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Das DornenhausDas Dornenhaus

Das Dornenhaus

Roman

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Das Dornenhaus — Inhalt

Hannah glaubt, Gespenster zu sehen, als sie eines Tages ihrer Jugendfreundin Ellen gegenübersteht. Denn Ellen ist vor langer Zeit, im Alter von achtzehn Jahren, ums Leben gekommen. Um Klarheit zu gewinnen, reist Hannah zurück an den Ort ihrer Kindheit, ans Meer nach Cornwall. Um jeden Preis muss sie herausfinden, was damals wirklich geschah - in Ellens Elternhaus, dem "Dornenhaus" ...

€ 11,00 [D], € 11,40 [A]
Erschienen am 11.06.2013
Übersetzt von: Monika Köpfer
480 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-30298-2
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 11.06.2013
Übersetzt von: Monika Köpfer
480 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96212-4

Leseprobe zu »Das Dornenhaus«

Eins

 

Im Zwischengeschoss bahnte ich mir einen Weg durch die Besucher, die sich um eine anschauliche Darstellung der Kunst der Einbalsamierung drängten. Geduckt trat ich durch die niedrige Türöffnung, die dem Eingang einer Pyramide nachempfunden war. Dahinter führte ein schmaler Gang in die Ägyptische Galerie, die Nachbildung eines Grabesinneren. Tiefe pechschwarze Dunkelheit umfing mich, nur hie und da unterbrochen von gedämpften Strahlern, die auf die Schlüsselexponate gerichtet waren. Die Lichter waren mit einer Zeitschaltuhr verbunden: Verblasste [...]

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Eins

 

Im Zwischengeschoss bahnte ich mir einen Weg durch die Besucher, die sich um eine anschauliche Darstellung der Kunst der Einbalsamierung drängten. Geduckt trat ich durch die niedrige Türöffnung, die dem Eingang einer Pyramide nachempfunden war. Dahinter führte ein schmaler Gang in die Ägyptische Galerie, die Nachbildung eines Grabesinneren. Tiefe pechschwarze Dunkelheit umfing mich, nur hie und da unterbrochen von gedämpften Strahlern, die auf die Schlüsselexponate gerichtet waren. Die Lichter waren mit einer Zeitschaltuhr verbunden: Verblasste eines, flammte ein anderes auf. Wenn zum Beispiel die zweieinhalb Meter große Statue des schakalgesichtigen Anubis mit der Schwärze verschmolz, materialisierte sich im selben Augenblick eine lumpenumwickelte, vertrocknete Mumie grinsend aus der Dunkelheit. Um die wirklichkeitsnahe Anmutung noch zu verstärken, erklang im Hintergrund leise ein Geräusch wie der klagende Wind, der durch das Tal der Könige strich. Die Besucher senkten unwillkürlich die Stimme, und so vertraut mir die schmale Galerie auch war, bekam ich jedes Mal, wenn ich sie betrat, eine leichte Gänsehaut. Während sich meine Augen allmählich an die Dunkelheiten gewöhnten, bewegte ich mich vorsichtig zwischen den Ausstellungsstücken hindurch. Als ich bei dem Schaukasten mit dem Amulett ankam, ging ich in die Hocke, um die Alarmanlage auszuschalten. Die Glastür öffnete sich, und ich fasste hinein, um das Exponat herauszunehmen. Vorsichtig schloss ich die Finger um das kostbare antike Stück und barg es schützend in der gewölbten Hand. Dann verschloss ich die Vitrinentür wieder und erhob mich. Und in diesem Moment erblickte ich sie.

Ellen Brecht war in der Kammer.

Meine beste Freundin. Meine Nemesis. Die Göttin der Rache.

Es war, als hätte es die letzten zwanzig Jahre nicht gegeben. Ich hatte das Gefühl, wieder achtzehn zu sein. Reglos stand ich da, während sie mich durchdringend ansah. Als die Strahler in diesem Teil der Galerie ausgingen, verschmolz sie wieder mit der Finsternis.

Panik überwältigte mich. Ich wich ein paar Schritte zurück, dann gingen die Lichter wieder an, und ich schrie laut auf, denn Ellen stand jetzt ganz in meiner Nähe, neben einer Gruppe Kanopenkrüge.

Geh weg!, flehte ich stumm. Geh weg! Lass mich in Ruhe! Aber sie rührte sich nicht von der Stelle, sondern blieb reglos stehen und starrte mich unverwandt an.

Ich bekam kaum noch Luft. Die Kehle schnürte sich mir zu. Ich wollte fliehen, aber meine Beine gehorchten mir nicht, waren wie gelähmt. Ich stolperte und stieß gegen einen Sarkophag, der im Dunkeln kaum auszumachen war, und mir war, als baute sich der in brüchige braune Binden gewickelte Leichnam bedrohlich vor mir auf. Ich rang nach Luft, der Boden neigte sich zur Seite, die Kammer drehte sich um mich herum. Wieder verblassten die Lichter, und ich konnte Ellen nicht mehr erkennen. Abrupt wandte ich mich um und bahnte mir einen Weg in Richtung Ausgang. Blinzelnd duckte ich mich durch die niedrige Öffnung hinaus ins Helle. Ohne den Handlauf des Geländers loszulassen, rannte ich durch das Zwischengeschoss auf die geschwungene Treppe zu und dann mit klappernden Absätzen in die Haupthalle hinab. Unter dem Skelett des Tyrannosaurus, der unter der Decke schwebte, drängte sich eine Besuchermenge. Ich rempelte Erwachsene mit kleinen Kindern auf den Hüften an, die zu den Überresten des riesigen Tiers hinaufdeuteten, und stolperte über Schüler, die mit ihren aufgeschlagenen Rätselheften auf dem Boden saßen.

»Tut mir leid!«, rief ich. »Lassen Sie mich bitte durch!«

Auf der anderen Seite der Halle bog ich in einen spärlich beleuchteten Korridor ein, der aus dem Atrium hinausführte. Der Flur mit der niedrigen Decke war gesäumt von viktorianischen Glasvitrinen mit ausgeblichenen ausgestopften Tieren. Schließlich erreichte ich das hintere Ende und die Tür mit der Aufschrift:

NUR FÜR PERSONAL.

Zum wiederholten Mal blickte ich über die Schulter zurück. Hinten, am Anfang des Flurs, machte ich eine Gestalt aus, die langsam auf mich zukam. Da sie sich vor hellem Hintergrund abzeichnete, konnte ich nicht erkennen, ob es Ellen war. Mit zittrigen Fingern versuchte ich, den Sicherheitscode einzugeben. Nach drei Anläufen hatte ich jegliche Hoffnung verloren, da spürte ich eine Hand an meiner Schulter. Ich schrie laut auf, mein Herz raste. Langsam sackte ich auf die Knie und schlug die Hände vors Gesicht. Dann hörte ich eine freundliche Stimme, die sagte: »Hannah, Liebes, was, um Himmels willen, ist mit dir los?« Ich blinzelte zwischen den Fingern hindurch und blickte in das fragende Gesicht meiner Kollegin und Freundin Rina Mirza.

Rina half mir aufzustehen, führte mich in ihr Büro und schloss die Tür. Es war ein kleiner, vollgestopfter Raum, der wie die typische Studierkammer eines Professors aussah. Ich setzte mich auf einen zwischen mit Unterlagen beladenen Aktenschränken eingezwängten Stuhl. Während Rina hinausging, um in der kleinen Personalküche Tee zu holen, saß ich fröstelnd da. Kurz darauf kehrte Rina zurück und reichte mir einen Becher. Er war nur halb voll, doch meine Hände zitterten so sehr, dass Tee über den Rand schwappte. Ich legte beide Hände fest um das Gefäß, aus dem heißer Dampf aufstieg. Dennoch fühlten sich meine Hände eiskalt an.

Rina rieb mir beruhigend den Rücken.

»Was ist passiert?«, fragte sie und blickte mich über die halbmondförmigen Gläser ihrer Brille hinweg an. »Hat dich jemand verletzt? Wurdest du angegriffen?«

»Nein«, sagte ich so leise, dass sich Rina vorbeugen musste, um mich zu verstehen.

»Was ist dann passiert? Irgendetwas muss dich furchtbar erschreckt haben.«

Ich sah zu ihr auf. Rina war einige Jahre älter als ich, und aus ihrem Haarknoten hatten sich ein paar Strähnen gelöst. Ich blickte in ihr freundliches Gesicht, ihre besorgt blickenden Augen.

»Ich dachte, ich hätte jemanden gesehen, eine Frau, mit der ich früher einmal befreundet war«, sagte ich.

»Und – das war so schlimm?«, fragte Rina.

Ich ließ den Kopf hängen, sodass mir das Haar wie ein Vorhang vor das Gesicht fiel. Die letzten Jahre, in denen ich mich von meinem Zusammenbruch erholt und einen Schutzpanzer aus neuen Erfahrungen und Erinnerungen um mich herum gebildet hatte, zerfielen zu Staub. Ich fühlte mich verletzlich wie eine neu geborene Maus, blind und nackt.

»Hannah?«, fragte Rina nochmals. »Warum hat es dich denn so aufgeregt, dass du deine Freundin wiedergesehen hast?«

»Weil Ellen Brecht tot ist«, sagte ich. »Sie ist vor zwanzig Jahren gestorben.«

 

 

Zwei

 

Dabei hatte es eine Zeit vor Ellen gegeben, bevor unsere Geschichte begann. Eine Zeit, die länger zurückliegt und die ich nicht so leicht fassen kann, aber wenn ich mich anstrenge, gelingt es mir. Dann sehe ich farbstichige Retrobilder aus meiner frühen Kindheit vor meinem geistigen Auge. Die Erinnerungen, die in die Zeit vor Ellen reichen, sind wie in einer Schublade aufbewahrte und durcheinandergeratene Kindheitsfotos. Aber an einen Septembernachmittag, als ich acht Jahre alt war, erinnere ich mich mit absoluter Klarheit. Es war das einzige Mal, dass ich mit Ellens Großmutter sprach, und wenn ich es nicht getan hätte, hätte es zwischen Ellen und mir später keine Verbindung gegeben. Wenn dieser Nachmittag anders verlaufen wäre, wären wir vielleicht nie Freundinnen geworden, und mein ganzes Leben wäre anders verlaufen, glücklicher vor allem. Bevor Ellen in mein Leben trat, waren die Dinge einfacher, weniger kompliziert. Sie waren entweder gut oder schlecht, richtig oder falsch, schwarz oder weiß, und ich kannte den Unterschied. Seit Ellen gab es nur verschiedene Abstufungen von Grau.

Aber zurück zu jenem Nachmittag. Die letzten Schulkinder waren an der Bushaltestelle an der Goonhilly Road aus dem Bus gestiegen – die Williams-Zwillinge, Jago Cardwell, der im Cottage neben unserem wohnte, und ich. Es war kalt; die Schatten wurden allmählich länger. Die Verheißung eines Silvesterfeuerwerks und von Frost und mit Raureif überzogenen Spinnweben lag in der Luft. Schwalben hockten wie kleine dunkle Wächter auf den Telefonleitungen, bereit zum Abflug in wärmere Gefilde. Die Williams-Jungen rannten die schmale Straße entlang, die zu ihrer Farm führte, während Jago und ich auf die andere Straßenseite wechselten, zu der stattlichen Rosskastanie, die ihre Äste über die Gartenmauer von Thornfield House breitete. Hunderte von Kastanien hingen außerhalb unserer Reichweite zwischen den papiernen Blättern. Jago ließ seinen Schulranzen auf den Boden fallen, suchte einen Stock, sprang auf und ab und schlug gegen die Äste, ohne etwas auszurichten. Eine Weile sah ich ihm zu, dann hatte ich eine Idee. Ich hob den Schulranzen auf, schwang ihn an den Riemen herum und schleuderte ihn in die Luft. Als er einen Ast traf, purzelten mehrere stachelige grüne Früchte auf die Erde. Die Gehäuse zerplatzten auf der Straße und enthüllten die glänzenden braunen Kastanien in ihrem Inneren. Jago jauchzte vor Freude und hüpfte ausgelassen auf den Kastanien herum. Ermutigt warf ich den Schulranzen erneut in die Luft, doch diesmal verschätzte ich mich in der Richtung, und der Ranzen flog über die Mauer in den Garten von Thornfield House, das wir das »verwunschene Haus« nannten.

Jago drehte sich zu mir um und sah mich verärgert an. »Verdammter Mist!«, sagte er. »Das hast du jetzt davon. Warum hast du es noch mal gemacht!«

Ich erinnere mich noch gut an das beklommene Gefühl in meinem Bauch. Obwohl es mehr als ein Vierteljahrhundert her ist, kann ich es noch immer spüren. Die Angst sitzt mir noch immer in den Knochen, wenn ich daran denke. Damals hatte ich Angst vor der alten Dame, die in dem Haus lebte und die wir für so etwas wie eine Hexe hielten, und ich fürchtete, ausgeschimpft zu werden. Aber im Rückblick ist mir vollkommen klar, dass ich nicht nur davor Angst hatte, dass ich eine dunkle Vorahnung verspürte. Ich wusste, dass in diesem Haus etwas Furchtbares passieren würde. Ich wusste es schon damals.

Thornfield House war ganz anders als die Häuser in unserer Gegend. Quadratisch und von einer Mauer umgeben, thronte es auf einem Hügel. Aus den oberen Fenstern bot sich einem ein majestätischer Blick – auf der einen Seite auf die Felder und Wiesen, die sich bis zur Küste erstreckten, und auf der anderen Seite auf die flache, sumpfige Heide, die sich bis zur Satellitenstation Goonhilly Down hinzog. Es war nicht gerade anheimelnd, kein Haus, in dem die normalen Dorfbewohner gern gewohnt hätten. Es war zu groß und zu düster. Es duckte sich nicht in die Landschaft wie die anderen Häuser der Gegend, die charakteristischen weißen, vom Wind verwitterten Cottages Cornwalls. Stattdessen stand es erhaben und mit großen stolzen Fenstern und einer wuchtigen Eingangstür da, mit seinem steil abfallenden Dach, auf dem eine Wetterfahne saß, die wie ein Schoner auf einer sich auftürmenden Welle wirkte. Und in diesem Haus wohnte ganz allein eine alte Frau. Jago und ich nannten sie »die Hexe«, weil sie genau dem entsprach, wie wir uns eine Hexe vorstellten.

An jenem Nachmittag schlich ich an der Gartenmauer entlang bis zu dem schmiedeeisernen Tor, dessen rostige Scharniere quietschten und das einen Spaltbreit geöffnet war. Vorsichtig spähte ich hindurch und erblickte die alte Dame, die in der Haustür stand und nach draußen sah. Es wäre eigentlich an mir gewesen, sie um Erlaubnis zu bitten, den Garten zu betreten, um Jagos Schulranzen zu holen, schließlich hatte ich ihn über die Mauer geworfen. Aber ich war unfähig, mich zu bewegen. Über die Schulter sah ich Jago an. Ich wusste, dass er mir wie immer zu Hilfe kommen würde. Und das tat er, ohne zu zögern. Er trat vor mir durch das Tor und in den Garten und ging geradewegs auf die Hexe zu, um mit ihr zu reden.

Jago war zwei Jahre älter als ich, ein schlaksiger, schmuddeliger Junge. Von hinten sah man seine Segelohren und das nach allen Seiten abstehende rotblonde Haar, das seine Tante ihm mit der Küchenschere abschnippelte. Sein langer, dünner Hals war zum Teil von seinem zotteligen Haar bedeckt. Das Hemd war ihm zu klein, seine Hose abgetragen und an den Säumen abgewetzt. Seine Hände, die zu groß für seine Arme schienen, baumelten seitlich herab.

Ängstlich schlich ich hinter ihm her und blieb ein paar Schritte hinter ihm stehen.

Die Hexe, Mrs Withiel, war gebeugt und zitterte. Sie trug eine lange graue Strickjacke über einem taubenblauen Kleid mit einer seitlichen Knopfleiste, deren Knöpfe falsch geknöpft waren, und schmutzige alte Tennisschuhe. Ihr Haar war dünn und weiß.

»Warum lauft ihr Kinder immer vor mir weg?«, fragte sie. »Wann immer ich mit euch reden will, rennt ihr davon.«

Jago sah auf seine Füße. Er konnte der alten Dame ja nicht sagen, dass wir vor ihr davonliefen, weil wir ihren bösen Blick fürchteten.

»Ich mag Kinder. Ich habe selbst eine Tochter und eine Enkelin.« Mrs Withiel sah mich an. »Sie dürfte ungefähr in deinem Alter sein, Kleine.«

»Das ist schön«, sagte Jago höflich. »Wohnen sie in Trethene?«

»O nein. Nein, nein.« Sie knetete die Hände. »Sie sind schon vor langer Zeit weggegangen. Der Teufel ist gekommen und hat mir meine Tochter weggenommen. Er hat sie mir gestohlen, sie und das Kind. Ich weiß nicht, wo sie jetzt sind. Ich bekomme nicht einmal eine Weihnachtskarte von ihnen. Keinen Brief, rein gar nichts. Er ist böse, müsst ihr wissen, durch und durch böse.«

Die Stimme der alten Dame wurde immer höher und nahm einen nasalen Klang an, bis sie schließlich kaum mehr zu hören war. Mir wurde übel. Ich dachte, dass Mrs Withiel vielleicht nicht ganz richtig im Kopf sei, mit ihrem Gerede vom Teufel und dem Bösen. Oder sie war tatsächlich eine Hexe.

Jago warf mir einen verstohlenen Blick zu. Ich versuchte, ihm mit den Augen zu bedeuten, dass wir schleunigst von hier wegmussten.

»Es ist ein Jammer, dass Sie keinen Kontakt mehr zu Ihrer Familie haben«, sagte Jago, während er mit der Schuhspitze ein Büschel Unkraut bearbeitete, das in der gekiesten Auffahrt wuchs. Dann fragte er: »Ist es in Ordnung, wenn ich jetzt meinen Schulranzen hole?«

»Ja, ja«, sagte die alte Dame. Sie deutete mit einer wedelnden Handbewegung zum Ranzen, dann sah sie mich wieder an. »Du kommst mich doch mal besuchen, nicht wahr?«, fragte sie. »Komm doch mal vorbei, um mit mir zu plaudern. Ich hab Kinder ja so gern, vor allem kleine Mädchen. Nächstes Mal werde ich auch Plätzchen dahaben, meine Kleine.«

Ich bemühte mich zu lächeln, aber es fühlte sich nicht wie ein Lächeln an.

»Schokovanilleplätzchen«, sagte sie. »Das waren die Lieblingsplätzchen meiner Tochter. Magst du Vanille, meine Kleine?«

Ich nickte.

»Also, vergiss es nicht. Komm mich besuchen. Du wirst mich doch besuchen, nicht wahr? Versprich es mir.«

»Ja«, sagte ich sehr leise.

Der Schulranzen war in einem von Brennnesseln überwucherten Teil des Gartens gelandet, und Jago zog ihn an einem Riemen heraus. Als er wieder bei mir ankam, wandten wir uns um und gingen langsam zum Tor zurück. Dort drehten wir uns noch einmal um und winkten der alten Dame zum Abschied zu, doch kaum waren wir hinter der Mauer ihren Blicken entkommen, rannten wir los, als wäre uns der Teufel auf den Fersen. Wir liefen zur Kreuzung und dann die Straße hügelabwärts in die Cross Hands Lane, wo wir wohnten.

Noch einige Zeit danach machten wir uns über diese merkwürdige Begegnung mit der »Hexe« lustig.

»Ich mag Kinder ja so gern«, sagte Jago dann immer mit gruselig krächzender Stimme. »Vor allem … zum Frühstück!« Und er ließ seine klauenartig gekrümmte Hand vorschießen, als wolle er mich packen. Ich hielt mir vor Lachen den Bauch.

Obwohl ich fast jeden Tag an Thornfield House vorbeikam, besuchte ich Mrs Withiel nie. Ich wagte nicht einmal, zu den Fenstern hinaufzublicken, um zu sehen, ob sie dort stand und wartete, dass ich hineinkäme, um mit ihr zu plaudern. Und ich versuchte, nicht an die Plätzchen zu denken, die sie wahrscheinlich gekauft hatte und die inzwischen alt und weich geworden waren.

 

 

Drei

 

Rina half mir aus dem Wagen, legte einen Arm um mich und schob mich zur Haustür, dann in den Flur und die schmale, mit einem Teppich bedeckte Treppe in den ersten Stock hinauf.

In meiner Wohnung angekommen, fühlte ich mich ein wenig besser. Die vertraute Umgebung mit den gedämpften Farbtönen beruhigte mich. Lily, meine kleine graue Katze, strich mir um die Waden, und ich hob sie auf den Arm und barg das Gesicht in ihrem weichen Fell.

»Leg dich hin, ich mach dir inzwischen Tee«, sagte Rina.

»Ach lass, es geht schon wieder.«

»Bitte tu, was ich dir sage. Lass mich dich ruhig ein wenig bemuttern.«

Rina schubste mich sanft in Richtung Schlafzimmer.

Im Flur zog ich die Schuhe aus und tappte barfuß ins Schlafzimmer. Dort schloss ich die Vorhänge und legte mich aufs Bett. Sofort wurde ich von einer bleiernen Müdigkeit überwältigt; es fühlte sich an, als hätte sich mir ein schweres Gewicht auf die Brust gelegt. Ich zog die Bettdecke bis zum Kinn hoch, ließ den Kopf schwer aufs Kissen sinken und spürte, wie sich die Matratze meinem Körper anpasste. Die Katze knetete schnurrend mit den Pfoten die Bettdecke. Ich versuchte, mich zu entspannen, aber die Gedanken wirbelten wild in meinem Kopf herum. Als Rina ungefähr zehn Minuten später mit einem Glas Kamillentee ins Zimmer kam, war ich noch immer wach.

»Warst du mit dieser Frau eng befreundet?«, fragte Rina, während sie sich über mich beugte und mir über die Stirn strich wie einem fiebernden Kind. Ihr Atem roch nach Pfefferminze.

»Wir waren wie Schwestern. Nein, noch enger verbunden als Schwestern.«

»Es muss schlimm für dich gewesen sein, sie zu verlieren.«

»Ja, das war es.«

Ich drehte den Kopf zum Fenster. Es war einen Spaltbreit geöffnet, und die cremefarbenen Vorhänge bauschten sich sachte im hereinwehenden Luftzug, hoben und senkten sich, als atmeten sie. Von draußen drangen die vertrauten Geräusche herein – Autoverkehr, Kinderstimmen, Musik, Hundegebell und aus der Küche des Restaurants etwas weiter die Straße hinunter betriebsames Geklapper.

»Wie, sagtest du, hieß sie noch mal?«

»Ellen Brecht.«

»Was ist ihr zugestoßen, Hannah?«

»Es war ein Unfall. Sie ist ertrunken.«

»Oh, wie schrecklich. Warst du dabei?«

»Nein. Damals war ich in Chile. Ich habe es erst einige Zeit später erfahren.«

Rina strich die Bettdecke glatt. Also hattest du keine Gelegenheit, Abschied von ihr zu nehmen?«

»Nein.«

»Warst du mit ihr zerstritten?«

»Wieso fragst du das?«

»Nun, schließlich bist du weggezogen.«

»Es war ein Missverständnis«, sagte ich, wobei diese Erklärung nicht annähernd beschrieb, was zwischen Ellen und mir vorgefallen war. »Ich dachte, ich könnte die Sache zwischen uns wieder in Ordnung bringen. Dass ich noch genügend Zeit hätte, aber dem war nicht so.«

Rina seufzte. »Solche Dinge passieren. Mädchen können sehr leidenschaftlich sein.«

Sie legte ihre flache Hand auf die Bettdecke.

»Ist heute irgendetwas geschehen, was dich an Ellen erinnert hat?«, fragte sie.

»Nein, aber ich habe gestern Nacht von ihr geträumt.«

»Siehst du, bestimmt hängt es damit zusammen.«

Es war jedoch nichts Ungewöhnliches, dass ich von Ellen träumte. Ich träumte fast jede Nacht von ihr und Thornfield House. In meinem letzten Traum war das Haus halb verfallen gewesen, das Dach eingestürzt, die Fensterscheiben waren zerbrochen, und die grauen, zerschlissenen Vorhänge wehten zwischen den übrig gebliebenen Glasscherben hindurch. Die Bäume und Pflanzen des Gartens waren schwarz verkohlt, von Spinnweben und Asche übersät. Ich wanderte durch die leeren Zimmer, wo vertrocknete Blumen auf den blutverschmierten Holzdielen verstreut lagen, und rief nach Ellen. Ich wusste, dass sie irgendwo im Haus war, ich hörte sie weinen, konnte jedoch nicht sagen, woher die Stimme kam. Während ich von Raum zu Raum ging, machten meine Sohlen quietschende Geräusche auf dem blutbefleckten Boden. Auch an meinen Händen war Blut, und wenn ich mich an der Wand abstützte, hinterließen sie rote Abdrücke. Klaviermusik umwaberte mich wie Nebel; es war ein Requiem. Dann verklang die Musik, und nur noch Ellens herzzerreißendes Weinen war zu hören. Ellen!, rief ich. Wo bist du? Plötzlich war Mr Brecht hinter mir. Er umfasste mich von hinten mit den Armen, küsste mich auf den Hals, auf die Stelle unterhalb des Ohrs, und ich schmiegte mich seufzend an ihn. Wir standen vor dem Spiegel auf dem Flur vor Ellens Zimmer. Doch als ich den Kopf hob und hineinblickte, war nicht mein Gesicht darin zu sehen, sondern Ellens, deren Haut gräulich grün war. Ihr Haar umfloss sie, und durch ihre geöffneten Lippen und ihre leeren Augenhöhlen schossen kleine silberne Fische pfeilschnell heraus und hinein.

Rina sagte: »Hannah, sch, beruhige dich«, und mir wurde bewusst, dass ich laut geschrien hatte.

»Tut mir leid«, murmelte ich.

Rinas Gesichtsausdruck verriet Besorgnis.

»Vielleicht solltest du mal ausspannen, Hannah«, sagte sie. »Du arbeitest so viel, Liebes, und ich kann mich nicht erinnern, wann du zuletzt Urlaub hattest. Warum nimmst du dir nicht ein paar Tage frei?«

»Ja«, sagte ich. »Du hast recht. Das mache ich vielleicht.«

»Gut. Denk jetzt an etwas Schönes. Überleg dir einen Ort, wohin du gern reisen würdest. Aufs Land vielleicht? Oder lieber an die Küste?«

Während ich in meinem warmen, bequemen Bett lag, ließ ich mich von Rinas Gegenwart beruhigen. Ich wusste, dass ich jetzt würde schlafen können. Lily tapste auf das Kopfkissen, drehte sich mehrmals im Kreis und rollte sich dann neben meinem Kopf zusammen. Eine Weile noch beobachtete ich, wie sich der Vorhang sanft bauschte. Ich rief mir ins Gedächtnis, wie ich Ellen zum ersten Mal gesehen hatte, an einem strahlend sonnigen Tag, dem Tag, an dem unsere Geschichte begann, der Anfang vom Ende.

 

 

Vier

 

In der Nacht zuvor hatte es bei den Cardells Streit gegeben. Dad hatte Nachtschicht – er arbeitete bei RAF Culdrose, einer Station der Royal Air Force. Mum und ich waren zu Hause und bemühten uns tapfer, die Ohren vor dem zu verschließen, was im Nachbarhaus vor sich ging. Wenn wir ein Telefon gehabt hätten, hätte meine Mutter vielleicht um Hilfe gerufen, aber damals verfügte keines der Cottages der Sozialsiedlung in der Cross Hands Lane über einen Telefonanschluss. Wahrscheinlich hätte es sowieso nichts geändert. Die Menschen in Trethene mischten sich nicht in anderer Leute Angelegenheiten ein. Aber als schließlich etwas oder jemand mit solcher Wucht gegen die Mauer prallte, die unser Haus von dem der Cardells trennte, dass die Bilder an unserer Wand an ihren Haken verrutschten, sagte Mum: »Ich halte das nicht mehr aus.« Ohne einen konkreten Plan zu haben, zog sie ihren Mantel an und wollte das Haus verlassen, als das Geschrei mit einem Mal erstarb. Mum und ich gingen nach oben und schauten zum Fenster meines Zimmers hinaus. Von dort sahen wir, in bläulich silbernes Mondlicht getaucht und in ihrer dünnen Jacke fröstelnd, Mrs Cardell im Hinterhof stehen und eine Zigarette rauchen. Mr Cardell trat ebenfalls heraus. Der Hund hatte sich unter dem Kaninchenstall versteckt. Mr Cardell legte die Arme um seine dünne Frau, drückte sie an sich und küsste sie auf das krause gelbliche Haar. Eng umschlungen standen sie da und wiegten sich vor und zurück. Die rot leuchtende Spitze des Zigarettenstummels, den Mrs Cardell hatte zu Boden fallen lassen, blinkte in der Dunkelheit.

Nach solchen Auseinandersetzungen verließ Mrs Cardell gewöhnlich für mehrere Tage nicht das Haus. Wenn sie Zigaretten brauchte, schickte sie Jago ins Dorf, um welche zu holen.

Als ich am nächsten Morgen mein Fahrrad die kleine Straße hinaufschob, tauchte plötzlich Jago neben mir auf. Offensichtlich spielte er die Handlung eines Filmes nach, den er im Fernsehen gesehen hatte. Er schoss auf imaginäre Feinde, die sich hinter den wild wachsenden Rhododendren an der Straße versteckten, und blies dann angeberisch den Rauch von der Laufmündung seiner unsichtbaren Pistole. Die Hände am Fahrradlenker, sah ich ihn von der Seite an.

»Du hast sie echt nicht mehr alle«, sagte ich.

Er lachte. Wie immer nach einem heftigen Streit im Cardell’schen Haus war er glücklich, dass der Hausfrieden – zumindest für eine Weile – wiederhergestellt war.

Auf dem Hügel angekommen, bogen wir links ab, und ich stützte mich keuchend auf den Fahrradlenker. Ich war mächtig stolz auf mein Rad. Es war ein BMX, das mein Vater einem Kollegen bei der Royal Air Force abgekauft hatte. Ein paar Mal betätigte ich mit dem Daumen die Klingel, aber Jago nahm davon keine Notiz.

»Hast du Geld dabei?«, fragte er stattdessen.

»Ne.«

»Blöd. Sonst hätten wir uns ein Eis kaufen können.«

Ich schnitt eine Grimasse. Auf der Höhe des Eingangs von Thornfield House angekommen, blieben wir stehen. Zum ersten Mal seit Monaten sah es verändert aus.

Nach Mrs Withiels Tod waren die Fenster mit Brettern zugenagelt und das Tor mit Stangen und einem Vorhängeschloss verriegelt worden. Glyzinien rankten sich wild wuchernd an den Mauern empor, und der Garten war zugewachsen, sodass von Rasen, Gartenweg und Auffahrt nichts mehr zu sehen war.

Jetzt jedoch hatte jemand die Bretter entfernt, ein paar Fenster waren geöffnet. Brennnesseln, Brombeersträucher und junge Bäume waren zurückgestutzt worden, und die abgeschnittenen Äste und das Gestrüpp waren in einer Ecke des Gartens aufgehäuft. Der Plattenweg, der zur Haustür führte, war von Unkraut befreit.

Jago und ich sahen uns erstaunt an. Er kratzte sich hinterm Ohr.

»Lass uns reingehen und nachsehen«, sagte er. »Um sicherzustellen, dass keine Diebe drin sind.«

Er machte ein ernstes Gesicht, zog eine Augenbraue hoch und hatte die Daumen in die Taschen seiner Jeans gehakt. Noch immer spielte er eine Rolle aus dem Film. Jago spielte immer eine Rolle, gab immer vor, jemand zu sein, der er nicht war.

»Aber was ist, wenn tatsächlich jemand im Haus ist?«

»Dann fesseln wir ihn und kassieren die Belohnung.«

Ich lehnte mein Fahrrad gegen die Gartenmauer.

»Ich finde, wir sollten das nicht tun«, sagte ich. »Wir können doch nicht einfach ein fremdes Haus betreten!«

»Das ist schon in Ordnung«, meinte Jago. »Ich gehe als Erster, keine Angst.«

Leichtfüßig wie eine Katze schlich er in seinen schäbigen, ausgetretenen Turnschuhen in den Garten. Ich folgte ihm in einigem Abstand. Der Garten links und rechts der Auffahrt war so dicht mit Pflanzen und überhängenden Ästen bewachsen, dass ich das Gefühl hatte, in ein grünes Meer einzutauchen. Bienen summten in der sommerlichen Hitze, und die Luft war von Blumendüften geschwängert.

Jago stieß die nur angelehnte Haustür auf. Sie ächzte in den Angeln, und als er die Hand zurückzog, haftete abgeblätterte grüne Farbe an seinem Handballen. Er wischte sie an seiner Jeans ab.

»Hallo?«, rief er vorsichtig, dann, etwas beherzter, noch mal: »Hallooo!« Aber niemand antwortete. Er blickte über die Schulter zurück und bedeutete mir mit dem Blick, ihm ins Haus zu folgen.

Ich brauchte einen Moment, bis sich meine Augen an die Dunkelheit im Hausinneren gewöhnt hatten und ich etwas erkennen konnte. Dann nahm ich den geräumigen Flur mit dem gefliesten Boden, der hohen Decke mit den eleganten Stuckrosetten und den Fensterschabracken wahr. Die Luft, die für so lange Zeit eingeschlossen gewesen war, roch noch immer abgestanden, auch wenn jetzt eine leichte sommerliche Brise durch die geöffneten Fenster wehte und die Muffigkeit vertrieb. Eine Fliege trudelte summend durch den Raum. Jago und ich gingen vorsichtig weiter und spähten in die verlassenen Zimmer. Die vereinzelten Möbelstücke waren unter Laken verborgen und warfen Schatten in den breiten, länglichen Streifen staubigen Sonnenlichts, das durch die Fenster hereinfiel. Ein Flügel stand unbedeckt und stolz in der Mitte des Salons.

Ich wusste, dass sich Mrs Withiel drei Wochen lang tot im Haus befunden hatte, ehe man ihre Leiche entdeckte. Ich fragte mich, wo genau sie gelegen hatte und ob ich den Platz erkennen würde – vielleicht durch die Aura des Todes, die ihn umgab. Beim Gedanken an die alte Frau, die mutterseelenallein in der Dunkelheit gelegen hatte, durchlief mich ein Schauer des Entsetzens. Etliche Male war ich an Thornfield House vorbeigegangen, als sie bereits tot gewesen war, und dieses Wissen machte mir Angst. Fröstelnd schlang ich die Arme um den Körper.

»Komm, weiter!«, rief Jago leise. Er lief die Treppe hinauf, und ich folgte ihm in eines der vorderen Zimmer. Die Wände waren mit einer Tapete mit rosa und grünem Blumenmuster bedeckt. Es war bis auf die Stellen, wo Möbelstücke es vor der Sonne geschützt hatten, größtenteils verblichen. Jago kniete sich hin und spähte in ein Mauseloch in der Fußbodenleiste. Ich trat an das staubbedeckte Fenster. Glyzinienblüten rahmten wie Papiergirlanden den Ausblick ein. Langsam tuckerte ein Lastwagen auf der schmalen Straße heran und hielt vor dem Haus. Über die Gartenmauer hinweg konnte ich das obere Drittel des Wagens erkennen. Plötzlich spürte ich, mehr, als dass ich es hörte, wie jemand das Zimmer betrat, und als ich mich umdrehte, erblickte ich ein Mädchen; Ellen.

Sie musste ungefähr in meinem Alter sein und war etwa gleich groß, aber das war es dann auch schon mit unseren Gemeinsamkeiten. Ellen hatte langes dunkles Haar und einen Pony, der ihr bis zu den dunklen Augen reichte. Sie war zart gebaut, langbeinig, trug Jeansshorts und ein ärmelloses grünes T-Shirt. Da sie barfuß war, sah man ihre grün lackierten Zehennägel. Im Vergleich zu ihr fühlte ich mich plump mit meinem blonden Haar, dem rosa Teint, meinem kräftigen Körperbau, dem Babyspeck und meiner von Schweiß klebrigen Haut. Und das pastellfarbene gestreifte T-Shirt und die Frotteeshorts machten es auch nicht besser.

Noch nie war ich einem Kind meines Alters begegnet, das so selbstbeherrscht war wie dieses Mädchen; im Vergleich zu ihr kam ich mir wie ein Baby vor. Ich zog die Beine meiner albernen Kleinkind-Shorts ein wenig herunter. Der Gummizug spannte um meinen Bauch. Ich wünschte, ich hätte mir an diesem Morgen keine rosa Bommeln ins Haar geflochten. Ich wünschte, mir wäre nicht so heiß.

Jago rappelte sich auf, klopfte sich die Hosenbeine ab und räusperte sich. Er leckte sich nervös über die Lippen, spürte drohendes Unheil. Von draußen drangen die Stimmen von Erwachsenen und das Rattern eines schweren Motors herein. »Links etwas weiter herunter!«, rief jemand. »Passen Sie auf die Wand auf.«

»Wer seid ihr?«, fragte das Mädchen. »Was macht ihr hier?« Sie hatte einen fremden, wohlklingenden Akzent; ihre Aussprache war akzentuierter als unsere.

»Wir haben nur nachgeschaut, ob alles okay ist«, sagte Jago mit gewichtiger Stimme. Er tat, als wäre er älter, versuchte, bei dem Mädchen Eindruck zu schinden. Ich sah ihn stirnrunzelnd an. »Und was ist mit dir?«, fragte er betont lässig. »Warum bist du hier?«

Das Mädchen lachte ein wenig gekünstelt und schob das Haar über die Schultern zurück. Auch sie wollte uns beeindrucken. »Ich heiße Ellen Brecht. Das Haus hat meiner Großmutter gehört, aber jetzt werden wir hier wohnen.«

»Die alte Frau war deine Großmutter?«

»Ja.«

»Sie hat uns von dir erzählt.«

Ellens Augen weiteten sich. »Ach ja, hat sie das?«

»Sie hat gesagt, dass du sie nie besuchst.«

»Ich konnte nicht.«

Ellen ging zum Fenster. Sie zog die Gardine ein wenig zur Seite und ahmte damit unwissentlich die Pose ihrer Großmutter nach, wenn diese am Fenster gestanden und hinausgeblickt hatte. »Meine Mama hat sich immer Sorgen um Großmutter gemacht. Aber ich hab ihr gesagt, dass es ihr bestimmt gut geht. Das stimmt doch, oder? Sie war doch nicht einsam?«

Jago und ich tauschten Blicke aus. Dann kratzte er sich eine schorfige Stelle an seinem Ellbogen; er litt unter einem Hautekzem. Konnte es sein, dass Ellen die Umstände vom Tod ihrer Großmutter nicht kannte?

»Als wir sie zuletzt gesehen haben, ging es ihr, glaub ich, noch gut«, sagte Jago. »Aber … sie hat komisches Zeug geredet.«

Ellen ließ die Gardine wieder los.

»Was für komisches Zeug?«

Jago sah sich im Zimmer um. »Keine Ahnung. Über den Teufel, der dich von ihr fernhält … und so was.«

»Das ist doch Unsinn! Wir konnten sie nicht besuchen kommen, weil wir in Deutschland gelebt haben, das ist alles.«

Plötzlich schämte ich mich. Ich warf Jago einen finsteren Blick zu, und er zog ein Gesicht.

»Wie heißt ihr?«, fragte Ellen.

»Ich heiße Jago und das ist Hannah.«

»Seid ihr Geschwister?«

»Nein. Wir sind Nachbarn.«

Ellen musterte uns eine Weile von oben bis unten. Dann sagte sie: »Kommt, ich stelle euch Mama vor.« Sie sah Jago an. »Aber sag ihr nichts von diesem Teufel-Quatsch.«

Wir folgten ihr ins Erdgeschoss. Ihre Mutter, eine zarte, attraktive Frau, stand, auf einen Stock gestützt, im Salon. Ihr Vater, der mit seiner engen schwarzen Jeans und dem schwarzen Hemd für mich wie ein Filmstar aussah, dirigierte mit der Hand, in der er eine brennende Zigarette hielt, die Umzugsmänner zu der Stelle, wo sie die Chaiselongue hinstellen sollten.

Ellens Mutter hätte im Vergleich zu meiner Mutter nicht unterschiedlicher sein können. Sie war jung, schlank und schön. Glänzendes Haar fiel ihr geschmeidig über den Rücken, und sie trug ein terrakottafarbenes Kleid mit weich fließendem ausgestelltem Rock. Ihre kleinen, ebenmäßigen weißen Zähne schimmerten im Kontrast zu dem kirschfarbenen Lippenstift.

»Hallo«, sagte sie. »Wen haben wir denn da?«

»Das sind Jago und Hannah«, sagte Ellen. »Sie waren Freunde von Großmutter.«

»Ihr habt meine Mutter gekannt?«, fragte Ellens Mutter, und ohne eine Antwort abzuwarten, trat sie zu mir und umarmte mich zärtlich, ehe sie das Gleiche bei Jago tat. Sie verströmte einen exotischen Duft, und ihre Haut fühlte sich an meiner Wange weich wie Seide an. Dann machte sie einen Schritt zurück und betrachtete uns mit leicht schief gelegtem Kopf. Sie hatte sich die Sonnenbrille ins Haar geschoben. An ihren Ohren baumelten goldene Kreolen, und um den schlanken Hals trug sie eine Kette mit einem Anhänger in Form eines Violinschlüssels. Hätte sie nicht missgebildete Fingerknöchel und Handgelenke gehabt, wäre sie makellos schön gewesen.

»Ich konnte den Gedanken, dass meine Mutter ganz allein in diesem riesigen Haus lebt, nicht ertragen«, sagte sie, und ihre Armreifen klirrten, als sie sich wieder aufrichtete, was ihr offenbar Mühe bereitete. »Ich wusste gar nicht, dass sie so junge Freunde hatte! Und du« – sie sah mich mit einem Lächeln an, dass mir warm ums Herz wurde – »musst sie an Ellen erinnert haben, denkst du nicht auch, Peter? Wie schön, dass ihr euch um sie gekümmert habt!«

Ellens Vater deutete eine spielerische Verbeugung an und schenkte mir ein solch galantes Lächeln, dass mein Magen Purzelbäume schlug und ich bis über beide Ohren rot wurde. Noch nie war ich jemandem wie ihm begegnet. Er war eine großartige Erscheinung.

»Na ja … also … wir haben uns nicht direkt um sie gekümmert«, stammelte ich.

»O doch, das habt ihr!«, erwiderte Ellens Vater.

In diesem Moment betrat eine schwarz gekleidete, untersetzte ältere Frau den Raum. Sie trug eine Schachtel mit in Zeitungspapier eingeschlagenen Dekorationsgegenständen, die sie auf den kleinen Tisch neben dem Telefon stellte. Ellens Vater wich unwillkürlich vor ihr zurück, als fürchte er sich vor ihr, und rieb sich das Kinn, während er sie finster anstarrte.

»Stören diese Kinder Sie, Anne?«, fragte die Frau Ellens Mutter.

»Nein, keineswegs.«

»Warum setzen Sie sich nicht. Sie überanstrengen sich. Sie sollten sich ausruhen.«

»Es geht mir gut, Mrs Todd«, entgegnete Ellens Mutter.

»Deine Mutter braucht jetzt Ruhe«, sagte Mrs Todd zu Ellen. »Geht hinaus zum Spielen.«

Ellens Vater, der noch immer schräg hinter Mrs Todd stand, rollte theatralisch die Augen. Ich schlug mir die Hand vor den Mund, um nicht zu kichern. Er winkte mich zu sich, zog ein Portemonnaie aus seiner Jeanstasche, nahm eine Fünfpfundnote heraus und reichte sie mir. Als ich zögerte, schloss er meine Finger um den Geldschein, indem er seine Hand um meine legte. »Kauft euch etwas davon«, sagte er, dann beugte er sich zu mir herab und fügte im Flüsterton hinzu: »Aber Sie, bezaubernde Miss Hannah, dürfen darüber verfügen.«

»Danke«, wisperte ich. Er blinzelte mir verschwörerisch zu. Ich hielt den Geldschein fest in meiner Hand. Nie zuvor hatte mich jemand »bezaubernd« genannt.

Draußen brachten Ellen, Jago und ich zunächst keinen Ton heraus. Eine Weile gingen wir schweigend die kleine Straße entlang. Immer wieder öffnete ich die Hand, um mich zu vergewissern, dass ich das Geld nicht verloren hatte.

»Deine Eltern sind sehr nett«, sagte ich schließlich.

»Hm.«

»Wer war die andere Frau?«

»Mrs Todd? Ach, das ist unsere Haushälterin.«

»Ist sie eine Dienstbotin?«, fragte Jago.

»So eine Art. Sie putzt und kocht und kümmert sich um Mama.«

»Hannahs Mutter ist auch Putzfrau«, sagte Jago.

Das stimmte zwar, aber ich wünschte, Jago hätte es für sich behalten. Es war, als wäre plötzlich der Glanz dieses Morgens verblasst. Ellen sollte nicht wissen, dass meine Mutter einen Kittel trug und ihre Tage damit zubrachte, die Böden und Toiletten anderer Menschen zu schrubben, und dass sie raue Hände und fleischige Oberarme hatte und nach Bleichmittel roch. Nein, Ellen sollte mich für ebenbürtig halten.

Ellen sah mich neugierig an, aber ich drehte das Gesicht weg, denn ich hatte keine Lust, das Thema weiter auszuführen.

Bei der Tankstelle kauften wir uns Lutscher, dann gingen wir zur Kirche, wo wir uns auf die Mauer setzten. Von hier hatte man einen herrlichen Blick auf das glitzernde Meer, das sich jenseits der Felder und Wiesen erstreckte. Ellen löste vorsichtig das Papier von ihrem Lutscher und warf es hinter sich in den Kirchhof.

»Wo wohnt ihr beiden?«, fragte sie.

»Dort unten.« Jago deutete mit dem ausgestreckten Finger in Richtung der Cross Hands Lane. Man konnte die kieselverputzten Cottages nicht sehen, nur die schiefergrauen Dächer schimmerten am Fuß des Hügels zwischen den Baumkronen hindurch.

»Unser Häuser sind aneinandergebaut«, sagte Jago.

»Es sind Reihenhäuser«, erklärte ich.

Das schien Ellen zu beeindrucken. Ich leckte an der unteren Seite meines Lutschers, von dem es klebrig auf meine Hand tropfte, und lächelte Jago an. Er lächelte ebenfalls.

Ellen beobachtete uns. Ich näherte mein Bein seinem und spürte, wie die raue Mauer an meinem Schenkel kratzte.

»Erzählt mir von euren Familien«, sagte Ellen.

»Meine Mama hatte Krebs und ist gestorben, und mein Vater hat sich aus dem Staub gemacht«, sagte Jago, ohne aufzuschauen. »Ich lebe bei meinem Onkel und meiner Tante. Er ist ’n Scheißkerl und sie ’ne Schlampe.«

»Oh«, sagte Ellen und machte große Augen. »Wie traurig.«

Jago zuckte mit den Schultern.

»Wow!« Ellen ließ die Beine vor- und zurückschwingen, als müsse sie diese Information erst verdauen. »Ich habe noch nie ein Kind gekannt, dessen Mutter schon gestorben ist.« Sie wandte sich an mich. »Und deine Familie?«

»Nichts Aufregendes, wirklich. Eine stinknormale Familie. Ich habe eine Mum und einen Dad, keine Geschwister.«

»Wie ich«, erwiderte Ellen. Sie lächelte mir freundlich zu. Es war eine Gemeinsamkeit. Nicht viel, nur eine Äußerlichkeit, aber immerhin.

Lesley Turney

Über Lesley Turney

Biografie

Lesley Turney arbeitet als Texterin und lebt mit ihren drei Söhnen und ihrem Partner in Bath, einer historischen Stadt in der Grafschaft Somerset, deren heiße Quellen bereits zur Römerzeit genutzt wurden. Nach »Die fremde Frau«, »Das Dornenhaus« und »Das Flüsterhaus« ist »Das Haus der leeren...

Pressestimmen

Stadt-Anzeiger

»Ein spannendes Buch um eine tiefe Männerfreundschaft, die ein trauriges Ende findet. Lesley Turney versteht es mit ihrem Schreibstil sehr gut, die Leser bis zum Schluss bestens zu unterhalten.«

Wochenspiegel (CH)

»Ein spannendes Buch um eine tiefe Mädchenfreundschaft. Lesley Turney versteht es (...) sehr gut, die Leser bis zum Schluss bestens zu unterhalten.«

Lahn-Dill-Anzeiger

»Eine dramatische Handlung, fesselnd erzählt.«

TOP Magazin Dortmund

»Spannend geschriebene Geschichte, mit einem gelungenen Mix aus Gegenwart und Flashbacks in die Vergangenheit.«

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