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Das FlüsterhausDas Flüsterhaus

Das Flüsterhaus

Roman

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Das Flüsterhaus — Inhalt

Jede Liebe hat ihre Zeit – jedes Glück seinen Preis

Annie sollte glücklich sein: Zusammen mit ihrem Mann William, einem einflussreichen Polizeioffizier, und ihrer Tochter Elizabeth lebt sie ein beschauliches Leben. Aber dennoch – etwas fehlt. Als ihre Jugendliebe Tom aus dem Gefängnis entlassen wird und den Kontakt zu ihr sucht, weiß sie auch, was sie vermisst hat. Kopflos und voller neuer Lebenslust lässt sie sich auf ein Abenteuer ein – nicht ahnend, dass sie bald mit einem schweren Schicksalsschlag dafür bezahlen muss …

€ 12,00 [D], € 12,40 [A]
Erschienen am 13.10.2014
Übersetzer: Monika Köpfer
464 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30358-3
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 13.10.2014
Übersetzer: Monika Köpfer
464 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96729-7

Leseprobe zu »Das Flüsterhaus«

EINS

 

 

Matlow, South Yorkshire, März 1984

A nnie Howard schrak, von abgrundtiefer Angst gepackt, aus dem Schlaf.

Langsam öffnete sie die Augen und blickte sich um. Alles schien normal. Sie war zu Hause, im ehelichen Schlafzimmer. Den Geräuschen aus dem Zimmer am Ende des Flurs nach zu urteilen, war Ethel, ihre Schwiegermutter, ebenfalls wach, und William war unten in seinem Arbeitszimmer und hörte Vivaldi, was bedeutete, dass er gute Laune hatte.

Ich muss wohl einen bösen Traum gehabt haben, dachte Annie, das ist alles.

Sie schlug die Steppdecke zur [...]

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EINS

 

 

Matlow, South Yorkshire, März 1984

A nnie Howard schrak, von abgrundtiefer Angst gepackt, aus dem Schlaf.

Langsam öffnete sie die Augen und blickte sich um. Alles schien normal. Sie war zu Hause, im ehelichen Schlafzimmer. Den Geräuschen aus dem Zimmer am Ende des Flurs nach zu urteilen, war Ethel, ihre Schwiegermutter, ebenfalls wach, und William war unten in seinem Arbeitszimmer und hörte Vivaldi, was bedeutete, dass er gute Laune hatte.

Ich muss wohl einen bösen Traum gehabt haben, dachte Annie, das ist alles.

Sie schlug die Steppdecke zur Seite, stieg aus dem Bett und ging über den tiefen, weichen Teppich zum Fenster. Sie zog den Vorhang zurück und sah zum Moor, dann wandte sie sich wieder um und ließ den Blick einen Moment auf dem gerahmten Foto an der Wand verweilen. Es war neun Jahre zuvor, im April 1975, an ihrem Hochzeitstag aufgenommen worden. Annie und William posierten vor der Kirche, und seine Kollegen von der Polizei bildeten das Ehrengeleit. William sah großartig aus in seinem Polizeiornat. Zu seiner Linken stand, breit lächelnd, sein Trauzeuge Paul Fleming. Annie, zu seiner Rechten, wirkte sehr jung, und an der Art, wie sie ihren Brautstrauß umklammerte, sah man, wie aufgeregt sie war.

Während sie sich anzog, kam William herein. Er trug einen seiner Lieblingsanzüge, den er so mochte, weil die Farbe besonders gut zu der seines Haars und seiner Augen passte. Er stellte ihr einen Becher Kaffee auf den Nachttisch, dann trat er zu ihr, legte seine Hand an ihren Nacken und zeichnete mit dem Daumen die Linie ihres Kinns nach. Sie schmiegte ihre Wange in seine Hand.

»Musst du schon gehen?«, fragte sie. »Es ist doch noch früh.«

»Ja, leider. Ich habe eine Besprechung mit dem Chief Constable aus Nottinghamshire.«

»Und er ist interessanter als ich?«

»Natürlich nicht, aber was sein muss, muss sein, Annie.«

»Ich weiß, ich weiß.« Annie ging zum Schrank, öffnete ihn und sah hinein. »Was gibt es heute denn Wichtiges zu besprechen? Geht es wieder um den Bergarbeiterstreik?«

»Worum sonst? Ich fürchte, es wird wieder ein langer, anstrengender Tag.« Er seufzte, aber Annie spürte, dass er es kaum erwarten konnte, das Haus zu verlassen und sich in die Arbeit zu stürzen.

»Annie, würdest du bitte mein Hemd aus der Reinigung abholen?«, fuhr er fort. »Ich brauche es für das Tanzdinner morgen Abend.«

»Natürlich. Ich fahre heute sowieso in die Stadt, um Mum zu besuchen.«

»Gut, dann bis heute Abend.«

»Ja, bis dann.« Sie hielt ihm das Gesicht hin, und er küsste sie auf die Stirn.

»Und du vergisst das Hemd bestimmt nicht?«

»Nein, versprochen.«

Annie lauschte Williams Schritten auf der Treppe und verfolgte im Geiste, wie er im Arbeitszimmer die Musik ausmachte, die Tür abschloss, in die Küche ging und seine Kaffeetasse in die Spüle stellte, seine Brieftasche nahm, den Flur durchquerte, sein Aussehen im Spiegel überprüfte, dann die Haustür öffnete und hinter sich zuzog. Schließlich hörte sie seine Schritte draußen auf dem Kies, dann war es kurz still, während er in den Wagen stieg, sich anschnallte und sich wie immer vergewisserte, dass er auch nichts vergessen hatte. Kurz darauf sprang der Motor des Jaguars an, gefolgt von dem leisen Knirschen der Räder, als der Wagen die gekieste Auffahrt hinunterfuhr. Sie lauschte, bis er in die Landstraße eingebogen war und sich entfernt hatte. Dann zog sie sich fertig an und ging ihre siebenjährige Tochter wecken. Lizzies Zimmer lag neben dem ihrer Großmutter. Annie schob die Tür auf, betrat den Raum und stieg über Spielzeug und Bücher hinweg zum Bett. Sie beugte sich über ihre Tochter und strich ihr das blonde Haar aus der Stirn.

»Hey, kleine Schlafmütze«, sagte sie leise. »Aufwachen!«

Elizabeth kuschelte sich tiefer unter ihre Bettdecke. »Nein«, brummte sie. »Ich will nicht.«

»Du musst aber, du Küken, sonst kommst du zu spät in die Schule.«

»Ich will heute nicht in die Schule.«

»Wie dumm, es bleibt dir nämlich nichts anderes übrig.«

Annie hob Scooby hoch, den Spielzeughund, der Elizabeth auf Schritt und Tritt begleitete, und kitzelte sie mit seiner Schnauze am Hals.

Die Kleine kicherte und setzte sich auf. Dann legte sie den Kopf schief und lauschte auf ein herannahendes Geräusch.

»Was ist das?«

»Was ist was?«

»Ein Motorrad kommt! Es ist Johnnie! Warum besucht er uns so früh?«

Mutter und Tochter huschten zum Fenster und spähten hinaus. Ein Motorrad holperte die Auffahrt herauf. Elizabeth winkte mit beiden Armen, und Annie sah zu, wie ihr jüngerer Bruder die Yamaha vor das Haus schob, mit der Stiefelspitze den Motorradständer heruntertrat und den Helm vom Kopf zog. Dann ging er mit knirschenden Schritten auf die Haustür zu.

»Ich laufe rasch hinunter, um ihn zu fragen, was ihn so früh am Morgen zu uns führt«, sagte Annie. »Zieh du dich inzwischen an, Lizzie.«

»Aber ich will auch zu Johnnie!«

»Zuerst anziehen.«

Annie eilte die Treppe hinab in den großen, luftigen Flur, in dessen Mitte ein indischer Läufer mit üppigem Rankenmuster lag. Sie öffnete die Haustür. Ihr jüngerer Bruder stand mit dem Helm unter dem Arm da und ließ seinen Schlüsselanhänger in Form des A-Team-Vans um den Zeigefinger kreisen. Hinter ihm stand die Sonne schon hoch über dem Moor und tauchte den noch winterlich braunen Farn in ein rotes Licht, sodass man meinte, die Berge stünden in Flammen.

Annie verschränkte die Arme vor der Brust und sah ihren Bruder von oben bis unten an.

»Du bist seit letzter Woche schon wieder ein Stück größer geworden«, meinte sie.

»Ach, lass den Quatsch«, sagte Johnnie.

»Aber schöner geworden bist du nicht. Was willst du so früh hier? Möchtest du nicht reinkommen? Soll ich dir eine Tasse Tee machen?«

Er schüttelte den Kopf. »Ich muss weiter zur Zeche«, sagte er. »Ich wollte dir nur erzählen …«

»Johnnie!« Elizabeth kam die Treppe herabgepoltert. Ihre Bluse war noch nicht zugeknöpft, der Reißverschluss ihres Schulrocks war noch offen, und die Strümpfe hatte sie in der Hand. Sie warf sich ihrem Onkel in die Arme, und er hob sie hoch, woraufhin sie Arme und Beine um ihn schlang. »Du musst reinkommen und mit uns frühstücken«, sagte sie. »Das ist ein Befehl.«

»Von wem?«

»Von mir. Und ich bin der Chef!«

Johnnie grinste. »Nun, wenn Miss Elizabeth Howarth das sagt, kann ich wohl kaum widersprechen.«

Sie gingen zusammen in die Küche. Den Helm ihres Onkels auf dem Kopf, schlang Elizabeth ihre Haferflocken hinunter. Annie machte derweil Tee und Toast. Sie füllte einen Becher und stellte ihn vor Johnnie hin.

»Also?«, fragte sie. »Was gibt es? Was führt dich so früh zu uns?«

Johnnie nahm einen tiefen Atemzug. Er warf einen verstohlenen Blick auf Elizabeth und sagte dann leise: »Tom Greenaway ist wieder da.«

Annie glitt das Messer aus der Hand. »Ich dachte, er wäre noch im Gefängnis.«

»Nein, er ist wieder draußen. Ich habe vor zehn Minuten mit ihm gesprochen. An der Tankstelle. Er hat an der Säule vor mir seinen Pick-up vollgetankt.«

Annie strich Honig auf die Toastscheiben. Sie war so nervös, dass sie sich die Finger und den Tisch bekleckerte. Dann stellte sie den Teller vor Johnnie hin.

»Zuerst hab ich ihn nicht erkannt. Aber dann ist er zu mir gekommen, hat ganz freundlich getan und gesagt: ›Du bist doch Johnnie Jackson, nicht wahr?‹ Und ich hab Ja gesagt, worauf er meinte: ›Nun, du wirst dich nicht an mich erinnern, du warst noch ein Kind, als ich von hier wegging, aber ich war einmal mit deiner Schwester zusammen.‹ Und da hat es bei mir klick gemacht.« Johnnie nahm den Toast und schob sich die ganze Scheibe in den Mund. Annie legte noch eine auf seinen Teller.

»Wer ist Tom Greenaway?«, fragte Lizzie.

»Niemand«, sagten Annie und Johnnie gleichzeitig. Lizzie zuckte mit den Schultern. Dann ließ sie Johnnies Schlüsselanhänger auf dem Tisch kreisen, aber Annie wusste, dass sie die Ohren spitzte.

Johnnie fuhr fort: »Er hat gefragt, was ich so mache und warum ich nicht bei den Streikposten bin, und ich hab gesagt, dass ich in der Kantine der Zeche arbeite und nur die Kumpels streiken, die übrige Belegschaft nicht.«

»Das dürfte ja wohl allgemein bekannt sein.«

»Mhm.« Johnnie nahm einen Schluck Tee. »Dann hat er mich gefragt, ob ich mir seinen Truck anschauen will.« Zu seiner Nichte gewandt, sagte er: »Schieb mir bitte den Zucker rüber, Lizzie. Danke. Nicht schlecht, sein Wagen. Ein Ford Pick-up. Mit Firmenlogo auf beiden Seiten und so. Und ich hab gesagt: ›Es scheint ja gut zu laufen bei dir‹, worauf er nur Ja sagte. Anscheinend ist er schon eine Zeit lang aus dem Knast heraus und hat seinen eigenen Betrieb gegründet; er legt Hecken an und fällt Bäume und solche Sachen. Greenaway Garden Services nennt er sich.«

»Er war schon immer am liebsten im Freien«, sagte Annie leise.

»Er hat sich nach dir erkundigt – wie es dir geht und was du so machst.«

»Hast du ihm etwas erzählt?«

»Das wär dir doch bestimmt nicht recht gewesen.«

»Nein.«

»Ich bin ja nicht blöd, Annie.«

»Nein, natürlich nicht.«

»Doch, du bist blöd«, sagte Lizzie im Flüsterton.

»Und du bist ein freches Gör.«

»Geh nach oben, Liebes, und putz dir die Zähne«, sagte Annie zu ihr.

Johnnie wartete, bis das Kind verschwunden war, dann schob er seinen Stuhl zurück und stand auf.

»Tom hat mich gebeten, dir das hier zu geben.« Er fischte ein gefaltetes Blatt aus seiner Jackentasche. »Ich wollte es eigentlich wegschmeißen, aber er hat gemeint, es wär wichtig. Und ich musste ihm hoch und heilig versprechen, dass ich es dir gebe.«

Annie nahm den Brief, schloss ihre Finger darum und knüllte ihn zusammen.

»Ich hab ihm gesagt, dass du ihn bestimmt nicht liest. Und dass du nichts mehr mit ihm zu tun haben willst. Das stimmt doch, oder, Annie?«

»Ja«, sagte sie. »Das hast du gut gemacht.« Sie lächelte ihren Bruder an und reckte sich, um ihm einen Kuss auf die Wange zu geben. Dann ging sie, gefolgt von seinem Blick, zu dem alten Kohleofen, öffnete die Tür und warf das zerknüllte Blatt in die Flammen.

 

 

 

ZWEI

 

 

So wie jeden Morgen richtete Annie ein Frühstückstablett für Williams Mutter her. Als sie das gekochte Ei mit einem Löffel aus dem Topf fischte, kam Mrs Miller, die private Pflegerin, durch die Hintertür herein.

»Guten Morgen!«, sagte sie fröhlich. »Und was für ein schöner Morgen es ist! Endlich fühlt es sich wie Frühling an.« Sie schlüpfte aus ihrem Mantel. Annie stellte das Ei in den Eierbecher, der auf dem Tablett stand.

»Wurde auch allmählich Zeit«, erwiderte sie. »So, das hier können Sie mit nach oben nehmen, Mrs Miller. In der Kanne ist frischer Tee, und hier ist Toast mit Ethels geliebter Aprikosenmarmelade.«

»Wunderbar«, sagte Mrs Miller. Sie hievte ihre voluminöse Handtasche auf den Küchentisch, öffnete sie und kramte darin herum. Elizabeth, fertig für die Schule angezogen, trat neugierig näher. »Oh, sieh mal, was ich gefunden habe«, sagte Mrs Miller. »Eine Karamellstange. Kennst du jemanden, der so was vielleicht mag, Lizzie?«

Elizabeth lächelte schüchtern. »Ich?«, sagte sie.

»Ach so? Du magst das? Wer hätte das gedacht! Dann nimm sie dir.« Mrs Miller reichte dem Kind die Karamellstange. »Heb sie für die Pause auf«, fügte sie hinzu.

»Danke, Mrs Miller.«

»Gern geschehen, Mäuschen.«

»Nun komm, Lizzie, wir sind spät dran«, sagte Annie. Sie öffnete die Hintertür, ließ Lizzie vorbei und rief Mrs Miller einen Abschiedsgruß zu. Sie folgten dem Plattenweg ums Haus herum zum Vorgarten, wo Elizabeth zu der Stelle auf dem Rasen huschte, von wo aus sie ihrer Großmutter jeden Morgen zum Abschied zuwinkte. Ethel Howard sah für gewöhnlich aus dem kleinen Fenster ihres Zimmers an der Stirnseite des Hauses. An manchen Tagen vergaß sie, dass sie eine Enkelin hatte, und ließ sich nicht am Fenster blicken. Aber als Annie und Elizabeth an diesem Morgen hinaufsahen, war Ethel da, ihr Gesicht ein Schatten hinter der Fensterscheibe.

»Ich schlag ein Rad für Großmutter«, verkündete Elizabeth und warf ihren Schulranzen auf den Rasen.

»Aber mach schnell«, sagte Annie.

Sie schirmte mit der Hand die Augen ab und betrachtete das Haus. Everwell war ein Jahrhundert zuvor für die Familie erbaut worden, der ursprünglich das Bergwerk von Matlow gehört hatte. Es verdankte seinen Namen dem Quellbrunnen im Garten und hatte zweimal den Besitzer gewechselt, ehe William es 1971 von dem Vermögen gekauft hatte, das sein Vater ihm hinterlassen hatte. Von außen sah das Haus noch genauso aus wie nach der Erbauung. Eine alte Glyzinie ergoss ihre Frühlingsblüten vor den Sprossenfenstern. Der Garten fiel sanft ab, am Rasenrand nickten Narzissen bedächtig in der sanften Brise, und hundertjährige Buchen säumten beidseitig die gekieste Auffahrt. Das ehemalige Cottage des Wildhüters, inzwischen eine baufällige Ruine, die William irgendwann einmal zu renovieren oder aber abzureißen gedachte, stand neben der niedrigen Steinmauer, die den Garten von der dahinterliegenden Kuhweide abtrennte. Und jenseits davon, ungefähr eine Meile entfernt, erstreckte sich unter einem strahlend blauen Himmel das Moor.

Es war schön, hier zu wohnen. Manchmal, so wie in diesem Moment, konnte Annie kaum fassen, dass sie es so weit gebracht hatte.

Nachdem sie Elizabeth bei ihrer Privatschule hatte aussteigen lassen, folgte sie in ihrem VW Golf der Landstraße zur Stadt hinunter. Die Zeche lag an der Bergflanke und überragte mit ihren Minengebäuden, Fördergerüsten, Kehrrädern und Abraumhalden den Ort. Vor dem Mineneingang musste sie anhalten, weil eine Menschenmenge die Straße blockierte. Ein älterer Mann in Jacke und Filzhut sprach über ein Megafon zu den Bergleuten; Annie konnte nicht verstehen, was er sagte, hörte nur seine dröhnende, widerhallende Stimme. Einige Männer hockten auf der Grundstücksmauer oder lehnten daran, andere standen, die Kragen hochgeschlagen, grüppchenweise auf der Straße rauchten und unterhielten sich lachend. Ein paar Polizisten plauderten scherzend mit ihnen und boten ihnen großzügig Zigaretten an. Die älteren Bergmänner waren von zäher, muskulöser Statur, ihre Gesichter unter den Schiebermützen ausgemergelt von der jahrelangen Plackerei unter Tage. Die jüngeren waren langhaarig. Ein paar von ihnen trugen noch immer ausgestellte Jeans. Matlow war in Sachen Mode immer ein paar Jahre zurück im Vergleich zu den größeren Städten Yorkshires.

Annie entdeckte ein paar bekannte Gesichter unter den Männern. Sie war mit ihnen zur Schule gegangen. Während sie den Wagen in dem Gedränge auf der Straße langsam vorrollen ließ, vernahm sie plötzlich raues Gelächter. Lachten die Männer über sie? Machten sie sich über sie lustig? Sie wusste, dass die Leute aus dem Städtchen hinter ihrem Rücken über sie redeten, das hatte Marie, ihre Mutter, ihr gesagt. Vielleicht erinnerten sich einige der Männer, die auf der Mauer saßen, an die Zeit, als sie noch in Matlow gewohnt und als Sekretärin im Rathaus gearbeitet hatte. Vielleicht erinnerten sie sich auch daran, dass sie einmal die Freundin von Tom Greenaway gewesen war.

Annie atmete langsam aus. Sie kam nur im Schneckentempo voran. Plötzlich ertönte irgendwo in der Menge ein Ruf, und die Männer um sie herum warfen ihre Zigaretten zu Boden, rückten von der Straße weg und drängten sich auf dem Vorplatz zusammen, sodass sie endlich weiterfahren konnte. Sie kämpfte mit dem Schaltknüppel, legte den zweiten Gang ein, beschleunigte und setzte erleichtert ihre Fahrt fort.

Annie passierte die neue Wohnsiedlung und gelangte am Gebäude der Heilsarmee und der Ruine des in den 1960ern erbauten Einkaufszentrums mit seinen zerbrochenen Fensterscheiben und graffitibesprühten Mauern vorbei in den älteren Teil der Stadt. Beim Stadtbad bog sie links ab, hielt vor der Reinigung an, um Williams Hemd abzuholen, und fuhr danach wieder zurück in die Vorstadtsiedlung, die sich hangabwärts erstreckte und deren Sträßchen von den Reihenhäusern der Bergarbeiterfamilien gesäumt waren.

Sowohl Annie als auch Johnnie waren in dem nach vorn gelegenen Schlafzimmer in der Rotherham Road 122 geboren worden, im selben Bett, in dem ihre Eltern noch heute schliefen. Als Annie den Wagen vor dem Haus abstellte, öffnete Marie Jackson die Tür. Annie trat in den finsteren, engen Flur und ließ in dem schmalen Raum zwischen der Treppe und der Garderobe, wo Jacken und Mäntel an nackten Haken hingen, die Umarmung ihrer Mutter über sich ergehen. Marie hatte kräftige, sehnige Arme, blond gefärbtes, zu einem Knoten frisiertes Haar, Kreolen an den Ohrläppchen und war wie immer stark geschminkt – dunkel umrandete Augen unter gezupften und mit dünnen Strichen nachgezogenen Brauen. In der Küche war das Teewasser bereits aufgesetzt, und auf dem Tisch stand ein Teller mit selbst gebackenem Parkin – in Rechtecke geschnittenem und mit Butter bestrichenem Kuchen aus Haferflocken und dunklem Zuckersirup –, schwarz und klebrig wie Teer. Annie blickte durchs Fenster in den Hof, wo sich ihr ein Sammelsurium aus Mülltonnen, dem letztjährigen Weihnachtsbaum, Teilen eines Kinderfahrrads, das irgendjemand Johnnie vermacht hatte, und einem Kaninchenstall darbot. Die beiden Whippets von Annies Vater lagen auf einer alten Decke in der Sonne.

»Wo ist Dad?«, fragte sie. »Heute ist doch sein freier Tag.«

»Er ist zur Zeche hochgefahren, um zu hören, was die Gewerkschaft sagt. Sie wollen, dass alle die Arbeit niederlegen.«

»Ich habe die Menschenmenge vor dem Zechentor gesehen. Aber die Kumpel schienen gut gelaunt.«

»Na ja, sie wissen, dass sie nicht verlieren können. Das ganze Land steht hinter ihnen.«

Der Wasserkessel machte einen Hüpfer auf der Herdplatte und begann zu pfeifen.

»Geh doch schon mal ins Wohnzimmer und mach es dir bequem, Annie. Ich komm gleich mit dem Tee nach.«

Annie folgte der Aufforderung ihrer Mutter und setzte sich auf den Sessel ihres Vaters beim Fenster zur Straße. Der braune Überzug der Armlehnen war durch das Aufstützen der Ellbogen speckig geworden, und die schadhaften Sprungfedern drückten durch das Sitzpolster. Im Zimmer roch es nach Kohle, und nach den vielen Jahren war alles mit einer braunen Nikotinschicht bedeckt, die das ganze Zimmer in einen ockerfarbenen Ton tauchte.

Marie kam mit dem Tablett herein und stellte es auf den Tisch.

»Ist bei dir alles okay, Annie?«, fragte sie. »Du siehst ein bisschen blass aus.«

»Nein, nein, alles okay.«

»Komm schon, raus damit! Irgendwas hast du doch auf dem Herzen!«

»Nein, es ist nur … Ach, Mum, wusstest du, dass Tom Greenaway wieder in der Stadt ist?«

»Oh«, sagte Marie. »Wie ich sehe, hat sich die Neuigkeit schon bis zu dir rumgesprochen.« Sie ließ sich schwer auf die Couch fallen und bückte sich nach der Zigarettenpackung und dem Aschenbecher auf dem Boden.

»Du hast es gewusst?«

»Ich bin neulich Sadie Wallace in die Arme gelaufen. Sie hat es mir erzählt.«

»Was hat sie gesagt?«

»Nicht viel. Sie zeigt mir noch immer die kalte Schulter, nach dem, was dein Tom ihrer Großmutter angetan hat.«

»Wenn Sadie sich mehr um ihre Großmutter gekümmert und sie nicht allein in diesem schrecklichen Bungalow gelassen hätte, wäre …«

»Nun reg dich nicht auf«, sagte Marie. »Lass uns nicht wieder davon anfangen.«

Sie bot ihrer Tochter eine Zigarette an, doch Annie schüttelte den Kopf.

»Weiß Dad, dass er zurück ist?«

»Sei nicht albern. Glaubst du, dein Tom hätte …«

»Er ist nicht mein Tom.«

»Glaubst du, er hätte noch einen heilen Knochen im Leib, wenn dein Dad davon Wind bekommen hätte, dass er wieder in der Stadt ist? Es wäre für alle das Beste, wenn Tom Greenaway schleunigst wieder in das Loch zurückkriechen würde, aus dem er herausgekommen ist.«

»Ja, das wäre in der Tat das Beste.«

Marie steckte sich eine Zigarette an. Sie blies den Rauch aus und sagte dann: »Wie auch immer, du solltest auf dich achtgeben, Annie. Pass auf, was du sagst.«

»Ach, lass doch die Leute reden, was sie wollen. Es ist mir egal.«

»Um das Gerede der Leute mache ich mir keine Sorgen.«

»Worum dann?«

»Was glaubst du wohl, warum Tom Greenaway zurückgekommen ist, wenn nicht wegen dir?«

»Er ist in Matlow geboren und aufgewachsen. Wohin sollte er denn sonst gehen?«

»Er weiß, dass er hier nicht willkommen ist. Er hat keine Familie mehr hier. Er erzählt überall rum, dass er seinen Namen wieder reinwaschen will, aber niemand interessiert sich dafür. Ich hab keine Ahnung, was er wirklich will.«

»Er wird schon einen triftigen Grund haben.«

»Ja, zum Beispiel dort wieder anzuknüpfen, wo er aufgehört hat. Mit dir, meine ich.«

Annie blickte auf ihre Hände in ihrem Schoß, die den Teebecher umklammert hielten. Sie betrachtete ihren Ehering und den zierlichen Verlobungsring mit dem von Diamanten eingefassten Saphir. Die Ringe hatten einmal Williams Großmutter gehört und waren für Annie eine Art Talisman. Mit ihnen war sie vor Tom sicher. Sie führte eine stabile Ehe mit einem guten, tüchtigen Mann. Ihr neues Leben war von einem Schutzwall umgeben.

»Wenn es das ist, was er will, hat er sich gehörig geschnitten. Ich will nichts mehr mit ihm zu tun haben!«

Marie legte ihre Zigarette auf den Aschenbecherrand und kratzte mit dem Fingernagel an einem Backenzahn, an dem ein Stück Parkin klebte.

»Du warst schon einmal so leichtsinnig, dich mit dem Kerl einzulassen.«

»Das ist lange her. Wie auch immer …« – Annie streckte ihren Rücken – »lass uns nicht weiter Zeit mit Tom Greenaway verschwenden. Ich brauche ein neues Kleid. Ich wollte in die Stadt, hast du Lust mitzukommen?«

»Wozu brauchst du noch einen Fummel? Hast du nicht schon genügend davon?«

»Morgen ist ein Tanzdinner im Haddington Hotel. Für die Führungsebene der Polizei. Alles, was Rang und Namen hat, wird dort sein.«

Marie zog eine Grimasse. »Alles, was Rang und Namen hat, soso«, sagte sie in gespielt hochnäsigem Ton. »Und du glaubst, dass alle sich bei Mrs Annie Howarth abgucken wollen, was der neueste Schrei in Sachen Mode ist?«

»William will halt, dass ich hübsch aussehe.«

Marie stieß ihr kehliges Lachen aus. »William interessiert es nicht die Bohne, was du anhast. Er himmelt dich so oder so an. Man könnte meinen, ein Mann, der dein Vater sein könnte, hätte mehr Sinn und Verstand.«

Marie ließ keine Gelegenheit aus, auf den Altersunterschied zwischen Annie und ihrem Mann anzuspielen. Annie ging nicht darauf ein, sondern trank ihren Tee aus. »Gut, ich muss dann los«, sagte sie. »Und ich wünschte, du hättest ein bisschen mehr Vertrauen in mich. Diesmal werde ich in Bezug auf Tom Greenaway bestimmt das Richtige tun, keine Sorge.«

»Ja, ja«, erwiderte Marie verdrießlich, »dein Wort in Gottes Ohr.«

Lesley Turney

Über Lesley Turney

Biografie

Lesley Turney arbeitet als Texterin und lebt mit ihren drei Söhnen und ihrem Partner in Bath, einer historischen Stadt in der Grafschaft Somerset, deren heiße Quellen bereits zur Römerzeit genutzt wurden. Nach »Die fremde Frau«, »Das Dornenhaus« und »Das Flüsterhaus« ist »Das Haus der leeren...

Kommentare zum Buch

Besuch aus der Vergangenheit
Corinna Pehla am 20.11.2014

 Annie hat viele Gründe glücklich zu sein. Sie lebt in einem großen Haus, hat einen Ehemann der sie liebt, eine süße Tochter und keine finanziellen Sorgen. Und doch, nach zehn Jahren ist ihre Jugendliebe Tom aus dem Gefängnis entlassen worden. Beide mussten von heute auf morgen getrennte Wege gehen und als Tom nun den Kontakt zu Annie sucht, ist da immer noch etwas zwischen ihnen. Doch diese Begegnungen bringen ein Risiko mit sich und als nach kurzer Zeit eine Frauenleiche gefunden wird, die Annie erschreckend ähnlich sieht, ändert sich alles. Wer steckt hinter diesem Mord und schwebt Annie in Gefahr?       Als „Das Flüsterhaus“ bei mir eintrudelte, wurde ich sofort vom Cover angezogen. Das raue Meer und das Haus auf den Klippen... es versprach für mich Spannung und gute Unterhaltung.   Für mich persönlich haben sich meine Vermutungen dann auch bestätigt, denn das Buch ist wirklich gelungen. Allerdings muss ich gestehen, dass ich mit dem Titel nicht so zurechtkomme, denn im Original heißt es „Your beautiful lies“, was für mich stimmiger ist.   Lesley Turney schreibt Annies Geschichte sehr flüssig, auch wenn ich den Schreibstil recht einfach gehalten finde. Dies ist aber zu keinem Zeitpunkt störend und passt gut zur Geschichte. Mir konnte die Autorin das komplette Umfeld, die Landschaft und die Personen nahebringen. Ich hatte das am Haus angrenzende Moor direkt vor Augen, ich konnte mir den Garten und das Haus vorstellen und auch die Charaktere konnte ich verstehen und ihre Handlungen auch nachvollziehen.   Während man dann „Das Flüsterhaus“ liest, arbeitet es in einem (zumindest in mir). Es ist die Vergangenheit von Tom und Annie, der Grund des Gefängnisaufenthaltes und die derzeitige familiäre Situation, die ich erst einmal verarbeiten musste. Denn es wir schnell klar, dass für Tom und Annie noch nicht alles vorbei ist. Nur ist das auch in Ordnung, wenn sie doch mit ihrem Mann eine neue Familie gegründet hat? Ich stelle mir dann schnell beide Seiten vor und komme da in einen gewissen Zwiespalt, auch wenn ich ja meist die Protagonisten und ihr Verhalten verstehen kann. Das Mordopfer, das ihr zum verwechseln ähnlich sieht, bringt dann noch weitere Überlegungen mit sich. Und so spann sich ein leichtes Netz in meinen Gedanken, dass ich immer wieder ausbessern bzw. erneuern musste und das mich das Buch über beschäftigt hat.   Ich würde diesen Roman aber nicht unbedingt als Thriller oder Krimi bezeichnen. Zwar passieren Morde, aber sie standen für mich nicht im Mittelpunkt. Natürlich gab es immer wieder Spannungsmomente, gerade zum Ende hin, aber die Geschichte zwischen Annie, Tom und William, Annies Mann, war eindeutig der Fokus des Romans.   Da ich selber aber auch nicht unbedingt mit einem blutigen, oder mörderischen Buch gerechnet habe, war dies die perfekte Mischung für mich und ich fand „Das Flüsterhaus“ mit seiner Atmosphäre, den Charakteren und der Landschaft perfekt für einen Lesetag am Kamin/Ofen.   Mein Fazit: Lesley Turney werde ich mir als Autorin merken. Zwar war der Schreibstil hier sehr einfach gehalten, trotzdem konnte sie mich damit überzeugen. Annies Geschichte ist spannend, unterhaltend und macht Spaß.

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