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Das Ende der Normalität

Das Ende der Normalität

Nachruf auf unser Leben, wie es bisher war

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Das Ende der Normalität — Inhalt

Normalität bedeutete das Verlässliche in der Gesellschaft. Es war jene Zeit, als Familie noch lebenslange Schicksalgemeinschaft bedeutete und sich nicht ein- und ausschalten ließ wie ein Pay-TV-Programm. Damals begann nach der Ausbildung der »Ernst des Lebens« und nicht das nächste Praktikum. Es war jene Zeit, als man drei Freunde im Café traf und nicht 500 Freunde auf Facebook. Damals bekamen Banker noch einen Schreck, wenn sie das Wort Risiko hörten, und nicht – wie ihre Nachfahren – einen Erregungszustand. Das Kennzeichen unserer Zeit ist das Verschwinden der vielen  Selbstverständlichkeiten. Millionen von Menschen spüren die Überforderung: Jedes Mal, wenn man alle Antworten gelernt hat, wechseln die Fragen. Dennoch muss der Gezeitenwechsel kein Drama sein, sagt Steingart. Das Gefühl der Fremdheit und die Vorfreude auf ein Leben, das anders sein wird als unser bisheriges, schließen sich nicht aus. Steingart berichtet in seinem schwungvollen Essay von dem, was geht, was bleibt und was kommt.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 17.03.2011
176 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-95301-6

Leseprobe zu »Das Ende der Normalität«

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Reise zum Mittelpunkt der Erde

 

Es ist leichter zum Mond zu gelangen, als in das Innere unserer Erde vorzustoßen. Bisher haben zwölf Männer die rund 360 000 Kilometer lange Reise hinter sich gebracht. Wie hypnotisiert saßen wir vor dem Fernseher, als die ersten Mondmenschen über die Kraterlandschaft hüpften. US-Präsident Richard Nixon rief aus dem Weißen Haus in der Apollo 11 an, um ihnen und uns allen zu gratulieren: »Der Himmel wird nun Teil der Menschheit«, schnarrte es durch die Leitung.
Den Bemühungen, zum Erdmittelpunkt vorzudringen, war [...]

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1

 

Reise zum Mittelpunkt der Erde

 

Es ist leichter zum Mond zu gelangen, als in das Innere unserer Erde vorzustoßen. Bisher haben zwölf Männer die rund 360 000 Kilometer lange Reise hinter sich gebracht. Wie hypnotisiert saßen wir vor dem Fernseher, als die ersten Mondmenschen über die Kraterlandschaft hüpften. US-Präsident Richard Nixon rief aus dem Weißen Haus in der Apollo 11 an, um ihnen und uns allen zu gratulieren: »Der Himmel wird nun Teil der Menschheit«, schnarrte es durch die Leitung.
Den Bemühungen, zum Erdmittelpunkt vorzudringen, war bisher kein solcher Erfolg vergönnt. Die ergiebigste Bohrung fand auf der russischen Halbinsel Kola statt und kam über zwölf Kilometer Tiefe nicht hinaus. Dann hatte sich der Bohrkopf in der Erdkruste festgefressen. Wäre die Welt eine Tomate, hätten die Wissenschaftler nicht mal die Schale durchstochen.
Dennoch besitzen wir heute eine klare Vorstellung davon, wie es unter der Erdoberfläche aussieht. Im Zentrum der Weltkugel befindet sich der Erdkern mit einem Durchmesser, der in etwa der Strecke von Hamburg zum Gardasee entspricht. Dieser harte Kern besteht vor allem aus Eisen und Nickel. Um ihn herum schmiegt sich ein zweiter, ein glühend roter Kern, der aus geschmolzenem Eisen besteht. Sein Radius ist doppelt so groß wie der harte Kern, also einmal Hamburg–Gardasee und zurück.
Dieses eiserne Innere hält unsere Welt zusammen. Vom Erdmittelpunkt geht jene Anziehungskraft aus, die allem anderen Halt gibt. Würde der Mega-Magnet aufhören, seine Schwingungen auszusenden, bestünde ein ziemliches Durcheinander auf Erden. Teller und Tassen würden zu schweben beginnen, unsere Kinder müssten wir anbinden wie Esel, Ruderboote würden den Himmel bevölkern wie früher die Zeppeline.
Neben der Erdanziehung gibt es einen zweiten Magnetismus, der über die Jahrhunderte mit vergleichbarer Präzision gewirkt hat. Er war für den inneren Zusammenhalt der Welt von ähnlicher Bedeutung, auch wenn die Gravitationsforscher ihm bisher keinerlei Beachtung schenkten. Seine Anziehungskraft bestand zwischen dem Einzelnen und den ihn umgebenden Mächten, der Kirche, der Familie, der Firma und dem Staat.
Zwar besitzen wir Menschen kein Sinnesorgan, mit dem wir Magnetismus hören, riechen, schmecken oder sehen können. Aber man spürte jahrtausendelang die Wirkung. Diese Anziehungskräfte zogen Großvater und Großmutter wie zuvor schon Urgroßvater und Urgroßmutter zu den immer gleichen Zeiten an die immer gleichen Orte, weshalb sie das immer gleiche Leben lebten. Morgens ging man aufs Feld hinaus, später dann in die Fabrik und von dort mit dem Ertönen der Werkssirene zurück zur Familie. Selbst am Sonntagmorgen lief alles wie ferngesteuert. Nahezu zur gleichen Zeit flogen im ganzen Land die Haustüren auf, und Eltern, Kinder und Großeltern strömten in Richtung Gotteshaus. »Puppen sind wir, von unbekannten Gewalten gezogen«, rief Büchners Danton.
Es gab kein Abseitsstehen und kein Entweichen. Die großen Magneten, die offenbar höhere Mächte im Innern von Kirchen, Fabriken und Elternhaus installiert hatten, waren stärker als die Individuen, die ihnen ausgesetzt waren. Der Einzelne, die Gesellschaft, auch das Verhältnis der Staaten untereinander folgten »dem Lauf der Dinge«, so die gängige Redensart. Das Leben verlief auf unsichtbaren Gleisen, die andere verlegt hatten. Das war nicht nur so, das wurde auch so gesehen. Erst vor dem Hintergrund einer tief empfundenen Vorherbestimmtheit konnte der von Goebbels erschaffene Mythos, Hitler sei »Werkzeug der Vorsehung«, bei den Deutschen verfangen.
Der Magnetismus des Lebens wirkte im Innern jedes Einzelnen. Die menschliche Seele, jener Ort, an dem wir den Kompass des Lebens vermuten, war eingenordet auf die Werte der jeweiligen Zeit: Ordnung, Pünktlichkeit und die Fähigkeit zur Selbstverleugnung gehörten immer dazu, aber auch Gottesfurcht und Geschwisterliebe, Fleiß und Gehorsam; Humor, Selbstkritik und Mitgefühl nicht unbedingt. Keiner war das, was er war, nur durch sich. Die Magnete des Alltags wirkten dämonenhaft und weitgehend unwidersprochen in unseren Vorfahren. Die innere Stimme sprach in herrischem Ton. Erst auf dem Sterbebett verstummte sie.
Jene Anziehungskräfte, die für Generationen von Deutschen das Leben strukturierten und normierten, alles Andersartige assimilierten oder an den Rand der Gesellschaft drückten, klingen ab. Die Magneten werden schwächer. Die abendländische Generalprägung lässt nach. Das gleichförmige Leben vor dem Ersten Weltkrieg, wie es Stefan Zweig in Die Welt von Gestern beschrieb – »Ein einziges Leben von Anfang bis zum Ende, ohne Aufstiege, ohne Stürze, ohne Erschütterung und Gefahr, ein Leben mit kleinen Spannungen, unmerklichen Ibergängen, gemächlich und still« –, ist nur noch ferne Erinnerung.

 

2

 

Eine neue Spezies Mensch entsteht

 

Natürlich gibt es auch heute noch das Elternhaus, den Arbeitsplatz und die Kirche, aber ihre Anziehungskraft wird schwächer. Auf viele Menschen wirkt sie gar nicht mehr. Das Elternhaus ist verkauft, aus dem Arbeitsplatz wurde ein Job, die Kirche besitzt für viele nur noch dekorative Bedeutung. Die Identifikation von Volk und Kirche schmilzt dahin, klagte Papst Benedikt XVI. kürzlich in einem Interview.
An die Stelle der einen großen Wirklichkeit ist eine Vielzahl von Flüchtigkeiten und Instabilitäten getreten, bilden sich Gruppen und Zustände, entstehen Stimmungen und Iberzeugungen, die kurz darauf schon wieder zerfallen, um sich neu zu konfigurieren. Eine Welt der ungezählten Wirklichkeiten ist entstanden. Der Einzelne hat nicht nur die Möglichkeit, sich von anderen radikal zu unterscheiden, er nutzt sie auch. Der eine hebt sein Bildungsniveau, so wie der andere seine Gesäßbacken liften lässt, einer treibt seine Karriere voran, der andere sich selbst einen Metallring durch Nase, Zunge oder Bauchnabel. Man kann die Computerwelt revolutionieren, aber mit dem gleichen Recht auch Vogelspinnen züchten, Weihnachten im Sommer feiern, Mitglied der Piratenpartei werden oder einer jener Extremblogger, die sich nachts zum Selbstgespräch im Internet versammeln. Es gibt keine große Idee, die nicht geträumt werden kann. Und es gibt keine noch so idiotische Nische, in der nicht schon einer hockt.
Der bisherigen Normalität hat die Vielzahl der Wirklichkeiten nicht sonderlich gutgetan. Die Zahlen für die Beweisaufnahme liegen auf dem Tisch: In manchen Städten gibt es mehr Scheidungen als Eheschließungen. Die Zahl der Kirchenbesucher hat sich miniaturisiert, in Ostdeutschland zählt man mehr Ungetaufte als Christen. Nur eine Minderheit verbringt ihr Arbeitsleben noch bei einem Arbeitgeber. Die Zahl der Großstadt-Psychopathen wächst schneller als die Zahl der Internetnutzer. Bei der letzten Bundestagswahl gab es mehr Nichtwähler als Merkel-Wähler. Wenn die SPD-Mitgliederentwicklung so weitergeht wie in den letzten 40 Jahren, macht im Jahr 2050 der letzte Sozialdemokrat im Willy-Brandt-Haus das Licht aus.
Das Folgenreiche dieser Entwicklung ist nicht das Schwächerwerden des alten Magnetismus. Das Neue und Aufregende, das den Beginn unseres Jahrhunderts Prägende, ist die Tatsache, dass die alten Ordnungskräfte des Lebens durch keine neuen ersetzt wurden. Wir leben in einer Zwischenzeit. Erst dieses Nicht-Ersetzen der alten Kräfte reißt die Welt aus ihren bisherigen Verankerungen und schafft unsere brüchige Gegenwartswelt. Lord Dahrendorf sprach von der »Welt ohne Halt«. Keiner kann sie halten, und wir finden in ihr keinen Halt.
Für den Einzelnen ist diese Tatsache eine unerhörte, eine ihn verstörende und zugleich erregende Botschaft: Er ist frei. Es gibt keine vorhersehbare Zukunft mehr. Er ist nicht mehr nur Zeuge seiner Biografie. Die große gesellschaftliche Prägemaschine hat ihn aus ihren metallischen Pressbacken entlassen. Niemand besitzt mehr eine Vetomacht über das Leben der Anderen. Endlich wird das Leben zur Chefsache.
Nie zuvor in der Menschheitsgeschichte waren wir derart unabhängig von den uns umgebenden Mächten. Es ist, als habe jemand die Großmagneten ausgeschaltet. Priester, Fabrikant, Parteifunktionär, Universitätsprofessor, Vater und Mutter oder auch Günter Grass, Alice Schwarzer und Helmut Schmidt, sie alle tanzen noch immer um uns herum, aber wir sind ihnen nicht mehr schicksalhaft verbunden. Früher konnten sie bestimmen, was der Einzelne zu tun und zu denken hat, heute werben sie darum, dass man ihnen zuhört. Der Tanz des Lebens geht weiter, aber erstmals herrscht freie Partnerwahl.
Die Sanktionsinstrumente, mit deren Hilfe die alten Mächte einst die Normierung der Gesellschaft durchsetzen konnten, stehen nicht mehr zur Verfügung. Der spontane Rausschmiss eines Arbeiters, der Verstoß des schwarzen Schafes aus dem Familienverband, die Exkommunikation des angeblich Ungläubigen, das Einkerkern der Andersdenkenden sind heute verboten oder auf andere Art wirkungslos gemacht. Die Schwerter in den Händen der alten Mächte sind stumpf geworden. Den alten Eliten fehlt die Fähigkeit, Andersartigkeiten unterdrücken zu können. Auch ihre Deutungs- und Definitionshoheit schwindet. Frauen definieren Frausein, ohne Alice Schwarzer um ihr Einverständnis zu bitten. Es gibt eine Literatur jenseits von Grass.
Natürlich schlummerten auch schon früher Millionen von Wünschen und Sehnsüchten in der Gesellschaft, doch es waren Wünsche, die nicht ausgelebt wurden. Eine Betonplatte aus Normen und Traditionen, Gewohnheiten und Erwartungen, Erlassen und Diktaten, Stupiditäten und Borniertheiten lag über ihnen. Diese Betonplatte wurde in jüngster Zeit gesprengt, und seither sprießt ein urwüchsiger Individualismus, der blaue, rote, grüne, zuweilen auch hässliche Blüten treibt. Die Konservativen sprechen vom Zerfall der Gesellschaft, die Werbeindustrie von ihrer Fragmentierung, Jürgen Habermas von Ausdifferenzierung, Charles Taylor von Atomisierung, Anthony Giddens klagt über die »Diskontinuitäten der Moderne«, so wie Hans Magnus Enzensberger über die »Idiotie der Gleichzeitigkeit«. Sie alle meinen das Gleiche. Die alte Normierung der Gesellschaft hebt sich auf. An ihre Stelle tritt keine neue Normierung, sondern eine Inflation der Wirklichkeiten, das Nebeneinander von falsch und richtig, die friedliche Koexistenz von Widersprüchen. Wir erleben in unserer Gegenwart nicht das Ende der einen und den Beginn einer anderen Normalität, sondern das Ende von Normalität. Die Gesellschaft wechselt ihren Aggregatzustand von fest auf flüchtig. Das Leben, wie es bisher war, verabschiedet sich.

Gabor Steingart

Über Gabor Steingart

Biografie

Gabor Steingart, geboren 1962, war Leiter des Hauptstadtbüros des Spiegel und dessen Korrespondent in Washington. Seit 2010 ist er Chefredakteur des Handelsblatt. Seine Bücher fachen immer wieder Debatten an und landen regelmäßig auf den Bestsellerlisten.

Pressestimmen

Die Tirolerin (A)

»Gabor Steingarts Nachruf auf unser Leben, wie es bisher war liest sich unglaublich spannend, wehmütig schmunzelnd und stets treffend.«

Der Tagesspiegel

»Kenntnisreich malt der Chefredakteur des „Handelsblatts“ das Weltfinanzbeben aus und die Unvernunft, mit der die Staaten seine immer neuen Trümmer zu beseitigen versuchen. (…) Ein kluger Nachruf auf eine Zeit, in der auf den Status quo noch Verlass war.«

SWR 2

»Erstaunlich direkt und unkompliziert wirft er den Blick auf seine Umgebung und stellt fest, da ist viel in Bewegung und zwar in einem rasanten Tempo – sowohl in den ganz privaten Lebensverhältnissen wir auf der großen Weltbühne.«

Dresdner Neueste Nachrichten

»Manchmal webt Steingart seinen Text ein bisschen im Brand-Eins-Ton raunender Dringlichkeit. Dann wieder gelingen traurig-schöne Sentenzen. (…) Nüchtern und oft melancholisch schreibt Steingart, gelegentlich sehnsüchtig, immer faktengesättigt. Stark ist Steingarts Block der harten Themen.«

Hessische Allgemeine

»Steingart berichtet in seinem schwungvollen Essay von dem, was geht, was bleibt und was kommt.«

Magdeburger Volksstimme

»Spannend und gut erzählt.«

Frankfurter Neue Presse

»Nüchtern und oft melancholisch schreibt Steingart, gelegentlich sehnsüchtig, immer faktengesättigt und langweilig nie.«

Peter Sloterdijk in Das Philosophische Quartett, ZDF

»Unter den deutschen Journalisten ist seit Sebastian Hafner kein Autor aufgetreten, der so ein gutes Gefühl für den kurzen, fatalen, inhaltsreichen Satz besitzt. Dieses Buch ist eine auf jeden Fall lohnende Lektüre.«

Inhaltsangabe

Inhalt

1 Reise zum Mittelpunkt der Erde

2 Eine neue Spezies Mensch entsteht

3 Die Inflation der Wahrheit

4 Die Barrikade brennt, aber sie brennt in uns

5 Das ist doch nicht normal

6 Der Friedhof der toten Worte

7 Umzug in die YouPorn-Gesellschaft

8 Fernreise zum Ich

9 Karl Marx und das freundlichste Schreckgespenst des Jahrhunderts

10 Unser Wohlfahrtsstaat. Normalität auf Abruf

11 Lok ohne Heizer

12 Die Firma. Wenn Heimat verschwindet

13 Der Kunde. Die Geschichte einer Enthemmung

14 Unser Lieblingsfeind, der Controller

15 Die neue Eisenbahn heißt Internet

16 Hier spricht Mimmi!

17 Ewiger Krieg und kein bisschen Frieden

18 Der Weiße Hai

19 Der Westen triumphiert, aber nur kurz

20 Welt ohne Weltordnung

21 Banker im Erregungszustand

22 Das Weltfinanzbeben. Wie die Unvernunft verstaatlicht wurde

23 Und ewig grüßt der Steppenwolf

24 Normalität. Eine deutsche Sehnsuchtsvokabel

25 Das Fortschrittsgen. Warum wir uns trotz alldem verändern wollen

26 Zukunft, zweimal

27 Wir Übermenschen

Dank

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