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Das Echo der verlorenen DingeDas Echo der verlorenen Dinge

Das Echo der verlorenen Dinge

Roman

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Das Echo der verlorenen Dinge — Inhalt

Die englische Lazarettschwester Stella Bain irrt durch London. Sie hat alles verloren: ihr Gedächtnis, ihren richtigen Namen, ihre Familie. Aber sie ist mutig, sie will ihre Erinnerung zurück, auch um den Preis einer schrecklichen Wahrheit. Lange Gespräche mit dem jungen Londoner Arzt August Bridge führen sie in die eigene Vergangenheit - liegt dort der Schlüssel zu ihrem alten Leben?

€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 01.07.2016
Übersetzt von: Mechtild Ciletti
304 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-30932-5
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 30.03.2015
Übersetzt von: Mechtild Ciletti
304 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97026-6

Leseprobe zu »Das Echo der verlorenen Dinge«

Marne, März 1916


Glanz der Morgenröte hinter Zeltbahnen. Fauliger Gestank des Gasbrands. Stöhnende Männer überall. Höllenlärm und Chaos.
Sie treibt auf einer Wolke. Flaumig, ein wenig trübe. Lichtflimmer drängen sie zu erwachen. Sie gleitet dahin, und dann schläft sie.
Deutliche Geräusche von Metall auf Metall, gebrauchte Instrumente, die in eine Schale geworfen werden. Sie versucht, sich zu erinnern, warum sie auf einer Pritsche liegt, zwischen Zeltbahnen eingeschlossen, an einem Ort, an dem, abseits der übrigen Verwundeten, sterbende Männer für die [...]

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Marne, März 1916


Glanz der Morgenröte hinter Zeltbahnen. Fauliger Gestank des Gasbrands. Stöhnende Männer überall. Höllenlärm und Chaos.
Sie treibt auf einer Wolke. Flaumig, ein wenig trübe. Lichtflimmer drängen sie zu erwachen. Sie gleitet dahin, und dann schläft sie.
Deutliche Geräusche von Metall auf Metall, gebrauchte Instrumente, die in eine Schale geworfen werden. Sie versucht, sich zu erinnern, warum sie auf einer Pritsche liegt, zwischen Zeltbahnen eingeschlossen, an einem Ort, an dem, abseits der übrigen Verwundeten, sterbende Männer für die Bestattung vorbereitet werden, eine Aufgabe, die sie unzählige Male selbst ausgeführt hat.
Sie blickt an sich hinunter und stellt fest, dass sie einen blasslila Männerpyjama trägt. Warum hat sie Schmerzen in den Füßen?
Ein kleines Stück Stoff mit einem Fragezeichen darauf ist an eine Schwesterntracht geheftet, die von einem Haken herabhängt. Sie starrt die Tracht mehrere Minuten lang an, ehe ihr bewusst wird, dass sie ihren eigenen Namen nicht kennt. Das beunruhigt sie zunehmend.
Der Name Lis kommt ihr in den Sinn. Aber sie glaubt nicht, dass das ihr Name ist. Elizabeth …? Nein. Ella …? Ellen …? Möglich, doch irgendwo müsste da ein Zischlaut sein. Sie verweilt grübelnd bei der Leerstelle, die von ihrem Namen besetzt sein müsste.
Der Name Stella steigt in ihrem Bewusstsein auf. Kann es sein, dass sie Stella heißt? Sie prüft die einzelnen Buchstaben, die ihr nach und nach in den Sinn kommen, und je länger sie sie dreht und wendet, desto gewisser wird sie, dass Stella richtig ist.
Wieder fällt sie in einen Halbschlaf. Als sie erwacht, kann sie sich nicht mehr an den Namen erinnern, für den sie sich entschieden hat. Sie versucht, ihren Kopf zu leeren, und langsam kommt er zurück.
Stella.
Eine solche Kleinigkeit.
Von so großer Bedeutung.
Stella hat keine Ahnung, woher sie gekommen ist. Sie hat das Gefühl, es könnte ein trauriger Ort sein, zu dem sie lieber nicht vordringen würde. Doch niemandes Vergangenheit kann nur traurig sein, oder doch? Sie kann vielleicht traurige Ereignisse bergen oder eine Neigung zur Schwermut, aber sie kann nicht nur unglücklich sein.
Rund um sie das Summen von Fliegen und das Geräusch schneller Schritte. Befehle werden gebrüllt; ein neuer Schub Verwundeter ist eingetroffen; das Personal wird ihr Bett haben wollen, ja, natürlich. Ihr fehlt ja nichts, man hat sie einfach lange schlafen lassen.
Sie reibt ihre Füße aneinander. Ein stechender Schmerz unter den Verbänden. Wie hat sie sich die Verletzungen an den Füßen zugezogen?
Eine Stoffbahn wird zur Seite geschoben, und sie hört eine Frau französisch sprechen. Augenblicke darauf betritt eine Pflegerin, eine Ordensschwester, das kleine, von Leinwänden abgetrennte Krankenabteil. Sie nähert sich dem Bett, wirkt bedrohlich groß in ihrer gestärkten Tracht und dem Nonnenschleier. Sie sieht Stella prüfend in die Augen, um festzustellen, wie die Patientin weiß, ob die Pupillen erweitert sind.
»Sie sind Britin?«, fragt sie.
»Ich weiß es nicht«, antwortet Stella.
»Sie waren zwei Tage lang bewusstlos«, erklärt die Schwester. Sie tritt zurück und hält das Laken fest, während sie Stellas Beine unter der Decke hervorschiebt. »Ihre Füße waren voller Granatsplitter, als Sie hier angekommen sind. Irgendjemand hat Sie in einem Karren hierhergebracht und mitten in der Nacht vor dem Zelt abgesetzt. Ich würde mir gerne Ihre Füße ansehen.«
Das kann nur die Geschichte einer anderen sein, denkt Stella. Nicht ihre.
»Wie heißen Sie?
»Stella.« Sie hält inne. »Wo bin ich?«
»Im Marne-Gebiet.«
»Das ist in Frankreich?«
»Ja«, antwortet die Schwester und presst die Lippen aufeinander. »Ich bin Schwester Luke. Ich komme aus England, aber fast alle anderen im Lager sind Franzosen. Wir halten es für wahrscheinlich, dass Ihnen beim Einschlag der ersten Granate, von dem Sie bewusstlos wurden, die Stiefel heruntergerissen wurden und dann die Splitter der zweiten Granate Ihre Füße getroffen haben. Sonst hatten Sie nirgends auch nur einen Kratzer, lediglich ein paar Blutergüsse vom Sturz.«
»Werde ich wieder laufen können?«, fragt Stella.
Schwester Luke mustert sie. »Ich glaube, Sie sind Amerikanerin.«
»Glauben Sie?«
»Ihrem Akzent nach. Aber Sie trugen eine britische VAD-Tracht, als man Sie fand.«
Stella hat dafür keine Erklärung.
»Sind Sie beim britischen Freiwilligenhilfskorps?«
»Ich weiß es nicht.«
Stella merkt der Schwester an, dass sie ungeduldig ist. Auf sie warten andere, dringendere Aufgaben, um die sie sich kümmern muss.
»Aber ich kann einen Sanitätswagen fahren«, platzt sie heraus.
Stimmt das? Wenn nicht, wie kommt sie auf den Gedanken?
»Das wissen Sie, aber Sie wissen nicht, zu welcher Einheit Sie gehören?«, fragt die Schwester mit kaum verhohlener Skepsis.
Ja, das ist paradox und verwirrend, doch sie empfindet es nicht als dringend. Da draußen, hinter der Trennwand, ist alles dringend, das weiß sie.
Die Schwester tritt zur Öffnung des kleinen Krankenabteils. »Abgesehen von Ihren Füßen, scheint alles in Ordnung zu sein. Sie müssen sie untersuchen und regelmäßig frisch verbinden lassen. Sie werden viel liegen und kräftig essen und trinken. Und inzwischen versuchen wir herauszubekommen, woher Sie kommen. Wir werden uns bei allen Verbandplätzen und Feldlazaretten im näheren Umkreis erkundigen. Sie können nicht von weit her gekommen sein. Wenn es Ihren Füßen wieder besser geht, können Sie hier arbeiten. Vielleicht können Sie ja wirklich einen Sanitätswagen fahren. Bis dahin bleiben Sie hier. Wie heißen Sie mit Nachnamen?«
Stella schüttelt nur den Kopf.
Anweisungen werden gegeben, und eine Hilfsschwester kommt mit Verbandszeug. Das Verbinden der Verletzungen ist schmerzhafter, als Stella es für möglich gehalten hätte. Die Hilfsschwester, die erschöpft aussieht, hilft ihr, zwei Gläser Wasser zu trinken. Die junge Frau tut Stella leid, und sie stellt ihr keine Fragen, denn sie weiß, wie viel Anstrengung es kostet, sie zu beantworten.
Ihr Nachname fliegt sie an wie ein plötzlich aufflatternder Vogel. »Ich bin Stella Bain«, sagt sie zu der Hilfsschwester.
Als die Hilfsschwester gegangen ist, macht Stella die Augen zu und dann wieder auf. Sie wiederholt es mehrmals. Doch ganz gleich, wie oft sie das macht, sie kann sich nicht erinnern, welchem Regiment sie zugeteilt ist, was sie auf einem Schlachtfeld tut.
Einen Monat später ist Stella von ihren Verletzungen genesen und arbeitet als Hilfsschwester in einer französischen Tracht. Sie rätselt darüber, wie sie ihre Kenntnisse und Fähigkeiten wiederfinden konnte, obwohl sie nicht weiß, wo sie sie erworben hat.
Stella ist erschüttert von ihrer Umgebung: der Boden Mist und Morast; Wunden voller Schmutz, der eitrige Infektionen auslöst; komplizierte Brüche, jeder von ihnen ein Todesurteil. Einen Tupfer mit Lysol und in Jod getränkten Mull, mehr hat die Medizin nicht zu bieten. Bei Gasbrand, nicht zu verwechseln mit der Wirkung von Giftgas, schwillt das infizierte Gewebe um die Wunde auf groteske Dimensionen an. Stella beobachtet einen Arzt, der mit den Fingern zerstreut auf dem Fleisch eines Verwundeten trommelt. Es ist ein grauenvoller Anblick und das Geräusch dumpf. Die Männer sterben fast alle.
Manchmal ist das Brüllen der Ärzte lauter als das der Patienten. Die Arbeit der Chirurgen ist mörderisch, die Hölle auf Erden, schlimmer als jede Hölle, die man sich vorstellen kann. Stella fragt sich, wie viele von ihnen den Verstand verlieren, wenn ihnen mit der endlosen Folge von Amputationen jegliches Gefühl und jeglicher Glaube verloren gehen.
Blicken Sie dem Patienten immer in die Augen, auch wenn seine Verwundung noch so entsetzlich ist. Das bläut ihr die englische Schwester ein. Die Reise der Verwundeten ist lang: Sie werden von den Schützengräben im Niemandsland zum Truppenverbandplatz transportiert, zum Hauptverbandplatz und weiter zum Feldlazarett, und am Ende sterben sie auf der Eisenbahnfahrt zum Kriegslazarett.
In ihrer Freizeit flickt Stella Risse in ihrem Rock, bürstet den Schmutz aus dem Saum und durchsucht die Nähte ihrer Kleider nach Läusen. Sie wäscht Kragen und Manschetten und ihre Haube aus, und wenn Wasser übrig ist, versucht sie, ihren Körper zu reinigen.

Eines Tages bittet sie die Dienstschwester um ein Blatt Papier und einen Bleistift. In ihrem Zelt beginnt Stella, in Skizzen festzuhalten, was sie um sich herum sieht: eine Laterne, einen Klapptisch, eine Pritsche in der Ecke. Ihre Mitbewohnerin, Jeanne, ertappt sie dabei und bewundert staunend Stellas Können. In gebrochenem Englisch und einer Art Gebärdensprache fragt sie, ob Stella ein Porträt von ihr anfertigen würde, sie möchte es ihrer Familie schicken. Jeanne hat tief liegende Augen und eine Berufung. Während Stella die junge Frau zeichnet, würde sie sie gern fragen, wie ihr Glaube den Bildern standhalten kann, die sie täglich sehen, doch ihr Französisch reicht nicht aus für ein sinnvolles Gespräch.
Als Jeanne eine Kollegin mitbringt und Stella bittet, auch die Freundin zu zeichnen, stimmt Stella unter der Bedingung zu, dass Jeanne ihr mehr Papier und Stifte besorgt und dazu ein Messer, um die Bleistifte zu spitzen. Jeanne tut das gern. Die Freundin besteht darauf, Stella für die Zeichnung zu bezahlen. Allmählich kommen immer mehr Schwestern und Hilfsschwestern, um sich zeichnen zu lassen.
Doch wenn sie nicht porträtiert, wenn sie in ihren freien Stunden allein ist, bereiten ihr die Skizzen, die sie für sich anfertigt, Qualen. Aus ihrem Stift fließen die Fassaden ihr unbekannter Häuser, umgeben von bizarren Bäumen und Sträuchern. Und wenn sie neu ansetzt, sind die Zeichnungen beinahe identisch, nur das Klaustrophobische, das sie ausstrahlen, wirkt noch stärker. Die Bilder rufen ein heftiges Gefühl innerer Bedrängnis hervor, trotzdem kann sie nicht aufhören.
Stella weiß nicht, woher sie so gut zeichnen kann. Die Fähigkeit scheint einfach dem Wunsch entsprungen zu sein, es zu tun.
Die englische Schwester hat sich wohl an Stellas Behauptung erinnert, sie könne einen Sanitätswagen fahren. An einem Juniabend jedenfalls bekommt sie ihren ersten Einsatz.
»Dann mal los«, sagt der französische Sanitäter neben ihr. Der Wagen bockt, doch der Motor stirbt nicht ab. Stella muss sich ihren Weg durch die Dunkelheit suchen, da die Scheinwerfer nicht eingeschaltet werden dürfen. Ihre Augen tränen vor Anstrengung. In der Ferne werfen Raketen ein grünliches Leuchten über das Land.
Stella schreit laut auf, als dreißig Meter vor ihnen eine Granate explodiert. Zuerst eine Erdfontäne, anschließend eine Rauchwolke, die abzieht. Der Sanitäter flucht auf Französisch. Er spricht fließend Englisch, wahrscheinlich, vermutet Stella, hat man ihn ihr deshalb an die Seite gestellt.
»Es wird ungemütlich werden«, erklärt der Mann. »Besonders, wenn wir anhalten. Da sind wir am verwundbarsten. Sobald ich rausspringe, wendest du den Wagen. Und lass den Motor laufen. Mir hilft schon jemand beim Einladen. Wenn ich hier hinten draufschlage, fährst du los, egal, was passiert. Du musst irgendwie zurückfinden.«
Angst um ihr Leben kriecht in Stella hoch, dabei ist sie solche Einsätze doch schon früher gefahren, oder nicht? Ihre Hand am Schalthebel zittert. Sie presst die Schulterblätter zusammen und erwartet jeden Moment einen direkten Treffer auf das Rote-Kreuz-Zeichen auf dem Dach. Sie hat keine Ahnung, wo die Straße anfängt. Sie versucht krampfhaft, irgendwelche Fahrspuren auszumachen, doch der Weg ist von Rauch überzogen. Wie soll sie nachher, mit den Verwundeten im Wagen, den Weg zurück finden? Die Vorschriften erlauben ihr nicht anzuhalten, selbst wenn die Männer hinten zu schreien beginnen.
Sie spürt den Aufprall jeder Trage, die hinten in den Wagen geladen wird. Sie wartet auf den Schlag an die Holzwand des Fahrzeugs.
Stella weiß nicht, wie viele Männer hinten im Fahrzeug sitzen oder liegen, wie schwer verwundet sie sind. Sie kann nicht einmal sicher sein, dass der Sanitäter selbst ihr das Signal gegeben hat. Sie wünscht, er säße vorn neben ihr und sie könnte mit ihm reden.
»Links«, sagt sie laut zu sich selbst, als sie den ausgefahrenen Feldweg findet und ihm folgt. Und später: »Fahr langsam.«
Im Lager hält sie an und rutscht wie ein Reptil vom Fahrersitz. Trotz der Kälte hat sie ihren Mantel durchgeschwitzt. Sie zählt die Verwundeten, die ausgeladen werden. Es wundert sie, dass sie anscheinend alle schmerzfrei sind. Noch sonderbarer ist, dass sie einen von ihnen pfeifen hören kann. Sie fühlt sich stärker und leichter als seit Monaten.
Eines Tages, auf dem Weg durch das Lager, hört Stella einen Mann auf die Behörde schimpfen, die seinen Bruder zum Einsatz auf ein Schiff abkommandiert hat, das gesunken ist. Das Wort »Admiralität« verhakt sich in ihrem Kopf. Es verfolgt sie in den Tagen danach so hartnäckig, dass es für sie zu einer Art sagenhaftem Ziel wird, das sie geradezu magisch anzieht. Sie ist überzeugt, dass sie es eines Tages erreichen wird, und hofft, sie wird sich beim Anblick des Gebäudes oder der Umgebung erinnern, warum es von so großer Bedeutung ist. Es ist merkwürdig, denn soweit sie sich entsinnen kann, ist sie nie in England gewesen. Ist es möglich, dass diese Suche nach einem fernen unbekannten Ort die Folge eines Ereignisses aus ihrem früheren Leben ist?
Admiralität, summt es in ihr, ein Lied, das, über dem Vakuum der Erinnerung schwebend, jeden Moment ihrer Gegenwart begleitet. Ein Wort. Ein Titel. Eine Melodie. Es bedrängt und beunruhigt sie, selbst wenn sie bewusst versucht, an etwas anderes zu denken.
Sie hört, dass die Admiralität, die oberste Kommandobehörde der britischen königlichen Marine, ihren Sitz im Herzen Londons hat. Das Wort wird ihr zu einer Kostbarkeit, weil sie glaubt, es entstamme ihrem früheren Leben, es deute vielleicht auf den ersten kleinen Sprung in dem Panzer hin, der ihr Gedächtnis und ihre Identität eingesperrt hält. Ist sie einmal bei der Admiralität tätig gewesen? Hat sie in der Nähe gelebt? Hat sie einen Ehemann gehabt, der dort arbeitete? Der Gedanke macht ihr Angst; sie kann sich nicht vorstellen, etwas so Zentrales vergessen zu haben: einen Mann, den sie geliebt, mit dem sie ihr Leben geteilt hat. Immer wieder mustert sie ihre Finger und sucht nach einem schmalen hellen Streifen, der darauf hinweisen würde, dass sie einen Ehering getragen hat. Sie entdeckt nichts. Kurz nach ihrer Ankunft hat sie, allein in ihrem Zelt, eine körperliche Untersuchung an sich selbst vorgenommen. Ein Ehemann oder Liebhaber wäre möglich.
Den ganzen Sommer lang beschränkt sich Stellas Leben darauf, die Verwundeten zu versorgen, einen Krankenwagen zu fahren und mit einem Bleistift Skizzen auf Papier zu werfen. So vergisst sie bisweilen, dass sie sich nicht erinnern kann.

Im Oktober bekommt Stella Urlaub und sieht darin ihre große Chance, nach England zu reisen. Sie muss die Admiralität aufsuchen, sie muss herausfinden, was es mit diesem Ort auf sich hat. Jeanne rät ihr, nach Paris zu fahren.
Auf ihren Antrag hin erhält Stella einen Leinensack und verstaut darin ihre britische VAD-Tracht, ihre Skizzen und das Geld, das sie mit ihren Porträtzeichnungen verdient hat.
In Paris nimmt sie einen Zug an die Kanalküste, von wo aus, wie sie gehört hat, englische Lazarettschiffe Verwundete nach Hause bringen. Doch der Zug muss wegen schwerer Bombardierungen anhalten, bevor er Étaples erreicht. Selbst aus einer Entfernung von mehr als fünfzehn Kilometern sind die Bombenexplosionen zu hören. Ärzte und Pflegepersonal werden dringend aufgefordert, auf ihren Plätzen zu bleiben; der Zug soll umgeleitet werden.
Mit ihrem Sack stiehlt Stella sich aus dem Zug und schlägt den Weg zum Wald ein. Wird man sich die Mühe machen, nach ihr zu suchen, wenn ihr Verschwinden beobachtet worden ist? Sie kann sich nicht vorstellen, dass ein Arzt oder ein Zugführer versuchen würden, sie zu finden. Fürs Erste bleibt Stella eine Frau ohne Heimat in einem Land ohne Gesetz.
Der Marsch durch den Wald ist mühevoll und beängstigend, doch nach einiger Zeit lichten sich die Bäume, und das Küstendorf wird sichtbar. Unterwegs stößt sie auf chaotische Zustände, wie sie sie noch nie erlebt hat. Sie fängt an zu husten, ob vom Qualm oder weil sie krank ist, kann sie nicht sagen. In Étaples erfährt sie, dass das große Lazarettschiff des Roten Kreuzes, zu dem die Verwundeten transportiert werden sollten, gesunken ist.
Sie flüchtet sich in ein Zelt und schlüpft in ihre Schwesterntracht. »Ich weiß nicht, wohin ich mich wenden muss«, erklärt sie dem ersten amtlich aussehenden Briten, dem sie begegnet.
»Sie setzen jetzt kleinere Schiffe für die Überfahrt ein. Östlich von hier ist eine Anlegestelle, wo Sie es versuchen könnten.«
Stella findet ein Schiff, das früher vielleicht als Fähre oder Vergnügungsdampfer gedient hat. An Bord erinnert jetzt nichts mehr an eine Vergnügungsfahrt. Stella stockt der Atem, als sie die Fracht erblickt. Die Verwundeten sind nicht von den Toten getrennt. Ihre Rufe und Schreie scheinen aus einer Unterwelt aufzusteigen, die sie nur aus bösen Träumen kennt. Hier und dort bemerkt sie Hilfsschwestern, wie sie selbst eine ist, die die Männer verbinden und versuchen, Trost zu spenden.
Niemand fragt nach ihrem Ausweis. Niemand interessiert sich dafür. Sie tut das, was sie seit Monaten getan hat, sie kümmert sich um die Verwundeten und assistiert bei Operationen, die nicht warten können, bis das Schiff Land erreicht.
Nach der Ankunft in England steigt Stella in einen Zug mit Schwerstverwundeten, die London trotz ärztlicher Fürsorge wohl nicht mehr lebend erreichen werden. Immer wieder müssen die Männer sich erbrechen, die alle Kontrolle über ihre Körperfunktionen verloren haben. Es ist ein Priester im Zug, der die Letzte Ölung erteilen kann, und zu Stellas Pflichten gehört es, jeden Moment zu wissen, wo dieser Mann gerade zu finden ist.
In London gibt Stella den Verwundeten wortlos ihre besten Wünsche mit auf den Weg und trennt sich von ihnen. Bei den Soldaten, die auf dem Weg an die Front sind, tauscht sie ihr französisches Geld in englisches. Müde und erschöpft folgt sie einer Menschenmenge eine Straße hinunter, die eine Hauptverkehrsader zu sein scheint. Sie hofft, sie wird sie zur Admiralität führen, doch nach einiger Zeit merkt sie, dass sie den falschen Weg gewählt hat. In einer kleinen Straße kehrt sie um und versucht, den Weg zurückzufinden. Sie hat nichts zu essen und zu trinken, und während sie geht, spielt sie mit den unbekannten britischen Münzen in ihrer Rocktasche. Sie geht und geht, bis sie kaum noch einen Fuß vor den anderen setzen kann, trotzdem schleppt sie sich weiter, bis sie nicht mehr kann und an einem schmiedeeisernen Gitter Halt sucht. Eine Frau in einem altrosa Kostüm fragt sie etwas.

Anita Shreve

Über Anita Shreve

Biografie

Anita Shreve, geboren 1946 in Massachusetts, verbrachte einige Jahre als Journalistin in Afrika und bereiste weite Teile Kenias, bevor sie in die USA zurückkehrte und Schriftstellerin wurde. Ihre Romane »Die Frau des Piloten« und das für den Orange Prize nominierte...

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