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Danke, emanzipiert sind wir selber

Danke, emanzipiert sind wir selber

Abschied vom Diktat der Rollenbilder

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Danke, emanzipiert sind wir selber — Inhalt

Kristina Schröder hat Karriere gemacht und gerade ein Kind bekommen. Steht sie deshalb für ein Leitbild, an dem junge Frauen sich orientieren sollen? Nein, sagt sie, die Frauen von heute brauchen keine Leitbilder! Feministinnen machen den gleichen Fehler wie die Strukturkonservativen auf der anderen Seite des politischen Spektrums: Beide schreiben vor, wie das ideale Frauenleben auszusehen hat. »Gefährlich und falsch!«, sagt Kristina Schröder. Frauen (und Männer!) sollen endlich frei wählen können, wie sie ihr Leben gestalten wollen, ob mit oder ohne Familie, mit oder ohne Karriere. Diese Entscheidungen sind privat. Politik sollte keine Leitbilder vorgeben, sondern sicherstellen, dass alle Männer und Frauen Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben haben und ihrer Verantwortung in Familie und Partnerschaft gerecht werden können. Welche Wege dahin führen zeigt sie in diesem zugleich politischen und persönlichen Buch – angriffslustig und klar.

€ 5,99 [D], € 5,99 [A]
Erschienen am 16.04.2012
240 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-95524-9

Leseprobe zu »Danke, emanzipiert sind wir selber«

Vorwort

Dieses Buch ist ein politisches Buch, aber kein Buch über Politik. Es ist kein Buch über staatliche Familienförderung und den Ausbau der Kinderbetreuung, über Programme für Frauen in Notlagen und für mehr Frauen in Führungspositionen, über politische Maßnahmen zur Förderung einer familienfreundlichen Arbeitswelt und zur Unterstützung von Vätern. Wer Informationen dazu erwartet, ist auf der Website oder bei der Pressestelle des Bundesfamilienministeriums besser aufgehoben und möge die nächsten 240 Seiten überblättern. Sie sind nicht im Rahmen [...]

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Vorwort

Dieses Buch ist ein politisches Buch, aber kein Buch über Politik. Es ist kein Buch über staatliche Familienförderung und den Ausbau der Kinderbetreuung, über Programme für Frauen in Notlagen und für mehr Frauen in Führungspositionen, über politische Maßnahmen zur Förderung einer familienfreundlichen Arbeitswelt und zur Unterstützung von Vätern. Wer Informationen dazu erwartet, ist auf der Website oder bei der Pressestelle des Bundesfamilienministeriums besser aufgehoben und möge die nächsten 240 Seiten überblättern. Sie sind nicht im Rahmen unserer engen beruflichen Zusammenarbeit im Bundesfamilienministerium entstanden, sondern ausschließlich in unserer freien Zeit, die im Sommer 2011 dank Mutterschutz der einen und aufgespartem Urlaub der anderen etwas großzügiger bemessen war als sonst. Und auch das sei vorweg erwähnt: Die Bundesfamilienministerin verdient mit diesem Buch kein Geld. Ihr Erlös aus dem hälftig aufgeteilten Autorenhonorar kommt der Frauenrechtsorganisation TERRE DES FEMMES zugute. Dieses Buch ist ein gemeinsamer, persönlicher Standpunkt von zwei Frauen Mitte 30: verheiratet die eine, alleinerziehend die andere; beide bekennende, voll berufstätige »Rabenmütter«, die ihr Kind lieben und Familie für das Wichtigste im Leben halten; beide aber frei von der Absicht, aus der eigenen, privaten Auffassung von einem guten Leben

politische Schlussfolgerungen für das »richtige« Leben zu ziehen. Im Gegenteil! Wir haben dieses Buch geschrieben, weil wir die Rechthaberei derjenigen leid sind, die sich als Fortgeschrittene auf ihrem persönlichen Pfad der Erkenntnis im Besitz allgemeinverbindlicher Wahrheiten wähnen. Wir können sie nicht mehr hören, die ideologische Begleitmusik deutscher Frauen- und Familienpolitik, die ewig gleiche Leier, die hierzulande gespielt wird, wenn es um die Lebensentwürfe von Frauen geht! Emanzipation gegen Familie, Erfüllung im Beruf gegen Mutterglück, Rabenmutter gegen Heimchen am Herd, Fremdbetreuung gegen Fürsorge, Selbstverwirklichung gegen Verantwortung, Freiheit gegen Bindung – oder um es mit Loriot zu sagen: »Da hat man was Eigenes!« gegen »Früher war mehr Lametta!«. Im Kreuzfeuer frauen- und familienpolitischer Weltanschauungen geht es natürlich um viel mehr als um die Frage »Kind oder Karriere?«. Im Namen der Gleichstellung der Geschlechter propagieren Feministinnen das Ideal der Vollzeit berufstätigen Karrierefrau. Im Namen des Zusammenhalts der Familie beschwören Strukturkonservative das traditionelle Mutterideal. Den feministischen Attacken auf Hausfrauen und Vollzeitmütter liegt dabei dieselbe paternalistische Haltung zugrunde wie den strukturkonservativen Attacken auf die berufstätige Mutter. So wie Strukturkonservative die Frauen für verantwortungslos halten, wenn sie die Küchenschürze gegen den Hosenanzug eintauschen, so halten Feministinnen Frauen für unemanzipiert, wenn sie die Küchenschürze nicht gegen den Hosenanzug eintauschen. Feministinnen und Strukturkonservative haben insofern eines gemeinsam: Sie erheben ein Rollenbild, das sie für sich selbst als vorzugswürdig erkannt haben, zum Rollenleitbild, das für alle gelten soll, und ziehen damit in den Kulturkampf um das richtige Frauenleben. Das Ergebnis dieser

Kulturkämpfe ist ein Zustand, den wir als allgegenwärtiges, vielstimmiges Diktat der Rollenbilder empfinden: als widersprüchliche Anweisungen selbst ernannter Autoritäten, die uns sagen, wie wir leben sollen. Enttäuscht sind wir dabei vor allem von Feministinnen. Ausgerechnet sie, die immer Emanzipation und Selbstbestimmung der Frau gepredigt haben, pflegen vielfach ein Weltbild, in dem die Frau vor allem als Opfer von Rollenfallen und Männerbünden, als diskriminiertes und benachteiligtes Geschlecht vorkommt. Diese Kritik richtet sich, das ist uns wichtig, nicht an die Frauenbewegung in Gänze, sondern ausschließlich an Vertreterinnen einer feministischen Weltanschauung. Im Jahr 2012 feiern wir den 101. Weltfrauentag: Ein Anlass, stolz und dankbar auf die zweifellos großen Errungenschaften von Feminismus und Frauenbewegung zurückzuschauen, gleichzeitig aber auch ein Anlass, um jenseits eingefahrener Wahrnehmungsmuster Perspektiven für eine emanzipierte Frauengeneration zu entwickeln. Dazu soll dieses Buch beitragen. Wir gehen dabei von einem Menschenbild aus, das Freiheit in Verantwortung unterstellt – wohl wissend, dass gesellschaftliche Strukturen und Barrieren dieser Freiheit Grenzen setzen, aber überzeugt davon, dass wir oft einseitig von der Gefangenschaft in Strukturen reden, obwohl es meist auch offene Türen gibt. Um diese offenen Türen geht es uns. Für unsere Argumentation haben wir nicht die gemeinsame Autorenperspektive gewählt, sondern der Perspektive »Kristina Schröder« den Vorzug gegeben. Denn die Perspektiv der ersten Frau in Deutschland, die als Bundesministerin Mutter geworden ist, wirft nicht nur ein ganz spezielles Licht auf viele Debatten, die derzeit Konjunktur haben. In der Berichterstattung über die öffentliche Person der Bundesfamilienministerin treffen nachweisbar auch die widersprüchlichen Rollenerwartungen zusammen, mit denen

viele Frauen in Deutschland sich spätestens dann konfrontiert sehen, wenn sie Mutter werden. Politischer und gesellschaftlicher Fortschritt ergebe sich, so hat es der amerikanische Philosoph Richard Rorty einmal formuliert, »aus der zufälligen Koinzidenz einer privaten Zwangsvorstellung und eines weitverbreiteten Bedürfnisses«1. Diese Beobachtung erklärt nicht nur den einstigen Erfolg, sondern auch den heutigen Misserfolg des Denkens in Leitbildern. Feministinnen haben mit ihrem Leitbild lange zum Fortschritt in unserer Gesellschaft beigetragen und Frauen die lang ersehnten Handlungs- und Entscheidungsspielräume verschafft. Heute tragen sie mit demselben Leitbild zu einem vielfach als einengend empfundenen Diktat der Rollenbilder bei. Dieses Diktat wollen wir hinter uns lassen. Das ist unsere »private Zwangsvorstellung«, die uns zu diesem Buch bewogen hat – und von der wir hoffen, dass sie durch Übereinstimmung mit einem weitverbreiteten Bedürfnis einen kleinen Beitrag zum gesellschaftlichen Fortschritt leistet, zumindest aber zu einem Fortschritt im gesellschaftspolitischen Diskurs.

Kristina Schröder und Caroline Waldeck

Berlin, im Januar 2012

Mann und Frau –

Über den Feminismus

als Weltanschauung

1 Weibliche Lebensentwürfe am Pranger

Was sollen Frauen heute wollen – nun, da sie dürfen und nicht müssen? Sollen Frauen sich ein Kind wünschen oder einen Vorstandsposten oder beides? Sollen sie bei der Heirat den Namen ihres Mannes annehmen, ist ein Doppelname zeitgemäßer oder schon wieder nicht mehr up to date Sollen Frauen im Büro auf Röcke, Pumps und roten Nagellack verzichten, um ernst genommen zu werden, oder ist das schon die Kapitulation? Sollen oder dürfen sie gerne und ohne Backmischung Apfelkuchen backen? Sollen Frauen aus dem Beruf aussteigen, wenn sie Mutter werden, und wenn sie aussteigen, wann sollen sie mit welcher Stundenzahl wieder einsteigen? Sollen Frauen Familie heute überhaupt noch als glückspendend empfinden oder nicht, und wenn sie es tun, sollen sie es besser heimlich tun, um sich nicht eines reaktionären Frauen- und Familienbilds verdächtig zu machen? Sollen Frauen stillen oder nicht, und darf beziehungsweise muss bei dieser Entscheidung eine Rolle spielen, dass Stillen ungerechterweise nur den Nachtschlaf der Mutter beeinträchtigt, der des Kindsvaters aber weitgehend ungestört bleibt, während ihm die nächtliche Zubereitung eines Milchfläschchens für den Nachwuchs durchaus zugemutet werden kann? Und wenn die Stillzeit um ist, wer soll dann den Möhrenpastinakenbrei kochen: Vater, Mutter oder Claus Hipp? Antworten und Empfehlungen finden sich inflationär in Büchern, Zeitungsartikeln, Kolumnen und Internetblogs. Ich

kann diese Fragen nur für mich selbst beantworten – ohne Anspruch auf Vorbildlichkeit oder gar Wahrheit. Dass mir als Familien- und Frauenministerin eben dieser Anspruch permanent unterstellt wird, als sei ich qua Amt Mutter der Nation, ein »lebendiges Rollenmodell«1, hat nichts an meiner Haltung geändert. Ich habe keine gebrauchsfertigen oder gar allgemeingültigen Antworten auf Fragen der privaten Lebensführung parat, die viele Frauen heute umtreiben. Im Gegenteil: Ich empfände es als anmaßend, mit der Autorität des Ministeramtes darüber zu urteilen, welcher weibliche Lebensentwurf der vorzugswürdigere ist, und ich nehme mir die Freiheit, mich nicht zuständig zu fühlen, wenn es darum geht, anderen Frauen Empfehlungen an die Hand zu geben, wie sie ihr Leben leben sollen. Es ist nicht meine Auffassung von Familienpolitik, mein eigenes Verständnis von Familie zum Leitbild und meinen eigenen Lebensentwurf zum Vorbild zu erheben. In der Verantwortung bin ich als Ministerin, wo es darum geht, Familien dabei zu unterstützen, ihr Leben so zu leben, wie sie selbst es gerne leben wollen. Dabei tut es nichts zur Sache, welche Entscheidungen ich privat für mich und meine Familie treffe. Ich kann sagen, dass ich einen gemeinsamen Familiennamen für meine Familie als schönes Zeichen der Zusammengehörigkeit empfinde. Geschmackssache! Ich kann auch sagen, dass ich mir immer sowohl Kinder als auch einen interessanten Beruf gewünscht habe. Aber daraus folgt nichts, was politisch relevant ist. Mein Lebensentwurf ist einer von vielen möglichen, und wie der Lebensentwurf anderer Frauen heute ist er das Ergebnis von individuellen Lebensumständen und allgemeinen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, von Chancen und Rückschlägen, von notwendigen Kompromissen, persönlichen Prioritäten und von privaten Entscheidungen. Er taugt also nicht als Vorbild für Menschen mit anderen Bedürfnissen, anderen Zielen, anderen Lebensumständen und einem anderen Umfeld. Diese Feststellung ist leider weniger trivial, als sie auf den ersten Blick scheint.

Frausein heißt: Rechenschaft schulden

Frausein heißt heute vor allem: Rechenschaft schuldig sein. Rechenschaft schulden Frauen für private Entscheidungen, für persönliche Prioritäten, für eingegangene oder nicht eingegangene Kompromisse, für Chancen und Rückschläge, für individuelle Lebensumstände und sogar für gesellschaftliche Rahmenbedingungen, sofern sie diese durch mehr Gebärfreude oder ambitionierteres Streben nach dem Chefsessel hätten ändern können. Das Bedürfnis, Lebensentwürfe von Frauen lustvoll zu sezieren und vermeintliche Defizite ausfindig zu machen, ist so groß, dass der öffentliche Diskurs darüber bisweilen absurde Blüten treibt. Ich weiß, wovon ich rede. Im Amt der Bundesfamilienministerin muss man sich sowohl als Mutter als auch als kinderlose Frau ein falsches Familienbild und eine falsche Lebensweise vorwerfen lassen. Meine Vorgängerin im Amt, Ursula von der Leyen, musste sich Kritik gefallen lassen, weil sie Ministerin ist, obwohl sie sieben Kinder hat. »Mama, wo warst du, als ich klein war?« – mit dieser fiktiven Bild-Schlagzeile, platziert neben einem Foto von Ursula von der Leyen, begann Frank Plasberg vor einigen Jahren seine Talkshow Hart aber fair zum Thema »Kinder oder Karriere – Frauen an der Macht«. Bei mir war es die Frage, ob meine Kinderlosigkeit mich möglicherweise für dieses Amt disqualifiziere, die mich von meiner Vereidigung im November 2009 bis zum Bekanntwerden meiner Schwangerschaft im Januar 2011 begleitete. Sie wurde dann, wie zu erwarten war, übergangslos abgelöst

von Zweifeln, ob ich dem Ministeramt mit Baby und dem Baby mit Ministeram gewachsen sei. In den ersten Tagen nach meiner Amtsübernahme fehlte in keinem Zeitungsartikel das Etikett »ledig und kinderlos«. »Neue CDU-Familienministerin ohne Trauschein und Kinder«, titelte die Süddeutsche Zeitung auf der Meinungsseite.2 »Kann DIE auch Familienministerin, eine ledige, kinderlose Frau?«, zweifelte die Bild.3 »Eine 32-jährige Ministerin mit einer reinen Politikkarriere soll nun ein Feld beackern, auf dem die von ihr Regierten besser mitreden können als sie selbst«, nörgelte der Tagesspiegel.4 Einzig in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung widersprach ein Kommentar der vielstimmigen Kritik: »Wie kommt es eigentlich, dass bei einer Familienministerin immer die erste Frage zu sein scheint: Hat sie denn Kinder? Nein, Kristina Köhler, 32, hat keine, wie in jedem Artikel, der seit gestern über sie zu lesen ist, erwähnt wird. Hat denn Minister zu Guttenberg, den alle für so irrsinnig kompetent halten (…), vorher schon mal am Hindukusch Soldaten befehligt? Oder Guido Westerwelle nennenswerte Lebenszeit im Ausland verbracht?«5 Als im Dezember 2009 bekannt wurde, dass ich im Februar 2010 heiraten würde – die Einladungen zur Hochzeit hatten mein Mann und ich lange vorher verschickt –, ging das öffentliche Sinnieren über mein Privatleben in die nächste Runde. Mein Mann und ich hatten uns im Juli 2009 verlobt, was nach langjähriger Beziehung sicherlich nichts Ungewöhnliches ist. Doch die Welt mutmaßte in der Rubrik »Kopfnote«, meine Hochzeit tilge einen Makel – den (wohlgemerkt von Journalisten herbeigeredeten) Makel meiner Ledigkeit nämlich. Praktischerweise hatte der Redakteur damit gleich den nächsten Makel ausgemacht: eine Hochzeit aus politischen Motiven. »Die politische Öffentlichkeit kann ziemlich fordernd sein«, hieß es. »Über

Familienministerin Kristina Köhler wurde in den letzten Tagen recht häufig angemerkt, sie sei ledig. Da kommt die gute Nachricht gerade recht, Frau Köhler heirate im Februar. Egal, ob Einladungen schon vorher verschickt waren – ein bisschen Opportunismus zur Beruhigung konservativer Kreise darf man unterstellen.«6 Weiter ging es mit der Diskussion über den Namen, den ich als Ehefrau von Ole Schröder tragen würde. Da ich meine Hochzeit weiterhin als meine private Angelegenheit betrachtete und mich aus diesem Grund trotz zahlreicher Anfragen in der Pressestelle des Ministeriums beharrlich weigerte, öffentlich darüber zu sprechen und den Stoff für die politische Interpretation des Privaten zu liefern, schossen die Spekulationen ins Kraut. Die Financial Times Deutschland analysierte in einem Anflug von Lust am Boulevard, aber wohlgemerkt in der Rubrik »Politik«: »Da sitzt sie nun, zart, blond, jung, bestens präpariert im Fach Familienpolitik – und soll den Journalisten doch wieder Auskunft geben über ihr Privatleben. Kristina Köhler übergeht die Frage (…). Denn ob die 32-jährige Bundesfamilienministerin nach ihrer Heirat Schröder oder Köhler heißt, geht eigentlich nur die Verwandtschaft etwas an. Doch in Köhlers Fall scheint selbst die Wahl des Familiennamens zum Politikum zu werden. Heißt sie also bald wie ihr Mann Ole Schröder, Staatssekretär im Innenministerium, könnte das als Zugeständnis an die Konservativen in der CDU/CSU gedeutet werden. Ein Doppelname klänge nach einer weiteren Sozialdemokratisierung oder gar Öffnung Richtung Grün. Ihr Mädchenname als Familienname? Als Emanze möchte sie wirklich nicht gelten.«7 Spätestens zu diesem Zeitpunkt war mir klar, was Schwangerschaft und Mutterschaft unter den Argusaugen der Medien bedeuten: einen festen Platz am Pranger, wo weibliche Lebensentwürfe als Einladung zu öffentlichen

Beifalls- und Missfallensbekundungen zur Schau gestellt werden. Ein Jahr später, im Frühjahr 2011, war es dann so weit: Ich war schwanger, die Arena für die Fortsetzung der unvermeidlichen Defizitdebatte eröffnet. Als Defizit galt jetzt – je nach persönlichem Standpunkt des Beobachters – entweder die bevorstehende Mutterschaft, die die Ausübung des Amtes störe, oder die berufliche Spitzenposition, die meine Qualität als Mutter infrage stelle. »Wie soll das bitte schön gehen – Mutter sein und gleichzeitig Ministerin und Abgeordnete (…)? Kann sie das schaffen?«, argwöhnte das Zeit Magazin.8 Und was ich nach der Geburt meines Kindes alles falsch machen könne, erfuhr ich auf Zeit online: »Es wäre ein schlechtes Signal, wenn Kristina Schröder jetzt in ein traditionelles Rollenverständnis zurückfällt und für längere Zeit nach der Geburt ihres Kindes im Job aussetzt. Ebenso falsch wäre es, wenn die Ministerin gleich nach der Geburt ihres Kindes in ihr stressiges Amt zurückkehrt. Damit gäbe sie allen anderen berufstätigen Müttern das Signal, sich ebenfalls den Anforderungen der Arbeitsgesellschaft zu unterwerfen – so wie SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles, die ihrem Mann die ganze Erziehungsarbeit überlässt. Aber die Umkehrung der traditionellen Rollen ist kein modernes Modell. Heutzutage sollte es beiden Partnern möglich sein, Kind und Karriere zu verbinden.«9

Sollen schlägt Wollen

Offensichtlich gibt es wenig Bereitschaft, persönliche Wünsche, Bedürfnisse, Überzeugungen und Lebensumstände als legitime, dem öffentlichen Urteil entzogene Gründe für eine bestimmte Form des Zusammenlebens in Familie und Partnerschaft zu respektieren. Man gesteht es Frauen und Männern nicht zu, sich in ihren Partnerschaften für eine Form

des Zusammenlebens zu entscheiden, die sie selbst für die beste halten. Nun mag man einer amtierenden Bundesfamilienministerin noch sagen können, sie solle sich gefälligst nicht so anstellen: Wer die Worte »Familie« und »Frauen« in der Amtsbezeichnung trage, müsse eben damit leben, »öffentliche Mutter«10 und als solche »Ministerin im Praxistest«11 zu sein. Mag sein. Als Frau muss man allerdings keineswegs ein Ministeramt bekleiden, um sich zur permanenten Rechtfertigung des eigenen Lebensentwurfs genötigt zu sehen. Wo auch immer man hinschaut: Mit derselben Hartnäckigkeit, mit der emanzipierte Frauen sich einst ihre Unabhängigkeit und Selbstbestimmtheit erkämpften, müssen emanzipierte Frauen heute private Entscheidungen gegen die allgegenwärtige Besserwisserei wohlmeinender Zeitgenossen – und vor allem Zeitgenossinnen – verteidigen. Früher brauchte eine emanzipierte Frau Mut und Kampfgeist, um gegen alle Widerstände selbst über ihr Leben zu entscheiden. Heute braucht sie die stoische Gelassenheit eines Ackergauls, um selbstbestimmt ihren Weg zu gehen. Denn was auch immer sie als ihren Weg gewählt hat: Den richtigen Weg kennen andere. Ist die emanzipierte Frau Hausfrau aus Überzeugung, erregt sie Mitleid und Fassungslosigkeit (»Reicht dir das?«). Ist sie Vollzeit berufstätig und Mutter, gilt sie als überfordert (»Wie schaffen Sie das bloß alles?«), und wenn sie nicht überfordert ist, vernachlässigt sie ihren Nachwuchs (»Warum setzt sie ein Kind in die Welt, wenn sie es in fremde Hände gibt?«). Arbeitet sie Teilzeit, ohne den Mann an ihrer Seite anteilig zum Dienst im Haushalt zu verpflichten, lässt sie sich ausbeuten (»Wie – und er kocht nie?«). Besteht sie auf seine Beteiligung,beutet sie ihn aus (»Er bringt das Geld nach Hauseund muss abends noch Wäsche aufhängen?!«). Ist sie als kinderlose Singlefrau oder gar als Alleinerziehende beruflich

erfolgreich, gilt sie als frustriert und/oder egoistisch (»Wollen Sie auf Dauer so leben?«). Gleichzeitig knallen immer wieder verbale Geschütze aus den medialen Schlachten – darunter die Top drei: »Rabenmutter«, »Heimchen am Herd« und, ganz neu, »Latte-Macchiato- Mutter«12 – in deutsche Wohnzimmer hinein. Sie sorgen dort für schlechtes Gewissen, Selbstzweifel und Verunsicherung, aber für eines ganz sicherlich nicht: für Lust auf Kinder und Familie. Denn eines ist mit Blick auf das bisweilen hysterische Ringen um Diskurshoheit klar: Spätestens mit dem ersten Kind wird jede Frau zur »öffentlichen Frau« – zu einer Person, über deren Privatleben wildfremde Menschen hemmungslos Werturteile fällen dürfen. Nie war die Freiheit der Frauen in Deutschland größer als heute, doch in den ideologischen Schützengräben der 70er-Jahre sitzen Dogmatiker aller Couleur öffentlich Tribunal über die Ergebnisse dieser Freiheit. Hier tobt der vielleicht letzte Kulturkampf unserer postideologischen Gesellschaft. Mal hagelt es Kritik, weil Frauen nicht wollen, was sie sollen – und mal empört man sich, weil sie nicht sollen, was sie wollen. In strukturkonservativen Kreisen polemisiert man gegen die »Fremdbetreuung« von Kleinkindern, gegen die »Vermännlichung« ehrgeiziger Frauen durch blindes Karrierestreben und gegen den durch weibliche Selbstverwirklichung verursachten Zerfall von Familie und Gesellschaft. Die Freiheit der Frau in allen Ehren, erklären die Hüterinnen und Hüter eines traditionellen Frauenbilds, aber mit Familie und gesellschaftlichem Zusammenhalt steht etwas Höheres auf dem Spiel! Die Gegenseite bedient sich mit demselben missionarischen Sendungsbewusstsein derselben Argumentationsmuster. Auch hier verweist man auf höhere Ziele. Auch hier verurteilt man persönliche Präferenzen und Entscheidungen, die nicht ins eigene Weltbild passen. Der einzige

Unterschied zur strukturkonservativen Ideologie: Hier sind es mit Gleichberechtigung und Emanzipation die Ideale der Frauenbewegung, die Frauen angeblich verraten, wenn sie »als akademisch bestausgebildete Frauen jenseits des dreißigsten Geburtstags massenhaft im schwarzen Loch des Vororthäuschens verschwinden, um sich dort Mann und Kind zu widmen«13. Wofür haben Frauen für andere Frauen Freiheiten erkämpft, fragen die Verfechterinnen eines modernen Frauenbilds, wenn Frauen diese Freiheit nun nicht so nutzen, wie Feministinnen und moderne Metropolenfrauen sich das vorstellen?

Warum Frauen die Debatte satthaben – und sie trotzdem weiter führen

Viele Frauen haben es mittlerweile satt, sich – von wem auch immer – vorwerfen zu lassen, dass sie das falsche Leben führen. Ein zorniges »Lasst mich in Ruhe!« beispielsweise schleuderte die Autorin und Literaturkritikerin Ursula März den Apologeten »unfreier und unfreiwilliger Lebensplanwirtschaft« völlig zu Recht in einem wunderbar polemischen Essay entgegen.14 Das ständige Gerede über die gesellschaftliche Rolle der Frau mache selbige zur »Labormaus« – zu einem Wesen, das »ohne Unterlass gemustert, beratschlagt, beurteilt, kurzum: gegängelt und bevormundet« werde.So weit sind wir also: Der öffentliche Diskurs unter Frauen über Lebensentwürfe von Frauen ist den Frauen zum Spiegel ihres eigenen Ungenügens geworden. In diesem Spiegel scheint die großartige Vervielfachung der Wahlmöglichkeiten wie eine Vervielfältigung von Erwartungen, denen die Einzelne niemals genügen kann. Verunsicherung und Überforderung prägen das weibliche Lebensgefühl,

viele Frauen sehen sich von allen Seiten einem hohen Perfektionsdruckausgesetzt. 78 Prozent der Frauen im Alter zwischen 20 und 40 würden das Kinderkriegen und Kinderhaben nach einer Studie des rheingold Instituts gerne gelassen angehen; entspannt fühlen sich mit Blick auf das Thema Kinder aber nur 44 Prozent.15 Aus dem Allensbach-Familienmonitor 2011 geht hervor, dass die Vorbehalte sowohl gegen diejenigen, die als Mütter nicht berufstätig sind, als auch gegen diejenigen, die trotz eines kleinen Kindes Vollzeit arbeiten, mittlerweile als nahezu genauso belastend wahrgenommen werden wie das noch nicht ausreichende Angebot an Kinderbetreuungsplätzen: 54 Prozent sehen Defizite beim Kinderbetreuungsangebot als Belastung für Familien, 53 Prozent die mangelnde Anerkennung für Menschen, die zur Kinderbetreuung zu Hause bleiben, 43 Prozent die Ablehnung von Vollzeit arbeitenden Müttern. 16 Im gegenwärtigen Meinungsklima gedeihen offenbar vor allem Versagensängste und Vorbehalte, während Emanzipation und Gestaltungsfreiheit verkümmern. Ist es also an der Zeit, die »rhetorische Tretmühle (zu) stoppen«, wie Ursula März es, genervt von der heiß gelaufenen Diskursmaschinerie, in ihrem Essay fordert? Kein Wort mehr über Frauenrollen und Lebensentwürfe von Frauen? Ist Schweigen die richtige Antwort? Ja und nein! Ja, weil Schweigen die einzig angemessene Antwort auf die Frage wäre, ob andere Frauen sich zwischen Beruf und Familie entscheiden oder beides miteinander kombinieren sollen. Nein, weil ein selbst auferlegter Maulkorb nichts nützt in einer Situation, in der rundherum weiterhin gekeift, gekeilt und gebissen wird – weswegen auch Frau März glücklicherweise nicht einfach schweigt, sondern ihr Missfallen klar und deutlich im Feuilleton der Zeit artikuliert. Ruhe mitten in einer hitzigen Debatte wäre überhaupt nur als kollektives »Redemoratorium« denkbar, wie Ursula März es uns

am liebsten verordnen würde – wohl wissend, dass dies ein frommer Wunsch bleiben muss, solange andere eben nicht ihre Ruhe haben wollen, sondern im Kampf um die Deutungshoheit schlicht und einfach den Sieg erringen möchten. Solange aber an der Front erbittert gekämpft wird, kehrt auch im Hinterland keine Gelassenheit ein. Die schrillen weltanschaulichen Debatten, jahrzehntelang unvermeidliche Begleitmusik des gesellschaftlichen Wandels, nähren heute die Nervosität gerade der gut ausgebildeten, mit allen Wahlmöglichkeiten für eine viel versprechende Zukunft ausgestatteten Frauen. Die Kehrseite der noch jungen weiblichen Freiheiten ist die weibliche Statusangst: Es ist die panische Angst, im Wettstreit um den anerkanntesten weiblichen Lebensentwurf auf den hinteren Rängen zu landen, und diese Befürchtung wiederum macht es erforderlich, den eigenen Lebensentwurf nicht nur permanent zu rechtfertigen, sondern mit missionarischem Eifer Nachweise seiner Überlegenheit beizubringen und andere Lebensentwürfe abzuwerten. So löste die schwangere Vorstandschefin der Berliner Verkehrsbetriebe, Sigrid Nikutta, unter Frauen eine öffentliche Diskussion über das richtige Verhalten werdender Mütter in Führungspositionen aus, als sie Mitte 2011 auf der Bilanzpressekonferenz des Unternehmens lapidar mitteilte, auf die Mutterschutzzeit verzichten und kurz nach der Geburt ihres vierten Kindes wieder an den Schreibtisch zurückkehren zu wollen. Damit setze sie andere Schwangere unter Druck, es ihr gleichzutun, hieß es von verschiedenen Seiten. Die CDU-Abgeordnete Emine Demirbüken-Wegner appellierte dringend an Frau Nikuttas »mütterliche Instinkte « und gab deutlich zu verstehen, dass eine gute Mutter sich anders verhält.17 Solche Vorwürfe sind nur deshalb überhaupt möglich, weil Entscheidungen, die das Familienleben betreffen, nicht als privat akzeptiert werden. Die in diesen Debatten offensichtliche Mischung aus

Überheblichkeit und Selbstzweifeln hält das rhetorische Hamsterrad in Gang. Sie trägt den völlig unzeitgemäßen Streit um das richtige Frauenleben im 21. Jahrhundert in alle Winkel der Republik und erklärt nebenbei, warum es vor allem Frauen sind, die Frauen vorwerfen, das falsche Leben zu führen, während Männer hier in der Öffentlichkeit ausnahmsweise durch Zurückhaltung auffallen – sieht man einmal von den Äußerungen des katholischen Bischofs Walter Mixa ab, der im Ausbau des Kinderbetreuungsangebots für unter Dreijährige vor einigen Jahren eine Degradierung von Frauen zu »Gebärmaschinen« zu erkennen glaubte.18 Der Kampf der Frauen um Gleichberechtigung ist zu einem Wettbewerb der Lebensentwürfe und zu einem Ringen um Meinungsführerschaft in der Frage geworden, was Frauen heute mit ihren Rechten und Freiheiten anfangen sollen. Wird es nicht endlich Zeit, die Kampfzone zu verlassen? Wenn endlich Ruhe einkehrte an der Front, wenn Frauen aufhörten, anderen Frauen gouvernantenhaft belehrend den Weg zu weisen, dann wären wir, was die Gestaltungsfreiheit von Frauen betrifft, einen großen Schritt weiter. Denn Ruhe hieße, dass die Positionen im Diskurs um Frauenrollen und Frauenleben nicht mehr mit der Anmaßung höherer Einsicht oder moralischer Überlegenheit daherkommen, sondern mit der Bescheidenheit eines persönlichen Geschmacksurteils Doch so weit sind wir offensichtlich noch nicht.

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Kristina Schröder

Über Kristina Schröder

Biografie

Kristina Schröder, geb. Köhler, Jahrgang 1977, Dr. phil., ist Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Ihre Tochter kam im Juni 2011 auf die Welt.

Über Caroline Waldeck

Biografie

Caroline Waldeck, geboren 1977, arbeitet seit vielen Jahren eng mit Kristina Schröder zusammen. Sie ist alleinerziehende Mutter einer Tochter.

Pressestimmen

Echo Salzburg

»Ein anregendes und unterhaltsames Buch mit tollen Ansichten.«

Inhaltsangabe

Inhalt

Vorwort

Mann und Frau: Über den Feminismus als Weltanschauung

1 Weibliche Lebensentwürfe am Pranger

2 Die Welt hat sich geändert – das feministische Weltbild nicht

3 Der feministische Selbstwiderspruch: Emanzipation predigen, aber Bevormundung ausüben

4 Der feministische Beißreflex: Feindbild Mann

5 Das feministische Helikopter-Syndrom: Schutz oder Entmündigung?

6 Wie viel Lebensplanwirtschaft verträgt eine liberale Gesellschaft?

Vater, Mutter, Kind: Familie im Kreuzfeuer der Rollenleitbildfanatisten

1 Feminismus, Fertilität und Familie

2 Samtene Fesseln: Die bindende Kraft traditioneller Rollenleitbilder

3 Gläserne Wände: Die einschränkende Wirkung feministischer Rollenleitbilder

4 Dienst nach Vorschrift: Die kontraproduktive Wirkung häuslicher Leistungsbilanzen

5 Abschied vom Diktat der Rollenbilder

Familie zuerst! – Was kommt nach dem Abschied vom Diktat der Rollenbilder?

1 Wie wollen wir leben? – Für Freiheit zur Individualität

2 Wie wollen wir arbeiten? – Für eine familienfreundliche Arbeitswelt

3 Wie wollen wir lieben? – Für gleichberechtigte Partnerschaften

Danke!

Anmerkungen

Kommentare zum Buch

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