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Das Erbe der HohensteinsDas Erbe der Hohensteins

Das Erbe der Hohensteins

Roman

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Das Erbe der Hohensteins — Inhalt

Im Jahr 1925 strahlt das Hotel am Drachenfels in bewährter Pracht. Die Goldenen Zwanziger bescheren dem Grand Hotel eine Schar illustrer Gäste und schillernder Abendveranstaltungen. Auch Valerie, die schöne Tochter des Hoteliers, genießt das Leben in vollen Zügen und verdreht zahlreichen Männern die Köpfe. Ihr Bruder Ludwig dagegen hadert mit seinem Schicksal als Hotelerbe. Viel lieber würde er nach Amerika aufbrechen und dort sein Glück als Ingenieur versuchen. Doch seine Verlobte Charlotte von Domin schreckt vor keiner Heimtücke zurück, um ihn von seinen Plänen abzubringen …

€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 01.09.2017
576 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-30956-1
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 01.09.2017
608 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96585-9

Leseprobe zu »Das Erbe der Hohensteins«

Teil I ✯  Aufbruch

 

✯✯ 1 ✯✯

Karl Hohenstein fragte sich, was ihn in diesem Moment mehr erschütterte: die Nachricht, dass der Hauptkoch mit einer Kiste Tafelsilber auf und davon war, oder der Moment der Erkenntnis, dass es sich bei dem androgynen Wesen, das gerade durch das Vestibül schritt, um seine Tochter Valerie handelte.

»Grundgütiger!«

Valerie drehte sich einmal um sich selbst, damit er die Gelegenheit bekam, das, was von ihrer dunklen Haarpracht übrig geblieben war, von allen Seiten bewundern zu können.

»Sehr hübsch«, sagte Karls Onkel, Konrad [...]

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Teil I ✯  Aufbruch

 

✯✯ 1 ✯✯

Karl Hohenstein fragte sich, was ihn in diesem Moment mehr erschütterte: die Nachricht, dass der Hauptkoch mit einer Kiste Tafelsilber auf und davon war, oder der Moment der Erkenntnis, dass es sich bei dem androgynen Wesen, das gerade durch das Vestibül schritt, um seine Tochter Valerie handelte.

»Grundgütiger!«

Valerie drehte sich einmal um sich selbst, damit er die Gelegenheit bekam, das, was von ihrer dunklen Haarpracht übrig geblieben war, von allen Seiten bewundern zu können.

»Sehr hübsch«, sagte Karls Onkel, Konrad Alsberg, und nickte Valerie aufmunternd zu.

»Danke. Wenigstens einer, der Ahnung von Mode hat.« Valerie stützte sich auf die Rezeption und lehnte sich leicht vor. »Nun guck nicht so, Papa, das ist der letzte Schrei.«

»War das Mariannes Idee?« Valerie hatte bei ihrer älteren Schwester in Köln übernachtet.

»Nein, sie hat mich nur darin bestärkt. Man trägt sein Haar jetzt so.«

Karl begutachtete erneut kritisch die Frisur seiner Tochter. Die Haare waren nun nur noch kinnlang, hatten eine Wasserwelle, und zwei Locken waren seitlich ins Gesicht gedreht worden. Glücklicherweise war das zu seiner Zeit anders gewesen, dachte er.

»Ich werde Mama auch dazu überreden.«

»Untersteh dich.«

»Ach, Papa, du bist so hoffnungslos altmodisch.«

Konrad grinste verhalten. Er hatte auch leicht lachen, seine eigene Tochter Emma sah immerhin noch aus wie eine Frau.

»Wie geht es Marianne?«, wechselte Karl das Thema.

»Gut. Heinrich sagte, das Kind kommt bestimmt früher. Ich glaube, wenn ihr Bauch noch dicker wird, platzt sie.«

»Das hört sie sicher gerne.«

Valerie lachte nur. »Und was gibt’s hier Neues?«, fragte sie, als sei sie länger als eine Nacht fort gewesen.

»Unser Erster Koch ist weg, und einen Satz Tafelsilber hat er auch mitgehen lassen«, antwortete Karl.

»Wie spannend.«

»Das kommt wohl auf den Standpunkt an.«

»Ruft ihr die Polizei?«

»Das macht dein Bruder gerade.« Und offenbar dauerte die Sache länger, denn er hatte seinen Ältesten, Ludwig, bereits vor einer guten halben Stunde damit beauftragt. Valerie hielt sich nicht länger mit den langweiligen Details auf, sondern verließ das Vestibül, vermutlich, um ihrer Mutter die neue Frisur vorzuführen.

»In den nächsten Tagen können wir uns noch irgendwie behelfen«, sagte Konrad. »Ich habe einem der Unterköche die Weisungsbefugnis über die Küche erteilt, aber wir brauchen dringend einen Ersatz. Jemand muss eine Anzeige aufgeben.«

Es war Anfang Juni, die Hochsaison hatte begonnen, und das Haus war ausgebucht – zum ersten Mal seit Ende des Großen Krieges ging es der Familie und dem Hotel finanziell wieder gut. In den Jahren zuvor war alles mehr Schein als Sein gewesen, eine glanzvolle Fassade, während in ihrem Privatleben jeder Pfennig zweimal umgedreht wurde. Das strikte Sparprogramm, das Karl und Konrad den Familien verordnet hatten, begann nun, Früchte zu tragen, und dieses Jahr, das hatte Karl seiner Tochter versprochen, würde man feiern wie in alten Tagen. Ausgerechnet jetzt musste er sich allerdings um diese ärgerliche Geschichte kümmern. Weit konnte der Kerl jedoch nicht gekommen sein, und vielleicht erhielten sie das Silber zurück, ohne vorher den Umweg über die Versicherung zu gehen.

»Übrigens wird nächste Woche das neue Automobil geliefert«, sagte Konrad in seine Überlegungen hinein. Ein Rolls Royce Phantom, der sich zu Konrads geliebtem Silver Ghost gesellen würde.

Der neue Wagen war ein Geschenk für Konrads Tochter Emma, Karls Cousine, die mit ihren achtzehn Jahren vier Jahre jünger war als Valerie. Das lag daran, dass sein Onkel nur zehn Jahre älter war als er, ein Umstand, der einer außerehelichen Affäre von Karls Großvater geschuldet war. Vor gut zwanzig Jahren, nachts zur Jahreswende, war Konrad Alsberg urplötzlich aufgetaucht und hatte Anspruch auf seinen Anteil am Hotel gefordert, ein legitimes Recht, denn er war mit Karls Vater zusammen der Haupterbe gewesen.

Seither hatte sich vieles geändert – es gab Elektrizität, Lifts, und nach dem Großen Krieg war das Hotel mit einer richtigen Telephonzentrale ausgestattet worden, die sich ein wenig zurückgelagert im Vestibül befand. In der Remise standen vier Hotelautomobile, die die Hoteldroschken ersetzt hatten, sowie zwei private, eines gehörte Karls Ehefrau Julia, das andere Konrad, beide wurden jedoch rege auch von den Kindern genutzt. Karl konnte zwar fahren, tat es jedoch ungern und überließ das meist einem der Hotelchauffeure.

Einer der Kellner näherte sich der Rezeption. »Es gab einen etwas unschönen Vorfall im Garten, gnädiger Herr. Die Zofe der Gräfin von Lichtenberg wurde beleidigt.«

»Von wem?«

»Ich bedaure es vielmals, aber Ihr werter Neffe hat sich wohl ein wenig im Ton vergriffen, gnädiger Herr.«

Karl musste nicht wissen, welcher der beiden. Hans, das ständige Ärgernis.

 

Nachdem Valerie sich bei ihrer Mutter die Bestätigung geholt hatte, dass ihre neue Frisur hinreißend war, verließ sie das Haus wieder und ging in den Garten. Die ständige Unruhe, die in ihr vibrierte, erlaubte ihr kein längeres Verweilen in der Wohnung, und das herrliche Sommerwetter lud dazu ein, draußen nach Zerstreuung zu suchen.

Im letzten Sommer hatte ihre Tante Johanna sie nach Ungarn eingeladen, wo sie mit deren ältester Tochter eine herrliche Zeit in den Ballsälen von Budapest und später auch in Wien verbracht hatte, denn zum Ende der Saison reisten ihre Tante und deren Mann Victor mitsamt ihren fünf Kindern meist nach Österreich. Im Sommer zuvor war Valerie in England gewesen. Den Winter über bei einer Freundin in Paris. Es hatte gutgetan, in den Zeiten massiver Einschränkungen trotzdem ein recht mondänes Leben führen zu können. Obgleich Valerie wusste, dass dies nur möglich war, da ihre Verwandten in Ungarn und England nach wie vor vermögend waren.

Das Siebengebirge war immer noch ein beliebtes Reiseziel, und der nach dem Krieg erlahmte Tourismus erlebte eine neue Blütezeit. Alles in allem war es wunderbar, und Valerie freute sich unbändig auf die Saison. Sie ließ sich eine Tasse Kaffee bringen und beobachtete die Gäste. Das war jedes Mal ein großer Spaß, und gelegentlich hielt sie die ein oder andere Szene in schriftlichen Skizzen fest.

»Ah, Valerie, du bist es«, hörte sie die Stimme ihres Cousins Hans hinter sich und drehte sich zu ihm um. »Im ersten Moment glaubte ich, ein Mann mit einer seltsamen Vorliebe für Frauenkleider hätte sich unter die Gäste gemischt.«

Valerie spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht trat. Hans war erst siebzehn – fast noch ein Kind –, und doch schaffte er es ständig, sie zu provozieren. »Höre ich da Begehrlichkeit und Enttäuschung?«, fragte sie, beobachtete gespannt seine Reaktion und feixte, als ihm seinerseits vor offensichtlicher Empörung die Röte über die Wangen kroch.

Er schwieg, schien nach einer angemessenen Antwort zu suchen, während ihm ihre Belustigung offenbar nicht entging. »Ist das gar der Grund für diesen Auftritt?«, fragte er schließlich. »Dass du aufreizend auf Männer wirken möchtest, die einen Hang zu Herren in Damenkleidern haben?«

»Hans!« Karl Hohenstein musste seine Stimme nicht erheben, um ihr die Schärfe eines Armeesäbels zu verpassen. »Was, um alles in der Welt, sind das für Worte, die du meiner Tochter gegenüber äußerst?«

Provozierend langsam drehte Hans sich um. »Onkel Karl. Ich denke, ich bin Ehrenmann genug, nicht zu sagen, welche Worte deiner Tochter den meinen vorangegangen sind.«

Nun spürte Valerie den Blick ihres Vaters auf sich und hob das Kinn, schwieg.

»Entschuldige dich bei ihr«, forderte Karl Hohenstein.

Hans lächelte aufreizend. »Ich entschuldige mich in aller Form, Cousinchen.«

Valerie neigte huldvoll den Kopf, während ihr Vater die Brauen nach wie vor finster zusammenzog. »Was war das eben mit der Zofe der Gräfin von Lichtenberg?«

Hans wirkte, als müsse er überlegen. »Ach, das. Keine große Sache. Sie ist im Garten spazieren gewesen, und ich habe lediglich angemerkt, dass der Garten vornehmlich unseren Gäste vorbehalten ist und es für ihresgleichen andere Möglichkeiten der Zerstreuung gibt.«

Damit hatte er nicht einmal unrecht, in den Garten durften in der Tat nur die Gäste des Hauses. Valerie bemerkte, wie ihr Vater sich entspannte. »Verstehe. Und darüber, dass du ihre Zofe darauf hingewiesen hast, hat sich die Gräfin geärgert?«

Ein nonchalantes Schulterzucken. »Ich vermute eher, es war, weil ich angedeutet habe, an welche Art der Zerstreuung ich gedacht habe.« Hans zwinkerte Valerie zu, drehte sich um und schlenderte von der Terrasse. Karl Hohenstein konnte ihm nicht nachfolgen, ohne die Aufmerksamkeit der anwesenden Gäste auf sich zu ziehen. Also blieb er stehen, und Valerie konnte sehen, wie es in ihm brodelte.

»Schick ihn doch eine Weile nach Ungarn«, schlug sie vor. »Vielleicht tut es ihm gut, mal etwas anderes zu sehen, andere Leute um sich zu haben.«

»Eine Woche bei Johanna, und wir sehen die Gute nie wieder. Nein, das ist keine Lösung. Zumindest nicht, wenn du ein Interesse daran hast, deine Tante auch künftig besuchen zu dürfen.« Tatsächlich hatte es im vorigen Jahr schon einmal einen äußerst schäbigen Auftritt seiner Tante Johanna gegenüber gegeben, der eine sehr bedenkliche Entwicklung anzeigte.

»Warum hast du einen Ungar geheiratet?«, hatte Hans gefragt. »Waren die deutschen Burschen nicht gut genug? Macht es dir nichts aus, wenn wir darauf zusteuern, irgendwann ein ebenso abscheulich durchrasstes Volk zu sein wie die Amerikaner?«

Tante Johanna war zunächst sprachlos gewesen, dann hatte sie – sich um Ruhe bemühend, immerhin war er erst sechzehn gewesen und noch leicht beeinflussbar – ihre Sicht der Dinge dargelegt. Karl Hohenstein war weniger diplomatisch und hatte seinem Neffen eine kräftige Ohrfeige verpasst.

Valerie lächelte versöhnlich. »Na ja, er ist ja noch jung.«

»Wenn du das sagst, komme ich mir steinalt vor.«

»Bist du doch auch.« Sie lachte, erhob sich, gab ihm einen raschen Kuss auf die Wange und ging ins Hotel. Einer der Chauffeure sollte sie nach Königswinter fahren. Vielleicht bot sich dort etwas Abwechslung.

 

Nachdem Ludwig Hohenstein den halben Tag damit verbracht hatte, mit der Polizei zu sprechen und mithilfe der Haushälterin eine Bestandsliste des gestohlenen Tafelsilbers zu erstellen, stand an dem Tag nur noch die Buchhaltung auf dem Programm. Als er das Arbeitszimmer betrat, saß Emma, die Tochter seines Großonkels Konrad, an einem der beiden Schreibtische und verfasste ein Schreiben. Sie blickte kurz auf, lächelte ihn an und widmete sich wieder ihrem Text. Er vernahm das Kratzen des Federhalters, ihre Hand bewegte sich rasch über das Papier. Emma hatte von ihnen allen die schönste Schrift, weshalb man sie gerne alles verfassen ließ, das irgendeinen wie auch immer offiziell gearteten Charakter hatte.

»So«, sagte sie und legte den Federhalter zur Seite. »Also wenn wir damit keinen guten Koch finden, dann weiß ich auch nicht.«

Ludwig trat zu ihr und sah ihr über die Schulter. Gesucht wurde ein Koch mit gründlichen Kenntnissen der europäischen – insbesondere französischen – Küche. Ausbildung im Konditorgewerbe erforderlich, ebenso Berufserfahrung in der gehobenen Gastronomie, Kenntnisse der englischen und französischen Sprache in Wort und Schrift. Das Stellengesuch würde noch an diesem Tag dem Boten mitgegeben, damit dieser es nach Königswinter brachte. »Na, da bin ich gespannt.«

Emma lehnte sich zurück, damit sie ihn ansehen konnte. Mit ihrem weizenblonden Haar und den feinen Gesichtszügen war sie rein äußerlich eine Hohenstein, gepaart mit der weltmännischen Eleganz ihres Vaters. Nur die blaugrauen Augen und das energische Wesen offenbarten, dass sie ganz Tochter ihrer Mutter war. Sie und ihr jüngerer Bruder Andreas waren ein Jahr auseinander, ebenso wie Ludwig und Valerie. Zwischen ihm und Marianne lagen nur wenige Monate – eine der etwas weniger glanzvollen Episoden aus den wilden Jahren seines Vaters. Sie fünf waren alle wie Geschwister aufgewachsen, und später waren noch die beiden Söhne seines verstorbenen Onkels Alexander hinzugekommen. Während jedoch die hübsche, ungestüme Valerie von einem Vergnügen ins nächste tändelte, die wissenschaftlich interessierte Marianne einen Arzt aus Köln geheiratet und Ludwig von einem Leben in Amerika träumte, waren Emma und Andreas ganz und gar Hoteliers.

»Heute Abend spielt eine Jazzkapelle im Großen Saal. Kommst du auch?«, fragte Emma.

»Ich bin mit Charlotte verabredet.«

Emma verdrehte die Augen.

»Ich weiß, du magst sie nicht, aber sie ist in Ordnung, du müsstest sie nur besser kennenlernen.«

»Ach, Ludwig, hör dich doch an. Du willst sie heiraten und findest sie in Ordnung?«

»Du weißt, wie ich das meine.«

Emma seufzte und erhob sich. »Ist dein Vater im Vestibül?«

»Ja.«

»Gut.« Sie nahm den Anzeigenentwurf. »Wenn er damit einverstanden ist, kann das raus.« Sie verließ den Raum, und Ludwig ließ sich an seinem Schreibtisch nieder. Es gab drei Arbeitszimmer, eines gehörte seinem Großonkel Konrad, das andere seinem Vater, und das dritte teilte er sich mit Emma, wobei später noch Andreas dazukommen würde. Ludwig schlug das Rechnungsbuch auf und starrte blind hinein. Das hier war einfach nicht sein Welt. Er wusste jedoch, was von ihm erwartet wurde und fügte sich, worin er von seiner Verlobten, Charlotte von Domin, stets bestätigt wurde. Wie es wirklich in ihm aussah, wusste niemand, nicht einmal Valerie. Es auszusprechen würde es wirklich machen, greifbar. Es würde sich anfühlen wie ein Verlust und wäre erst recht nicht zu ertragen.

Sein Vater übertrug ihm allmählich mehr Verantwortung, um ihn auf sein Erbe vorzubereiten, und Charlotte würde nicht nach Amerika wollen. Also tat er, was von ihm verlangt wurde, und beließ es bei der Hoffnung, Amerika wenigstens gelegentlich bereisen zu können. Seufzend machte er sich an die Aufstellung der Kosten für die Versicherung.

Er war jedoch nicht bei der Sache, und immer wieder schweiften seine Gedanken ab, bis er es schließlich aufgab und versonnen den Blick zum Fenster gleiten ließ. Sonnenstrahlen tanzten auf dem Fensterbrett, sprachen eine stete Lockung aus, und Ludwig machte sich irgendwann nicht mehr die Mühe, ihr widerstehen zu wollen.

Als er das Vestibül durchquerte, begrüßte Konrad gerade einen älteren Herrn, der mit seinen beiden Töchtern angereist war, die als Krankenschwester und Gesellschafterin fungierten. Sie kamen seit Kriegsende jedes Jahr im Sommer, und während die Ältere ihre Heiratschancen schwinden sah und mit jedem Jahr verbitterter wirkte, war die Jüngere stets von übersprudelnd guter Laune. Sie hatte Ludwig auf einem der seltenen Ballabende, als er mit ihr tanzte, anvertraut, sie sei gar nicht böse darum, einem Leben in Freiheit und Ungebundenheit entgegenzusehen. Später am Abend hatte sie den leichtfertigen Versuch unternommen, ihn zu verführen, weil sie, wie sie sagte, trotz allem wissen wollte, wie sich die Liebe anfühlte. Da er jedoch bereits mit Charlotte verlobt und zudem jede Liaison mit Gästen verboten war, hatte er das Ansinnen so behutsam wie möglich abgelehnt. Als ihn die junge Frau nun bemerkte, hob sie die Hand und winkte ihm zu, was er erwiderte, ehe er das Hotel durch den Haupteingang verließ.

Eines der Hotelautomobile fuhr eben in den Hof ein, und Valerie stieg aus. Ludwig legte den Kopf schief und taxierte seine Schwester. Sie warf ihm ein schräges Lächeln zu.

»Ehe du etwas sagst – Mama findet es hinreißend«, sagte sie. »Und Marianne auch.«

»Ja, es hat was.« Ludwig zupfte spielerisch an einer der kurzen Strähnen, die ihr seitlich ins Gesicht fielen.

»Warst du heute den ganzen Tag im Bureau?«

»Ja, und ich bin immer noch nicht fertig.«

Valerie hakte sich bei ihm ein, während sie über den Hof spazierten. »Soll ich Papa sagen, er soll dir mehr Freizeit gönnen?«

»Da kann Vater nichts für, die ganze Sache mit unserem Koch hat mir einen leidigen Berg Arbeit beschert.«

»Ich finde ja, Herr Wagner hatte so gar nichts Banditenhaftes an sich. Das hätte ich eher unserem neuen Concierge zugetraut.«

»Valerie!«

»Was denn? Er hat so etwas Düster-Verschlossenes, das habe ich von Anfang an gesagt.«

Ihr vorheriger Concierge, Herr Stehle, war vor einem halben Jahr in den Ruhestand gegangen, und an seine Stelle war ein Mann Anfang dreißig getreten, Herr Wolff, der vorher in einem sehr noblen Hotel in Berlin gearbeitet hatte. Er war überaus fähig im Umgang mit den Gästen, freundlich und zuvorkommend, dabei aber ausreichend distanziert, um nicht anbiedernd zu wirken. Valerie jedoch bestand darauf, dass er etwas Vampirhaftes hatte.

Gäste kamen von Ausflügen zurück, andere brachen eben auf und ließen sich nach Königswinter bringen. Das Hotel Hohenstein lag inmitten der bewaldeten Hügel des Siebengebirges, bot einen überwältigenden Ausblick auf die Umgebung, war abgeschieden, um den stressgeplagten Städtern Erholung zu versprechen, aber dennoch nahe genug an Königswinter gelegen, um städtische Zerstreuung zu bieten. Im Gegensatz zu Valerie war Ludwig nur selten gereist, sondern hatte sich nach seinem Studium ganz in den Dienst des Hotels gestellt.

Da sein Vater auch die Vormundschaft für seine Cousins Hans und Jakob übernommen hatte, und gerade Ersterer es ihm wahrhaftig nicht leicht machte, wollte Ludwig ihm nicht noch zusätzlich Schwierigkeiten bereiten, indem er ihn mit der Arbeit im Hotel mehr oder weniger alleine ließ. Natürlich war Emma eine große Hilfe, und inzwischen war auch Andreas mit der Schule fertig und hatte ein kaufmännisches Studium begonnen. Emma wurde im Hotel ausgebildet und besuchte lediglich die Stenographiekurse in der Stadt. Für Ludwig bedeutete das allerdings keine Entlastung, denn sein Bereich blieb die Finanzbuchhaltung, da konnte ihm keiner der beiden helfen. Und später würden sie den Bereich übernehmen, in dem nun ihr Vater Konrad tätig war. Man konnte es drehen und wenden, wie man wollte, für Ludwig gab es kein Entkommen.

 

✯✯ 2 ✯✯

Emma stieß einen Laut des Entzückens aus. »Du machst Witze!« Vor ihr stand ein Rolls Royce Phantom, fabrikneu und glänzend in der sommerlichen Nachmittagssonne. »Und er ist wirklich für mich?« Sie vermochte es kaum zu glauben.

»Für dich ganz allein«, bestätigte ihr Vater.

Nun betrat auch Valerie den Hof und klatschte begeistert in die Hände. »Junge, was für ein Spaß! Machen wir eine Spritztour!«, rief sie.

»Ihr müsst es ja nicht gleich übertreiben«, machte Karl einen Versuch der Mäßigung, wurde aber von den jungen Leuten rasch überstimmt.

Valerie lief an Andreas vorbei und sicherte sich den Platz neben Emma, während Ludwig hinten einstieg.

»Warum bekomme ich eigentlich kein Automobil?«, fragte Andreas, während er ebenfalls hinten Platz nahm.

»Emma ist älter als du«, antwortete sein Vater.

»Nur ein Jahr.«

»Und mindestens vier Jahre reifer«, scherzte Emma. Sie winkte Hans und seinem drei Jahre jüngeren Bruder Jakob zu. »Kommt ihr auch mit?«

Obwohl Hans beim Näherkommen den Eindruck zu erwecken suchte, er sei wenig beeindruckt, konnte er sein Interesse an dem Wagen kaum verbergen. Jakob war da in seiner Begeisterung deutlich überschwänglicher.

»Ein Phantom!«, rief er. »Ich habe mir so gewünscht, einmal darin zu fahren.«

»Na, dann hast du ja Glück, dass du heute nicht in die Schule musst«, sagte Karl, »und dass Emma so generös ist.«

Hans ließ ihm den Vortritt und stieg als Letzter ein.

»Sitzt ihr alle?«, fragte Emma, und als lautstark bejaht wurde, startete sie den Motor. Behutsam, um ein Gefühl für den Wagen zu bekommen, lenkte sie ihn vom Hof und wusste dabei die Blicke ihrer Eltern und ihres Cousins auf sich. Als Emma sich in dem neuen Automobil sicherer fühlte, beschleunigte sie auf dreißig Stundenkilometer und steuerte den Wagen sicher die Straße entlang. Sie winkten Spaziergängern und Hotelgästen zu, passierten die Hirschburg und fuhren in das Zentrum von Königswinter. Hier galt es achtzugeben, weil neben den motorisierten Fahrzeugen immer noch viele Pferdekutschen unterwegs waren. Der Phantom zog die Blicke auf sich, und Emma konnte einen gewissen Stolz nicht verhehlen. Sie suchte einen Platz, um den Wagen zu parken.

»Das war großartig«, sagte Ludwig, als er ausstieg. »Lässt du mich nachher mal fahren?«

»Klar«, antwortete Emma großzügig.

»Und ich?«, rief Andreas.

»Wenn Andreas darf, ist es ungerecht, es mir nicht zu erlauben«, wandte Hans ein.

»Jeder darf fahren, nur ich nicht«, beschwerte sich Jakob.

»Emma möchte den Wagen ja auch in einem Stück nach Hause bringen«, antwortete Hans und wuschelte ihm gönnerhaft durch das Haar, das Jakob mühsam mit Öl geglättet hatte, um die »weibischen Locken«, wie er sie nannte, einigermaßen zu verbergen.

»Mach dir nichts draus«, sagte Valerie, »ich fahre auch nicht.«

»Ja, aber nur, weil du nicht willst«, maulte Jakob.

»Ludwig darf fahren«, sagte Emma. »Sonst niemand. Und jetzt keinen Streit. Kommt, ich lade euch zu einem Eis ein.«

Das versöhnte die anderen, und sie machten sich plaudernd auf den Weg zu einem Eiscafé. Die Alsberg- und Hohenstein-Kinder waren bekannt in Königswinter, und so mussten sie immer wieder ihre Plauderei unterbrechen, um zu grüßen und Fragen nach dem werten Befinden der Eltern zu beantworten.

Jakob war das Nesthäkchen in der Gruppe, der Einzige von ihnen, der noch zur Schule ging. Hans und Andreas waren gleichaltrig, weshalb sie sich auch am besten verstanden. Der Älteste war Ludwig mit dreiundzwanzig, und so wurde von ihm auch immer erwartet, am vernünftigsten zu sein. Bei der Wahl seiner Verlobten hätte sich Emma jedoch mehr Herz und weniger Vernunft gewünscht.

Sie ließen sich auf den zierlichen Stühlen vor einem Café nieder und gaben ihre Bestellung auf. Hans lächelte den jungen Frauen zu, die an ihnen vorbeiflanierten, und obwohl er noch so jung war, verfehlte er seine Wirkung auf sie nicht. In ein paar Jahren könnte er der einen oder anderen von ihnen durchaus gefährlich werden. Jakob hingegen verwirrten die Frauen derzeit eher, das war offensichtlich.

»Ich freue mich auf diesen Sommer«, sagte Valerie. »Ich werde tanzen, tanzen und tanzen.«

»Als hättest du das in den Jahren zuvor nicht auch getan«, antwortete Andreas. »Jede Saison woanders.«

»Damals hatte sie aber noch Haare auf dem Kopf«, stichelte Hans.

»Das ist Mode!«, zischte Valerie. »Aber was rede ich überhaupt mit dir darüber.«

Emma fasste an ihren Hinterkopf. »Ich überlege auch schon, mir das Haar abzuschneiden.«

»Nein«, sagten Andreas und Hans gleichzeitig mit Valeries »Ja«. Ludwig erklärte diplomatisch, dass er beides sehr hübsch fand, und Jakob starrte ein junges Mädchen an, das offenbar seine Wirkung auf Männer testete. Erst als Hans dem Mädchen ein Lächeln schenkte und ihm zuzwinkerte, wurde es rot und wandte sich rasch ab.

Ein Kellner erschien, brachte Eiskrem und Kaffee, fragte nach weiteren Wünschen und ging wieder, als diese verneint wurden. Emma löffelte Vanilleeis mit frischen Erdbeeren und beobachtete die Leute. Ihr ging seit Längerem eine Idee im Kopf herum, bisher hatte sie jedoch noch mit niemandem darüber gesprochen. Während Valerie sich mit Hans stritt und Andreas mit Ludwig über den Polizeibesuch von letzter Woche sprach, betrachtete Emma die Werbung für ein Lichtspielhaus in Bonn. Ein leichtes Kribbeln stieg in ihr auf, wie immer, wenn sie das Gefühl hatte, mit ihrer Idee aufs richtige Pferd zu setzen.

 

»Ludwig ist in Königswinter«, sagte Karl zu der jungen Frau, die eben das Vestibül betreten hatte. »Du hast ihn um eine Stunde verpasst.«

Charlotte von Domin wirkte enttäuscht. »Wie schade, ich wollte ihn überraschen.«

»Möchtest du im Salon auf ihn warten? Er kommt sicher gleich wieder.« Karl reichte Briefe an den Rezeptionisten, damit dieser sie in die Fächer der Gäste sortierte. »Oder im Garten?«, fügte er hinzu, da Charlotte etwas unschlüssig wirkte.

»Ja, gerne. Vielen Dank.« Sie verließ das Vestibül, und Karl sah ihr nach. Augenscheinlich hatte sein Sohn mit der Wahl seiner Verlobten einen echten Glücksgriff getan – elegant, stilvoll und aus guter Familie. Allerdings wurde Karl nicht recht warm mit ihr, und als Hoteliersgattin konnte er sie sich erst recht nicht vorstellen. Aber vielleicht überraschte sie ihn ja.

Eine Familie traf ein, die Mutter dünn und fahrig, die vier Kinder im Alter von drei bis neun, eine heulende Meute, die sofort den marmornen Brunnen belagerte, während der Vater – mager und so gerade, als stecke ein Stock in seinem Kreuz – erfolglos versuchte, die Kinder zur Ruhe zu rufen. Karl wartete darauf, auch noch ein Kindermädchen auftauchen zu sehen, aber die Familie reiste offenkundig ohne Personal.

Er begrüßte die Gäste und überließ es hernach dem Concierge und den beiden Rezeptionisten, sich um die Familie zu kümmern. Das Geschrei der Kinder verfolgte ihn bis in die hinter dem Vestibül gelegene Halle, und er dachte, dass sich mit den alten Zeiten nicht nur das lange Haar der Frauen, sondern auch das gute Benehmen der Jugend verabschiedet hatte. Schwer seufzend öffnete er die Tür zu seinem Arbeitszimmer.

»Du klingst, als würdest du das Elend der Welt auf deinen Schultern tragen«, hörte er die belustigte Stimme seiner Ehefrau.

Julia schloss die Tür zur Bibliothek hinter sich und trug einen Bildband über das Siebengebirge im Arm. Sie legte regelmäßig Bildbände im Hotelsalon aus, in denen die Gäste in müßigen Stunden blättern konnten. Dreiundvierzig war sie inzwischen, zwei Jahre jünger als er, und immer noch die schönste Frau, die er kannte. Sie hatten im Sommer 1901 geheiratet, das war im kommenden Jahr fünfundzwanzig Jahre her, und er würde sie mit einer Reise nach Florenz überraschen. Das letzte Mal waren sie in dem Jahr vor Kriegsbeginn verreist.

»Was hältst du davon, wenn ich mir die Haare so schneiden lasse wie Valeries«, setzte sie seinen Gedanken um ihre Schönheit ein recht abruptes Ende.

»Tu mir das nicht an.«

Sie lachte, dann gab sie ihm einen Kuss und ging in Richtung des hoteleigenen Salons davon. Auf Karl wartete währenddessen einiges an Arbeit. Inzwischen waren die ersten Bewerbungsschreiben angekommen, die er später mit Konrad und Emma – die in Konrads Bereich der Personalverwaltung eingearbeitet wurde – besprechen wollte. Unter Karls Verantwortung standen vor allem Buchhaltung und Finanzen, wobei ihm Ludwig inzwischen einiges abnahm. Er würde auch Hans in das Hotel einarbeiten, wenn er das Gefühl hätte, dass dieser auch nur ansatzweise dafür taugen würde. Es gab kaum einen Tag, an dem er nicht mit ihm aneinandergeriet.

Dabei gab er sich wirklich Mühe mit den Söhnen seines Bruders Alexander, aber während Jakob ein anständiger Kerl war, gab sich sein älterer Bruder meist verwöhnt und arrogant, woran Maximilian Hohenstein, Karls Vater, einen nicht unerheblichen Anteil an Schuld trug. Und alles nur, weil er ein schlechtes Gewissen gehabt hatte.

Alexander hatte eine Wäscherin geheiratet, woraufhin ihn sein Vater aufgrund der gesellschaftlichen Schande verstoßen und enterbt hatte. Sein Einkommen als Jurist hatte ihm jedoch einen einigermaßen guten Lebensstandard ermöglicht, zudem betrieb seine Ehefrau Agnes eine Bäckerei. Sie hatten sechs gute Jahre gehabt, ehe Alexander sich mit derselben Leidenschaft und dem Überschwang, in dem er alle Dinge angegangen war, freiwillig an die Front gemeldet hatte. Kein halbes Jahr später war er gefallen.

Zuvor hatte er noch versucht, sich mit seinem Vater auszusöhnen, aber der hatte ihn mit Spott und Verachtung zurückgewiesen. Nur seine Mutter hatte ihn umarmt, geküsst und ihm alles Gute gewünscht. Von dem Tage an, als das Telegramm aus dem Kriegsministerium eingetroffen war, war Maximilian Hohenstein ein gebrochener Mann gewesen. Nie hatte er sich von diesem Schlag erholen können, und auch wenn er es nicht zugegeben hatte, so hätte er vermutlich gerne sein eigenes Leben gegeben, wenn er dafür nur noch ein versöhnliches Wort mit seinem Sohn hätte wechseln dürfen.

Agnes, der er hernach das Leben sehr schwer machte – denn natürlich trug sie seiner Meinung nach die Schuld an dem ganzen Zerwürfnis –, starb kurze Zeit später an einer Lungenentzündung, und Karl bekam die Vormundschaft über die beiden Söhne. Hans, der äußerlich ganz nach seinem Vater kam – blond mit den typischen blauen Augen der Hohensteins –, wurde bald zum erklärten Liebling von Maximilian, indes Jakob, der mit seinen dunklen Locken vor allem Agnes ähnelte, von ihm weitgehend ignoriert wurde. Und allein darin offenbarte sich, wie wenig er seinen Sohn gekannt hatte, denn charakterlich war Jakob ganz und gar sein Vater, während Hans eher nach seinem Großvater kam. Vielleicht war das jedoch der wahre Grund für dessen Zuneigung: Hans war der Alexander, den Maximilian Hohenstein sich immer gewünscht hatte. Als Karls Eltern nach dem Krieg an der Spanischen Grippe erkrankten und kurz darauf starben, war dies besonders für Hans ein schwerer Schlag, und Karl bemühte sich, dem Rechnung zu tragen. Was sein Neffe ihm jedoch nicht leicht machte.

 

Charlotte trank Kaffee und beobachtete die Gäste. Die Ehefrau von Konrad Alsberg trat auf die Veranda und unterhielt sich mit einigen Frauen. Wieder einmal fragte sich Charlotte, wie ein so attraktiver Mann sich in eine so burschikose Frau wie Katharina Alsberg hatte verlieben können. Wie viele andere Frauen, die sich nicht von ihrem langen Haar trennen wollten, trug sie es so frisiert, dass es wirkte, als sei es nur kinnlang, was sie jedoch nicht hübscher machte. Dazu kam diese unmögliche Brille. Charlotte würde lieber halbblind durch die Gegend laufen, als ihr Gesicht derart zu verunstalten. Und selbst wenn sie gezwungen wäre, eine zu tragen – da gab es inzwischen durchaus schickere Modelle. Glücklicherweise kamen die Alsberg-Kinder nicht nach ihrer Mutter, Andreas war das Ebenbild seines Vaters, dunkelhaarig und dunkeläugig, und Emma sah aus wie eine Hohenstein. Vermutlich schwebte ständig die Angst über ihnen, eines ihrer Kinder könnte nach der Großmutter geraten.

Katharina Alsberg bemerkte sie und schenkte ihr ein sparsames Lächeln. Charlotte mochte weder sie noch Emma, und das entging keiner der beiden. Dennoch neigte sie grüßend den Kopf und erwiderte das Lächeln. Immerhin wusste sie, was sich gehörte. Später einmal würde sie neben diesen Frauen das Hotel leiten, also musste sie sich arrangieren. Ludwig war eine glänzende Partie, er brachte das Geld mit, Charlotte den Namen. Und da seine Mutter ebenfalls eine Adlige war, fand sich in dieser Ehe letzten Endes das zusammen, was zusammengehörte.

Als Charlotte den zweiten Kaffee getrunken hatte und ihr Eis langsam in der Sonne schmolz, begann es sie zu ärgern, dass Ludwig auf sich warten ließ. Natürlich konnte er nicht wissen, dass sie ihn an diesem Tag überraschend besuchen kam, aber dass er sich mit den anderen jungen Leuten in Königswinter amüsierte, während sie hier saß wie bestellt und nicht abgeholt, nervte sie. Im Grunde genommen hätte sie nicht übel Lust, wieder zu gehen, aber das wäre tatsächlich peinlich und würde vor den Leuten wirken, als habe man sie versetzt.

Also bemühte sich Charlotte um einen gleichmütigen Gesichtsausdruck, während sie ihr angeschmolzenes Eis löffelte. Der Kellner erschien und fragte, ob sie noch weitere Wünsche habe, und sie bestellte den dritten Kaffee. Entspannt zurückgelehnt beobachtete sie die im Garten flanierenden Gäste, und ihr Blick blieb an der dunkelgrünen Linie des Waldes hängen, der den Garten am rückwärtigen Ende säumte. Eigentlich war Charlotte ein Stadtkind, doch als sie über Valerie Hohenstein Ludwig kennengelernt hatte, hatte sie sich erst in ihn und dann in das Hotel verliebt. Und in die Möglichkeiten, die er ihr bot, denn sie lebten in Zeiten, in denen dem verarmten Adel nicht mehr alle Türen offen standen, wie das einstmals der Fall gewesen war. Jetzt galt der etwas, der es zu was brachte, und in eben diese Kreise wollte Charlotte einheiraten. Die Vorstellung, ein Hotel zu leiten – und wenn es nur in repräsentativer Funktion war –, gefiel ihr.

Als sie Jakob aus dem Hotel kommen sah, hob sie die Hand und winkte ihn herbei.

»Guten Tag, Charlotte«, rief er und schenkte ihr ein schiefes Grinsen. Er war wirklich ein niedliches Kerlchen, dachte sie.

»Ist Ludwig auch da?«

»Ja, spricht gerade noch mit Onkel Karl.« Jakob ließ sich auf dem freien Stuhl ihr gegenüber nieder und bestellte Zitronenlimonade. »Wir waren mit Emmas neuem Automobil unterwegs«, erzählte er.

Charlotte hob die Brauen. »Ah ja?«

»Ein Phantom. Großartig!« Jakobs Augen leuchteten vor Begeisterung. »Ludwig ist auf der Rückfahrt gefahren.«

Offenbar ging es dem Hotel tatsächlich gut, wenn Konrad Alsberg seiner Tochter ein so teures Geschenk machen konnte. Charlotte fuhr auch gerne mit dem Automobil, aber bisher war sie noch nicht auf die Idee gekommen, sich selbst hinter das Steuer zu setzen, sie ließ sich fahren. Dass man das im Haus Hohenstein und Alsberg jedoch anders sah, wusste sie, denn Ludwigs Mutter war die Erste in der Familie gewesen, die das Fahren gelernt hatte.

»Was für eine schöne Überraschung«, sagte Ludwig, der eben auf die Veranda trat. »Mein Vater sagte, du wartest schon lange.« Er neigte sich zu ihr und küsste sie, keusch genug für die Öffentlichkeit. »Tut mir leid, wenn ich das gewusst hätte, wäre ich früher zurückgekommen.«

Sie schenkte ihm ein Lächeln. »Ist nicht so schlimm, ich wurde ja bestens versorgt.«

Der Kellner kehrte mit Jakobs Limonade zurück und fragte Ludwig nach seinen Wünschen, woraufhin dieser jedoch abwinkte. Charlotte runzelte kaum merklich die Stirn. Offenbar hatte er das bisschen, das ihm an Freizeit zur Verfügung stand, bereits aufgebraucht, daher saß er bei ihr nun praktisch wie auf dem Sprung.

»Ich muss nachher im Hotel die Stellung halten«, sagte er dann auch schon, »weil mein Vater und Konrad die Bewerbungen durchsprechen.«

Charlotte sog die Unterlippe zwischen die Zähne, unterdrückte ein ungeduldiges Seufzen.

»Du kannst mitkommen, wenn du magst«, fuhr Ludwig fort, »dann haben wir noch etwas gemeinsame Zeit, und mir wird nicht gar so langweilig. Außerdem gewöhnst du dich dann schon einmal daran.« Er zwinkerte ihr zu.

Charlotte war versöhnt – ein wenig zumindest. Sie trank den Kaffee aus und erhob sich, um an seiner Seite ins Hotel zu gehen. Wie immer, wenn sie die Hallen und Gänge durchschritt, bewunderte sie die erlesene Eleganz des Hauses. Im säulenbestandenen Vestibül zog ein marmorner Brunnen die Blicke auf sich, wo Wasser aus fein ziselierten Blütenkelchen floss. Eine geschwungene Treppe führte hoch in die Beletage, wo sich die höchstpreisigen Zimmer befanden. Ein wenig zurückgelagert und von der Rezeption aus nicht sichtbar befanden sich zwei Lifts, für die es eigenes Personal gab. Gäste trafen ein, gefolgt von Pagen in dunkelgrünen Livreen, die das Gepäck trugen.

An der Rezeption standen Konrad Alsberg, Karl Hohenstein und Emma. Als Ludwig sich mit Charlotte näherte, schenkten ihr Konrad und Karl ein freundliches Lächeln, während Emma ihr nur knapp zunickte, was Charlotte ebenso erwiderte. Früher einmal hatte es hier nur eine Dame des Hauses gegeben, durch Konrad gab es nun zwei. Julia Hohensteins Position würde an Charlotte gehen, Katharina Alsbergs an Andreas’ Frau. Für eine dritte Dame wäre hier kein Platz, und Charlotte hoffte, dass Emma das schnell genug begriff. Nach Charlottes Dafürhalten, war diese nämlich zu sehr in das Hotelgeschehen eingebunden. So auch jetzt, als sich die beiden Herren gemeinsam mit ihr von Ludwig verabschiedeten, um über die Bewerber um die Stelle als Erster Koch zu sprechen.

»Hast du da nichts zu entscheiden?«, fragte sie.

»Personalfragen entscheidet in der Regel Konrad, mein Vater hat da nur beratende Funktion. Unser Teil sind die Finanzen.«

Nun ja, das war im Grunde genommen auch nicht so verkehrt. Charlotte schenkte den Gästen ein charmantes Lächeln, wechselte ein paar freundliche Worte zur Begrüßung und nahm befriedigt zur Kenntnis, dass man Ludwig zu seiner reizenden Verlobten gratulierte.

 

»Also ich finde den hier am besten«, sagte Emma und legte ein Schreiben auf die Mitte des Tisches, an dem ihr Vater und Karl saßen. Sie und Ludwig teilten sich das ehemalige Arbeitszimmer seines Großvaters, das mit einer Zimmerflucht das größte von allen war. Auf Emmas Betreiben hin war ein Tisch in den vorgelagerten Raum gestellt worden, wo sie sitzen und sich beraten konnten. Sie hatten eine ganze Reihe an Zuschriften bekommen, die Emma und ihr Vater am Vortag sortiert hatten. Vier waren in die engere Auswahl gekommen, wobei Emma die Bewerbung eines Kochs, der momentan noch in der Schweiz tätig war, am meisten zusagte. Sie beobachtete Karls Mienenspiel, während er den Brief las.

 

Lausanne, 8. Juni 1925

Herrn Konrad Alsberg, Hotel Hohenstein

Sehr geehrter Herr!

In der Schweizerischen Hotelrevue habe ich gelesen, dass die Stelle des leitenden Kochs in Ihrem Haus zu besetzen ist. Ich erlaube mir, Ihnen meine Dienste anzubieten, da ich glaube, alle Anforderungen erfüllen zu können, die in den Bedingungen gefordert werden.

Ich bin einunddreißig Jahre alt, beherrsche Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch in Wort und Schrift und wurde im Berliner Hotel Adlon zum Koch ausgebildet. Seit fünfzehn Jahren bin ich bereits im Hotelfach, habe neben dem Kochen Verwaltung gelernt und war in verschiedenen großen Hotels in Deutschland angestellt, ehe ich meine derzeitige Stelle in der Schweiz angetreten habe.

Ich beherrsche die europäische, da vor allem die deutsche, französische und italienische Küche in allen Variationen, und meine im Laufe der Jahre erworbene Erfahrung gibt mir die Überzeugung, dass ich den ausgeschriebenen Posten besetzen kann.

Es ist mein Streben, eine feste Stelle zu bekommen, die ich nun dauerhaft besetzen kann. Seien Sie überzeugt, dass ich Ihnen meine Dankbarkeit durch völlige Hingabe an meine Aufgaben bezeugen würde. Mein derzeitiger Hoteldirektor wird Ihnen gerne alle wünschenswerten Auskünfte über meine Arbeit geben.

Ich empfehle mich Ihnen mit besonderer Hochachtung.

Nicolas Merlo

 

Karl faltete den Brief zusammen und legte ihn zurück. Dann blätterte er durch die beigelegten Zeugniskopien und den Lebenslauf. »Ja, das klingt in der Tat nicht schlecht. Und was ist mit den anderen?« Emma reichte ihm die Schreiben der drei anderen Bewerber, die er schweigend las. »Nun gut. Was spricht eurer Meinung nach für diesen Merlo?«

Emma wollte ansetzen, hielt jedoch inne, da sie nicht wusste, ob ihr Vater etwas dazu sagen wollte. Der jedoch nickte ihr aufmunternd zu. »Er ist der einzige Koch, der drei Fremdsprachen in Wort und Schrift versteht.«

»Nicht gerade eine Fähigkeit, die einen Koch auszeichnen sollte«, gab Karl zu bedenken.

»Doch«, widersprach Emma. »Wenn wir den Gästen immer Neues bieten wollen, ist ein Koch, der Rezepte aus verschiedenen Ländern lesen und verstehen kann, durchaus ein Gewinn. Abgesehen davon sind seine Referenzen hervorragend.«

»Das sind die der anderen drei auch.«

Emma zögerte, und Karl lehnte sich zurück, verschränkte die Arme vor der Brust.

»Nun komm schon, Emma, überzeug mich.«

»Er hat mehr Erfahrung. Und wenn du jetzt argumentierst, dass zwei von den anderen älter sind als er, halte ich dagegen, dass er in einigen großen Hotels gelernt hat. Und gleichzeitig ist er noch jung genug, um ihn für längere Zeit an uns binden zu können. Außerdem wurde er im Adlon ausgebildet, das ist nur schwer zu überbieten.«

Karl nickte anerkennend. »Ich denke trotzdem, wir sollten sie alle vier zu einem Gespräch einladen und uns die letzte Entscheidung noch vorbehalten.«

»Ja, darauf können wir uns gerne einigen.«

»Dann schreib Einladungen an die vier und Absagen an die übrigen«, trug ihr Vater ihr auf. »Wenn du so weitermachst, kann ich mich ja schon etwas früher zur Ruhe setzen.«

»Untersteh dich, mich mit dem jungen Gemüse allein zu lassen«, sagte Karl. »Dann habe ich hier künftig überhaupt nichts mehr zu sagen.«

Emma lachte und erhob sich, um die Briefe zu schreiben. Sie hatten Vorlagen für Absagen und Einladungen, und so ging es recht schnell. Sie begann mit den Ablehnungen, da dies die meiste Arbeit war.

 

Königswinter, 12. Juni 1925

Sehr geehrter Herr!

Wir haben seinerzeit Ihren Brief erhalten, in dem Sie sich um die Stelle als leitender Koch bewarben. Als Antwort hierauf benachrichtigen wir Sie, dass Ihr Gesuch keine Berücksichtigung hat finden können.

Wir senden Ihnen anbei die Schriftstücke zurück, die Sie uns zu unterbreiten die Güte hatten, und verbleiben mit Hochachtung.

Konrad Alsberg, Hotel Hohenstein

 

Nachdem sie mit allen Absagen fertig war, streckte sie die Finger, um ihre Hand zu entspannen. Sie verschloss die Briefe, versiegelte sie und legte sie in den Korb für die Ausgänge. Dann widmete sie sich den Einladungen.

 

Königswinter, 12. Juni 1925

Sehr geehrter Herr!

Ich habe Ihren Brief vom 8. Juni erhalten und bitte Sie, sich am 25. Juni im Hotel Hohenstein vorzustellen. Sollte Ihnen dieser Tag nicht passen, so teilen Sie mir bitte mit, an welchem Tag es Ihnen möglich wäre. Ich möchte mit Ihnen über die Bedingungen sprechen, zu denen wir Sie möglicherweise als Ersten Koch einstellen.

Hochachtungsvoll

Konrad Alsberg, Hotel Hohenstein

 

Emma kontrollierte rasch, dass sie die Namen und Daten korrekt erfasst hatte, dann landeten auch diese Briefe im Ausgang. Sie erhob sich, strich ihr Kleid glatt und sah auf die Uhr. Über eine Stunde hatte sie mit dem Schreiben der Briefe zugebracht. Als sie aus dem Fenster blickte, sah sie Ludwig mit Charlotte über den Hof spazieren. Ein Anblick, der einem jeden Anflug von guter Laune gründlich verleiden konnte.

Dann wanderte ihr Blick weiter und verharrte stirnrunzelnd auf einem Mann, der in einiger Entfernung an einem Baum lehnte und rauchte, während es Emma war, als blicke er über den Hof hinweg direkt in ihr Arbeitszimmer. Und er wirkte nicht, als sei er eben erst gekommen. Emma schüttelte den Gedanken ab. Das war ja absurd.

Über Anna Jonas

Biografie

Anna Jonas wurde im Münsterland geboren, hat einen Teil ihrer Kindheit im hohen Norden verbracht und lebt seit ihren Studententagen in Bonn. Nach ihrem Germanistikstudium widmete sie sich dem Schreiben. Die DELIA-Preisträgerin reist gerne und liebt das Stöbern in Bibliotheken, wo...

Weitere Titel der Serie »Hotel Hohenstein«

Die Schicksale und Lebenswege der Mitglieder der Familie Hohenstein, Besitzer eines Luxushotels im sagenumwobenen Siebengebirge, seit Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts.

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