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Das Atelier der Wunder

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Roman

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Das Atelier der Wunder — Inhalt

Mariette ist am Rande des Nervenzusammenbruchs. Permanent kritisiert von ihrem Mann, einem narzisstischen Politiker, lässt sich die Lehrerin eines Tages von einem frechen Schüler provozieren und stößt ihn die Treppe hinunter. Millie, Anfang zwanzig, hangelt sich von einem Gelegenheitsjob zum nächsten. Um der Einsamkeit zu entfliehen, geht sie mit fremden Leuten aus, trinkt zuviel und wacht mitten in der Nacht auf, weil in ihrem Haus Feuer ausgebrochen ist. Zur Flucht ist es zu spät, ihr bleibt nur der Sprung aus dem Fenster der vierten Etage. Mike, der eine erfolgreiche Laufbahn beim Militär aus Gewissensnöten abbrach, ist als Clochard auf der Straße gelandet und hat sich unter einer Brücke eingerichtet. Dummerweise hat er den Gnom und seine Gang unterschätzt und wird brutal zusammengeschlagen. Am Tiefpunkt ihres Lebens kreuzen sich die Wege von Mariette, Millie und Mike auf schicksalhafte Weise mit dem mysteriösen Monsieur Jean, der ihnen verspricht, in vier Wochen ihre Seelen in seinem »Atelier der Wunder« zu »reparieren«. Doch bald schon beginnt das unglückselige Trio zu ahnen, dass Monsieur Jean selbst ein Geheimnis zu verbergen hat …

€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 13.04.2015
Übersetzt von: Doris Heinemann
256 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96528-6

Leseprobe zu »Das Atelier der Wunder«

Millie


Der beißende, scharfe Geruch drang in jede Pore meines Körpers, kratzte mir in Nase und Kehle und ritt wütende Attacken gegen mein vom Schlaf verklebtes Gehirn.
Ich weigerte mich einfach aufzuwachen. Ich wollte bis zum Ende der Nacht schlafen und am liebsten gleich bis zum Ende des Wochenendes. Direkt von Freitagabend bis Montagmorgen durchschlafen, ohne zu atmen, zu träumen oder zu denken, in einem Zug, in einem Kampf. Wie ein unsportliches Kind, das, vom Schwimmlehrer und dem höhnischen Grinsen seiner Klassenkameraden angetrieben, unter Wasser [...]

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Millie


Der beißende, scharfe Geruch drang in jede Pore meines Körpers, kratzte mir in Nase und Kehle und ritt wütende Attacken gegen mein vom Schlaf verklebtes Gehirn.
Ich weigerte mich einfach aufzuwachen. Ich wollte bis zum Ende der Nacht schlafen und am liebsten gleich bis zum Ende des Wochenendes. Direkt von Freitagabend bis Montagmorgen durchschlafen, ohne zu atmen, zu träumen oder zu denken, in einem Zug, in einem Kampf. Wie ein unsportliches Kind, das, vom Schwimmlehrer und dem höhnischen Grinsen seiner Klassenkameraden angetrieben, unter Wasser durch das ganze Schwimmbecken taucht und seine letzten Luftreserven mobilisiert, um ans andere Ende zu gelangen, dem Tode nah, ihm fast schon ergeben. Dann plötzlich erreichen die ausgestreckten Hände den porösen Stein, prustend taucht es auf, seine Lunge füllt sich wieder mit Luft, und das Kind, noch ganz benommen, ist dankbar dafür, dass es überlebt hat.
Der Husten brannte mir in der Kehle und entriss mich der Nacht. Unwillig öffnete ich die Augen. Am anderen Ende des Zimmers schlängelte sich eine lange dunkle Rauchzunge lautlos durch das halb offene Fenster und leckte an der vergilbten Tapete bis hinauf zur Decke.
Feuer! Die Panik durchfuhr mich wie ein Krampf. Ich setzte mich auf, nicht sicher, ob ich wach war oder ob ich träumte. Eine Stimme in mir schrie, Da hast du’s, Millie, jetzt schlägt die Stunde der Wahrheit, in der du zahlen wirst und zu ihnen zurückkehrst, denn einer muss ja schließlich büßen! Die andere Stimme rebellierte, weigerte sich, Nur keine übereilten Schlüsse ziehen, sondern den zufälligen Parallelen misstrauen, der Ladentisch-Psychologie entfliehen, dieses Feuer wurde nicht mit Absicht gelegt, es ist ein Unfall, reiner Zufall, also musst du dich jetzt konzentrieren und handeln, denn das Feuer wird dich töten.
Einige Stunden zuvor war ich zu dem Schlafsofa getorkelt, vollständig angezogen, nicht abgeschminkt, mit ungeputzten Zähnen, und darauf zusammengesunken. Keiner Bewegung mehr fähig, am Ende meiner Kräfte.
Dabei war ich in Sachen Hygiene und Körperpflege überaus genau. Hundertmal am Tag wusch ich mir die Hände und bei jedem Duschen die Haare. Ich rieb meine Fußsohlen mit Bimsstein ab, überprüfte ständig den Zustand meiner Fingernägel, machte morgens und abends Jagd auf den Staub in meiner Wohnung und wischte einmal in der Woche den Fußboden. Ins Büro ging ich – wenn ich gerade eine Stelle hatte – bewaffnet mit meinen Reinigungsstüchern, die ich gleich kartonweise bestellte. Ich säuberte alles, was in meiner Reichweite war, und machte mir Check-Listen: die Farbspuren aus dem Stiftebecher entfernen, Schubladen aufräumen, das Heftgerät nach jedem Gebrauch auf seinen Füllstand überprüfen, abends den Stecker des Kopierers ziehen. Es ist sogar vorgekommen, dass ich an einem Abend, als ich mit meiner Arbeit zu früh fertig war, die Fenster geputzt habe. Diese Initiative fand wenig Beifall bei der Direktorin der Zeitarbeitsfirma, die mich unfreundlich darauf hinwies, dass ich mich, wenn ich in ihrer Kartei bleiben wolle, an die in meinem Vertrag genannten Sekretariatsaufgaben halten solle. Fensterputzer und Raumpflegerinnen stünden der Agentur überreichlich zur Verfügung.
Diese Firma lieferte mir zwei Drittel meiner Jobs, also murmelte ich eine lahme Entschuldi-gung und beschränkte meinen Säuberungseifer auf den rein privaten Bereich.
Doch an diesem Abend, ausgerechnet an diesem Abend, war der Alkohol stärker gewesen als meine Prinzipien. Mit weichen Knien und glasigem Blick hatte ich, kaum dass ich die Türschwelle hinter mich gebracht hatte, nur noch einen Gedanken: schlafen.
Und warum auch nicht, hatte ich gedacht – niemand konnte mich sehen, geschweige denn küssen oder sich neben mich legen. Kurzum, ich konnte mich vor niemandem blamieren. Das war wirklich der einzige Vorteil des Lebens, das ich führte. Und dieses eine Mal …
Ich hatte meine Handtasche neben das Sofa gestellt, mich fallen lassen, ohne auch nur die Schuhe auszuziehen, und war sofort eingeschlafen.
Ich stürzte ans Fenster. Unten vor dem Haus hatte sich im fahlen Licht der Morgendämme-rung eine Menschenmenge versammelt. Die Leute sahen erschrocken aus, aufgeregt zeigten sie auf die Fassade. Mein Herz schwoll an, in ihm ballten sich Bilder, Geräusche, Gerüche, Worte, Schmerzen. Beißender Rauch, meine rebellierende Lunge, Tod durch Ersticken.
Hatte ich diesen Brand womöglich gewollt? Hatte ich ihn in meinem tiefsten Innern, da, wo das Unbewusste kauert, womöglich erhofft? Hatte ich ihn womöglich gelegt? Nein, das konnte kein Zufall sein. Das war statistisch gesehen nicht möglich.
Und dennoch.
Da bist du, Millie. Vor der Wand. Also triff jetzt deine Entscheidung.
Der Rauch schien aus der Etage unter mir zu kommen. Wahrscheinlich hatte dieser alte Bär Kanarek seinen Borschtsch auf dem Gasherd vergessen. Er wurde allmählich senil. In letzter Zeit hatte ich ihn mehr als ein Mal vor dem Eingangstor angetroffen, wo er den Passanten lange Reden hielt und feurig Passagen seines Lieblingsautors deklamierte, den er pompös als »den großen Dostojewski« bezeichnete. Wütend kaute er einen Wortbrei heraus, in dem Begriffe wie »die Armen«, »Verachtung«, »enttäuschte Liebe«, »üble Geschäfte« und »verratene Freundschaft« auftauchten. Die Nachbarn und die Geschäftsleute aus dem Viertel hielten ihn für verrückt und gingen ihm aus dem Weg. Man munkelte, es sei nicht auszuschließen, dass er sich eines schönen Morgens ein Schlachtermesser beschaffen und ein Blutbad anrichten werde. Oder im Haus ein Feuer legte.
Der arme Kanarek. Sollte er mit dem Leben davonkommen, würde er einen schönen Sündenbock abgeben. Und sollte ich davonkommen – doch warum sollte ich davonkommen? –, würde meine Meinung gegenüber der Eigentümergemeinschaft, die stets geschlossen auftrat, nicht ins Gewicht fallen.
Ich warf einen Blick nach unten in die Menge und versuchte, mich zur Ruhe zu zwingen, die Lage einzuschätzen. Nur nicht der Panik nachgeben.
Das ist ein Zufall, Millie, mehr nicht, es hat dich erwischt, Kanarek ist ein armer Teufel, den du dir nicht als Nachbarn ausgesucht hast. Der ist jetzt auch nicht gerade zu beneiden. Also, verlier nicht noch mehr Zeit, denk nach, schnell, was nimmt man mit, wenn man vor den Flammen flieht, was zählt, woran hängt man so sehr, dass man sich unter keinen Umständen davon trennen möchte? Diese Frage hat sich doch jeder schon mal gestellt! Jeder weiß, was ihm unentbehrlich ist!
Folglich sogar du!
Für manchen sind es Erinnerungsstücke, Fotoalben, Briefe in einem Schuhkarton, ein Urlaubssouvenir, ein Cello, das seit der Kindheit in einem Schrank steht. Für andere sind es die Familienbücher und Heiratsurkunden, die Unterlagen der Rentenkasse oder aber Wertge-genstände, Schmuck, Gemälde, Uhren – alles, was ein Leben ausmacht, definiert, einrahmt, alles, was ein Garant für die Zukunft ist. Also was, Millie? Was?
Ich besaß nichts von alledem. Meine Verwaltungspapiere beschränkten sich auf die Post vom Arbeitsamt und eine Handvoll Zeitarbeitsverträge. Meine Erinnerungsstücke aus den letzten zehn Jahren auf drei oder vier Postkarten meiner Eltern, auf deren Rückseite jedes Mal »freundliche Küsschen« standen, eine Formulierung, die einiges aussagte über ihre Art, mich zu lieben.
Ich besaß keinen einzigen Wertgegenstand, und alles in diesem Apartment gehörte dem jungen Ethnologen, der es mir einige Monate zuvor völlig unrechtmäßig untervermietet hatte, bevor er zu einer dreijährigen Forschungsreise nach Südkorea aufgebrochen war. Mein kost-barstes Gut hatte ich an den Füßen, ein Paar Schuhe, die ich am letzten Wochenende zu einem horrenden Preis gekauft hatte, nicht weil sie besonders schön oder bequem gewesen wären, sondern weil ich, wieder einmal, zu einem hartnäckigen Verkäufer nicht hatte Nein sagen können.
Der Rauch wurde dichter. Warum musste das Feuer ausgerechnet in der Nacht ausbrechen, in der ich zum ersten Mal in meinem Leben betrunken war? Weil ich auch am Abend zuvor nicht hatte Nein sagen können. Es war mein letzter Tag in dem Unternehmen gewesen, ein besonders langweiliger, an dem ich nur Kaffee serviert und Post verteilt hatte – da bekannt war, dass ich gehen würde, hatte man mir seit Anfang der Woche, obwohl ich zwei Monate lang pflichtbewusst und gut gearbeitet hatte, keine verantwortungsvolle Tätigkeit mehr übertragen.
Ich hatte mich gegen neunzehn Uhr verdrückt und vorher noch die schlaffe Hand der Personaldirektorin geschüttelt, die mir zu meiner guten Arbeit gratuliert, mich dabei aber bei einem falschen Vornamen genannt hatte. Vor dem Aufzug stand eine Gruppe junger kaufmänni-scher Angestellter, die am Abend zusammen ausgehen wollten. Einer von ihnen schlug mir plötzlich vor mitzukommen. Wir kannten uns kaum und hatten nichts gemeinsam. Diese Leute schienen vor Energie, Plänen und Zukunftsaussichten geradewegs zu platzen, sie trugen schicke Kleidung, benutzten dauernd Wörter wie »wahnsinnig« und »außerordentlich« und besaßen alle das gleiche Smartphone – ein Modell, das meinen halben Monatslohn gekostet hätte.
Ich war nur eine vorübergehend anwesende Vertretungskraft, trug Kleider aus dem Schlussverkauf und besaß ein wenig aussagekräftiges Diplom, von dem sie nicht einmal wussten, dass ich es gemacht hatte. Ich verstand nicht viel von Hightech und all diesen Erfindungen, die anscheinend das Kommunikationszeitalter beschleunigt haben – ich kommunizierte ja auch nicht viel.
Kurzum, jeder andere an meiner Stelle hätte diese unsinnige Einladung abgelehnt, doch ich, ohne recht zu wissen warum, antwortete: Warum nicht? Viel später, nachdem ich den ganzen Abend lang astronomische Mengen von Bier und Mojitos getrunken hatte, um mir Haltung zu geben, begriff ich, dass es sich um ein Missverständnis handelte. Die Einladung vor dem Aufzug war nicht an mich gerichtet gewesen, sondern an die Leiterin der Rechtsabteilung, die hinter mir wartete. Ich hatte so prompt geantwortet, dass es niemand über sich brachte, den Irrtum zu berichtigen.
Wenn ich mich an diesem Abend auf das Geplante (nach Hause gehen, vor dem Fernseher einen Teller Spaghetti essen, gegen zweiundzwanzig Uhr zu Bett gehen und eine dieser Tabletten schlucken, die einen todsicher einschläfern) beschränkt hätte, hätte ich an diesem Morgen die richtigen Reflexe gehabt; mit erholtem Körper und wachem Geist hätte ich mich an das erinnert, was immer wieder in den Zeitungen steht – und was ich so oft gelesen hatte –, an die Vorsichtsmaßnahmen, das zweckmäßige Verhalten bei einem Brand, die Türritzen mit nassen Betttüchern abdichten, sich auf den Boden legen, um besser Luft zu bekommen, während man auf die Rettungskräfte wartet, vor allem nicht versuchen, um jeden Preis vor dem Feuer zu fliehen.
Wenn ich mir abends zuvor nicht wie eine Halbstarke die Kante gegeben hätte, hätte ich die Sirenen der Feuerwehr durch die Stadt gellen hören und gewusst, dass bald heldenhafte behelmte und gestiefelte Männer eine riesige Leiter ausfahren würden, um mich unter den Hochrufen der Schaulustigen vorsichtig aus dem Fenster zu heben und an einen sicheren Ort bringen. Ich hätte der in mir aufsteigenden Panik Widerstand geleistet, ich hätte mich zur Ordnung gerufen, schließlich war das Schicksal nichts weiter als eine Rechtfertigung für Feigheit, pessimistische Neigungen und Willensschwäche.
Mit ein wenig Glück hätten die behelmten Helden das Feuer gestoppt, bevor es meine Wohnung hätte zerstören können.
Mir wäre dann nichts Schlimmeres zugestoßen, als ein paar Stunden alles zu säubern und zu waschen, und dann wäre ich, kaum aus der Ruhe gebracht, meinen Weg weitergegangen, einen schnurgeraden Weg ohne Verheißungen und Kämpfe, auf dem jedes neue Jahr genauso aussah wie das vergangene.
Stattdessen stürzte ich kopflos zur Eingangstür. Eine mächtige schwarze Masse ließ mich sofort wieder ins Wohnungsinnere zurückprallen, eine glühende, erstickende Wolke, die mich mit Haut und Haaren zu verschlingen drohte, Luft und Boden bis zum Kochen erhitzte und mir in die Lunge schnitt. Ich begriff, dass es keine Chance mehr gab, aus diesem Zimmer hinauszukommen, und alles, was ich seit mehr als elf Jahren sorgsam in mir vergraben hatte, brach in einer wilden Aufwallung hervor.
Ich näherte mich dem Fenster und hielt dabei den Atem an, um der fliegenden Glut, die mich bereits von innen verzehrte, nicht weitere Nahrung zu bieten. Dann kletterte ich schreiend über die Fensterbrüstung.
Und damit änderte sich alles in meinem Leben.

 


Monsieur Mike


Ich hätte es kommen sehen müssen. Er strich schon eine ganze Weile um mich herum wie eine Bulldogge um eine Kalbsleber, halb aggressiv, halb rechthaberisch, und bedachte mich mit schiefen Seitenblicken. Monsieur fand es gar nicht gut, dass ich mich da auf seinen Stu-fen niedergelassen hatte, auf seinen Stufen, also seinem Platz. Offenbar wusste alle Welt, dass das hier sein Territorium war. Doch da dieser Wicht sich nicht traute, Streit mit einem alten Söldner zu suchen, hatte er sich in den benachbarten Torweg zurückgezogen, der, zugegeben, weniger einladend war, aber durchaus kein schlechter Platz, um das Rausfahren der Müllcontainer abzupassen. Ich hatte keine langen Erklärungen abgeben müssen: Am ersten Tag hatte er sich vor mir aufgebaut und mit seiner Kastratenstimme rumgemeckert – ich saß auf den Stufen, deshalb hatte er die zwanzig Zentimeter und dreißig Kilo, die unaufholbar zwischen uns lagen, noch nicht bemerkt. Ich hab mich dann in aller Ruhe auseinandergefaltet, ihn beim Hemdkragen gepackt, diesen Hänfling, dieses Spinnenbein, diesen schmierigen Kobold, und ihm einfach nur gesagt, Hör gut zu, mein Junge, ab heute ist das hier mein Platz und basta.
Er schien es zu akzeptieren. Als Zeichen meines guten Willens hab ich ihm sogar was von meinem Schnaps angeboten, und er hat nicht Nein gesagt, der Wicht. Für mich war die Sache also abgehakt.
Ich will nicht unbedingt behaupten, dass seither große Liebe zwischen uns herrschte, aber jeder ging seiner Wege, lebte an seinem Platz, und schließlich gewöhnten wir uns daran, wir hielten sogar manchmal ein Schwätzchen. Oder vielmehr ich hielt es, denn er war nicht gerade groß darin, sich irgendwie auszudrücken, es fehlte ihm an sprachlicher Munition, weil er sich offenbar nicht allzu lange in der Schule aufgehalten hatte. Jedenfalls servierte er das als offizielle Begründung. In Wahrheit lag es wohl daran, dass man sein Hirn mal gründlich hätte ausräumen und reinigen müssen, um all die Schäden zu beseitigen, die er sich täglich zu-fügte, indem er in irgendwelchen unbelebten Treppenhäusern sein Zeug konsumierte, immer rein mit der Nadel, er spritzte es sich überall, sogar in den Schwanz oder unter die Zunge, wenn er keine heile Vene mehr fand. Und jedes Mal fraß es ihm ein paar Gehirnzellen weg, er wurde immer wirrer, ganz abgesehen davon, dass er nach und nach die Zähne verlor. Versuchen Sie mal was zu artikulieren, wenn Sie nur noch ein halbes Dutzend Zahnstümpfe im Mund haben.
Ich hab auch keine höhere Bildung, ich hab pünktlich an meinem sechzehnten Geburtstag die Schule verlassen, aber trotzdem hab ich, wann immer ich konnte, Zeitung gelesen, Bücher verschlungen und Radio gehört, denn das weiß ich schon lange: Unwissenheit ist gefährlicher als eine entsicherte Granate.
Wir führten also unser hübsches ruhiges Leben, soweit man das so sagen kann, denn das Leben auf der Straße hat schon ein paar Nachteile, schlechtes Wetter zum Beispiel oder die Rückenschmerzen, weil man den ganzen Tag über dreißig oder vierzig Zentimeter über Bo-denniveau hockt oder aber rumsteht und von einem Fuß auf den anderen tritt, aber insgesamt gab es keinen Grund zur Klage, die Verpflegung war sogar besser als bei der Armee und sehr vielfältig – Joghurt, Käse, Schinken, Gemüse und alle möglichen anderen Lebens-mittel, die jeden Abend originalverpackt weggeschmissen wurden – dem Mindesthaltbarkeitsdatum sei Dank!
Die Müllcontainer wurden abends um sieben aus dem kleinen Supermarkt herausgeschafft. Bereits um halb sieben begann es aus allen Richtungen zu strömen. Rumänen, Rentner, junge Leute mit ihren Kötern, arme Leute und Mütter, die was für ihre Kinder brauchten. Der Gnom drückte sich an die Tür, damit er nur ja als Erster zugreifen konnte. Die Männer hatten die Hände in den Hosentaschen und verteilten sich entlang dem Bürgersteig. Die Frauen sammelten sich zu kleinen Grüppchen, sie nutzten die Gelegenheit, um Neuigkeiten und Wangenküsschen auszutauschen, behielten aber immer ein Auge auf die Schwingtüren. Sobald die Container heranrollten, war die Freundschaft dahin, es gab ein einziges Schubsen, Stöbern, Grabschen und Abwehren mit Fingernägeln und Ellbogen, um die appetitlichsten Sachen zu erwischen. Ich hingegen wartete ab. Die Stammgäste brachten mir nämlich immer einen Teil ihrer Beute. »Hier, Monsieur Mike, nehmen Sie das, Monsieur Mike.« Und alles erste Wahl. Das ist der Vorteil, wenn man einen Meter neunzig groß ist und so athletisch wie Rocky Balboa, das bringt einem Respekt ein, aber wohlgemerkt, die Natur hat nicht viel damit zu tun, allenfalls, was die Größe angeht, denn für alles Übrige hab ich Gewichte gestemmt, sechzig Mal hintereinander Liegestütze oder Klimmzüge gemacht und Gewalt-märsche bei achtunddreißig Grad im Schatten absolviert, an den Füßen Schnürstiefel, deren Sohlen sich ablösten, und auf den Schultern fünfzehn Kilo Gepäck – so wird man Boss, und nicht mit Krabbenpulen.
Natürlich hatte mein Aussehen in den letzten acht Monaten gelitten. Die Bierchen hatten meine Bauchmuskeln weggeschwemmt, und mein Rücken fing an, mich gelegentlich im Stich zu lassen. Doch auch wenn der Kapitän mit den Schiffbrüchigen untergeht, bleibt er doch der Kapitän. Und rings um mich gab es so viele Havarierte, alles ging den Bach runter. Der Bretone zum Beispiel, der nach dem Sommer so munter hier ankam, den hätte seine Mutter schon Weihnachten nicht mehr erkannt. Der Künstler, der Kreidebilder aufs Pflaster malte, ein Sensibelchen – in zwei Monaten von einer bösen Grippe zur Strecke gebracht. Le Moko, der Algerienveteran mit seinem abgewetzten grünen Lodenmantel und der karierten Schirmmütze, er kam kerzengerade und mit aufs Haar genau rasierten Koteletten hier an: nach einem Rausch zu viel umgefallen, vom Krankenwagen abgeholt und nie wieder aufge-taucht. Ich schlug mich also ganz wacker. Das Schwerste war, das Denken zu verhindern. Grübeln zerfetzt einen nämlich gründlicher als jede Panzermine. Deshalb redete ich auch die ganze Zeit. Mit Passanten, dem Gnom, den Wachleuten des Supermarkts, den Streetworkern und mit den Bewohnern des Hochhauses. Die mochten mich nicht besonders, sie gingen immer hastig rein und machten die Tür hinter sich zu, um mich möglichst schnell zu vergessen. Wahrscheinlich redeten sie dann leise und verlegen über mich, wenn sie sich im Flur begegneten: »Ist der immer noch da?« – »Man will ja sozial sein und versucht, für alles Verständnis zu haben, aber dieser Geruch, der Schmutz und besonders der Alkohol, wir müssen auch an unsere Kinder denken, er ist ein schlechtes Beispiel mit all den Bierflaschen, wenn er wenigstens nicht trinken würde oder zumindest den Mund halten würde, aber nein, er muss unser Kommen und Gehen ständig kommentieren. Als hätte er noch nie etwas von Privateigentum gehört. Es gibt schließlich Heime für solche Leute! Unser Hauseingang ist einfach zu gemütlich, das ist das ganze Problem!«
Sie überlegten, wie sie mich loswerden könnten, suchten mit einem Architekten nach Lö-sungen, zeichneten mit Kreide Pläne an die Wand und murmelten kopfschüttelnd – ganz so, als hätte ich sie nicht hören können, dabei saß ich in weniger als einem Meter Entfernung auf meinem Hintern –, was das alles kosten würde und seit wann man denn dafür bezahlen müsse, zu Hause in Ruhe gelassen zu werden, das sei ja nun wirklich der Gipfel!
Und dann gab es immer einen, der warnte: Vorsicht, ob wir nun umbauen oder nicht, wenn wir uns den vom Halse schaffen, kommt der andere wieder zurück.
Daraufhin ließen sie ihre Pläne für einige Zeit fallen, weil ihnen der Gnom mit seinem Psy-chopathenblick und den krummen Beinen viel mehr Angst einjagte als ich. Zu Recht. Auch ich hätte mehr auf der Hut sein und die Gefahr besser einschätzen sollen. Ich fühlte mich viel zu sicher. Natürlich wusste ich, dass ihm nicht zu trauen war, aber wem in seinem Zustand hätte man schon trauen können? Ich hab gedacht, zwischen uns wär alles geregelt: Ich war stärker, ich bekam den besseren Platz, das war alles nur logisch und machte Sinn, und weiter wollte ich nicht denken.
Nur hatte Monsieur eben besondere Ansprüche. Und konnte sich nicht abfinden. Die Missgunst nagte an ihm.
Was konnte ich dafür, dass die Leute mir einen Schein zusteckten, einen Kaffee holten oder die Zeitung hinlegten? Ich hatte mir sogar einmal die Mühe gemacht, es ihm zu erklären: Nicht die gemütlichen Stufen bringen den Gewinn, sondern die Eloquenz, das Aussehen, kümmer dich mal drum, statt hier wie ein nasser Sack rumzuhängen, lächel die Leute an, zieh eine Show ab, tu was für die Knete, verdammt noch mal!
Doch der Gnom versank in Bitterkeit, und ich rechnete mit nichts Bösem.
An jenem Morgen brachte er mir ein Sixpack Starkbier mit, eine derartige Großzügigkeit hätte nun wirklich mein Misstrauen wecken müssen, aber nein, ich Esel nahm es an und dachte mir nichts dabei, ich freute mich sogar darüber, weil die Temperaturen gesunken waren, man musste sich also aufwärmen, und außerdem hatte ich schlecht geschlafen. Ich war mitten in der Nacht aus meinem Keller geworfen worden, weil einer der Wohnungsbesitzer herunter-gekommen war, um eine rausgesprungene Sicherung wieder reinzudrücken. Was konnte es diesem Blödmann schon ausmachen, dass ich in diesem fensterlosen Rattenloch pennte, nahm ich ihm etwa sein Bett weg? Es lag direkt neben dem Heizkessel, ich war niemandem im Weg, ich war nicht mal zu sehen, aber ich war zu weit gegangen, dieser Typ drohte damit, die Bullen zu holen. Mit dem Resultat, dass ich, um die Zeit irgendwie totzuschlagen, zwei Stunden durch die Eiseskälte latschte, mit Krämpfen in den Beinen, klopfenden Schläfen und brennender Kehle. Ich hab natürlich schon Schlimmeres erlebt, aber auf der Straße altert man wie ein Hund, acht Monate sind wie fünf Jahre, wie fünf Jahre Kampf.
Und da hab ich einen Fehler gemacht. Ich hab mich dem Gnom anvertraut, ich hab ihm gesagt, dass ich völlig fertig und alle war, und er hat den Mitleidigen gespielt, Ach, armer Monsieur Mike, heute ist wirklich nicht dein Tag, du brauchst was zur Aufmunterung, und ich bin wie ein junger Rekrut drauf reingefallen und hab keine Sekunde lang an einen strategischen Trick gedacht.
Na, was soll ich sagen, noch bevor der Supermarkt aufmachte, hatte ich das Sixpack schon intus. In meinem Kopf drehte sich ein Karussell, Kompanien in Khaki, Hubschrauber-Rotoren, die schrille Stimme von Madame Mike, die grinste wie eine eingebildete Nutte, es ging alles durcheinander, der Staub Afrikas und die Büffelleder-Garnitur aus dem Möbelhaus, kaputte Knie, Geißblattduft und eiskalte Hände.
Die Streetworker kamen vorbei, sie machten sich Sorgen. Nicht so in Form, Monsieur Mike? Ein kleiner Durchhänger? Können wir was für Sie tun? Der Gnom antwortete an meiner Stelle, Aber nicht doch, der ist in Hochform, der tut nur so, der da ist immer an Deck, das wissen Sie doch, und ich konnte nichts sagen, ich legte mir die Hände vors Gesicht, weil mir von all den Gedanken das Wasser in die Augen stieg, und das hätte ich um keinen Preis gezeigt, da wär ich lieber krepiert.

Über Valérie Tong Cuong

Biografie

Valérie Tong Cuong ist eine preisgekrönte französische Schriftstellerin, die mit einem Vietnamesen verheiratet ist. Sie arbeitete acht Jahre in der Kommunikationsbranche, bevor sie sich entschloss, ihr Leben dem Schreiben und der Musik zu widmen. In Frankreich erschienen von ihr sieben Romane und...

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Stern

»Valérie Tong Cuongs Roman ist ein wunderbares Märchen über die heilende Kraft des Miteinanders.«

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