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Das Ende der EGO-Gesellschaft

Das Ende der EGO-Gesellschaft

Wie die Engagierten unser Land retten

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Das Ende der EGO-Gesellschaft — Inhalt

Deutschland ist das Land der Kümmerer: Jeden Tag geben hierzulande Studenten Migrantenkindern Nachhilfe, Gutverdiener verteilen Lebensmittel an Bedürftige, Jugendliche lesen Sterbenden vor, Rentner fahren Bürgerbusse. Sie alle machen es gratis, nebenher und nur für die Ehre. Und sie werden immer mehr: Über 20 Millionen Bundesbürger leisten freiwillige Arbeit für das Gemeinwohl.

 

Nina Apin zeigt in ihrem Buch, wie sich dieser „Freiwilligensektor“ in den letzten Jahren dramatisch ausgedehnt hat. Und während sich der Staat zurückzieht, wird unsere Gesellschaft zunehmend von engagierten Bürgern zusammengehalten. Was aber treibt sie an? Und was bedeutet diese neue soziale Bewegung für unser Land?

 

Auf der Grundlage umfangreicher Recherchen bei gemeinnützigen Projekten, Vereinen, Wohlfahrtsverbänden und Unternehmen quer durchs Land, aber auch anhand eigener Erfahrungen, zeichnet die Autorin ein überraschendes Bild von Menschen, die inmitten der Ego-Gesellschaft den Wert der Solidarität wiederentdecken.

€ 10,99 [D], € 10,99 [A]
Erschienen am 01.10.2013
224 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7657-1
»Anhand zahlreicher Beispiele weist sie auf gesellschaftliche Missstände hin - ohne erhobenen Zeigefinger und ohne Druck auf die Tränendrüse. Ihr Buch ist kein Weckruf für die Revolution, vielmehr ein Aufruf an Politik und Gesellschaft, sich mit den Engagiertenund ihren Motiven auseinanderzusetzen.«
Berliner Zeitung

Leseprobe zu »Das Ende der EGO-Gesellschaft«

Das unsichtbare Netz

Früher Freitagmorgen. Ich sitze auf einem Erstklässlerstuhl
und warte auf »meine« Kinder. Gemeinsam mit Arbeitskollegen
habe ich beschlossen, Lesepatin an einer
Berliner Grundschule zu werden. Lesen ist wichtig, dachte
ich, kommt aber in vielen Familien kaum noch vor. Ich
selbst lese gerne, und mir als Mutter zweier Kleinkinder
kann es ohnehin nicht schaden, früh die Realitäten des
Berliner Schulalltags kennenzulernen. Ein Verein organisiert
den Einsatz, ein Kollege koordiniert die Treffen mit
der Schule. Ich muss kaum mehr tun, als einmal [...]

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Das unsichtbare Netz

Früher Freitagmorgen. Ich sitze auf einem Erstklässlerstuhl
und warte auf »meine« Kinder. Gemeinsam mit Arbeitskollegen
habe ich beschlossen, Lesepatin an einer
Berliner Grundschule zu werden. Lesen ist wichtig, dachte
ich, kommt aber in vielen Familien kaum noch vor. Ich
selbst lese gerne, und mir als Mutter zweier Kleinkinder
kann es ohnehin nicht schaden, früh die Realitäten des
Berliner Schulalltags kennenzulernen. Ein Verein organisiert
den Einsatz, ein Kollege koordiniert die Treffen mit
der Schule. Ich muss kaum mehr tun, als einmal pro Woche
früher aufzustehen und vor Arbeitsbeginn eine Schulstunde
lang mit den Kindern zu lesen.
An dieser Förderschule stammen fast neunzig Prozent
der Schüler aus Einwandererfamilien. Alle haben Sprachprobleme.
Die Sechs- bis Neunjährigen, die gemeinsam in
einer Stufe lernen, können die Buchstaben nicht erkennen,
oder ihnen fehlt das Vokabular, um Texte richtig zu verstehen.
Die Schule liegt in einem »sozialen Brennpunkt«.
Dabei ist das Lesen nur eines von vielen Problemen,
die diese Kinder plagen. Ein Mädchen wurde mit seinen
sechs Geschwistern vom Jugendamt aus einer verwahrlosten
Wohnung geholt und lebt nun im Heim; ein Junge
hat Diabetes und ADHS; fast alle haben Eltern, die selbst
nicht sehr gebildet sind, schlecht Deutsch sprechen und
sich anscheinend kaum um ihre Kinder kümmern. Als ein
Siebenjähriger auf einer Bildertafel keine Salatgurke zuordnen
kann, bin ich kurz davor aufzugeben. Hier fehlt es
an allem – was kann ich da schon in 45 Minuten pro Woche
ausrichten?
Dass ich bleibe, liegt an Nadine und Mehmet. Das
Mädchen aus dem Heim ist trotz seiner Vorgeschichte unbeschwert,
schlagfertig und schlau. Schnell macht Nadine
Fortschritte, liest kleine Texte selbst und fragt mich nach
allem, was sie noch nicht kennt: Wie es am Meer sei, ob
es schwer sei, zu studieren, ob es sich lohne, ein Baby zu
kriegen. Mehmet ist schwieriger. Er hat Mühe, sich fünf
Minuten am Stück zu konzentrieren, dann wird er aggressiv.
Aber er will unbedingt lesen lernen.
Zu Weihnachten schenkt mir Nadine einen selbst bemalten
Porzellanuntersetzer. »Für meine Lesepartnerin
«, steht da in krakeliger Schrift. Es ist ihr Abschiedsgeschenk.
Das Jugendamt verlegt sie und ihre Geschwister kurzfristig
in ein Heim am anderen Ende der Stadt. Ich baue
mit den verbliebenen Kindern weiter Anlautpyramiden
und bringe Bücher mit, die ich zu Hause mit meiner dreijährigen
Tochter lese. Monatelang geht es nicht vorwärts.
Dann liest Mehmet plötzlich unfallfrei das Wort »Erdumlaufbahn
« – und kann mir sogar erklären, wie ein Raketenantrieb
funktioniert. Und Selma hat gelernt, das »d«
vom »b« zu unterscheiden.
Manchmal komme ich, und die Kinder sind weg – beim
Schwimmen oder draußen. Und die Lehrerin hat vergessen,
mir Bescheid zu sagen. Manchmal sind meine »Kandidaten
« krank – dann lese ich den anderen einfach irgendetwas
vor. Hauptsache, ich schenke jedem Kind
einige Minuten ungeteilte Aufmerksamkeit – ein Luxus,
den die Lehrerin nicht bieten kann. Sie ist vor allem damit
beschäftigt, die Kinder in Schach zu halten.
Vor und nach den Stunden ist eine Art Hilfslehrerin im
Raum, die die Kinder eigentlich nur anschnauzt oder herumbrüllt.
Der Umgangston ist rau. Aber die Lehrerin beruhigt:
Nicht in allen Grundschulen sei das so. Hier gehe
es hauptsächlich darum, die Schüler »beschulbar« zu machen
– wenn einige an einer »normalen« Schule den Abschluss
schafften, sei das schon ein Erfolg. Mit »normale
Schule« ist die Gemeinschaftsschule um die Ecke gemeint,
mit »Abschluss« der Hauptschulabschluss. Von mehr zu
träumen erlaubt sich selbst diese engagierte Lehrerin
nicht.
Dabei fehlt es den meisten Kindern ganz offensichtlich
nicht an Intelligenz, sie haben nur die denkbar schlechtesten
Voraussetzungen. Ich frage mich, wie sich das Heimkind
Nadine oder der verhaltensauffällige Mehmet in einer
anderen Umgebung entwickelt hätten.
Mir wird aber auch klar, dass Schule nicht alles leisten
kann. Die Schule, die ich als Lesepatin kennengelernt
habe, ist gut ausgestattet: Es gibt dort ein Schwimmbad
und einen Abenteuerspielplatz, gesunde Pausensnacks,
Elternfrühstücke und Familienberatung. Aber die Eltern
nutzen diese Angebote kaum. Sie parken ihre Sprösslinge
vor dem Fernseher, die Lehrerin erzählt mir, dass in vielen
Familien kaum miteinander gesprochen werde. Der Job,
den ich als Lesepatin habe, besteht also vor allem darin,
ganz zweckfrei zuzuhören und zu erzählen. Etwas, das ich
bis dahin für selbstverständlich gehalten habe.
Bundesweit gibt es inzwischen rund dreihundert Lern-,
Sprach- und Lesepaten-Initiativen. Sogar Freizeitpaten:
Die gehen mit den Kindern Fußball spielen und ins Museum,
lassen sie an gesellschaftlichen Ereignissen teilnehmen,
die ihnen sonst verschlossen blieben. Die Idee
stammt ursprünglich aus den USA. Weil das Patenschaftsmodell
so leicht verständlich und einfach umzusetzen ist,
hat es sich schnell verbreitet und ist eine der größten Freiwilligeninitiativen
der letzten Jahrzehnte geworden.
Die Paten könnten mit ihrer Arbeit ebenso gut Geld
verdienen: Schließlich bieten sie das an, was die bürgerliche
Mitte für ihre Kinder in Form von Dienstleistungen
in Anspruch nimmt. Mittelschichtseltern sind nicht per
se die besseren Eltern, sie können nur besser delegieren,
zum Beispiel an professionelle Nachhilfeinstitute, Musikschulen
und Sportvereine. Und sie können diese Dienstleistungen
bezahlen. Benachteiligten Kindern wie Nadine
und Mehmet bleiben nur die Leistungen aus dem staatlichen
Bildungspaket: ein paar Stunden Musikunterricht,
ein Zuschuss zur Klassenfahrt und etwas Nachhilfe – aber
nur so viel, wie das Jobcenter bezahlt.
Als ich in Elternzeit gehe, höre ich auf mit dem Lesen.
Ich schicke den Kindern ein Foto meines neu geborenen
Babys. Daraufhin kommt per Post ein großes buntes Leporello,
auf das jedes Kind einen Wunsch für mein Baby geschrieben
hatte: »Dass du gut Türme bauen kannst. Dass
du nicht krank wirst. Dass du schön bist.« Ich bin gerührt.
Wenig später erfahre ich, dass die Lesepatenschaft
zum Erliegen gekommen ist – viele Kollegen finden es zu
anstrengend, das Lesen mit ihrem Berufsalltag zu vereinbaren.
Einige zweifeln auch daran, dass ihr Einsatz irgendetwas
bewegen kann.
Und doch sind wir uns alle einig: Für die Kinder hat
sich jede Minute gelohnt.

Mein Einsatz als Lesepatin war nur ein kurzer Ausflug
in die Welt der Freiwilligenarbeit. Und keineswegs außergewöhnlich,
es gibt unzählige Möglichkeiten, sich zu
engagieren. Und erstaunlich viele tun es bereits, ohne
große Worte zu machen. Jeden Tag geben hierzulande
Studenten Migrantenkindern Nachhilfe, Gutverdiener
verteilen Lebensmittel an Bedürftige, Jugendliche lesen
Sterbenden vor, Manager beraten in ihrer Freizeit Schuldner,
Rentner fahren Bürgerbusse, und Arbeitslose leiten
ganze Gemeinden. Sie alle machen es gratis, nebenher und
nur für die Ehre. Und sie werden immer mehr. Was wir gerade
erleben, ist nichts weniger als die Geburt einer neuen
sozialen Bewegung, die unser Land verändert.
Deutschland ist dabei, ein Land der Kümmerer zu werden.
Das ist verwunderlich. Denn aus Zeitungsredaktionen
und Universitäten hören wir regelmäßig Klagen darüber,
dass unserer Gesellschaft der Zusammenhalt fehle. Wir
sind, so war es zuletzt bei Frank Schirrmacher zu lesen,
ein Volk von kaltherzigen Egoisten. In allen Lebensbereichen
schielen wir allein auf den eigenen Vorteil. Und tragen
noch nicht einmal Verantwortung dafür – denn wir
folgen nur, ohne es zu merken, dem gnadenlosen Algorithmus
eines globalen Informationskapitalismus. Sogar
dann noch, wenn wir glauben, selbstlos zu handeln, eifern
wir – unbewusst – dem Werbemotto aus der Finanzindustrie
nach: »Unterm Strich zähl ich«.
Wäre Geld tatsächlich die einzige Währung, die uns interessiert,
dann dürfte es sie eigentlich gar nicht geben:
Freiwillige, die ohne Bezahlung Sportler trainieren, Fledermausbrutkästen
bauen, Kindern vorlesen.
Es gibt sie aber. Sie sind mitten unter uns. Sie arbeiten
in Vereinen, Kirchen, Hilfsorganisationen oder öffentlichen
Einrichtungen mit – die meisten von ihnen bis zu
fünf Stunden in der Woche. Laut aktuellem »Freiwilligensurvey
« engagieren sich in Deutschland mehr als 23 Millionen
Menschen ehrenamtlich. Das sind 36 Prozent der
Bevölkerung über 14 Jahre. Und zwei Millionen mehr als
noch vor zehn Jahren.
Der Begriff »Engagement« umfasst dabei ganz unterschiedliche
Tätigkeiten: etwa als Schöffe, als Kassenwart
eines Skatvereins oder als Klimaschutz-Aktivistin. Ein
Anwalt, der pro bono Klienten berät, ist damit genauso
gemeint wie eine Stiftung, die sich für sozialen Wandel
einsetzt – oder eine Bürgerinitiative, die ein Bahnhofsprojekt
verhindern will.
Es scheint, als hätten wir Deutschen, lange auf Selbstverwirklichung
und den eigenen Vorteil gepolt, die Solidarität
neu entdeckt. Im Angesicht der permanenten Finanz-
und Wirtschaftskrise besinnen wir uns auf das,
was wirklich zählt: Zusammenhalt. Könnte das neue Füreinander
und Miteinander vielleicht sogar mehr sein als
nur ein Krisenreflex? Etwa eine bewusste Trotzreaktion
auf die Ökonomisierung unserer Lebenswelt? Man handelt
einmal ganz ohne Geldwert und Eigennutz, freut sich
am Glück des anderen und fühlt sich gut dabei – Deutschland,
ein Land der Selbstlosen?
Dann wäre ja alles in Ordnung. Die Fakten sehen anders
aus. Der neueste Armuts- und Reichtumsbericht belegt
ein krasses Auseinanderdriften der sozialen Schichten:
Die reichsten zehn Prozent der Deutschen verfügen
über mehr als die Hälfte des Gesamtvermögens – den unteren
fünfzig Prozent bleibt gerade mal ein Prozent.
Immer mehr Deutsche bleiben arm trotz Arbeit, weil
sich der Arbeitsmarkt unter dem Druck des Wettbewerbs
flexibilisiert bis über die Schmerzgrenze. Arm wird auch
der Staat, besonders in Städten und Gemeinden werden
die Kassen immer leerer. Dazu kommt noch der demographische
Wandel: Weil unsere Gesellschaft altert, müssen
künftig wenige Nachkommen die Lasten von Renten-,
Pflege- und Sozialkassen schultern.
Und weil die Spannung im Land schon fast mit Händen
zu greifen ist, aber niemand weiß, wie man Abhilfe
schafft, versuchen sich alle noch mehr anzustrengen:
immer verfügbar sein, dem Leistungsdruck standhalten,
bloß nicht abrutschen. Bereits Schulkinder werden in einen
engen Stundenplan gepresst, um den Anforderungen
von morgen gerecht zu werden. Berufstätige müssen zusehen,
dass sie mithalten können – möglichst bis zur Rente
mit 67. Und wer keine Arbeit hat, versucht, wieder zurück
ins Zentrum der Gesellschaft zu kommen. Wenn er
nicht schon längst aufgegeben hat. Deutschland, Land der
Abstiegsängste.
In diesem rauen Klima verrichten über zwanzig Millionen
Ehrenamtliche trotz allem ihr gutes Werk. Warum?
Geht es ihnen noch zu gut? Wer sind diese Engagierten,
die Schirrmacher mit seinem düsteren Egoismus-Szenario
täglich Lügen strafen?
Tatsächlich zeigt der aktuelle »Freiwilligensurvey« der
Bundesregierung, dass die Bereitschaft zum Engagement
mit steigendem Bildungsgrad und Einkommen zunimmt.
In Gegenden, in denen Wohlstand herrscht, gibt es deutlich
mehr Freiwillige, in ärmeren Regionen wie den neuen
Bundesländern engagieren sich viel weniger Menschen.
Forscher erklären das Ost-West-Gefälle mit der höheren
Arbeitslosenquote und dem hohen Anteil an Geringverdienern
im Osten.
Engagiert ist, hier wie dort, die gut gebildete und finanziell
meist abgesicherte Mittelschicht. Diese Gruppe
spendet Zeit und Geld für Hilfsbedürftige, bringt sich aktiv
in Parteien, Gesundheits- und Sozialverbände ein, sie
trägt das deutsche Vereinswesen.
Entscheidend ist dabei die subjektive Überzeugung,
selbst etwas verändern zu können. Den meisten »Bildungsfernen
« und Langzeitarbeitslosen fehlt genau diese
Überzeugung: Sie fühlen sich sozial ausgegrenzt und
ohnmächtig gegen »die da oben« – und sind an politischen
Themen eher desinteressiert.
Die »Aktivbürger«, wie sie von Politikern bisweilen
leicht ironisch genannt werden, trauen sich derweil immer
mehr zu: Jedes Jahr gründen sie zehn- bis fünfzehntausend
neue Vereine, schließen sich zu Nachbarschaftsinitiativen
und Bürgerplattformen zusammen, gründen
Bürgerstiftungen. In einigen Gemeinden übernehmen
Bürger bereits Teile der öffentlichen Infrastruktur wie
Bibliotheken
und Schwimmbäder. Damit stoßen sie in
Bereiche vor, die bislang dem Staat vorbehalten waren.
Manchmal engagieren sich Menschen, weil die eigentlich
Verantwortlichen versagen: Wenn eine Mutter, die
wieder arbeiten gehen will, nirgends einen Betreuungsplatz
für ihr Kind findet, schließt sie sich notgedrungen
mit anderen Eltern zusammen und gründet eine Elterninitiative.
Wenn das einzige Schwimmbad im Ort geschlossen
werden soll, weil die Gemeinde kein Geld mehr
für den Unterhalt hat, springen die Bewohner eben selbst
ein. Wenn in einer Stadt günstiger Wohnraum knapp wird,
weil Investoren Wohnungen aufkaufen und als Ferienwohnungen
vermieten, bilden Bürger dagegen eine Initiative
und sammeln Unterschriften.
Gibt es also deshalb so viele Engagierte, weil in unserem
Land so vieles im Argen liegt?
Gewerkschafter und Anhänger eines starken Sozialstaats
glauben genau das. In ihren Augen ist Ehrenamt
ein billiger Lückenbüßer für einen Sozialstaat im Sparmodus.
Dass es so viele ehrenamtliche Lesepaten, Sterbebegleiter
oder sogar ehrenamtliche Standesbeamte gibt,
halten sie für den Beweis, dass unser Gemeinwesen von der
Sparwut der Politiker und dem leidigen Effizienzdruck der
Wirtschaft allmählich aufgefressen wird. Unterm Strich
zählt nur, was sich lohnt – nach diesem Credo werden unrentable
Bereiche wie Altenpflege oder Armenfürsorge in
die Hände von freiwilligen Helfern gegeben.
Hat Schirrmacher also doch Recht? Hat unsere von
Egoismus getriebene Gesellschaft das Solidarische delegiert
an eine kleine Minderheit, die Gutes tut und dafür
von allen bewundert wird – damit die Mehrheit weiter ungestört
ihrer Selbstsucht frönen kann?
Dafür sind die Freiwilligen zu viele: ein Drittel der Bevölkerung,
das ist keine Minderheit. Es stimmt zwar,
dass freiwilliges Engagement viele Härten auffängt, die
eine unsoziale Politik verursacht hat. In einem gerechteren
Schulsystem müsste es vielleicht nicht so viele Lesepaten
geben. Und das gespendete Mittagessen für Kinder
aus armen Familien
wäre überflüssig, wenn ein Schulessen
für alle gratis angeboten würde. Doch wir sind weit
davon entfernt – wie Kritiker des Ehrenamts befürchten –,
in angeblich »amerikanische Verhältnisse« abzurutschen.
In den USA fühlt sich der Staat traditionell kaum für die
elementare Absicherung seiner Bürger zuständig: ohne
freiwilliges Engagement würden dort sogar Krankenhäuser
und Universitäten zusammenbrechen. (Dabei ist es
allzu simpel, überhaupt pauschal von »amerikanischen
Verhältnissen« zu sprechen. Dieser politische Kampfbegriff
ist kaum hilfreich für die Beschreibung einer Gesellschaft,
die nicht nur aus einem schwachen Staat, sondern
eben auch aus einer starken Bürgerschaft besteht. Dass
aus den USA viele wichtige Impulse für die Freiwilligenarbeit
kommen, wird sich im Folgenden immer wieder zeigen.)
Wer die Engagierten als bloße Helfer oder Ausputzer
abtut, macht es sich zu leicht. Der Feuerwehrmann oder
die Caritas-Spendensammlerin mögen helfend tätig sein,
aber was ist mit der Anti-Fluglärm-Aktivistin oder dem
urbanen Gärtner? Auch diese Engagierten sind Bürger,
die selbstbestimmt ihr Lebensumfeld gestalten wollen.
Ins Bild vom Lückenbüßer passen sie aber nicht so recht.
Nicht einmal der verbohrteste Gewerkschafter käme auf
die Idee, staatlich finanzierte Nachbarschaftsgärten zu
fordern.

Nina Apin

Über Nina Apin

Biografie

Nina Apin, geboren 1974 in Wasserburg am Inn, hat in Passau, Aberdeen und Leipzig studiert, für ein Internet-Start-Up in Berlin gearbeitet und dort anschließend Kulturjournalismus studiert. Als freie Autorin arbeitete sie unter anderem für RBB-Kulturradio, die Zeit, dpa und Dummy. Seit 2006 ist...

Pressestimmen

Berliner Zeitung

»Anhand zahlreicher Beispiele weist sie auf gesellschaftliche Missstände hin - ohne erhobenen Zeigefinger und ohne Druck auf die Tränendrüse. Ihr Buch ist kein Weckruf für die Revolution, vielmehr ein Aufruf an Politik und Gesellschaft, sich mit den Engagiertenund ihren Motiven auseinanderzusetzen.«

Buchkultur

»Nina Apins Reportagen über ehrenamtlich sich Engagierende beeindrucken, sind klug beobachtet, eindringlich aufgeschrieben und facettenreich.«

SWR 2 "Die Buchkritik"

»Die Lektüre ist erhellend und anregend, weil Apin das bestehende Klischee von der entsolidarisierten Gesellschaft beherzt gegen den Strich bürstet.«

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