. Ich sprang auf, lief zum Herd und wedelte den Rauch von meinem Gesicht fort. Es war zu spät. Der Schinken war bereits total verkokelt.

Tante Phoebe musste während des Bratens irgendwohin gegangen sein. So etwas kam öfter vor. Ich sah aus dem Küchenfenster und entdeckte sie auf der Bank im Garten, die Hände hatte sie ordentlich im Schoß gefaltet und ihr Gesicht zeigte einen völlig geistesabwesenden Ausdruck. Tante Phoebes Mann war im Großen Krieg gestorben und hatte ihr nur ein Arbeitszimmer voller Bücher und eine winzige Rente hinterlassen. Seitdem war sie nicht mehr ganz dieselbe.

Ich schnappte mir den Brief und ging hinaus. Meine Tante schaute nicht einmal auf, obwohl das Knirschen meiner Schritte auf dem Kies mich ankündigte. Sie schaute den Goldfischen im Teich zu. Die kamen an die Oberfläche, verursachten kleine Wellen und flitzten dann wieder fort. Ihre goldenen Schuppen funkelten im Sonnenschein.

»Tante Phoebe?«

»Ach, Ivy«, erwiderte sie. Blinzelnd schaute sie zu mir hoch, dann richtete sie den Blick wieder aufs Wasser. »Ich habe dich gar nicht bemerkt, Liebes.«

»Du hast einen Brief von . . .«, setzte ich an, aber sie unterbrach mich. Anscheinend hatte sie meine Worte gar nicht mitbekommen.

»Scarlet hat die Fische geliebt, nicht wahr? Ich weiß noch, wie sie immer am Teich kniete und ihrem Spiegelbild Grimassen schnitt, als ihr noch klein wart. Das sei, als hätte sie eine weitere Zwillingsschwester, nur dass die sogar noch stiller wäre als du, hat sie damals gesagt.«

Ich lächelte dünn. Typisch Scarlet. Sie hat sich immer über alle lustig gemacht, am meisten über mich, aber mich hat das nie gestört. Oder ich habe es zumindest nicht gezeigt.

Scarlet und ich waren Spiegelzwillinge. Vor unserer Geburt hat unsere Mutter geglaubt, nur ein Baby zur Welt zu bringen, aber dann kam ich – die etwas kleinere und schwächere Version meiner Schwester, aber das perfekte Spiegelbild. Unsere Muttermale befanden sich an derselben Stelle, nur auf gegenüberliegenden Seiten. Ich war Linkshänderin, während Scarlet Rechtshänderin war. Tante Phoebes Ehemann, Dr. Gregory, hat mir einmal erzählt, dass selbst unsere Herzen möglicherweise auf der jeweils anderen Seite lagen. Ich war wie Scarlets zum Leben erwachtes Spiegelbild.

Ich setzte mich neben Tante Phoebe auf die Bank. Es war keineswegs überraschend, dass sie an Scarlet dachte. Meine mutige, freche und offene Schwester war stets jedermanns Liebling gewesen. Ich war nur Ivy. Die schüchterne, anhängliche Ivy. Ich hätte Scarlets Spiegelbild sein können, aber genauso gut hätte ich auch ihr Schatten sein können.

»Du meine Güte, es tut mir leid«, sagte meine Tante. »Ich musste nur gerade an sie denken.«

»Ich verstehe.«

Obwohl ich es nicht tat. Ich verstand nicht, warum Scarlet gestorben war. Ich verstand nicht, wie jemand plötzlich nicht mehr da sein konnte, der so voller Leben gewesen war. Ich verstand nicht, warum Gott, falls es ihn dort oben gab, mir eine Zwillingsschwester gegeben hatte, nur um sie mir dann wieder wegzunehmen.

Oder wie es sein konnte, dass das Leben trotzdem weiterging.

»Du hast einen Brief bekommen«, wiederholte ich und wedelte damit herum.

Tante Phoebe schaute auf. »Ach? Was steht denn drin?«

»Sie wollen, dass ich nach Rookwood gehe. Um Scarlets Platz einzunehmen.«

Sie riss die Augen weit auf. »Donnerwetter.« Sie hielt inne. »Das ist eine ziemliche Ehre. Es ist eine sehr renommierte Schule, nicht wahr?«

Die Rookwood School. Scarlet war dort gestorben. Erst vor ein paar Monaten, kurz nach Sommerbeginn. Ein plötzliches Fieber, hatte es geheißen, die Grippe oder eine Lungenentzündung: irgendetwas, das sich weder voraussehen noch verhindern ließ. Meine Stiefmutter hatte mir diese Erklärungen beiläufig mitgeteilt, als würden sie nichts bedeuten, während ich nur schluchzen konnte, weil man mir gerade die Hälfte meiner Welt entrissen hatte.

Ich hatte nie dorthin gewollt. Jetzt nicht, überhaupt nie.

Ich schaute zu meiner Tante auf. Ihr sanftes Gesicht wurde von nussbraunen Locken eingerahmt, die langsam grau wurden. »Und dein Vater hat bereits zugestimmt?«

Ich seufzte. Das war typisch für ihn, einer solchen Sache zuzustimmen, ohne es mir zu sagen. »So steht es in dem Brief. Das Schulgeld wurde in voller Höhe bezahlt.«

»Nun, dann ist es entschieden, Liebes«, sagte Tante Phoebe.

Ich antwortete nicht.

»Ich lasse dich allein, damit du in Ruhe darüber nachdenken kannst«, sagte sie fröhlich und tätschelte mein Bein. Dann ging sie den Gartenpfad entlang, vorbei am Plumpsklo und dem Gemüsebeet, und fing an, Unkraut zu zupfen. Dabei sang sie leise vor sich hin, schon wieder in einer anderen Welt.

Ich fühlte mich so hilflos, als würde man mich nach Rookwood zerren, an einen Ort, den ich nur in meiner Vorstellung kannte, der mich aber trotzdem mit Entsetzen erfüllte.

Vielleicht ist das ja eine gute Sache, versuchte ich mir einzureden. Ein neuer Anfang, neue Freunde. Überhaupt Freunde. Schließlich hatte sich Scarlet stets gewünscht, ich wäre mit ihr dort. Irgendwie würde ich ihr an diesem Ort also näher sein, oder nicht?

Plötzlich fing ich an zu weinen und wischte mir hastig die Tränen von den Wangen. Wem wollte ich etwas vormachen? Der letzte Ort auf der Welt, an dem ich sein wollte, war der Ort, an dem Scarlet . . . Allein schon der Gedanke verursachte mir Kopfschmerzen.

Ich warf den blöden Brief ins Gras.

Tante Phoebe schaute auf, ein Bündel Löwenzahn in der Hand. Ich vergrub den Kopf in den Händen und hörte, wie sie über den Kiespfad zu mir kam.

»Ach, Scarlet«, sagte sie und musterte mich mit leerem Blick. »Dir wird es auf dieser Schule bestimmt gefallen, da bin ich mir sicher. Natürlich werde ich dich schrecklich vermissen, aber du wirst gut allein zurechtkommen, oder?«

Sie bemerkte ihren Fehler nicht einmal.

Ich konnte mir nicht vorstellen, jemals allein zurechtzukommen.



2. Kapitel


Der nächste Tag war prächtig, es war einer jener Tage, an denen es so flirrend heiß ist, dass man einfach nicht glauben will, der Sommer könnte irgendwann zu Ende sein. Ich lag auf den Steinplatten am Rand des Teiches auf dem Rücken, las in einem zerfledderten Exemplar von Jane Eyre und gab mir alle Mühe, das mir bevorstehende Schicksal auf Rookwood zu vergessen.

Manchmal schaute ich ins Wasser, nur um mein grünlich schimmerndes Spiegelbild zurückblicken zu sehen. Das genügte beinahe, um so zu tun, als wäre Scarlet bei mir.

Beinahe.

»Ivy!« Die Stimme meiner Tante erscholl von der Hintertür. Ich schaute so schnell auf, dass ich fast das Buch in den Teich geworfen hätte.

»Ivy!«, rief sie erneut, obwohl ich sie direkt ansah. In den blassen Händen wrang sie das Ende ihrer Schürze.

»Ja?«, antwortete ich.

»Du hast eine . . . Besucherin. Eine Lehrerin von der Schule.«

Jetzt schon? Ich war noch nicht bereit dafür. Aber vermutlich würde ich das nie sein. Langsam ging ich zurück zum Haus, krümmte die Zehen auf den harten Steinen.

»Eine Dame«, fügte sie hinzu, bevor sie mich sanft in die Küche schob.

Die Dame war groß und dürr. Sie trug ein langes schwarzes Kleid mit vielen Taschen, das ihr mehrere Nummern zu groß zu sein schien. Ihr Gesicht war scharf und spitz, das braune Haar hatte sie zu einem festen Knoten hochgesteckt. Dadurch sah sie aus, als würde eine Reihe Wäscheklammern an ihrem Hinterkopf ihre Haut straffen. Das Gesicht bot keinen sehr erfreulichen Anblick, vor allem, weil sie mich anstarrte, als wäre ihr gerade eine besonders eklige Wespe in den Mund geflogen.

»Ivy Grey?«

»Ja?«, erwiderte ich wie betäubt.

»Ja, Miss. Ich gehe davon aus, dass Sie unseren Brief erhalten haben?«

»Ja, Miss.« Ich nickte langsam und sah zu, wie sie um den Küchentisch herumschlich. Sie strich mit dem Finger über die Oberfläche und musterte ihn dann ausgesprochen undamenhaft.

»Gut. Dann werden Sie mich zur Schule begleiten.«

Ich blinzelte. »Jetzt sofort?«

Die Frau senkte die Brauen und verschränkte die knochigen Arme. »Ja, jetzt sofort. Das Schuljahr fängt an. Dafür müssen Sie in der Schule sein.«

Ich drehte mich zu meiner Tante um, die mich mit großen Augen anblickte.

»Tante Phoebe?« Ich sah sie flehend an.

»Entschuldigen Sie uns einen Moment«, sagte sie zu der Lehrerin und zog mich sanft in den Korridor. »Oh je«, sagte sie leise. »Sie scheint streng zu sein, aber es ist eine sehr gute Schule, darum wird man dort eher, äh . . .«

»Aber Tante Phoebe«, flüsterte ich, »ich dachte, ich hätte noch mehr Zeit.« Um die Wahrheit zu sagen, machte ich mir auch einige Sorgen um meine Tante, weil sie ganz allein sein würde. »Und was ist mit dir?«

Meine Tante lächelte entrückt. »Ich komme prächtig zurecht.«

Ich spähte durch die Tür zu der schrecklich spitzen Frau, die mit dem Fuß auf den Boden klopfte und mich aus zusammengekniffenen Augen anstarrte.

»Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit, Miss Grey«, sagte sie hochnäsig. »Holen Sie Ihre Sachen.« Sie zeigte nach oben, bei dieser Bewegung klirrte der Inhalt ihrer Taschen.

Scarlet hätte ihr auf den klopfenden Fuß getreten. Aber ich – nun, ich tat, was man mir befohlen hatte.

Schaudernd ging ich die Treppe hinauf. Alles an dieser furchtbaren Frau in der Küche machte mich nervös.

Mein Schlafzimmer befand sich hinter einer schmalen Tür direkt neben dem Treppenabsatz und es war für eine beträchtlich kleinere Person als mich gebaut. Die Decke war niedrig, das Fenster hatte kleine, verzogene Scheiben. Bei meinem Einzug in Tante Phoebes Haus war es mir zuerst sehr einsam vorgekommen: Hier war ganz offensichtlich kein Platz für einen Zwilling. Aber mit der Zeit hatte es sich wie ein Zuhause angefühlt, und es wieder verlassen zu müssen, stimmte mich traurig.

Ich griff unter das Bett und zog meine blaue Reisetasche hervor. Ich füllte sie mit meinen wenigen Besitztümern: ein Kamm, Toilettenartikel, Lockenwickler aus Metall, Briefpapier und Tinte, ein paar Bücher, die Kette aus winzigen Perlen, die ich von unserer Mutter Emmeline geerbt hatte. Sie war kurz nach Scarlets und meiner Geburt gestorben, also hatten wir sie nie kennengelernt. Wäre sie dagewesen, um auf uns aufzupassen, wäre Scarlet heute vielleicht noch am Leben gewesen.

Ich warf meine Unterwäsche und mein bestes Kleid hinein – durch das Auslegepapier in Tante Phoebes Schubladen rochen die Sachen alle nach Lavendel –, obwohl ich wusste, dass ich auf Rookwood eine Schuluniform würde tragen müssen. Ich holte meine Ballettsachen, den cremefarbenen Anzug mit dem passenden Rock und auch die schwarze Garnitur. Die weichen rosafarbenen Schuhe wickelte ich in Seidenpapier ein, bevor ich sie verstaute. Sie waren so gut wie neu, und ich betete darum, dass sie zumindest noch ein paar Monate halten würden.

Mein ganzes Leben einzupacken hatte nicht viel Zeit beansprucht. Jetzt sah das kleine Zimmer nackt und traurig aus. Während ich meine Lederschuhe zuschnürte, starrte ich auf die Bodendielen und versuchte mich davon zu überzeugen, dass alles gut werden würde.

Dir wird es gut gehen. Es gibt nichts, wovor du Angst haben müsstest. Es ist nur eine Schule.

Ich schloss die Augen und nahm einen tiefen, zittrigen Atemzug. Dann latschte ich mit meiner Tasche wieder nach unten.

»Bist du fertig zur Abreise?«, fragte Tante Phoebe. »Ich bin sicher, Mrs. . . . Miss, es tut mir leid, wie sagten Sie noch einmal, ist Ihr Name?«

»Miss Fox«, fauchte die Frau.

»B-bestimmt wird sich Miss Fox gut um dich kümmern«, sagte meine Tante und wich meinem Blick aus. Beruhigend legte sie mir die Hand auf die Schulter. »Ich sehe dich bald wieder, Ivy, Liebes«, fügte sie hinzu und drückte einen Kuss auf meine Stirn.

»Das hoffe ich.« Ich brachte ein Lächeln zustande. »Ich schreibe dir.«

Miss Fox’ Fuß klopfte nun schneller. »Wir haben keine Zeit für Sentimentalitäten. Der Chauffeur wartet.«

Ich zuckte zusammen und umklammerte meine Tasche fester, dann folgte ich Miss Fox hinaus auf die Straße, wo mich das helle Sonnenlicht blendete.

»Auf Wiedersehen, mein Schatz«, sagte meine Tante.

»Auf Wiedersehen«, hauchte ich zurück. Und bevor ich wusste, wie mir geschah, wurde ich auf die Rückbank eines teuer aussehenden Automobils gedrängt.

Sofort schlugen mir der Geruch der Ledersitze und der Rauch der Zigarre des Chauffeurs entgegen.

»Sitzen Sie gerade«, schnappte Miss Fox, während sie vorn einstieg.

»Entschuldigung, Miss?«

Sie drehte sich um und starrte mich wie ein krankes Schaf an. »Sitzen Sie gerade, wenn Sie in meinem Fahrzeug sitzen. Und bitte vermeiden Sie es, die Sitze anzufassen.«

Ich faltete die Hände im Schoß. »Wie lange werden wir unter. . .«

»Ruhe!«, unterbrach sie mich. »Dieses ganze sinnlose Geplapper bereitet mir Kopfschmerzen.«

Der Motor erwachte knatternd zum Leben, während ich mich zurücklehnte und versuchte, ein paar tiefe Atemzüge zu nehmen. Die Abgase brachten mich zum Husten. Miss Fox schnalzte missbilligend mit der Zunge.

Von dem Chauffeur konnte ich nur eine flache Tweedmütze und ein paar graue Haare in seinem Nacken sehen. Er sagte nichts, sondern nickte nur und fuhr los.

Ich starrte aus der Heckscheibe. Tante Phoebe stand auf der Türschwelle. Sie winkte mir traurig nach. Während der Wagen beschleunigte, sah ich, wie sie immer kleiner wurde und langsam im Sonnenlicht verblasste, das durch die Baumwipfel strömte.

Ich drehte mich um und meine Augen blickten mir aus dem Rückspiegel entgegen. Sie glänzten nass vor Tränen.

Sophie Cleverly

Über Sophie Cleverly

Biografie

Sophie Cleverly wurde 1989 in Bath geboren. Schon seit sie schreiben kann, will sie Geschichten erzählen. Sie hat einen Bachelor in »Creative Writing« und einen Master in »Writing for Young People«. Wenn sie nicht gerade schreibt, schaut sie gerne phantastische Filme, bloggt über Symphonic Metal...

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