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DamalsDamals

Damals

Roman

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Damals — Inhalt

»Sie waren auf dem Land, am Ende der Welt, und es gab kein Zurück.« – Für einen Sommer kehren sie zurück in das alte englische Landhaus: Die vier Geschwister Harriet, Roland, Alice und Fran. Jetzt, in ihren Vierzigern und Fünfzigern, müssen sie entscheiden, ob sie das Haus ihrer Jugend, Erbe ihrer Vergangenheit, bewahren oder verkaufen sollen. Alice, gescheiterte Schauspielerin und unbelehrbare Romantikerin, bringt Kasim, den gerade erwachsenen Sohn ihres Ex-Partners mit, und Roland seine junge Tochter Molly, hübsch und unkonventionell. Sie alle zieht das alte Anwesen in seinen Bann, längst überwunden geglaubte Spannungen lodern wieder auf, und neue erotische Verwicklungen bahnen sich an. Doch auch dieser Sommer geht zu Ende, und über das Haus muss eine Entscheidung getroffen werden.

€ 22,00 [D], € 22,70 [A]
Erschienen am 01.08.2017
Übersetzer: Sabine Schwenk
384 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-492-05790-5
€ 14,99 [D], € 14,99 [A]
Erschienen am 01.08.2017
Übersetzer: Sabine Schwenk
384 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97776-0

Leseprobe zu »Damals«

Teil 1 – Die Gegenwart

Eins

Alice traf als Erste ein, doch als sie vor der Haustür stand, stellte sie fest, dass sie den Schlüssel vergessen hatte. Außer dem Brummen ihres Taxis, das wie ein Insekt langsam zwischen den Hügeln verschwand, war in der Stille des Nachmittags nichts zu hören, bis sich ihre Ohren auf andere Geräusche eingestellt hatten: das Rauschen des Baches am Ende des Gartens, das Rascheln in den Hecken und Gräsern. Zumindest war der Nachmittag angenehm warm, und die Sonne schien durch einen Schleier aus Blütenstaub, Samen und [...]

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Teil 1 – Die Gegenwart

Eins

Alice traf als Erste ein, doch als sie vor der Haustür stand, stellte sie fest, dass sie den Schlüssel vergessen hatte. Außer dem Brummen ihres Taxis, das wie ein Insekt langsam zwischen den Hügeln verschwand, war in der Stille des Nachmittags nichts zu hören, bis sich ihre Ohren auf andere Geräusche eingestellt hatten: das Rauschen des Baches am Ende des Gartens, das Rascheln in den Hecken und Gräsern. Zumindest war der Nachmittag angenehm warm, und die Sonne schien durch einen Schleier aus Blütenstaub, Samen und zartflügeligen Mücken; flimmerndes Licht fiel ins Gras, und unter der Weißbirke schoben sich die pennyförmigen Schatten der Blätter ineinander. Beim Durchsuchen ihrer Tasche mimte Alice mit amüsierter Selbstironie die Frau, die immer alles vergisst. Was Schlüssel betraf, war sie bekanntermaßen ein hoffnungsloser Fall. Sie war mit einem jungen Mann gekommen, dem Sohn ihres Exfreundes, und im Zug hatte Alice darüber nachgedacht, in welchem Lebensabschnitt sie sich eigentlich befand und ob die Leute Kasim für ihren Lover oder ihren Sohn hielten – was er ja beides nicht war. Inzwischen hatte er sich einige Schritte von ihr entfernt, ging kommentarlos um das Haus herum, und sie nahm an, dass sie wegen der Schlüsselpanne in seiner Achtung gesunken war. Sie waren auf dem Land, am Ende der Welt, und es gab kein Zurück; das Haus lag hinter einer Häusergruppe in einer Sackgasse, kein Café, kein Pub, nicht einmal ein Geschäft, um sich die Zeit zu vertreiben.

Hinter einem Lächeln verbarg Alice ihren plötzlichen Groll gegen Kasim. Sie wünschte sich, dass sie ihn nicht mitgebracht hätte. Es war ein unbedachter Vorschlag gewesen, aus einem spontanen Gefühl von Großzügigkeit, diesen Ort anbieten zu können; im Grunde hatte sie nicht damit gerechnet, dass er sie beim Wort nehmen würde, und als er es tat, fühlte sie sich geschmeichelt. Doch wäre sie jetzt allein gewesen, hätte der Schlüssel keine Rolle gespielt. In gewisser Weise wäre es sogar eine glückliche Fügung gewesen, die sie der Verantwortung entledigt hätte, das Haus aufzuschließen und für die anderen herzurichten. Sie hätte sich einfach auf der Wiese in die Sonne legen und ihre ewige Wachsamkeit vergessen können, um ausgerechnet hier, in Kington, in tiefen Schlaf zu sinken, das einzig Wahre, richtigen Schlaf, wovon sie leider nie genug bekam. Alice war sechsundvierzig, dunkel, weich, präsent und irgendwie doch nicht – auf verschiedenen Fotos hätte man sie für unterschiedliche Personen halten können. Ihre komplexe Persönlichkeit war unscharf, flattrig wie ihr feines Haar, von dem einmal ein Mann gesagt hatte, es habe die Farbe von Backpflaumen; und tatsächlich war es weich und braun, pflaumenfarben, und sie ließ es wellig über ihre Schultern fallen.

 

Das Haus war ein weißer, zweistöckiger Würfel mit bodentiefen Fenstern, an allen vier Seiten von Garten umgeben, hinten gab es eine Veranda und eine zum Bach hin schräg abfallende Wiese; die Zimmerwände waren mit feuchtbraunen Flecken gesprenkelt, es fehlte eine Zentralheizung, und das Dach war undicht. Auf den vermoosten, pflastersteindicken Dachschindeln waren noch die Narben der Meißel zu sehen, mit denen die Steinhauer sie vor zweihundert Jahren bearbeitet hatten. Alice und Kasim spähten durch die Fenstertüren: Das Hausinnere war wie das Traumbild einer anderen Welt, bedeutungsschwer in seiner Stille, wie ein Zimmer, das man in einem Spiegel sieht. In den Räumen standen noch immer die Möbel ihrer Großeltern; silbrig schimmerten die Tapeten hinter den staksigen Stühlen, dem schwarz lackierten Klavier, dem Sekretär. Die an der Bilderschiene aufgehängten Gemälde waren dunkle Höhlen. Alice hatte ihrer Therapeutin erzählt, dass sie ständig von diesem Haus träumte. Alle anderen Häuser, in denen sie gelebt hatte, kamen ihr dagegen wie Bühnenbilder vor.

Dass sie nicht hineinkamen, störte Kasim nicht; ihm war nur irgendwie peinlich, dass Alice sich blamiert hatte. Er war sich ohnehin noch nicht sicher, wie lange er bleiben würde, und im Grunde nur mitgereist, um von seiner Mutter wegzukommen, die sich Sorgen machte, weil er nicht lernte – am Ende seines ersten Studienjahrs langweilte er sich bereits. Er bildete sich ein, den Modergeruch des Zimmers durch die Scheiben hindurch zu riechen; wo die Sonne ihre Flecken auf den Teppichboden warf, sah er abgewetzt und verblichen aus. Als Kasim einen angenehm schäbigen, grauen Renault entdeckte, der vor einem der Nebengebäude auf dem Kopfsteinpflaster stand, rief er nach Alice. Für sie, die selbst nicht Auto fuhr, sahen sie eigentlich alle gleich aus, doch als sie in dieses hineinblickte, wusste sie sofort, dass es Harriet gehörte, ihrer älteren Schwester. Auf dem Rücksitz stand ein Kästchen mit Kartenmaterial, daneben auf einer gefalteten Zeitung ein Paar Schuhe, ordentlich nebeneinandergestellt, in jedem ein gestreifter Strumpf. »Ich weiß genau, was sie gemacht hat«, sagte Alice. »Sie ist hier angekommen, hat das Auto geparkt und ist sofort los, ein bisschen wandern, bevor die anderen kommen. So ein Mensch ist sie. Sie liebt die Natur und führt philosophische Gespräche mit ihr. Mich hält sie für oberflächlich.«

Der kleine Einblick in ihre wohlgeordnete Privatheit hatte Harriet, so schien es zumindest Alice, verwundbar gemacht; das berührte und ärgerte sie.

»Vielleicht hat deine Schwester ja auch ihren Schlüssel vergessen.«

»Harriet hat noch nie in ihrem Leben etwas vergessen.«

Weil sie nicht ins Haus kamen, fühlte sich Alice verpflichtet, Kasim weiter herumzuführen. Durch eine schmale Öffnung in der Steinmauer hinten im Garten ging sie mit ihm in den Kirchhof. Ihr Großvater war hier Pfarrer gewesen. Haus und Kirche standen direkt am Rand eines Talkessels, und in der Luft unter ihnen sahen sie Bussarde kreisen. Der stämmige, fernsterlose Kirchturm schien in der roten Erde zu versinken; im Gegensatz dazu bestand das Kirchenschiff fast nur aus Fenstern, und zwischen den alten, durchsichtigen, welligen Glasscheiben fielen die Wände kaum ins Gewicht – der Blick ging einfach hindurch auf das dahinterliegende Grün der Bäume. Auf dem Friedhof war der Boden durch die vielen Beerdigungen aufgewühlt wie ein Meer und an einem Ende von Bärenklau und Ampfer überwuchert. Das rote Granitgrab ihrer Großeltern glänzte auch nach einem Vierteljahrhundert noch wie neu. Ihr Großvater sei sehr hochkirchlich gewesen, sagte Alice: Weihrauch und King-James-Bibel und echte Hölle oder jedenfalls irgendeine komplizierte, schlau ausgedachte Form von Hölle.

»Er war ein sehr gebildeter Mann und ein Dichter. Ein bekannter Dichter.«

Kasim studierte Wirtschaftswissenschaften, Dichtung war ihm egal, wobei ihm auch die Wirtschaft ziemlich egal war. Geschmeidig schlenderte er hinter Alice über den Kirchhof, die Hände in den Taschen, mäßig interessiert, sein Kopf leicht geneigt, während er ihr zuhörte. Alice redete immer viel. Kasim war hochaufgeschossen und viel zu dünn, er hatte braune Haut und eine große Nase, die schmal war wie eine Klinge, dazu schwarze, dunkel umrandete, melancholische Augen, die dünnhäutigen Unterlider leicht violett. Sein bläulich schwarzes Haar war dicht wie ein Fell. Kasim war durch und durch Engländer und unverkennbar auch etwas anderes: Sein Großvater väterlicherseits, ein Richter aus dem Punjab, war eine kurze Ehe mit einer englischen Romanautorin eingegangen. Alice fürchtete nun, dass Kasim es auf dem Land öde finden würde; irgendwie hatte sie daran nicht gedacht, als sie ihn in London eingeladen hatte. Sie selbst mochte in Kington am liebsten das Nichtstun: lesen oder schlafen. Doch jetzt, da sie hier waren, lag auf der Hand, dass Kasim dies nicht reichen würde, und ihre Stimmung sank bei der Vorstellung, ihm Zerstreuungen bieten zu müssen. Weil er jung war und sie sechsundvierzig, hatte sie Angst, ihn nicht zu interessieren; sie würde am Boden zerstört sein, wenn es ihm hier nicht gefiel. Der Schmerz darüber, dass sie ihr gutes Aussehen verlor, lähmte Alice. Sie hatte immer geglaubt, dass sie alles, was sie an Macht besaß, ihrer Persönlichkeit und Intelligenz verdankte. Ihr Aussehen hatte sie als selbstverständlich hingenommen.

 

Als Nächste traf Fran ein, Alice’ andere Schwester, die Jüngste der vier Geschwister, in Begleitung ihrer Kinder Ivy und Arthur, die neun und sechs Jahre alt waren. Sie hatten eine schreckliche Fahrt hinter sich, der Verkehr war die Hölle gewesen, und Ivy war im Auto schlecht geworden. Sie hatte sich eine Plastikschüssel in den Schoß stellen müssen, und ihr Gesicht mit dem schmallippigen Mündchen, der hohen Stirn, der spitzen Nase und dem spitzen Kinn war unter den Sommersprossen theatralisch bleich. Als die Kinder durch den von einer alten, weißen Kletterrose überwucherten, steinernen Torbogen in den Garten hinter dem Haus schlenderten, sahen sie aus wie Figuren eines altmodischen Theaterstücks: Ivy in einem langen, viktorianischen, rüschenbesetzten Rock aus kakifarbener Seide, dazu ein mit rosa Pailletten besetztes Oberteil. Sie liebte es, in ihrem Kopf Fantasiewelten zu erschaffen. Ihre Geschichten waren keine ereignisreichen Dramen mit einem Plot, sondern reine Atmosphäre, und sie liebte Kington, weil sich ihre innere und die äußere Welt hier in allen Punkten zu überschneiden schienen. Über die Wiese schreitend, wandelte sie in ihrem Traum: Das alte Haus schlummerte in der Sonne, und hinter den Fenstertüren mit ihren kleinen, von Klematis überwucherten Vordächern aus Blei hätten sich beliebige Szenen abspielen können, poetisch, königlich und voll tragischer Langmut.

Arthur trug gewöhnliche Shorts und ein T-Shirt, doch er war zart und zerbrechlich, und an den Schläfen schimmerten blaue Adern unter seiner durchsichtigen Haut; er hatte sehr viel mehr Ähnlichkeit mit den Figuren aus Ivys Geschichten als sie selbst. Trotz ihrer resoluten Nüchternheit brachte Fran es nicht übers Herz, Arthur die Haare zu schneiden, die ihm seidig und wie aus blassem Gold schon bis über die Schultern fielen. Fran war stämmig und kompakt, mit Sommersprossen und hellbraunem, auf Kinnlänge gestutztem Haar; ihr grünes Oberteil spannte über den Brüsten und dem Bauch.

»Gott sei Dank, dass ihr kommt!«, schrie Alice, als sie durch die Maueröffnung vom Kirchhof zurück auf das Grundstück trat. »Ich habe den Schlüssel vergessen!«

»Mir war furchtbar schlecht«, verkündete Ivy. »Ich brauchte eine Schüssel.«

»Das Theater hättest du dir mal anhören müssen. Als würde sie im Sterben liegen. Hat Harriet denn keinen Schlüssel? Da steht doch ihr Auto.«

»Das stand schon da, als wir gekommen sind. Sie macht bestimmt einen Spaziergang.«

»Oh, na, dann gut, dass du da bist. Ich könnte ein bisschen Hilfe beim Auspacken gebrauchen, die ganzen Einkäufe hier. Du siehst schön aus. Wie schlank du bist! Beneidenswert.«

Sie bewunderte das weiße, mit blauen Blumen bedruckte Kleid ihrer Schwester, die Bräune, die lackierten Zehennägel, die raffinierten Sandalen. »Ich wünschte, ich hätte auch Zeit für so was.«

Alice beteuerte ihr schlechtes Gewissen, dass Fran sich komplett ums Einkaufen hatte kümmern müssen. Aber im Zug hätte sie die Sachen ja wirklich nicht herbeischaffen können, und irgendwie hätten sie Roland auch nicht ums Einkaufen bitten können, wo sie doch seine neue Frau noch gar nicht kannten, oder? Und Harriet wäre zu genügsam gewesen. Fran versicherte ihr, dass sie kein bisschen genügsam gewesen sei; beim Aufteilen der Kosten würde Harriet bestimmt ein entsetztes Gesicht machen. Alice kniete sich ins kurze Gras, um die Kinder zu umarmen, Ivy in der steifen Pose der Genesenden, Arthur sich dem Kuss entgegenneigend, denn er mochte die duftende, weiche Wärme von Frauen. Die Wiese war extra für ihren Besuch vom Nachbarn geschnitten worden, der für sie den Garten in Schuss hielt, und der liegen gebliebene, langsam vertrocknende Grünschnitt verströmte einen süßen, fauligen Geruch. Fran fiel ein, dass es in einem der Nebengebäude noch einen Ersatzschlüssel gab.

»Ach, egal, war nicht so schlimm. Wir sind in den Kirchhof gegangen und haben die Gräber besichtigt.«

»Wer ist wir?«

Alice war sich absolut sicher, dass sie Kasims Kommen erwähnt hatte.

»Danis Sohn. Du wirst ihn mögen. Ich glaube, er sitzt noch meditierend auf einem Grab oder so.«

»Aber Alice! Du hast doch gesagt: nur Familie.«

»Er gehört doch fast zur Familie! Ihr habt ihn mal kennengelernt – weißt du nicht mehr? Als er noch ein hübscher kleiner Junge war, das war so ungefähr gestern. Jetzt ist er ein hübscher junger Mann, ist das nicht beängstigend?«

»Du hast es nicht erwähnt«, sagte Fran.

»Und wo ist Jeff?«

Mit Plastiktüten beladen, stand Fran vor ihrer Schwester auf der Wiese; sie machte eine dramatische Kunstpause, ganz wie ihre Tochter. Wo Alice unbestimmt war, da war Fran energisch; ihre auffallend flach liegenden Augen erweckten einen Eindruck von Direktheit. »Dreimal darfst du raten. Im letzten Moment konnte er nicht.«

»Soll das ein Witz sein, Fran? Ich dachte, diesmal hätte er es fest versprochen.«

»Hat er auch. Aber er ist ein Scheißtyp.«

Jeff tat so, als hätte er den ganzen Urlaub komplett vergessen, berichtete Fran, obwohl alles schon seit Monaten ausgemacht war. Für den ganzen Zeitraum, in dem sie eigentlich weg sein wollten, hatte er Auftritte gebucht, ohne es ihr zu sagen; inzwischen meinte er zwar, dass er sich vielleicht doch noch ein bisschen Zeit freischaufeln könnte, um wenigstens für ein paar Tage zu kommen, aber sie hatte ihm gesagt, das sei nicht nötig. Alice bekundete lautstark ihr Mitleid, blieb aber auf der Hut, weil sich Fran, wenn man Jeff in der Vergangenheit kritisiert hatte, schon mehrmals angegriffen gefühlt und begonnen hatte, ihn zu verteidigen. Im Übrigen mochte sie Jeff und bedauerte, dass er nicht mitgekommen war. Das habe jetzt wirklich das Fass zum Überlaufen gebracht, flüsterte Fran mit Rücksicht auf die Kinder. Zwischen ihr und Jeff sei alles aus, sie habe die Nase voll. Auch das hörte Alice nicht zum ersten Mal.

Fran schloss die Eingangstür auf, und einen Moment lang standen die Schwestern zögernd auf der Schwelle und riefen sich ins Gedächtnis, was sie während ihrer Abwesenheit vergessen hatten: den Geruch eingesperrter Luft und die leise Schwermut des dämmerigen Flurs mit seinen grau-weißen Bodenfliesen und den lappigen, alten, zu einem schlammigen Rot verblassten Läufern. Jedes Mal gab es diesen Moment der Anpassung, wenn sich die schäbige, armselige Realität des Hauses über ihre allzu optimistischen Vorstellungen schob. Fran begann, in der Küche die Einkäufe auszupacken; es war der unansehnlichste Raum des Hauses, unverändert seit den Siebzigerjahren, als ihre Großmutter in einem Modernisierungsanfall Wandschränke aus Holzfurnier, einen Spültisch und einen Elektroherd hatte einbauen lassen; wenigstens die große, alte Anrichte, die eine ganze Wand füllte, hatte sie stehen lassen. In manchen Schränken legten sich klebrige Spinnweben und schwarzer Schimmel über Pfannen und Schüsseln, und Mäusedreck war überall. Weil sich die Küche zwischen dem vorn gelegenen Esszimmer und dem breiten Wohnzimmer befand, das nach Süden hin die gesamte Rückseite des Hauses einnahm, war sie zudem dunkel, mit einer einzigen Neonröhre, und ihr Seitenfenster ging auf eine Spülküche und die Nebengebäude.

Die vorherige Frau ihres Bruders, Valerie – sie war Nummer zwei gewesen –, hatte ihnen in Kington unentwegt ihre Pläne zur Verbesserung des Hauses dargelegt, obwohl sie stets beteuerte, wie sehr sie es mochte. Sie sollten die Küche komplett erneuern und zum Garten hin verlegen, sagte sie; und eine Zentralheizung einbauen und zusätzliche Badezimmer. Alle stimmten ihr zu, doch nichts geschah. Es gab ohnehin kein Geld für Veränderungen.

Ivy setzte sich neben Kasim, der mit geschlossenen Augen auf dem Friedhof im hohen Gras lag. Sie streckte ihre Beine neben seinen aus und legte den langen Rock so akkurat zurecht, dass nur noch ihre Wildlederschuhe herausschauten wie zwei schwarze Ausrufezeichen. Auf einen Ellbogen gestützt, beugte sie sich mit ernster Miene zu ihm hin und begann, ihr übliches Themenrepertoire durchzugehen – Schule, Arthur, die Viktorianer, ekliges Essen –, weil sie austesten wollte, was er unterhaltsam fand. Ohne die Augen zu öffnen, tastete Kasim in seinen Hosentaschen erst nach Zigaretten, dann nach dem Feuerzeug. Ivy beobachtete das rituelle Entzünden der Flamme und das erste, tiefe Inhalieren mit respektvollem Interesse.

»Pass auf«, sagte sie. »Nicht, dass das trockene Gras Feuer fängt.«

Er öffnete ein Auge, nur eins, sah sie an, machte das Auge wieder zu.

»Meine Mum findet Rauchen nicht gut. Sie sagt, davon kriegt man Krebs.«

»Wie kommt sie bloß auf so was?«

Kasims Lässigkeit schreckte Ivy nicht ab; im Gegenteil, er beeindruckte sie. Sie nahm an, dass er der neue Freund ihrer Tante Alice war, vielleicht sogar bisher der beste. Was Kinder von den Erwachsenen an Verhaltensweisen zu sehen bekamen, schoss es Ivy durch den Kopf, wurde immer schön vorsortiert, zum Beispiel das mit dem Rauchen, von dem sie genau wusste, dass ihr Daddy es tat, aber immer so, dass sie es nicht mitbekam. Träge zog Kasim das Handy aus der Tasche, um nach seinen E-Mails zu schauen.

»Du hast hier keinen Empfang«, sagte Ivy wichtigtuerisch. »Es gibt nur eine Stelle, und da kommt es drauf an, welches Netz du hast. Du musst übers Feld gehen, das da mit den Kühen, und dann weiter hoch bis zum Gatter und dich draufsetzen. Anders geht’s nicht.«

Kasim fluchte, nicht, weil es ihm wichtig war, sondern vor Überraschung. Vielleicht sollte man in Gegenwart von Kindern nicht fluchen, dachte er, doch Ivy wirkte so ungerührt, als hörte sie das Wort fuck tagtäglich. Eigentlich fand er die Idee gar nicht so schlecht, sich einfach mal komplett aus der Kommunikation ins Nichts zu verabschieden, unauffindbar für seine Freunde, seine geschiedenen Eltern und das Mädchen, mit dem er halbherzig zusammen war. Nun, da er wusste, dass die Verbindung nach außen gekappt war, raschelte und summte der Sommernachmittag, der zu heiß war für Vogelgesang, lauter in seinen Ohren als zuvor und auch verlockender. Er würde sich erden, wie man so schön sagte, und er genoss die harte, unsanfte Berührung des Bodens, der sich seinem Körper angepasst hatte. Lästig war allerdings, dass es hier Kinder gab. Er fand Kinder nicht besonders lustig. Es kam ihm vor, als wäre er gestern selbst noch eins gewesen, er konnte sich nur allzu gut daran erinnern.

 

Alice ging durch die Räume, um zu lüften, öffnete singend Türen und Fenster. Jetzt war sie im Haus, und alles war gut. Sie lehnte sich aus dem Fenster eines der oberen Schlafzimmer, um Kasim, der gerade vom Kirchhof zurückkam, zuzuwinken und nach ihm zu rufen; er versuchte, Ivy abzuschütteln, die ihm auf Schritt und Tritt folgte. Er winkte zurück, die Zigarette wie festgeklebt in seinem Mund. Als Alice sich wieder zum Zimmer umdrehte, wurde sie plötzlich von einem Gefühl erfasst, das wie ein Versprechen war. Es hatte nichts mit Kasim oder sonst jemandem zu tun, schon gar nicht mit Dani: Das Licht, das über die rosa Tapete wanderte, die dunkle Masse des Kleiderschranks in einem Winkel ihres Blickfeldes, die Stimmen der Kinder vor dem Haus, der moderige, geheimnisvolle Geruch des Zimmers, eine knarrende Holzdiele – das alles rief eine so eindringliche und doch unbestimmte Erinnerung in ihr wach, dass es vielleicht auch nur die Erinnerung an einen Traum war. Es war Sommer in dem Traum, da war ein Mann und zwischen ihnen ein unbefangenes, wortloses Zeichen gegenseitiger Anziehung, und alles war offen. Es war ein kurzer, aufblitzender Wink, der Alice inspirierte und erregte, eher ein Vorgefühl als ein Rückblick. Die Liebe schien wieder da zu sein, verschwenderisch und möglich, als läge etwas in der Luft. Atemlos ging sie den Flur entlang und spürte, wie ihr Herz klopfte.

Oben war das Haus immer voller Licht und atmosphärisch extrem vom Wetter abhängig. Der Grundriss war simpel: Eine Freitreppe mit breiten, flachen Stufen mündete in einen langen, zum Erdgeschoss hin offenen Flur mit weiß gestrichenem Geländer; an beiden Enden des Flurs befand sich ein hohes Rundbogenfenster, von außen wie auch von innen die besondere Attraktion des Hauses. In ihrem Schlafzimmer – Alice nahm immer das vordere – kniete sie sich mit einem schuldbewussten Gedanken an Fran, die unten arbeitete, vor das Bücherregal. Das Haus war voller Kinderbücher, nicht nur aus ihrer eigenen Kindheit und der ihrer Geschwister, sondern sogar noch aus der Kindheit ihrer verstorbenen Mutter. In die Deckel der Bücher, die Alice gehörten, waren datierte Exlibris geklebt, auf denen in der wackeligen Schreibschrift, die sie in der Schule gelernt hatte, ihr Name stand. Intuitiv griff sie sich eins heraus, Der Club der guten Taten von Edith Nesbit, schlug es auf und begann zu lesen. »Und dann sahen wir etwas, für das sich der weite Weg wirklich gelohnt hatte; der Bach verschwand plötzlich unter einem dunklen Steinbogen, und man konnte noch so lange im Wasser stehen und den Kopf zwischen die Knie stecken, am anderen Ende war kein Licht zu sehen.« Das Gewicht des Buches in ihren Händen, das dicke, schöne Papier, wenn sie die Seiten umschlug, und die Bilder von Jungen in Knickerbockern und Mädchen in Trägerschürzen holten die längst vergangene Zeit zurück, als sie es zum ersten Mal gelesen hatte, und auch die Zeit davor, als es solche Kinder vielleicht wirklich gegeben hatte.

Fran schälte in der Spüle Kartoffeln, als Alice, die im Garten Blumen schneiden wollte, auf der Suche nach einer Schere hereinkam.

»Als du entschieden hast, Kasim einzuladen«, sagte Fran, »wo genau hattest du da vor, ihn schlafen zu lassen?«

Alice war unbekümmert. »Keine Angst, es gibt doch jede Menge Zimmer.« Sie rumorte vergeblich in den Schubladen und sah sich verzweifelt um. »Haben wir denn keine Schere?«

Fran nahm die Schere von der Hakenleiste an der Wand, wo sie immer hing, und gab sie Alice. »Ich meine, ich nehme ja mal an, dass er nicht bei dir schläft.«

»Um Gottes willen! Kasim ist doch fast so etwas wie mein Stiefsohn.«

»War ja nur eine Frage. Bei dir weiß man nie.«

»Für den bin ich eine uralte Frau. Die Kinder sind übrigens ganz vernarrt in ihn. Wo er auch hingeht, marschieren sie hinter ihm her. Kasim hat ja ständig die Hände in den Hosentaschen, und das macht Arthur ihm jetzt schon nach. Das sieht so süß aus.«

»Haben wir denn Platz?«, beharrte Fran, über ihre Kartoffeln gebeugt. »Molly braucht natürlich ein eigenes Zimmer, sie ist ja kein Kind mehr.«

Gezwungenermaßen begann Alice, die Zimmer und Betten an den Fingern abzuzählen. »Oh, ich glaube, ich habe Molly vergessen …«

»Lass mich mal, also: Roland und, wie heißt sie noch gleich, seine neue Frau, dann du, Kasim, Harriet und Molly. Damit sind fünf der sechs Zimmer voll. Das heißt, ich muss bei den Kindern schlafen, im Zimmer mit dem Etagenbett.«

»Oh, Fran, das ist ja schrecklich. Gerade du brauchst doch dringend eine Auszeit. Nein, ich schlafe bei den Kindern, ich bin ja auch schuld. Es macht mir nichts aus, wirklich.«

»Sei nicht albern«, sagte Fran gnadenlos. »Du weißt genau, dass es sowieso nicht so kommen wird.«

Reumütig holte Alice die Vasen ihrer Großmutter aus der Spülküche und füllte sie auf dem Küchentisch mit Wasser. »Immer schön im Weg«, grummelte Fran, als sie außer Hörweite war. Alice brachte Rosen, Montbretien und violette Leinkräuter aus dem Garten, in dem nur die zähesten Pflanzen die langen Leerstände des Hauses überlebten. Dann verteilte sie Blumen im ganzen Haus und stellte auf jede Frisierkommode ein Sträußchen, für die neue Ehefrau weiße Rosen und Farn. Sie richtete das Obst aus dem Supermarkt in Schalen an. Fran hatte neue, leuchtend bunte Geschirrtücher mitgebracht. Küchendüfte drangen bis in die Zimmer. Zwischen ihren Besuchen schien das leere Haus in eine Starre zu verfallen, aus der es, erst widerwillig und abweisend, zu neuem Leben erweckt werden musste.

 

Harriet überquerte den Friedhof und blieb vor der Maueröffnung stehen, um sich auf das Ende der Einsamkeit vorzubereiten. Sie war erfüllt von ihrem Nachmittag: Sie hatte den Weg zum Wasserfall genommen, der in dieser Jahreszeit nicht mehr war als ein flüssiger Streifen in einem langen, aufgeweichten Vorhang aus smaragdgrünem Moos. In den Wipfeln einer Tannengruppe ließen Wintergoldhähnchen ihre schrillen Rufe erklingen, auf dem Pfad aalte sich eine Blindschleiche in der Sonne, graue Baumstämme ragten steil empor, und durch die Blätterfächer, die in unsichtbaren Luftströmen erzitterten, sickerte Sonnenlicht. Ein verlassenes Cottage, das sie schon als Kinder beobachtet hatten – mit dunklen Erinnerungen an eine letzte Bewohnerin –, war noch tiefer in die Erde eingesunken, oben an der Biegung des Pfades, mit Blick über das schroffe Talende. Vor langer Zeit hatten sie und ihre Geschwister ein rostiges Vorhängeschloss aufgebrochen und das Häuschen von innen erkundet, waren sogar die Treppe hochgestiegen; heute wäre so etwas gefährlich gewesen. Das Cottage war von allem abgeschnitten, es gab nicht einmal Leitungswasser, geschweige denn Strom, niemand hätte dort wohnen können. Wobei Harriet manchmal gedacht hatte, sie vielleicht schon. Sie brauchte nicht viel.

Sie sah, dass die anderen eingetroffen waren. Die Fenstertüren zur Terrasse waren geöffnet, und auf einem der Liegestühle, die aus einem Nebengebäude geholt worden waren, hatte sich ein junger Mann niedergelassen. Ivy, die gerade aus dem Wohnzimmer auftauchte, brachte ihm ein Getränk, das wie Gin Tonic aussah, das Glas mit beiden Händen vorsichtig vor sich her tragend; Arthur folgte ihr mit einem Schüsselchen. Harriet war schüchterner, als die meisten glaubten, und angesichts der Notwendigkeit, sich wieder in diese von Menschen bevölkerte Welt hineinzubegeben, verlor sie allen Mut. Erst dachte sie, der Mann sei wahrscheinlich Alice’ neuer Freund, obwohl sie nichts davon gehört hatte, dass es einen gab. Doch beim Näherkommen erkannte sie ihn.

»Ich weiß, wer du bist«, sagte sie, und ihre ausgestreckte Hand ließ Kasim zusammenzucken, denn er las gerade mit aufmerksamer Geringschätzung die letzten Seiten der Zeitschrift Metro, die er in der Londoner U-Bahn mitgenommen hatte. »Du musst Danis Sohn sein. Wir sind uns vor ein paar Jahren mal auf Alice’ Geburtstag begegnet. Da warst du noch klein. Ich bin Alice’ Schwester.«

»Ich bin eben erwachsen geworden.«

»Natürlich, dumme Bemerkung von mir.«

Kasim stand auf; er bot Harriet seinen Liegestuhl an, dann seinen Gin Tonic und die gesalzenen Nüsse, die in dem Schüsselchen waren, das Arthur gebracht hatte.

»Das ist aber dein Gin Tonic«, sagte Ivy streng. »Sie kann ihren eigenen kriegen.«

Kasim erinnerte sich auf den ersten Blick an Harriet, denn sie sah aus wie eine tragischere Version von Alice. Ihre Kordhose und das alte T-Shirt verrieten, dass sie weniger Wert auf Kleidung legte. Ihr Gesicht war verhärmter als das ihrer Schwester, dabei ausdrucksloser, wie eine Maske der Gelassenheit; das kurz geschnittene Haar stand steif von ihrem Kopf ab, und es war schneeweiß.

Sie sei noch nicht bereit für einen Gin, sagte Harriet, sie wolle lieber erst einmal ihre Wanderstiefel ausziehen und auspacken. Arthur fragte, ob er mitkommen könne.

»Er guckt Frauen gern beim Umziehen zu«, erklärte Ivy.

»Ich ziehe mir nur andere Schuhe an«, sagte Harriet, und es klang wie eine Entschuldigung.

Fran, die am Spülbecken in der Küche Salat wusch, sah, wie Harriet und Arthur das Gepäck ihrer Schwester – viel war es nicht – zur Seitentür brachten, die in die Spülküche führte, von der es in die Küche ging. Arthur trug mit gebührendem Ernst das Fernglas seiner Tante quer über dem Bauch. Es war nicht seine Schuld, sondern lag an der Frisur, dass er wie ein Hotelpage aussah. Als Fran ihm die Cashewnüsse gegeben hatte, war es ihr aufgefallen, und die Erkenntnis, dass sie ihm die Haare wohl doch würde schneiden müssen, hatte ihr einen Stich versetzt; irgendwann, aber nicht sofort. Wenigstens redete ihre älteste Schwester mit den Kindern wie mit vernünftigen Erwachsenen – Alice übertrieb es manchmal.

»Dann warst du also schon wandern?«, fragte sie und gab Harriet einen Kuss.

»Ich wollte nicht als Erste reingehen«, gestand Harriet. »Bin da wohl irgendwie abergläubisch.«

»Ich wünschte, ich hätte deine Energie. Kein Wunder, dass du so dünn bist.«

Harriet setzte sich in die Spülküche, um ihre Stiefel aufzuschnüren, während Fran ihr von Jeffs Fernbleiben erzählte und wie unfair das sei. »Wir wissen zwar nicht, um wie viel Uhr Roland und seine Leute kommen, aber ich mache trotzdem Abendessen, und wir haben schon mal mit dem Gin angefangen. Wir dachten, es wäre gut, uns gegen die neue Ehefrau zu wappnen.«

»Ich habe im Garten Kasim getroffen.«

»Danis Sohn. Er soll hochintelligent sein. Aber das sind die Freunde von Alice ja alle, oder?«

»Er macht einen sehr netten Eindruck.«

Fran senkte die Stimme. »Alice denkt nie an die praktische Seite. Weil sie ihn mitgebracht hat, muss ich bei den Kindern im Zimmer schlafen.«

Mit schlechtem Gewissen beugte Harriet ihr heißes Gesicht über die Schnürsenkel, denn sie wusste, dass sie Fran hätte anbieten sollen, an ihrer Stelle bei den Kindern zu schlafen und ihrer Schwester eine Auszeit zu ermöglichen, brachte es aber nicht über sich. Das Alleinsein wenigstens in der Nacht war ihr lieb und teuer: Zu Hause lebten sie und ihr Partner Christopher meistens jeder für sich, weil es beiden lieber so war. In diesem Moment kam Alice in die Küche, die Hände beladen mit Besteck; sie war dabei, im Esszimmer den Tisch zu decken. »Hettie, da bist du ja! War die Wanderung schön? Sehr klug, an so einem herrlichen Tag gleich rauszugehen. Für drei Wochen hast du aber nicht viel Gepäck dabei. Du bist wirklich genügsam! Passt zu dir, dass du so vernünftig bist. Hier sieht uns ja auch keiner, hab ich recht? Wir sehen uns nur gegenseitig, kann uns ja egal sein, wir sind ja Familie. Na ja, und Kasim und Pilar.«

»Stimmt, so heißt sie«, sagte Fran. »Irgendwie seltsam, der Name.«

»Ich bleibe nur eine Woche«, sagte Harriet. »Ich konnte mir nicht länger freinehmen.«

Fran ließ rasch die Salatschleuder surren, um Alice’ Enttäuschung zu übertönen: Deren Haltung war abrupt umgeschlagen, und sie ließ laut klappernd das Besteck auf den Küchentisch fallen. Harriet habe es aber doch fest versprochen, rief sie. Sie waren doch alle einverstanden gewesen, sich ihre Ferienzeiten aufzusparen, um drei gemeinsame Wochen zu haben, weil es vielleicht das letzte Mal sein würde!

»Ich habe nichts versprochen«, entgegnete Harriet. »Ich habe dich sogar vorgewarnt, dass es schwierig werden könnte, mir so lange freizunehmen.«

»Ich wollte dich dabeihaben. Es sollte doch eine besondere Gelegenheit sein. Ich wollte, dass wir hier alle zusammen sind, so wie früher.«

»Jetzt ist sie doch hier«, sagte Fran. »Lasst uns nicht gleich am ersten Abend streiten.«

Oben in ihrem Zimmer sah Harriet das Sträußchen auf der Kommode stehen; der Vorwurf ihrer Schwester schien ihr während des Auspackens daraus entgegenzuschlagen. Das Zimmer lag über der Küche, und sie konnte ihre empörte Stimme hören, wenn sie auch die Worte nicht verstand. Als Harriet laut mit dem Fuß auf den Dielenboden stampfte, verstummte Alice. Dann drangen demonstratives Gläserklirren und Stühlerücken aus dem Esszimmer. Es war unfair von Alice, ihr vorzuwerfen, dass sie alles verdarb. Schließlich hatte auch niemand dagegen protestiert, dass sie mit Kasim aufgetaucht war, obwohl es doch angeblich ein Familientreffen sein sollte.

Mit schaukelnden Beinen saß Arthur auf der Bettkante und sah andächtig zu, wie Harriet ihre Sachen einräumte. »Ist das dein bester Schlafanzug?«, fragte er mit ernsthaftem Interesse, und sie musste zugeben, dass sie nur zwei besaß, die fast identisch waren, einen grün karierten und einen rot karierten. Sie bedauerte, ihm nichts Aufregenderes zeigen zu können als einen ordentlichen Stapel sauberer T-Shirts, Ersatzunterwäsche, eine Ersatzhose und einen Pullover, falls es kalt werden würde. Sie räumte ihre Heuschnupfentabletten und ihre Haarbürste weg und schob rasch ihr Tagebuch unter die T-Shirts in der Kommode. Wenn sie heute Abend wieder allein wäre, würde sie über den Streit mit Alice schreiben und versuchen, mit gewissenhafter Objektivität beide Standpunkte festzuhalten. Dann kam Alice mit einem friedensstiftenden Gin die Treppe hoch, den Harriet annahm, obwohl sie Gin nicht besonders mochte.

»Ist es okay für dich, in diesem Zimmer zu schlafen?« Rasch wandte sich Alice von ihrem Spiegelbild in dem altersfleckigen Kippspiegel ab, doch da hatte sich ihre Hand schon wie von selbst gehoben, um durch ihre Haare zu streichen.

»Nein, es ist okay. Warum?«

»Weil du immer durch mein Zimmer musst, das ist doch lästig für dich. Bei Roland kannst du ja wegen Pilar nicht durch.«

»Das stört mich nicht.«

Arthur fragte, ob Harriet vielleicht ein Foto von ihm machen wolle, und als sie freundlich einwilligte, zeigte er ihr ein sicheres, mehrdeutiges Kameralächeln. Dann setzte sich Alice, auch sie ganz entspannt, neben ihn aufs Bett und legte ihm für das nächste Foto einen Arm um die Schulter. Arthur bot an, die beiden Schwestern zu fotografieren, aber davon wollten sie nichts wissen. Beide fanden es, ohne sich dies je einzugestehen, einfach nur grauenvoll, wie ähnlich sie sich trotz aller Verschiedenheit sahen. Auf Familienfotos richteten sie es immer so ein, dass sie außen standen, jede auf einer Seite. Seit Harriet weiße Haare hatte, war die Ähnlichkeit noch erschreckender.

 

Da sie von Roland nichts gehört hatten, fingen sie mit dem Abendessen an: Nudeln in Tomatensauce mit Oliven und Kapern, Sauerteigbrot, mit Olivenöl und Meersalz angerichteter Salat. Alice hatte hübsch den Tisch gedeckt, mit noch mehr Blumen und dem schweren, angelaufenen Silberbesteck, das ihre Großeltern zur Hochzeit bekommen hatten. In einem Schrank hatte sie eine fleckig gewordene Spitzentischdecke gefunden, die muffig roch. Die Schiebefenster waren geöffnet, und der Spiegel über der Anrichte reflektierte die schräg einfallenden Strahlen der späten Nachmittagssonne. Sie aßen in blendendem Licht, und die ganze Szene wirkte fast so, als würden sie etwas zelebrieren. Keine der Schwestern verfügte in ihrem sonstigen Leben über ein Esszimmer, und keine von ihnen benutzte Tischdecken, schon gar nicht aus Spitze.

»Allein die Vorstellung«, sagte Fran, »dass wir jetzt vielleicht zum letzten Mal hier sind.«

Daran wolle sie gar nicht denken, sagte Alice, Fran solle doch nicht jetzt schon damit anfangen, darüber würden sie reden, wenn alle da seien. Die Kinder, deren Blicke über die Gesichter der Erwachsenen wanderten, um die Stimmung zu eruieren, waren unter dem Einfluss derselben bestürzend wohlerzogen: Ivys blasses Gesicht blickte ins Leere, als schwebte sie irgendwo zwischen dem realen und einem anderen, imaginären Zimmer. Während sie noch aßen, klingelte auf dem Tischchen im Flur das Telefon, und als Harriet wiederkam, sah sie enttäuscht aus.

»Das war Roland. Sie kommen erst morgen.«

»Als das Telefon geklingelt hat, hab ich’s gewusst«, sagte Alice.

»Jedes Mal kriegt er das hin!«, empörte sich Fran. »Jedes Mal!«

»Ach, das ist halt sein kleines Machtspielchen. Es ist ihm gar nicht bewusst.«

Einen Moment lang waren alle wie vor den Kopf geschlagen; die Erwartung der anderen hatte die Stimmung hochgehalten. Die Abwesenheit verlieh ihrem Bruder, seiner Frau und seiner Tochter, die aus erster Ehe stammte, noch mehr Glamour, und der ganze Abend hatte sich auf den Höhepunkt ihrer Ankunft zubewegt. »Ziemlich dürftige Ausrede«, sagte Harriet. »Wenn er morgen wirklich ein Meeting hat, hätte er uns das ja wohl früher sagen können.«

»Aber im Grunde bin ich froh.« Alice, die sich schon wieder gefangen hatte, beugte sich mit auf den Tisch gestützten Ellbogen nach vorn und hielt den anderen ihr Weinglas entgegen, wobei ihre Armreifen klimpernd nach unten rutschten. Sie hatte einen Vintage-Bolero mit durchsichtigen Ärmeln über ihr Sommerkleid gezogen. »Ist das nicht ungewöhnlich, wir sechs hier zusammen? Eigentlich bin ich erleichtert, dass wir Rolands neue Frau nicht schon heute Abend kennenlernen müssen. Morgen sind wir wieder frisch und bereit für sie. Dass wir die beiden für diesen ersten Abend nicht dabeihaben, ist doch eigentlich perfekt, findet ihr nicht?«

»Meinetwegen brauchen sie gar nicht zu kommen«, bemerkte Kasim munter.

»Ich finde, Roland sollte auch mal an uns denken, wenn er so oft heiratet«, sagte Fran. »Jetzt müssen wir wieder lernen, mit einer neuen Frau auszukommen. Wir hatten uns gerade an Valerie gewöhnt.«

»Mehr oder weniger gewöhnt.«

»Ich habe mich nie an die gewöhnt«, sagte Ivy. »Die hatte so eine kreischende Stimme, und beim Gehen hat sie mit dem Kopf gewackelt wie ein Huhn.«

»So«, machte Arthur nach.

Es sei doch wirklich befreiend, bemerkte Alice, jetzt, da Valerie der Vergangenheit angehöre, endlich mal mit der Wahrheit rauszurücken.

»Jetzt gib den beiden nicht auch noch Rückenwind«, sagte Fran. »Sie sind schon ungezogen genug.«

Nach dem Essen suchte Alice in der Anrichte nach Kerzen; elektrisches Licht sei zu brutal und mache die ganze Magie des Moments zunichte. Und als dann der Abwasch erledigt war, die Betten bezogen und die Kinder leise oben in ihrem Zimmer, setzten sich die Erwachsenen mit geöffneten Fenstern, weil die Nacht so warm war, wieder um den Tisch. In einem feinen Nebel von kleineren Insekten irrten große, poetische Nachtfalter zwischen den Kerzenflammen umher. Harriet hatte eine Strickjacke angezogen und sich ein Seidentuch um den Hals gebunden, ihr Zugeständnis an die Geselligkeit. Obwohl Tücher eigentlich Alice’ Domäne waren, betastete sie das ihrer Schwester anerkennend und begeisterte sich sogar dafür. Fran legte ihre Schürze ab, kramte Pralinen und eine Flasche Armagnac aus den Supermarkt-Kisten. Alice nahm sich erst eine, dann eine zweite Zigarette von Kasim, um Rauch auf die Insekten zu blasen.

Kasim, der inzwischen ziemlich angetrunken war, aalte sich in der Herzlichkeit und Aufmerksamkeit der drei Frauen, von denen jede alt genug war, um seine Mutter zu sein. Sie lockten ihn aus der Reserve und machten ihn zugänglich, wie es die Mädchen seines Alters noch nicht vermochten; die Mädchen fanden ihn schlau und kalt. Zurückgelehnt lümmelte er sich auf seinem Stuhl, die Beine lang unter dem Tisch, wohlwissend, dass er seine Intelligenz spielen ließ und dass die drei Schwestern ein waches, unbekümmertes Interesse an ihm hatten, denn das Korsett der Zurückhaltung hatten sie längst fallen gelassen. Die Mädchen, die er kannte, machten immer irgendeine Show, und wenn sie dann endlich einmal ihr Schutzschild sinken ließen, war nichts dahinter. In Bezug auf die drei älteren Frauen entfaltete seine Intelligenz eine erotische Energie, auch wenn diese auf kein besonderes Ziel gerichtet war. Er ließ den Armagnac so genießerisch in seinem Glas kreisen, dass er ihm übers Hemd schwappte, und von seiner Zigarette fiel Asche auf den Teppich.

Er wandte sich an Fran, die in einer Gesamtschule Mathematik unterrichtete und ihn vielleicht am wenigsten gemocht hätte, wenn er sie nicht längst weichgeklopft hätte. Sie wirkte bestimmter, vielleicht auch eindimensionaler als ihre Schwestern. Früher hatte Kasim einmal für seine Mathematiklehrerin geschwärmt, und Frans sommersprossige, mollige Hände weckten angenehme Erinnerungen an säuberlich auf Smartboards geschriebene Gleichungen. Er schwadronierte über die Optimierungstheorie und die Kettenregel in der Infinitesimalrechnung – die Menge x einer verlangten Ware ist abhängig vom Preis p, der wiederum abhängig ist vom Wetter, bemessen nach dem Parameter w und so weiter. Eigentlich war Mathematik stumpfsinnig, weil sie sich unaufhaltsam im Kreis drehte. Doch er genoss es, die Frauen mit seinen Lösungsvorschlägen für die Bankenkrise zu schockieren. »Wir hätten zulassen sollen, dass die Banken pleitegehen«, wetterte er, »dass die Versicherungsgesellschaften, die die besicherten Schuldverschreibungen gekauft haben, pleitegehen, und dass die Leute, die zu hohe Kredite aufgenommen haben, um sich ihre Häuser zu kaufen, die Häuser verlieren. Wir brauchen weniger Regulierung und nicht mehr, das globale Finanzwesen funktioniert wie ein Gefüge von ineinandergreifenden Kartellen, und der freie Markt ist unsere einzige Hoffnung, das alles aufzubrechen.«

Alice war entsetzt, aber auch stolz, weil sie sich durch Kasims Auftreten bestätigt fühlte. Natürlich kannte er die Einstellungen der Schwestern, noch ehe sie ein Wort dazu gesagt hatten – ihre verstaubte Linksorientierung, ihre altmodische Sehnsucht nach dem Staat als Instrument sozialer Gerechtigkeit.

»Das Problem des Kapitalismus«, sagte Alice, »liegt darin, dass er grundsätzlich auf Wachstum basiert. Aber wir können nicht einfach immer mehr Dinge herstellen und noch mehr Rohstoffe verbrauchen. Als Erstes müssen wir den Kohlendioxidausstoß senken.«

»Meinst du das ernst? Gibt es irgendjemanden, der ernsthaft glaubt, dass wir dafür noch Zeit haben? Glaubst du, der kompletten chinesischen Schwerindustrie genügt ein bisschen Solarkraft, um zu funktionieren?«

»Wir müssen anders leben. Wir müssen lernen, auf Dinge zu verzichten.«

»Erzähl das mal den Chinesen.«

Sie habe keine Lust, sich über Erderwärmung Gedanken zu machen, erklärte Fran, das sei ihr zu deprimierend.

»Weißt du, Kas«, sagte Alice, »Harriet war eine echte Revoluzzerin, als sie jünger war. Aber so richtig! Du würdest dich wundern. Sie ist mehrmals verhaftet worden. Für ihre Überzeugungen ist sie ins Gefängnis gegangen.«

»Bei dir hört sich das an, als hätte sie Bomben gelegt«, sagte Fran.

»Hast du Bomben gelegt?«, fragte er. »Ist bestimmt spaßiger als Wirtschaftswissenschaften.«

Er war es gewohnt, dass die Freunde seines Vaters über ihre radikale Vergangenheit nostalgische Sprüche klopften.

»Natürlich habe ich keine Bomben gelegt.« Harriet blickte unbehaglich auf ihren Kaffee und schlug klirrend mit dem Löffel gegen ihre Tasse. »Ich war keine richtige Revoluzzerin. Hör nicht auf Alice, sie meint nicht die Hälfte von dem, was sie sagt, ernst. Sie will nur unterhaltsam sein.«

»Du bist auf alle Demos gegangen! Du hast dich vor Cruise Missiles auf die Straße gelegt! Du hast bei den Bergarbeiterstreiks die Polizeiaktionen gefilmt! Du hast es gehasst, durch unsere, na ja, Familie zum Mittelstand zu gehören. Und weißt du, was sie jetzt macht, Kas? Sie arbeitet in einer Beratung für Asylbewerber. Eine dermaßen deprimierende Arbeit, und sie macht das so gut. Den ganzen Tag hört sie sich Geschichten über Folter und Vergewaltigung an.«

»Jetzt übertreib mal nicht, Alice«, fiel ihr Harriet gereizt ins Wort. »Du machst etwas daraus, was es gar nicht ist.«

»Dagegen bin ich dermaßen egoistisch«, beharrte Alice. »Ich lebe nur für mich selbst.«

»Für was sonst«, sagte Kasim, »für sich selbst leben und viel Geld verdienen.«

»Das habe ich ja nun nicht gerade. So schlecht bin ich also doch nicht.«

»Ich wünschte, ich wäre so schlecht«, sagte Fran. »Ich wünschte, ich hätte Geld.«

Oben konnte Ivy, die wach im Bett lag, ihre Stimmen und ihr Gelächter hören. Schaudernd vor Einsamkeit, identifizierte sie sich mit einer verlassenen Eule, deren Ruf über die Felder hallte. In die Finsternis starrend, bewegte sie wie blind ihre Hände vor dem Gesicht und konnte einfach nicht glauben, dass die eigene Haut eine Grenze war, die sich nicht überschreiten ließ. Schließlich rollte sie sich mit angezogenen Knien auf die Seite und schritt feierlich die Stufen ihres Schlafes hinab, ließ den schweren Umhang fallen und öffnete die dunklen Wellen ihres Haars, die im Traum ihren Rücken hinunter bis über den Boden fielen.

Tessa Hadley

Über Tessa Hadley

Biografie

Tessa Hadley, geboren 1956 in Bristol, lebt als Schriftstellerin in London und ist Professorin für Creative Writing in Bath. Ihr Werk umfasst fünf Romane und zwei Erzählungssammlungen. Zuletzt wurde sie 2016 mit dem Windham-Campbell Literaturpreis ausgezeichnet. In der Preisbegründung heißt es, sie...

Pressestimmen

Brigitte "Bücher Spezial"

»Zu Beginn von Tessa Hadleys Roman ›Damals‹ fragt man sich kurz, wohin die Reise gehen soll, doch sie belohnt ihre Leser mit einer psychologisch fein gezeichneten Familiengeschichte.«

Brigitte

»Ein wundervoll unaufgeregter britischer Roman über das Erwachsenwerden, das nicht nur im Teenageralter wehtut.«

General-Anzeiger

»Tessa Hadley gilt als eine der wichtigsten Autorinnen Großbritanniens. Dieses Buch lässt einen denken: Zu Recht.«

TV Star

»Wunderbar emotional.«

Donna

»Da schreibt die Britin Tessa Hadley schon seit Jahren wunderbare, mehrfach ausgezeichnete Bücher -und wir erfahren erst jetzt von ihr!«

Frau und Mutter

»Die Autorin zeichnet das sensible und unterhaltsame Porträt einer Familie über vier Generationen hinweg.«

Kommentare zum Buch

Sommer im Pfarrhaus,,,
Angela Busch am 18.08.2017

Der Roman ist in drei Abschnitte unterteilt. Zuerst wird die Gegenwart beschrieben, dann schweift die Autorin in die Vergangenheit ab, um im dritten Teil wieder in die Gegenwart zurückzukehren. Ich habe ca. fünfzig Seiten gebraucht bis ich in dieser Geschichte mit voller Aufmerksamkeit gelandet bin. Dazu möchte ich sagen, dass es wohl an meiner anfänglichen Unkonzentriertheit gelegen hat und nicht am wunderbaren Schreibstil der Autorin. Zitat Seite 11: In den Räumen standen noch immer die Möbel ihrer Grosseltern;silbrig schimmerten die Tapeten hinter den staksigen Stühlen, dem schwarz lackierten Klavier, dem Sekretär. Die an der Bilderschiene aufgehängten Gemälde waren dunkle Höhlen. Alice hatte ihrer Therapeutin erzählt, dass sie ständig von diesem Haus träumte. Alle anderen Häuser , in denen sie gelebt hatte, kamen ihr dagegen wie Bühnenbilder vor.   Die Autorin benutzt eine unglaublich ausschmückende Bildersprache mit einer immer wieder neuen Vielfalt der Begriffe. Diese Ausdrucksweise hat mich magisch gefangen genommen und bis zur letzten Seite nicht mehr losgelassen. Sie spielt mit dem Leser, lässt einiges in Vergangenheit und Gegenwart offen und/oder deutet Geschehnisse oft nur an. Für die eigene Fantasie bleibt immer genug Raum bei Lesen. Tessa Hadley hat mit unglaublichem Fingerspitzengefühl ein Psychogram aller beteiligten Protagonisten erstellt, das mich sehr gefesselt hat. Auffällig war, wie gut sie den Unterschied zwischen Denken und tatsächlichem Handeln der Geschwister herausgearbeitet hat. Auch ihre fantasievollen Gedanken und Spiele um die Kinder in einem verlassenen uraltem Cottage im Wald, das eine wichtige Rolle im Roman einnimmt , fand ich sehr interessant. Deutlich wurden die unterschiedlichen Denkweisen von Kindern und Erwachsenen erzählt. Seite 14 : Als die Kinder durch den von einer alten, weissen Kletterrose überwucherten, steinernen Torbogen in den Garten hinter dem Haus schlenderten, sahen sie aus wie Figuren eines altmodischen Theaterstücks: Ivy in einem langen, viktorianischen, rüschenbesetzten Rock aus kakifarbener Seide, dazu ein mit rosa Palietten besetztes Oberteil. Sie liebte es in ihrem Kopf Fantasiewelten zu erschaffen.   Ich kann diesen Roman uneingeschränkt mit fünf ***** Sternen empfehlen, was mich persönlich am Ende des Buches freudig überrascht hat. 

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