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Das Geheimnis des GoldschmiedsDas Geheimnis des Goldschmieds

Das Geheimnis des Goldschmieds

Roman

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Das Geheimnis des Goldschmieds — Inhalt

Einmal noch möchte der Goldschmied das Dorf seiner Kindheit wiedersehen. Und seine große Liebe Celia, die ihn damals fortschickte. Im Ort angekommen, stellt er fest, dass hier die Zeit stehen geblieben ist: Er befindet sich wieder in den 50ern. Und dieses Mal will er Celias Herz endgültig erobern.

Erschienen am 01.09.2017
Übersetzer: Stefanie Gerhold
96 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-31124-3
Erschienen am 14.07.2014
Übersetzer: Stefanie Gerhold
96 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96852-2

Leseprobe zu »Das Geheimnis des Goldschmieds«

Vier Uhr morgens. Die letzten Dezembertage.

Ich schreibe jetzt für mich, von Hand, in meiner kleinen Goldschmiedschrift, während vor dem Fenster dieser halbleeren, neu gemieteten Wohnung der Schnee sanft auf die Clinton Street fällt, wo die Musik, von der Cohen sprach, verstummt ist. Ich schreibe für mich. Sonst ist niemand da. Jetzt, da Celia weg ist, ist niemand da.

Ich habe drei Zigaretten geraucht und nach Worten gesucht, nach einem Ansatz, nach dem Anfang dieser Geschichte, die ich mir heute erzähle, nur wo soll ich ihn finden? Wie? Wie nur, wenn [...]

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Vier Uhr morgens. Die letzten Dezembertage.

Ich schreibe jetzt für mich, von Hand, in meiner kleinen Goldschmiedschrift, während vor dem Fenster dieser halbleeren, neu gemieteten Wohnung der Schnee sanft auf die Clinton Street fällt, wo die Musik, von der Cohen sprach, verstummt ist. Ich schreibe für mich. Sonst ist niemand da. Jetzt, da Celia weg ist, ist niemand da.

Ich habe drei Zigaretten geraucht und nach Worten gesucht, nach einem Ansatz, nach dem Anfang dieser Geschichte, die ich mir heute erzähle, nur wo soll ich ihn finden? Wie? Wie nur, wenn es keinen Anfang gibt und wenn das Ende, das vor so vielen Jahren mein Leben gezeichnet hat, von diesem New Yorker Morgen gerade sechs Tage entfernt liegt?

Die Erinnerungen stürmen auf mich ein, ringen darum, die Unordnung in meinem Kopf zu bezwingen, und verschmelzen zu einem Magma, das, einmal erstarrt, nur noch schemenhaft das Geschehene erkennen läßt.

Ein möglicher Anfang: Es war September, eine windige, gewittergeladene Nacht. Ich döste im leeren Zugabteil auf meiner Reise nach Oneira, wo ich mich von Onkel Eloy verabschieden wollte, dem letzten Verwandten, der mir geblieben ist und dem ich meinen Beruf verdanke. Er war es, der mich damals in seiner Uhrmacherwerkstatt aufnahm, als ich mit zwanzig Jahren verzweifelt aus Villasanta fortging und mir schwor, nie wieder zurückzukehren.

Das Licht im Gang beschien schwach mein Gesicht, das sich im Zugfenster wie ein Bild der Phantasie spiegelte und mir das Gesicht meiner Kindheit in Erinnerung rief, es emporholte aus der Tiefe, in die es bei meinem Fortgehen für immer gesunken war, als hätte sich dieses Kind mit dem glücklichen Lächeln und den glänzenden Augen die ganze Zeit irgendwo in meinem Innern verborgen gehalten und nur auf den rechten Moment gewartet, um aus den schlickigen Wassern der Vergangenheit wieder aufzutauchen.

Es war fast fünfundzwanzig Jahre her, daß ich aus Villasanta de la Reina weggegangen war und alles, was mein Leben bis dahin gewesen war, hinter mir gelassen hatte, die Schule hatte ich hinter mir gelassen, die Freunde, die Tanzabende, die Spaziergänge. Und Celia.

Ich erinnere mich, daß ich in dem Zugabteil hochschreckte, so intensiv war meine Erinnerung an den Augenblick, als ich sie zum ersten Mal sah, an ihr dunkles Profil im Vorraum des Lys, an die kleine Perle an ihrem Ohr, an das weiße Taschentuch, mit dem sie sich vorsichtig die Lider unter den Wimpern abtupfte, als sie aus dem Kino kam, an ihren raschen Blick zu der Freundin, die sie mit einem Lächeln beruhigte: »Nein, man sieht dir nichts an.« Es war, als wüßte mein Herz sich nicht zu entscheiden, ob es aufhören zu schlagen oder losrasen sollte, hin zu dieser Frau mit den ebenso zerbrechlichen wie harten Zügen, die mit ihrem Maßkostüm und der Perlenkette wie eine Schauspielerin des Cine Noir aussah, wie ein gesunkener Stern in einem armseligen Dorfkino, dessen Boden mit den Schalen von Sonnenblumenkernen und fettigen Papieren der Thunfischteigtaschen übersät war. Damals erfuhr ich, daß sie die Schwarze Witwe genannt wurde, das sagte mir Tony und gab mir einen Rippenstoß, während sie zwischen den vielen Besuchern der Abendvorstellung am Ausgang verschwand.

Wie in Trance verließ ich das Kino, ich hätte alles getan, um sie wiederzusehen, einen Blick von ihr aufzufangen, ihre Stimme zu hören. Es muß völlig an mir vorbeigegangen sein, daß meine Freunde mich ins Negresco mitnahmen, um vor dem Nachhausegehen noch einen zu trinken, denn erst, als wir an dem hinteren Tisch unter dem Spiegel saßen, merkte ich auf einmal, daß der Kellner schon ungeduldig wurde. Ich murmelte: »Einen Espresso mit Milch«, und als Fabián weggegangen war, sah ich anstelle der weißen Schürze, die mich noch vor einer Sekunde geblendet hatte, sie, direkt vor mir, mitten im Café. Sie starrte mich an mit einem Ausdruck, den ich nicht deuten konnte, der zwischen Überraschung, Freude und Entsetzen schwankte und den ich erst fünfundzwanzig Jahre später begreifen sollte, als es schon zu spät war.

Sie blieb ein paar Meter vor uns stehen, umklammerte den Bügel ihrer Handtasche, als hinge daran ihr Leben. Die Freundin, eine affektierte Schnattergans, die trotz ihrer für eine alleinstehende Vierzigerin lächerlichen Koketterie immer bekommt, was sie will, kam auf uns zu: »Jungs, wenn’s euch nichts ausmacht … es sind noch andere Tische frei … hier ist unser Stammplatz. Fabián hat wahrscheinlich nicht daran gedacht, es euch zu sagen. Es macht euch doch nichts aus, oder? Celia sitzt so gerne an dem Tisch hier.«

Ich stand sofort auf. Ich wäre auch auf die Knie gefallen, wenn man mich darum gebeten hätte. Meine Freunde, nette Jungen, standen ebenfalls auf und deuteten dem Kellner hinter der Bar an, daß man uns die Getränke an einen anderen Tisch bringen solle, »Die Alten mit ihren Schrullen, laßt sie doch«. Mir kam Celia nicht alt vor. Sie hatte eine blasse, seidige Haut und winzige Fältchen um die Augen – diese Augen, die sich nicht von mir lösten und deren Farbe ich damals mit Bier verglich und erst später, als ich schon Goldschmied war, mit brasilianischem Topas, Abendlicht, das zu Kristall geworden war.

Die Erinnerungen drängten sich hinter meinen geschlossenen Lidern wie Kinobesucher, die in einem riesigen Kino durch einen einzigen Ausgang ins Freie müssen, so daß alle rempeln und schubsen und die besonders dreisten oder rücksichtslosen die anderen beiseite drängen, bis einer nach dem anderen die Tür passiert. Bilder, die ich vergessen glaubte, blitzten für ein paar Sekunden auf, dann ließen sie andere, ebenso intensive und klare Bilder vor: die Samstagsspaziergänge durch die Calle Jardines; die sommerlichen Tanzabende im Kasino, das schon für das große Stadtfest geschmückt war; die endlosen Gespräche mit den Schulkameraden im Negresco über unsere Zukunft, die wir uns immer glänzend, immer großartig vorstellten; die ersten Zigaretten, die wir an der Friedhofsmauer rauchten; das Baden im Fluß; die neue Grundschullehrerin, die jemand im Unterrock gesehen hatte, weil in dem Haus, das ihr die Hebamme Remedios vermietet hatte, noch keine Gardinen hingen, woraufhin die entsetzten Nachbarinnen ihr Vorhänge fürs Schlafzimmer schenkten; die Thunfischbrötchen von Florinda, der Alten aus der Wirtschaft, mit diesem Faulpelz von Mann, mit dem es in einer Spelunke in Montecaín ein schlimmes Ende nahm.

Gerüche, Geräusche, Lichter, die für immer in den Sumpf des Gedächtnisses gesunken waren, zu den Erinnerungen an das Haus meiner Kindheit, das meine Eltern hinter sich abschlossen, um nach Oneira zu ziehen, nachdem meine Schwester mit einundzwanzig in Paris von einem Motorrad überfahren wurde und am letzten Tag ihres Sommerkurses starb, dieses Haus, das, auch nachdem meine Eltern gestorben waren, noch immer in Villasanta stand, mit allen seinen staubbedeckten Möbeln, den alten Fotos in den Schubladen, dem Besteck für den Alltag in der Küche, den Laken, die vielleicht schon die Mäuse angeknabbert hatten; dieses Haus, dessen Schlüssel ich seit Papas Tod wie ein seltsames Amulett immer bei mir trug, wobei ich niemals gedacht hätte, daß ich ihn noch einmal gebrauchen würde.

Der Zug fuhr durch den zweiten der drei Tunnel, die wie ein »Sesam, öffne dich« den Weg nach Umbría freigeben, ins Land der Legenden, wie der Slogan unserer Tourismusmanager verkündet, und noch bevor wir aus dem dritten Tunnel herausgefahren waren, noch ehe ich mir über mein Tun klarwerden konnte, hatte ich die beiden Koffer heruntergeholt, die mich als Gepäck auf meiner Reise nach New York begleiten sollten, hatte mir Mantel und Hut angezogen und stand auf der Plattform, wo ich darauf wartete, daß hinter der langen Kurve der Bahnhof von Villasanta de la Reina auftauchte.

Ich weiß nicht, was ich dachte. Ich weiß nicht, was ich vorzufinden erwartete. Ich erinnere mich nur noch, daß etwas in meinem Innern mir sagte: »Jetzt oder nie«, und ich wußte auch, wenn ich diese Gelegenheit vorbeiziehen ließe, wenn ich nach Oneira durchführe, den Charterflug nach London nähme und von dort nach New York weiterflöge, würde ich das Städtchen meiner Kindheit nie wiedersehen.

Als der Zug an dem Bahnhof hielt, den ich seit 1974 nicht mehr betreten hatte, war ich für einen Augenblick drauf und dran, die Tür wieder zu schließen, doch dann stieg ich aufs Trittbrett, hob die Koffer herunter und stand nun auf dem Bahnsteig. Ich hielt meinen Hut fest und las die großen, schmutziggrauen Buchstaben an dem Vordach mit den schmiedeeisernen Säulen, während sich hinter mir der Zug wieder in Bewegung setzte. Als ich mich umdrehte, um ihm nachzublicken, sah ich nur noch kleine rote Lichter, die in die Dunkelheit verschwanden. Außer mir war niemand ausgestiegen, und der Bahnhofsvorsteher, der eine Laterne in der Hand hielt und das Gesicht vor dem Wind schützte, fragte mich in dem Akzent von Umbría, den ich schon fast vergessen hatte: »Wollen Sie in die Stadt runter?«

Ich nickte, woraufhin er fortfuhr: »Dann sage ich Braulio Bescheid, wenn’s Ihnen recht ist. Oder wartet jemand auf Sie?«

»Nein«, antwortete ich. »Auf mich wartet niemand.«

Im Bahnhofsvorraum zündete ich mir eine Zigarette an, während der Mann in das Büro ging und telefonierte. Irgendwie fühlte ich mich wie kurz vor dem Erwachen aus einer lähmenden, benommen machenden Siesta. Alles war so wie in meiner Erinnerung: die Holzbänke, die handgeschriebenen Anschläge, die große Uhr mit den Eisenzeigern, deren Spitzen wie Pfeile geformt waren. Zehn vor elf.

»Er ist gleich da«, sagte er mir aus dem Büro heraus. »Aber warten Sie lieber drinnen. Es hat gerade zu regnen angefangen, da kommt bestimmt noch einiges runter. Arme Rübe, die heute nacht auf dem Feld stehen muß!«

Nach fünfzehn Jahren in Madrid verblüffte mich der Ausdruck, aber der Mann sah mich mit seinen schwarzen Äuglein an, dazwischen die rote Knollennase, die einem eindeutig franquistisch inspirierten Schnauzbart zu entwachsen schien, und da tat ich ihm den Gefallen zu lachen. Dann ließ er mich, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, allein im Bahnhofsvorraum zurück.

Ich setzte mich auf eine Bank nahe der Tür, nachdem ich mich durch einen Blick aus dem Fenster vergewissert hatte, daß die Straße immer noch leer war, und auf einmal überkam mich der übermächtige Wunsch zu fliehen, wohin auch immer, in diesem Bahnhof so lange sitzen zu bleiben, bis irgendein Zug mit irgendeinem Ziel vorbeikäme, denn nur so war die Katastrophe zu vermeiden, die mich in Villasanta unweigerlich erwartete. Ich wußte, daß es verrückt war, daß ich in einem Städtchen dieser Größe, so sehr es gewachsen und modernisiert worden sein mochte, unvermeidlich Celia begegnen würde, die jetzt wahrscheinlich in dem großen Eisenbett schlief, wo wir uns zum ersten Mal geliebt hatten, wo ich zum ersten Mal ihren nackten Körper gesehen hatte, diesen Körper, der noch immer in meinen Träumen auftaucht und der jetzt, da sie siebenundsechzig Jahre alt ist, runzlig und schlaff sein muß wie eine welke Blume.

Was würde ich ihr sagen, wenn ich sie sähe? Was würde sie mir sagen? Vielleicht würde sie mich partout nicht wiedererkennen wollen, würde erhaben und streng an mir vorübergehen wie immer schon, mit ihrem Profil, das einer antiken Münze glich, und in die Ferne wie in eine andere Welt blicken. Vielleicht hatte sie die Liebe und den Schmerz jener fernen, fünfundzwanzig Jahre zurückliegenden Monate aber auch vergessen und würde mich herzlich und ungezwungen grüßen, ohne Groll oder Erregung. Vielleicht hatte sie einen verwitweten Notar geheiratet und am Ende ihres Lebens doch noch das Glück erfahren, einen rechtmäßigen Ehemann zu haben und sich nicht für ihre Liebe schämen zu müssen. Denn als ich sie kennenlernte, war sie das, was meine Eltern »eine gezeichnete Frau« nannten.

Elia Barceló

Über Elia Barceló

Biographie

Elia Barceló, in Elda bei Alicante geboren, lebt seit vielen Jahren in Innsbruck, wo sie an der Universität spanische Literatur unterrichtet hat. Sie ist mit einem Österreicher verheiratet und hat zwei Kinder. Bereits mit ihrem ersten auf Deutsch erschienenen Buch »Das Geheimnis des Goldschmieds«,...

Pressestimmen

Brigitte

Die Spanierin Elia Barceló hat ein Schmuckstück an Textkunst geschmiedet. Geschickt verflicht sie die Zeitebenen, schürt sie die Sehnsucht, bis man es glaubt: Wahre Liebe stirbt niemals.

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