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Das Erwachen

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Dunkle Götter 1

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Das Erwachen — Inhalt

Nachdem seine Eltern bei einem Attentat ums Leben kamen, wächst der junge Mort bei einem Hufschmied auf. Seine wahre Herkunft kennt er nicht. Doch bald erwachen in ihm magische Fähigkeiten – lebensgefährlich in einer Welt, die die Magie längst verbannt hatte. Gemeinsam mit seinen Gefährten Dorian und Penny erlernt Mort das magische Handwerk – und gerät damit dem finsteren Lord Devon in die Quere, der nicht nur für Mort, sondern auch für Penny zur größten Bedrohung wird. Dabei ist Devon nicht ihr einziger Gegner. Denn bald findet Mort heraus, dass er sich gegen eine schier unbesiegbare Macht gestellt hat: einen dunklen Gott.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 14.05.2013
Übersetzer: Jürgen Langowski
352 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96254-4

Leseprobe zu »Das Erwachen«

Prolog

Elena di’Cameron war in tiefer Unruhe. Nach dem Abendessen hatte sich ihr Mann zunächst noch gut gefühlt, aber jetzt war er erkrankt. Sie waren zu Besuch bei ihren Eltern, Graf und Gräfin di’Cameron, und normalerweise hätte auch Elena mit ihm und ihrer Familie in der Haupthalle gespeist, doch ihr Baby hatte ihre Aufmerksamkeit verlangt. Statt mit dem Kleinen nach unten zu gehen, hatte sie ihn in ihrem Zimmer gefüttert und dort auch gleich selbst eine leichte Mahlzeit eingenommen.

Tyndal, ihr Gatte und Ratgeber des Königs von Lothion, war sofort [...]

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Prolog

Elena di’Cameron war in tiefer Unruhe. Nach dem Abendessen hatte sich ihr Mann zunächst noch gut gefühlt, aber jetzt war er erkrankt. Sie waren zu Besuch bei ihren Eltern, Graf und Gräfin di’Cameron, und normalerweise hätte auch Elena mit ihm und ihrer Familie in der Haupthalle gespeist, doch ihr Baby hatte ihre Aufmerksamkeit verlangt. Statt mit dem Kleinen nach unten zu gehen, hatte sie ihn in ihrem Zimmer gefüttert und dort auch gleich selbst eine leichte Mahlzeit eingenommen.

Tyndal, ihr Gatte und Ratgeber des Königs von Lothion, war sofort nach dem Essen zurückgekehrt, hatte über nichts anderes als Müdigkeit geklagt und sich früh schlafen gelegt. Ein paar Stunden später erwachte sie jedoch und hörte ihn würgen. »Tyndal?« Sie richtete sich auf und zündete eine Lampe an. Er saß auf dem Boden und hielt das Nachtgeschirr, in das er sich gerade übergab, zwischen den Händen. Der Anblick erschreckte sie. Er war kreidebleich – und das schwarze Haar feucht vor Schweiß. Schon wieder würgte er, obwohl sein Magen längst leer sein musste.

Sogleich sprang sie zu ihm und wischte ihm mit einem Handtuch das Gesicht ab. »Du siehst nicht gut aus. Lass mich den Arzt rufen.«

Er winkte ab. »Gib mir nur etwas Wasser. Einen Heiler brauche ich nicht.«

»Ich hol es dir.«

Es war sinnlos, mit ihm zu streiten. Sie würde den Arzt einfach rufen, wenn sie das Wasser holte. Der störrische Narr konnte sich später immer noch darüber beschweren. Sie durchquerte das Vorzimmer und trat in den Flur hinaus. Die Gemächer ihrer Eltern lagen gleich gegenüber, die Tür stand ein Stück offen. Wie seltsam, dachte sie, als sie es bemerkte. Doch sie musste sich um ihren Mann kümmern und ging weiter den Flur hinunter.

Als sie um die Ecke bog, sah sie zwei schwarz gekleidete Männer eines der leeren Zimmer betreten. Sie wich zurück. Jetzt wusste sie, dass etwas Schlimmes geschehen sein musste. Dann erinnerte sie sich an die Tür ihrer Eltern. Binnen Sekunden war sie zurückgeeilt, stieß sie auf und platzte hinein. Die Tür führte zu einem kleinen Salon, der dem ihren sehr ähnlich war. Hier wirkte zwar alles leer, doch auf einmal schrie jemand im Schlafzimmer, und die Tür flog auf. Ihre Mutter erschien und versuchte verzweifelt, einem weiteren schwarz gekleideten Mann zu entkommen. Vorn war ihr Nachthemd bereits mit Blut getränkt, aber nun musste Elena auch noch zusehen, wie der Mann den Kopf ihrer Mutter zurückriss und ihr mit einem kurzen Messer blitzschnell die Kehle durchschnitt.

Das Blut spritzte aus der klaffenden Wunde, während die Gräfin di’Cameron zusammenbrach. In Elenas Herz schrie eine Stimme, doch kein Laut kam über ihre Lippen. Sie biss die Zähne zusammen und reckte das Kinn. Der Meuchelmörder sah sie grinsend an, denn er betrachtete eine Frau, die unbewaffnet und im Nachthemd vor ihm stand, offenbar nicht als Bedrohung. Zwei rasche Schritte, und schon hatte er sie erreicht und wollte sie bei den Haaren packen. Doch er lebte nicht einmal lange genug, um seinen Fehler noch bereuen zu können.

Elena gehörte den Anath’Meridum an, den geheimen Wächtern, die Illeniels Nachfahren schützten, und war sowohl bewaffnet als auch unbewaffnet eine gefährliche Kriegerin. Sie trat auf ihn zu und schlug ihm die flache Hand mit einer solchen Heftigkeit unter das Kinn, dass sein Kopf nach hinten flog. Die Wucht ließ ihn dabei rückwärtstaumeln, bis er das Gleichgewicht ganz verlor. Sie setzte sofort nach, ließ ihm, als er stolperte, keinen Raum, sondern hielt ihn am Hemd fest, riss den Dolch aus seiner Scheide und stieß ihn zu Boden, während sie ihm die Klinge in den Leib jagte, direkt unter dem Brustbein. Ein zweiter Stoß unter das Kinn sorgte dafür, dass er ganz sicher nicht mehr aufstehen würde.

Ihre Mutter war tot, so viel wusste sie, ehe sie zu ihr trat. Doch auch ihr Vater, der Graf, lag im Schlafzimmer tot auf dem Boden, die Blutlache schimmerte schwärzlich im Kerzenschein. Elena wäre beinahe zusammengebrochen, weil ihr der Anblick schier das Herz brach. Aber ein Blitzen, das sie aus dem Augenwinkel wahrnahm, erinnerte sie daran, dass sie ihren Gefühlen jetzt nicht nachgeben durfte. Sie kehrte auf dem Weg, den sie gekommen war, zurück und sah, wie sich der Flur mit gleißendem Feuer füllte. Nun drangen auch die Schreie sterbender Männer bis an ihre Ohren.

Die Flammen verschwanden so schnell, wie sie entstanden waren. Vorsichtig streckte sie den Kopf hinaus und überblickte den Gang. Vor ihrem eigenen Zimmer stieg von zwei verbrannten Männern Rauch auf. Hinter ihnen stand Tyndal und hielt sich am Türrahmen fest. Er konnte sich kaum auf den Beinen halten. Langsam sank er in sich zusammen, eine Hand auf den Bauch gepresst. Weitere Männer kamen angerannt. Einer sprang über Tyndal hinweg und wollte in ihr Schlafzimmer eindringen, während die beiden anderen noch innehielten, um dem sterbenden Magier den Garaus zu machen. Sie bemerkten nicht, dass Elena gerade aus dem anderen Zimmer trat.

Einer hob das Schwert und wollte Tyndal erschlagen, der andere sah nur zu. Hinter ihnen erhob sich ein Racheengel im weißen Nachtgewand, das blonde Haar umrahmte die blitzenden blauen Augen, als Elena zuschlug. Der Dolch traf die Niere des zuschauenden Mannes, während die freie Hand den anderen, der mit dem Schwert ausholte, am Kragen zurückzog. Sie versetzte ihm einen Tritt gegen die rechte Wade. Er knickte nach hinten um und hatte keine Zeit mehr, sich noch einmal aufzurichten, denn der Dolch war schon wieder frei und fuhr ihm in die Kehle, ehe er auf den Boden schlug.

Tyndal starrte sie an, als sie den Kopf hob. Das lose Haar fiel wie eine goldene Kapuze auf ihre Schultern. Sie suchte seinen Blick, während er sich zu sprechen mühte. »Unser Sohn …« Seine Stimme war heiser und schwach. Sie nahm dem Toten das Schwert ab und lief ohne ein weiteres Wort an Tyndal vorbei. Die Tür des Kinderzimmers stand offen, und drinnen entdeckte sie eine dunkle Gestalt. Gerade holte der Mörder vor der Krippe zum Hieb aus.

Als dieser Gegner sie kommen hörte, ließ er sein eigentliches Ziel vorerst in Frieden und begegnete ihrem Angriff frontal. Einige angespannte Sekunden lang, die sich wie Stunden anfühlten, blitzte der Stahl im Zwielicht des Raumes. Zwar verteidigte er sich nicht einmal schlecht, nur wenige Schwertkämpfer hätten sie so lange in Schach halten können, doch war ihm längst klar, dass er verlieren würde. Noch ein kurzer Augenblick, und sie hätte ihn bezwungen. Dann jedoch wich er verzweifelt seitlich aus, täuschte an und schlug nicht nach ihr, sondern nach dem kleinen Kind in der Wiege. Elena traf die Entscheidung, die in diesem Fall jede Mutter getroffen hätte, nur dass es keine Entscheidung war, weil sie gar keinen bewussten Gedanken dazu fassen musste. Der Instinkt traf die Entscheidung für sie, und sie hätte nichts daran ändern wollen. Sie sprang und versuchte das Schwert abzufangen, das ihrem Sohn nach dem Leben trachtete. Beinahe hätte sie es auch geschafft, doch verlor sie das Gleichgewicht dabei und war plötzlich ohne Deckung. Die Riposte des Gegners traf ihren Bauch, der Stahl zerfetzte das Nachtgewand und verletzte sie schwer. Zugleich aber zog sie im Rückzug die eigene Klinge herum und schlitzte dem Angreifer das Gesicht auf.

Der Mörder schrie auf, als er das rechte Auge verlor. Die Schmerzen und das Blut störten ihn aber nur einen Moment lang. Er ging zur Verteidigung über, sobald Elena nachsetzte. Die linke Hand presste sie sich auf den Bauch, um die Gedärme drinnen zu halten, während sie ihn mit dem Schwert in der Rechten erbarmungslos vor sich hertrieb. Ihre Miene war wutentbrannt, als sie ihn bedrängte. »Du wirst meinen Sohn nicht bekommen!« Wieder und wieder schlug sie zu, und nun erlahmte seine Gegenwehr allmählich. Sie fegte seine linkische Verteidigung hinweg und durchbohrte sein Herz, trieb ihm das Schwert so zwischen die Rippen, dass die Spitze zwischen den Schulterblättern wieder zum Vorschein kam, und nagelte den Toten damit an die Wand.

Elena hatte keine Zeit zu sterben. Sie ging zur Wiege und bemühte sich verbissen, den eigenen geschundenen Leib zusammenzuhalten. Da ihr Bauch eine Hand beanspruchte, musste sie das Schwert fallen lassen und versuchen, ihren Sohn mit der freien Hand zu trösten. Hinter sich hörte sie ein Geräusch. Wäre es ein weiterer Angreifer gewesen, so hätte sie nun ein leichtes Opfer abgegeben. Doch es war Tyndal. Er sah wie der leibhaftige Tod aus, als er die kleine Kammer betrat. »Dein Bauch …« Keuchend schnappte er nach Luft.

»Kümmere dich nicht darum. Du bist schlimmer dran als ich, und das will etwas heißen.« Sie schenkte ihm das Lächeln, mit dem sie Jahre zuvor bereits sein Herz erobert hatte, lehnte sich an die Wand und rutschte zu Boden. Vom Blutverlust wurde ihr schwindlig.

Tyndal hockte sich neben sie und half ihr, sich flach auf den Boden zu legen, doch sobald sie sich streckte, öffnete sich die Bauchwunde, was ihr einen erstickten Schrei entlockte. »Bei den Göttern, Elena, das kann ich nicht in Ordnung bringen. Es ist zu viel …« Tyndal Ardeth’Illeniel war der mächtigste lebende Magier, doch sein Wissen in den Heilkünsten war begrenzt, und schließlich lag er selbst im Sterben. Die Mahlzeit auf der Burg Cameron war vergiftet gewesen, und alle Männer, Frauen und Kinder im Burgfried, die davon gekostet hatten, waren ebenfalls dem Tod geweiht.

Doch er verdrängte die eigenen Schmerzen und konzentrierte sich auf den Finger, den er ihr wie ein Messer über den Bauch zog. Die Haut fand zusammen und schloss sich unter der Berührung. Gleich darauf verriet nur noch eine silberne Linie die Stelle, wo sie verletzt worden war. Sobald Elenas Schmerzen nachließen, betrachtete sie Tyndals Gesicht. Es war schweißüberströmt und vor Schmerz und Erschöpfung verzerrt. Trotzdem erkannte sie in den strahlend blauen Augen den scharfen Verstand, den sie stets so faszinierend gefunden hatte. Dieser Mann, ihr Gatte, musste jetzt sterben, und sie konnte nichts dagegen tun.

Immerhin war sie nun in der Lage, sich wieder aufzurichten und ihn mit tränenvollen Augen an sich zu ziehen. So verharrten sie eine ganze Weile, bis er erneut würgte und sie wegstieß. Dieses Mal war der Auswurf blutig. Nach einer Ewigkeit hörte er zu husten auf und konnte wieder sprechen. »Du musst unseren Sohn nehmen und weggehen.«

Eine andere Frau hätte sich jetzt widersetzt oder geweint, doch Elena di’Cameron tat nichts dergleichen. Sie war eine Anath’Meridum und wusste sich in eine Notwendigkeit zu fügen. Nickend stand sie auf und überprüfte ihre Verletzungen. Haut und Muskeln waren anscheinend in Ordnung, aber das Brennen tief im Bauch verriet ihr, dass die inneren Wunden nicht geheilt waren. Tyndal beugte sich über die Wiege und hob ihren Sohn heraus. Leicht schwankend stand er da, bis sie sich sorgte, er könnte mit dem winzigen Kind ins Straucheln geraten. Er blieb jedoch auf den Beinen. »Werde stark, mein Sohn, lebe und mach mich stolz!« Er küsste sein Kind auf die Wange. »Ich liebe euch beide.«

»Für immer«, antwortete sie und gab ihm einen raschen Kuss.

Dann nahm Tyndal sie bei der freien Hand und führte sie ins Schlafzimmer. Sie ließ ihn einen Augenblick allein, suchte einige Sachen zusammen, streifte eilig einfache Hosen und ein schlichtes Hemd über und warf sich den Mantel über die Schultern. Schließlich gürtete sie ihr Schwert und gesellte sich zu ihrem Gatten, der auf den Balkon hinausgetreten war.

So stand sie vor dem Mann, den mit ihrem Leben zu beschützen sie geschworen hatte. Vor jenem Mann, den sie nun zurücklassen musste. Zweifel nagten an ihr. »Bist du sicher?«

»Es gibt keinen anderen Weg. Ich sterbe, und du musst dein Gelübde brechen. Dir bleibt nichts, als zu fliehen, wenn unser Sohn überleben soll«, erwiderte er. Die Tränen standen ihm in den Augen.

Elena wandte den Blick ab und ging wieder nach drinnen. Im Vorraum schob sie einige Möbel vor die Tür und barg das Schwert des Mörders. Sie zog es ihm aus dem Leib, wischte es ab und steckte es in die Scheide, während sie die eigene Klinge in der Hand behielt. Schließlich kehrte sie zu Tyndal zurück. Mit erhobener Waffe suchte sie seinen Blick. »Ich, Elena di’Cameron, hebe die Bindung auf und bitte dich, mich freizugeben.« Damit sprach sie die Worte aus, die keinem Anath’Meridum bisher je über die Lippen gekommen waren.

Tyndal legte eine Hand auf die Klinge. »Ich, Tyndal Ardeth’Illeniel, gebe dich frei.« Als er sprach, glühte die Klinge einen Augenblick lang auf, ehe sie dunkel wurde. Danach zersprang sie wie Glas. »Meine Kräfte verlassen mich, Elena. Du musst dich beeilen.«

Sie warf das nutzlose Heft zu Boden und umarmte ihn, dann nahm sie das Kind. »Wie soll das gehen?« Sie war nicht sicher, wie er sie nach unten bekommen wollte, denn der Balkon befand sich fast zwanzig Mannslängen über dem Hof.

»Du wirst so leicht sein wie Distelwolle. Du musst springen, aber meine Magie wird dich behüten, bis du den Boden erreichst. Es tut mir leid, aber meine Kraft reicht nicht aus, um noch mehr zu tun.« Er sprach einige Worte in der alten Sprache und legte ihr die Hand auf die Stirn.

»Ich liebe dich«, sagte sie und ergriff die Brüstung. Mit der anderen Hand hielt sie ihren Sohn fest.

»Ich weiß. Du trägst mein Herz in dir und mein Leben in deinen Armen. Ich kann nicht sterben, solange du lebst.« Er küsste sie, dann sprang sie und schwebte wie eine Feder in einem leichten Wind hinab. Als sie nach unten trieb, hörte sie über sich ein Getöse in dem Raum. Tyndal drehte sich um und stellte sich den Männern, die die Tür inzwischen mit Gewalt aufgedrückt und die Möbel zur Seite geschoben hatten. Als er ihnen entgegenging, tropfte flüssiges Feuer von seinen Händen. Einen Augenblick später war Elena schon zu tief und verlor ihn aus den Augen.

Kurz danach wurde die Nacht zum Tag: Die Flammen schossen vom Balkon nach draußen. Größer und heller wurde das Feuer, immer heller, bis es mit der Sonne hätte wetteifern können. Es verzehrte das Schlafzimmer und einen großen Teil des betreffenden Stockwerks. Endlich verblasste es und wich einem orangefarbenen Glühen, da nun das Innere des Burgfrieds in Flammen stand. Tyndal Ardeth’Illeniel, der letzte Magier von Lothion, war nicht mehr.

Elena erreichte den Boden und blickte ein letztes Mal hinauf, dann wandte sie sich ab und rannte zu den Stallungen. Lautlos weinte sie, während sie ihren kleinen Sohn festhielt. Es wäre eine Schande gewesen, wenn jemand eine Angehörige des Ordens hätte weinen sehen, aber schließlich war sie ja auch keine Anath’Meridum mehr.

Keine Minute später erreichte sie den Stall und schlich sich geduckt hinein. Erstaunlicherweise war das Gebäude verlassen. Sie verlor keine Zeit und sattelte ein Pferd ihres Vaters, ein schnelles, vor allem für die Jagd gezüchtetes Tier. Es war nicht leicht, mit dem Säugling auf dem Arm aufzusitzen, doch irgendwie gelang es ihr, und dann war sie auch schon draußen und stürmte mit wehenden Haaren davon.

Sie ritt über den Burghof und durchs Torhaus hinaus. Dort drängten sich Männer und Pferde, allerdings waren die Feinde viel zu verblüfft, um sie aufzuhalten. Ein kurzer Blick zurück über die Schulter verriet ihr jedoch, dass die Mörder bereits aufsaßen, um sie zu verfolgen, und ihr nachriefen, sie solle anhalten. Sie achtete nicht darauf, sondern eilte weiter und galoppierte Hals über Kopf davon.

Sie ritt die ganze Nacht hindurch und verlangte ihrem Pferd das Äußerste ab, um den Verfolgern zu entkommen. Irgendwann kurz vor der Morgendämmerung strauchelte das Tier und wäre fast gestürzt. Nun musste sie anhalten. Bevor das Pferd, das sie gewiss längst zu Tode geritten hatte, ganz zusammenbrach, stieg sie hastig ab. Es schnaufte schwer und hatte Schaum vor dem Maul, doch sie hatte jetzt keine Zeit, um das Tier zu trauern. Es sank auf die Knie, während Elena sich innerlich ganz hart machte und dem Tier die Halsschlagader öffnete, um das geschundene Geschöpf rasch zu erlösen.

Heute Nacht sehe ich nichts als den Tod, und vor mir liegt schon wieder genau das Gleiche, dachte sie. An einem anderen Tag hätte sie vielleicht geweint, weil sie ein so schönes Tier getötet hatte, doch jetzt waren keine Tränen mehr in ihr. Sie hob ihren Sohn auf und begann mit der Fußwanderung. Als die Stunden verstrichen, wurden die Schmerzen im Bauch schlimmer, bis es sich anfühlte, als stünde ihr Magen in Flammen. In ihrem Leib war etwas verletzt worden, und sie konnte nur hoffen, dass es sie nicht umbrachte, ehe sie Lancaster erreichte.

Der Herzog von Lancaster war der Lehnsherr ihres Vaters – und damit war dies der nächste Ort, an dem sie hoffentlich eine Zuflucht finden konnte. Schließlich stieß sie auch wieder auf die Straße und bewegte sich nach Osten, der aufgehenden Sonne entgegen. Da sie nicht genau wusste, wo sie sich befand, konnte sie auch nicht erkennen, wie viele Meilen sie bis Lancaster noch vor sich hatte. Also ging sie einfach weiter. Hinter dem nächsten Hügel stieg Rauch auf, daher musste es dort eine Ansiedlung geben.

Eine Stunde später konnte sie nicht mehr klar denken. Ihr Mund war trocken, dabei wurde ihr heiß. Sie bekam Fieber und fürchtete, sie werde zusammenbrechen, ehe sie Hilfe fand. Als sie sich über die Schulter umsah, bemerkte sie einen Mann, etwa hundert Schritt entfernt, der ihr folgte. Der Kleidung nach war er einer der Meuchelmörder, gegen die sie in der vergangenen Nacht gekämpft hatte.

Die Angst beflügelte sie eine Weile, sie lief schneller. Er war zu Fuß, daher nahm sie an, dass er wie sie sein Pferd zu Tode geritten hatte, um sie noch in der Nacht einzuholen. Das Tier tat ihr leid. Inzwischen war ihr Körper schwach, viel zu schwach, und nicht einmal die Angst konnte sie noch antreiben. Der Mann näherte sich beharrlich, das Ergebnis war unausweichlich.

Er war nur noch zwanzig Schritt entfernt, sie hörte schon den keuchenden Atem hinter sich. Keiner von ihnen hatte noch die Kraft zu rennen, sie stapften lediglich verzweifelt einher. Er schritt mit schweren Schritten aus, sie taumelte bereits. »Verdammt, nun bleib doch stehen!«, rief er ihr zu. »Hör jetzt auf, Weib, und ich sorge dafür, dass die letzten Minuten deines Lebens angenehm sind, ehe du stirbst.«

Elena di’Cameron war keine Närrin. Sie konnte nicht weiterfliehen und hatte auch keine Kraft, um zu kämpfen. So setzte sie ihren Sohn ab und drehte sich um. Fünf Schritte, zehn, und sie brach zusammen, ehe der Verfolger sie erreicht hatte. Mit dem Gesicht nach unten lag sie auf dem Schwert des Meuchelmörders, das sie mit sich genommen hatte, weil ihre eigene Klinge geborsten war. Sie atmete tief ein und bekam Staub in die Nase, während sie ihre Kräfte sammelte. Ihre einzige Hoffnung war, dass der Mann dumm genug wäre, sich noch etwas mit ihr vergnügen zu wollen, ehe er sie tötete.

Sie wartete, bis er sich über ihr aufbaute, und hoffte, er werde innehalten und sich an ihrer Schwäche weiden. Für ihn schien sie völlig wehrlos zu sein, was ja auch beinahe der Wahrheit entsprach. Als er dort stand, entschied er wohl, zu müde für das Vergnügen zu sein, und zog das Schwert. Elena rollte sich herum und stieß nach oben, um ihn entweder im Schritt oder im Bauch zu treffen. Beinahe hätte sie auch Erfolg gehabt, doch die Arme ließen sie im Stich, und der Hieb kam zu langsam. Er fegte ihre Klinge mit nur einem Tritt zur Seite, ließ sich fallen, presste mit den Knien ihre Schultern auf den Boden und brach ihr dabei das Schlüsselbein. Sie schrie auf, so laut es ihr trotz der Erschöpfung noch möglich war.

Sobald er sie am Boden festgesetzt hatte, zog er ein kleines Messer. »Damit töte ich dein Kind, sobald du erledigt bist, Hexe.« In seinen Augen flackerte der Irrsinn. Sie wollte ihm ins Gesicht spucken, doch ihr Mund war trocken und sie hatte keinen Speichel mehr. Auf einmal bohrte sich ein Pfeil in seine Brust. Verwundert starrte er den Schaft an. Er ließ das Messer fallen und versuchte, den Pfeil herauszuziehen, als ein zweiter in seiner Kehle stecken blieb. Da kippte er von ihr herunter und war tot, ehe der Kopf auf die Straße schlug. Elena wollte sich aufrichten, doch ihr Körper gehorchte ihr nicht mehr. Sie hörte ihren Sohn weinen, während alles vor ihren Augen verschwamm. Dunkelheit umfing sie, als sie ohnmächtig wurde.

Eine nicht bestimmbare Zeitspanne später kam sie wieder zu sich. Sobald sie sich rührte, knirschte das Schlüsselbein. Die Schmerzen zwangen sie, sich ruhig zu verhalten. So blieb sie reglos liegen und sah sich um. »Nicht bewegen. Dein Körper hat zu viel erdulden müssen«, sagte jemand.

Eine Frau saß an ihrem Lager. Der Raum war klein, allem Anschein nach wohl die Kate eines Bauern. Die Frau feuchtete ein Tuch an und legte es Elena auf die Stirn. »Du hast dir ein schreckliches Fieber eingefangen. Eine Weile dachte ich schon, du würdest nie mehr aufwachen.«

Elena starrte sie an. Die Frau war freundlich und hatte kräftige Gesichtszüge. »Mein Kind …«

»Sch-scht! Keine Sorge, es geht ihm gut. Er ist gleich hier. Du hast einen schönen, kräftigen Jungen. Er hat munter gebrüllt, seit Royce euch hergebracht hat.« Sie beugte sich vor und hob Elenas Sohn von der schlichten Bettstatt, die sie im Zimmer eingerichtet hatten. Da Elena ihn nicht selbst halten konnte, legte die Frau ihn neben ihr ab, wo sie ihn betasten konnte.

»Ich muss dir einige Dinge erklären«, begann sie.

»Nein, nein, bleib nur ganz still liegen. Dein Körper hat schwer daran zu arbeiten, das Fieber zu bekämpfen. Du musst dich jetzt erst einmal erholen. Später haben wir noch genügend Zeit«, besänftigte die Frau sie.

»Nein, die haben wir nicht«, widersprach Elena. »Ich bin innerlich verletzt. Hier unten.« Sie wollte auf den Bauch deuten, doch die Bewegung schmerzte zu sehr. Müde war sie, hundemüde, aber sie sprach trotzdem weiter. Stockend berichtete sie der Frau, die für sie sorgte, wer sie war.

Nach einer Weile erfuhr sie, dass die Frau Meredith Eldridge hieß und Miri gerufen wurde. Ihr Ehemann Royce hatte Elena auf der Straße gefunden. Er war Schmied und zur Burg von Lancaster unterwegs gewesen, um ein Fass Nägel und andere Gegenstände auszuliefern. Glücklicherweise nahm er bei solchen Reisen stets den Bogen mit. Die beiden Frauen unterhielten sich länger als eine Stunde, bis Elena nicht mehr konnte und in einen unruhigen Schlummer fiel.

Am nächsten Tag war ihr Fieber zwar noch schlimmer geworden, aber Miri gab die Hoffnung nicht auf. Elena überredete sie, ihr Stift und Papier zu geben, brachte es aber kaum fertig, sich aufzurichten und zu schreiben. Sie kämpfte Schmerzen und Müdigkeit nieder und fand am Tisch endlich eine Sitzhaltung, die ihr nicht ganz so viele Schmerzen bereitete. Der linke Arm war nutzlos, doch mit der rechten Hand konnte sie den Stift halten, sofern sie beim Schreiben möglichst still hielt.

Sie verfasste zwei Briefe. Einen an ihren Sohn und eine viel kürzere Nachricht an den Herzog von Lancaster. Schließlich half Miri ihr wieder ins Bett. »Sage ihm nichts, Miri … erst wenn er älter ist, soll er es erfahren.«

»Was soll das heißen, meine Liebe?« Miri versuchte schon wieder, sie zu beruhigen.

»Erzähl ihm erst von mir, wenn er älter ist. Er soll unbeschwert aufwachsen. Gib ihm meinen Brief erst zu einem Zeitpunkt, an dem er es unbedingt erfahren muss«, verlangte sie nachdrücklich.

»Still jetzt, du wirst es ihm selbst erzählen können, sobald es dir besser geht. Du bleibst jetzt hier bei uns, und wenn du wieder bei Kräften bist, kannst du mir hier ein wenig zur Hand gehen.« Lächelnd streichelte Miri Elenas Haare. »Du musst dich jetzt ausruhen, und bald schon werden wir ein Picknick machen. Der Frühling kommt, draußen ist es wunderschön. Die Blumen blühen, die Luft ist voller lieblicher Düfte.« Elena schlief sanft ein, während Miri weiterredete. Sie fühlte sich wieder wie ein kleines Mädchen, das die Mutter in den Schlaf sang. Nach einer Weile stand Miri auf und bereitete das Mittagsmahl zu.

Elena wachte jedoch nicht mehr auf. In der folgenden Nacht verschied sie ganz still. Ihr Sohn weckte die Eldridges am nächsten Morgen mit seinen Schreien. Anscheinend spürte er, dass die Mutter von ihm gegangen war.

Über Michael Manning

Biografie

Michael G. Manning liest seit seiner Jugend Science Fiction und Fantasy. Er hat sich in der Kunst des Software Designs ebenso wie im Fantasy Artwork versucht und ist außerdem ein begeisterter Baumkletterer. Er lebt in Texas, gemeinsam mit seiner Frau, zwei Kindern und zahlreichen phantastischen...

Medien zu »Das Erwachen«

Pressestimmen

bookaholics-for-life.de

»Die Handlung ist zu jeder Zeit gut gefüllt und absolut nie langweilig - wirklich nie! (...) Ein absolutes MUST-READ für alle Fantasy-Fans!!!«

BUNTE

»Fantasy mit Herz und Schwert.«

Phantastik-News.de

»(...) so geschickt aufgebaut und fesselnd erzählt, dass die Zeit der Lektüre wie im Flug vergeht und man das Buch viel zu früh zuschlägt, und gerne weiter verfolgen wird, wie es unseren Protagonisten weiter ergeht.«

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