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Das andere Ende der Leine

Das andere Ende der Leine

Was unseren Umgang mit Hunden bestimmt

Taschenbuch
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Das andere Ende der Leine — Inhalt

Dies ist eigentlich kein Buch über Hundeerziehung, sondern eines über Menschenerziehung: Intelligent, wissenschaftlich, humorvoll und manchmal einfach verblüffend erklärt Patricia B. McConnell, Professorin für Zoologie und zertifizierte Tierverhaltenstherapeutin, welche typischen Missverständnisse zwischen dem »Affen« Mensch und dem »Wolf« Hund einer ungetrübten Beziehung oft im Wege stehen. Menschen wie Affen umarmen gerne, was sie lieben – für Hunde ist das eine glatte Beleidigung. Zahlreiche Aha-Erlebnisse und vergnügtes Schmunzeln sind beim Lesen garantiert!

Erschienen am 01.05.2009
Übersetzer: Gisela Rau
368 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-25325-3

Leseprobe zu »Das andere Ende der Leine«

Einleitung

 

 

Es war dämmrig und deshalb schwer, genau zu sagen, was diese beiden dunklen Flecken auf der Straße waren. Ich steuerte zufrieden mit siebzig Meilen pro Stunde zwischen einem Kombi und einem Lieferwagen über den Highway, auf dem Nachhauseweg von einer Hütehundprüfung.

Aber als die schwarzen Formen näher kamen, änderte sich meine heitere Laune schlagartig. Es waren Hunde. Lebendige Hunde, wenigstens im Moment noch. Wie einem Walt-Disney-Film entsprungen, trotteten ein Golden Retriever und ein erwachsener Cattle-Dog-Mischling den Highway auf [...]

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Einleitung

 

 

Es war dämmrig und deshalb schwer, genau zu sagen, was diese beiden dunklen Flecken auf der Straße waren. Ich steuerte zufrieden mit siebzig Meilen pro Stunde zwischen einem Kombi und einem Lieferwagen über den Highway, auf dem Nachhauseweg von einer Hütehundprüfung.

Aber als die schwarzen Formen näher kamen, änderte sich meine heitere Laune schlagartig. Es waren Hunde. Lebendige Hunde, wenigstens im Moment noch. Wie einem Walt-Disney-Film entsprungen, trotteten ein Golden Retriever und ein erwachsener Cattle-Dog-Mischling den Highway auf und ab, ohne jegliches Gefahrenbewusstsein. Vor Jahren hatte ich mitansehen müssen, wie ein Hund frontal von einem Auto erfasst worden war, und ich würde viel darum geben, dieses Bild aus meinem Gedächtnis verbannen zu können. Es schien unausweichlich wieder so zu kommen.

 

Ich fuhr an den Rand und hielt hinter einem Lastwagen. Freunde aus der Prüfung, die vor mir fuhren, hatten die Hunde auch gesehen. Wir tauschten einen erschreckten Blick und rannten auf dem Seitenstreifen gegen den Strom des fließenden Verkehrs zurück in Richtung der Hunde. Die Hunde überquerten die Fahrspuren wie einen reißenden Fluss. Sie sahen freundlich aus, an Menschen gewöhnt, vielleicht waren sie glücklich, etwas mit Beinen anstelle von Reifen zu sehen. Der Verkehr auf allen vier Spuren war schnell. Die Sicht war schlecht. Der Verkehrslärm war ohrenbetäubend; keine Chance, dass die Hunde uns hören und wir zu ihnen sprechen konnten. Genau im falschen Augenblick begannen die Hunde, quer über die Straße in unsere Richtung zu trotten. Wir wedelten mit den Armen wie Verkehrspolizisten und beugten uns nach vorn, um sie zu stoppen. Sie stoppten, eine Sekunde bevor ein Bierlastwagen sie erfasst hätte. Einen Moment lang standen wir da wie angefroren. Die Verantwortung, genau das Richtige tun und durch unser Eingreifen zwischen Leben und sicherem Tod entscheiden zu müssen, wog auf uns wie eine Zentnerlast.

Wir »riefen« ihnen durch eine Lücke im fließenden Verkehr zu, sie sollten kommen, indem wir uns wie zur Spielaufforderung hinabbeugten und unsere Körper dann wegdrehten. Dann wieder drehten wir uns um und stoppten sie wie Verkehrspolizisten, wenn die Autos der nächsten Spur über den Hügel rasten – so schnell, dass ich sicher war, die Hunde würden überfahren. Dieser stille Tanz von Leben und Tod setzte sich fort, unsere Körper bewegten sich vor und zurück als einzige Möglichkeit der Verständigung durch den Lärm der Motoren. Es schien alles in Lichtgeschwindigkeit abzulaufen, die Hunde, die sich, der Gefahr nicht bewusst, auf uns zubewegten, dann wieder stoppten, dann wieder nachkamen, wenn wir selbst unsere Körper bewegten, um sie durch den Verkehr zu lotsen.

Das reichte zusammen mit einem bisschen Glück aus. Nur mit einer Vorwärtsbewegung und Herausschleudern unserer Arme nach vorn konnten wir sie stoppen, und nur mit Rückwärtsgehen und Wegdrehen konnten wir sie dazu bringen, uns zu folgen. Keine Leinen, keine Halsbänder, keine Kontrollmöglichkeit außer unserer Körpersprache, die ihnen mit der Drehung des Oberkörpers »Stopp« oder »Kommt« sagte. Ich verstehe heute immer noch nicht, wie sie es schafften. Aber sie schafften es. Ich werde ewig dafür dankbar sein, dass Hunde auf die richtigen visuellen Signale reagieren.

 

Alle Hunde sind brillant darin, die kleinsten unserer Bewegungen wahrzunehmen, und sie nehmen an, dass jede dieser feinen Bewegungen eine Bedeutung hat. Das tun wir Menschen auch, wenn Sie einmal darüber nachdenken. Denken Sie an diese winzige Drehung des Kopfes, die Ihre Aufmerksamkeit erregte, als Sie sich mit jemand verabredet hatten? Überlegen Sie, wie wenig sich jemandes Lippen bewegen müssen, damit ein Lächeln zu einem hämischen Grinsen wird. Wie weit muss sich eine Augenbraue bewegen, damit sich die Botschaft ändert, die wir von diesem Gesicht lesen – zwei Millimeter?

Vielleicht meinen Sie, dass wir dieses Allgemeinwissen automatisch auch in unserem Umgang mit Hunden anwenden. Tun wir aber nicht. Oft sind wir uns gar nicht bewusst, wie wir uns in der Nähe unserer Hunde bewegen. Es scheint eine sehr menschliche Eigenschaft zu sein, dass wir nicht wissen, was wir mit unserem Körper machen, und uns nicht bewusst sind, wo unsere Hände sind oder dass unser Kopf sich gerade gedreht hat. Wir senden zufällige Signale aus wie eine verrückt gewordene Verkehrsampel, während unsere Hunde verwirrt zusehen und ihre Augen wie in einem Comicstrip verdrehen.

Diese visuellen Signale haben genau wie unsere übrigen Handlungen einen tief greifenden Einfluss darauf, was unsere Hunde tun. Wer Hunde sind und wie sie sich verhalten, wird zum Teil davon bestimmt, wer wir Menschen sind und wie wir uns verhalten. Haushunde teilen ihr Leben definitionsgemäß mit einer anderen Spezies: mit uns. Deshalb ist dies ein Buch für Hundefreunde, aber nicht nur ein Buch über Hunde. Es ist auch ein Buch über Menschen. Es ist ein Buch darüber, worin wir unseren Hunden ähneln und worin wir uns voneinander unterscheiden.

Unsere Spezies hat so viel mit Hunden gemeinsam. Wenn Sie das breite Spektrum allen tierischen Lebens von Käfern bis hin zu Bären betrachten, haben Hunde und Menschen mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Genau wie Hunde produzieren wir Milch für unsere Jungen und ziehen sie in einer Sippe auf. Unsere Babys müssen beim Großwerden viel lernen; wir jagen im Team; wir spielen selbst als Erwachsene noch alberne Spiele; wir schnarchen; wir kratzen und strecken uns und gähnen an sonnigen Nachmittagen. Schauen Sie einmal, was die neuseeländische Autorin Pam Brown in Bond for Life (Ein Bund fürs Leben) über Menschen und Hunde zu sagen hatte:

 

Die Menschheit fühlt sich zu Hunden hingezogen, weil sie uns so sehr ähneln – sie sind angeberisch, zärtlich, verwirrt, leicht zu enttäuschen, auf Vergnügen aus, dankbar für Freundlichkeit und die kleinste Aufmerksamkeit.

 

Diese Ähnlichkeiten ermöglichen es den Mitgliedern zweier verschiedener Spezies, eng zusammenzuleben, Nahrung und Erholung zu teilen und sogar die Jungen gemeinsam großzuziehen. Das Leben vieler Tiere ist eng mit dem anderer verbunden, aber unsere Verbindung zu Hunden ist wirklich tief. Die meisten von uns gehen mit ihren Hunden spazieren, spielen mit ihren Hunden, essen zur gleichen Zeit wie ihre Hunde (manchmal sogar das gleiche Essen) und schlafen mit ihren Hunden. Manche von uns brauchen Hunde immer noch bei ihrer täglichen Arbeit. Schafhalter in Wyoming oder Milchviehfarmer in Wisconsin brauchen ihre Hunde genauso oder noch mehr als Maschinen und Hightech-Fütterungssysteme. Wir wissen, dass Hunde das Leben vieler Menschen bereichern, Millionen auf der ganzen Welt Freude bereiten und Trost sind. Studien zeigen sogar, dass sie das Risiko eines zweiten Herzinfarktes senken. Wir plagen uns nicht umsonst mit Fellwechsel, Bellen und dem Wegräumen von Hundekot auf unseren Spaziergängen.

Und schauen Sie einmal, was wir für Hunde getan haben. Canis lupus familiaris, der Haushund, ist heute eines der erfolgreichsten Säugetiere der Welt, weil er seine Flagge neben der unseren gehisst hat. Schätzungsweise gibt es etwa vierhundert Millionen Hunde auf der Welt. Viele amerikanische Hunde ernähren sich von Bio-Kost, gehen zu Hunde-Chiropraktikern und Hunde-Tagesstätten und zerkauen jedes Jahr Millionen Dollar in Form von Spielzeugen. Das nenne ich doch eine erfolgreiche Spezies.

Aber wir haben auch unsere Unterschiede. Wir Menschen wälzen uns nicht genüsslich in Kuhfladen. Auch essen wir, zumindest größtenteils, nicht die Plazenta unserer Neugeborenen auf. Gott sei Dank begrüßen wir einander nicht, indem wir uns an den Hinterteilen beschnüffeln. Während Hunde in einer Welt von Gerüchen leben, sind wir chemische Analphabeten. Zum Teil sind diese Unterschiede schuld, dass Hunde und Menschen sich so oft missverstehen. Die Auswirkungen dieser Missverständnisse reichen von leichter Irritation bis zur Lebensbedrohung. Manche sind darin begründet, dass die Besitzer nichts von Hundeverhalten und davon, wie Tiere lernen, verstehen. Ich ermuntere alle Hundebesitzer, viele gute Bücher über Hundeerziehung zu lesen. Hundeerziehung, so stellt sich heraus, hat doch nicht so viel mit Intuition zu tun, und je mehr sie lernen, desto leichter und vergnüglicher wird es.

 

Manche Missverständnisse in der Kommunikation haben aber nicht nur mit mangelndem Wissen über die Hundeerziehung zu tun, sondern mit den grundlegenden Unterschieden zwischen zwei Spezies. Schließlich sind Hunde nicht die einzigen Tiere in dieser Beziehung. Wir Menschen am anderen Ende der Leine sind auch Tiere, mit unserem eigenen biologischen Verhaltensgepäck, das sich auf unserer Reise durch die Evolution angesammelt hat. Weder wir noch die Hunde beginnen die Hundeerziehung als unbeschriebene Blätter. Hunde und Hundefreunde wurden beide von verschiedenen evolutionären Hintergründen geprägt, und was jeder von beiden in die Beziehung mitbringt, beginnt mit dem Erbe unserer Naturgeschichte. Auch wenn unsere Gemeinsamkeiten eine bemerkenswerte Verbindung zwischen uns schaffen, so sprechen wir doch jeder unsere eigene »Muttersprache«, und viel geht bei der Übersetzung verloren.

 

Hunde sind Kaniden, die taxonomische Familie, zu der auch Wölfe, Füchse und Kojoten gehören. Genetisch gesehen sind Hunde schlicht und einfach Wölfe. Wölfe und Hunde haben so viele Gemeinsamkeiten in der DNA, dass es fast unmöglich ist, sie genetisch voneinander zu unterscheiden. Wölfe und Hunde können sich frei miteinander paaren, und ihre Nachkommen sind genauso fruchtbar wie die Eltern. Durch das Studium von Wolfsverhalten lernten wir, was es bedeutet, wenn unsere Hunde die Ohren flachlegen oder unsere Gesichter lecken. Wölfe und Hunde kommunizieren mit ihren Rudelmitgliedern mithilfe der gleichen körperlichen Gesten, die Unterwerfung, Vertrauen oder Bedrohung ausdrücken. Wenn Sie einmal einen Wolf oder einen Hund direkt vor sich stehen hatten, unbeweglich und hoch aufgerichtet, tief knurrend und direkt in Ihre Augen blickend, dann würden Sie richtig folgern, dass beide Ihnen die gleiche Botschaft übermittelt haben. Hunde sind also in einer Hinsicht Wölfe, und man kann viel über Hunde lernen, wenn man einen Wolf und sein Rudel beobachtet.

 

In einer anderen Hinsicht, und zwar einer sehr bedeutenden, sind Hunde überhaupt keine Wölfe. Haushunde sind nicht so scheu wie Wölfe, sie sind weniger aggressiv als Wölfe, sie ziehen nicht umher und sind viel leichter erziehbar. Sicher finden Sie nicht viele Leute, die ihre Schafherden von Wolf/Hund-Hybriden hüten lassen. Glauben Sie mir als Biologin und Schafhalterin, es wäre nichts Nettes. Hunde benehmen sich größtenteils wie jugendliche Wölfe, wie Peter-Pan-Wölfe, die niemals erwachsen werden. In Kapitel 5 werden wir besprechen, wie es dazu gekommen sein könnte. Leider wurden die Ähnlichkeiten zwischen Hund und Wolf während der letzten Jahrzehnte durch volkstümliche Auffassungen von beiden Tieren übermäßig stark vereinfacht. Vielleicht ist es das, was Raymond und Lorna Coppinger in ihrem Buch Hunde dazu veranlasste, die Unterschiede zwischen Wolf und Hund zu betonen. In ihrer Einleitung sagen sie: »Hunde mögen zwar eng mit Wölfen verwandt sein, aber das heißt nicht, dass sie sich wie Wölfe verhalten. Menschen sind eng mit Schimpansen verwandt, aber das macht uns weder zu einer Unterart von Schimpansen noch bedeutet es, dass wir uns wie sie verhalten.«

 

Das erinnert mich an die Redensart, dass man ein Glas entweder als halb voll oder als halb leer betrachten kann. Jede Beobachtung ist korrekt, sie bezeichnet nur eine jeweils andere Perspektive. Meine eigene Meinung ist, dass beide Perspektiven wichtig sind, und so möchte ich argumentieren, dass es wichtig ist, sowohl auf die Gemeinsamkeiten als auch auf die Unterschiede zwischen Hunden und Wölfen zu schauen. Das Gleiche gilt auch für unser eigenes Verhalten. Wir verhalten uns in vielerlei Hinsicht wie Schimpansen, in vielerlei Hinsicht natürlich aber auch nicht.

Jahrelang haben Wissenschaftler es als wertvoll empfunden, menschliches Verhalten dem von Primaten »vergleichend gegenüberzustellen«. In populärwissenschaftlichen Büchern wie Der nackte Affe und Der dritte Schimpanse oder akademischen wie Tools, Language and Cognition in Human Evolution haben Wissenschaftler jahrzehntelang Menschen wie Primaten betrachtet. Dies ist ein Schlüsselthema auf den Gebieten physischer und kultureller Anthropologie, Ethologie und vergleichender Psychologie. Und es ist nicht rein akademisch: Der Stamm der Oubi an der Elfenbeinküste betrachtet Menschen und Schimpansen als die Nachkommen zweier Brüder, also als Vettern. Diese Analogie ist biologisch gesehen überhaupt nicht schlecht, denn wir Menschen teilen mit den Schimpansen 98 Prozent unserer Gene. In einer wunderbaren Ironie stellte sich der Stamm den »hübscheren« Bruder als Vater der Menschheit und den »klügeren« als den der Schimpansen vor.

Wir haben viel zu gewinnen, wenn wir selbst uns als die empfindlichen, verspielten und Dramen liebenden Primaten betrachten, die wir sind. Zwar mögen wir Tiere wie kein zweites sein, mit schlichtweg erstaunlichen intellektuellen Fähigkeiten, aber wir sind trotzdem an viele Gesetze der Natur gebunden. Unsere Art und eng mit uns verwandte Arten wie Schimpansen, Bonobos,3 Gorillas und Paviane haben Neigungen zu bestimmtem Verhalten geerbt. Schimpansen und Bonobos bauen zwar keine Sportstadien, verwenden keine Haftnotizzettel und schreiben keine Bücher über sich selbst, aber trotz aller Unterschiede sind wir uns mehr ähnlich als alles andere. Beispielsweise gibt es bemerkenswerte Ähnlichkeiten zwischen den Gesten und Körperhaltungen von Schimpansen, Bonobos und Menschen – alle drücken Beziehungen zu den ihnen Nahestehenden durch Küsse, Umarmungen und sogar Händchenhalten aus.

 

Ich beabsichtige nicht, unsere einzigartige Stellung als Menschen herabzuwürdigen, indem ich auf unser Primatenerbe hinweise. Wir sind einzigartig, so sehr, dass es angebracht ist, von »Menschen und Tieren« anstatt von »Menschen und anderen Tieren« zu sprechen. Egal, ob Sie glauben, dass dies gottgegeben oder durch natürliche Selektion entstanden ist (oder beides), wir sind so verschieden von allen anderen Tieren, dass wir unsere eigene Kategorie verdienen. Aber so anders wir auch sind, bleiben wir trotzdem mit anderen Tieren in wichtigen Dingen verbunden.

Je mehr wir über Biologie lernen, desto mehr entdecken wir, wie nahe wir anderen Arten in Wahrheit stehen. Wir sind so eng mit Schimpansen, Bonobos und Gorillas verwandt, dass einige Taxonomen uns alle in unsere eigene Unterfamilie, die Hominiden, reklassifiziert haben. Schimpansen, Bonobos und Menschen, die am engsten miteinander verwandten Affen, sind intelligente Tiere mit komplexen sozialen Systemen und langen Lern- und Entwicklungsphasen, die viel Aufmerksamkeit vonseiten ihrer Eltern bedürfen und dazu neigen, sich in bestimmten Situationen auf bestimmte Weise zu verhalten, auch wenn uns Menschen das nicht bewusst ist. Zum Beispiel haben alle drei Arten die Neigung, bei Aufregung Äußerungen zu wiederholen, laut zu werden um andere zu beeindrucken, und hinzuschmeißen, was immer wir gerade in Händen halten, wenn wir frustriert sind. Dieses Verhalten hat eine nicht eben kleine Auswirkung auf unsere Interaktion mit Hunden, die von ein wenig Bellen und Knurren abgesehen meist visuell kommunizieren, eher ruhig als laut werden, wenn sie jemanden beeindrucken wollen, und zu beschäftigt damit sind, auf ihren Pfoten zu stehen, um ansonsten viel mit ihnen anzustellen.

Es gibt viele Beispiele dafür, wie dieses Verhaltenserbe zu Schwierigkeiten in unseren Beziehungen zu Hunden führen kann. Beispielsweise lieben wir Menschen es, jemanden zu umarmen. In der Literatur über Primaten heißt das »ventral-ventraler« Kontakt, auch Schimpansen und Bonobos lieben ihn. Sie umarmen ihre Babys, und ihre Babys umarmen sie. Heranwachsende Schimpansen umarmen sich gegenseitig, und erwachsene Schimpansen tun es, wenn sie sich nach einem Streit wieder versöhnen. Gorillamütter und ihre Babys sind besonders gut im Umarmen. Ich werde nie vergessen, wie mir die Biologin Amy Vedder4 von einer Hütte erzählte, die sie betrat und in deren hinterster Ecke ein völlig verängstigtes Gorillababy kauerte. Amy, die jahrelang Gorillas beobachtet hatte, ahmte perfekt den »Rülpston« nach, den Gorillas bei der Begrüßung ausstoßen. Der verängstigte, kranke Junggorilla krabbelte durch den Raum, zog sich an ihre Brust hoch und schlang seine langen Arme um ihren Oberkörper. Genau wie ein verlorenes Kind seine Mutter umarmt, so war es für den Gorilla natürlich, Amy zu umarmen, und für sie war es natürlich, ihn zurück zu umarmen. Der Drang, etwas in den Arm nehmen zu wollen, das wir lieben oder um das wir uns sorgen, ist überwältigend stark. Versuchen Sie einmal einem jungen Mädchen oder jeder beliebigen Vierjährigen zu sagen, sie solle ihren geliebten Hund nicht umarmen. Viel Glück.

 

Aber Hunde umarmen sich nicht. Stellen Sie sich einmal zwei Hunde vor, die auf den Hinterpfoten stehen, sich gegenseitig die Vorderläufe umgeschlungen haben und Wangen und Fang aneinander drücken. Vermutlich haben Sie das draußen noch nicht sehr oft gesehen. Hunde sind genauso gesellig wie wir, echte Gesellschaftstiger, die ohne viel soziale Interaktion kein normales Leben führen können. Aber sie umarmen sich nicht. Sie »betatzen« vielleicht einen anderen Hund mit der Pfote, um ihn zum Spielen aufzufordern oder sie legen einem anderen Hund als Zeichen des sozialen Status eine Pfote über die Schulter, aber sie umarmen sich nicht. Und oft reagieren sie nicht freundlich auf Menschen, die es tun. Ihr eigener Hund mag es vielleicht gutwillig hinnehmen, aber ich habe Hunderte von Hunden gesehen, die knurrten oder bissen, wenn jemand sie umarmte.

 

Der Grund dafür, dass ich all diese knurrenden Hunde gesehen habe, ist, dass ich Tierverhaltenstherapeutin bin und dass ich Menschen bei ernsten Verhaltensproblemen ihrer Haustiere berate.5 Sowohl meine wissenschaftliche Ausbildung als auch meine praktischen Erfahrungen mit Menschen und ihren Hunden haben zu der Ansicht geführt, die ich in diesem Buch vertrete. Für meine Doktorarbeit hatte ich die Laute aufgezeichnet und untersucht, mit denen Menschen aus verschiedensten Kultur- und Sprachkreisen mit ihren Haustieren kommunizieren. In dieser Hinsicht studierte ich unsere eigene Spezies, wie Sie jede andere Tierart studieren würden. Ich machte objektive Tonaufnahmen und Analysen der Laute der Tiertrainer, genauso wie andere Wissenschaftler den Gesang von Vögeln aufzeichnen. Diese Perspektive hat mich zusammen mit umfangreichem Training im präzisen Beobachten und Beschreiben von Verhalten dazu gebracht, unserem eigenen Verhalten genauso viel Aufmerksamkeit zu widmen wie dem unserer Hunde. Meine Vorlesung »Biologie und Philosophie der Mensch-Tier-Beziehungen« an der Universität von Wisconsin-Madison und meine Mitarbeit bei der Tierverhaltens- und Beratungssendung »Calling All Pets« erinnern mich ständig daran, wie wichtig unsere Beziehungen zu anderen Tieren sind, und gleichzeitig, wie oft unsere primatenähnlichen Neigungen uns dabei Probleme bereiten.

 

Genauso wichtig ist, dass mich meine Erfahrungen als Hundetrainerin,6 Züchterin und Ausbilderin von an Schafen arbeitenden Border Collies, als Teilnehmerin an Hütehundwettbewerben und als Hundebesitzern (die unverblümt zugibt, verrückt vor Liebe zu ihren Hunden zu sein) ständig daran erinnern, wie leicht es für uns Menschen ist, unseren Hunden das Falsche mitzuteilen.

Manche der Geschichten in diesem Buch handeln von meinen eigenen vier Hunden und unserem gemeinsamen Leben auf einer kleinen Farm in Wisconsin, andere stammen aus Beratungsgesprächen mit besorgten Hundehaltern. Ich war nicht überrascht, als Hundebesitzer mit ernsteren Problemen, darunter häufig Aggression bei Hunden, mich um Rat zu fragen begannen. Wenn Sie geprüfte Tierverhaltensforscherin sind und sich auf das Thema Aggression spezialisiert haben, sind Sie oft die »letzte Hoffnung«, hören einige ziemlich dramatische Geschichten und sehen einige bereits ziemlich geschädigte Hunde.

 

Ich habe es aufgegeben, die Hunde zu zählen, die grollend, knurrend und ihre Zähne zeigend in mein Büro stürzten. Jahrelang habe ich in einer Umgebung gearbeitet, in der schon der kleinste Fehler zu einer schlimmen Verletzung führen kann. Auch wenn ich niemals behaupten werde, ich hätte mich daran gewöhnt (manchmal frage ich mich, was zum Teufel mich bewegt, auf diese Weise mein Geld zu verdienen), so war ich doch darauf vorbereitet. Wir können nicht mit Tieren zusammenleben, die das Äquivalent von Teppichmessern im Maul haben, ohne gelegentlich Probleme zu bekommen.

 

Und obwohl ich darauf vorbereitet war, mit Hunden zu arbeiten, die wegen ihrer Zähne in Schwierigkeiten geraten waren, so hatte ich doch nicht erwartet, so viel seelisches Leiden zu sehen. Fast jede Woche sehe ich ein oder zwei »Muss-ich-meinen-Hund-einschläfern-lassen?«-Fälle, bei denen am Boden zerstörte Besitzer im Büro weinen, während wir darüber sprechen, ob ihr bester Freund euthanasiert werden muss. Es stimmt, dass eine ganze Anzahl von Problemhunden rehabilitiert und der Umgang mit ihnen sicher gestaltet werden kann, wenn die Besitzer die Fähigkeit dazu haben und wenn die Umgebung stimmt. Aber egal, wie sehr sich die Besitzer bemühen, manche Hunde sind einfach so geschädigt, dass sie ein inakzeptables Risiko darstellen. Es ist Teil meines Jobs, Gespräche über die moralische Zwickmühle zu beginnen, in der man Mitglieder der eigenen Spezies schützen muss, ohne dabei ein Wesen zu verraten, das praktisch ein Familienmitglied ist. Manche dieser Fälle können einem das Herz brechen. So ging es mir.

Was bei vielen dieser Geschichten auffällt, ist, dass sie so oft genauso viel mit unserem eigenen Verhalten wie mit dem der Hunde zu tun haben. Ich sage das nicht in dem Sinne, dass die Besitzer nicht verantwortungsvoll genug gewesen wären, um ihre Hunde richtig zu halten und zu erziehen. Ich meine es in einem tieferen Sinn, nämlich in dem, wie unsere natürlichen Verhaltenstendenzen als Primaten ebenso natürliche Reaktionen bei Hunden hervorrufen können. Jede der beiden Parteien glaubt dabei, das Gegenüber würde bewusst etwas ganz Bestimmtes kommunizieren, was aber gar nicht der Fall ist.

 

Es erinnert mich an Diskussionen, die wir oft mit steigender Lautstärke und Pulsfrequenz mit unseren »Artgenossen« führen, bis uns auffällt, dass wir und die Person, mit der wir gerade streiten, über zwei völlig verschiedene Dinge sprechen und wir eigentlich völlig der gleichen Meinung sind. Ich erwähnte schon, wie unser Bedürfnis, Zuneigung zu einem Hund durch Umarmungen auszudrücken, uns beide in Schwierigkeiten bringen kann. Hunde verstehen Umarmungen oft als aggressive Geste und verteidigen sich gegen diese Verrücktheit mit der einzigen Waffe, die sie haben – ihren Zähnen. Da haben wir den Salat, obwohl wir ihnen doch nur mitteilen wollten, dass wir sie mögen.

Die gleiche Art von Fehlkommunikation sehe ich täglich draußen auf der Straße, wenn Menschen Hunde begrüßen möchten. Wir Primaten grüßen, indem wir mit dem Kopf aufeinander zugehen, die Vorderpfoten nach vorn ausgestreckt und mit direktem Kontakt von Gesicht zu Gesicht. Diese Tendenz ist so stark, dass Passanten sich sogar dann noch nach vorn beugen und die Hand vorstrecken, wenn ein Hund mit steifen Läufen gespannt dasteht oder sogar leise knurrt und sein Besitzer warnt: »Bitte streicheln Sie meinen Hund nicht! Er mag keine Fremden!« Die Welt ist voll von glücklosen Hundebesitzern, die ohne jede Wirkung versuchen, andere Menschen von etwas abzuhalten, was von Natur aus über sie kommt. Unsere eingefahrene Art und Weise der Begrüßung ist so stark, dass wir sogar klare Stopp-Signale übergehen können.

 

Nicht alle diese Übersetzungsschwierigkeiten führen zu ernsthaften Problemen. Oft verwirren wir unsere Hunde einfach nur oder sabotieren unsere eigenen Erziehungsversuche. Wir verwirren sie, wenn wir, egal was sie tun, ständig Worte wiederholen, weil Schimpansen und Menschen genau dazu neigen, wenn sie aufgeregt sind. Weil Sprache für unsere Spezies so wichtig ist, sind wir uns der optischen Signale nicht bewusst, die wir an unsere Hunde senden, während wir mit dem Bilden langer Sätze beschäftigt sind. Wir erheben grundlos unsere Stimme und sind viel zu schnell dabei, bei Frustration mit einer Leine um uns zu werfen, weil es das ist, wozu zweibeinige Affen tendieren.

Sich auf das Verhalten an unserem Ende der Leine zu konzentrieren, ist ein neues Konzept der Hundeerziehung. Die meisten professionellen Hundetrainer verbringen sogar sehr wenig Zeit mit dem Training anderer Leute Hunde: die meiste Zeit benötigen sie für das Training der Leute selbst. Glauben Sie mir, wir sind nicht gerade die am leichtesten zu trainierende Spezies. Sie müssten einmal nach einer Unterrichtsstunde in der Hundeschule zuhören, worüber sich die Trainer unterhalten. Es ist nicht immer Ihr Hund. Die Feststellung, dass Hunde leichter zu trainieren sind als Menschen, ist eines der wenigen Dinge, bei dem mehrere Hundetrainer einer Meinung sein werden. Es liegt nicht daran, dass wir dumm wären und nicht daran, dass wir nicht motiviert wären. Wir sind einfach wir, und genauso wie Hunde auf Gegenständen herumkauen und bellen, so neigen wir zu Dingen, die für uns natürlich sind, auch wenn sie uns nicht immer dienlich sind.

Gute, professionelle Hundetrainer sind zum einen deshalb gut, weil sie Hunde verstehen und wissen, wie sie lernen. Sie sind aber auch deshalb gut, weil sie sich ihres eigenen Verhaltens bewusst sind. Sie haben gelernt, einige der Dinge sein zu lassen, die für unsere Spezies natürlich sind, von Hunden aber falsch interpretiert werden. Das kommt nicht von allein, ist aber eigentlich einfach. Sie können viel darüber in diesem Buch lernen. Sich darüber bewusst zu werden, was wir in Gegenwart unserer Hunde tun, kostet eine gewisse Menge Energie, ein Achten auf unser eigenes Handeln, das uns häufig fehlt. Aber sobald Sie mit dem Achtgeben beginnen und Ihre Aufmerksamkeit auf das eigene Verhalten anstatt auf das des Hundes lenken, werden Sie für Ihren Hund automatisch verständlicher und vernünftiger.

 

Wenn Sie sich umdrehen und sich von Ihrem Hund wegbewegen, kann dies radikal die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass er auf Ihr Rufen hin kommt. Das Lernen einiger einfacher Bewegungen kann Ihnen helfen, dem Hund »Platz und Bleib« beizubringen, ganz gleich, was im Rest des Hauses vor sich geht. Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, es sei einfach, Hundetrainer zu sein – das ist es nämlich nicht. Ich bin genauso stolz auf mein Können in der Hundeerziehung wie auf meinen Doktortitel, und das will etwas heißen. Aber Sie können das Verhältnis zwischen Ihnen und Ihrem Hund verbessern, wenn Sie sich Ihres eigenen Verhaltens bewusster werden, egal, ob Sie ein professioneller Trainer oder ein Familienmitglied mit geliebtem Hund sind.

 

Jedes Jahr fragen mich mehrere Studenten an der Universität, wie man Tierverhaltenstherapeut werden kann. Manche erzählen mir, sie seien vor allem deshalb interessiert, weil sie Tiere so sehr lieben und gestehen schließlich, dass sie Menschen eigentlich überhaupt nicht mögen. Wir Menschen sind aber ein integraler Bestandteil im Leben von Haushunden, und wir können uns nicht vollständig auf einen Haushund beziehen, wenn wir unsere eigene Spezies außer Acht lassen. Je mehr Sie Ihren Hund lieben, desto mehr müssen Sie menschliches Verhalten verstehen. Die gute Nachricht (ich spreche als Biologin) ist, dass unsere Spezies genauso faszinierend ist wie jede andere. Ich bin genauso verliebt in den Homo sapiens wie in den Canis lupus familiaris, denn auch wenn wir Menschen Idioten sind, so sind wir doch interessante Idioten. Ich möchte Sie also alle dazu einladen, unserer eigenen Art genauso viel Geduld und Verständnis entgegenzubringen, wie Sie es bei den Hunden tun. Schließlich scheinen die Hunde uns sehr zu mögen, und ich habe den größten Respekt vor ihrer Meinung.

 

Die Ähnlichkeiten, die wir teilen, und die Unterschiede, die uns verwirren, sind zugleich Segen und Fluch unserer Beziehung zu Hunden. Das Wissen um diese Ähnlichkeiten und Unterschiede war an jenem Abend auf der Autobahn ein Segen. Nachdem die Hunde es im fließenden Verkehr glücklich über die Fahrbahn geschafft hatten, hielten wir sie mit Schraubstockgriff an ihren Halsbändern fest und lachten und weinten vor Erleichterung. Von meinem Autotelefon aus rief ich die Nummer der Tierklinik an, die auf ihren Adressanhängern stand. Der Tierarzt der Klinik war auf dem Rückweg von einer Kuhfarm zufällig gerade auf der gleichen Autobahn unterwegs und war in weniger als zehn Minuten bei uns. In der gleichen Stunde noch waren die Hunde wieder zu Hause. Es sah so aus, als hätte der junge Mischling den älteren Golden Retriever zu diesem Abenteuer verführt. Ich rief den Besitzer am nächsten Tag an, und wir weinten beide aus Kummer über die Vorstellung darüber, was hätte geschehen können, und aus Freude darüber, was tatsächlich geschehen war.

Die Hunde leben noch, weil wir Glück hatten, weil die Göttin der Hunde über uns wachte und weil wir wussten, wie unser eigenes Verhalten sie beeinflussen konnte. Achten Sie auf Ihr eigenes Verhalten. Glauben Sie mir, Ihr Hund tut es.

 

1 Affen machen alles nach

 

Die Bedeutung visueller Signale zwischen Menschen und Hunden

 

Tierverhaltenstherapeutin zu sein, die in ihrer Praxis mit aggressiven Hunden arbeitet, ist die eine Sache. Auf einer Bühne vor mehreren Hundert Menschen mit ihnen zu arbeiten, ist eine andere. In einer privaten Beratung ist Ihre ganze Aufmerksamkeit auf den Hund gerichtet, aber wenn Sie eine praktische Demonstration machen, teilt sich Ihre Aufmerksamkeit zwischen dem Hund und den Zuhörern auf. Der Versuch, sich auf beide gleichzeitig zu konzentrieren, kann Sie in Schwierigkeiten bringen, weil wichtige Signale nur eine Zehntelsekunde dauern oder nicht größer als ein paar Millimeter sein können. Man fühlt sich ein wenig wie ein Motorrad-Stuntman, wenn man mit einem aggressiven Hund auf der Bühne arbeiten soll. Sie bereiten sich minutiös vor, damit alle Chancen gut für Sie stehen. Sie achten vorher auf viel Schlaf, gute Ernährung und befragen den Hundebesitzer ausführlich. Sie arbeiten mit guten, verlässlichen Leuten, auf die Sie zählen können. Und dann fahren Sie auf die Sprungschanze und hoffen, dass Sie es über die Schlucht schaffen.

Der Mastiff, mit dem ich auf einem Seminar arbeitete, muss über 90 Kilo gewogen haben und hatte einen Kopf in der Größe eines Backofens. Er hatte während der letzten Monate einige Fremde angegriffen und seine Besitzer genauso erschreckt wie deren Freunde. Ständig Leckerchen werfend, näherte ich mich ihm immer mehr, während ich dem Publikum erzählte, was ich gerade tat. Aus dem Augenwinkel beobachtete ich ihn und sah, dass er entspannt aussah, normal atmete und auf ein weiteres Leckerchen wartete. Ich richtete meine Aufmerksamkeit auf eine Frage aus dem Publikum, als ich einen Schritt näher heranging und weiter Leckerchen warf. Ich war jetzt nur noch ein paar Fuß entfernt. Donnas Augen warnten mich. Ich hatte auf Donna Duford, eine kluge und erfahrene Profi-Hundetrainerin, geschaut und an ihrem Gesicht gesehen, dass ich in Schwierigkeiten steckte. Der Mastiff stand direkt neben mir, war aber erschreckend ruhig geworden. Ich schaute vorsichtig in seine Richtung und sah dabei, wenn auch nur für den Bruchteil einer Sekunde, direkt in seine Augen – ein Fehler, und ein dummer noch dazu. Direkter Blickkontakt zu einem nervösen Hund ist ein Anfängerfehler. Entweder man lernt, ihn zu vermeiden, oder man ist raus aus dem Geschäft.

Der Hund explodierte wie eine Dampfmaschine aus Muskeln und Zähnen und stürzte geradewegs auf mein Gesicht zu. Sein knurrendes Bellen ließ das Gebäude erzittern. Ich tat, was jeder hoch trainierte Profi in einer solchen Situation tut. Ich trat den Rückzug an.

Kleine Bewegungen haben große Wirkung

 

Hätte ich keinen Blickkontakt zu diesem Mastiff aufgebaut, hätten sich meine Augen nur ein paar Millimeter weiter nach rechts oder links bewegt, hätte er mich nicht angegriffen. Diese ganze geballte Kraft hätte ruhig dagesessen und beobachtet, ob ich meine Blickrichtung um einen Viertelzentimeter verschoben hätte. Eine kaum wahrnehmbare Änderung meines Verhaltens hätte den erstaunlichen Unterschied ausgemacht, ob dieser 90-Kilo-Hund ruhig dagesessen oder in Richtung meines Gesichtes losgesprungen wäre.

 

Diese Geschichte mag ein wenig dramatisch sein, aber die gleichen Auswirkungen subtiler Bewegungen liegen jeder einzelnen Interaktion zwischen Ihnen und Ihrem Hund zugrunde. Hunde sind Meister darin, minutiöse Veränderungen in unseren Körpern wahrzunehmen, und gehen davon aus, dass jede kleine Bewegung etwas zu bedeuten hat. Kleine Bewegungen Ihrerseits können zu großen Veränderungen im Verhalten Ihres Hundes führen. Wenn Sie irgendetwas aus diesem Buch lernen, dann lernen Sie das. Beispiele dafür gibt es endlos viele. Ob Sie aufrecht und mit geraden anstatt mit hängenden Schultern dastehen, kann den Unterschied ausmachen, ob Ihr Hund sich hinsetzt oder nicht. Ein für Menschen kaum wahrnehmbares Vor- oder Zurückverlagern des Gewichtes ist für einen Hund so deutlich wie eine Leuchtreklame. Änderungen der Richtung, in die Ihr Oberkörper tendiert, sind so wichtig, dass ein Zentimeter vor oder zurück einen verängstigten Streuner entweder zu Ihnen lockt oder von Ihnen wegjagt. Ob Sie tief durchatmen oder die Luft anhalten, kann eine Rauferei zwischen Hunden verhindern oder verursachen. Ich habe dreizehn Jahre lang jede Woche mit aggressiven Hunden gearbeitet, und ich habe immer wieder gesehen, dass winzige Bewegungen manchmal eine schwierige Situation entschärfen können – oder eine solche schaffen.

 

Als ich einmal eine Tiermedizinstudentin fragte, was sie in den zwei Wochen bei mir gelernt hätte, sagte sie: »Mir war nie bewusst, wie wichtig die Feinheiten meiner Handlungen sind – dass so winzige Bewegungen wie eine Gewichtsverlagerung einen solchen Einfluss auf das Verhalten des Tieres haben können.« Diese Information scheint für keinen von uns besonders naheliegend. Wie seltsam, wenn man sich anschaut, wie wichtig wir winzige Bewegungen innerhalb unserer eigenen Spezies nehmen. Ich fragte bereits eingangs, wie weit Sie eine Augenbraue hochziehen müssen, um den Ausdruck Ihres Gesichtes zu verändern. Gehen Sie und schauen Sie in den Spiegel, jetzt gleich, wenn es geht. Heben Sie Ihre Mundwinkel nur ein ganz winziges bisschen an, und schauen Sie, wie sehr sich das Aussehen Ihres Gesichtes verändert. Beobachten Sie die Gesichter Ihrer Familienmitglieder, und denken Sie darüber nach, wie wenig Veränderung darin nötig ist, um Informationen zu übermitteln. Diese Informationen, die wir erhalten, indem wir auf kleine Bewegungen in den Gesichtern und Körpern achten, sind entscheidend in unserer Beziehung zu anderen. Dies ist tief in unserem Primatenerbe verankert. Die Spezies der Primaten ist sehr vielseitig – vom winzigen, kaum mehr als 100Gramm schweren und sich von Saft ernährenden Krallenäffchen bis hin zum 220Kilo schweren, Blätter kauenden Gorilla. Aber alle Primaten sind stark visuell orientiert und in ihren sozialen Interaktionen auf visuelle Kommunikation angewiesen. Paviane heben als leichtes Drohsignal ihre Augenbrauen. Schimpansen ziehen die Lippen zu einer Schmollschnute, wenn sie enttäuscht sind. Rhesusmakaken drohen mit offenem Mund und direktem Anstarren. Sowohl Schimpansen als auch Bonobos strecken die Hände aus, um sich nach einem Streit zu versöhnen. Wir Primaten sind auf visuelle Signale als Grundfundament unserer sozialen Kommunikation angewiesen, genau wie Hunde.

 

 

Unsere Hunde sind wie Präzisionsinstrumente auf unsere Körper abgestimmt. Während wir über die richtigen Worte nachdenken, beobachten uns die Hunde auf die feinen visuellen Signale hin, mit denen sie auch untereinander kommunizieren. Jeder Artikel und jedes Buch über Wölfe beschreiben Dutzende visueller Signale, die der Schlüssel zur sozialen Interaktion der Rudelmitglieder sind. In dem Buch Wolves of the World beschreibt Erik Zimen, eine weltweit anerkannte Autorität in Sachen Wolfsverhalten, fünfundvierzig Bewegungen, die Wölfe bei sozialen Interaktionen gebrauchen. Zum Vergleich erwähnt er Stimmäußerungen nur dreimal. Das heißt nicht, dass Winsel- oder Knurrlaute für die sozialen Beziehungen von Wölfen nicht entscheidend wichtig wären. Sie sind es. Aber die Bandbreite visueller Signale von leichtem Kopfheben über Vor- oder Zurückverlagern des Gewichtes bis hin zu An- oder Entspannen des Körpers ist bei Wölfen riesig, und jede Interaktion, die ich je mit Hunden hatte, legt nahe, dass visuelle Signale bei Hunden zur Kommunikation ebenso wichtig sind.

 

Hier haben wir also nun zwei Spezies, Mensch und Hund, die einiges gemeinsam haben: sie sind beide sehr visuell veranlagt, sehr sozial, und programmiert, darauf zu achten, wie sich jemand in der eigenen sozialen Gruppe bewegt, auch wenn die Bewegung nur winzig ist. Was wir aber scheinbar nicht gemeinsam haben, ist, dass Hunde viel stärker auf unsere winzigen Bewegungen achten als wir selbst. Das macht Sinn, wenn Sie einmal darüber nachdenken. Während sowohl Hunde als auch Menschen automatisch auf die visuellen Signale der eigenen Spezies reagieren, müssen Hunde noch zusätzliche Energie aufwenden, um die Signale eines Fremden zu übersetzen. Außerdem erwarten wir ständig von unseren Hunden, dass sie tun, was wir ihnen sagen – also haben sie zwingende Gründe, sich mit der Übersetzung unserer Bewegungen und Haltungen zu befassen. Es ist aber auch sehr zu unserem Vorteil, wenn wir stärker darauf achten, wie wir uns in der Gegenwart von Hunden bewegen und diese sich in unserer, denn ob wir es merken oder nicht, wir kommunizieren die ganze Zeit über mit unserem Köper. Sicher wäre es nicht schlecht, wenn wir wüssten, was wir sagen.

Sobald Sie lernen, sich auf die visuellen Signale zwischen Ihnen und Ihrem Hund zu konzentrieren, werden die Auswirkungen selbst winzigster Bewegungen überwältigend offensichtlich. Es ist wirklich nicht anders als in jedem Sport, in dem Sie Ihren Körper darauf trainieren, sich auf Wunsch auf ganz bestimmte Weise zu bewegen. Alle Athleten müssen sich dessen bewusst werden, was sie mit ihrem Körper tun. In der Hundeausbildung ist es das Gleiche. Professionelle Hundetrainer wissen ganz genau, was sie mit ihren Körpern tun, während sie mit einem Hund arbeiten. Für die meisten Hundebesitzer, deren Hunde ununterbrochen versuchen, aus dem Durcheinander der übermittelten Signale schlau zu werden, trifft das nicht zu.

Hunde scheinen in ihrer wachen Aufmerksamkeit auf unsere kleinsten Signale nie nachzulassen. Als ich meinen Hunden das »Sitz« beibrachte, verschränkte ich unabsichtlich meine Hände in Hüfthöhe. Anscheinend machte ich diese Bewegung, ohne es zu merken, wenn ich meine Hunde zu mir rief und mich darauf vorbereitete, etwas anderes von ihnen zu verlangen. Und da ich ihnen häufig als Erstes »Sitz« befahl, lernten meine Hunde schnell, dass gefalteten Händen normalerweise das Kommando »Sitz« folgt. Scheinbar beschlossen sie, dass sie sich und mir genauso gut Zeit sparen und sich auch gleich hinsetzen könnten. Jeder Hundebesitzer kann dafür täglich Beispiele finden. Vielleicht rennt Ihr Hund zur Tür, wenn Sie nach Ihrer Jacke greifen. Vielleicht haben Sie mit Ihrem Hund Fangen gespielt, und jetzt stürmt er jedes Mal los, wenn Sie sich nach vorn neigen. Die meisten Menschen bewegen die Hand oder einen Finger, wenn sie zu ihrem Hund »Sitz« sagen, auch wenn Sie es nicht einmal merken. Aber Ihr Hund merkt es, und Ihre Bewegung ist vielleicht sogar für ihn der allerwichtigste Hinweis.

Als ich berufsmäßig mit dem Training von Hunden und ihren Menschen begann, war eines der ersten Dinge, die mir auffielen, wie sehr sich die Besitzer auf ihre Lautäußerungen konzentrierten, während die Hunde offensichtlich auf die Bewegungen achteten. Diese Beobachtung brachte mich und zwei Studenten, Jon Hensersky und Susan Murray, zur Durchführung eines Experiments, um zu sehen, ob Hunde beim Erlernen einer einfachen Übung stärker auf Laute oder stärker auf Sichtzeichen reagierten. Die Studenten brachten 24 Welpen im Alter von sechseinhalb Wochen1 »Sitz« sowohl auf ein Piepsignal als auch auf eine Bewegung hin bei. Jeder Welpe wurde insgesamt vier Tage lang auf beide Signale gleichzeitig trainiert, aber am fünften Tag gab der Trainer jeweils nur noch ein Signal. In zufälliger Reihenfolge sahen die Welpen entweder die Handbewegung des Trainers oder hörten das Piepsignal zum Sitzen. Wir wollten herausfinden, ob eines der beiden Signale, das akustische oder das visuelle, zu mehr richtigen Reaktionen führte. Das tat es: 23 der 24 Welpen reagierten besser auf das Handzeichen als auf den Ton, während ein Welpe sich auf beides gleich gut hinsetzte. Die Border Collies und Aussies waren, wie Sie vielleicht geahnt haben, Stars bei den Sichtzeichen und reagierten bei 37 von insgesamt 40 Versuchen richtig (und nur bei 6 von 40 Versuchen richtig auf das Tonsignal). Der Dalmatinerwurf setzte sich bei 16 von 20 Handzeichen, aber nur bei vier von 20 Tonsignalen. Die Cavalier King Charles Spaniels zeigten die wenigsten Unterschiede zwischen Sicht- und Hörzeichen; sie reagierten bei 18 von 20 Versuchen korrekt auf das Sichtzeichen und bei 10 von 20 Versuchen korrekt auf das Hörzeichen. Wenn Sie einen Beagle oder einen Zwergschnauzer haben, wird es Sie nicht wundern zu erfahren, dass diese Welpen sich bei 32 von 40 Versuchen korrekt auf das Handzeichen hinsetzten, aber genau keinmal von den 40 Malen, als sie das Tonsignal hörten. Das haben Sie also davon, Ihren Beagle zu rufen, wenn er im Wald einem Kaninchen hinterherjagt.

Ich bin vorsichtig mit diesem Experiment, weil es hier schwierig ist, wissenschaftlich ganz exakt zu arbeiten. Solange Bewegung und Ton nicht vollständig automatisiert waren, konnte ich nicht garantieren, dass beide Signale genau gleich lang gegeben wurden. Waren die Welpen darauf prädisponiert, stärker auf die Hand zu achten, weil die Trainer ihnen vorher aus der anderen Hand Leckerchen gegeben hatten? Wie konnten wir sicher sein, dass wir eine gleiche »Menge« oder Intensität von jedem Signal gaben? Eine größere Anzahl Welpen wäre besser gewesen, und so weiter und so fort. Die Trainer wussten allerdings nichts vom tatsächlichen Ziel des Experiments (ich hatte ihnen gesagt, es ginge um Genetik und Geschlechtszugehörigkeit). Ich zeichnete die Trainingslektionen auf Video auf und fand heraus, dass Bewegung und Ton bis auf eine Hundertstelsekunde gleichzeitig begannen und endeten. Wir arbeiteten hart daran, den Test unter diesen Umständen so einwandfrei wie möglich zu gestalten. Wenn man in Betracht zieht, mit welcher Leichtigkeit Hunde visuelle Signale lernen und dass die Gehirne von Säugetieren generell selektiv auf bestimmte Reize vor anderen reagieren, bin ich der Meinung, dass die Ergebnisse aussagekräftig sind. Ironischerweise betonen viele Menschen oft die »erstaunliche« Fähigkeit ihrer Hunde, ein Handzeichen zu lernen, so als sei dies ein besonders fortgeschrittenes Verhalten. Dabei ist die Reaktion Ihres Hundes auf Ihre Stimme das wahre Wunder!

 

Hey, Mensch! Ich versuche, dir etwas zu sagen!

 

So visuell veranlagt Primaten auch sind, so oft verpassen wir Menschen doch die Signale, die unsere Hunde uns senden. In meinen Seminaren gebe ich beispielsweise eine Demonstration, in der ich meine Border-Collie-Hündin Pip dafür lobe und streichele, dass sie mir einen Ball zurückgibt. Pip ist mein verschlafener Border Collie, der zwar aus einer reinen Hütehundlinie stammt, aber ein bisschen aussieht wie ein leicht trotteliger Labradormix. Aber sie liebt Bälle für ihr Leben, und zur Belohnung dafür, dass sie mir den Ball zurückgibt, gurre und schnurre ich sie zärtlich an und streichle ihr hingebungsvoll über den Kopf. Die Zuschauer reagieren auf meine Bemühungen, Pip zu loben und scheinen sich richtig gut zu fühlen, wenn ich fertig bin. Sie fühlen sich sogar so gut, dass sie mir eine Eins geben, wenn ich sie darum bitte, meine Lobbemühungen zu bewerten. Ich selbst gebe mir allerdings eine Fünf, denn obwohl es dem Publikum gefiel, mein Lob zu sehen und zu hören, wollte Pip nur eines: den Ball. Ich wiederholte die Übung und sagte den Zuschauern, sie sollten dieses Mal sorgfältig auf Pips Gesicht achten. Ihre Reaktion ist eindeutig, sobald man sich darauf konzentriert. Sie ignoriert meine schmeichelnden Worte, kneift die Augen zusammen, duckt ihren Kopf von meiner Hand weg, drängt nach vorn und starrt den Ball mit Laserblicken an. Pip ist nicht anders als die meisten unserer Hunde, die Lob und Streicheleinheiten in manchen Situationen sehr mögen, in anderen aber nicht. Wie ist es denn bei Ihnen – selbst wenn Sie alles für eine gute Massage geben, möchten Sie eine mitten in einer wichtigen Besprechung bekommen oder in einem spannenden Tennisspiel? Warum um alles in der Welt sollte ein Hund, selbst einer, der das Gestreicheltwerden furchtbar liebt, in allen möglichen Situationen gestreichelt werden wollen? Uns geht es doch nicht anders, egal, wie sehr wir eine Liebkosung mögen.

 

Sobald die Zuschauer lernen, sich auf Pips Reaktionen zu konzentrieren anstatt auf ihre eigenen, erfassen sie es. Pips Ausweichen vor meiner Hand und ihre offensichtliche Ungeduld, den Ball zurückzubekommen, ist alles andere als unauffällig. Aber aus irgendeinem Grund neigen wir Menschen dazu, nicht auf die visuellen Signale zu achten, die unsere Hunde uns senden. Hunderte von Kunden, die Rat suchend mit ihren Hunden in mein Büro kommen, erklären, die Aggression ihres Hundes sei »aus dem Nichts« gekommen. Und dabei konnte ich deutlich sehen, sogar während die Besitzer zu mir sprachen, dass der Hund ganz klar mitteilte: »Hör auf, mich so zu streicheln. Ich beiße dich, wenn du nicht aufhörst.«

 

Es ist zu einem Klischee geworden, dass wir Hunde lieben, weil sie uns »bedingungslos positiv gegenüberstehen«. Jeder, der die visuellen Signale von Hunden interpretieren kann, weiß, wie naiv das ist. Wenn Sie eine Gruppe von Hundetrainern zu herzhaftem Lachen bringen möchten, dann beginnen Sie von der »bedingungslos positiven Einstellung« der Hunde uns gegenüber zu erzählen. Sie werden schallend lachen und sich auf die Knie klatschen. Mein Border Collie Cool Hand Luke – nobler, treuer Luke, der einmal sein Leben für mich aufs Spiel setzte – hat eine Art von Blick, die man nur mit einem bestimmten Wort übersetzen kann. Und dieses Wort lautet nicht etwa Liebe. Luke vergöttert mich, da bin ich ziemlich sicher. Das heißt aber nicht, dass er mich jede Sekunde seines Lebens vergöttert, genauso wenig, wie Sie Ihren Lieblingsmenschen jede einzelne Sekunde Ihres Lebens vergöttern.

Ich denke, einige von uns sind der Meinung, dass unsere Hunde uns ständig und vorbehaltlos lieben, weil wir nicht besonders gut darin sind, ihre nonverbale Kommunikation mit uns zu verstehen. Aber sobald Sie beginnen, Ihr Leben mit Hunden zu verbringen, wird sehr klar, dass Liebe nur eine der Emotionen ist, die sie fühlen. Die meisten dieser Signale sind einfach aufzugreifen, wenn wir uns nur die Zeit zum Hinschauen nehmen würden. Viele der von Hunden gesendeten visuellen Signale sind nicht auf ihre eigene Spezies beschränkt: Schon 1872 schrieb Charles Darwin über den universellen Ausdruck von Gefühlen bei Tieren, von Ekel über Angst bis zu Drohung. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht zu sehr verallgemeinern und davon ausgehen, dass jeder Ausdruck auf dem Gesicht eines Hundes einem unserer Gefühle entspricht – ein »Grinsen« kann bei einem Hund Zeichen von Angst sein (das kann es allerdings auch bei einem Menschen), aber genauso wichtig ist die Fähigkeit, den Gesichtsausdruck unserer Hunde sorgfältig zu beobachten. So wie ein Profitennisspieler die Naht eines Tennisballes sehen kann, der mit 150 km/h auf ihn zufliegt, kann ein professioneller Hundetrainer die flüchtigen, subtilen visuellen Signale sehen, die voller Informationen stecken. Jeder kann das lernen, Sie müssen sich nur konzentrieren.

 

Feldforschung in Ihrem Wohnzimmer

 

Mein Gebiet ist die Ethologie, die Wissenschaft vom Verstehen des Tierverhaltens als Resultat des Zusammenwirkens von Evolution, Genetik, Lernen und Umwelt. Ethologie basiert auf der Grundlage guter, solider Beobachtungen. Sie ist eine strenge Disziplin mit all den Hightech-Instrumenten und den mathematischen Analysen, die man benötigt, um Genetik, Physiologie und Neurobiologie zu berücksichtigen. Aber sie beginnt mit den grundlegenden Beobachtungen, die durchzuführen jeder lernen kann: Beobachten Sie ein Tier, und schreiben Sie auf, was es tut. Das klingt einfach, denn alles, was Sie brauchen, sind Sie, ein Tier, ein Bleistift und Papier. Kein teurer Apparat mit kompliziertem Namen ist nötig. Wenn kein Hund zur Hand ist, tut es auch jedes andere sich bewegende Lebewesen (Bürokollegen, Freunde oder Ehepartner eingeschlossen). Beschreiben Sie einfach, was der Vogel draußen, der Hund drinnen oder Ihr Kollege gerade tut. Seien Sie klar und präzise. »Mein Hund läuft umher« ist nicht klar und präzise. »Mein Hund geht langsam mit etwa einem Schritt pro Sekunde, hält seinen Kopf parallel zum Schultergürtel und die Ohren entspannt um 40 Grad zur Seite, aber nicht nach hinten gelegt…« ist klar und präzise. Bis Sie das niedergeschrieben haben, macht das Tier allerdings schon längst wieder etwas anderes. Diese einfache Übung führt schnell zu Frustration, aber schließlich auch zu Bewunderung für die Komplexität von Verhalten.

Bei einer der Demonstrationen, die ich gerne in meine Seminare einbaue, bitte ich meine Zuhörer, nur eine einzige Sekunde laut für mich auszuzählen. Während alle unisono »einundzwanzig« sagen, hüpfe ich, drehe mich, wedele mit den Armen, lächle, schaue böse, lache und weiß der Himmel was sonst noch. Wenn Sie das auf Video aufzeichnen und wie ein Tierverhaltensforscher analysieren, würden Sie Dutzende verschiedener Aktionen feststellen, die alle innerhalb der Zeitspanne einer Sekunde geschehen. Eine Sekunde ist für einen Tierverhaltensforscher eine Ewigkeit, weil in weniger als einer Zehntelsekunde viele Aktionen stattfinden können. Gute Beobachtungen zu machen ist schwierig, weil zu viel auf einmal passieren kann, als dass Ihr Gehirn es überhaupt noch wahrnehmen könnte, geschweige denn dass Sie es niederschreiben könnten. Weil so viele Aktionen gleichzeitig geschehen, ist eines der ersten Dinge, die Ethologiestudenten lernen, ihre Aufmerksamkeit auf bestimmte Aktionen oder Abschnitte zu konzentrieren und den Rest bis zu einer späteren Beobachtungsphase zu ignorieren. Wenn Sie im Beobachten geübter werden, können Sie mehr Details gleichzeitig wahrnehmen, aber am Anfang zahlt es sich aus, selektiv zu sein. Das Schärfen Ihrer Beobachtungsfähigkeit sollte sich direkt auf ein verbessertes Verhalten des Hundes auswirken, denn das, was Sie in der Nähe Ihres Hundes tun, sollte sich direkt darauf auswirken, was er tut. Nur weil seine Bewegungen minimal sind, heißt das noch nicht, dass sie nicht wichtig sind.

Nach jahrelanger Arbeit mit Hunden, die mich beißen würden, wenn ich ihre Körpersprache nicht richtig lesen könnte, habe ich mir eine Reihenfolge festgelegt, in der ich die Körperteile betrachte. Wenn ich einen Hund zum ersten Mal treffe, achte ich vorrangig auf seinen Körperschwerpunkt und auf seine Atmung. Lehnt er sich in meine Richtung, weg von mir, oder steht er gleichmäßig auf allen vier Pfoten? Wirkt er wie eingefroren still, atmet er normal oder zu schnell mit flachen Atemzügen? Gleichzeitig schaue ich auf Fang und Augen des Hundes, die mir ein ganzes Universum an Informationen verraten, achte aber darauf, ihm nicht direkt in die Augen zu starren. Auch die Rute ist wichtig, aber nicht so wichtig wie das, was im Gesicht zu sehen ist. Sie können einfach nicht alles auf einmal wahrnehmen. Wenn viel geschieht – sagen wir, der Hund beißt/stürzt auf mich zu oder, schlimmer noch, steht steif, mit hartem Blick und nach vorn gezogenen Lefzenwinkeln –, habe ich möglicherweise keine Ahnung, was mit seiner Rute passiert – erst ein paar Sekunden später.

 

Kein Sport ohne Training

 

Manche Hundebesitzer sind von Anfang an brillant darin, ihren Hund zu lesen. Sie sind die »Naturtalente«, die Sorte von Mensch, die Tiere wie ein Magnet anzuziehen scheinen – Schneeweißchen im Wald, denen Rehe die Wangen schlecken und in deren Haare Vögel spielen. Und dann gibt es den Rest von uns, mich eingeschlossen, die einfach auf die altmodische Art und Weise etwas über Tiere lernen müssen, nämlich über das Üben. Eine Möglichkeit, zu üben, ist es, zu beobachten und aufzuschreiben, was Sie sehen. Künstler und Wissenschaftler kennen das: Wir sehen nicht wirklich etwas, bis wir unseren Verstand bemühen, es in Worte oder Bilder zu übersetzen. Werden Sie also zu Ihrer eigenen Jane Goodall. Nehmen Sie beim nächsten Hundespaziergang im Park ein Notizbuch mit, und beginnen Sie zu beobachten, zu beschreiben und bestimmte Bewegungen Ihres Hundes festzuhalten. Konzentrieren Sie sich auf die Richtung, in die sich der Hundekörper orientiert, schreiben Sie es auf und versuchen Sie, eine Zeichnung davon anzufertigen. Registrieren Sie, ob seine Lefzenwinkel (die sogenannten Kommissuren) sich vor- oder zurückbewegen, und schreiben Sie auf, wann das geschieht oder nicht geschieht. Blicken seine Augen »sanft« oder »hart«, wenn er einen anderen Hund trifft? Wie ändert sich seine Rutenhaltung, wenn er einen anderen Hund sieht? Ändert sie sich genauso, wenn er einem Menschen begegnet? Konzentrieren Sie sich immer nur auf ein Körperteil auf einmal; anderenfalls wird Ihr Gehirn mit Informationen überschwemmt, und Sie können nicht wirklich auf eine bestimmte Aktion achten. Versuchen Sie, Ihre Notizen und Zeichnungen zusammen in einem Heft zu sammeln, und lesen Sie öfter noch einmal durch, was Sie geschrieben haben.

 

Alternativ können Sie versuchen, einige Hunde auf Video aufzunehmen und das Band wieder und wieder in Zeitlupe abzuspielen. Vermutlich sind Sie überrascht, wie viel in einer kurzen Zeitspanne geschehen kann und wie viel Sie plötzlich sehen, wenn die Geschwindigkeit, in der die Handlungen ablaufen, herabgesetzt wird. Mit zunehmender Übung wird Ihr Gehirn besser darin, Änderungen im Verhalten zu beobachten, und Sie entwickeln, was man ein »Suchbild« für eine bestimmte Körperhaltung nennt. Sie werden in der Lage sein, subtile Veränderungen wahrzunehmen, die so schnell geschehen, dass Ihre Freunde sie nicht einmal bemerken. Dies wird Ihnen ermöglichen, schneller und passender auf Ihren Hund zu reagieren. Ohne sonst noch etwas tun zu müssen, werden Sie zu einem besseren Hundetrainer, und fast wie durch Zauberei wird sich Ihr Hund besser benehmen.

 

Menschen als Zufallsgeneratoren für Signale

 

Wenn wir Menschen verständlicherweise etwas langsam darin sind, auf die von unseren Hunden gesendeten visuellen Signale zu reagieren, so sind wir absolut schwer von Begriff bezüglich der Signale, die wir selbst generieren. Ihr Hund ist darin ein Profi: er bemerkt so gut wie jede Ihrer kleinsten Bewegungen. Hier ein Experiment, das Sie selbst ausprobieren können. Konzentrieren Sie sich darauf, welche Signale Sie bewusst oder unbewusst an Ihren Hund senden. Es ist wirklich einfach, weil Sie nun der/die Handelnde sind und Ihr Hund der Beobachter. Ihre Aufgabe ist es, die visuellen Signale zu identifizieren, auf die Ihr Hund zu reagieren gelernt hat. Gehen Sie mit Ihrem Hund an einen ruhigen Ort, weg von der Betriebsamkeit des Alltags und anderer Hunde. Stellen Sie sich entspannt, aber unbeweglich hin, und befehlen Sie Ihrem Hund »Sitz«, ohne irgendetwas anderes zu bewegen als Ihre Lippen. Mir fällt dabei immer als Erstes auf, wie schwer es mir fällt, mich nicht zu bewegen. Hat sich Ihr Kopf ein kleines bisschen gesenkt, als der Hund näher kam? Haben Sie Ihre Augenbrauen einen Millimeter weit angehoben? Alle diese Bewegungen kann Ihr Hund mit Leichtigkeit sehen und sie möglicherweise als Hinweis verstehen. Jetzt setzen Sie sich auf den Fußboden, hören Sie so gut Sie können damit auf, sich zu bewegen, und befehlen Sie Ihrem Hund »Sitz«. Jetzt verlassen Sie den Raum und sagen »Sitz«, wenn Ihr Hund Sie nicht sehen kann (linsen Sie durch den Türspalt oder bitten Sie einen Freund zu beobachten, was der Hund tut).

 

Jetzt befehlen Sie Ihrem Hund »Sitz«, wie Sie es sonst immer tun. Bewegen Sie sich ungezwungen, und lassen Sie Ihren Körper das tun, was er normalerweise tut. Zweifellos werden Sie sich irgendwie bewegen. Sorgen Sie sich bei diesem Spiel nicht darum, ob Ihr Hund sich hinsetzt oder nicht, ich möchte nur, dass Sie auf Ihr Verhalten achten. Haben Sie Ihre Hand oder einen Finger angehoben? Mit dem Kopf genickt? Nachdem Sie Ihr eigenes Verhalten beobachtet haben, versuchen Sie ein Muster von Bewegungen herauszufinden, auf das hin sich Ihr Hund setzt oder nicht (anstatt Fido mit Ihrem ständig wiederholten »Sitz, sitz!« in den Wahnsinn zu treiben!). Experimentieren Sie mit verschiedenen Bewegungen, und Sie werden möglicherweise entdecken, dass Ihr Hund mindestens ebenso stark oder sogar noch stärker auf bestimmte Bewegungen reagiert als auf Ihre Stimme.

Das funktioniert aber nicht mit allen Hunden. Manche haben gelernt, Ihren Körper zu ignorieren und nur auf Ihre Stimme zu hören. Das Szenario, das sich mir am häufigsten darbietet, ist folgendes: Die Menschen sind sich nicht bewusst, was sie selbst tun, und darüber hinaus hat jedes ihrer Familienmitglieder ein anderes Bewegungsmuster für die gleiche Botschaft. Papa streckt für »Sitz« die Hand genauso aus, wie Mama es für »Bleib« tut. Leider sind es oft die willigsten und cleversten Hunde, die am meisten unter der Inkonsequenz der Familie leiden. Man kann buchstäblich den Qualm aus ihren Köpfen aufsteigen sehen, wenn sie verzweifelt versuchen, ein vorhersehbares Muster bei ihren Menschen zu entdecken.

Die beste Möglichkeit herauszufinden, welche Signale Sie an Ihren Hund senden, ist, einen Freund zu bitten, Sie auf Video aufzunehmen. Nur wenige sind sich wirklich bewusst, wie sie ihre Körper im Umgang mit anderen bewegen – einer der Gründe dafür, warum es ein seltsames Gefühl sein kann, sich selbst auf Video zu sehen.

»Wer ist das denn?«, fragen wir uns, verblüfft von der Tatsache, dass wir beim Reden die Augen schließen oder uns gewohnheitsmäßig am Kinn kratzen. Ihr Hund aber weiß viel besser als Sie, wann und wie genau Sie welchen Teil Ihres Körpers bewegen, und misst diesen Bewegungen sehr wahrscheinlich mehr Bedeutung bei als Ihrer Stimme. Versuchen Sie, Ihre ganze Familie zu filmen, und vergleichen Sie, was jeder von Ihnen tut, wenn er dem Hund etwas befiehlt. Sie werden anfangen sich zu fragen, wie Ihr Hund eigentlich all die Jahre zurechtgekommen ist, ohne irrsinnig zu werden.

 

Sobald Sie sich Ihrer eigenen Handlungen bewusst geworden sind, haben Sie die Hälfte dessen geschafft, was Sie brauchen, damit Ihr Hund Sie besser verstehen kann. Wenn Sie sich ständig bewusst machen, wie Sie sich in Gegenwart Ihres Hundes bewegen, können Sie bewusst klare, konsequente visuelle Signale einführen, die Ihr Hund verstehen kann. Ich erinnere mich an die Besitzerin eines lieben kleinen Spaniels, deren Signale so verwirrend waren, dass selbst ich nicht wusste, was sie eigentlich von ihrem Hund wollte. Diese Frau vergötterte ihren Hund, der aber war völlig geschafft vom ständigen Versuch, aus ihrem Eintopf von Signalen schlau zu werden. Als die Frau aufstand, um zu gehen, blieb ihr Hund neben mir sitzen und rührte sich nicht. Es lag nicht daran, dass ich etwas Besonders gewesen wäre. Viele Hundetrainer erzählen exakt die gleiche Geschichte. Der arme Hund hatte endlich jemanden gefunden, aus dem er schlau wurde, und er wollte das Gefühl der Erleichterung nicht verlieren, das mit dieser Klarheit einhergeht. Sein trauriges, ungeschicktes Verhalten verwandelte sich später in freudige Begeisterung, als meine Kundin begann, ihre Bewegungen zu kontrollieren, wenn sie mit ihrem Hund »sprach«. Heute sind die beiden die dicksten Freunde, so, wie es sein soll.

 

Selbst wenn Sie wissen, welches Signal Sie senden, könnte Ihr Hund es anders verstehen

 

Gestern arbeitete ich mit Mitsy, einer Terriermischlingshündin, die so niedlich ist, dass sie ihren eigenen Walt-Disney-Film verdient hätte. Ihr Verhalten allerdings ist nicht ganz so bezaubernd. Sie ist ängstlich und bellt defensiv große, sich schnell nähernde Männer oder ältere, beim Gehen schlurfende Menschen an – eine Reaktion, die häufig auf ein Potenzial für Aggression hinweist. Ich organisierte mit ihr und ihrer Besitzerin einen Spaziergang durch die Nachbarschaft und bat drei hundeliebende Männer uns zu helfen, indem sie im Vorbeigehen Leckerchen werfen sollten. Mitsy sollte lernen, dass sich nähernde unbekannte Männer nicht nur ungefährlich sind, sondern auch die Geber schmackhafter Leckerbissen. Obwohl ich erklärt hatte, was sie tun sollten, nahm jeder der Männer das Leckerchen in die Hand und ging, anstatt es zu werfen, auf Mitsy zu, beugte sich zu ihr herab und versuchte, ihr das Leckerchen zu reichen. Der dritte Mann beugte sich nicht nur zu ihr, er stürzte beinahe über sie. Vielleicht hätte ich stärker darauf achten müssen, dass wir hinter einem Bordstein standen…

Mit Ausnahme des Bordsteinfluges war das, was unsere Helfer taten, etwas für alle Menschen ganz Natürliches. Obwohl jeder von ihnen genau meine Anweisung gehört hatte, dass sie drei Meter vor Mitsy stehen bleiben und das Leckerchen werfen sollten und jeder von ihnen zustimmend genickt hatte, versuchte jeder, bis zu ihr hinzugehen und seine Hand zu ihr auszustrecken. Ich musste sie alle drei körperlich abblocken, denn ich wusste, wenn sie zu nahe kämen, würde Mitsy Angst bekommen und genau das Falsche lernen. (»Jau, ich hab’s gewusst. Männer sind echt gefährlich.«) So höflich, aber so schnell wie möglich bewegte ich mich vor sie, um sie zu stoppen und grinste wie ein Idiot, um mein Verhalten abzumildern. Meine Arbeit lehrt einen die Kunst, wie man Menschen freundlich herumschubst. Etwas mehr Eingriff erfordert es natürlich, wenn die andere Person eine comicreife Imitation eines Betrunkenen mit Wackelbeinen abliefert und letzten Endes wie ein Sack über Ihnen hängt, während Sie versuchen, Mitsy mit »Braaaaves Mädchen, so ein braaaaves Mädchen« zu beruhigen und gleichzeitig dem Besitzer aus dem anderen Mundwinkel zuzuzischen: »Gehen Sie langsam weg, aber bitte jetzt sofort!«

Für Tierverhaltensforscher und Hundetrainer ist es frustrierend, dass das Verhalten von Menschen so schwer zu beeinflussen ist, aber genau das macht auch Sinn. Weil wir Menschen sind und eben keine Hunde, wissen wir nicht intuitiv, wie Hunde unsere Signale interpretieren. Auch wenn wir uns bewusst sind, was wir mit unserem Körper tun, schauen wir durch einen Primatenfilter, während sie auf den Kanidenkanal geschaltet sind.

 

Begrüßung auf Kaniden- und Primatenart

 

Stellen Sie sich vor, Sie gehen die Straße entlang, sehen einen Bekannten und freuen sich, ihn zu treffen. Was tun Sie? Die meisten von uns rufen seinen Namen, winken vielleicht, um Aufmerksamkeit zu erregen und gehen geradewegs auf ihn zu. Besonders höflich ist es, ihm beim Näherkommen direkt ins Gesicht zu sehen und zu lächeln. Wenn Sie nahe genug sind, um ihn zu berühren, strecken Sie vielleicht Ihre Hand aus, um die seine zu schütteln oder schlingen beide Arme in einer herzlichen Umarmung um seine Brust. Vielleicht bewegen Sie auch Ihr Gesicht direkt auf das seine zu und küssen ihn auf die Wange. Das Allerhöchste an Freundlichkeit ist es, tief in seine Augen zu sehen und ihn direkt auf den Mund zu küssen. Mmmmmh, so schön und liebevoll. Allerdings nicht, wenn Sie ein Hund sind. Diese ach so freundliche Primatenannäherung ist in der Hundegesellschaft absolut ungezogen. Sie könnten genauso gut auf den Kopf eines Hundes pinkeln.

 

Direkte Annäherungen mit dem Kopf voran können für Hunde bedrohlich sein, besonders für scheue bei der Begegnung mit unbekannten Menschen oder Hunden. Beobachten Sie, wie sich zwei gut sozialisierte, aber einander unbekannte Hunde im Park begrüßen. Der höflichste aller Hunde nähert sich von der Seite an, vielleicht in einem 90-Grad-Winkel. Sie vermeiden direkten Blickkontakt. Zwei Hunde, die sich von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen und sich gegenseitig in die Augen starren, bedeuten hingegen ein Problem – ein großes Problem, das ich manchmal bei Fällen von Aggression gegenüber anderen Hunden sehe. Zwar können sich auch Hunde gelegentlich mit dem Gesicht voran begrüßen, aber es ist nicht höflich und führt zu Spannung, manchmal zu Aggression.2 Wenn wir auf Primatenart geradewegs und Gesicht voran auf Hunde zugehen, reagieren diese oft, als würden sie bedroht. Ich muss inzwischen Tausende von Hunden gesehen haben, die sich wohlfühlen, wenn man bei der Begrüßung neben ihnen steht und sie zu sich kommen lässt, die aber aggressiv bellen, sich nach vorne werfen und möglicherweise sogar beißen, wenn man direkt auf sie zugeht, direkt in ihre Augen starrt und mit der Hand über ihren Kopf tätschelt. Höfliche Hunde vermeiden nicht nur direkte Annäherungen, sie begrüßen unbekannte Hunde auch nicht, indem sie ihnen ihre Pfote über den Kopf patschen.

Buchstäblich Hunderte von Kunden haben mir tränenreich Szenarien beschrieben, die dem mit Mitsy Erlebten glichen. Sie bewegen sich mit Hunden auf der Straße, die Angst vor Fremden haben. Ein Fremder nähert sich und geht direkt auf den Hund zu. Mein Kunde bleibt stehen, warnt deutlich, dass der Hund scheu ist und bei Fremden nicht sicher und ersucht, den Hund bitte nicht zu streicheln. Der Fremde sagt etwas in der Art von »Aber warum denn nicht« oder »Oh, aber ich mag Hunde«, beugt sich von Gesicht zu Gesicht zum Hund hinab und streckt die Hand über dessen Kopf. Der Hund weicht entweder ängstlich zurück und lernt dabei ein weiteres Mal, dass Menschen sozial behindert sind, oder er bellt, schnappt oder beißt.

 

Meine jahrelangen Bemühungen, scheuen Hunden zu mehr Vertrauen in Fremde zu verhelfen, haben mich gelehrt, wie stark unser tief verfestigtes Begrüßungsverhalten wirklich ist. Im Anfangsstadium der Behandlung scheuer Hunde ist entscheidend, dass die Menschen ihre Annäherung schon unterbrechen, lange bevor sich der Hund unwohl zu fühlen beginnt. Aber der Drang, frontal auf einen Hund zuzugehen, die Hand auszustrecken und ihn zu berühren, ist so stark, dass er für manche Menschen geradezu überwältigend ist. Es scheint, als könnten wir uns gar nicht zurückhalten. Dieses zwanghafte Bedürfnis, greifend unsere eigenen »Pfoten« auszustrecken, kommt nicht einfach aus dem Nichts: Anfassen und Streicheln hinter dem Kopf ist ein übliches Zeichen der Zuneigung bei vielen Primaten, Schimpansen und Menschen inbegriffen. Der amerikanische Werbeslogan »Reach out and touch someone« – »Streck deine Hand aus und berühre jemanden« – mit der Doppeldeutung, sich aufzuraffen und jemand emotional zu berühren – erinnert uns daran, wie tief verwurzelt die Aspekte von »Hand ausstrecken« und »Anfassen« in unserem sozialen Verhalten sind.

 

Ich hatte mit Hunderten von Fällen wie dem von Mitsy zu tun und lernte dabei, dass es egal ist, was ich sage, und auch egal, was mein Gesprächspartner sagt: Die Handlung, gerade auf einen Hund zuzugehen und die Hand zur Begrüßung auszustrecken, ist so fest programmiert, dass ich Menschen oft körperlich daran hindern muss, es zu tun. Die einzige Lösung ist, mit zwei Personen zu arbeiten: eine bleibt beim Hund und die andere neben dem Fremden, bereit, sich zwischen Fremden und Hund zu stellen, wenn Ersterer nicht der Versuchung einer typischen Primatenbegrüßung widerstehen kann. Ich habe gelernt, einen höflichen »Bodyblock« anzuwenden, damit die Menschen nicht zu nahe kommen, und ich wende ihre schon ausgestreckten Hände vom Hund ab, indem ich ihnen einen Hundekuchen oder Ball zuwerfe.3 Genauso wie Primaten ihre Hände zur Begrüßung ausstrecken wollen, so können wir Menschen scheinbar nicht widerstehen, Dinge aufzufangen, die sich auf uns zubewegen. »Würden Sie bitte dem Hund dieses Leckerchen hinwerfen?«, frage ich dann und werfe es entschlossen dem netten Menschen zu, der sich gerade auf dem Bürgersteig dem Hund nähert. Die meisten Menschen sind dann so mit Fangen beschäftigt, dass sie damit aufhören, die Hand nach dem Hund ausstrecken zu wollen. Ehrlich, man kann Menschen erziehen – es ist nur viel schwieriger als bei Hunden.

 

Umarmen

 

Die Hand ausstrecken ist die eine Sache, aber Umarmen eine andere. Ich habe schon in der Einleitung erwähnt, wie stark unser Drang zum Umarmen ist und wie er möglicherweise mit unserem Primatenerbe zusammenhängt. Dank der Bemühungen Hunderter von Tierverhaltensforschern wissen wir, dass die meisten Primaten Zuneigung durch »ventral-ventralen« Kontakt ausdrücken (Brust an Brust und Gesicht an Gesicht), sich gegenseitig umarmen und andere hinter dem Kopf oder auf den Schultern streicheln. In ihrem Besteller In The Shadow of Man (dt.: Wilde Schimpansen) beschreibt Jane Goodall, dass die Begrüßung einander bekannter Schimpansen Verneigen, tiefes Verbeugen, Händchenhalten, Küssen, Anfassen, Umarmen und Streicheln umfasst. Außer den Menschen sind Schimpansen und Bonobos die größten Umarmer der Tierwelt, sie umarmen sich gegenseitig, wenn sie aufgeregt, glücklich, ängstlich oder von Panik ergriffen sind. In seinem Buch Peacemaking among Primates (dt.: Versöhnung und Entspannungspolitik bei Affen und Menschen) beschreibt Frans de Waal, wie Schimpansen sich überschwänglich küssten, umarmten und gegenseitig am Rücken streichelten, als sie nach einem langen Winter in einer etwas beengten Behausung in ein großes Freigehege gelassen wurden. Genauso wahrscheinlich ist aber, dass sie sich aneinanderklammern, wenn sie unsicher sind. Die gleichen Schimpansen umarmten sich, um sich gegenseitig nach einem nervenaufreibenden Kampf zu trösten, der die gesamte Gruppe aufgemischt hatte. Schimpansen und Bonobos sind außerdem verrückt aufs Küssen, sie küssen sich, wenn sie aufgeregt sind, zur Versöhnung nach sozialen Spannungen oder Kämpfen und zur Begrüßung nach Abwesenheit. Wie viele von uns können nicht widerstehen, ihren Hund zu küssen?

 

Andere Primaten wie Paviane und Gorillas umarmen sich nicht so häufig wie Menschen, Schimpansen und Bonobos, aber eng befreundete Paviane schlingen als Zeichen der gegenseitigen Zuneigung die Arme umeinander, und Gorillas verbringen viel Zeit mit körperlichem Kontakt. Bei allen Affenspezies verbringen Mutter und Kind viel Zeit mit gegenseitigen Umarmungen, die Jungen wachsen während eines Großteils ihrer frühen Jahre in Bauch-zu-Bauch- und Gesicht-zu-Gesicht-Kontakt auf.

Meiner Erfahrung nach sind die Individuen mit dem stärksten Wunsch nach Umarmen und Streicheln eines weichen, lebenden Dinges junge Mädchen und Kinder im Alter zwischen etwa drei und fünf Jahren. Ich habe mit Dutzenden von Familien gearbeitet, in denen süße junge Mädchen angeknurrt, nach ihnen geschnappt oder ihnen ins Gesicht gebissen wurden (Gott sei Dank meistens nicht schlimm), wenn sie ihre Arme um den Hund schlangen. Wie alle jungen weiblichen Primaten sehnen sie sich nach Knuddeln und Berühren. Während sie aber warme, liebevolle Gedanken hegten, interpretierten die Hunde ihre Umarmung als eine grobe, drohende Machtdemonstration.

 

Denken Sie bitte nicht, dass ich einen schnappenden oder beißenden Hund rechtfertigen möchte. Alle meine Hunde tolerieren typisches Primatenverhalten, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Vor Kurzem umarmte eine Dame, die meinen Hof besuchte, Luke so kräftig um den Hals, dass seine Augen buchstäblich hervorzuquellen begannen, bevor ich sie stoppen konnte. »Guter Junge, guter Junge«, säuselte ich, während ich mich beeilte, ihn aus dem Schwitzkasten zu befreien. Er drehte den Kopf und sah kreuzunglücklich aus, aber er versuchte nicht einmal, zu entkommen.

 

Nicht alle Hunde sind so tolerant. Genau wie bei Menschen gibt es unter ihnen verschiedene Persönlichkeiten und verschiedene Lernerfahrungen, und wir können nicht von allen Hunden erwarten, dass sie so höflich sind, wie wir uns das von allen Menschen wünschen (die es oft auch nicht sind).

Die einzige Gelegenheit, bei der Hunde sich »umarmen«, ist, wenn der Rüde die Hündin bei der Paarung umklammert oder wenn ein Hund (männlich oder weiblich) einen anderen als Dominanzgeste oder im Spiel mit bekannten Hunden besteigt. Wenn ein Hund einem anderen in den ersten Sekunden der Begrüßung eine Pfote über den Hals legt, bewegt er sich über die sozial akzeptablen Grenzen guter Hundemanieren hinaus. Ein »Pfotenübergriff« ist der Vorläufer zum »Darüberstehen« in der Hundeethologie, er wird im Kontext der Erstellung einer sozialen Hierarchie angewandt. Manchmal sehe ich Hunde, die es in den ersten Minuten der Begrüßung tun, das sind nicht unbedingt die höflichen. Ich vermute, dass es in der Gesellschaft der Kaniden ungefähr so grob ist wie für uns, jemanden zur Seite zu schubsen, um vor ihm durch die Tür zu kommen. Wenn Hunde sich kennen, tun sie es im Spiel natürlich immer wieder, aber erst, nachdem sie sich angefreundet und gegenseitig zu verstehen gegeben haben, dass sie spielen wollen – genau wie Rugbyspieler auf dem Spielfeld miteinander Dinge tun, die sie sonst nie tun würden.

Die Zahl der Menschen, die keine Ahnung zu haben scheinen, wie Hunde ihr Verhalten interpretieren, scheint erschreckend hoch zu sein. Vor Kurzem sah ich, wie mein Lieblings-Fernsehtalkmaster David Letterman in seiner Sendung von einem Hund gebissen wurde. Er beugte sich nach vorn, schaute dem Hund direkt in die Augen, umfasste das Gesicht des Hundes zu beiden Seiten mit den Händen und näherte ihm sein eigenes Gesicht bis auf wenige Zentimeter an. Völlig zufällig trat er dem Hund dann noch auf den Schwanz. Aber der primäre Auslöser war gar nicht das Auf-den-Schwanz-Treten, wie Letterman annahm. Noch vor dem Biss sah ich voller Panik zu, wie seine Augen sich immer mehr den Hundeaugen näherten, mein Herz raste im Bewusstsein des Unausweichlichen, das gleich geschehen musste. Ich war so besorgt, dass er gebissen würde, dass ich in meinem Bett auf- und abhüpfte und wie ein Idiot in den Fernseher schrie – als ob mich jemand hätte hören können. Für einen untrainierten Menschen, der einfach nur ein Mensch war, war es eine nette und freundliche Geste, dem Hund direkt in die Augen zu sehen. Genauso begrüßt Letterman Julia Roberts und genauso begrüßen wir alle Menschen, die wir wirklich mögen. In der Gesellschaft der Hunde wäre das eine Szene aus einem Horror-Science-Fiction-Film. Nur auf einen Hund zugehen und ihn beißen, könnte noch gröber sein. Der erstaunlichste Aspekt an der Letterman-Geschichte ist, dass der Hund ihn nicht schon eher gebissen hat. Bevor Sie selbstzufrieden werden, denken Sie daran: Letterman benahm sich nur wie ein Mensch – wie auch sonst?

Wenn Sie das nächste Mal einen Hund sehen, den Sie begrüßen möchten, bleiben Sie ein paar Schritte vor ihm stehen, stellen Sie sich eher neben als vor ihn, und vermeiden Sie es, ihm direkt in die Augen zu sehen. Warten Sie, bis der Hund von alleine bis zu Ihnen gekommen ist. Tut er das nicht, möchte er nicht gestreichelt werden. Also streicheln Sie ihn auch nicht. Das ist wirklich nicht zu viel verlangt. Möchten Sie, dass jeder Fremde, der Sie auf der Straße trifft, Ihren Körper anfasst? Wenn der Hund sich Ihnen mit entspanntem, statt mit angespanntem Körper nähert, lassen Sie ihn an Ihrer Hand schnüffeln, und achten Sie dabei darauf, dass Sie Ihre Hand tief halten, eher unter- als oberhalb seines Kopfes. Streicheln Sie unbekannte Hunde immer an den Wangen oder unter dem Kinn. Fassen Sie nicht über ihren Kopf, um sie zu streicheln. Was würden Sie denken, wenn ein Ihnen unbekanntes Wesen von der Größe eines King Kong auf Sie zuwalzt und mit seiner riesigen Pranke von hinten-oben nach Ihrem Kopf langt?

 

Und das Umarmen? Ach, das Umarmen, auch ich bin nur menschlich, und Tatsache ist, dass auch ich manchmal nicht widerstehen kann und meine Arme um Cool Hand Luke oder die ponygroße Pyrenäenberghündin Tulip lege, um mich selbst zu verwöhnen. Meine Hunde dulden es, weil wir uns kennen, weil sie gewillt sind, allen möglichen Blödsinn zu ertragen, nur um meine Aufmerksamkeit zu erlangen, weil ich es nicht tue, wenn sie aufgeregt sind, weil sie gelernt haben, es mit angenehmen Dingen wie beispielsweise Massiertwerden in Verbindung zu bringen, und weil sie Menschen gegenüber relativ unterwürfig sind und vermutlich denken, dass sie eh keine andere Wahl haben. Außerdem wissen sie, wer an das Fleisch im Kühlschrank kommen kann.

 

Kein Zweifel, der Mastiff auf der Bühne hätte mich beißen können, wenn er gewollt hätte. Hunde haben schnellere Reaktionszeiten als Menschen. Obwohl ich zurücksprang, bin ich sicher, er hätte mich erwischen können, noch lange bevor mein Hirn meinem Körper Flucht befohlen hatte. Zu meinem Glück wollte er mich aber einfach nur aus seinem Raum heraushaben, und ich schaffte es, den Zwischenfall zu einem nützlichen Teil meines Seminars zu machen. Das Publikum und ich hatten eine große Diskussion über die Bedeutung visueller Signale. Ich blieb relativ nahe bei dem Mastiff (ich wollte nicht, dass er lernt, wie man Menschen verscheucht, aber er hätte auch nichts lernen können, wenn ich zu dicht bei ihm gewesen wäre) und schaffte es schließlich, dass er sich mit mir gleich an seiner Seite wieder wohlfühlte. Seine Besitzer lernten viel darüber, wie man mit einem großen Hund umgeht, der im Umgang mit Fremden gefährlich war.

Als ich an diesem Abend ins Bett ging, war ich dankbar dafür, dass mein dummer Fehler zu nichts weiter geführt hatte, als dass ich mich wie ein Idiot fühlte. Manchmal denke ich, es ist Hauptaufgabe der Hunde, uns Menschen bescheiden zu halten. Jeder Hundetrainer wird Ihnen sagen können, dass Hunde darin richtig gut sind.

 

2 Übersetzung Äffisch-Hündisch

 

Wie Ihr Körper »spricht« und wie Sie damit sagen, was Sie sagen wollen

 

 

 

Meine Kundin Mary kam am ersten Schneetag dieses Winters nach Hause, gegen die Kälte warm in ihre neue Daunenjacke eingemummelt. Das für den späten November ungewöhnlich milde Wetter hatte schnell in einen Winterschneesturm umgeschlagen. Um sich vor dem Wind zu schützen, hatte sie die Kapuze ihres Parkas fest um ihren Kopf gezogen. Sie freute sich auf die freudige Begrüßung ihres Bernhardiners, der sie immer an der Tür erwartete und dabei ab den Schultern rückwärts mit dem ganzen Körper wedelte. Baron stand hinter der Tür und bellte erwartungsfroh, als Mary die Tür aufschloss. Aber sobald sie eintrat, trat ein Ausdruck von geschockter Überraschung auf Barons Gesicht. Er schaute sie einen Moment lang in stillem Schrecken und mit riesengroßen Augen an, bevor er zwei kurze »Wuffs« hervorbrachte, ins Badezimmer flüchtete, in die Badewanne sprang und sich hinduckte.

Mary war sicher, dass irgendetwas mit ihrem Hund gewaltig nicht stimmte. Sie lief hinter ihm her und rief immer wieder seinen Namen. Als sie ihn in der Badewanne fand, streckte sie die Arme nach ihm aus, um ihm zu helfen, und brachte ihn damit dazu, in Panik aus der Wanne herauszustrampeln und sie dabei mit umzureißen. Schließlich fand er Zuflucht in der Gästetoilette. Mary versuchte voll verzweifelter Sorge über das seltsame Verhalten ihres Hundes fast zehn Minuten lang, ihn dort herauszubekommen. Aber seine gesamten neunzig Kilogramm waren in das Räumchen gezwängt und hatten nicht die Absicht, wieder hervorzukommen – selbst nicht für die Leckerchen, mit denen sie ihn herauslocken wollte. Schließlich gab sie auf und setzte sich entmutigt auf ihr Bett. Inzwischen war ihr warm geworden, sodass sie ihren Kapuzenparka auszog und aufs Bett warf. Sie ging aus dem Raum heraus, um sich etwas zu trinken zu holen – und Baron trottete aus der Gästetoilette heraus hinter ihr her.

Überrascht, ihn hinter sich zu hören, drehte sie sich um und sagte ruhig seinen Namen. Baron, jetzt ruhig und sanft, schleckte mit seiner riesigen rosa Zunge durch ihr Gesicht.

Als wir später im Büro darüber sprachen, fiel Mary ein, dass Baron im Frühsommer zu ihr gekommen war und in seiner Welpenzeit nur Menschen kennengelernt hatte, die mit höchstens einer leichten Jacke bekleidet waren. Noch nie hatte er jemanden gesehen, der seinen Kopf in einer Kapuze versteckt hatte, oder jemanden, der einen Hut trug. Er war ein normaler, freundlicher Welpe, wenn vielleicht auch in Gegenwart von Fremden etwas ruhig. Seine ersten Anbeller galten einem UPS-Mann, der ein großes Paket ablieferte. Mary begann all das zu verstehen, als ich den Raum verließ und einen dicken Kapuzenanorak anzog. Baron fror bei meinem Anblick praktisch auf der Stelle fest, bis ich die Jacke wieder auszog. Man konnte ihn beinahe erleichtert aufseufzen hören.

 

Silhouetten

 

Ich glaube nicht, dass Hunde das Konzept »entfernbarer Teile« genauso verstehen wie wir. Wenn jemand mit einem neuen Hut auf dem Kopf Ihr Haus betritt, nehmen Sie deshalb nicht an, dass er sich in eine Art außerirdisches Wesen verwandelt hat. Aber Hunde tun das, zumindest viele von ihnen. Manche bellen sich die Kehle heiser, wenn ihr geliebter Besitzer mit einem großen Hut auf dem Kopf nach Hause kommt, oder machen riesengroße Augen, wenn sie von jemandem mit einem Rucksack (oder einer Briefträgertasche voll Post) überrascht werden. Bei näherem Nachdenken fragt man sich, warum Hunde eigentlich verstehen sollten, dass sich unsere Silhouetten zufällig verändern. Wir wissen, dass Hunde Formen eine große Bedeutung beimessen. So mancher Hund hat in meinem Büro schon die Silhouette einer auf die Wand gemalten schwarzen Katze angebellt. Noch mehr Hunde werden beim Anblick des lebensgroßen Gemäldes von Bo Peeps (meiner ersten Pyrenäenberghündin) Gesicht wahnsinnig. Zwei dunkle Kreise (ihre Augen) in einem hundeförmigen weißen Oval reichen aus, um eine Bellorgie zu starten, die Tote aufwecken könnte. Hunde bellen meistens dann, wenn Sie es am wenigsten erwarten. Sie schauen auf, weiß der Teufel warum, und wir sitzen alle gemütlich herum, bis ein BARR RARR RARR RARR erdbebengleich die Wände erzittern und unsere Teetassen wackeln lässt. Es ist nur ein Bild, aber ein Bild derjenigen Dinge, die »Hund« für einen Hund bedeuten.

Was sollen also Hunde denken, wenn sie uns mit riesigen, runden, bedrohlichen Augen (Sonnenbrille) sehen oder seltsamen, drohenden Auswüchsen auf unserem Kopf (Hüte) und offensichtlich gefährlichen Wucherungen, die aus unseren Händen und Hüften (Spazierstock, Taschen) sprießen? So intelligent Hunde auch sein mögen, es gibt keinen Grund dafür, dass Hunde verstehen sollten, warum unsere Silhouetten (das so wichtige visuelle Signal, mit dem sie erkennen, wer oder was sich da nähert) veränderlich anstatt gleichbleibend sind. Scheue Hunde lassen sich ganz besonders von Hüten, weiten Mänteln und Taschen abschrecken. Falls Sie einen Hund haben, der Angst vor den seltsamen Erscheinungsformen von Menschen hat, helfen Sie ihm, indem Sie zu Hause ein paar Wochen lang einen Hut tragen. Gewöhnen Sie ihn daran, dass Sie hin und wieder mit einem Rucksack nach Hause kommen oder mit was auch immer sonst ihn beunruhigt. Die meisten Hunde lernen mit der Zeit, unsere insektenähnliche Fähigkeit zur Veränderung unserer Lebensform zu ignorieren, aber manche brauchen ein bisschen Hilfe dabei. Denken Sie mal darüber nach – auch ich habe schon einiges an Outfits gesehen, die ich liebend gerne selbst angebellt hätte.

 

Wenn Sie Ihren Hund zu sich rufen

 

Vor ein paar Jahren sollten mein Border Collie Luke und ich im saftig grünen Gras der Hügellandschaft von Wisconsin lernen, wie man als Team zusammenarbeitet, um eine kleine Schafherde in zwei Gruppen aufzuteilen. Diese »Shed« genannte Übung ist der doppelte Rittberger des Schafehütens. Sie erfordert sekundengenaues Timing und ein Maß von Kontrolle und Können bei Hund und Mensch, wie man es von olympischen Eiskunstläufern kennt. Während sich die Schafherde zwischen Hund und Mensch befindet, ruft der Mensch den Hund zu sich, damit er dabei einige Schafe von den anderen trennt und befiehlt ihm dann, sich auf eine Schafgruppe zu konzentrieren und sie von den anderen wegzutreiben. Luke, ebenso sehr Anfänger wie ich, trieb trotz meines klaren Armsignals immer wieder die falsche Schafgruppe, bis ein erfahrener Schafhüter die Sache mit einer einfachen Beobachtung aufklärte: »Passen Sie auf, dass Ihre Füße und Ihr Gesicht in Richtung der Schafe zeigen, die Ihr Hund treiben soll.« Voilà. Problem gelöst. Zeigewütiger Primate, der ich bin, hatte ich immer nur mit meiner Hand auf die Schafe gezeigt, die Luke wegtreiben sollte. Vermutlich drehte ich dabei meinen Kopf und schaute in Richtung Luke, in dem sinnlosen Versuch, damit sein Tun beeinflussen zu wollen. Luke schaute inzwischen, in welche Richtung mein Gesicht und meine Füße zeigten, und es war immer die der falschen Schafgruppe. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, auf meine Füße und mein Gesicht zu achten und war stattdessen völlig damit beschäftigt, fleißig auf die Schafe zu zeigen, die Luke treiben sollte. Aber Luke ist kein Primat, sondern ein Hund, und wie alle Hunde neigt er dazu, in die Richtung zu gehen, in die ich blicke, und nicht in die, in die ich zeige (haben Sie je einen Hund gesehen, der sein Bein hebt und mit der Pfote irgendwohin zeigt?).

 

Diese ethologische Beobachtung führt zu einem einfachen Tipp, der Ihren Hund dazu bringt, auf Ihren Ruf hin zu kommen. Die beste Methode, einen Hund zum Kommen zu bewegen, ist, sich von ihm wegzudrehen und in die andere Richtung zu gehen (was vom Standpunkt des Hundes aus »zu Ihnen« heißt). Für uns ist das so unnatürlich, dass ich meine Kunden manchmal am Ärmel packen und sie von ihrem Hund wegziehen muss, damit sie sich nicht nach vorn bewegen. Hunde möchten dahin gehen, wohin Sie gehen, und das ist für einen Hund die Richtung, in die Ihr Gesicht und Ihre Füße weisen. Wir Primaten wollen aber unserem Hund gegenüberstehen und zu ihm sprechen. Schauen Sie sich einmal an, wie wir uns bewegen, um die Distanz zwischen uns und anderen Primaten zu verringern – wir gehen geradewegs auf sie zu. Aber das kann für einen Hund ein hinderndes Signal sein. Für ihn kann das aussehen wie ein den Verkehr stoppender Polizist, auf den man sich geradewegs zubewegt. Wenn Sie also »Hier!« rufen und auf den Hund zugehen, sagt Ihre Stimme »Komm zu mir«, aber Ihr Körper »Bleib da!«. Außerdem – wenn Sie auf Ihren Hund zugehen, warum sollte er dann nicht höflich stehen bleiben und auf Sie warten? Selbst die sachteste »Annäherung« kann einen tief greifenden Einfluss auf den Hund haben. Ein sensibler Hund bleibt schon stehen, wenn Sie nur Ihren Körper ein wenig nach vorn lehnen.

 

Die beste mir bekannte Methode, einen Hund visuell zu »rufen«, ist, sich wie ein Hund in einer Spielaufforderung zu bücken, sich vom Hund weg zu drehen und in die Hände zu klatschen. Ihre Version der hündischen Spielaufforderung kommt in der Hundesprache dem Signal am nächsten, das den Hund zum Kommen bewegt. Und letzten Endes haben Hunde unter sich auch kein Signal für »Komm sofort auf der Stelle hierher«. Wenn Sie Haushunde und Wölfe betrachten, so ist nirgendwo in der Literatur etwas beschrieben, das »Komm sofort« bedeutet. Ich rate den Menschen immer, das wie eine Art Zirkuskunststück zu betrachten und nicht wie etwas, das man automatisch von einem Hund erwarten kann. Gute Hunde kommen nicht angetrabt, wenn Sie »Komm« mit Ihrer Stimme und »Stopp« mit Ihrem Körper sagen. Außerdem haben Menschen ja auch kein »Komm«-Signal. Oder lassen Sie sofort Ihre Zeitung fallen und springen aus dem Sessel auf, wenn Ihre Frau Sie ruft? Haben Sie noch nie »Moment noch« gesagt, wenn jemand etwas von Ihnen wollte? Mit Sicherheit sagen unsere Hunde uns genau das die meiste Zeit. »Einen Moment noch. Ich rieche gerade ein Eichhörnchen!« »Einen Moment noch. Ich rieche was zu fressen. Ich bin gleich bei dir.« Gibt es irgendeinen Grund dafür, dass Ihr Hund in seinem Gehorsam von Natur aus besser sein sollte als Sie selbst?

Ich kann Ihnen innerhalb eines kurzen Kapitels nichts raten, das Ihnen garantiert, dass Ihr Hund jedes Mal kommt, wenn Sie rufen. Ich habe bei meinen Hunden mit dem »Komm«-Üben angefangen, indem ich sie gerufen habe, wenn sie gerade nicht zu sehr durch etwas anderes abgelenkt waren. (Gute Lehrer helfen ihren Schülern immer, indem sie mit einem angemessenen Schwierigkeitsgrad beginnen.) Ich rief mit einem klaren, konsequenten Signal wie »Tulip, hier!«, während ich gleichzeitig in die Hände klatschte, mich ein wenig wie zu einer Spielaufforderung nach vorne beugte, meinen Körper zur Seite drehte und mich vom Hund wegbewegte. In der Millisekunde, in der meine Pyrenäenberghündin Tulip begann, sich auf mich zuzubewegen, schmeichelte ich »Gutes Mädchen! Gutes Mädchen!« und lief noch schneller weg. Diese Aktion lockte sie in meine Richtung und belohnte sie gleichzeitig mit einer ihrer Lieblingsaktivitäten – einem Fangmich-Spiel. Hunde mögen Leckerchen und Streicheleinheiten lieben, aber sie lieben es auch, so richtig zu laufen, und das scheint eine wunderbare Belohnung fürs Kommen auf Zuruf zu sein. (Wenn Ihr Hund dabei zu aufgeregt wird, hören Sie zu rennen auf, bevor er Sie erreicht, drehen sich zu ihm hin, bücken sich wie zur Spielaufforderung und geben ihm ein Leckerchen.)

 

Tulip, die für ihr Leben gern Dinge jagt, lernte so, dass es ihr Lieblingsspiel gab, wenn sie auf mein Rufen hin ihr Tun unterbrach und zu mir kam. Ich warf auch öfter einen Ball oder ein Leckerchen hinter mich, wenn sie kam, um das Ganze noch verlockender zu machen. Dass wir dieses Spiel jahrelang gespielt hatten, zahlte sich aus, als Tulip dicht einem Fuchs auf den Fersen war, der aus einer Scheune herausgeschossen kam. Tulip stoppte ihre Jagd sofort, als ich »Nein!« schrie und kam auf mein »Hier!« angerannt. Ich bin immer noch geschwellt vor Stolz und Dankbarkeit. Tulip, die so groß ist wie ein kleines Schaf und rennen kann wie ein Reh, war in vollem Lauf gestreckt und nur noch einen halben Meter vom Fuchs entfernt – beide rasten zwischen den Bäumen den Hügel hinauf. Es ist ihr Job, den Hof vor nicht eingeladenen Kojoten und Füchsen zu schützen, aber da war ein Loch im Zaun, und ich wollte nicht, dass sie das Grundstück verlässt. Einen Border Collie mitten in der Jagd zu stoppen, ist eine Sache. Einen Pyrenäenberghund in seinem Job zu unterbrechen eine andere. Pyrenäenberghunde wie Tulip sind nicht wirklich die Gehorsamsstars auf Hundeplätzen: sie wurden gezüchtet, um ihr Leben mit den Schafen zu verbringen und sie vor Raubtieren zu schützen, und sie sind berühmt für ihre Unabhängigkeit. In gewisser Weise sind sie die Anti-Border Collies. Border Collies, die gezüchtet wurden, um harmonisch mit dem Menschen zusammenzuarbeiten, verwandeln einfache »Sitz!«-Kommandos in eine Präzisionsübung. (»Sitz? OK; kann ich machen. Möchtest du, dass ich so sitze, ein bisschen weiter vor oder ein, vielleicht zwei Zentimeter weiter zurück? Ich könnte versuchen, auf meinem Schwanz zu balancieren, was hältst du davon?«) Pyrenäenberghunde dagegen werden die Erfüllung Ihrer Bitte in Erwägung ziehen, aber für sie bleibt es immer eine Bitte.

Ich muss mit Tulip mindestens fünfmal am Tag »Komm« gespielt haben, als sie erwachsen war. Ich rief fröhlich, aber deutlich »Hier« und machte mein Verhalten für sie verlockend, indem ich mich umdrehte und von ihr weg bewegte, sie mit einem Nachlaufspiel belohnte und einen Ball oder ein Leckerchen warf, wenn sie mich einholte. Aber die Quintessenz bei ihr war, Vorteil daraus zu ziehen, dass ich mehr als einen Hund hatte. Ein paar Mal pro Woche rief ich alle Hunde und gab den ersten drei, die bei mir ankamen, ein Leckerchen. Da Tulip anfangs immer am weitesten weg war, wenn ich rief, und am langsamsten reagierte, kam sie immer als Vierte »ins Ziel«. »Och, so ein Pech, Tulip«, sagte ich, »Meine Leckerchen sind schon alle! Schätze, du musst dich nächstens ein bisschen mehr beeilen.« Das tat sie – nicht, weil sie meine Worte verstand, sondern weil sie lernte, dass eine schnelle Reaktion sich lohnt.

 

Ob das Wegdrehen vom Hund anstelle des zu-ihm-Hinsehens ihn dazu bringt, auf Zuruf die Jagd hinter einem Eichhörnchen her zu unterbrechen? Verlassen Sie sich nicht darauf, aber wenn Sie daran denken, sich von Ihrem Hund wegzudrehen, wenn Sie ihn rufen, und ihn mit Nachlaufen, einem Ball oder Leckerchen belohnen, wird er garantiert öfter kommen als bisher. (Ich finde es in diesem Zusammenhang sehr nützlich, dem Hund außerdem beizubringen, zuerst auf »Nein« hin anzuhalten.)

An all das dachte ich, als ich kürzlich mit meinen Border Collies in unserem örtlichen Park spazieren ging. Wir waren seit einer Stunde unterwegs, die Hunde um die fünf bis zwanzig Meter vor mir in ihrem bequemen, raumgreifenden Hundetrab. Um mich an die Hundeparketikette zu halten, rief ich meine Hunde jedes Mal näher zu mir heran, wenn ich andere Leute oder Hunde näherkommen sah. An diesem Tag war der Park sehr belebt, und ich muss sie mindestens dreißigmal zurückgerufen haben. Sie gehorchten jedes Mal, aber ich fragte mich, was sie wohl über mein ständiges Zurückrufen gedacht haben, wo wir danach doch ohnehin wieder dahin gingen, wo sie gerade schon waren. Arme Hunde; sie müssen glauben, dass wir verrückt sind.

 

Raumordnung und Raumkontrolle

 

Schafe und Schäferhunde lehrten mich, dass jeder von uns das Verhalten von Hunden einfach dadurch beeinflussen kann, dass er den Raum um sich herum kontrolliert. Border Collies tun genau das die ganze Zeit: sie überwachen andere Tiere, egal welcher Art, indem sie den Raum um sie herum nur mit ihren Bewegungen kontrollieren. Schließlich können sie den Schafen oder Rindern keine Halsbänder und Leinen anlegen, also müssen sie auf andere Art und Weise Kontrolle über sie ausüben. Das tun sie, indem sie ihnen den Weg in der Richtung blockieren, in die sie nicht gehen sollen, und ihnen die Bewegung in die Richtung erleichtern, in die sie gehen sollen. Es ist fast wie der Job des Tormannes beim Fußball, der ja auch eher einen bestimmten Raum kontrollieren muss und nicht das Verhalten des Balles. Wenn Sie das übertragen können und lernen, den Raum um Ihren Hund herum zu kontrollieren, brauchen Sie sich nicht mehr auf Halsband und Leine zu verlassen, damit Ihr Hund dahin geht, wo Sie es wollen. Genauso wichtig: Sie können endlich aufhören, nach vorn stürzen zu müssen, um nach seinem Halsband zu schnappen. Ich sehe viel zu oft Hunde, die schnappen oder beißen, wenn ihre Besitzer nach dem Halsband greifen – meistens deshalb, weil sie gelernt haben, dass man anschließend herumgezerrt, gewürgt oder von etwas Interessantem weggezogen wird.

Ich gebrauche heute die ganze Zeit, wenn ich mit meinen Hunden zusammen bin, visuelle Signale zur Raumkontrolle. Sagen wir, ich habe Tulip »Sitz und Bleib« befohlen, und sie beginnt, aufzustehen und die Brotkrümel zu untersuchen, die ich auf den Küchenboden fallen gelassen habe. Wenn sie sich zu meiner Linken von vorn auf mich zubewegt, kontere ich mit meiner eigenen Vorwärtsbewegung und gehe mit nur einem Schritt vorwärts-seitwärts in den Raum, den sie gerade besetzen wollte. Ich nenne das einen »Bodyblock«. Diese eine Bewegung meinerseits reicht, damit Tulip stoppt und ihren Körper in die ursprüngliche Sitzposition zurückschwingt. Ich reagiere, indem ich mich zurücklehne und so den Druck von Tulip wegnehme, bleibe aber bereit, mich wieder nach links oder rechts zu bewegen, falls sie einen neuen Ausbruchsversuch unternimmt. Natürlich klappt das umso besser, je schneller man reagiert. Wenn Sie erst einmal geübt darin sind, brauchen Sie sich nur noch ein paar Zentimeterchen weit nach vorn zu lehnen, wenn Ihr Hund die erste Gewichtsverlagerung als Vorbereitung zum Aufstehen zeigt. Die besten Ergebnisse erreiche ich mit einer Kombination aus Ethologie und grundlegenden Lerntheorien, deshalb gebe ich den Hunden neben den relevanten visuellen Signalen auch Leckerchen, während sie sich im »Bleib« befinden. Während ich mich ihnen mit dem Leckerchen in der rechten Hand annähere, helfe ich ihnen, in ihrer Position zu bleiben, indem ich die linke Hand wie ein Verkehrspolizist vor mir ausstrecke. Beim Hund angekommen, reiche ich ihm das Leckerchen mit einer Rückhandbewegung bis vors Maul, während ich mit der Linken immer noch das unterstützende »Bleib«-Signal zeige. Hunde lernen, dass »alle gute Sachen zu denen kommen, die sitzen oder liegen bleiben«, und sie entwickeln ein felsenfestes »Bleib«, das richtig schwierig aufzuheben sein kann.

 

Ich verwende die Bodyblocks auch, um Hunde davon abzuhalten, ohne Einladung auf meinen Schoß zu springen, mich anzuspringen oder auf meinem Kopf zu tanzen, wie es ein überfreundlicher, 40 Kilo schwerer Dobermann einmal versucht hat. Weil Hunde nicht ihre Pfoten benutzen, um andere Hunde wegzuschieben, begann ich Hunde und Wölfe zu beobachten, um herauszufinden, wie sie den Raum um sich herum kontrollieren. Wolfsforschern sind diese Bodyblocks so vertraut, dass sie sie als eigene Aktionen bezeichnen: »Schulternrempeln« (»Shoulder Slam«) oder »Hüftrempeln« (»Hip Slam«) können in Wolfsrudeln ständig beobachtet werden. Ein Individuum setzt entweder Schulter oder Hüfte ein, um einem anderen Individuum Raum wegzunehmen. Wölfinnen in der Phase des Proöstrus (vor der Läufigkeit), die versuchen, ihren Rangstatus und damit ihr Recht zur Fortpflanzung zu erhalten, sind dafür bekannt, ihr Hinterteil wie in Fahrt gekommene Hockeyspieler herumzuschwingen, um damit andere Weibchen in die Schranken zu weisen. Ich möchte Ihnen um Gottes willen nicht raten, Ihren Hund anzurempeln. Aber die Arbeit mit Hunden wird viel leichter, wenn Sie sich erst der Räume um sich selbst und Ihren Hund herum bewusst geworden sind und wer wann in wessen Raum eindringt.

 

Diese Bodyblocks sind leicht zu lernen, wir beherrschen sie aber scheinbar nicht von Natur aus. Für alle Primaten, uns eingeschlossen, ist es eher natürlich, andere mit den Händen wegzuschubsen. Für einen Hund allerdings kann eine erhobene Hand Unterwerfung, eine Spielaufforderung oder der Beginn eines dominanzbetonten Besteigens sein, aber sie scheint nie »Geh weg« zu bedeuten. Also habe ich damit aufgehört, meine Hunde mit den Händen wegzuschubsen. Stattdessen verschränke ich meine Hände bewusst vor dem Bauch und schiebe meine Hunde mit Schulter oder Hüfte weg, in einer Körpersprache, die sie verstehen. Versuchen Sie es beim nächsten Mal, wenn ein übertrieben enthusiastischer Hund es auf Ihren Schoß abgesehen hat, Sie aber in Ruhe im Sessel entspannen möchten. Halten Sie Ihre Hände vor den Bauch und lehnen sich mit Schulter oder Ellbogen voran im Sessel vor, und zwar lange bevor der Hund bei Ihnen angekommen ist. Sobald der Hund zurückweicht, setzen Sie sich wieder aufrecht hin. Die meisten Hunde geben nicht sofort auf und versuchen es noch ein paar Mal. Vermutlich wurden sie lange Zeit dafür belohnt, jemandem auf den Schoß zu kriechen, und sei es nur mit Aufmerksamkeit. Es hilft außerdem, wenn Sie dabei Ihren Kopf wegdrehen. (Wir kommen später in diesem Kapitel noch einmal auf die Bedeutung des Wegschauens zu sprechen.) Der Schlüssel zum Erfolg ist, dass Sie den Raum für sich in Anspruch nehmen, bevor es der Hund tut, genauso wie ein Border Collie, wenn er nach links schießt, um die Schafe daran zu hindern, durch die Gatteröffnung zu laufen!

Raumkontrolle beinhaltet aber nicht nur, sich hin und her zu bewegen um Räume zu besetzen, sondern auch, wie weit man sich nach vorn oder hinten bewegt, um ein anderes Lebewesen zu kontrollieren – oder anders gesagt, wie viel »Druck« Sie auf Ihren Hund ausüben.

 

Spüren Sie den Druck

 

Die drei Barbados-Schafe auf meiner Farm sehen nicht aus wie gewöhnliche Schafe. Mit ihrer schwarzen, braunen und weißen Designerfärbung und ihrer antilopengleichen Schlankheit sehen sie auf dem irischgrünen Gras meiner kleinen Hofkoppel einfach toll aus. Barbados benehmen sich auch nicht wie andere Schafe. Sie sind schnell, flüchtig und bewegen sich beim kleinsten Anzeichen von Schwierigkeiten wie Quecksilber. Sie flitzen los. Sie hüpfen. Sie rennen mit panisch aufgerissenen Augen in den Zaun oder über Ihren Kopf hinweg, wenn Sie oder Ihr Hund zu viel Druck auf sie ausüben. Sie sind wild, reaktionsschnell und manchmal gefährlich – und ich liebe sie. Adrenalin-Junkies in aller Welt (und welcher Hundetrainer, der mit aggressiven Hunden arbeitet, ist das nicht) können gar nicht anders, als sie zu mögen, weil sie so schnell sind, dass Sie und Ihr Hund genauso schnell sein müssen – oder Sie sind verloren. Der Veranstalter eines Hütewettbewerbs, der Barbados anstatt der üblichen Wollschafe einsetzte, musste den Verlust von fünf Stück verzeichnen, die sich in die Kornfelder aus dem Staub machten und nicht wieder gesehen wurden – das heißt doch – bis einige Monate später eines von ihnen in den Grünanlangen eines Apartmentkomplexes auftauchte. Ein weiteres wurde noch später in einem Tierpark gefunden und brachte die Tierpfleger genauso wie die Wildtierspezialisten darüber zum Staunen, dass ein Tier mit dem Aussehen einer afrikanischen Antilope, in den Vorstädten von Milwaukee überlebt haben konnte.

Die Barbados-Schafe waren vom Prüfungsgelände geflohen, weil sie so sensibel auf Druck reagierten – sensibler als die weißen Wollschafe, was die Hunde und Hundeführer nicht gewohnt waren. Üben Sie ein bisschen zu viel Druck auf eine Herde Barbados aus, und Sie sehen sie vermutlich nie wieder. Ich kenne kein Tier, das Sie dieses so wichtige Konzept vom Druck besser lehren könnte, auch wenn Ihr Hund das vielleicht schon die ganze Zeit über versucht hat.

 

Druck hat auch etwas mit Raum zu tun und damit, wie nahe genau Sie einem Tier kommen müssen, um zu beginnen, sein Verhalten zu beeinflussen. Außer den Weg nach rechts und links zu blockieren, müssen Hunde auch den rasierklingenschmalen Grat zur Fluchtdistanz der Schafe herausfinden, denn wenn sie diese Grenze zu weit überschreiten, bringen sie die Schafe entweder dazu, sich umzudrehen und zu kämpfen, oder über Ihren gerade neu errichteten Zaun zu springen. Diese Aufgabe ist immer eine große Herausforderung, weil der »Druckpunkt« sich ständig ändert – je nach Tag, Schafen und Wetter. Ein guter Hütehund mit angeborenem Sinn für das richtige Maß an Druck ist nicht mit Gold aufzuwiegen, denn er kann die Schafe oder Rinder bewegen, ohne eine wilde Flucht oder einen Kampf zu verursachen. Er treibt die Herde ruhig dahin, wo Sie sie haben möchten. Die besten Hütehunde lassen das so einfach aussehen, dass Sie sich möglicherweise fragen, warum man um diese Sache eigentlich so ein Aufhebens macht. Bis Sie einem Hund ohne das nötige Feingefühl zusehen, der sich zu schnell bewegt und die Herde in Panik versetzt. Das ist im Umgang mit Ihrem Hund genauso wichtig wie im Umgang mit Schafen. Gute Hundetrainer wissen alles über Druck, während die schlechten Druck missbrauchen und Schwierigkeiten verursachen, die hätten vermieden werden können.

Auch Sie sind sich des Drucks bewusst, wenn Sie mit Ihrer eigenen Spezies umgehen. Die meisten menschlichen Primaten wissen, wie viel Druck sie auf jemandes persönlichen Raum, den Individualbereich, ausüben können, ohne beim Gegenüber Stress auszulösen. Wir alle wissen, wie sich das von der anderen Seite aus anfühlt: Wenn jemand uns zu nahe kommt, treten wir gewöhnlich ein paar Schritte zurück. Der andere muss uns nicht einmal berühren, damit wir seine Präsenz fühlen und in uns der Wunsch nach mehr Distanz entsteht. Der Unterschied zwischen einer angenehmen sozialen Distanz und einer unangenehmen kann sehr klein und in Zentimetern (oder Millimetern) messbar sein. Genauso verhält es sich zwischen Ihnen und Ihrem Hund oder einem Hütehund und den Schafen. So, wie der Druckpunkt von Schafherde zu Schafherde variiert, variiert er auch von Mensch zu Mensch, je nach Persönlichkeit und kulturellem Hintergrund – und genauso von Hund zu Hund.

 

Sehr gute Hundeführer wissen genau, wie weit sie sich nach vorn lehnen müssen, um auf den jeweiligen Hund, mit dem sie gerade arbeiten, Druck auszuüben. Kehren wir noch einmal zu dem »Bleib«-Beispiel zurück. Wenn Tulip bleiben soll und Anstalten macht, aufzustehen und sich zu meiner Linken nach vorn zu bewegen, bewege ich mich selbst nach links, um ihr den Weg zu versperren und ihre Vorwärtsbewegung zu stoppen. Aber genau in dem Moment, in dem sie innehält, höre ich mit dem Vorlehnen auf und »nehme den Druck weg«, indem ich mich wieder aufrichte. Genauso, wie ich sie für das Aufstehen aus dem »Bleib« blocken muss, muss ich sie für das Zurückgehen belohnen und keinen weiteren Druck ausüben. Das Lernen dieser Interaktion zwischen Ihnen und Ihrem Hund, dieses Vor- und Zurückverlagern des Gewichtes braucht etwas Zeit, genauso wie jeder Sport oder jeder Tanzschritt. In meinem Büro scheint es, dass die Menschen leicht lernen, wie man Druck ausübt, aber sie gehen anfangs fast immer zu weit oder nehmen den Druck nicht schnell genug wieder fort. Sie können mit Menschen und mit Hunden üben, aber bevor Sie mit dem Ausüben von Druck beginnen, sollten Sie den Hund gut kennen. Zwar ist jeder Hund eine einmalige Kombination von Genetik und Lernen, aber genau wie Menschen passen die meisten Hunde in bestimmte Kategorien. Manche leicht trottelige, sozial ignorante Hunde rennen Sie über den Haufen, egal, wie exakt Sie im rechten Moment auf sie zutreten. Sensible, unterwürfige Hunde weichen schon zurück, wenn Sie in ein paar Metern Entfernung nur Ihren Oberkörper vorlehnen. Und sicher möchten Sie den Unterschied nicht bei zur Aggression neigenden, nach höherem Rang strebenden Hunden ausprobieren, die in die Offensive gehen und auf Sie zukommen.

 

Für einen Verhaltenskundler ist die Richtung, in die der Hundekörper weist (vorwärts oder rückwärts) eine entscheidende Information. Ein Hund mag zwar knurren, wenn ich ihm im Eingangsbereich begegne, aber wenn sein Körper auch nur ein ganz klein wenig nach hinten gerichtet ist, weiß ich, dass er eher in Verteidigungshaltung als angriffsbereit ist. Egal, wie sehr er knurrt und seine Zähne zeigt, die Gefahr ist gering, solange ich keinen Druck auf ihn ausübe.

Viel mehr Sorgen macht mir der ruhige, steifbeinige Hund, der stillsteht und sich nur ein winziges bisschen vorneigt, während er direkt in meine Augen starrt. Hunde, die abwechselnd vor- und zurücktendieren, sind unentschlossen und hin und her gerissen, ob sie angreifen oder flüchten wollen. Sie können unglaublich viel über einen Hund lernen, wenn Sie erst lesen können, in welche Richtung sein Körper tendiert. Sobald Sie dieses Muster im Kopf haben, können Sie es überall sehen – bei dem kleinen Sheltie, der ein winziges bisschen zurückweicht, weil Sie sich vergessen haben und mit Ihrer Pranke über seinen Kopf reichen. Im Park, wenn sich zwei Hunde begrüßen – der eine nach vorne lehnend und der andere zurückweichend. Es wird für Sie so deutlich wie Leuchtreklame, und Sie werden sich fragen, wie Ihnen das vorher entgehen konnte.

 

Natürlich sind unsere Hunde genauso damit beschäftigt, uns zu lesen, wie wir sie. Wenn Sie lernen, Ihren Schwerpunkt leicht nach hinten zu verlagern, wenn Sie einen Hund begrüßen, können Sie damit in der Regel sicherstellen, dass der Hund Ihre Haltung nicht als bedrohlich empfindet. Wenn Sie leicht seitlich positioniert sind mit Ihrem Gewicht auf dem hinteren Fußbereich, haben Sie das vermieden, was Ethologen eine »Intentionsbewegung« zum Vorwärtsgehen nennen. Hunde können das wie ein Plakat lesen. Es muss gar nicht viel sein; wenn man nicht darauf achtet, ist es kaum wahrnehmbar. Wenn Sie es dagegen mit einem kleinen Schafskopf zu tun haben, der nur aus Schlabberzunge und Pfoten zu bestehen scheint, wild herumhüpft und alle Ihre Worte ignoriert, werden Sie natürlich das Gegenteil tun. Sie bewegen sich mit Bestimmtheit nach vorn, nehmen den Raum für sich in Beschlag und setzen Ihren Oberkörper als Signal für Ihre Absicht ein, die Kontrolle zu übernehmen, bevor Sie »Sitz« befehlen.

 

Lies meine Lippen

 

Sandy war ein Cockerspaniel, blond und lockig wie ein kleiner Schönheitsprinz und so süß und niedlich wie eine Puppe. Aber er stand wie ein Kavallerieoffizier in meinem Büro, wie steifgefroren und nach vorne gelehnt, als würde er sich auf die kommende Schlacht vorbereiten. Seine Augen glühten wie Kohlen, als er seine Besitzerin in meinem Büro anstarrte. Die Besitzerin war gekommen, weil Sandy sie gebissen hatte, und zwar nicht einmal, sondern öfter. Die Bisse waren auch nicht nur ein bloßes Schnappen, sie waren tief und wiederholt. »Mehrfachangriff« nennt man das, wenn der Hund wieder und wieder zubeißt und dabei erheblichen Schaden anrichtet. Beim letzten und bislang schlimmsten Vorfall hatte Sandy sich bis zum Unterarm seiner Besitzerin hochgearbeitet und wiederholt kräftig zugebissen, bis er sich schließlich in ihr Ohr verbiss und nicht loslassen wollte. Sie lebte alleine, und es dauerte eine Weile, bis sie sich von dem Hund befreien konnte. Ihr Arm war schlimm verletzt, aber schlimmer noch war ihr gebrochenes Herz. Sie liebte Sandy wie das Leben selbst, und ich zweifle nicht daran, dass auch er sie liebte. Jedenfalls meistens.

Er starrte sie an, wie ich vermute, um sie dazu zu bringen, aufzustehen und ihm ein Spielzeug aus dem Spielzeugkorb zu bringen. Er war schon vorher in unserer Sitzung dorthin gegangen und hatte erst die Besitzerin, dann ein Spielzeug angeschaut. Sie schickte sich an, aufzustehen und ihm das Spielzeug zu holen. Der Spielzeugkorb war niedrig, oben offen und leicht zugänglich. Nichts hinderte Sandy daran, sich das Spielzeug selbst zu holen – außer dass er offensichtlich wünschte, dass sein Frauchen das für ihn tat. Ich schlug ihr vor, dass sie ihn es selbst holen lassen sollte. Sie erklärte, dass sie Sandy immer seine Spielsachen brachte, wenn er sie darum bat. Ich drehte mich um und schaute zu Sandy, der immer noch neben dem Korb stand, langsam mit dem Schwanz wedelte und nun sein Frauchen fest anstarrte. Dieses aber schüttelte den Kopf und sagte versuchsweise »Nein, Sandy, hol es dir selbst«. Während sie das tat, bewegten sich seine Lefzenwinkel etwa drei Millimeter nach vorn. (Klingt das nach einer geringfügigen Bewegung? Nehmen Sie ein Lineal zur Hand, und bewegen Sie Ihren Finger über drei Millimeterstriche. Sie werden erstaunt sein, welch deutliche Bewegung das ist.)

Diese kleine Bewegung sagte mir so viel wie eine blinkende Leuchtreklame. Gelobt sei seine miese kleine Seele dafür, dass er mir diese Vorwarnung gab. Ich schaffte es noch, ein Körnerkissen vor Sandy auf den Boden zu schmeißen und ihn zu stoppen, bevor er sich auf sein Frauchen stürzen konnte. Als das Kissen vor ihm landete, war sein Blick starr und seine Lefzenwinkel waren ganz nach vorn gezogen, die Zähne gefletscht und zum Beißen bereit. Weil ich die Lefzenwinkel sich nach vorn bewegen sah, konnte ich seine nächste Handlung vorhersagen und ihn aufhalten, bevor er sein Frauchen anfiel. In den kommenden Monaten lernte Sandy viel über das Thema Geduld, und seine Besitzerin lernte, eine wohlwollende Führungspersönlichkeit zu sein. Außerdem lernte sie, Sandys Lefzenwinkel mit Adleraugen zu beobachten.

 

Ich hoffe, Sie haben nicht so einen zwingenden Grund wie Sandys Besitzerin, warum Sie die Signale Ihres Hundes lesen lernen sollten, aber die Lefzenwinkel Ihres Hundes können Ihnen viel darüber verraten, was in seinem pelzigen Kopf vorgeht. Für Hunde trifft das Gleiche nicht zu. Wir Menschen ziehen unsere Mundwinkel zum Lächeln zurück und, auf das sehr Allgemeine reduziert, liegt bei uns dafür ebenso wie bei den Hunden ein Gefühl zugrunde. Bei Hunden bedeutet das Zurückziehen der Lefzenwinkel Unterwerfung oder Angst. Manchmal hat es beim Menschen eine ähnliche Bedeutung: Manche Wissenschaftler sind der Meinung, dass sich das menschliche Lächeln aus der Unterwerfungsmimik entwickelt hat, die wir bei vielen Primatenspezies beobachten können. Glückliches Lächeln ist uns allen vertraut, aber überlegen Sie einmal, wie oft Sie schon ein Lächeln gesehen haben, das in irgendeiner Form mit Nervosität zu tun hatte. Vielleicht haben Sie genau wie ich schon einmal gelächelt und dabei gewünscht, Sie würden es nicht tun – wenn Sie zum Beispiel ängstlich auf Prüfungsergebnisse warteten oder eine Autoritätsperson unterwürfig um einen Gefallen baten. Primaten haben eine ähnliche Ausdrucksart, die in gewisser Weise einem nervösen oder unterwürfigen »Lächeln« ähnelt und »open mouth bared tooth display« (dt.: Offener Mund mit Zeigen der Zähne) genannt wird. Sie wird mit entspanntem, freundlichem Sozialkontakt in Verbindung gebracht. Wenig überraschend ist, dass sie häufiger bei Spezies mit relativ entspannten sozialen Beziehungen als bei solchen mit strengen Dominanzhierarchien beobachtet werden kann. Ich möchte behaupten, dass ein Lächeln in gewisser Hinsicht beides bedeuten kann: Soziale Unterwerfung geht selten mit unfreundlicher Aggression einher, und so kann das Lächeln einem Fremden signalisieren, dass Sie ihm gegenüber keine bösen Absichten hegen.

Primaten (Menschen, Schimpansen und Rhesusmakaken eingeschlossen) können anderen mit nach vorn gezogenen Mundwinkeln Bedrohung signalisieren, aber wir können unsere Mundwinkel auch als Ausdruck freudiger Überraschung nach vorn ziehen. (Denken Sie daran, wie Ihr Gesicht aussieht, wenn Sie zu einem Baby oder einem Hund »sprechen«: Ihre Augenbrauen heben sich, Ihre Augen weiten sich und Ihr Mund rundet sich, die Mundwinkel bewegen sich nach vorn, als ob Sie »Ohhhhh« sagen würden. Bei einem Hund ist das aber gewöhnlich ein Zeichen für Ärger und wird »agonistic pucker« (dt.: agonistisches In-Falten-Ziehen) genannt. Jeder Hund, der mich mit solchen vorgezogenen Lefzenwinkeln anbellt, hat meine vollste Aufmerksamkeit. Dieser Hund befindet sich nicht in Verteidigungshaltung, sondern er ist bereit und willens, seiner Drohung Taten folgen zu lassen – nicht ängstlich, sondern mit Bestimmtheit.

 

Eine der Methoden, mit der ich das Wesen von Hunden beurteile, ist, ihnen ein mit Futter gefülltes Spielzeug zu geben und ihre Lefzenwinkel zu beobachten, wenn ich damit beginne, es ihnen wieder wegzunehmen. (Ich benutze jetzt dazu einen künstlichen Arm – dank der großartigen Idee einer Hundetrainerin, Tierheimberaterin und Seminarreferentin namens Sue Sternberg. Nachdem ich mich zehn Jahre lang mit meinen Reflexen und meiner Fähigkeit, Hunde zu »lesen«, schützen konnte, war ich davon begeistert, meine Hand diesbezüglich in Rente zu schicken und einen Stellvertreter zu beschäftigen. Es ist aber trotzdem noch gefährlich, weil hin und wieder ein Hund versucht, sich den falschen Arm hinauf zu meiner Hand oder meinem Gesicht zu arbeiten. Es ist genau wie der Warnhinweis in manchen Werbeanzeigen »Diese Darsteller sind Profis. Vor Nachahmung zu Hause wird dringend gewarnt«.)

 

Wenn ich den Fang eines Hundes beobachte, schaue ich nicht nur, ob er seinen Kiefer anspannt oder mir seine Zähne zeigt; sondern ich beobachte, ob seine Lefzenwinkel vor- oder zurückgehen. Vorwärts korreliert mit rangbestrebten Hunden von der Art, die man nicht in einer Familie mit drei Kleinkindern sehen möchte. In einem verteidigenden Grinsen zurückgezogene Lefzenwinkel bedeuten, auch wenn der Hund mich anknurrt, dass der Hund in Verteidigungshaltung ist und Angst hat, sein Futter zu verlieren, oder Angst vor dem, was gleich kommen könnte. Beide Hunde können beißen, aber bevor Sie mit Prognose und Behandlungsplan für einen Hund beginnen, ist es wichtig, so viel wie möglich über seinen inneren Zustand zu erfahren. Wenn Sie einen Hund haben, der Sie auf diese Weise bedroht, wären Sie gut beraten, einen erfahrenen und humanen Hundetrainer oder Verhaltenstherapeuten zu konsultieren, der Ihnen mit einem maßgeschneiderten Vorgehensplan helfen kann.

 

Kämpfen oder nicht kämpfen?

 

Eine häufige Situation visueller Fehlkommunikation zwischen Menschen und Hunden entsteht, wenn zwei angeleinte Hunde sich zum ersten Mal treffen. Die Besitzer sind oft besorgt, wie ihre Hunde sich wohl verstehen werden. Wenn Sie die Menschen anstatt der Hunde beobachten, werden Sie häufig feststellen, dass diese den Atem anhalten und Augen und Münder als Ausdruck erhöhter Wachsamkeit rund machen. Da diese Verhaltensweisen in der Hundekultur offensive Aggression bedeuten, vermute ich, dass die Besitzer ihren Hunden unbewusst Spannung signalisieren. Wenn man das noch durch Straffen der Leine verstärkt, wie viele Hundebesitzer es tun, kann man in der Tat einen Kampf zwischen den Hunden auslösen. Denken Sie einmal darüber nach: Die Hunde befinden sich in einer sozial gespannten Lage, haben ihr eigenes Rudel zur Unterstützung hinter sich, und die Menschen stehen in einem angespannten, atemlosen, starrenden Kreis um sie herum. Ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich schon beobachtet habe, dass die Hunde zuerst ihren Blick zum eingefrorenen Gesicht ihres Besitzers wenden und sich dann knurrend auf den anderen Hund stürzen. Sie können eine Menge Raufereien zwischen Hunden vermeiden, wenn Sie Ihre Gesichtsmuskeln entspannen, mit Ihren Augen lächeln, ruhig atmen und sich eher von den Hunden wegdrehen, anstatt sich vorzubeugen und noch mehr Spannung in die Situation zu bringen.

 

Wegschauen

 

Sowohl Menschen als auch Hunde drehen ihre Köpfe aus vielerlei Gründen von ihresgleichen weg. Viele dieser Gründe sind mehreren Spezies gemeinsam. Primaten wie Menschen, Schimpansen und Gorillas drehen häufig ihre Köpfe weg, um soziale Konflikte zu vermeiden. Der Primatologe Frans de Waal hebt die Vermeidung von Blickkontakt in sozial gespannten Situationen und das Wiederaufbauen desselben im Laufe der Versöhnung als besonders wichtig hervor. Shirley Strum beschreibt, wie Grüne Paviane ihr Gesicht wegdrehen, um sich aus einem Konflikt mit einem anderen Individuum herauszuhalten. Ein wichtiges Prinzip in der Primatenkommunikation scheint zu sein: »Wenn wir uns nicht sehen können, können wir auch keinen Streit miteinander anfangen.« Das scheint auch für Hunde zu gelten.

Meine Border Collies sind alle ausgebildete Helfer, wenn ich an Fällen von Hund-zu-Hund-Aggression arbeite. Ich kann sie unangeleint mit nach draußen nehmen und mich aufgrund ihrer Ausbildung darauf verlassen, dass sie auf Kommando stehen bleiben, sich hinsetzen, hinlegen, vor- oder zurückbewegen, während ich mich auf den Problemhund konzentrieren kann. Ich habe ihnen nie beigebracht, den Kopf wegzudrehen, wenn ein Hund sie anbellt oder auf sie zustürzt. Sie tun es aber, und ich bin dankbar dafür, weil es eine so effektive Möglichkeit zum Spannungsabbau ist.

Kürzlich kam eine 35 kg schwere Hündin zu uns auf die Farm, damit an ihrem groben Verhalten gegenüber anderen Hunden gearbeitet werden sollte. Abby bellt jeden Hund an, den sie sieht, und stürzt auf ihn los, wir wollten ihr nun ein höflicheres Verhalten nahelegen. Luke saß, wie befohlen, ruhig vor dem Haus, und als Abby auf ihn losstürzte (glücklicherweise sicher von einer starken Leine gehalten und in einiger Entfernung), drehte er langsam seinen Kopf zur Seite, als ob er all ihre nervöse Energie umlenken wolle. Die norwegische Hundetrainerin Turid Rugaas nennt den weggedrehten Kopf ein »Calming Signal«, ein Beschwichtigungssignal, und ich stimme mit ihr darin überein, dass die Geste eine beschwichtigende Wirkung auf andere Hunde hat (allerdings glaube ich nicht, dass Hunde sie unbedingt bewusst zeigen, um einen anderen Hund zu beruhigen).

 

Wir Menschen können das bewusst tun, was Wolfsforscher »Lookaways« nennen, indem wir unsere Köpfe zur Seite drehen, wenn wir einen unbekannten Hund begrüßen oder spüren, dass sich Spannung aufbaut. Sie können Ihren Kopf auch etwas emporrecken – das ist etwas, was ein aufmerksam gespannter, zum Angriff bereiter Hund nie tun würde. Viele Säugetiere recken den Kopf, um mehr Informationen über die Welt um sie herum zu sammeln. Sie tun es fast immer, wenn sie neugierig und relativ entspannt sind. Wenn Sie Ihren Kopf emporrecken, signalisieren Sie dem Hund, dass Sie entspannt sind – was maßgeblich dazu beitragen kann, auch den Hund zu entspannen.

 

Das Wegdrehen des Kopfes lenkt nicht nur Spannung ab. Genau wie ein Lächeln kann es viele Bedeutungen haben. Meine riesige Pyrenäenberghündin Tulip schaut jeden Abend zur Seite, wenn die unterwürfige Pip zu ihr herangekrochen kommt und nach Aufmerksamkeit sucht. Pip legt sich auf die Seite, klopft mit der Rute, hält ihren Kopf tief und ihre Lefzen zu einem unterwürfigen Grinsen verzogen, während sie zu Tulip hinrobbt und um die Aufmerksamkeit der Alphahündin bettelt. Matriarchin, die sie ist, lässt Tulip sich nur selten herab, Pip die ersehnte Aufmerksamkeit zu gönnen. Tulip hebt ihren riesigen, quadratischen Kopf ein wenig, Nase in der Luft, und dreht ihr Gesicht von Pip weg.

Rangniedere Hunde streben nach Interaktion, aber ranghohe Hunde entscheiden, ob sie eine Audienz gewähren oder nicht. Manchmal lässt Tulip sich dazu herab, sich wieder umzudrehen und Pips Gesicht zu beschnüffeln (während Pip vor Hingabe zu vergehen scheint). Meistens aber ignoriert sie Pip so lange, bis diese aufgibt und weggeht.

 

Was also sollte Ihr Hund denken, wenn Sie jedes Mal bei seinem Kommen sofort Ihr Tun unterbrechen und mit Streicheln und Aufmerksamkeit reagieren? Wer macht die Hausordnung im Wohnzimmer? Es ist ganz leicht, Ihrem Hund beizubringen, wie er Aufmerksamkeit von Ihnen bekommt. Genau das tun Sie unbewusst, wenn Sie jedes Mal reagieren, sobald Ihr Hund etwas von Ihnen erbittet (oder verlangt). Vielleicht fragen Sie sich jetzt, was er daraus lernt. Möglicherweise, dass er immer wichtiger ist als alles andere, was Sie gerade tun.

Auf der anderen Seite entstehen die größten Probleme aus dem, was manche Hunde eben nicht lernen. In meinem Büro sehe ich ständig Hunde, die genau wie ein zweijähriges Kind keine Frustrationstoleranz haben. Sie haben immer bekommen, was sie wollten. Genau wie ein Kind müssen sie gelegentlich Frustration ertragen und wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Frustration ist ein häufiger Grund dafür, dass ein Hund – oder jedes beliebige andere Säugetier – aggressiv wird. Wenn Sie möchten, dass aus Ihrem Hund ein höflicher Haushund und ein gutes Familienmitglied wird, müssen Sie ihn genauso aufziehen, wie Sie es mit einem Kind tun würden, und ihm beibringen zu ertragen, dass man nicht immer das bekommt, was man gerne möchte.

 

Wenn Ihr Hund um Ihre Aufmerksamkeit bettelt, während Sie gerade mit etwas beschäftigt sind, brechen Sie den Blickkontakt zu ihm ab. Sie können ihn mit Ihrem Oberkörper in einem Bodyblock wegschieben (denken Sie daran, nicht Ihre Hände einzusetzen) oder Ihren Kopf (mit erhobenem Kinn) in wohlwollender, aber königlicher Zurückweisung abwenden.

 

Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell Hunde weggehen, wenn Sie den Blickkontakt zu ihnen unterbrechen. Genauso bemerkenswert ist, wie schwer es uns Menschen fällt, das auch zu tun, wenn wir gerade versuchen, unsere Hunde zu irgendetwas zu bringen. All unsere Instinkte scheinen uns zu befehlen, den Hund anzusehen, genau wie das Primaten tun, wenn sie direkt mit einem anderen Mitglied der Gruppe kommunizieren. Aber die am besten funktionierende Geste, die wir übrigens auch selbst gebrauchen, ohne es zu merken, ist dieser leicht arrogante, unnahbare Ausdruck, wenn wir unseren Kopf ablehnend wegdrehen. Er funktioniert bei Hunden genauso gut wie beim Menschen. Ehrlich. Ihr Hund kann Sie genau wie jeder andere in Ihrer sozialen Gruppe als selbstverständlich zur Verfügung stehend betrachten. Die meisten von uns hassen es, als selbstverständlich zur Verfügung stehend betrachtet zu werden. Sie können sich deswegen von Ihnen bekannten Menschen vor den Kopf gestoßen fühlen, aber Sie müssen es sich nicht von Ihrem Hund gefallen lassen.

 

3 Miteinander im Gespräch

 

Wie Hunde und Menschen verschieden mit Lauten umgehen, und was Sie ändern können, um besser mit Ihrem Hund zu kommunizieren

 

Es war Frühling, und meine Pyrenäenberghündin Tulip war hin und weg. Jedes Gramm ihres riesigen Körpers stand erwartungsvoll zitternd über dem toten Eichhörnchen, und sie sog die Düfte ein, die von diesem Recyclingprojekt der Natur emporstiegen. Obwohl von der Duftwolke überwältigt, muss Tulip gehört haben, wie ich sie rief, denn sie drehte ihren Kopf, wenn auch nur kurz, in meine Richtung und widmete sich dann wieder wichtigeren Dingen im Leben – nämlich etwas von dem wunderbaren Duft in ihrem langen, weißen Fell einzufangen. Tulip weiß ein schönes Wälzen auf einem toten Tier zu schätzen, genauso wie ich ein genüssliches, langes Schaumbad mit Lavendelduft. Unzählige Male habe ich zugesehen, wie sie sich schmachtend und mit einem breiten Grinsen im Gesicht auf ihren Rücken rollte und die Duftessenz von totem Eichhörnchen, Kuhfladen, totem Fisch oder Fuchsköteln in ihren Pelz rieb.

 

»Tulip«, schrie ich zum zweiten Mal und ging näher auf sie zu. Dieses Mal zuckte sie nicht mit einem Ohr. Nicht die leiseste Wahrnehmung meiner Existenz. Mein Rufen war diesmal lauter, weil ich langsam wahnsinnig wurde, wie ich da im strömenden Regen stand und klitschnass wurde, weil mein riesiger, ferkeliger Hund mich abblitzen ließ. In etwa einer halben Stunde erwartete ich Gäste zu einer gepflegten Dinnerparty. Ich wollte nicht, dass das Essen von einem großen, nassen und wie der Tod persönlich riechenden Hund untermalt wurde. Aber letzten Endes rollte sich Tulip gar nicht in dem stinkigen Chaos unter ihr, weil ich zur Besinnung kam und mich nicht mehr wie ein Hundebesitzer, sondern wie ein professioneller Hundetrainer benahm. »Nein«, sagte ich, diesmal ruhig, aber mit grabestiefer Stimme. Tulip hörte auf zu schnüffeln und drehte ihren Riesenschädel, um mich direkt anzuschauen. »Tulip, komm!« Das »Komm« hörte sich an wie die fröhliche Einladung zum Kaffeetrinken an einen Nachbarn. Mit einem kurzen Blick auf den Schatz unter ihr drehte sich Tulip wie eine Ballerina um und rannte zu mir. Wir sausten gemeinsam zum Haus und ließen meinen armen, leidgeprüften Fußboden einmal mehr schmutzig-schlammig werden, als wir zu Tulips Lieblingsleckerchen in Richtung Kühlschrank strebten.

Tulip hatte genau das getan, was ich ihr von Anfang an gesagt hatte. Zuerst hatte ich »Tulip!« gesagt – ich meinte »Komm her«, aber sagte stattdessen nur ihren Namen und erwartete, dass sie Gedanken lesen und meinem unausgesprochenen Wunsch Folge leisten könnte. Sie nahm höflich von meiner Anwesenheit Notiz und äußerte eine hündische Version von »Wow, guck mal! Ich hab ein totes Eichhörnchen gefunden, und es sind sogar Maden drin!«, um dann mit dem weiterzumachen, bei dem ich sie unterbrochen hatte. Als ich ihren Namen zum zweiten Mal rief, gab ihr das keine andere Information als beim ersten Mal. Aber als ich klar mitteilte, was ich wollte, tat sie exakt das Verlangte. Tulip hat gelernt, dass »Nein« bedeutet »Tu nicht, was du gerade tust« und dass »Tulip, komm« bedeutet »Bitte hör mit dem auf, was du gerade tust und komm sofort her«. Sie tat es, sobald ich mich zusammengerissen und ihr gesagt hatte, was ich von ihr wollte.

Da ich angewandte Tierverhaltensforscherin und professionelle Hundetrainerin bin und meine Doktorarbeit über akustische Kommunikation zwischen Ausbildern und ihren Arbeitstieren geschrieben habe, sollte man meinen, dass ich diese Sache im Griff habe. Aber es gibt eine Falle: Ich bin ein Mensch.

 

Entschuldigung, hast du was gesagt?

 

Wenn es etwas gibt, das Menschen als Spezies definiert, ist das die Sprache. Wissenschaftler haben lange die Frage gestellt, was Menschen von Affen wie Schimpansen oder Bonobos unterscheidet. Wir begannen um das Jahr 1800 mit einer langen Liste möglicher Antworten, zu denen der Gebrauch von Werkzeugen, Altruismus, die Bildung sozio-politischer Systeme und Sprache gehörten, um nur einige zu nennen. Je mehr wir über unsere nächsten Verwandten lernten, desto kürzer wurde die Liste. Schauen Sie einmal, was John Mitani 1996 in Great Ape Societies schrieb:

 

»Fortgesetzte Forschungen in Gefangenschaft und im Feld haben die früher lange Liste von Merkmalen, die verwendet werden könnten, um die afrikanischen Affen vom Menschen zu unterscheiden, immer weiter verkürzt; und im Zuge dieser Forschungen wurde immer klarer, dass unsere menschliche Einzigartigkeit nur von einem einzigen Charakteristikum abhängen könnte, nämlich von unserer Fähigkeit zum Gebrauch von Sprache.« Und Junge, wie wir Sprache gebrauchen! Als lebende und atmende verbale Maschinengewehre reden wir unaufhörlich mit unseren Hunden. Der Drang dazu ist so stark, dass ich genauso wie jeder andere mir bekannte Profitrainer auch zu tauben Hunden spreche, obwohl ich weiß, dass sie mich gar nicht hören können. Der Versuch, nicht zu sprechen, lenkt uns so sehr ab, dass es uns stört, also sprechen wir lieber weiter. Dieser Gebrauch von Sprache ist so tief in unserer Natur verankert, dass Menschen mit Hörbehinderungen eine eigene Zeichensprache mit kompletter eigener Grammatik und Syntax entwickelt haben. Kinder, die ohne Führung Erwachsener heranwachsen, erfinden ihre eigene primitive Sprache. Alle Menschen, egal aus welchem Kulturkreis und mit welchen physischen Fähigkeiten, scheinen vom Wunsch getrieben, mithilfe von Sprache zu kommunizieren. Tatsächlich ist gesprochene Sprache so wichtig für uns, dass wir darüber oft die Macht der Körpersprache vergessen.

 

Nicht einmal Schimpansen oder Bonobos haben eine verbale Sprache, die unserem komplizierten Gebrauch von Lauten nahekommt. Viele Tierarten, von Walen über Raben bis hin zu Honigbienen haben komplizierte Kommunikationssysteme, aber keine Spezies gebraucht Laute in einer solchen Komplexität wie der Mensch. Wir wissen seit Jahrzehnten, dass man Affen beibringen kann, visuelle Signale zur Übermittlung relativ komplexer Informationen zu verwenden. Ein afrikanischer Graupapagei namens Alex lernte, Dutzende von Worten zu sprechen und auf sie zu antworten, darunter auch solche, die abstrakte Konzepte wie größer, verschieden oder Farbe bedeuten.

 

Auch wenn die Kommunikationsforschung zweifellos noch mehr Evidenz für die linguistischen Fähigkeiten und die Intelligenz nichtmenschlicher Lebewesen finden wird, bleibt unser raffinierter Umgang mit Lauten doch einzigartig. Das macht es umso überraschender, dass wir so viele Schwierigkeiten damit haben, Sprache zur Verständigung mit unseren Hunden effektiv einzusetzen. Nehmen Sie mich als Beispiel, wie ich in der vorhergehenden Geschichte gedankenlos »Tulip!« sagte, um sie vom Beschnüffeln eines Eichhörnchenkadavers abzubringen und ins Haus zu manövrieren. »Tulip« was? Wenn Sie gerade sehr in etwas vertieft wären, und jemand würde Sie beim Namen rufen, würden Sie vermutlich »Was?« oder »Ja?« oder »Moment noch« antworten. Sie wüssten nicht notwendigerweise, was der Rufer von Ihnen wollte. Wir aber bringen unsere Hunde ständig in diese Situation – wir rufen sie beim Namen und erwarten, dass sie unsere Gedanken lesen.

 

Hunde kommen nicht Deutsch sprechend und nicht mit der Fähigkeit zum Gedankenlesen auf die Welt. Wenn Ihr Hund nicht auf Ihr Kommando hört, kann der Grund dafür gut sein, dass er verwirrt ist. Natürlich können Hunde die Bedeutung vieler Worte lernen. Genau wie wir haben sie ein prima Hörvermögen und die besten Voraussetzungen, um anhand von Lauten und Geräuschen Informationen über die Welt um sie herum einzuholen. Glückliche, gut erzogene Hunde ziehen eine riesige Menge von Informationen aus den Geräuschen, die ihre Menschen machen. Hunde lernen sogar die Bedeutung von Worten, bei denen wir das gar nicht wollen – sie rennen unter den Tisch, wenn Sie »Baden« sagen, oder sie stürzen bellend hinüber zum Schrank, wenn Sie Ihre zweibeinige Freundin fragen, ob sie mit Ihnen »abendessen« gehen möchte. Wenn man unser Verhalten sorgfältig analysiert, ist es meiner Meinung nach eigentlich ein Wunder, dass unsere Hunde uns überhaupt verstehen.

 

Das Beste an unserer Sprache macht uns zu den schlechtesten Trainern

 

John und Linda waren ganz für ihren neuen Welpen da und hätten in den Erziehungsstunden nicht mehr Spaß haben können. Sie kamen begeistert zu jeder Unterrichtsstunde, lachten über meine Witze (gepriesen seien sie), machten ihre Hausaufgaben und strahlten voller Liebe zu ihrem neuen Golden Retriever. »Ginger, komm!«, sagte John, als er sie während einer Übungslektion zum Herkommen rief. Ginger hatte gerade entdeckt, dass auf einem in der Nähe stehenden Tisch Leberstückchen zur Belohnung lagen, und zuckte nicht mit einem Ohr. »Hierher, Ginger«, wiederholte John und endete mit »Komm schon. Gutes Mädchen. Komm her. Hierher.« Johns eifrige Mitteilungsversuche führten zwar zu Atemlosigkeit und zunehmender Frustration auf seiner Seite, konnten Ginger aber nicht davon überzeugen, die Leberstückchen auf dem Tisch in Ruhe zu lassen. Allerdings lernte sie, eine Menge interessanter Geräusche von ihrem unglücklichen Besitzer zu ignorieren. Wenn man kein Deutsch versteht, klingt »Ginger, komm« überhaupt nicht wie »Hierher«, aber Menschen scheinen nicht anders zu können, als möglichst viele verschiedene Worte für ein und dasselbe Kommando zu verwenden.

 

Das ergibt einen Sinn, wenn man näher darüber nachdenkt. Eines der beeindruckendsten Merkmale unserer Sprache ist ihre Flexibilität. Schauen Sie mal auf all die Möglichkeiten, mit denen wir ein und dasselbe sagen können. »Komm her«, »Hierher«, »Komm hier rüber«, »Komm zu mir«, »Hier«, »Hey, Ginger!« und so weiter und so fort. Diese Fülle an Worten ist ein Segen für uns und ein Fluch für unsere Hunde. Das Lernen einer Fremdsprache ist schon schwierig genug, ohne dass die Vokabeln sich jede Minute ändern. Wie würden Sie sich anstellen, wenn das fremde Wort, das Sie sich gerade zu merken versuchen, ständig zufällig seine Form verändert? Sie würden vermutlich tun, was viele unserer Hunde tun, nämlich einfach nicht mehr hinhören.

 

Fast jedes irgendwann einmal geschriebene Hundeerziehungsbuch rät, einfache Kommandoworte auszuwählen und diese konsequent zu gebrauchen – und fast jeder Hundebesitzer auf der Welt missachtet diese Regel andauernd. Wie kann bloß die intelligenteste Spezies auf der Welt so idiotisch sein, wenn es um eine so einfache Regel geht? Meiner Meinung nach gibt es dafür mindestens zwei Gründe. Erstens gebrauchen wir Menschen ständig Synonyme, und es geht gegen unsere Natur, zu lernen, immer nur ein und dasselbe Wort für ein Kommando zu gebrauchen. Das Variieren von Worten hat große Vorteile: es erlaubt uns feine Nuancen und eine Finesse, die uns bereichert. Aber was für eine Herausforderung muss es für die armen Hunde sein, in einer fremden Kultur mit Gastgebern zu leben, die ständig verschiedene Bezeichnungen für die gleichen Dinge gebrauchen. Es ist ein pures Wunder, dass nicht alle unsere Hunde die Flucht ergreifen.

 

Ein zweiter Grund dafür, dass wir so unfähig sind, ein Wortkommando auszuwählen und dann auch dabei zu bleiben, ist, dass fast alle Tierarten, von der einzelligen Amöbe bis zu komplizierten Säugetieren, ein »Habituation« (Gewöhnung) genanntes Verhalten veranschaulichen. Gewöhnung findet statt, wenn ein Organismus (oder sogar ein Einzeller) beginnt, etwas zu ignorieren, was ohne bedeutsame Folgen wieder und wieder geschieht. Man betrachtet dies als eine einfache Form des Lernens, die so gut wie alle Tiere zeigen. Sie ist der Grund dafür, warum Sie den Zug nicht mehr hören, wenn Sie ein paar Monate in der Nähe der Gleise gelebt haben. Ihretwegen können bedrängte Ehegatten erfolgreich ständiges Nörgeln ignorieren. Und sie kann auch der Grund dafür sein, warum Ihr Hund noch nicht einmal aufschaut, weil Sie zu oft »Hier« gerufen haben und dann hilflos weggingen, weil er ja doch nicht hörte. Der Hund lernte, dem Geräusch »Hier« nicht mehr Bedeutung beizumessen als dem Wind in den Bäumen, denn schließlich muss er seine Aufmerksamkeit ja auch auf bedeutsamere Geräusche konzentrieren wie zum Beispiel ein in die Auffahrt einbiegendes Auto oder das Klimpern des Schlüsselbundes.

 

Tiere können sogar unbewusst handeln, um Gewöhnung zu verhindern. Das könnte erklären, warum manche Vogelarten die Noten in ihrem Gesang variieren. Es könnte auch ein weiterer Grund dafür sein, warum menschliche Primaten so leicht von einem Wort auf das andere umschalten. Vielleicht, weil wir unbewusst die Verwendung eines Geräusches fallen lassen (besonders, wenn es nicht die erhoffte Wirkung zeigte) und ein anderes versuchen, um entweder Gewöhnung zu verhindern oder in der Hoffnung, dass ein anderes Geräusch besser funktionieren wird. Das ist eine schöne Theorie, aber irgendwann gehen uns die Möglichkeiten aus, etwas Neues zu sagen, und unsere Hunde ignorieren uns letzten Endes ohnehin. Anstelle unseres unpräzisen Umgangs mit Worten bei der Kommunikation mit unseren Hunden gibt es viele Dinge, die Sie tun können, damit Ihr Hund Sie besser verstehen kann. Die meisten davon sind weder schwierig noch zeitraubend.

 

Beginnen Sie damit, bewusst auf die Worte zu achten, die Sie im Umfeld Ihres Hundes gebrauchen. Sie können sogar aufschreiben, was Ihrer Meinung nach Ihre Signalworte sind. Überlegen Sie präzise, welche Worte genau Sie benutzen. Sagen Sie »Fuß«, »Bei Fuß« oder beides?

»Schlüsselbund« und »bunt« teilen gleichlautende Klänge miteinander, bedeuten aber für uns etwas Unterschiedliches. Wie soll Ihr Hund wissen, ob »Bei Fuß« das Gleiche bedeutet wie »Fuß«? Würden Sie das können, wenn es sich um zwei Ihnen unbekannte Sätze auf Kisuaheli handeln würde? Denken Sie darüber nach, wie Sie jedes der Worte sagen, das Sie gebrauchen, wenn Sie zu Ihrem Hund sprechen. (Sie können ein und dasselbe Wort verschieden aussprechen und ihm damit verschiedene Bedeutungen geben – wir kennen selbst den Unterschied, den es macht, ob unser Name zärtlich geflüstert oder laut geschrien wird.) Versuchen Sie, eine symbolische Entsprechung dafür aufzuschreiben, wie sich ein Wort anhört, wenn Sie es sagen. Steigt die Intonation Ihres »Platz« am Wortende nach oben (wie eine Frage), oder geht sie nach unten (wie eine Feststellung)?

Beginnen Sie damit, sich selbst zuzuhören, und bitten Sie Familie und Freunde, darauf zu achten, was Sie tatsächlich zu Ihrem Hund sagen. Nach etwa einem Tag dieser Übung werden Sie sich am liebsten in ein Mauseloch verkriechen. (Kein Wunder, dass so viele Hunde ihre Hundehütte lieben.) Die meisten von uns sprechen zu ihren Hunden wie ein ganzes Wörterbuch, wir ersetzen mal dies, mal jenes Wort für das gleiche Kommando. Bevor Sie sich selbst gar nicht mehr leiden können, denken Sie einfach daran, dass Sie ein Mensch sind und dass Menschen das nun einmal so tun. Wenn Sie andererseits feststellen, dass Sie klar und konsequent sind, dann herzlichen Glückwunsch. Gönnen Sie sich einen schönen, großen, frischen Knochen.

 

Wenn Sie sich ernsthaft mit diesem Thema befassen möchten, lassen Sie sich filmen, oder nehmen Sie sich auf Tonkassette auf. Versuchen Sie, Aufnahmen zu machen oder machen zu lassen, wenn Sie nicht an die Aufnahme denken. Ganz wichtig ist, dass Sie genau herausfinden, was Sie sagen, wie konsequent Sie in Ihren Äußerungen sind und wie konsequent die ganze Familie darin ist.

Wenn Ihr Gehirn erst einmal beginnt, bewusst auf das zu achten, was Sie sagen, werden Sie schnell und ohne große Mühen konsequenter. Eine bewährte Standardmethode zur Verhaltensmodifikation bei Menschen, die auf Diät sind oder mit dem Rauchen aufhören möchten, ist, sie genau notieren zu lassen, wann sie was gegessen oder wann sie geraucht haben. Ohne sich aktiv zu bemühen, beginnen diese Menschen, weniger zu essen oder zu rauchen – einfach deshalb, weil sie ihre Aufmerksamkeit auf ihr Verhalten lenken, anstatt etwas gedankenlos zu tun. Achten Sie also einfach auf sich selbst, und Sie werden automatisch konsequenter.

 

Was bedeuten überhaupt all diese Geräusche?

 

Wenn Sie darüber nachgedacht haben, welche Worte Sie in der Kommunikation mit Ihrem Hund verwenden, ist der nächste Schritt, aufzuschreiben, was diese Worte genau bedeuten. Mit anderen Worten – was soll Ihr Hund für Sie tun, nachdem Sie ihm etwas gesagt haben? Das klingt so einfach, und doch sind selbst Profitrainer von sich selbst überrascht, wenn sie sich hinsetzen und eine Liste ihrer Kommandos aufschreiben. Viele von uns haben selbst keine klare Vorstellung davon, was wir von unseren Hunden erwarten, also überrascht es nicht, dass unsere Hunde sie auch nicht haben.

 

Zum Beispiel sagen viele von uns »Aus«, wenn der Hund den gerade apportierten Ball hergeben soll und zehn Minuten später »Aus«, wenn er Tante Grete anspringt. Also was nun? Was soll Ihr Hund tun, wenn Sie »Aus« sagen? Ihnen den apportierten Ball in die Hand geben? Mit Hochspringen aufhören und alle vier Pfoten auf dem Boden lassen? Vom Sofa herunterspringen? Natürlich wissen Sie, dass ein Wort in verschiedenen Zusammenhängen verschiedene Bedeutungen haben kann, aber unsere Aufgabe ist es, die Dinge für unsere Hunde so einfach wie möglich zu machen, und nicht, den lieben langen Tag Intelligenztests mit ihnen durchzuführen. Das Leben Ihres Hundes wird sich enorm verbessern, wenn Sie lernen, für jedes von Ihnen gewünschte Verhalten ein unterschiedliches Kommando zu gebrauchen.

Hier ein weiteres Beispiel dafür, wie Sprache unsere Hunde verwirrt: Viele Trainer weisen die Hundebesitzer in Kursen neuerdings an, ihre Hunde sitzen zu lassen und sie dann mit »Brav Sitz« zu loben. Aber schauen Sie sich diese Worte einmal aus der Perspektive des Hundes an. Wenn »Sitz« bedeutet »Bring dein Hinterteil auf den Boden« und Sie das jedes Mal von Ihrem Hund möchten, wenn Sie das Wort sagen, was soll er dann damit anfangen, wenn er »Sitz« hört, obwohl er schon sitzt? Ich weiß, dass Ihr Hund schlau ist, aber von ihm zu erwarten, Ihre Gedanken zu lesen, um herauszufinden, wann »Sitz« »Tu etwas« bedeutet und wann »Tu gar nichts, ich spreche von etwas, das du schon getan hast«, ist ein bisschen viel verlangt – selbst für den intelligentesten Hund der Welt. Die Reihenfolge der Worte zu ändern, ist eine grammatikalische Änderung, und von Hunden ein Verständnis der menschlichen Grammatikregeln zu erwarten, ist illusorisch.

 

Wochenlang habe ich meine Border Collies mit dem Versuch verrückt gemacht, ihnen beizubringen, als Gruppe an der Tür zu warten und dann einzeln nacheinander hinauszugehen. Jeder Hund sollte erst dann hinausgehen, wenn ich seinen Namen und anschließend »OK« sagte. Sobald ich »OK« sagte, standen (was kaum überrascht) alle Hunde auf und stürmten nach vorn, egal, welchen Namen ich vorangestellt hatte. Ich wusste, dass es schwierig für sie werden würde, weil jeder von ihnen gelernt hatte, dass »OK« so viel bedeutet wie »Lauf voran und tu, was du willst«. Aber ich dachte, wenn ich nur klar und geduldig genug sein würde, müssten sie lernen, nur dann vorauszugehen, wenn sie das »OK« hinter ihrem jeweiligen Namen hörten. Nach ein paar Wochen war ich frustriert, und meine Hunde waren verwirrt. Pip war so gestresst, dass sie zu winseln begann. Pip verknüpft ein Geräusch und eine Handlung schneller miteinander als jeder Hund, den ich je hatte, aber sie konnte nie verstehen, dass »OK« sich nur dann auf sie beziehen sollte, wenn davor ihr Name gesagt wurde. Sie saß schließlich wartend vor der Tür, und wenn ich beispielsweise sagte »Luke, OK«, bewegte sie sich vor und zurück, offenbar verunsichert, was sie tun sollte. Sie suchte mein Gesicht nach Hinweisen ab und begann schließlich schon gestresst auszusehen, wenn ich mich nur in Richtung Tür bewegte. Sie hielt sich praktisch mit den Pfoten die Ohren zu. Jetzt erscheint mir das so glasklar, dass ich mich bei der Erinnerung daran schäme. Wenn »OK« bedeutete »es ist OK, jetzt aufzustehen«, machte es Sinn, dass Pip jedes Mal reagierte, wenn sie es hörte. Wenn Ihr Hund Fido das Wort »Sitz« aus der Mitte eines Satzes heraushören kann, was soll er mit »Brav Sitz!« anfangen, wenn er sich bereits hingesetzt hat? Bei Pip tappte ich in die Falle, Worte so zu verwenden, als würde ich zu einem Menschen sprechen, und ich denke, dass auch andere Hundebesitzer diesen Fehler sehr oft machen.1

Hier ein weiteres Beispiel für unsere unnachahmliche Fähigkeit, die Raffinessen der Sprache zur völligen Verwirrung unserer Hunde einzusetzen: Viele Leute sagen »Nicht bellen!« zu ihrem Hund, damit er aufhört zu kläffen. Das klingt recht einfach, es sind ja nur zwei Worte. Und aus Sicht Ihres Hundes? Haben Sie Ihrem Hund denn beigebracht, was das Wort »bellen« bedeutet?

 

1 Übrigens entlasse ich jetzt jeden Hund einzeln aus der Tür, indem ich den jeweiligen Namen in trällernder Stimmlage sage. Die Hunde brauchten nur ein oder zwei Tage, um das zu lernen. Seufz.

Letzten Endes ist es nur ein Geräusch, das Sie erzeugen und das keine Bedeutung hat, solange sie Ihrem Hund nicht beigebracht haben, was es sein soll. Die einzige Bedeutung, die es vielleicht für Ihren Hund haben könnte, ist, dass Sie in den Chor mit einstimmen, und da Bellen ansteckend ist, stacheln Sie Ihren Hund vermutlich eher zum Weiterbellen an, anstatt ihn zu beruhigen.

 

Schauen Sie sich außerdem die Reihenfolge an, in der Sie die Worte sagen: Wenn Sie erst »nicht« und dann »bellen« sagen, würde Ihr Hund nicht wieder mit Bellen anfangen, wenn er wüsste, was »bellen« heißt? Hier sind wir wieder beim Problem von »Brav Sitz«. »Nicht bellen!« ist nur ein weiteres Beispiel dafür, wie wir von unseren Hunden Verständnis dafür erwarten, dass »nicht« die Bedeutung des nachfolgenden Wortes (»Bellen«) ändert. Ich weiß, manche Hunde sind in der Tat ruhig, wenn Ihre Besitzer »Nicht bellen!« schreien, aber »Nicht« hätte genauso gut funktioniert.

Vergewissern Sie sich, dass Ihr Hund unter Ihren Signalen das Gleiche versteht wie Sie, auch wenn Sie deutlich und konsequent in ihrer Verwendung sind. Beispielsweise habe ich den Verdacht, dass die meisten Menschen und die meisten Hunde das Wort »Sitz« unterschiedlich definieren. Vermutlich haben Sie es wie die meisten Hundebesitzer Ihrem Hund beigebracht, indem Sie ihn zu sich rufen, »Sitz« sagen und ihn belohnen, sobald er es getan hat. Für uns ist »Sitz« eine Körperhaltung. Wir definieren »Sitz« als eine Position, in der die Hinterläufe des Hundes gebeugt sind, das Hinterteil sich auf dem Boden befindet und die Vorderpfoten bei aufrecht gestreckten Vorderläufen auf dem Boden stehen. »Sitz«. Einfach. Und es sieht so aus, als ob Ihr Hund das genauso verstehen würde, denn meistens, wenn Sie »Sitz« sagen, wette ich, dass Ihr Hund genau das tut. Was aber tut er, wenn er gerade liegt und Sie »Sitz« sagen? Falls Sie ihm nicht gerade explizit beigebracht haben, sich aufzusetzen, bleibt er vermutlich liegen. Was, wenn er schon sitzt? Viele schon sitzende Hunde legen sich übrigens hin, wenn Sie »Sitz« sagen. Was, wenn Sie »Sitz« sagen, und Ihr Hund ist zehn Meter von Ihnen entfernt? Wenn er so ist wie die meisten Hunde, wird er glücklich zu Ihnen herantrotten und sich vor Ihnen hinsetzen, genau so, wie Sie es ihm anfangs beigebracht haben. Meine Vermutung ist, dass die meisten Hunde denken, »Sitz« bedeute »Geh zu den Beinen von Herrchen oder Frauchen, stell dich vor ihm oder ihr hin und beweg deinen Körper teilweise in Richtung Boden.«

Natürlich können Sie Ihrem Hund beibringen, sich hinzusetzen, ohne zu Ihnen zu kommen, oder sich eher auf- anstatt hinzusetzen. Aber der springende Punkt ist, dass Sie es ihm beibringen müssen. Solange Sie nicht darüber hinausgehen, was die Mehrzahl der Hundebesitzer tut, versteht Ihr Hund »Sitz« vermutlich anders als Sie. Vielleicht fragen Sie sich einmal, von welchen weiteren Worten Ihr Hund vielleicht sein eigenes Verständnis haben könnte. Ich muss da an meinen Lieblingscartoon denken, in dem ein trotteliger, grinsender Hund sagt: »Hi! Ich heiße NEIN NEIN Böser Hund. Und du?«

Stellen Sie sich vor, wie es sein muss, der Hund am anderen Ende der Leine zu sein – ständig versucht er, ein liebenswertes, aber verwirrendes Wesen zu verstehen: seinen Besitzer.

 

Ich habe eine neue Perspektive davon bekommen, wie es sein muss, ein Hund zu sein, als ich zwei Jahre lang an der Fakultät für Psychologie der Universität von Wisconsin in Madison für Professor Charles Snowdon arbeitete. Wir versuchten, die Tonsignale eines kleinen südamerikanischen Tieres namens Lisztäffchen zu übersetzen. Diese hoch sozialen, eichhörnchengroßen Primaten leben in einer üppigen Vegetation und haben ein beeindruckendes Repertoire an Vokabeln aufgebaut. Genau wie Ihr Hund können Wissenschaftler nur raten, was die Lautäußerungen einer anderen Spezies wirklich bedeuten, indem sie analysieren, was vorher und nachher geschah, und daraus ihre Schlussfolgerungen ziehen. Aber selbst für ein Mitglied der intelligentesten Spezies der Welt stellte es sich als überraschend schwierige Aufgabe heraus, diese Lautäußerungen zu übersetzen. Zum Beispiel geben Familienverbände dieser Lisztäffchen »Langrufe« ab, wenn sie die Geräusche benachbarter Gruppen hören. Sind ihre Rufe Mitteilungen an die anderen Gruppen, an ihre eigene Familie oder beides? Was bedeuten sie? Wie finden Sie das heraus?

Es ist nicht einfach, die Lautäußerungen einer anderen Spezies zu verstehen. Glauben Sie mir, Ihr Hund ist viel damit beschäftigt, die Ihren zu entschlüsseln. Bedeutet »Platz, Platz, PLATZ« das Gleiche wie »Platz«? Ist »Hier« das Gleiche wie »Hierher«? Wenn Sie einfach einmal darüber nachdenken, wie Sie Ihre Worte gebrauchen, hilft Ihnen das automatisch, Ihr Vokabular zu straffen.

 

Wiederholen Sie nie ein Kommando.

Wiederholen Sie nie ein Kommando. Wiederholen Sie nie…

 

Jeder Hundebesitzer, der schon einmal ein Erziehungsbuch gelesen hat, versucht (meistens erfolglos) den Hinweis zu befolgen, dass man Kommandos nicht wiederholen soll. Meiner Erfahrung nach ist es eine der universellsten Tendenzen aller Menschen, sich zu wiederholen, wenn sie mit Hunden sprechen. Wir neigen so zur Wiederholung, dass wir uns sogar wiederholen, wenn der Hund unserem Kommando bereits gefolgt ist. »Sitz, sitz, sitz«, sagt Bob, wobei das dritte »Sitz« kommt, als Max bereits sitzt. Hundetrainer gehen kopfschüttelnd vom Platz und wissen nicht, wie sie den Besitzern noch erklären sollen, dass sie ein Kommando nur einmal geben sollen.

Ein Beispiel für diese dumme Wiederholung kann ich von mir selbst berichten, als ich mit der Hütehundarbeit an Schafen begann. Wenn wir vom Nervöswerden sprechen: Stellen Sie sich vor, auf einer riesigen Weide zu stehen und Ihren Hund frei um Fluchttiere herumlaufen zu lassen, die bis zu dreißig Stundenkilometer schnell sein können. Ihr Job ist es, den Hund davon abzuhalten, dass er die Schafe über den Zaun, in den Zaun oder in Grund und Boden jagt. In manchen Situationen beginnen die Schafe auch den Hund zu jagen. Was auch geschieht, dem unerfahrenen Hund und dem unerfahrenen Hundebesitzer sind Adrenalinschübe sicher. Sobald die Lage begann, sich zuzuspitzen, gebrauchte ich (wie die meisten Neulinge in der Hütehundarbeit) »Lie Down!« viel zu häufig – als eine Art Notbremse, um den Lauf der Dinge aufzuhalten und mir klarzuwerden, was als Nächstes zu tun wäre. (Schafehüten mit Hunden kann man sich wie Schach mit lebendigen Figuren vorstellen, bei dem man nur Mikrosekunden Zeit hat, den nächsten Zug zu machen.) »Lie Down!«, schrie ich, unmittelbar gefolgt von »Lie DOWN! LIE DOWN!«. In kürzester Zeit hatte ich so meinem ersten Border Collie Drift beigebracht, sich ausschließlich auf »Lie Down, lie DOWN, LIE DOWN!« hinzulegen. Nach allem, was ich weiß, wartete er auf das vollständige Kommando, bevor er reagierte, denn es gab für ihn keine Möglichkeit, herauszufinden, was das eigentliche Grundsignal war.

Als ich im Rahmen der Recherchen zu meiner Doktorarbeit Tonbandaufnahmen von nicht Englisch sprechenden Tiertrainern machte, fiel mir auf, wie schwierig es ist, die tatsächliche Kerneinheit eines Kommandos herauszufiltern. Wenn ein baskischer Schäfer in den kaum voneinander unterscheidbaren Konsonanten seiner Sprache drei kurze Tonfolgen sagte, dann eine kleine Pause machte und das Gleiche wiederholte, war es schwer, exakt herauszufinden, was das »Signal« war. Waren es drei kurze Tonfolgen oder vier? Wenn sich alle drei anhörten wie »grph«, konnte ich daraus noch nicht unbedingt schließen, ob »grph grph grph« das Gleiche bedeutete wie »grph«, nur eben dreimal gesagt. Ich grübelte und raufte mir die Haare, stöhnte und seufzte in dem Versuch herauszufinden, was genau nun die Kommandos des Schäfers waren – und das, obwohl man mich als Mitglied einer intelligenten Spezies bezeichnet.

Die Neigung von Hundeführern zur Wiederholung von Signalen ist überwältigend stark. Gehen Sie zu irgendeiner beliebigen Hundeschule, und Sie werden hören, wie Hundebesitzer wieder und wieder »Hier« oder »Sitz« sagen, während der Trainer mit zusammengebissenen Zähnen grinst und gerade gesagt hat: »Achten Sie darauf, nur einmal ›Sitz‹ zu sagen.« »Bitte, bitte, bitte, (sagen wir wiederholt), versuchen Sie, es dieses Mal nicht drei- oder viermal zu sagen!«

Warum verspüren wir Menschen einen so starken Zwang, uns zu wiederholen und Worte aneinanderzureihen wie Perlen auf einer Schnur? Mitglieder einer Spezies, die solche sprachlichen Genies wie Shakespeare oder Goethe hervorgebracht hat, müssten doch in der Lage sein, mit unsinnigem Geschwätz aufzuhören. Oft tun wir das aber eben nicht, und ich nehme nicht an, dass es daran liegt, dass wir alle Idioten sind (auch wenn wir oft so aussehen, wenn wir uns mit unseren Hunden beschäftigen). Sicherlich muss eine so starke und universale Verhaltenstendenz etwas widerspiegeln, das über bloße Gedankenlosigkeit hinausgeht. An dieser Stelle kann es wieder einmal nützlich sein, wenn wir uns selbst als Primaten betrachten. Schauen Sie sich einmal Filmaufnahmen von Schimpansen an. Unser engster tierischer Verwandter liebt es, Töne zu wiederholen. »Uuu«, sagt er. »Uuu Uuu Uuu«, kommt als Nächstes. Und nicht nur Schimpansen: Die meisten Primaten bringen Vokalisationen hervor, in denen ähnliche Klänge immer wieder wiederholt werden. Aufgeregte Totenkopfäffchen füllen die Luft mit einer Vielfalt von Keckern, Gackern und Schnattern. Braune Kapuzineraffen lassen »hehs« und »huhs« in schnellen Kadenzen aufeinanderfolgen. Die Lisztäffchen, die ich mit Charles Snowdon studierte, quietschen »Iiiii«, wenn sie einen Leckerbissen wie zum Beispiel einen schmackhaften Mehlwurm entdecken, aber mit steigender Aufregung verwandelt sich das schnell in eine ganze Kaskade von »Iii, iii, iii, iii, iii«.

 

Wenn es nicht gleich klappt, werden Sie einfach lauter!

 

Wir hören einfach nicht auf, uns um unsere Hunde herum zu wiederholen. Und wir neigen dazu, dabei immer lauter zu werden. Wir sagen nicht einfach »Sitz, sitz, sitz«, sondern »Sitz, SITZ, SIITZZ!«. Und das ist nicht nur so, wenn wir zu unseren Hunden sprechen. Sprachwissenschaftler haben herausgefunden: Wenn wir zu jemandem sprechen, der beim ersten Mal nicht verstanden hat, was wir gesagt haben, neigen wir dazu, genau das Gleiche noch einmal zu wiederholen, nur lauter.

Eine Studentin der Universität von Wisconsin in Madison und ich fanden heraus, dass Menschen mit ihren Hunden genau das Gleiche tun. Für ihre schriftliche Abschlussarbeit bat Susan Murray die Besitzer in Welpentrainingskursen, ihre Hunde ins »Sitz« zu befehlen. Wenn der Welpe nicht nach der ersten Aufforderung reagierte, wiederholte der Besitzer genau wie bei der zwischenmenschlichen Kommunikation das Signal, und zwar in zwei Dritteln aller Fälle lauter als vorher.

Wir benehmen uns, als ob die Lautstärke an sich irgendwie die Energie hervorbringen könnte, die wir brauchen, um unsere Hunde zu einer Reaktion zu veranlassen. Diese Tendenz zum Lauterwerden scheint ein integraler Bestandteil unseres Primatenerbes zu sein. Nur wenige Tiere (Papageien vielleicht ausgenommen) können mit einem aufgebrachten Primaten mithalten, wenn es an die reine, ohrenbetäubende Geräuschproduktion geht. Die kleinen Lisztäffchen, mit denen ich arbeitete, konnten gut und gerne mit ihren durchdringenden Rufen die Wände zum Wackeln bringen, wenn sie glaubten, dass ein Mitglied ihrer Gruppe in Gefahr war. Der Krach war so ohrenbetäubend, dass es beinahe unmöglich war zu denken, solange man sich im gleichen Raum befand. Unsere engsten Verwandten, Schimpansen und Bonobos, sind berühmt für ihre im Crescendo ansteigenden Rufe, wenn sie emotional erregt sind. Aber bei Schimpansen haben Lautäußerungen nicht nur mit Aufregung zu tun. Innerhalb einer Schimpansengruppe, in der sich die Männchen stets darüber bewusst sind, wer dominant ist und wer nicht, kann einen die Fähigkeit zum lauten Radaumachen schneller die soziale Leiter hinaufklettern lassen als der Kauf eines neuen BMW. Jane Goodall beschreibt den kometenhaften Rangaufstieg des Schimpansen Mike, der lernte, sein lautes Schreien bei Dominanzgesten mit dem Umwerfen eines Haufens Blechkanister zu steigern. Der Radau beeindruckte die anderen Männchen so, dass sie sofort die Reihen wechselten und unterwürfig zu ihm überliefen. Mike wurde zum dominanten Männchen. Seine Fähigkeit, das Lautstärkeniveau einer Rockband zu erreichen, schien eine wichtige Rolle in seinem Machtstreben gespielt zu haben.

Auch wir benutzen Schallwellen und werden von selbst immer lauter, wenn wir nicht bekommen, was wir möchten. So als ob wir etwas nur mit der Energie, die wir in unsere Stimme legen, geschehen lassen könnten. (Denken Sie daran, wie hart Sie gearbeitet haben, um Ihrem Kind beizubringen, am Telefon stehend nicht immer lauter »Mama« zu schreien, sondern den Hörer hinzulegen und Sie holen zu gehen.) Aber Hunde reagieren nicht wie Primaten. Ein lautes Geräusch kann sie zwar sicher erschrecken und ihre Aufmerksamkeit wecken, aber es erweckt nicht notwendigerweise ihren Respekt.

Bellende Hunde sind oft ängstliche Hunde, und je lauter sie werden, desto mehr sind sie in Panik. Denken Sie daran, dass bei Wölfen Bellen relativ selten ist, vor allem bei erwachsenen. Von erfahrenen, selbstbewussten erwachsenen Wölfen hört man Bellen selten. Meist bellen nur die juvenilen Wölfe, in der Regel als Reaktion auf eine Situation, die heranwachsende Wölfe als bedrohlich empfinden. Tatsächlich ist die universale Tendenz er-

wachsener Hunde zum Bellen eines der vielen Verhaltenskennzeichen dafür, dass Hunde im Grunde eine jugendliche Version erwachsener Wölfe sind. Das Bellen scheint an zwei verschiedene Empfänger gerichtet zu sein. Einer davon ist natürlich der Eindringling (»Ich seh’ dich. An mir kommst du nicht vorbei. Pass lieber auf«), aber Bellen richtet sich auch an den Rest des Rudels (»Verstärkung bitte! Ärger an der Westgrenze!«). In der Regel kommt das Rudel dann angerannt und reagiert auf das Gefahrsignal ihres Rudelmitgliedes.

Hunde, die mir das Blut in den Adern gefrieren lassen, sind dagegen diejenigen, die ich kaum hören kann, die steif und still dastehen, mich direkt anstarren und ein leises, tiefes Knurren hervorbringen. Wenn Bellen mit Jugendlichkeit und Unterwerfung zu tun hat, ist es sehr zweifelhaft, dass Hunde unsere lauten Stimmäußerungen als dominant oder beeindruckend deuten. Wahrscheinlich betrachten sie sie eher als ein Zeichen von Angst oder als Signal dafür, dass wir die Situation nicht im Griff haben. Viele Menschen, die auf Hunde besonders stark anziehend wirken, sind eher wortkarg und sprechen leise. Ich glaube, dass ihr fehlendes »Bellen« als ein Zeichen für Führungsqualitäten angesehen wird und die Hunde von diesem Zeichen des Selbstvertrauens in den Bann gezogen sind.

 

»Ruhe!«, schrie er

 

Gibt es irgendjemanden auf der Welt, der nicht mindestens einmal seinen Hund mit »Ruhe!« angeschrien hat? Die Ironie dieser nutzlosen Reaktion entgeht uns dabei im Eifer des Gefechts. Aber denken Sie einmal darüber nach: Wenn das natürliche Verhalten von Hunden darin besteht, in ein Bellen mit einzustimmen, dann könnten sie durchaus annehmen, dass wir auch bellen, wenn wir »Ruhe!« oder »Halt’s Maul!« schreien. Fragen Sie die Besitzer verschiedener Hunde, und sie werden Ihnen sagen, dass die normale Reaktion ihrer Hunde auf das Bellen von anderen nicht etwa Ruhigwerden, sondern ebenfalls Bellen ist. Bei mir zu Hause kann ein einziges dröhnendes Bellen von Tulip Luke aus tiefem Schlaf reißen. Er strampelt sich auf dem Holzfußboden hoch, bellt und stürzt Hals über Kopf zur Haustür, noch bevor er richtig wach ist. Er sieht richtig dämlich dabei aus, und das sage ich ihm auch. »Luke, du weißt doch nicht mal, was du anbellst.« Er schaut mich an, als ob ich den tieferen Sinn nicht verstanden hätte. Vielleicht habe ich das auch nicht. Bellen ist eine Gruppenaktivität, und ich bin nicht sicher, ob es für ihn relevant ist, zu wissen, was er anbellt. Wichtig ist, dass Tulip bellt, und also muss Luke auch bellen.

Wenn einem Hund nicht sorgfältig beigebracht wurde, was das Wort »Ruhe« bedeutet, macht er vermutlich einfach mit dem Bellen weiter. Und selbst wenn er die Bedeutung gelernt hat, schreien Sie das Wort wahrscheinlich so laut heraus, dass Sie möglicherweise seinen Klang genug verändern, damit der Hund es nicht mehr wiedererkennt. Es ist so durch und durch menschlich von uns, dass wir immer lauter »Ruhe« schreien, je frustrierter wir werden. Wir klingen für alle anderen wie ein bellendes Rudelmitglied und erreichen nicht, was wir wollen.3

Menschen beizubringen, den Lautstärkeregler herunterzudrehen und andere Methoden zu lernen, um ihre Hunde zum Ruhigsein zu bewegen, ist schwierig. So schwierig, dass die Hundetrainer den Kopf schütteln und einen kollektiven Seufzer tiefster Frustration ausstoßen. Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, den aufgeregten Primaten (und genau das sind viele Hundebesitzer,

 

3 Ich habe einige Hunde beobachtet, die vom Bellen anderer Hunde genauso irritiert zu sein schienen wie manchmal wir. Ich habe beobachtet, dass Hunde sich auf ein pausenlos kläffendes Rudelmitglied stürzten und dies disziplinierend in den Fang kniffen. Sobald der Störenfried zu bellen aufhört, bleibt der Disziplinierende ruhig an seiner Seite stehen. Natürlich kann ich mir über ihre wahre Absicht nicht sicher sein, aber beachten Sie, dass alle diese »Aufpasserhunde« den anderen Hund niemals anbellen, sondern im Gegensatz zu uns lauten Menschen eine stille Reaktion zeigen.

die ihren Hund verzweifelt zum Ruhigsein zu bringen versuchen) etwas an die Hand zu geben, das zum Ruhigsein des Hundes beiträgt und die hilflose Verzweiflung verhindert, die in erster Linie dazu führt, dass die Menschen schreien. Wenn Sie einen Kläffer besitzen, versuchen Sie nicht, den Krach mit Lautsein beenden zu wollen. Stehen Sie stattdessen auf und gehen mit einem köstlichen Leckerbissen in der Hand zu ihm hin. Dieser erste Schritt klingt einfacher, als er ist. Für jeden Trainer ist es eine Herausforderung, Menschen dazu zu bewegen, im richtigen Moment auf den Hund zuzugehen. Sie müssen sich also bewusst auf diese Handlung konzentrieren. Auch wenn sie trivial erscheint, neigen viele Menschen dazu, sie eben nicht auszuführen – nachdem sie meiner Erklärung nickend zugestimmt und versprochen haben, es zu tun.

Bereiten Sie sich vor, und stellen Sie schmackhafte Leckerbissen griffbereit. (Machen Sie es nicht zu billig. Nehmen Sie Hühnchen oder Fleischwurst oder irgendetwas, das Ihr Hund wirklich mag, aber machen Sie die Häppchen sehr klein.) Sobald Ihr Hund anfängt zu kläffen, sagen Sie »Genug« und gehen ganz bis zu ihm hin, halten das Leckerchen kurz neben seine Nase und machen ein klickendes oder schnalzendes Geräusch, um seine Aufmerksamkeit zu erwecken. Wenn der Leckerbissen verführerisch riecht und sich direkt neben der Hundenase befindet, wird sich der Hund von dem, was er gerade angebellt hat, wegdrehen und am Leckerchen schnüffeln. Aber geben Sie es ihm noch nicht. Halten Sie es in der geschlossenen Hand, sagen Sie ein paar Mal »Braver Hund«, und locken Sie ihn mit dem Leckerchen von seinem Bellobjekt weg. Jetzt geben Sie ihm den Leckerbissen. Folgendes ist hier passiert: Als Ihr Hund kläffte, sagten Sie ihm sein Signalwort zum Aufhören und führten mechanisch eine Situation herbei, in der er zu kläffen aufhörte. Nachdem er aufgehört hatte, bekam er ein Leckerchen zur Belohnung. Zuerst fungierte das Leckerchen als Lockmittel, um den Hund zum Aufhören zu bringen, um anschließend zu einem Bestärker für das Ruhigsein zu werden. Machen Sie das anfangs nur so, wenn Ihr Hund nicht zu aufgeregt ist, um sich zu konzentrieren: Beginnen Sie die erste Lektion nicht ausgerechnet dann, wenn Ihr Hund gerade völlig außer sich ist, weil eine Großfamilie mit zwei Hunden vor der Haustür steht. In der Anfangsphase ist es wichtig, dass Sie Kontrolle über die Situation haben und es Ihrem Hund (auch sich selbst!) nicht zu schwer machen, richtig zu reagieren. Lassen Sie einen Freund ein- oder zweimal anklopfen und dann aufhören, während Sie Ihren Hund mit dem Leckerchen von der Tür weglocken.

Es kann sein, dass Sie ganz nah zu Ihrem Hund hingehen und ihm das Leckerchen wirklich fast in die Nase halten müssen, um seine Aufmerksamkeit von dem, was er gerade anbellt, abzulenken, aber das ist in Ordnung. Wichtig ist, dass Sie immer wieder Situationen schaffen, in denen Ihr Hund bellt, Sie »Genug« sagen und ihm dabei den Grund zum Bellen nehmen, um ihn dann mithilfe von Leckerchen wegzulocken. Wenn Ihr Hund von der Tür weggegangen ist und ein paar Sekunden lang ruhig war (warten Sie anfangs nicht zu lange!), bekommt er das Leckerchen. Lassen Sie mit der Zeit immer längere Phasen des Ruhigseins nach Ihrem »Genug« verstreichen. Das Ganze ist nicht so leicht einzuüben wie zum Beispiel »Sitz«, weil es Ihrem Hund viel schwerer fällt. Bellen ist eng mit Emotionen und nervlicher Aufregung verknüpft, genau wie es Lachen oder Schreien bei Kindern ist. Es kann für einen Hund wirklich schwierig sein, mit Bellen aufzuhören, also haben Sie Geduld. Es kann ein paar Monate lang dauern, in denen Sie fünf bis zehn kurze Übungslektionen pro Woche machen, und Sie müssen anfangen, wenn Ihr Hund nicht so aufgeregt ist, dass er nicht hören kann. Aber es lohnt sich. Was für ein Triumph, wenn Ihr Hund sich auf »Genug« von Tür oder Fenster abwendet, zu Ihnen kommt und nach dem Leckerchen Ausschau hält. Sobald das Gelernte sitzt, können Sie Ihren Hund nur noch gelegentlich anstatt jedes Mal belohnen.

 

Lassen Sie Ihre Stimme zum Bild dessen

werden, was Ihr Hund tun soll

 

Während der Recherchen zu meiner Doktorarbeit verbrachte ich viel Zeit auf Pferderennbahnen an der texanischen Grenze, um herauszufinden, ob wir unabhängig von der Sprache, die wir sprechen, Tiere mit den gleichen Tönen zum Schneller- oder Langsamerwerden zu animieren versuchen. Ich hatte bereits jede Menge Tonaufnahmen von Englisch sprechenden Hunde- und Pferdetrainern gesammelt. Diese Reise war mein erster Versuch, professionelle Tiertrainer aufzunehmen, deren Muttersprache nicht Englisch war. Leider stellte sich bei meiner Suche nach Rennbahnen an der texanischen Grenze heraus, dass es in Texas kein Wettgeschäft gab. Keine Wetten bedeuten wenig Geld und damit keine schicken, weiß gestrichenen Stallungen oder von Ziegelsteinen eingefasste Führwege, wie ich sie im Fernsehen gesehen hatte. Die Außenanlagen und Stallungen, die ich an diesem Tag besuchte, waren heruntergekommen, schmutzig und überraschend leer. Ich hatte keine Ahnung, dass hier der Rennbetrieb wegen zwei Morden im vergangenen Monat unterbrochen worden war. Es schien so, als wäre die Rennbahn, die ich mir ausgesucht hatte, ein wahres Wespennest für gleich zwei verschiedene Arten von Drogengeschäft – illegale Substanzen für Menschen und illegale Substanzen für Rennpferde, um deren Leistung zu steigern.

Ich streunte naiv in den Stallungen herum, behängt mit teuren Kassettenrekordern, Mikrofonen und Kameras und lugte in finstere Ecken, um die Trainer zu finden, mit denen ich vorher gesprochen hatte. Vor allem erinnere ich mich an überrascht aufspringende Schattengestalten, die nach irgendwelchen Gegenständen griffen und in weit von der Tür entfernt liegende dunkle Verstecke flohen. Im Laufe des Tages bekam ich richtig Übung im Erkennen von Spritzen, Pillen und »Medikamentenflaschen«, die auf ihrem Weg in den Schatten hinter den Heuballen durch die Luft flogen. In jedem Sport, egal ob Geld darin eine große Rolle spielt oder nicht, gibt es Trainer, die sich nicht an die Regeln halten. Auf dieser Rennbahn war die Regelüberschreitung extrem weit gediehen, und Fremde mit Kassettenrekordern und Fotoapparaten erregten nicht gerade wenig Aufmerksamkeit.

Ich suchte nach sprachübergreifenden Beispielen von Tiertrainern und wollte herausfinden, wie spanisch sprechende Jockeys ihre Pferde anfeuerten oder beruhigten. Später wollte ich sie mit Pferde- und Hundetrainern vergleichen, die Englisch, Baskisch, Chinesisch, peruanisches Quechua und zwölf andere Sprachen sprachen. Aber damals mussten es eben Spanisch Sprechende sein, die nie Englisch gelernt hatten, und alle Jockeys, die auf dem alten, heruntergekommen Renngelände herumlungerten, sprachen entweder nur Englisch oder beide Sprachen.

»Warten Sie auf José«, wurde mir gesagt, »er kommt jeden Tag her, und er kennt eine Menge Trainer und Jockeys, die kein Englisch sprechen. Er bringt Sie hin.« Sie hatten recht. José kannte jeden, und jeder kannte José, und obwohl José genauso erstaunt über den Grund meines Besuches war wie der Rest der Stallmannschaft, erklärte er sich bereit, mich ausschließlich zu spanischsprechenden Trainern und Jockeys mitzunehmen, damit ich meine Aufnahmen von ihrer Arbeit mit Pferden machen konnte. Auf unserer Fahrt durch die südtexanische Hügellandschaft hielten wir an einem kleinen Vorstadtladen. José (es war acht Uhr morgens) kam mit einem Sixpack Bier zurück. Er riss eine Dose auf, steckte sich einen Joint von der Größe einer Zigarre an und sagte, »OK, Treesha, wir bringen dich zu einer Menge Typen, die mit Tieren quatschen, OK? Auch einen?« Ich lehnte ab und fühlte heimlich nach meinem Schweizer Taschenmesser.

José hielt Wort. Ich muss etwa fünf gute Aufnahmen von nicht englisch sprechenden Trainern und Jockeys gemacht haben. Schnell wurde klar, warum José jeden kannte und mich nur zu gerne herumfuhr. Jedes Mal, wenn wir irgendwo ankamen, übersah ich geflissentlich die dicken, länglichen Plastikbeutel, die verstohlen von José zu den Trainern wanderten. Ich fummelte an meiner Ausrüstung herum, während José seinen Hauptauftrag erledigte und dann erklärte, warum ich da war. Weiß der Himmel, was José zu ihnen sagte; mein dürftiges Spanisch war nicht geeignet, ihrer Unterhaltung zu folgen. Ganz offensichtlich hielten sie mich alle für verrückt, aber trotzdem empfingen sie mich in der Art, wie sie es mit einem netten, harmlosen Außerirdischen tun würden.

 

Auf gewisse Weise war ich ja auch eine Außerirdische, ich achtete auf die Töne, die andere gegenüber Tieren äußerten, als ob ich eine andere Spezies studieren würde. Ich fühlte mich wie Jane Goodall, wohlwollend neugierig auf die interessanten Geräusche der Primaten um mich herum, nur eben, dass die Primaten zufällig Menschen waren.

Was ich über diese interessanten Geräusche lernte, hatte tief greifenden Einfluss auf meine Art und Weise, mit Hunden zu kommunizieren. Professionelle Tiertrainer, die genauso gut wie jeder andere wissen sollten, wie man Stimmen zur Kommunikation mit Tieren einsetzt, unterscheiden sich in einem ganz bestimmten Punkt von Hundebesitzern. Sie sind in der Lage, ihre eigenen Stimmungen und Gefühle von den Geräuschen, die sie äußern, zu trennen. Sie machen Geräusche, um eine bestimmte Reaktion zu erwirken, und nicht, um ihre eigene Gefühlslage auszudrücken.

Das ist nicht so einfach, wie es scheint. Menschliche Gefühle beeinflussen unsere Art zu sprechen enorm, nicht nur im Hinblick auf die Worte, sondern auch darauf, wie wir ein bestimmtes Wort aussprechen. Man nennt das den »prosodischen« Aspekt der Sprache. Ich bin sicher, Sie haben schon einmal den Satz gehört: »Nicht was Sie sagen, ist wichtig, sondern wie Sie es sagen.« Wie Sie ein Wort sagen, enthält manchmal genauso viel Information wie das Wort selbst, wenn nicht sogar mehr. Hören Sie nur einmal hin, wie verschieden Sie den Namen Ihres Hundes aussprechen können. »Maggie«, können Sie mit samtweicher Stimme sagen, wenn Sie beide kuscheln und sie sich an Ihr Gesicht schmiegt. »Maggie!«, schreien Sie lauthals und voller Angst, wenn sie auf die Straße zurennt. Wie wir den Namen unseres Hundes, irgendein Wort oder einen Satz sagen, ist oft davon bestimmt, wie wir uns fühlen: Denken Sie nur daran, wie oft Angst oder Ungeduld sich in Ihre Worte gemischt haben, selbst wenn Sie das gar nicht wollten.

Wir haben bereits gesehen, wie aufgeregte Primaten sich wiederholen, je mehr ihre Erregung steigt. Proportional zur Futtermenge, die sie finden, rufen Schimpansen schneller und schneller. Lisztäffchen steigern sich in ohrenbetäubende Zwitscher- und Trällertiraden, wenn sie sich wegen Futter aufregen.4 Diese Tendenz zum Hervorbringen sogenannter »abgestufter« Vokalisation ist in der Tierwelt so häufig, dass Wissenschaftler bis vor einigen Jahrzehnten noch annahmen, dass Tiere nur Geräusche machten, um ihre innere Gefühlslage auszudrücken. Heute wissen wir, dass dies nicht stimmt, denn mehrere gründlich wissenschaftlich studierte Spezies gebrauchen Töne als Hinweis auf etwas, das außerhalb ihres eigenen Selbst liegt (zum Beispiel auf Fressfeinde). Trotzdem ist der Drang zur Verbindung unserer Gefühlslage mit den Tönen, die wir hervorbringen, so stark, dass wir unendlich viel Energie benötigen, um ihn zu unterdrücken.

Die Töne und Geräusche, die wir Tiere in aufgeregtem Zustand machen, drücken aber weit mehr aus als nur den Grad unserer inneren Erregung. Sie können auch einen tief greifenden Effekt auf die verschiedensten Zuhörer, nicht menschliche eingeschlossen, haben.

 

4 Charles Snowdon fand heraus, dass sich bei den Lisztäffchen mit steigender Erregung sowohl die Wiederholungsrate als auch die Struktur der »Zwitschernote« ändern. In der Bibliografie finden Sie weitere Angaben zu Literatur über den Zusammenhang von akustischer Struktur und Emotionslage des klangproduzierenden Tieres.

 

Ich erinnere mich daran, wie mein guter Freund Todd einmal auf ein für ihn nicht passendes, nervöses und schlecht ausgebildetes Pferd gesetzt wurde. Todd wiederholte verzweifelt »Hooo! Hooo! Hooo!«, als sein Pferd in einen panischen Galopp beschleunigte. Je schneller das Pferd galoppierte, desto schneller kam das »Hooo!« aus Todds Lippen. Aber je schneller er »Hooo!« rief, desto schneller rannte das Pferd. Beide waren in einem eskalierenden Teufelskreis gefangen, in den man leicht hereingerät und aus dem man nur schwer wieder herauskommt. Aufgeregte Menschen machen Geräusche, die widerspiegeln, wie sie sich gerade fühlen. Anstatt dem Tier dabei zu helfen, das Gewünschte zu tun (oder mit etwas aufzuhören), regen diese Geräusche das Tier, das sie hört, oft noch weiter auf.

Ich behaupte das nicht leichthin: Ich habe fünf Jahre mit Forschungsarbeiten zu diesem Thema verbracht. Wie ich herausfand, waren die von den Tierführern verwendeten Klangmuster einander überwältigend ähnlich. Die Analyse von 104 Tierführern und sechzehn verschiedenen Sprachen zeigte übergreifend einen Gebrauch von kurzen, schnell wiederholten Tönen, um Tiere anzufeuern oder zu beschleunigen, und einen einzelnen, langgezogenen Ton, um sie zu verlangsamen oder anzuhalten. Die Art der Töne variierte dabei enorm, vom In-die-Hände-Klatschen über Schnalzlaute bis hin zu Worten in der jeweiligen Sprache. Aber das Klangmuster war immer das gleiche: In allen Sprachen feuerten die Menschen ihre Tiere mit kurzem, wiederholtem Klatschen, Schnalzen, Pfeifen oder mit kurzen, wiederholten Worten zum Schnellerlaufen an. Englisch, Spanisch und Chinesisch sprechende Jockeys, Rodeoreiter, Kutscher oder Dressurreiter machten alle wiederholte Schnalzgeräusche, um ihre Pferde schneller laufen zu lassen. Baskische und peruanische, Quechua sprechende Schäfer gebrauchten kurze, wiederholte Pfiffe und Worte, um ihre Schäferhunde in Bewegung zu bringen. Englischsprachige Schlittenhundführer bellten kurze, wiederholte Silben hervor – Worte wie »Go! Go! Go!« oder »Hike! Hike! Hike!« und »Hyah! Hyah!« – um ihre Hunde schneller zu machen.

Wenn im Gegensatz dazu ein Langsamerwerden oder Anhalten des Tieres gewünscht war, gebrauchten sie eine einzelne, langgezogene Klangnote. Kein einziger Mensch in der gesamten Untersuchung gebrauchte je Schnalz-, Klick- oder Klatschlaute oder mehrere kurze Worte hintereinander, um ihr Arbeitstier – egal ob Pferd, Hund, Wasserbüffel oder Kamel – zu verlangsamen. Häufige englische »Langsamer«-Signale an Hunde und Pferde sind »Stay«, »Whoa« und »Easy«. Von mir befragte nordafrikanische Kamelführer berichteten, dass Kamele mit Kommandos wie »huuusch« oder »kuuusch« zum Niederlegen trainiert werden. Peruanische, Quechua sprechende Reiter gebrauchten ein langgezogenes »Schuu« (das auch die Sprecher einer völlig anderen Sprache, nämlich Baskisch, zum Anhalten von Eseln verwendeten) oder ein wie »Ischhhhhta« klingendes Wort, um ihre Pferde anzuhalten. Chinesische Jockeys verlangsamten ihre Pferde mit etwas, das wie ein gedehntes, nach hinten im Klang abfallendes »Euuuuu« klang.

Die Pfiffe der Schäfer an ihre Hunde bestanden aus einer einzigen Note, entweder aus einer langen, gedehnten zum Bremsen oder aus einem scharfen hohen Ton, gefolgt von einem kurzen tieferen, um einen Hund aus vollem Lauf zu stoppen. In der gesamten Studie kristallisierten sich zwei verschiedene Versionen von Signalen für das Langsamerwerden heraus, eines mit einem einzigen, langgezogenen Ton zum Beruhigen oder allmählichen Verlangsamen eines Tieres und eine kurze, scharfe zum sofortigen Anhalten eines schnell laufenden Tieres. Wenn Sie darüber nachdenken, macht es Sinn, dass »hindernde« Signale in zwei Kategorien fallen, denn Beruhigen oder allmähliches Langsamerwerden ist eine ganz andere Reaktion als das Zusammennehmen aller Energien zu einer Vollbremsung aus Höchstgeschwindigkeit.

Vielleicht benutzten all die Menschen ähnliche Klänge, weil sie einfach typisch menschlich handelten und die Tiere lernten, darauf passend zu reagieren. Aber die meisten Tiertrainer sind der Meinung, dass bestimmte Töne und Klangfolgen besser funktionieren als andere, wenn man ein Tier anfeuern möchte. Die Rennreiter, mit denen ich sprach, waren überzeugt von der aufputschenden Wirkung kurzer, wiederholter »Sch sch sch«-Geräusche. Sie erklärten mir, dass es Jockeys verboten ist, ihre Pferde mit »Sch sch sch« in die Startbox zu treiben, weil das die schon in der Startbox wartenden anderen Pferde aufregen würde. Schäfer gebrauchen exakt die gleichen Geräusche, um einen zögernden Hund davon zu überzeugen, dass er sich einem bedrohlich wirkenden Schafbock gegenüberstellen muss. Reiter beim Barrel Racing (eine Disziplin, in der es um Schnelligkeit und Präzision geht) verwenden verschiedene Geräusche, um ihre Pferde zu beeinflussen: zwei bis vier Schnalzer für das Losgehen im Schritt, wiederholte Schnalzer zum Angaloppieren und eine Serie von »Sch sch sch«, um so schnell wie möglich zu reiten. Im Zuge meiner Feldforschungen notierte ich siebzehnmal den Hinweis, dass ein Reiter sich weigerte, das »Sch«-Geräusch für die Tonbandaufnahme zu wiederholen, weil er fürchtete, sein Pferd würde dadurch zu nervös und schwer zu kontrollieren.

Primaten sind nicht die einzigen Lebewesen, die den Gebrauch kurzer, wiederholter Klangfolgen mit dem langer, anhaltender Laute abwechseln. Pferde, Schafe und Hunde, um nur einige zu nennen, gebrauchen alle kurze, wiederholte Laute, um ihre Jungen zu sich zu rufen. Junge Welpen äußern kurze und hohe wiederholte Winsellaute als Signal an ihre Mutter, dass sie sich unwohl fühlen und ihre Aufmerksamkeit brauchen. Männliche Ratten auf Brautschau haben umso bessere Chancen auf Erfolg, je höher die Wiederholungsrate ihrer Laute ist. Lüsterne Hähne tun gut daran, oft und schnell hintereinander zu krähen: je schneller die wiederholten Noten, desto mehr Hennen nähern sich ihnen. Forschungen an Vögeln wie Silbermöwen und Hausspatzen haben ergeben, dass kurze, wiederholte Rufe zur Rekrutierung weiterer Schwarmmitglieder führen. Die Tatsache, dass Silbermöwen diese Rufe nur dann abgeben, wenn genug Futter zum Teilen mit anderen da ist, legt nahe, dass sie zum Heranlocken anderer dienen.

Für meine Doktorarbeit führte ich noch eine getrennte Studie durch, in der ich eine Hypothese überprüfte, nach der verschiedene Laute verschiedene Auswirkungen auf Welpen haben. Die Ergebnisse waren glasklar. Anhand der Anzahl von Schrittbewegungen mit den Vorderpfoten stellten wir fest, dass sich die Aktivität der Welpen nach vier kurzen Pfiffen erhöhte, jedoch nicht nach einem einzigen langen, anhaltenden Pfiff. Am interessantesten für Hundehalter ist dabei, dass vier kurze Pfiffe (vergleichbar mit Silben) effektiver waren als ein langer Pfiff, um unseren fünf Monate alten Junghunden das Herankommen beizubringen. Das macht Sinn, wenn man bedenkt, dass »Komm hier« in der Regel gesteigerte Aktivität meint.

Der gleichbleibende Gebrauch von Lautsignalen von Menschen an ihre Tiere über so viele Sprachgrenzen hinweg erinnert an einen weiteren universalen Aspekt von Sprache. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Menschen zu Hunden ähnlich sprechen wie zu Babys, und Menschen auf der ganzen Welt sprechen ähnlich zu Babys.5 Man nennt diese Sprache »Motherese«, sie ist vom Klang her höher als gewöhnlich und ändert die Tonmodulation von hoher zu tiefer Stimme viel öfter, als wenn zu einem Erwachsenen gesprochen wird. Nicht nur reagieren Babys besonders gut auf »Motherese«, so gut wie alle Eltern, egal welcher Muttersprache, sprechen auch in dieser Universal»sprache« zu ihren Babys. Manche Merkmale des Motherese sind auch hilfreich, wenn man zu Hunden spricht, besonders, was die unten beschriebenen Modulationen im Tonfall betrifft. Das legt nahe, dass es eine universale evolutionäre Verbindung zwischen allen Säugetieren gibt. Manchmal allerdings ist uns diese

 

5 Siehe Bibliografie für Artikel zu »Motherese« und »Doggerel«.

Art von Sprache wenig von Nutzen. Sie hat geringe Erfolgsaussichten bei einem erwachsenen Hund, der gerade ein Eichhörnchen jagt. Je flexibler Sie im Gebrauch Ihrer Sprache sind, desto besser wird Ihr Hund hören. Auf den folgenden Seiten möchte ich einige konkrete Beispiele dafür geben, wie man Laute so effektiv wie möglich einsetzt, um den Hund dazu zu bringen, das Gewünschte zu tun.

 

Anzahl der Töne

 

Die Grundregel lautet, kurze, wiederholte Tonfolgen zu verwenden, um eine Aktivität zu fördern, und einen einzelnen Ton, um sie zu unterbinden. Nehmen wir an, Sie möchten, dass Ihr Hund auf Zuruf kommt. Vermutlich deshalb, weil die meisten das Herankommen als Unterordnungsübung (sprich: Test der eigenen Autorität) betrachten, bellen Sie das »Komm« oder »Hier« heraus wie ein Feldwebel. Wenn Sie diesen Laut aufzeichnen und analysieren, würde er sich exakt so anhören wie die Laute, die auf der ganzen Welt zum Stoppen von Tieren verwendet werden. Sie könnten alle möglichen Buchstabenkombinationen ersetzen und hätten trotzdem immer noch einen einzigen scharfen, kurzen Laut, der sich anhört wie das »Whoa!« oder »Ho!«, wie ich es in sechzehn verschiedenen Sprachen zum Bremsen von Tieren gehört habe.

Ich amüsiere mich jedes Mal, wenn ein Hundebesitzer mit lauter, tiefer Stimme nichts als ein »Komm!« blafft. Manche Hunde kommen tatsächlich, weil man sie irgendwann mit genug Training besiegen kann, aber oft kommen sie mit geducktem Kopf und eingezogener Rute. Aber warum sollte man es sich so schwer machen? Verwenden Sie einen Laut, der Ihren Hund von Natur aus eher ermuntert als abschreckt, und schon wird Ihr Erziehungstraining effektiver. Und, was noch wichtiger ist, es macht mehr Spaß!

Wenn Ihr Hund einen kurzen Namen hat, können Sie ihn rufen, indem Sie zweimal seinen Namen sagen und in die Hände klatschen. Oder Sie können das Signal der schottischen Schäfer zum Herkommen verwenden: »That’ll do!« Wenn Sie einem Hund das Herankommen auf Lautzeichen beibringen möchten, können Sie Welpen motivieren, indem Sie »Komm, komm, komm, komm« wiederholen, in die Hände klatschen und von ihnen wegrennen. Clevere Hundebesitzer klatschen in die Hände, machen kurze, wiederholte Pfiffe, klatschen sich auf die Oberschenkel und vermeiden um jeden Preis kurze, scharfe Töne, die Hunde zur Vollbremsung veranlassen. Kommt Ihr Hund zwar, aber nicht schnell genug? Singen Sie »Feiiiiiiner Hund«, während er auf Sie zubummelt, klatschen Sie in die Hände, und laufen Sie von ihm weg.

Vielleicht fragen Sie jetzt, warum ich Ihnen manchmal dazu rate, Kommandos zu wiederholen, und ein anderes Mal nicht. Der Unterschied ist die Funktion Ihres Signals. Wenn Sie die Aktivität Ihres Hundes steigern möchten, gebrauchen Sie kurze, wiederholte Laute. Wenn Sie ihm aber ein Signal übermitteln wollen, das im Grunde eine Aktivität unterbindet wie zum Beispiel »Sitz« oder »Platz«, dann sagen Sie es nur einmal, genauso wie es die von mir befragten Tiertrainer taten. Stellen Sie sich das Wort, das Sie verwenden, als ein Verb vor (tu etwas!) und die Art und Weise, wie Sie es sagen, als ein Adverb.

Was aber, wenn Ihr Hund einem Reh auf der Spur ins Gebüsch eintaucht? Neulich hatte Tulip tagelang mit geweiteten Augen sehnsüchtig in den Wind geschnuppert, und als ich sie endlich aus dem Haus ließ, rannte sie mich beinahe um. Sie rannte den Hügel hinauf und setzte einem Reh nach, das sich im Blumengarten niedergelassen hatte. Wenn ich wie sonst zum Herkommen fröhlich »Tulip! Tulip! Komm!« gerufen und in die Hände geklatscht hätte, hätte sie sich kaum von der Spur abbringen lassen. Ich hätte ihr letztendlich vermittelt, dass wiederholte Laute Aktivität fördern; aber nicht gesagt, worauf sich diese Aktivität richten soll. Das Letzte, was Tulip in dieser Situation brauchte, waren anfeuernde Laute; sie war so aufgeregt, dass sie noch zehn Minuten nach dem Zurückkommen hyperventilierte. Ich wollte sie stoppen, nicht weiter aufregen, also tat ich, was die baskischen Schäfer und die peruanischen Pferdetrainer taten, wenn sie ein rennendes Tier schnell stoppen wollten. Ich rief ein kurzes »Nein!«. Erst nachdem sie angehalten hatte, lenkte ich ihre Energie wieder mit Händeklatschen und wiederholten Worten auf mich zurück.

 

Denken Sie daran, wie Sie Ihre Stimme einsetzen, wenn Sie und Ihr Hund im Wartezimmer der Tierarztpraxis sitzen. Sich selbst die Beine in den Bauch stehen müssen, während Sie auf den Arzt warten, ist die eine Sache, aber im Tierarztwartezimmer herumzulungern ist für Hund und Besitzer nicht gerade entspannend. Ist der sechzig Kilo schwere Bernhardiner da drüben freundlich, oder war das eben ein Knurren? Wird Chief sich gleich losreißen und die Katze jagen, die gerade hereingekommen ist? Jetzt haben Sie die Gelegenheit, einen langen, anhaltenden Ton zur Beruhigung Ihres Hundes zu äußern, so wie Tiertrainer auf der ganzen Welt es tun. Jetzt können Sie sagen »Guuuuuuuter Hund, Captain, guuuuuter Hund. Was für ein guuuuuuter Hund du bist.« Was sicher nicht hilft, sieht man leider häufig – leicht ängstliche Besitzer, die kurze, abgehackte Versionen von »Brav, brav, brav« wiederholen, während ihr Retriever mit weit aufgerissenen Augen an der Leine zerrt. Die Worte werden oft noch von genauso hektischen Streichelversuchen untermalt, die den Hund noch mehr aufregen. Wenn Sie Ihren Hund beruhigen möchten, sagen Sie »Ruuuuuuuhig« wie der Dressurreiter, den ich beim Training eines nervösen Pferdes aufzeichnete. Oder ahmen Sie das »Hoooooooooo, Junge« eines Jockeys nach, der sein Pferd vor dem Rennen beruhigt. Denken Sie an das »Steeeeeaaaaady« eines Schlittenhundeführers, wenn seine Hunde eine schwierige Wendung zu bewältigen haben. Genauso sprechen Eltern auf der ganzen Welt, wenn sie ihre Babys zu beruhigen versuchen. Aber es ist eben schwer, wenn Sie selbst aufgeregt sind. Es kann bewusste Anstrengung erfordern, beim Sprechen nicht die eigene Gefühlslage auszudrücken, sondern das in Klang umzusetzen, was Sie von Ihrem Hund erwarten. Einen Bonus gibt es aber: Das langgezogene, ruhige Sprechen kann auch zu Ihrer eigenen Beruhigung beitragen. Und vergessen Sie nicht, zu atmen. Lange, tiefe Atemzüge verlangsamen alles, von Ihrer eigenen Sprechweise bis hin zur Reaktion Ihres Hundes.

 

Tonfall

 

Wir alle wissen intuitiv, dass der Tonfall beim Sprechen wichtig ist. Feldwebel geben ihre Kommandos nicht mit hoher Quietschstimme. Tiefe, harsche Töne mögen zwar Soldaten zur Aufmerksamkeit bringen, aber nicht ein verängstigtes Kleinkind beruhigen. Wir haben allen Grund anzunehmen, dass der Tonfall für Ihren Hund genauso wichtig ist. Hunde und Menschen (und viele andere Säugetiere) teilen sich das Verständnis von hohen und tiefen Tönen. Ein tiefer Tonfall bedeutet sowohl bei Wölfen als auch bei Primaten Autorität oder Selbstvertrauen. Wenn Sie das gleiche Signalwort einfach nur tiefer aussprechen als zuvor, kann das den Unterschied ausmachen, ob Ihr Hund gehorcht oder nicht. Mein Cool Hand Luke könnte kein besseres Beispiel dafür sein. Mehr als alles andere im Leben liebt er das Schafehüten. Wenn wir mit der Schafarbeit fertig sind, rufe ich zweimal seinen Namen, »Luke, Luke«, damit er von den Schafen wegkommt und mir aus der Scheune folgt. Seine Reaktion ist dabei so vorhersehbar, dass ich meinen Hof darauf verwetten könnte: Wenn ich seinen Namen im üblichen, relativ hohen Tonfall sage, ignoriert er mich komplett. Er dreht nicht einmal den Kopf. Zuckt mit keinem Ohr. Als ob gar nichts gewesen wäre. Wenn ich exakt die beiden gleichen Worte noch einmal sage, aber nicht lauter, sondern tiefer, dreht er sich auf der Stelle um und rennt an meine Seite. Das ist der Unterschied zwischen Fragen und Sagen.

In der Zeit, als ich mich an Schafhütewettbewerben beteiligte, übte ich monatelang, »Lie down« in tiefem Tonfall zu sagen, nachdem ich gemerkt hatte, wie mein Tonfall jedes Mal nach oben stieg, wenn ich nervös wurde. Je schneller mein Hund lief, desto besorgter wurde ich und desto lauter und höher wurde meine Stimme. Generell sind die Stimmen von Frauen meist höher als die von Männern, so musste ich genau wie meine weiblichen Kunden eine ruhige, tiefe Stimme üben, um meinen Hund von etwas abzuhalten. Insbesondere scheint es so zu sein, dass die Stimmen von uns Frauen mit dem Lauterwerden auch gleichzeitig höher werden, während Männer besser darin sind, ihre Stimme tief zu halten und energisch zu sprechen. Ich weiß, dass ich nicht die einzige Frau bin, deren Stimme ausgerechnet dann zu hoch wird, wenn sie besonders viel Autorität beinhalten müsste. Andersherum müssen manche Männer eine höhere Stimmlage üben, um ihre Hunde zu loben oder zu ermuntern. In fast jeder Übungsgruppe gibt es mindestens einen Typen, der »Guter Hund« in einem Ton ruft, der fast alle Hunde und meist auch die Hälfte der anwesenden Menschen zusammenzucken lässt.

Die Regel ist im Grunde einfach und außerdem unter Säugetieren fast universal: Hohe Töne stehen in Verbindung mit Aufregung, Kindlichkeit oder Angst, während tiefe Töne Autorität, Bedrohung oder Aggression bedeuten.6

Bei meiner Arbeit mit Kunden beobachte ich einen durchgängigen Fehler: Die Hundebesitzer sind nicht in der Lage, ihre Stimme so zu verändern, wie es gerade gebraucht wird, insbesondere nicht, tiefer zu sprechen, um ihre Hunde von irgendetwas abzuhalten.

Üben Sie also, »Nein!« oder »Bleib!« eher mit tiefer anstatt mit lauter Stimme, und lassen Sie Ihren Tonfall ansteigen, wenn Sie »Hier!« rufen oder Ihren Hund loben. Wenn Fido Ihre lieblichen Rufe zum Herkommen ignoriert, schalten Sie auf ein tiefes, grollendes »Nein!« um und rufen dann wieder »Hier« genauso lieblich wie vorher.

 

Modulationen des Tonfalls

 

Töne können nicht nur relativ hoch oder relativ tief sein, sie können auch auf- und absteigen. Solche Modulationen können eine enorme Wirkung auf Ihren Hund haben. Die von mir aufgezeichneten Tiertrainer zeigten mir ein simples Regelwerk, das ich seitdem in mein eigenes Repertoire eingearbeitet habe. Sie gebrauchten durchweg einen flachen, nicht schwankenden Tonfall, um Tiere zu beruhigen, und das Gegenteil, um sie anzufeuern.

So stieg auch die Tonhöhe dieser zum Antreiben verwendeten kurzen, wiederholten Worte oft am Wortende. Die einfach verwendeten Signale zum Stoppen sich schnell bewegender Tiere beinhalteten dagegen deutliche Tonfallmodulationen, oft bewegte sich der Klang innerhalb nur einer einzigen Silbe auf und ab wie ein Schiff auf den Wellen. Das englische »Whoa!« beispielsweise zum Anhalten von Pferden beginnt mit steigender Tonhöhe und fällt dann wieder ab. Das macht Sinn, wenn man darüber nachdenkt: Schnelles Anhalten erfordert viel Konzentration und größere Muskelanstrengung. Variierende Töne sind von Natur aus eher dazu angetan, die Aufmerksamkeit eines Tieres zu erwecken, als ein gleichbleibender, anhaltender Ton.

 

Fazit

 

Die Grundregel ist einfach: Verwenden Sie kurze, wiederholte Tonsignale wie Klatschen, Schnalzen oder kurze, wiederholte Worte, um Ihren Hund zu Aktivität zu bewegen. Zum Beispiel, wenn Ihr Hund kommen oder schneller laufen soll. Gebrauchen Sie einen langen, gleichbleibenden Ton, um ihn zu beruhigen oder zu verlangsamen, zum Beispiel, wenn Sie ihn beim Tierarzt beruhigen wollen. Stoßen Sie ein kurzes, hoch moduliertes Signal wie »Nein!« oder »Hey!« oder »Platz!« aus, wenn Sie möchten, dass Chester mit dem Jagen des Eichhörnchens in Ihrem Garten aufhört und aufmerkt. Schauen Sie sich die Sonogramme im Bildteil dieses Buches an, um sich selbst zu veranschaulichen, wie die Töne aussehen. Es ist viel einfacher, Töne korrekt einzusetzen, wenn man ein Bild davon im Kopf hat.

Ist all das wirklich genug, um Chester von seinem endlosen Streben abzubringen, endlich ein Eichhörnchen fangen zu wollen? Nein. Nicht mal Pavarotti wäre in der Lage, davonstürmende Hunde in der Mehrzahl der Fälle abzurufen, es sei denn, Sie haben vorher eine Menge Trainingsarbeit geleistet. Sie werden Chester beibringen müssen, dass es einen Grund dafür gibt, die Jagd abzubrechen. Aber Ihre Stimme ist ein kraftvolles Instrument. Und wie alle Instrumente funktioniert sie besser, wenn Sie gelernt haben, richtig mit ihr umzugehen.

 

Texas, Januar 1985

 

José und ich fuhren am späten Nachmittag zurück. Ich war erschöpft und erleichtert und glücklich, so viele gute Tonaufnahmen spanischsprechender Reiter gemacht zu haben. Dosenbier und Joints einmal beiseite gelassen, war José unermüdlich hilfreich gewesen. Den ganzen Tag lang hatte er geduldig nach geeigneten Reitern gesucht, zwischen uns übersetzt, beim Herumschleppen der Ausrüstung und Halten nervöser Pferde geholfen. Die Sonne begann unterzugehen, als José vorschlug, zu einem kleinen See zu fahren, wo wir parken und dem Sonnenuntergang zusehen könnten. Ich erklärte, wie dringend ich zurückmusste, um die Aufnahmen zu sortieren. Es folgte die universale Konversation zwischen einem jungen, gesunden männlichen Säugetier und einem nicht paarungsbereiten weiblichen Säugetier. José gab sein Bestes, um mich zum See zu locken, erkannte aber, dass er nichts erreichte. In seiner Verzweiflung sagte er schließlich zu der Frau, die den ganzen Tag lang von guten Tonaufnahmen irgendwelcher Geräusche besessen gewesen war: »Treesha, bitte, komm mit mir zum See. Ich kann so schöne Geräusche für dich machen.«

Hoffen wir an dieser Stelle, dass die Geräusche, die Sie für Ihren Hund machen, auch schön sind, nämlich leicht zu erkennen, leicht zu verstehen, so dass man mit Freude auf sie hört.

Über Patricia B. McConnell

Biografie

Patricia B. McConnell, Autorin des Buchs »Das andere Ende der Leine. Was unseren Umgang mit Hunden bestimmt«, ist Honorarprofessorin der Zoologie an der Universität von Wisconsin-Madison, USA, und zertifizierte Tierverhaltenstherapeutin. Ihr Unternehmen »Dog´s Best Friend Ltd.« ist auf das Training...

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Das Buch ist eine Rosine, die es aus dem großen Hundeliteratur-Kuchen herauszupicken lohnt.

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