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Dark SpaceDark Space

Dark Space

Der Ursprung

Paperback
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Dark Space — Inhalt

Ethan und sein Sohn Atton wurden wegen Hochverrats gefangen genommen und ihnen droht die Todesstrafe. Doch auch der Rest der Besatzung der Defiant ist dem Untergang geweiht. Denn das Raumschiff ist im Herrschaftsgebiet der Sythianer gestrandet. Und allen an Bord droht ein kalter, dunkler Tod. Währenddessen verfolgt der finstere Alec Brondi seine Pläne weiter, seine Gegner zu vernichten. Doch er selbst ist auf der Flucht und die führt ihn zu dem einzigen Ort, an dem er sich noch sicher fühlen kann – dem Dark Space ... Mit diesem Band setzt Jasper T. Scott seine gefeierte Saga um einen erbarmungslosen galaktischen Krieg fort. 

Erschienen am 20.03.2017
Übersetzer: Andreas Decker
480 Seiten, Klappenbroschur
ISBN 978-3-492-70408-3
Erschienen am 20.03.2017
Übersetzer: Andreas Decker
480 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96583-5

Leseprobe zu »Dark Space«

Prolog
Jahr 3 NdE (Nach dem Exodus)


Destra Ortane saß auf dem flachen, glasigen schwarzen Felsen und wärmte sich die Hände an einem Feuer aus getrocknetem Lumimoos und Eiswandererfett. Trotz der übergroßen Handschuhe waren ihre Finger eiskalt. Gekleidet war sie in die Felle von Eiswanderern und die Reste der Montur, die nach drei Jahren noch übrig waren.
Wie hypnotisiert starrte sie ins Feuer. Fett tropfte von dem gefrorenen Unterschenkel des Eiswanderers herab, den Hoff auf einen angespitzten Beinknochen gespießt hatte, und verzischte in den Flammen. [...]

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Prolog
Jahr 3 NdE (Nach dem Exodus)


Destra Ortane saß auf dem flachen, glasigen schwarzen Felsen und wärmte sich die Hände an einem Feuer aus getrocknetem Lumimoos und Eiswandererfett. Trotz der übergroßen Handschuhe waren ihre Finger eiskalt. Gekleidet war sie in die Felle von Eiswanderern und die Reste der Montur, die nach drei Jahren noch übrig waren.
Wie hypnotisiert starrte sie ins Feuer. Fett tropfte von dem gefrorenen Unterschenkel des Eiswanderers herab, den Hoff auf einen angespitzten Beinknochen gespießt hatte, und verzischte in den Flammen. Destras Magen knurrte. Auf Ritan gab es nie genug zu essen; das würde die erste Mahlzeit des Tages sein, und ihre Augen waren bereits gerötet und juckten aufgrund von Schlafmangel.
Auf Ritan herrschten absolute Dunkelheit und niemals endende Nacht, weswegen der Schein ihres Feuers seltsam grell wirkte. Dadurch erschienen Destras und Hoffs Silhouetten für lauernde Raubtiere zehnmal größer, als sie es tatsächlich waren – aber wenn man nichts anderes als Schatten kennt, wie soll man sich dann vor einem weiteren fürchten? Destra hoffte, dass das Feuer ausreichte, um die riesigen Fledermäuse und hungrigen Rictane abzuwehren, welche die endlose Nacht heimsuchten.
Admiral Hoff Heston lächelte sie an. Die unregelmäßige Narbe auf seiner linken Wange, ein alter Kratzer von einem Rictan, zog einen Mundwinkel nach unten, sodass das Lächeln schief aussah. »Jetzt brauchen wir nur Barbequesoße und gebackene Tabers.«
Destra erwiderte das Lächeln. »Vergiss das Bier nicht. Ich glaube, ich habe noch ein paar Flaschen in den Kühlschrank gestellt.«
Hoff lachte, und sie beide atmeten tief ein. Der Geruch des bratenden Fleischs ließ ihnen das Wasser im Mund zusammenlaufen. Destra hustete, bevor sie wieder ausatmen konnte.
Hoff klopfte ihr auf den Rücken. »Alles in Ordnung?«
Noch immer hustend nickte sie. Die ungesunde, mit Asche durchsetzte Luft Ritans war ihren Lungen nicht gut bekommen. Meistens benutzten sie improvisierte Masken, die schädliche Partikel in der Luft herausfilterten, aber die hatten sie jetzt für eine Weile herabgezogen, um das bratende Fleisch zu riechen und die Gesellschaft des anderen ein paar Stunden lang zu genießen.
Hoff schaute wieder ins Feuer. Er beugte sich vor und drehte den Knochen, um die andere Seite der Wandererkeule zu braten. Besorgt sah Destra, dass das lange, verfilzte Haar seines Barts dem Feuer zu nahe kam. In der Hitze kräuselten sich die Spitzen, und sie wollte ihn schon warnen, aber er zog sich zurück, bevor sein Bart Feuer fing.
Destra lächelte. Der Bart musste schrecklich lästig sein, aber immerhin konnte Hoff damit verbergen, wie eingefallen seine Wangen waren. Sie konnte sich hinter nichts verstecken und erschauderte jedes Mal, wenn sie bei den Schwammwaschungen im Thermosumpf in der Nähe ihr Spiegelbild erblickte. Unter der Kleidung waren sie beide nur noch Haut und Knochen. Destra schaute vom Feuer hoch, als wollte sie die fernen, dampfenden Sümpfe am Horizont betrachten. Von hier aus waren sie nicht zu sehen, aber sie stellte sich den blutroten Schimmer des Lumimooses vor, das um die warmen Thermalteiche wucherte. Hier in der Nähe der Sümpfe war die Luft wärmer – irgendwo zwischen minus zehn und minus zwanzig Grad. Schon vor langer Zeit hatten sie den sythianischen Jäger, der sie nach Ritan gebracht hatte, näher an die Sümpfe herangeflogen, aber das war eine zweischneidige Sache. In den Sümpfen wuchs das Lumimoos, die Lieblingsspeise der Eiswanderer, und wo es die Wanderer gab, gab es unweigerlich Fledermäuse und Rictane, die sie jagten.
Ein besonders großer Fetttropfen zischte im Feuer, und Hoff spannte sich an. Mit der knochigen Hand schnappte er sich ihr unersetzliches Gewehr und drehte sich um. Auch Destra blickte in die Richtung, aber da waren nur ihre Schatten zu sehen, die in der Dunkelheit tanzten. Hoff stellte das Gewehr wieder ab und hielt die Hände über das Feuer, um sie zu wärmen. Er hatte die Handschuhe abgestreift, die jetzt neben den Flammen trockneten. Sie waren blutig geworden, als sie ihr Abendessen mit dem Speer erlegt hatten. Mit den Partikelwaffen konnten sie nicht länger jagen. Von den beiden sythianischen Gewehren, die sie an Bord des Granaten-Jägers entdeckt hatten, verfügte nur noch eines über einen Rest Energie.
Die Gewehre produzierten kleine, mit Zielsuchern ausgestattete Purpursterne, die einen Rictan oder eine Fledermaus mit einem Schuss erlegen konnten. Man musste nicht einmal genau zielen. Unglücklicherweise hatte jedes Gewehr nur eine Kapazität von rund hundert Schuss, und in den drei Jahren, die sie bereits auf Ritan waren, hatten sie die Munition schnell verbraucht. Die noch vorhandene Ladung musste für Notfälle reserviert bleiben. Schließlich konnten sie unmöglich sagen, wie lange sie noch auf dem Planeten überleben mussten.
Es hatte Monate gedauert, bis Hoff herausgefunden hatte, wie man mit dem Jäger der Aliens einen Funkspruch absetzen konnte. Und selbst dann hatte er den Notruf genau auf das nächste Raumtor ausrichten müssen, damit er weitergeleitet werden konnte. Es ließ sich unmöglich feststellen, ob sie richtig gezielt hatten oder ob der Notruf, wie normalerweise üblich, von einem Tor zum nächsten weitergeleitet worden war. Falls es irgendwo menschliche Überlebende gab und die Sythianer nicht die Tor-Relais ausgeschaltet hatten, war es theoretisch nur eine Frage der Zeit, bevor jemand ihren Notruf auffing und ihnen zu Hilfe eilte.
Theoretisch.
Destra musste sich gewaltsam in Erinnerung rufen, dass sie bei den Entfernungen, mit denen sie es zu tun hatten, mit einer Verzögerung rechnen mussten. Hoffs Schätzung zufolge würde ihre Nachricht sechs Monate brauchen, um vom einen Ende der Galaxis ans andere zu gelangen, obwohl sie mit superluminaren Geschwindigkeiten über die Sternenstraßen raste. Also hätte es höchstens ein Jahr dauern dürfen, bis jemand ihren Notruf auffing und herkam. Damit war das Rettungsschiff mittlerweile mehr als zwölf Monate überfällig. Eine entmutigende Vorstellung, dachte Destra.
Mit ziemlicher Sicherheit hatten die Sythianer ihren Notruf ebenfalls aufgefangen, was die Sache nicht besser machte. Glücklicherweise war Hoff so schlau gewesen, ihre Koordinaten in der Übertragung nicht zu verschlüsseln. Er hatte lediglich angegeben, auf Ritan zu sein – was ein Mensch verstehen würde. Ein Sythianer aber nicht.
»Essen ist fertig«, sagte Hoff.
Destra nickte und wartete darauf, dass er sie bediente. Hoff schnitt mit dem Jagdmesser ein Stück Fleisch ab. Er gab ihr ein kleines Stück zum Probieren, während das Feuer weiterzischte.
Und dann ertönte das Knurren.
Hoff riss den Kopf hoch, ihre Blicke trafen sich. Destra griff nach der Pistole, in der noch zwei oder drei Schuss steckten. Dann drehten sich beide langsam um. Am Rand des Feuerscheins funkelten drei rote Augenpaare.
»Hoi!« Hoffs Stimme zitterte ebenso vor Schwäche wie vor Adrenalin. Langsam stand er auf und hob das Gewehr an die Schulter. »Verschwindet!«
Das Knurren wurde lauter.
Die schlanken, sechsbeinigen Rictane würden sie vor dem grellen Licht der Flammen nicht sehen können, aber sie konnten sie mühelos wittern. Einer von ihnen schob sich mit gefletschten Zähnen aus den Schatten. Sabbernd knurrte er sie an.
»Hoff«, flüsterte Destra, ohne den Blick von der faltigen, haarlosen schwarzen Haut der Bestie zu lösen. Im Gegensatz zu den Rictanen auf Roka IV, wo Destra aufgewachsen war, hatten diese Tiere dicke Fettschichten entwickelt, um sich warm zu halten, weshalb sie doppelt so groß erschienen, wie sie hätten sein sollen.
Der Rictan machte einen weiteren Schritt auf sie zu, und bei jeder Bewegung zitterten seine Muskeln. Die anderen beiden folgten ihm in den flackernden Feuerschein. Hoff schüttelte den Kopf. »Dieses Rudel muss sehr hungrig sein. Ich wünschte, ich müsste die Ladung nicht verschwenden, aber wir müssen sie verjagen.«
Destra hörte den Abzug klicken. Dann erneut. Mit entsetzt aufgerissenen Augen wandte sie sich Hoff zu. »Was ist los?«
»Das verfluchte Ding! Es funktioniert nicht. Des – nimm deine Pistole.«
Sie zog die Waffe und zielte. Mit zitternder Hand gab sie einen Schuss auf den vordersten Rictan ab. Ein blau-weißer Lähmstrahl schoss aus dem Lauf und traf das Tier oben an der Schulter. Mit zuckenden Gliedmaßen brach es auf dem vereisten Boden zusammen. Seine Artgenossen zischten und zögerten, anscheinend unsicher, ob sie fliehen oder angreifen sollten. Destra zielte auf den linken Rictan, um ihm bei der Entscheidung zu helfen.
Klick!
Die Pistole gab ein Piepen von sich, und hinten flammte ein rotes Licht auf. Sie war leer.
Die Rictane knurrten und setzten sich wieder in Bewegung. »Hoff …«
»Des, schieß einfach!« Er fummelte weiter an dem Gewehr herum.
»Hoff!«
»Was ist?« Er schaute auf, und sein Blick fiel auf die Pistole, die sie am Abzugsbügel baumeln ließ, um ihm die rote Anzeige zu zeigen.
»Ich habe keine Munition mehr.«
Hoff fuhr herum und schnappte sich seinen Speer. Schnee spritzte durch die Luft. Die Rictane griffen an. Scharfe Zähne gruben sich in Destras Arm. Sie schrie auf und wurde von dem Tier zu Boden gerissen. Die zweite Bestie schnappte nach ihrem Bein, was ihr einen erneuten Aufschrei entlockte.
Sie blinzelte ihre Tränen weg und entdeckte, dass Hoff über ihr stand und mit wildem Blick den Speer schwang. Er stach auf den Rictan ein, der sich in ihrem Bein verbissen hatte. Das Tier jaulte auf und zog sich zurück, wobei es mit Krallen um sich schlug. Grunzend riss Hoff den Speer aus seinem Körper und wollte sich der unverletzten Bestie zuwenden, aber da sprang sie ihn an und stieß ihn zu Boden. Die Waffe flog aus seiner Hand. Er schrie auf, dann ertönte das gedämpfte Knurren des Rictans. Hoffs Schmerzensschreie verliehen Destra die nötige Kraft, um sich mit dem guten Arm über den Boden zu ziehen und den Speer dort zu ergreifen. Mit zitternder Hand hob sie ihn an, zielte und stach mit ihrer ganzen Kraft nach dem Bauch des Angreifers.
Der Rictan warf den Schädel zurück und heulte auf. Hoff ergriff die Gelegenheit, schnappte sich das Jagdmesser und schnitt dem Tier die Kehle durch.
Plötzlich waren nur noch das Prasseln des Feuers und Hoffs abgerissene Atemzüge zu vernehmen. Destra kroch zu ihm und warf einen Blick auf sein verzerrtes Gesicht.
»Hoff …«
»Hilf mir … ihn von mir … runterzukriegen«, keuchte er.
Mit vereinten Kräften gelang es ihnen, den toten Rictan von seiner Brust zu rollen. Ein Zittern durchfuhr Hoffs ganzen Körper, und er stieß einen gedämpften Schrei aus, als die Wirkung des Adrenalins verflog und sich seine Verletzungen bemerkbar machten. Angesichts seiner Wunden verflogen Destras Schmerzen. Der Schnee war dunkelrot, beinahe schwarz von dem Blut, ebenso wie Hoffs Bauch, aber sie vermochte nicht zu sagen, wie viel davon von dem Rictan stammte.
Sie schüttelte den Kopf und suchte nach etwas, mit dem sie schnell die Wunden verbinden konnte. Aber außer ihrer Kleidung gab es nichts.
»Hoff, wo bist du verletzt?«
Das Blut rann ihm in die Kehle, er wollte etwas sagen, bekam jedoch keinen Ton heraus. »De…«
»Ich bin hier.« Sie streifte die Handschuhe ab, nahm seine Hand und drückte fest zu. Die Haut fühlte sich kalt an. »Ich bin hier, Hoff. Ich gehe nirgendwohin.«
Er nickte einmal, dann sah er mit einem weiteren schiefen Lächeln zu ihr hoch. Er zuckte zusammen und öffnete erneut den Mund, aber wiederum kamen keine Worte heraus. Eine Sekunde später erlosch das entschlossene Funkeln in seinen Augen, und das schiefe Lächeln verblich.
Destra saß da und starrte ihn einen langen Augenblick an. Ihre Verletzungen brannten, und die Kälte kroch in ihre Glieder. Das Feuer flackerte, und sein Licht wurde schwächer. Und die ganze Zeit wütete sie in Gedanken sinnlos gegen Ritan und die Sythianer, die sie dort hatten enden lassen. Ihr war so schrecklich kalt; sie war wie betäubt. Hoff, ihr einziger Freund und Gefährte in den letzten drei Jahren, hatte gerade sein Leben gegeben, um sie zu retten, und jetzt war sie allein.
Allein auf Ritan, wo sie auf eine Rettung wartete, die niemals eintreffen würde.

Während Hoff im Sterben lag, bewegten sich seine Gedanken nur langsam und schienen zu einem getrennten Teil seiner selbst zu werden, der sich von den Schmerzen und dem erstickenden Gefühl, nicht atmen zu können, isolierte. Über ihm schwebte ein freundliches Gesicht, das von Angst und Qual verzerrt war. Schweiß und Dreck klebten ihr das ungeschnittene Haar auf der Stirn fest. Sie schrie ihn an und versuchte, ihn vom Abgrund zurückzuholen, aber Hoff wusste, dass es zu spät war. An diesem Ort war er schon oft gewesen. Ihm war kalt, und seine Gedanken wurden immer abstrakter. Die Zeit schien zugleich zu rasen und langsam zum Stillstand zu kommen. Er starrte zu den undurchdringlichen schwarzen Wolken am Himmel hinauf und hatte eine Vorahnung von dem Nichts, das ihn verschlingen würde. Kein einziger Stern kam durch, um den Weg zu erhellen.
Er wollte etwas zu Destra sagen, musste aber entdecken, dass er an den Worten schier erstickte. Etwas Warmes blockierte seine Luftröhre, also lag er ganz ruhig da und versuchte, nicht länger dagegen anzukämpfen. Er schloss die Augen und tauchte in seine Gedanken ein.
Ungewollte Bilder erschienen. Bilder seiner frühesten Erinnerungen, die bis zu diesem Augenblick in einem fernen Winkel seines Gedächtnisses eingesperrt gewesen waren. Am Ende schien der Anfang immer irgendwie klarer zu werden. Staunend hatte er das Gefühl, als stünde er kurz davor, ein großes Geheimnis des Universums zu lösen.
Es war ein Bild von unglaublicher Schönheit. Er sah sich selbst auf einem Rasen stehen und die Augen vor dem grellen gelben Sonnenlicht beschatten. Die Sonne stand bereits hoch an einem klaren blauen Himmel. Überall wucherten grünes Gras und hellrote Blumen. Ein Stück in der Ferne bewuchs ein Wall aus hohen dunkelgrünen Bäumen die Hänge eines gewaltigen Berges, dessen Gipfel in Wolken gehüllt und von dickem Gletschereis bedeckt war. Links von ihm, am anderen Ufer eines funkelnden lavendelfarbenen Sees, stand eine gewaltige, von einer Kuppel gekrönte Festung, die in der Sonne weiß funkelte. Es war der Sommerpalast.
Das Bild kam direkt aus einem Märchenbuch, und Hoff erkannte die Welt sofort. Es war die verschollene Welt namens Ursprung. Aufregung und Staunen hoben Hoffs Stimmung … Er war tatsächlich auf Ursprung gewesen! Wie hatte er das nur vergessen können?
Dann wurde der Anblick abrupt fortgerissen. Und da war wieder der wütende schwarze Himmel von Ritan und das verschwommene Bild von Destras Gesicht. Hoffs Herz schlug schwer und langsam, während seine Brust schrecklich brannte. Die Schmerzen wurden schwächer. Taubheit breitete sich aus. Er zwang sich dazu, sich auf Destras gequälte Miene zu konzentrieren. Sie sah so ängstlich und verzweifelt aus. Und so verloren, dass er sie irgendwie trösten wollte.
Alles war taub, und er konnte sich nicht länger bewegen, aber mit einer letzten, gewaltigen Anstrengung gelang es ihm, die Lippen zu einem kurzen Lächeln zu verziehen, bevor ihn eine Woge aus undurchdringlicher Finsternis mit sich riss.
Aber das war nicht das Ende. In der Ferne erschien ein Licht, das mit jeder Sekunde heller wurde. Als würde er durch einen langen, dunklen Tunnel rasen. Hoff fühlte sich von dem Licht angezogen und wurde immer schneller, bis es unnatürlich hell leuchtete. Dann hörte er eine vertraute Stimme. »Hallo, Hoff«, sagte sie.
Und in diesem Augenblick begriff er, dass er sich geirrt hatte. Mit allem.

 

 

 


TEIL EINS
DIE RETTUNG

 


Kapitel 1
Jahr 10 NdE (Nach dem Exodus) Gegenwart


Ethan Ortane starrte an die Decke seiner Zelle. Das Licht auf dem Arrestdeck der Defiant war für den Nachtzyklus heruntergefahren worden. Davon war mittlerweile die Hälfte verstrichen. Längst hätte das beständige Summen des Reaktors Ethan in den Schlaf locken müssen, aber er lag wach auf der Koje und lauschte dem Ticken alter Ventilatoren und dem Rauschen kaum erwärmter Luft aus der Klimaanlage. Zählte man die Nachtzyklen, die seit seiner Entlarvung als Holohäuter vergangen waren, hatte er in dieser Zelle fast zwei volle Tage verbracht. Er hatte sich für Overlord Altarian Dominic ausgegeben.
Nicht lange nach seiner Einlieferung hatte Alara ihren Vater besucht. Es war eine freudige Überraschung gewesen, dass sie ihn erkannt hatte, obwohl der Sklavenchip in ihrem Gehirn ihre sämtlichen Erinnerungen unterdrückte und sie durch ein Leben ersetzte, das sie nie gelebt hatte. Sie war hereingekommen und hatte einfach an seiner Zelle vorbeigehen wollen, bis ihr aufgefallen war, wie er sie angestarrt hatte.
Sie war zu ihm gegangen, und sie hatten sich durch die Gitterstäbe seiner Zelle mithilfe von Sätzen, die sie auf ein Holopad getippt hatten, kurz unterhalten.
Ich erinnere mich an dich. Wir sind zusammen geflogen. Warst du die ganze Zeit der Overlord?
Ethan nickte.
Du hast gesagt, du liebst mich. Stimmt das?
Ethan zögerte, aber dann nickte er erneut.
Warum hast du dich für den Overlord ausgegeben?
Er bedeutete ihr, das Pad am Gitter vorbeizuschieben. Sie schirmte die Bewegung vor der Kamera ab und gab es ihm. Er tippte etwas und drehte das Pad, damit sie lesen konnte.
Das ist eine lange Geschichte. Auf Obsidian wird man mich mit einer Gehirnsonde untersuchen, also wirst du es erfahren – vorausgesetzt, man hält es nicht geheim.
Alara riss die violetten Augen auf und tippte. Ich hole dich hier raus.
Er schüttelte den Kopf.
Ich liebe dich, Ethan. Ich erinnere mich nicht mehr an viel, aber das weiß ich genau. Ich kann dich nicht hier zurücklassen. Ich finde eine Möglichkeit.
Als er das las, tat sie ihm leid, und er bedeutete ihr, ihm das Pad zu geben. So konnte er sie nicht zurücklassen – einem Mann nachzutrauern, an den sie sich kaum erinnern konnte. Ein Mann, der für seine Verbrechen sterben würde. Du kannst mir nicht helfen. Ich weiß, dass du mich liebst, Kiddie, aber du willst etwas, das ich dir nicht geben kann. Mein Herz gehört noch immer meiner Frau. Das war die Wahrheit, aber ihr das auf so grobe Weise zu sagen, als wollte er ihr ihre Liebe ins Gesicht zurückschleudern …
Du bist verheiratet??, schrieb sie.
Und dann glitt die Tür auf, und ein stämmiger Soldat kam mit dem Wärter herein. Beide blickten finster drein.
»Treten Sie von diesem Gefangenen weg«, befahl der Soldat. »Es ist Ihnen nicht erlaubt, mit ihm zu sprechen.«
Alara schüttelte den Kopf. »Ich habe nicht mit ihm gesprochen. Ich konnte mich nur nicht entscheiden, ob ich ihn nicht schon einmal irgendwo gesehen habe.«
»Und?«
Sie schüttelte den Kopf und betrachtete Ethan wieder. »Es ist nur ein Déjà-vu. Wenn man gechippt ist, fällt es einem schwer zu sagen, was real ist und was nicht.«
Dabei hatte ihr Blick ihn nicht losgelassen, und die Worte hatten ihm einen Stich versetzt. Empfand er vielleicht nicht doch mehr für sie, als er zuzugeben bereit war?
Müde schüttelte Ethan den Kopf. Es spielte ohnehin keine Rolle mehr, denn es war zu spät. Aber langsam kam ihm der Verdacht, ein Narr gewesen zu sein. Seine Frau Destra hatte er vor zehn Jahren das letzte Mal gesehen. Das war vor der Invasion der Sythianer und dem Exodus in den Dark Space gewesen. Die Chance, dass sie überhaupt noch lebte, war verschwindend gering. Warum also hatte er auf sie gewartet?
Ihm fiel die Antwort ein, und er lächelte entschlossen. Sie schien hell in seinem Verstand zu lodern. Er hatte gewartet, weil Destra für ihn das Gleiche getan hätte. Und weil es durchaus möglich war, dass sie irgendwo dort draußen lebte und noch immer auf ihn wartete.

Deck Commander Loba Caldin saß in ihrem Quartier – das noch vor Kurzem das Quartier des Overlords gewesen war – an Bord der Defiant. Ihre dunkelblauen Augen starrten aus dem breiten Sichtfenster ins Weltall hinaus. Mehr als ein Tag war vergangen, seit sie den Kreuzer für Treibstoff und Maschinen ausgeschlachtet hatten, damit die Rescue eine Chance hatte, die Raumstation Obsidian zu erreichen. Die Korvette hätte mittlerweile an ihrem Ziel eingetroffen sein müssen, aber ohne die SLK-Raumtore und das damit verbundene Netzwerk aus Funkrelais, einst das die Galaxis umspannende Kommunikationsnetz, konnte man nicht über die riesigen interstellaren Entfernungen Kontakt miteinander aufnehmen. Sie würden noch mindestens einen ganzen Tag lang geduldig warten müssen, bevor die Rescue mit Hilfe zurückkehrte. Caldin zwang sich, positiv zu denken. Ihre Leute würden es schaffen. Sie würden zurückkehren, und das war nicht das Ende.
Allerdings war es das Ende von etwas anderem. Da der Overlord als Betrüger mit einer Holohaut entlarvt worden war, gab es das Imperium endgültig nicht mehr. Es hatte die Sythianer überlebt, aber das würde es nicht überstehen. Diese Täuschung stellte sämtliche Geschehnisse infrage – vor und nach dem Exodus. Wie lange war der Hochstapler an der Macht gewesen? Wie war er an die Macht gekommen? Wie viele Entscheidungen hatte er getroffen, zu denen ihm die Qualifikation fehlte und die er gar nicht hätte treffen dürfen? Hatten seine falschen Entscheidungen zur Vernichtung und Auflösung eines die Galaxis umspannenden Imperiums geführt? War es seine Schuld, dass an Bord der Valiant ein Virus Tausende von Flottenangehörigen dahingerafft hatte?
Und das waren nicht die einzigen Geheimnisse um die Person, die sich für Overlord Altarian Dominic ausgegeben hatte. Als Caldin zusammen mit ihrem Vertrauten und Geliebten Corpsman Terl die Aufzeichnungen der Sicherheitsholos vom Arrestdeck ausgewertet hatte, hatte sie entdeckt, dass Captain Adan Reese der Sohn des Betrügers war. Außerdem schien Dr. Kurlin Vastra, der Schöpfer des tödlichen Virus, die beiden persönlich zu kennen. Waren sie alle Komplizen des Verbrecherbosses Alec Brondi?
Aber das ergab keinen Sinn, denn beide hatten gegen Brondi gekämpft. Da wurde irgendein Plan durchgeführt, vermutlich waren es sogar mehrere Pläne, aber alles war ein verworrenes Lügennetz, und je energischer Caldin versuchte, es zu entwirren, desto weniger Sinn ergab es. Sie konnte den ganzen Tag lang dort sitzen und Fragen stellen, von denen jede noch verstörender war als die vorangegangene, aber sie würde keine vernünftigen Antworten finden. Das würde erst geschehen, wenn sie auf Obsidian waren und die Gefangenen einem Gehirnscan unterziehen konnten. Bis dahin würden sie Geduld haben müssen …
Caldin biss die Zähne zusammen und verband in Gedanken die Sterne miteinander, aber bei jedem Blinzeln tauchte das verhasste Gesicht des Hochstaplers wieder vor ihren Augen auf. Sie schloss die Lider und bemühte sich, ihn aus dem Kopf zu verbannen, aber dann tanzten die leblosen Gesichter toter Offiziere in einer schrecklichen Parade vorbei. Ihr Blick war finster und anklagend. Zehntausende waren auf der Valiant gestorben. Hunderte davon waren ihre Freunde gewesen – einige hatten ihr so nahegestanden wie die Familie. Sie war fest davon überzeugt, dass der Betrüger hinter der Sache steckte, und das ließ sie rot sehen.
Plötzlich stand Caldin auf. Sie hatte keine Lust mehr, geduldig zu sein. Ein paar Antworten aus dem ehemaligen Overlord herauszuprügeln, würde ihr zumindest ein Ventil für ihre Frustrationen geben, und vielleicht, nur vielleicht, den Toten auch einen Funken Gerechtigkeit.

Alara Vastra starrte auf die zerfetzten, verformten Trümmerstücke der Station Obsidian, die langsam durchs All trieben. In den verdrehten und zerknüllten Überresten aus einer Kohlenstofflegierung funkelte nur noch das Licht der Sterne. Abgesehen von der endlosen Rotation der Trümmer gab es keine weiteren Bewegungen – keine, die man für lebendig oder zielgerichtet hätte halten können.
Neben ihr an der anderen Pilotenkonsole der Rescue versuchte es Gina Giord erneut mit dem Funkgerät. »Hier spricht die leichte Korvette Rescue der FISS zu Überlebenden an Bord von Station Obsidian. Bitte melden!«
Gina wartete. Aus den geöffneten Kanälen kam nur statisches Rauschen. Schließlich seufzte sie und schüttelte den Kopf. »Da gibt es nicht den Hauch von Leben. Vielleicht sollten wir versuchen, auf einem der größeren Trümmerstücke der Station zu landen – mit etwas Glück kommen wir hinein und finden etwas Brauchbares.«
»Noch näher heranzukommen, ohne von den Trümmern getroffen zu werden, wird nicht leicht«, meinte Alara. Sie hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da kollidierten auch schon zwei größere Bruchstücke der Station und erzeugten eine Funkenwolke aus pulverisiertem Duranium, bevor sie auseinanderflogen.
Petty Officer Cobrale Delayn blickte vom Maschinenstand auf. Er rieb sich die müden Augen und fuhr sich mit der Hand durch das kurze graue Haar. »Warum sollten wir das tun? Falls es an Bord Treibstoff gab, ist der zusammen mit der Station hochgegangen.«
Gina warf die Hände in die Luft. »Na schön, dann sitzen wir hier einfach herum und warten auf Rettung! Ach ja, stimmt – das ist unser Job! Wir haben uns einen schönen Namen für diesen Eimer ausgesucht.« Sie schüttelte den Kopf. »Wir sind den ganzen Weg hergeflogen, um Hilfe zu holen, aber es ist niemand hier, und uns ist der Treibstoff ausgegangen, also können wir genauso gut …«
Über ihnen schlug die Dunkelheit des Alls seltsame Wellen, und Gina verstummte.
»Was zum …«, stieß Alara hervor.
Ein sythianischer Kreuzer ersetzte das Wogen.
»Ausweichmanöver!«, schrie Alara.
Ginas Finger flogen bereits über die Instrumente, um die Trümmerwolke zwischen sich und das feindliche Schiff zu bringen.
»Als wären wir bereits nicht im Arsch!«, tobte Gina. »Tova, sagen Sie ihnen, sie sollen nicht angreifen! Wir sind Freunde!«
»Der Kreuzer muss hier gelauert haben, um Schiffe abzufangen, die zur Station wollten«, meinte Delayn.
Alara musterte den Feind auf dem Gravidar. Bis jetzt hatte er das Feuer noch nicht eröffnet.
Ein unverständliches Trällern ertönte, dann sagte das Übersetzungsgerät in Alaras Ohr: »Ich kann ihnen gar nichts mitteilen. Ich spüre niemanden an Bord.«
Alle wandten sich dem riesigen Fremdwesen zu, das vor der übergroßen Gravidarstation hockte. Tovas schwarzer Kampfanzug funkelte im schwachen Licht der Brückenbeleuchtung, und die roten Augen ihres Helms glühten.
»Moment, was hat sie da gesagt?«, fragte Gina.
»Ich spüre niemanden an Bord.«
Alara schüttelte den Kopf. »Wollen Sie damit sagen, dass das Schiff leer ist?«
»Wie kann es sich enttarnen, wenn es leer ist?«, fragte Gina.
Alara wechselte mit Gina einen Blick, und Delayn sprach aus, was sie dachten. »Sythianer.« Ihnen fehlte die telepathische Begabung der Gor, also würde Tova sie nicht spüren können.
»Klingt ganz danach«, erwiderte Gina.
»Warum schießen sie dann nicht auf uns?«, wollte Alara wissen.
Bevor einer von ihnen eine Vermutung aussprechen konnte, erwachte das Funkgerät zum Leben. »Rescue, hier spricht die Interloper, ein Schiff der RFF. Bitte nennen Sie uns den Grund für Ihre Anwesenheit.«
Alara starrte Gina an. »Das ist ein Mensch.«
Ihre Kameradin schüttelte langsam den Kopf. »Was haben unsere Jungs an Bord eines sythianischen Kreuzers zu suchen?«

Caldins Faust traf Ethans bereits in Mitleidenschaft gezogenes Gesicht. Sie trug dicke schwarze Kampfhandschuhe, aber die Polsterung war für sie gedacht und nicht für ihn. Eines von Ethans Augen war bereits zugeschwollen; seine Lippen waren aufgeplatzt und bluteten an mehreren Stellen.
»Wer sind Sie?«, wollte Commander Caldin wissen. Ihre Brust hob und senkte sich bei der Anstrengung, und ihr Blick war voller Zorn.
Ethans Kopf rollte herum, und ein scharfer Schmerz durchzuckte seinen Nacken. Zwei kräftige Männer hielten ihn an den Armen gepackt, wobei sich ihre schmutzigen Fingernägel schmerzhaft in seine Haut bohrten. Aber das bemerkte er kaum. Das von Caldins Schlägen verursachte Dröhnen nahm seine ganze Aufmerksamkeit in Beschlag.
»Noch immer keine Lust zu reden?«, wollte sie wissen.
Der nächste Schlag trieb ihm die Luft aus den Lungen. Er stöhnte auf und spuckte Blut auf ihre glatt polierten schwarzen Stiefel.
»Er hat es Ihnen doch schon gesagt, Caldin!«, rief Atton aus der Zelle auf der gegenüberliegenden Seite des Durchgangs, aber Ethan hörte ihn wie aus weiter Ferne. »Er ist nur ein ehemaliger Sträfling aus dem Dark Space. Lassen Sie ihn in Ruhe!«
»Wie wird ein kleiner Gauner der Overlord des Imperiums?«
Atton seufzte. »Das ist eine lange Geschichte.«
»Wirklich? Dann fangen Sie an zu reden!«
»Wollen Sie mich auch bewusstlos prügeln? Wenn wir beide hirntot sind, wird ein Gehirnscan auch nicht mehr viel nützen.«
Ethan wollte seinem Sohn befehlen, den Mund zu halten und Caldin nicht noch mehr zu provozieren, aber er bekam den Mund nicht auf. Bedeutete das, dass sein Kiefer gebrochen war, oder war seine Zunge einfach nur zu sehr angeschwollen? Er hatte sich mehrere Male hineingebissen, während Caldin auf sein Gesicht eingeprügelt hatte. Er bemühte sich, den Kopf zu heben und zu sehen, wo sie eigentlich steckte, aber in diesem Augenblick ließen ihn die Männer los. Er krachte ungebremst zu Boden.
Dort blieb er einfach auf dem Rücken liegen. Jeden Moment würden Caldins Fäuste nun in Attons Gesicht fliegen.
»Sie können sich glücklich schätzen, Mr. Reese, dass ich eine geduldige Frau bin.«
Ethan hörte, wie seine Zellentür ins Schloss fiel, dann entfernten sich harte Stiefelschritte durch den Gang. Eine Tür öffnete und schloss sich, und es kehrte Stille ein. Auf einem Ohr konnte Ethan so gut wie nichts hören. Er fragte sich, ob es mit Blut verstopft war oder ob Caldin so hart zugeschlagen hatte, dass ihm das Trommelfell geplatzt war.
»Bist du in Ordnung?«
Ethan musste gegen den Nebel in seinem Kopf ankämpfen, um sich auf diese Stimme zu konzentrieren. Es war sein Sohn. Er versuchte erneut zu sprechen, aber dieses Mal schoss ein scharfer Schmerz durch seinen Kiefer und hielt ihn davon ab. Definitiv gebrochen, dachte er.
»Scheiße …«, murmelte Atton. »Sie hat dich fast umgebracht.«
»Glauben Sie, sie schickt einen Mediker?« Eine andere Stimme. Vermutlich war das Doktor Kurlin. Es flößte Ethan eine gewisse Zuversicht ein, dass er der Welt um sich herum noch immer einen gewissen Sinn abgewinnen konnte, selbst mit nur einem verschwommen arbeitenden Auge und einem dröhnenden Ohr. Vielleicht bedeutete das, dass er doch keine Gehirnerschütterung hatte.
»Sie sollte besser etwas unternehmen, falls sie will, dass er noch vor Gericht erscheinen kann! Hoi! Kann man uns einen Mediker schicken? Caldin! Wenn Sie Antworten von uns haben wollen, sollten Sie uns besser am Leben erhalten!«
Ethan wollte ihnen mitteilen, dass er okay war, aber sein gutes Auge schloss sich, und sein malträtierter Körper schlief einfach ein.

Gina Giord kam zum Ende ihrer Erklärung, wer sie waren und warum sie nach Obsidian gekommen waren. Dann warteten sie in angespanntem Schweigen, dass Captain Adram von der Interloper antwortete. Als die Stille zu lange andauerte, schaltete Gina wieder das Funkgerät ein.
»Interloper, empfangen Sie uns?«
»Wir hören Sie, Rescue. Bitte warten Sie!«
»Verstanden … Wir warten«, erwiderte Gina missmutig.
Alara bedachte das Funkdisplay mit einem Stirnrunzeln und las sich noch einmal das Transkript ihrer Unterhaltung durch. Eine Minute später schnaubte sie. »Ob sie uns nicht glauben?«
»Warum denn nicht?«
»Der Overlord ist ein Holohäuter. Ein berüchtigter Verbrecherboss setzt auf dem Flaggschiff der FISS einen verheerenden Virus frei, und jetzt kontrolliert er das Schiff und vermutlich den ganzen Dark Space, während wir hier draußen nach Hilfe suchen, um die paar Überlebenden dieses Angriffs zu retten.«
»Hm.«
»Und danach gab es keine Erwiderung – nur ein ›Verstanden, bitte warten Sie‹. Als würden sie noch immer darüber nachdenken, was sie von uns halten sollen.«
»Vielleicht überlegen sie, wie sie uns an Bord schaffen können?«, schlug Delayn vor. »Einen Kreuzer der Sythianer zu fliegen, das kann nicht einfach sein. Sie bedienen alles mit Mentalkontrollen, und die Hälfte der Zeit haben wir keine Ahnung, welche Gedankenmuster ein System aktivieren.«
»Nun, hier ist noch ein Geheimnis für Sie«, meinte Gina, »und ich habe noch immer keine Antwort darauf erhalten. Wieso fliegen unsere Leute in einem Sythianer herum?«
»Vielleicht ist es dort bequemer«, zischte Tova.
Gina starrte sie böse an. Durch den Helm konnten sie den Gesichtsausdruck der Gor nicht erkennen, also konnte man nur schwer entscheiden, ob ihre Bemerkung als Witz gedacht gewesen war – vorausgesetzt, Gor hatten Sinn für Humor.
Knisternd erwachte das Funkgerät zu neuem Leben. »Rescue, wir haben einen Gor an Bord Ihres Schiffes entdeckt.«
Gina beugte sich über das Mikrofon. »Das ist korrekt, Interloper, aber sie ist ein Freund.«
Wieder kehrte Schweigen ein.
»Der Admiral erlaubt keine Schädelfratzen an Bord seiner Schiffe.«
Sämtliche Blicke richteten sich auf Tova, aber glücklicherweise reagierte sie nicht auf die rassistische Beleidigung.
Gina seufzte laut. »Interloper, wir sind einen weiten Weg gekommen, und es verlassen sich viele Freunde auf uns, also haben wir nicht viel Zeit. Könnten Sie nicht die Regeln beugen, nur dieses eine Mal?«
»Sie muss auf der Korvette bleiben. Wenn Sie zustimmen, holen wir Sie an Bord.«
Gina runzelte die Stirn. »Einverstanden, Interloper.«
»Warten Sie auf den Gravkontakt.«
Das Schiff erbebte kaum merklich. Auf der Sternenkarte bewegte sich sein Icon auf das größere Icon des sythianischen Kreuzers zu. Alara schaute vom Display auf. »Ich war fast schon überzeugt, dass sie auf uns schießen.«
Gina zuckte mit den Schultern. »Nicht jeder verzeiht so leicht wie Overlord Dom …« Mit finsterer Miene unterbrach Gina sich.
Es war allgemein bekannt, dass der Overlord als Holohäuter und Betrüger entlarvt worden war. Mit diesem Wissen fiel es schwer, seine Allianz mit den Gor nicht infrage zu stellen.
»Wie geht es Ihrer Meinung nach jetzt weiter, da der Overlord nicht länger an der Macht ist?«, fragte Delayn.
Gina holte tief Luft. »Bestimmt werden die Flotte und Admiral Heston den Befehl übernehmen.«
»Eine Militärdiktatur«, sagte Alara.
»Besser als ein illegitimer Zivilist.«
Alara entging nicht, dass Tova sie während ihrer Diskussion beobachtete, und sie fragte sich, wie viel das Fremdwesen von menschlicher Politik verstand. War Tova dazu autorisiert, über die Krise in der menschlichen Politik Bescheid zu wissen? Technisch gesehen war Admiral Heston kein Teil der Allianz zwischen Menschen und Gor, also würde das Bündnis gefährdet sein, wenn er beide Menschenfraktionen übernahm. Falls die Gor das begriffen, unternahmen sie möglicherweise etwas.
Alaras Gedanken wandten sich wieder dem Schicksal des Imperiums zu. Fragen brannten ihr auf der Seele, denn sie allein wusste, dass der Mann, an den sie sich als ihren Freund und Geschäftspartner erinnerte, ein Mann namens Ethan Ortane, der betrügerische Overlord war. Wie konnte er mit ihr zusammen geflogen sein und zugleich das Imperium regiert haben?
Sie kam zu dem Schluss, dass das einfach keinen Sinn ergab, also musste er die Position erst kürzlich übernommen haben. Aber wie und warum war er in die Rolle von Overlord Dominic geschlüpft? Hatte er mit Brondi zusammengearbeitet, um die Valiant zu übernehmen und das Imperium zu destabilisieren, und machte das Ethan in diesem Fall zu ihrem Freund oder ihrem Feind? Noch immer gab es die Erinnerung, wie sie zusammen mit all den anderen Waisen, die er gerettet hatte, in Brondis Obhut aufgewachsen war. Der Verbrecherboss war der einzige Mensch, der sich wirklich jemals etwas aus ihr gemacht hatte – der einzige, der sich je für ihr Leben interessiert hatte …
Energisch musste sich Alara ins Gedächtnis zurückrufen, dass diese Gefühle der Dankbarkeit aus den Erinnerungen eines Lebens kamen, das es gar nicht gegeben hatte. Jeder behauptete, Brondi sei ihr aller Feind, er habe ihr den Sklavenchip implantiert, um sie zu einem Freudenmädchen für einen seiner Vergnügungspaläste zu machen. Aber wenn Ethan auf seiner Seite stand …
Sie schüttelte den Kopf. Sie konnte sich nicht erinnern! Sie wusste nicht länger, was real war. Die einzige offensichtlich reale Erinnerung, auf die sie mühelos zurückgreifen konnte, bestand aus einem Mann mit grünen Augen und einem kantigen, von Sorgenfalten durchzogenen Gesicht. Ethan. Sie träumte oft von ihm und hatte beim Aufwachen stets sein Gesicht vor Augen.
Sie hatte sich immer gefragt, ob die Träume von ihm real oder nur ein weiteres Phantom aus einem Leben waren, das es nie gegeben hatte, aber an dem Abend vor ihrer Rettungsmission hatte Commander Caldin vorgeschlagen, dass sie sich von ihrem Vater Dr. Kurlin Vastra verabschiedete – von einem Mann, an den sie sich überhaupt nicht mehr erinnern konnte. Dabei hatte sie ihn gesehen, Ethan Ortane, den Mann aus ihren Träumen, der zum Leben erwacht war. Derselbe Mann, der ihr in diesen Träumen gesagt hatte, dass er sie liebe, saß jetzt im Gefängnis und wartete auf einen Gehirnscan. Selbst wenn ihn die Sonde nicht umbrachte, reichten seine Verbrechen aus, um ihn zum Tod zu verurteilen. Und als wäre das alles nicht schon genug, hatten die letzten Worte Ethans vor ihrem Verlassen der Defiant gelautet: Mein Herz gehört noch immer meiner Frau.
Er war verheiratet. Irgendwie hatte sie sich an ihn und ihre Gefühle ihm gegenüber erinnert, dabei aber vergessen, dass er jemand anderen liebte, mit dem er verheiratet war. Wie hatte sie in ihrem vorigen Leben nur so dumm sein können? In ihrem Hals bildete sich ein schmerzhafter Kloß. Sie schüttelte den Kopf.
»Hoi.« Delayn unterbrach das Schweigen auf der Brücke. »Wir haben etwas zu feiern.« Der alte Ingenieur wartete, bis er die Aufmerksamkeit aller hatte, dann fuhr er fort. »Die Rescue ist gerettet worden.«
»Ha, ha«, machte Gina trocken. »Sie haben zu viel Zeit mit Ihren Bots verbracht, Delayn. Sie klingen schon wie einer von ihnen.«
»Wenigstens habe ich Freunde«, erwiderte Delayn.
Gina schnaubte nur und schüttelte den Kopf.
Die Rescue war gerettet worden …, dachte Alara und fragte sich, ob ihr das noch etwas bedeutete.
Was hatte sie noch, wozu sie zurückkehren konnte?

Commander Caldin kehrte noch wütender in ihr Quartier zurück, als sie es verlassen hatte. Trotz der Schläge hatte Ethan ihr nur wenige Antworten gegeben. Falls er wirklich ein Ex-Sträfling war, den man vor dem Krieg in den Dark Space abgeschoben hatte, war er vermutlich an Prügel gewöhnt.
Sie hätte ihr Glück bei seinem Sohn oder dem alten Biochemiker versuchen können, aber sosehr sie es auch hasste, es zugeben zu müssen: Der Junge hatte recht – es war besser, auf die Gehirnsonde zu warten, bevor sie alle ins Koma prügelte.
Caldin ging zum Bett und betrachtete es sehnsüchtig. Sie war todmüde und doch zu aufgedreht, um schlafen zu können. Sie musste sich entspannen, ihren Stress loswerden. Ihre Gedanken wandten sich Corpsman Terl zu. Sie hatte ihn auf dem Arrestdeck zurückgelassen, damit er die Gefangenen noch eine Weile im Auge behielt. Jetzt bedauerte sie die Entscheidung und wünschte sich stattdessen, sie hätte ihn gebeten, die Nacht mit ihr zu verbringen.
Während sie das Bett betrachtete, summte der Kommunikator in ihrem Ohr. Eine Computerstimme meldete: »Ein Ruf vom Arrestdeck.«
Caldin berührte ihr Ohr, um ihn entgegenzunehmen. »Hallo?«
»Commander, die Gefangenen bitten um medizinische Versorgung.« Es war Terl. Caldin lächelte; sie war dankbar, seine Stimme zu hören. »Der Hochstapler scheint bewusstlos zu sein. Was soll ich tun, Ma’am?«
»Setzen Sie sich mit der Krankenstation in Verbindung. In der Zwischenzeit können Sie, falls nötig, Erste Hilfe leisten.«
»Ginge es nach mir, Ma’am, würde ich ihn aus der nächsten Luftschleuse werfen. Niemand würde Sie dafür verantwortlich machen.«
»Vielleicht nicht, aber wir brauchen ihn – vielleicht nicht intakt, aber zumindest klar genug, dass er die Sonde übersteht. Aber behalten Sie ihn im Auge – nur für den Fall, dass er etwas vorspielt.«
»Ja, Ma’am.«
»Und, Terl?«
»Ja, Ma’am?«
»Haben Sie Lust, einer einsamen Frau heute Nacht Gesellschaft zu leisten?«
»Das kommt darauf an.« Terls Stimme nahm einen verführerischen Unterton an.
»Worauf?«
»Sind Sie diese einsame Frau?«
Caldin lächelte. »Was glauben Sie?«
»Dann ja.«
»Gut. Ich warte.«

Alec Brondi zog den Gravstrahler aus dem Ausrüstungsgürtel des leichten Zepyhr-AngriffsMechs und feuerte ihn auf das Deck ab, um von der Decke nach unten zu gelangen. Wieder auf den Füßen klemmte er den Strahler an den Gürtel und stellte ihn so ein, dass er ein regelmäßiges Gravitationsfeld erzeugte. Jetzt konnte er sich bewegen, als würde die künstliche Gravitation der Valiant noch funktionieren.
»Was ist passiert?«, verlangte er zu wissen. Er schaltete die Scheinwerfer seines Mechs an und drehte sich langsam um die eigene Achse. Seine Männer verankerten sich mit ihren Gravstrahlern an Deck. Sie zogen die Waffen, schalteten die Lampen ein, die unter den Läufen angebracht waren, und suchten nach einem unsichtbaren Gegner. Seit Brondi entdeckt hatte, dass die Valiant von einem oder mehreren getarnten Sythianern terrorisiert wurde, hatte er in seinem Zephyr gelebt. Oder waren es Gor? Er wusste nicht so recht, wie die Gor ins Bild passten, aber ihm war egal, wer die Angreifer waren. Sie töteten seine Männer und sabotierten sein Schiff. Und es war ihnen zu verdanken, dass die Valiant ohne Energie oder Schwerkraft in einem zusammenbrechenden Orbit um Ritan durchs Weltall trieb.
Die matte Notbeleuchtung sprang an. »Das TMS und der Hauptreaktor sind ausgefallen und reagieren nicht«, meldete Brondis Erster Ingenieur. »Es muss irgendeine Überspannung gegeben haben, als das TMS ausfiel. Wir müssen ein Team runterschicken.«
»Moment, Lieutenant«, sagte Brondi. Stirnrunzelnd sah er zu, wie Captain Thornton in einer Wolke seines eigenen Blutes schwerelos durch den Raum trieb. Noch immer trug er die Holohaut von Overlord Dominic und sah für alle wie ein Achtzigjähriger mit weißen Haaren und faltiger Haut voller Altersflecken aus. Thornton war seine erste Wahl gewesen, um den Overlord zu verkörpern und Admiral Hestons Vertrauen zu erringen. Aber als die Überspannung sie alle durch die Luft gewirbelt hatte, musste Thornton mit der scharfen Kante einer Armatur zusammengestoßen sein. Jetzt würde Brondi einen neuen Darsteller finden müssen.
Es reicht!, dachte er. Mit einer Handbewegung aktivierte er seinen Kommunikator und rief Sergeant Gibbs, den Kommandanten seines MechBattallions.
»Schön, Ihre Stimme zu hören, Sir! Was ist passiert?«, sagte Gibbs.
»Unsere blinden Passagiere haben das TMS und unseren Reaktor sabotiert.«
»Scheiße! Wie? Wir hatten doch Wachen postiert.«
»Hatten, genau. Das reicht jetzt, Gibbs. Besorgen Sie mir so viele Zephyrs, wie Sie haben. Wir gehen auf die Jagd.«
»Ich tue mein Bestes, Sir. Hier unten herrscht das Chaos.«
»Treffen Sie mich auf der Brücke. Ich versiegele sie bis zu Ihrer Ankunft.«
»Ja, Sir.«

Jasper T. Scott

Über Jasper T. Scott

Biografie

Jasper T. Scott ist USA-Today-Bestsellerautor und wuchs als Kind südafrikanischer Eltern in Kanada auf. Nachdem er lange Zeit sein Dasein als hungernder Künstler fristete und sich mit zahlreichen Jobs über Wasser hielt, setzte er schließlich alles auf eine Karte und wurde freier Schriftsteller –...

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