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Das falsche SpielDas falsche Spiel

Das falsche Spiel

Thriller

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Das falsche Spiel — Inhalt

Thea Paris, Sonderermittlerin für Entführungsfälle, wird selbst zur Geisel: Als sie zwei Waisenjungen nach London zu einer Pflegefamilie bringen will, wird das Flugzeug, in dem sie reisen, entführt. Was zunächst nach einem Zufall aussieht, entpuppt sich bald als abgekarteter Plan: Thea ist keineswegs ein willkürliches Opfer, die Kidnapper haben es auf sie abgesehen. Hinter der Entführung steckt jemand, der schon lange plant, sich an Thea zu rächen. Er spielt ein Spiel mit ihr, das auf jeden Fall tödlich enden wird – und Thea ist gezwungen zu entscheiden, wer leben darf und wer sterben muss …

€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 13.01.2020
Übersetzt von: Velten Arnold, Bärbel Arnold
512 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31462-6
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 13.01.2020
Übersetzt von: Velten Arnold, Bärbel Arnold
464 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99418-7

Leseprobe zu „Das falsche Spiel“

Prolog

10. März 1956

11 275 Meter über dem Mittelmeer

 Bomberpilot Earl Johnson hatte sich noch nie so hellwach gefühlt.

Die B-47 war schnell wie der Blitz und verfügte über eine unvergleichliche Manövrierfähigkeit. All seine Sinne waren bis aufs Äußerste geschärft. Doch nicht einmal die sechs Triebwerke des strategischen Bombers konnten seine Besatzung an diesem Tag warm halten. Die niedrige Außentemperatur umhüllte das Flugzeug wie ein Eispanzer. Earl war voll konzentriert, seine eisigen Finger hielten den Schubhebel umklammert in dem Versuch, das [...]

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Prolog

10. März 1956

11 275 Meter über dem Mittelmeer

 Bomberpilot Earl Johnson hatte sich noch nie so hellwach gefühlt.

Die B-47 war schnell wie der Blitz und verfügte über eine unvergleichliche Manövrierfähigkeit. All seine Sinne waren bis aufs Äußerste geschärft. Doch nicht einmal die sechs Triebwerke des strategischen Bombers konnten seine Besatzung an diesem Tag warm halten. Die niedrige Außentemperatur umhüllte das Flugzeug wie ein Eispanzer. Earl war voll konzentriert, seine eisigen Finger hielten den Schubhebel umklammert in dem Versuch, das Flugzeug mit den anderen drei Stratojets in Formation zu halten.

Er verlagerte sein Gewicht in dem engen Cockpit, sein Atem entwich ihm in kristallisierenden Wölkchen. Das dicke Flugzeughandbuch lag unter seinen Füßen, damit ihm die Zehen nicht abfroren. Sein Co-Pilot und sein Bordingenieur klapperten mit den Zähnen, beschwerten sich jedoch mit keinem Wort. Ihnen war eiskalt, sie waren steif, und es war beinahe unerträglich – aber sie freuten sich alle drei wie die Schneekönige. Earl konnte sich keinen perfekteren Moment vorstellen. Sie jagten in einer Höhe von 11 275 Metern durch die Luft. In dieser Höhe war ihr Treibstoffverbrauch optimal, aber dort betrug der Unterschied zwischen der Mindestgeschwindigkeit und einem Überschreiten der Höchstgeschwindigkeit nur wenige Stundenkilometer. Wenn Earl in diesem engen Geschwindigkeitsbereich auch nur ein bisschen zu schnell flog, riskierte er eine Schockwelle, die dazu führen konnte, dass der Luftstrom auf den Flügeln abriss und das Flugzeug in einen unumkehrbaren Sturzflug geriet. Wenn er ein wenig zu langsam flog, konnte dies zu einem Strömungsabriss führen, und das Flugzeug würde wie ein Stein vom Himmel fallen. Eine leichte Turbulenz konnte eines dieser beiden Szenarien verursachen. Somit war diese Flughöhe unter Effizienzgesichtspunkten optimal, aber eben auch gefährlich, ein Bereich, der unter Piloten als „coffin corner“ – Sargecke – bekannt war und in dem Earl sich wie zu Hause fühlte. Der Ritt auf der Rasierklinge sorgte dafür, dass er voll konzentriert blieb, und lenkte ihn von den eisigen Temperaturen und den finanziellen Sorgen ab, die das neue Baby, das unterwegs war, ihm bereitete.

Sie waren vor acht Stunden von der MacDill Air Force Base in Florida gestartet, ihr Ziel war der Luftwaffenstützpunkt Ben Guerier in Marokko. Die vier Flugzeuge schossen am Himmel entlang dem Treffpunkt mit den Betankungsflugzeugen entgegen, um für den Nonstop-Flug zum zweiten Mal neuen Treibstoff aufzunehmen. Jede B-47 hatte zwei Zylinder mit Uran-235 an Bord, ausreichend spaltbares Material, um zwei Atombomben zu bauen, jede potenziell mit der hundertfachen Sprengkraft der Atombombe, die Hiroshima in Schutt und Asche gelegt hatte.

Earls Funkgerät meldete sich auf der verschlüsselten Frequenz.

„Bluebird Drei, schlechte Sicht von 8700 bis 4400 Meter. Wir müssen zum Betanken bis auf 4260 Meter runtergehen. Kommen.“ Earls bester Freund Joe, dem spaßeshalber der Spitzname Slow Joe verpasst worden war, weil er auf hohe Geschwindigkeiten stand, flog die vierte B-47.

„Verstanden.“ Earl beschleunigte auf 275 Knoten, 896 Stundenkilometer über Grund, der sich 11 275 Meter unter ihnen befand, und ließ die Triebwerke noch einmal einige Sekunden lang aufheulen, bevor sie in den Sinkflug gehen und tief in die Wolken hinabtauchen würden, um den Treffpunkt mit dem Betankungsflugzeug ansteuern zu können. Bestimmt würde es Joe in den Fingern jucken, da Earl sich mit seinem Bomber vor ihn gesetzt hatte.

„Deine Maschine ist siebenundvierzig Mal lauter als deine Frau nach einem fünftägigen Zwischenstopp von dir bei ihr“, krächzte Slow Joes Stimme neckisch aus dem Funkgerät. „Jawollja, sie hat dem Geschwaderkommandeur gesagt, dass sie dich nicht mal drei Stunden ertragen kann, geschweige denn fünf Tage.“

Earls Co-Pilot und sein Bordingenieur lachten über Joes Scherz. Sie waren es gewohnt, dass die beiden einander aufzogen. In dem engen Cockpit unter der Vollsichthaube gab es keine Privatsphäre.

„Du hältst dich vielleicht für lustig“, entgegnete Earl, „aber dafür bereitet dir zu Hause niemand jemals Maisgrütze zu.“ Die alleinstehenden Männer hielten nicht damit hinterm Berg, dass sie ihn um seinen Status als Ehemann beneideten. Er ließ die Hänseleien mit einem Hauch von Demut über sich ergehen – bis sie es übertrieben und er sie zurechtstutzen musste.

Er warf einen Blick auf die Uhr und drückte auf den Sendeknopf des Funkgeräts. Die Betankungsflugzeuge mussten unter den Wolken auf sie warten. „Flugzeuge in Trail Formation runtergehen“, sagte er, womit er die Piloten der anderen Bomber anwies, in einer Reihe hintereinanderher zu fliegen. „Diese Suppe ist ja heute dicker als Maissirup, Joe. Pass auf, dass du dich da drinnen nicht verirrst.“ Na gut, er strotzte vielleicht nicht gerade vor Demut, aber jeder Pilot, der etwas auf sich hielt, konnte es sich ruhig mal leisten, den Mund ein bisschen voll zu nehmen.

„Verstanden. Aber du zahlst das Bier, wenn wir in Marokko landen. Das ist das Mindeste, wenn ich schon wegen dir als Letzter auftanken kann.“ Slow Joe mochte ein ziemlich loses Mundwerk haben, aber es gab keinen zuverlässigeren Piloten.

„Ich habe schon das letzte Mal gezahlt. Trotzdem, netter Versuch. Ende.“ Earl sank durch die dichten Wolken und behielt den Höhenmesser im Auge. Durch die Wolkendecke war absolut nichts zu sehen. Es war, als ob direkt vor der Cockpitscheibe ein riesiger Wasserkessel Dampfschwaden ausstieß.

Er folgte Bluebird Zwei wie geplant in Trail Formation. Seine Blicke schossen hin und her, seine Knie zitterten – ob wegen der Kälte oder aufgrund des Luftdrucks, wusste er nicht. Verdammt, er konnte das Heck des Bombers vor ihm kaum sehen. Zum Glück machten die präzisen Geräte das Fliegen in Formation relativ einfach.

Er ließ sich durch nichts mehr ablenken, seine Welt verengte sich auf die Aufgabe, die er zu bewältigen hatte. Er war absolut konzentriert. Ausgefranste, dünne Wolkenfetzen rasten an der Vollsichthaube des Cockpits vorbei, verschwanden schlagartig, und im nächsten Augenblick schoss die B-47 unter der Wolkendecke hervor in den klaren Himmel. Ein schneller Blick auf den Höhenmesser. Alles klar, 4265 Meter, und er hatte die Suppe hinter sich gelassen, genau so, wie die Wetterfritzen es vorhergesagt hatten. Earl zog am Steuerhorn, um den Sinkflug zu beenden, und erhöhte den Schub, um das Flugzeug abzufangen und die Höhe zu halten. Dann atmete er lange und gleichmäßig aus.

Unter ihm hingen drei Tankflugzeuge in der Luft. Die Piloten von Bluebird Eins und Bluebird Zwei waren bereits dabei, ihre Bomber mit zweien der Tankflugzeuge zu verbinden. Hinter jedem Tankflugzeug gab es eine imaginäre kegelförmige, in der Fliegersprache „envelope“ genannte Zone. Innerhalb dieses Arbeitsbereichs konnte der Treibstoff über den Ausleger zu dem zu betankenden Flugzeug geleitet werden.

Das dritte Tankflugzeug rückte vor ihm in sein Blickfeld, ein riesiger Koloss. Die Verbindung zu einer dicken KC-97 herzustellen, war immer eine Herausforderung. Zwei Flugzeuge mitten in der Luft miteinander zu verbinden, um leicht brennbaren Treibstoff von einem zum anderen zu leiten – was konnte da alles schieflaufen?

Earl schärfte seine Aufmerksamkeit und drosselte das Tempo auf gemächliche dreihundertsiebzig Stundenkilometer, um sich der Geschwindigkeit des langsam vor ihm fliegenden Tankflugzeugs anzupassen. Slow Joe hatte eine phänomenale Trefferquote, was die Herstellung einer Verbindung beim ersten Versuch anging. Er war ein Luftbetankungsass. Earl wollte nicht, dass etwas schieflief, sonst konnte er sich darauf gefasst machen, beim Bier am Abend noch mehr von Joe aufgezogen zu werden. Unterm Strich konnten der Wind, das Wetter und nahezu alles den Auftankungsprozess vermasseln.

Er öffnete die kleine Betankungsöffnung am Bug und steuerte die B-47 etwas nach oben und ein Stück weit nach links. Der Bordoperator des Tankflugzeugs steuerte den Ausleger zur Tanköffnung, und im nächsten Moment war der Bomber mit der KC-97 verbunden.

„Einmal volltanken und Scheibe wischen, Sir?“, fragte der Bordoperator der KC-97.

Earl schüttelte den Kopf und lächelte. „Warum gibt heute jeder den Komiker? Bringen wir es einfach hinter uns.“ Er hatte schon einen langen, anstrengenden Flug hinter sich.

Das „Verbunden“-Lämpchen leuchtete auf, und der Operator begann mit der Betankung. Eine durstige B-47 konnte während der Betankung knapp zweitausenddreihundert Liter pro Minute aufnehmen und übertraf damit sogar Slow Joes Bieraufnahme an einem guten Abend.

Earl konzentrierte sich darauf, die B-47 in dem Luftstrudel, der dem Bomber hinter der KC-97 entgegenschlug und an ihm rüttelte, in stabiler Lage zu halten. Auf einmal klatschte Treibstoff gegen die Cockpitscheibe. Das erschreckte ihn. Verdammt. Offenbar war der Aufleger nicht dicht angeschlossen. Slow Joe würde ihn deshalb runtermachen. Es sah aus, als würde ein Elefant auf sie pinkeln. Er schaltete den Scheibenwischer an und strengte die Augen an, um durch den öligen Film und die Spritzer hindurch etwas sehen zu können.

Das Tankflugzeug wurde ein wenig schneller, da dessen Treibstoffladung zusehends geringer wurde. Dankbar erhöhte Earl die Geschwindigkeit ebenfalls, um sich dem schnelleren Tempo der KC-97 anzupassen. Die B-47 lechzte danach, schneller zu werden, wie ein gezügeltes Rennpferd.

Es kostete ihn einige Mühe, die Position zu halten, das Steuerrad war ständig in Bewegung, während er leichte Korrekturen vornahm, doch der Ölfilm auf der Cockpitscheibe sorgte dafür, dass er das Tankflugzeug nur verschwommen sehen konnte.

Schließlich beendete der Bordoperator die Betankung und teilte ihm per Funk mit: „Ihr Tank ist voll, Sir. Freigegeben zur Trennung.“

„Verstanden. Ende.“ Earl lächelte. Alles war erfolgreich verlaufen, trotz des undichten Anschlusses. Mal sehen, ob Joe das auch so gut hinbekam.

„Wir sind getrennt“, informierte ihn sein Bordingenieur.

Earl setzte seine B-47 neben das Tankflugzeug, damit dessen Besatzung die Nummer seines Bombers lesen konnte. Er wollte so schnell wie möglich wieder in die Sphären mit dünnerer Luft zurückkehren, in denen die B-47 eher zu Hause war.

„Slow Joe, du bist dran. Mal sehen, ob du es schaffst, schneller zu sein als ich.“ Er wartete auf eine klugscheißerische Antwort.

Doch ihm schlug Stille entgegen.

Das war ungewöhnlich. Sein Kamerad war nie um eine Antwort verlegen.

„Na los, Bluebird Vier. Kommen.“ Er wartete.

Nichts.

„Haben Sie ihn gesehen?“, fragte Earl seinen Co-Piloten.

„Nein, Sir.“

Earl funkte ihn erneut an.

Keine Antwort.

„Bluebird Eins und Bluebird Zwei, hat einer von Ihnen Sichtkontakt zu Bluebird Vier?“, fragte Earl.

„Nein, Sir.“

„Ich kann ihn nicht sehen.“

Einen Moment lang dachte Earl, dass Slow Joe ihm vielleicht einen Streich spielte. Er hoffte es sogar. Doch er wusste, dass das nicht sein konnte. Joe würde nie einen Einsatz gefährden und schon gar nicht diesen.

Er versuchte es immer wieder, doch es war, als wäre Joes Flugzeug spurlos verschwunden. Trotz der eisigen Temperaturen lief es Earl heiß den Rücken herunter. Er war auf einmal in Schweiß gebadet.

Dann setzte er sich mit dem Hauptquartier des Strategischen Luftkommandos auf der MacDill Air Force Base in Verbindung.

„Was ist los, Captain Johnson?“ Der diensthabende Offizier in der Kommandozentrale klang so, als wäre er gerade aufgewacht. Aber in Florida war es ja auch mitten in der Nacht.

„Sir, es sieht so aus, als hätten wir einen Broken Arrow. Ich wiederhole: Broken Arrow.“ Broken Arrow war das Codewort für einen Zwischenfall, in den Nuklearwaffen involviert waren.

„Bleiben Sie in Bereitschaft.“ Die Stimme des Offiziers, die gerade noch verschlafen gewirkt hatte, klang auf einmal hellwach.

Broken Arrow. Der Verlust von zwei Zylindern mit spaltbarem Material mit einer Halbwertszeit von siebenhundertvier Millionen Jahren mitsamt einer B-47 und ihrer Besatzung bedeutete, dass in dieser Nacht im Hauptquartier des Strategischen Luftkommandos niemand mehr schlafen würde.

1

Thea Paris fühlte sich, als wäre sie in einem riesigen Cocktailshaker eingesperrt. Hoch, runter, hin und her – die Turbulenzen schüttelten die 737 heftig durch. Ein Schweißfilm benetzte ihre Stirn, sie sah alles nur noch verschwommen, die Welt fühlte sich an, als wäre sie leicht aus dem Lot. War ihr Blutzuckerspiegel aus dem Gleichgewicht geraten? Sie warf schnell einen Blick auf die App auf ihrem Handy: 110. Alles unter Kontrolle. Also nur ihre Nerven, mehr nicht. Moderne Passagierflugzeuge waren stabil genug, um selbst heftige Turbulenzen zu überstehen, ohne auseinanderzubrechen oder vom Himmel zu stürzen, aber dieses Wissen trug keinesfalls dazu bei, dass sie sich besser fühlte.

Sie hasste es zu fliegen.

Vielleicht war es der Mangel an Kontrolle, der sie verrückt machte. Rif Asker, ihr Kollege und langjähriger Freund, der ein hervorragender Pilot war, sagte ihr manchmal, dass es ihm unbegreiflich sei, wie sie in ihrem Job unter extremem Stress die Ruhe bewahren, jedoch jedes Mal, wenn die Triebwerke eines Flugzeugs angelassen wurden, völlig aus der Fassung geraten konnte. Tja, Rif war an diesem Tag nicht dabei, und zu fliegen war nun mal wesentlicher Bestandteil des Jobs einer „Reaktionsberaterin“, dem Insiderbegriff für eine Verhandlerin bei Geiselnahmen.

Meistens konnte sie sich beim Fliegen ablenken, indem sie sich mit ihrem aktuellen Fall befasste, doch das funktionierte nicht immer. Sie biss die Zähne zusammen und versuchte, sich gegenüber den beiden Jungen, die neben ihr saßen und für die es der erste Flug ihres Lebens war, gelassen zu zeigen. Die afrikanische Wohltätigkeitsorganisation, die ihr verstorbener Bruder Nikos gegründet hatte und die sich um ehemalige Kindersoldaten kümmerte und ihnen dabei half, über ihre schlimmen Erlebnisse hinwegzukommen, hatte ein Adoptionsprogramm aufgelegt, und die beiden Brüder waren auf dem Weg zu ihrem neuen Zuhause in London, wo sie von der Familie Waverton aufgenommen werden würden. Jabari Kuria war zwölf, Ayan neun. Nachdem sie hatten mit ansehen müssen, wie ihre Eltern von Kämpfern der islamistischen Terrormiliz Boko Haram enthauptet worden waren, waren sie gezwungen worden, Nachbardörfer zu überfallen und andere Kinder zu entführen. Man hatte ihnen keine Wahl gelassen, Soldaten in einem Krieg zu sein, den sie nicht verstanden.

Plötzlich sackte das Flugzeug ab, und sie waren einen Moment lang, der sich anfühlte wie eine Ewigkeit, schwerelos. Dann wurde der stählerne Vogel von einem Aufwind nach oben gestoßen, und ihre Hintern wurden mit voller Wucht wieder auf die Sitze gedrückt. Theas Magen rebellierte. Wenn das Anschnallzeichen nicht aufgeleuchtet hätte, wäre sie versucht gewesen, aufzustehen und sich eine Lorazepam aus ihrem taktischen Überlebenssicherungsbeutel zu nehmen, der sich im Gepäckfach über ihren Köpfen befand. Der Beutel enthielt alles außer einer Küchenspüle, unter anderem einen stählernen Kompass, eine Taschenlampe, einen Verstärker, Erste-Hilfe-Utensilien, ihre Diabetes-Medikamente und andere nützliche Dinge, die, wenn sie an der Sicherheitskontrolle eines Flughafens entdeckt werden würden, mit Sicherheit zur Folge hätten, dass sie von einem der Sicherheitsbediensteten in einen fensterlosen Raum geführt werden würde, um einer Befragung unterzogen zu werden. Als Geiselbefreiungsexpertin reiste sie undercover an alle möglichen Krisenherde auf der Welt und wusste nie, was sie vielleicht benötigen würde. Ihren taktischen Überlebenssicherungsbeutel nahm sie überall mit hin.

Jabari lächelte und stupste sie am Arm. „Das macht ja mehr Spaß, als auf einem Vogel Strauß zu reiten.“

Nur ein Kind konnte so einen Flug, bei dem man total durchgeschüttelt wurde, als etwas Spaßiges empfinden. Thea verkrallte die Finger in den Armlehnen. Sie prüfte zum vierten Mal, ob die beiden Jungen auch angeschnallt waren. „Natürlich macht das mehr Spaß.“ Sie rang sich ein Lächeln ab. „Und jeder Flug ist anders. Manchmal ruckelt es gar nicht.“

Sie sollte sich über die turbulenten Wetterbedingungen nicht beschweren. Das Einzige, was zählte, war, die Jungen zu ihren Adoptiveltern und ihrem neuen Zuhause zu bringen. Sie hatten in Nairobi ihren Anschlussflug verpasst, sich jedoch mit Rifs Hilfe drei Plätze in einem Boing Business Jet gesichert und flogen nun mit Stil. Die Wavertons und ihr Vater würden sie am Flughafen Heathrow abholen und auch Aegis mitbringen, den Hund der Familie Paris, der hoffentlich dazu beitragen würde, den Jungen die Befangenheit in der neuen Umgebung zu nehmen. Das letzte Mal, als sie und ihr Vater sich gesehen hatten, hatten sie sich über Nikos Grabstein in die Haare gekriegt. Sie hatte dafür plädiert, ihn neben das Grab ihrer Mutter zu stellen, das sich auf ihrem Grundstück auf Martha’s Vineyard befand, aber das hatte ihr Vater strikt abgelehnt. Weitere Nachwehen, die nach dem Tod ihres Bruders für Zwietracht gesorgt hatten. In London würden sie vielleicht ein wenig Zeit finden, um ihre zerrüttete Beziehung wieder in Ordnung zu bringen.

Ayan, der sich auf seinem Fensterplatz zusammengerollt hatte, zeigte nach draußen. „Warum schlagen die Flügel nicht?“

„Das ist doch kein Vogel, du Dummkopf. Das ist ein Flugzeug, ein Düsenjet.“ Jabari genoss es, sein überlegenes Wissen gegenüber seinem kleinen Bruder herauszukehren, aber wenn jemand versuchte, ihn zu ärgern, wäre Jabari der Erste, der ihm zur Seite springen würde. Sie wusste, durch welche Hölle die beiden gegangen waren, und hoffte, dass ihr neues Leben für sie ein Neubeginn sein würde, eine Chance, ihre verlorene Kindheit nachzuholen. Die Geschichte der beiden Jungen traf bei ihr auch einen sehr persönlichen Nerv, da Nikos im Alter von zwölf Jahren ebenfalls von einem afrikanischen Warlord entführt und gezwungen worden war, unbeschreibliche Dinge zu tun. Er hatte sich von dem Trauma nie ganz erholt. Das Waisenhaus war sein Vermächtnis, und seit Thea nach seinem Tod die Verantwortung für die Wohltätigkeitsorganisation innehatte, fühlte sie sich dazu berufen, sein Vermächtnis weiterzuführen.

Ayans Zeigefinger tippte auf den Fernsehmonitor an der Rücklehne des Sitzes vor ihm. „Guck mal, Jabari, eine Geschichte über einen Löwen.“

Trotz ihres Unbehagens gelang Thea ein Lächeln. Der König der Löwen war einer der Filme, die während des Fluges gezeigt wurden.

„Was ist, wenn ich was anderes sehen will?“ Jabari schob seine Unterlippe nach vorne.

„Dann kannst du auf deinem eigenen Monitor einen anderen Film sehen“, sagte sie. „Du kannst dir aussuchen, was du sehen willst. Wir haben großes Glück, wir können alle möglichen Filme wählen.“

Thea sah sich in dem Flugzeug um und scannte die anderen Passagiere – eine Berufskrankheit. Eine umwerfend aussehende, schwarz gekleidete Asiatin mittleren Alters. Ein alter Mann mit einem Filzhut auf dem Kopf. Ein blonder wie eine Bohnenstange gebauter Typ mit Drahtgestellbrille und Fliege, der seine Computertasche umklammerte. Ein gaunerhaft wirkender Kerl in einem Versace-Anzug. Ein kräftiger Mann mit einem Zwirbelbart. Ein Dandy, der eine Seersucker-Hose trug und einen Panamahut auf dem Kopf hatte. Sie verspürte ein Unbehagen, das sich nicht unterdrücken ließ und nichts mit den Turbulenzen zu tun hatte.

Das Flugzeug wurde erneut durchgeschüttelt, in den Gepäckfächern über den Sitzen rappelte es. Ein älterer Gentleman mit einem fassartigen Oberkörper, der am Notausgang saß, drehte sich um und blickte in ihre Richtung. Seine Stirn war in Schweiß gebadet, er schlug abwechselnd die Beine übereinander und stellte sie wieder nebeneinander. Vielleicht war er wegen der Turbulenzen nervös, oder ihm war schlecht, und er konnte nicht auf die Toilette gehen, weil die Anschnallzeichen leuchteten.

Sie konnte das nachempfinden.

„Gibt es in London viele Tiere?“, fragte Jabari.

„Du wirst ein paar Hunde, Katzen und sogar Pferde sehen, aber das Vereinigte Königreich ist ganz anders als Afrika.“ Vermutlich würde der Londoner Zoo entweder ihr Lieblingsausflugsziel werden, oder sie würden ihn als ein zutiefst deprimierendes Spektakel empfinden. Auf jeden Fall würden sie in London einen Kulturschock erleiden, aber sie waren intelligent und anpassungsfähig, und ihre Adoptivfamilie würde ihnen Möglichkeiten bieten, die sie im Waisenhaus nie gehabt hätten.

Das Flugzeug sackte erneut plötzlich ab.

„Yippie!“ Ayan lachte und riss seine schlanken Arme hoch.

Thea fluchte leise in sich hinein. Sie wollte die Jungen auf keinen Fall davon abbringen, diese Achterbahnfahrt in der Luft für einen Riesenspaß zu halten. Es fühlte sich so an, als ob sie in zwei Sekunden 900 Meter in die Tiefe sackten, dabei hatte das Flugzeug in Wahrheit wahrscheinlich nur drei bis sechs Meter an Höhe verloren. Doch die Turbulenzen warfen die 737 hin und her und ließen sie schlingern wie ein Ruderboot in einem Taifun.

In der Hoffnung, ihre Flugangst zu lindern, hatte sie sich alle Informationen reingezogen, die es über Flugzeuge und Flugsicherheit gab. Doch es hatte nichts genützt.

Sie checkte erneut ihren Blutzuckerwert. Ein bisschen niedrig. Sie hoffte, dass das Geschüttel bald aufhörte, damit die Flugbegleiter Speisen und Getränke austeilen konnten. Sie musste etwas essen, und die beiden Jungen würden alles, was es gab, in dem Moment herunterschlingen, in dem es ihnen hingestellt wurde – eine Angewohnheit, die sie sich während ihrer Gefangenschaft angeeignet hatten und die sich im Waisenhaus bestimmt noch verfestigt hatte.

Nach einigen Minuten ließen die Turbulenzen ein wenig nach. Hatten sie ruhigere Gefilde erreicht, oder war es wie bei einem Erdbeben, bei dem die Nachbeben die Erde genau dann erneut erschütterten, wenn man sich in Sicherheit wähnte und dachte, dass es vorbei war?

Eine Bewegung vorne im Flugzeug erregte ihre Aufmerksamkeit. Die Cockpit-Tür ging auf, und der Co-Pilot trat hinaus in die Kabine. Galt das Anschnallzeichen für ihn nicht? Zwei Piloten im Cockpit waren besser als einer, erst recht bei diesen Wetterbedingungen.

Der Co-Pilot wechselte kurz ein paar Worte mit den Flugbegleitern und verschwand dann auf der vorderen Toilette. Musste er dringend mal, war ihm schlecht, oder was war mit ihm los?

Thea starrte die Toilettentür an und wartete darauf, dass er wieder herauskam.

Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig.

Ein lauter Rums schreckte sie auf. Der korpulente ältere Mann, der zwei Reihen vor ihr geschwitzt hatte, war seitlich über die Armlehne seines Sitzes gesackt und hing in den Gang hinein. Sie wartete zwei Sekunden, um zu sehen, ob er sich bewegte.

Er bewegte sich nicht.

Sie hielt Jabari und Ayan den kleinen Finger hin. „Ihr bleibt hier. Angeschnallt. Kleiner-Finger-Schwur.“ Dieses Ritual hatte sie ihnen während eines ihrer Besuche im Waisenhaus beigebracht.

Das Flugzeug wurde zur linken Seite gerissen und sackte erneut ab.

Die Jungen krümmten jeweils ihren kleinen Finger um ihren.

„Danke, Jungs.“ Sie löste ihren Sicherheitsgurt und stand auf. Sich an den Gepäckfächern über den Sitzen abstützend, ging sie nach vorne zu dem Sitz, auf dem der Mann zusammengesunken war. Einer der Flugbegleiter war bereits bei ihm.

Sie legte zwei Finger auf den Hals des stämmigen Mannes. „Kein Puls.“

Das Flugzeug wurde erneut durchgeschüttelt.

Der Flugbegleiter umfasste das Handgelenk des Mannes. „Ich ertaste auch keinen.“

Einige Passagiere beugten sich vor, um besser sehen zu können. Thea löste den Sicherheitsgurt des Mannes, schob ihre Arme unter seine Schultern und zog ihn von dem Sitz. Das Flugzeug sackte abrupt ab, und er wäre ihr beinahe aus den Armen gerutscht. Sie fand wieder Halt, zog ihn in den Gang und legte ihn auf den Boden. Das war alles andere als einfach. Er war unförmig und schwer wie eine vollgeladene Waschmaschine.

Der Flugbegleiter kniete sich neben sie und strich sich sein rotes Haar aus der Stirn. Auf seinem Namensschild stand „Bernard“.

„Sind Sie Ärztin?“, fragte er.

„Eher eine Art Feldsanitäterin.“ Schusswunden, Stichwunden und andere Folgen extremer Gewalt waren ihr Spezialgebiet. In Anbetracht des Alters des Mannes, seiner Blässe und seiner körperlichen Verfassung vermutete sie spontan, dass er einen Herzinfarkt erlitten hatte. Er brauchte Sauerstoff. Vier bis fünf Minuten ohne Sauerstoff, und er wäre hirntot. „Defibrillator“, sagte sie.

Bernard eilte davon, um das Gerät zu holen.

Sie legte den Handballen ihrer linken Hand auf die Mitte seiner Brust und die rechte Hand obendrauf. Dann verschränkte sie die Finger, machte die Ellbogen gerade und drückte kräftig nach unten. Another One bites the Dust von Queen ging ihr durch den Kopf. Während des Trainings hatten sie den bekannten Song immer wieder gespielt, da er hundert Beats pro Minute hat, der ideale Rhythmus für eine Herzdruckmassage. Sie drückte schnell hintereinander dreißig Mal zu, um seinen Kreislauf aufrechtzuerhalten.

Dann umfasste sie seinen Nacken, hob ihn an, überstreckte den Kopf leicht, um die Atemwege zu befreien, und lauschte, ob sie irgendein Atemgeräusch hörte. Er roch stark nach Zwiebeln, aber es gab keinen Hinweis darauf, dass er atmete. Eine erneute Turbulenz warf sie gegen die nächsten Sitze. Sie suchte wieder Halt, drückte ihm die Nasenlöcher zu, legte seinen Kopf leicht nach hinten, blies dem Mann Luft in den Mund und begann mit der künstlichen Beatmung. Seine Brust hob sich. O.k., die Atemwege sind nicht verstopft. Sie beatmete ihn ein zweites Mal und drückte wieder dreißig Mal den Brustkorb nach unten.

Bernard kehrte mit dem Defibrillator zurück, den Co-Piloten im Schlepptau. „Machen Sie weiter, bis ich das Gerät einsatzbereit habe.“

„Sieht nicht gut aus, oder?“, fragte der Co-Pilot. In seinen Augen zeichnete sich Besorgnis ab.

„Ich würde eine Notlandung empfehlen.“

„Okay.“ Er eilte den Gang zurück zum Cockpit.

Nachdem sie fünf Mal hintereinander jeweils dreißig Mal gedrückt und zwei Mal beatmet hatte, rann ihr Schweiß den Rücken hinunter. Sie hörte irgendwo vorne in der Kabine ein Klopfen, aber darüber konnte sie sich jetzt keine Gedanken machen. Sie warf kurz einen Blick zu den beiden Jungen. Sie saßen wie versprochen auf ihren Sitzen, verrenkten sich jedoch wie alle anderen Passagiere den Hals, um sehen zu können, was sie da machte. Sie lächelte Ayan und Jabari beruhigend zu. Die beiden würden ihren ersten Flug mit Sicherheit nie vergessen.

Bernard hatte den automatisierten externen Defibrillator einsatzbereit gemacht. Er riss das Hemd des Mannes auf und brachte die Klebeelektroden oben rechts und unten links an der Brust an.

„Analyse des Herzrhythmus beginnt“, sagte Bernard.

Sie rückte zur Seite und wartete, dass das Gerät die Analyse beendete.

„Elektroschock empfohlen. Nicht berühren.“

„Verstanden.“

Bernard drückte die Schocktaste.

Und wartete.

Das Gerät empfahl einen weiteren Schock.

Und noch einen.

Verdammt. Das Herz des Mannes reagierte nicht. Sie begann erneut mit der Herzmassage und spielte in ihrem Kopf wieder die hämmernden Beats von Another One Bites the Dust ab.

Na los, Freddie, hilf mir.

Bernard tastete wieder nach dem Puls. Er schüttelte den Kopf.

Sie würde nicht aufgeben.

Thea machte erneut dreißig Druckbewegungen. Dann blickte sie auf und sah, dass der Co-Pilot aus dem vorderen Bereich der Kabine zurückgekommen war. „Landen wir bald irgendwo?“, fragte sie. „Dieser Mann muss sofort in ärztliche Behandlung.“

Der Co-Pilot senkte die Stimme. „Wir haben ein kleines Problem. Der Pilot hat von innen die Tür zum Cockpit zugeschlossen und lässt mich nicht wieder rein.“

2

Sizilien, Italien

Der stechende Chlorgeruch haftete immer noch an Prospero Salvatores Haut, dabei hatte er seine hundertfünfzig Bahnen im Schwimmbecken schon vor zwei Stunden beendet. Schwimmen war nicht gerade seine Lieblingsdisziplin, um in Kampfform zu bleiben, aber im Moment blieb ihm nichts anderes übrig. Er stieg die Treppen zur Kirche hoch und versuchte, nicht zusammenzuzucken. Seine linke Hüfte tat ihm bei jedem Schritt weh. Der Schmerz war so unerträglich, dass er in zehn Tagen nach New York fliegen würde, um dort einen auf Hüftleiden spezialisierten Orthopäden aufzusuchen. Auf diese Weise würden seine Kontaktleute auf Sizilien nichts davon mitbekommen.

Prospero würde gegenüber den Haien, die für ihn arbeiteten, niemals ein Zeichen der Schwäche zeigen. Mit seinen vierundfünfzig Jahren war er nicht alt, aber er hatte seinem Körper ziemlich hart zugesetzt, und schließlich hatte die Hüfte ihm ein beherztes Du kannst mich mal! entgegengeschleudert. Nicht mal eine Handvoll Schmerztabletten und einige akrobatisch versierte Geliebte hatten sein Leiden lindern können. Jeden Morgen weckte der Schmerz, den er bei seinen ersten Schritten verspürte, Erinnerungen an seinen Vater, der langsam und qualvoll an Knochenkrebs zugrunde gegangen war. Stefano Salvatore hatte wie ein Teufelskerl um jede einzelne Minute gekämpft, die ihm noch blieb, und Prospero nahm sich die Entschlossenheit und das Durchhaltevermögen dieses Mannes zum Vorbild.

Doch als sein dreiundzwanzigjähriger Neffe Luciano Baggio die Treppen hochjoggte und ihm die Tür aufhielt, durchschoss ihn kurz ein stechender Neid.

„Bi... Bi... Bitte, signore.“

Prospero zuckte jedes Mal innerlich zusammen, wenn er das Stottern hörte. Aber Familie war nun mal Familie, und so hatte er Luciano unter seine Fittiche genommen. Der Junge sorgte für gute Einkünfte – angesichts seines Handicaps sogar für deutlich bessere als erwartet. Doch sein Neffe hatte auch eine dunkle Seite. Prospero hatte mit ansehen müssen, wie Luciano bei Zwangseintreibungen mit einem ungehemmten Eifer zur Sache ging und sich keinerlei Zurückhaltung auferlegte. Das war inakzeptabel. Die Anwendung von Gewalt sollte mit Bedacht und wohl bemessen zum Einsatz kommen und nicht aus Genuss.

Er betrat die Kirche. Die Kühle trocknete den Schweiß auf seiner Stirn. Die muffige Luft weckte in ihm längst vergessene Erinnerungen an die Zeit, in der er Messdiener gewesen war. Doch dann hatten die Lockrufe der famiglia dafür gesorgt, dass er einen anderen Lebensweg eingeschlagen hatte.

Seine Schritte hallten in dem riesigen Gebäude, der Schmerz in seiner linken Hüfte sorgte dafür, dass das Echo bei jedem zweiten Schritt ein kleines bisschen länger dauerte. In einem der Seitenaltare zündete eine alte Frau eine Kerze an. Die Decken der Kathedrale, das gedämpfte Licht und die aufwendigen Wandbemalungen hatten eine wohltuende Wirkung auf ihn. Die Buntglasfenster, auf denen die Heiligen abgebildet waren, versprachen Trost und Zuspruch. Der Kirchenraum bot eine perfekte Mischung aus Geschichte, Religion und Kultur – allesamt entscheidende Pfeiler seines Lebens.

„Warte hier“, wies er Luciano an.

Sein Neffe ging in die letzte Kirchenbankreihe, kniete sich hin und betete. Prospero zuckte mit den Schultern. Zumindest hatte seine Schwester dem Jungen die Bedeutung des Glaubens beigebracht.

Während er das Mittelschiff entlang auf den vorderen Altar zuging, konnte er nur an das Flugzeug denken. Hatten sie es? Die Zeit drängte. Er strich sich über seinen nachmittäglichen Anflug von Bartstoppeln und stellte sich an, um zu beichten. Vor ihm warteten drei Gläubige. Dem ewigen Stau der Beichtwilligen in der Kirche St. Ignazio nach zu urteilen, mussten in diesem Winkel Siziliens jede Menge Sünden begangen werden.

Eine verhutzelte Frau mit einem Kopftuch trat aus der Seitennische des Beichtstuhls. Prospero begrüßte sie mit einem Nicken. Sie war die Großtante eines Freundes. Er wartete geduldig. Als Nächster war ein Mann an der Reihe, der über achtzig sein musste, doch er begrüßte Prospero, indem er kurz seinen Hut antippte, und trat zur Seite. Die beiden älteren Frauen, die hinter dem Mann warteten, wedelten mit den Händen und bedeuteten Prospero, dass sie ihn vorließen.

Respekt. Daran mangelte es der heutigen Jugend leider, doch bei den älteren Mitbürgern seiner Heimatstadt galt er noch etwas.

Grazie. Er ging zum Beichtstuhl. Das grüne Lämpchen leuchtete, was bedeutete, dass der Priester für das nächste Schäfchen seiner Gemeinde bereit war. Prospero zog den Vorhang zur Seite, betrat die Seitennische und ließ sich langsam hinab auf die Kniebank.

Er verlagerte den größten Teil seines Gewichts auf sein rechtes Knie und fuhr mit den Fingern über das Kreuz, das an dem Gitter angebracht war, das ihn von dem Priester trennte. An einer Seite der Nische prangte der Akt der Reue.

„Saluti, sacerdote“, sagte Prospero. „Sono io.“

Ein vernehmbares Einatmen auf der anderen Seite sagte ihm, dass Pater Anthony realisiert hatte, dass es nicht der übliche Handlanger war, der gekommen war, um im Beichtstuhl Kontakt zu ihm aufzunehmen. Nein, an diesem Tag war der Capo persönlich erschienen.

„Es ist mir eine Ehre, Signore“, flüsterte der Priester. „Ich freue mich über Ihren Besuch.“

Das Stocken in Pater Anthonys Stimme verriet Prospero, dass der Priester nervös war. Gut.

Da er nun sowieso schon mal da war, konnte er auch ein paar Dinge loswerden. „Vergib mir, Vater, denn ich habe gesündigt. Ich bin drei Wochen lang nicht zur Beichte gegangen. Ich bezichtige mich der folgenden Sünden. Ich habe seit meiner letzten Beichte siebenmal Ehebruch begangen.“ Seine Reue war aufrichtig. Aber was sollte ein Mann wie er in Anbetracht dessen, dass seine Frau, Violetta, dieser Tage weniger als gar kein Interesse mehr an Sex hatte, tun? Er hatte noch Appetit, wohingegen sie sich schon vor langer Zeit vom Esstisch verabschiedet hatte. Doch er ließ sich nie emotional auf seine Mätressen ein. Dafür liebte er seine Frau zu sehr.

„Außerdem musste ich einem meiner Männer eine Lektion erteilen, weil er mich bestohlen hat.“ Der fragliche junge Mann lag gegenwärtig im Krankenhaus, aber er würde es überleben, und das war mehr, als er verdient hatte. »Ich bereue diese Sünden und alle weiteren Sünden, die ich in meinem Leben begangen habe, insbesondere die Todsünde, andere Menschen ermordet zu haben.« Was gewisse Morde anging, bereute er sie nicht wirklich, aber in der Kirche war Besonnenheit geboten.

Pater Anthonys heisere Stimme kam durch das Gitter gehaucht. „Erinnere dich an Isaiah 1:18. ›So kommt denn und lasst uns miteinander rechten, spricht der Herr. Wenn eure Sünde gleich blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden; und wenn sie gleich ist wie Scharlach, soll sie doch wie Wolle werden.‹“ Eine lange Pause. „Du musst dich selbst von diesen Sünden lossprechen.“

Blutrot, das konnte man wohl sagen. Er starrte hinab auf seine Hände und erwartete beinahe, Blut auf ihnen zu sehen. Dann vertrieb er das Bild. „Ja, Vater.“ Er rezitierte den Akt der Reue. „Mein Gott, aus ganzem Herzen bereue ich all meine Sünden.“ Er hoffte, dass Dio an diesem Tag in der Stimmung war zu vergeben, weil er jegliche Gunst benötigte, damit seine Pläne von Erfolg gekrönt wurden.

Prospero beendete das Gebet.

„Sonst noch was, mein Sohn?“, fragte Pater Anthony.

Er war nicht nur in die Kirche gekommen, um sein Gewissen zu befreien. „Drei Millionen Euro für wohltätige Zwecke.“

Pater Anthony räusperte sich. „Aber die letzte Zuwendung gab es doch erst vor einer Woche.“

„Die Sachzwänge haben sich als teuer erwiesen.“ Seine Antwort war kurz und bündig, seine Worte abgehackt. Gewaschenes Geld war entscheidend für das Gelingen des Plans.

„Selbstverständlich. Es wird in Kürze eine Lieferung eintreffen.“

„Denken Sie an die Zukunft, Vater. Und daran, wie Sie Ihre Schäfchen schützen.“ Und denken Sie an Ihre eigene Gesundheit.

„Es wäre schwer, an unsere Zukunft zu denken, wenn diese Mission scheitert.“

„Das stimmt, Vater.“ Aber Prospero hielt es mit dem Credo von Marcus Aurelius: Jeder von uns lebt nur jetzt, in diesem kurzen Augenblick. Der Rest wurde bereits gelebt oder ist nicht vorherzusehen. Er verlagerte sein Gewicht, um den Schmerz in seiner Hüfte zu lindern. „Und da ist noch was, eine Komplikation.“ Eine Herausforderung bereitete ihm eigentlich Vergnügen, doch diese neue Entwicklung gab selbst ihm zu denken. Aber er konnte es sich nicht verkneifen, ein bisschen Spaß dabei zu empfinden, den hochnervösen Priester auf die Folter zu spannen.

„Was denn?“ Pater Anthonys Stimme bebte leicht vor Beklommenheit. Der Geistliche wollte nicht noch mehr in das Ganze verwickelt werden, als er es ohnehin schon war. Über die Vatikanbank Geld zu waschen, setzte den Frieden seiner unsterblichen Seele bereits genug aufs Spiel, ganz zu schweigen von der langjährigen Haftstrafe – oder Schlimmerem –, die seinem irdischen Dasein drohte, wenn er je dabei ertappt werden sollte.

„Liberata. Sie ist in dem Flugzeug.“ Prospero spürte, wie die Temperatur im Beichtstuhl um einige Grade fiel.

„Die Geiselbefreiungsexpertin?“

„Si.“

Ein langes Schweigen. „Dann sollten wir beten.“

Da hatte er recht.

K.J. Howe

Über K.J. Howe

Biografie

KJ Howe wurde in Toronto, Kanada geboren, doch durch die vielen Umzüge der Familie sah sie die ganze Welt – zum Beispiel Afrika, den Mittleren Osten, Europa und die Karibik. Neben ihrer Leidenschaft für das Reisen, die ihr bis heute erhalten geblieben ist, begeisterte sie sich schon früh fürs Lesen...

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Mainhattan Kurier

„Durchweg überzeugende Charaktere, jede Menge Action. Man möchte das Buch nicht mehr aus der Hand legen.“

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