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DämonennächteDämonennächte

Dämonennächte

Nur in tiefster Dunkelheit kann man Sterne sehen

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Dämonennächte — Inhalt

Die Dämonentage sind vorüber, das jedenfalls glaubt die ganze Welt. Nur Adriana und ihre Freunde befürchten, dass Luzifer einen Weg gefunden hat, die Höllenpforten jede Nacht zu öffnen. Natürlich wollen weder Behörden noch das Militär davon etwas hören. Stattdessen werden abendliche Festlichkeiten für die Bevölkerung Portlands vorbereitet. Können Adriana und Cruz Luzifer stoppen und das Unausweichliche verhindern? Bleibt zunächst die Frage, ob und zu welchem Preis Adriana Cruz aus der Hölle befreien kann. Wird sie Luzifer als letzten Ausweg um einen Pakt bitten, wie er es vorhergesagt hat? Und schafft sie es rechtzeitig alle Halbdämonen und Engel aufzutreiben, um die Weissagung des Höllenfeuerlieds zu erfüllen?

€ 14,00 [D], € 14,40 [A]
Erschienen am 01.10.2019
304 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-28207-9
€ 11,99 [D], € 11,99 [A]
Erschienen am 01.10.2019
304 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99417-0

Leseprobe zu „Dämonennächte“

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Der Morgen des 1. Januar 2020 erhob sich wie nach einem Krieg aus den Trümmern der letzten Nacht. Portland schien sich den Staub von den Mauern zu klopfen und einer Zukunft voller Hoffnung entgegenzusehen. Dabei war Hoffnung an diesem Tag in etwa so angebracht wie eine lustige Flötenmelodie auf einer Beerdigung, aber das wusste nur eine Person: Adriana Astara.

Die Lippen fest aufeinandergepresst folgte sie der Straße in Richtung des Washington Park, in dem die Höhle verborgen lag. Sie begegnete einigen Menschen, die sich bereits aus der Sicherheit [...]

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1

Der Morgen des 1. Januar 2020 erhob sich wie nach einem Krieg aus den Trümmern der letzten Nacht. Portland schien sich den Staub von den Mauern zu klopfen und einer Zukunft voller Hoffnung entgegenzusehen. Dabei war Hoffnung an diesem Tag in etwa so angebracht wie eine lustige Flötenmelodie auf einer Beerdigung, aber das wusste nur eine Person: Adriana Astara.

Die Lippen fest aufeinandergepresst folgte sie der Straße in Richtung des Washington Park, in dem die Höhle verborgen lag. Sie begegnete einigen Menschen, die sich bereits aus der Sicherheit der Kirchen und Häuser getraut hatten. Die meisten lächelten sie im Vorbeigehen an mit diesem speziellen Ausdruck der Erleichterung. So wie man es jedes Jahr tat, nachdem alles vorüber war. Aber Adriana erwiderte das Lächeln nicht, konnte es nicht. Fast wünschte sie sich, für ein paar Stunden so unwissend und vertrauensselig wie diese Menschen sein zu dürfen. Für ein paar Stunden zu vergessen, dass die Gefahr immer noch da war. Aber das durfte sie nicht. Zu viel, wenn nicht alles, hing davon ab, dass sie nicht vergaß.

Ihr Blick war starr geradeaus gerichtet. So viele Gedanken stolperten in diesem Moment durch ihren Kopf, doch immer wieder flüsterten Adrianas Gehirnwindungen nur einen Namen: Cruz.

Eine seltsame Ruhe hatte von ihr Besitz ergriffen, während sie mitten durch den Unrat auf den Wegen stapfte. Von Dämonen geleerte Mülleimer, Zeitungen, Flugblätter mit Dämonenwarnungen. Zwar hoffte Adriana immer noch, ihre Theorie würde sich als falsch herausstellen, aber sie hatte es im Gefühl, dass sich die Höllentore in diesem Jahr keineswegs wie sonst üblich wieder geschlossen hatten. Luzifer hatte mit der Umsetzung seines Plans begonnen, jede Nacht zur Dämonennacht zu machen. Ganz wie es die Dämonen versprochen hatten. Gefahr lag in der Luft und ein Knistern der Spannung zwischen den Welten. Erde und Hölle. Und wenn sie sich nicht täuschte, würde alles hier in Portland seinen Anfang nehmen. Deshalb konzentrierte sich Luzifer dermaßen auf diese Region. Weshalb sonst lungerten er, Ahel und Ivan ständig an diesem Höllentor herum, auf das sich Adriana in diesem Moment zubewegte? Warum ausgerechnet hier? Eine dunkle Vorahnung grub sich in ihre Magengegend.

Streng genommen wusste sie warum.

Damit blieb ihr nicht viel Zeit, um die Menschen zu warnen. Bis zur Darkness Hour hatten sie nur noch knapp neun Stunden. Und alle Menschen der Welt nahmen heute am Neujahrstag irrtümlich an, sie hätten soeben die letzte Dämonennacht diesen Jahres hinter sich gebracht! Adrianas Finger verkrampften sich.

Andererseits, wenn Luzifer es geschafft hatte, die Barriere zwischen den Welten auf irgendeine Weise offen zu halten, konnte sie durch ein unverschlossenes Höllentor leichter zu Cruz gelangen. Ob die anderen, ihre Halbdämonenfreunde, es schon bemerkt hatten? Drym und Savannah mussten mittlerweile in die Hölle zurückgekehrt sein. Vielleicht hatten sie Pryatt Hershley vorher in der Kapelle abgesetzt. Eigentlich hätte sie bei ihm vorbeischauen sollen, aber das wollte sie lieber ihrem Freund Rico überlassen. Nachdem Cruz seinen zweiten Pakt eingegangen war und sie selbst erkannt hatte, wer sie wirklich war, fühlte sie, dass ihre wichtigste Aufgabe jetzt sein musste, Cruz zu retten, der ihretwegen in der Hölle festgehalten wurde. Als Sklave Luzifers. Im Gegensatz zu ihren menschlichen und halbdämonischen Freunden konnte sie als Einzige sowohl die Höllentore passieren als auch auf der Erdoberfläche im Tageslicht überleben. Zumindest nahm sie an, dass ihr Halbengelblut ihr Ersteres ermöglichte.

Adriana schmeckte eine bittere Note in ihrem Rachen. Vor ein paar Tagen noch hätte sie, das schüchterne Waisenkind, nicht im Traum daran gedacht, freiwillig die Hölle zu betreten. Aber jetzt war alles anders. Sie wischte ihre Handflächen an den Hosenbeinen des Neoprenanzugs ab, über den sie ihre Sweatjacke gezogen hatte. Hinter sich meinte sie immer noch das Winseln ihres Hundes Tequila zu hören, den sie hatte zurücklassen müssen. Leider ging es nicht anders. Immerhin wusste sie, dass Rico den schwarzen Labrador gleich dort abholen würde, wo sie ihn angebunden hatte. Eilig versuchte Adriana, die Gedanken an Tequila fortzuwischen. Sie musste sich darauf konzentrieren, einen genauen Plan zu entwickeln, um Cruz aus seiner Gefangenschaft in der Hölle zu befreien. Der Pakt mit Luzifer würde ihn sonst zwingen, für fünfzig Jahre ein Leben als Diener des Teufels zu fristen. Und bei Luzifer konnte man nie wissen. Womöglich würde er Cruz aus Spaß foltern. Adrianas Nasenflügel bebten. Wenn sie nicht gewesen wäre, hätte Cruz nicht diesen Pakt eingehen müssen, um sie vor Luzifers Enkel Ivan zu retten. Und auch nicht den zweiten Pakt mit Ivan, der ihn zwang, früher als abgemacht in die Hölle hinabzusteigen und sie, Adriana, im Anschluss zu sich zu rufen. Unwillkürlich rieb sie über die Stelle an ihrem Arm, wo sich die Markierung unter dem Neoprenstoff verbarg. Bisher war die Ballonnarbe ruhig geblieben. Noch hatte Cruz die Verbindung nicht aktiviert. Nicht so, wie Ivan es bei Dakota getan hatte.

Zeit, aus eigener Kraft die Hölle zu betreten. Adriana reckte ihr Kinn. Um sich selbst machte sie sich keine Sorgen. Luzifer brauchte sie lebend, hatte verboten, dass ein Dämon Hand an sie legte, und das wussten die anderen Dämonenclans nur zu gut. Oder sie musste es beiläufig erwähnen, falls sie anderen Dämonen begegnete. Was in der Hölle zweifellos passieren würde.

Auf einmal ertönten Sirenen um sie herum. Ein Rettungswagen bretterte nur einen Block entfernt über den Asphalt.

Menschen weinten, trauerten offenbar um einen Angehörigen, der letzte Nacht von Dämonen zerfleischt worden war … Es gab eben doch nicht nur lächelnde Gesichter heute Morgen in Portland.

Adriana fröstelte es. Diese Menschen mussten dringend gewarnt werden. Jedenfalls wenn sich Adrianas Theorie bewahrheiten sollte und heute Nacht Dämonen im Schutz der Dunkelheit erneut über die Stadt herfallen würden. Genau wie über alle anderen menschlichen Siedlungen der Welt auch. Nur, dass es in ihrer Stadt beginnen würde. Sie beschleunigte ihre Schritte, bog rechts ab, sobald sie den Park betrat.

Hinter einer weiteren Weggabelung kam endlich der versteckte Eingang zur Felsenhöhle in Sicht. Gut, bisher hatte sie noch nicht wirklich viel Zeit verloren. Cruz würde es den Umständen entsprechend gut gehen. Noch.

 

Die Höhle im Park fügte sich so perfekt in die Landschaft ein wie ein unschuldiger Felsbrocken unter den herabhängenden Wurzeln der Bäume, die auf ihm wuchsen. Der Spalt, durch den man sie betrat, wirkte für menschliche Augen viel zu eng, um hindurchzupassen. Doch wenn man über eine Wurzel stieg und es dann seitlich versuchte, war es kein Problem. Cruz hatte ihr das gezeigt. Bei dem Gedanken, dass sie jetzt ohne ihn den Durchgang betreten musste, schnürte es ihr die Kehle zu. Wieso hatte es nur so kommen müssen? Ihre Gedanken verweilten bei Cruz’ stets lächelndem Gesicht. Obwohl nicht ganz menschlich, sondern mit einem Hauch Violett im Hautton, konnte sie sich kein schöneres vorstellen. Adriana atmete schwer aus, wobei ihre Fingerspitzen mit dem Ärmel der Kapuzenjacke spielten, die sie über dem Neoprenanzug trug.

Sobald sie ihren Fuß in die schwarze Höhle setzte, krallten sich ihre Finger automatisch in die Ärmel ihrer Jacke. Gleichzeitig zog sie den Kopf ein, um nirgends anzustoßen. Eine Wurzel streifte ihre Stirn, als sie einen weiteren Schritt wagte. Der modrige Geruch und die Enge des Gangs wurden ihr heute besonders bewusst.

Der bläuliche Schein der Höllenpforte glühte ihr entgegen, warf unruhige Schatten auf die Wände. Und jeder dieser Schatten schien Teufelshörner auf dem Kopf zu tragen. Die Erkenntnis sickerte mit einer bitteren Note im Abgang in Adrianas Bewusstsein. Verdammt, das hieß, es hatte sich tatsächlich nicht geschlossen! Die Dämonen würden in weniger als neun Stunden zurück auf die Erde strömen. Mordend, plündernd!

Dadurch konnte sie einerseits zu Cruz gelangen, aber gleichzeitig brachte das die Welt in große Gefahr. Auf einmal wurde Adriana übel. Hin- und hergerissen taumelte sie rückwärts aus der Höhle. In ihrem Kopf rauschte es. Wie konnte sie ein Engel sein, wenn ein kleiner Teil von ihr sich freute, das offene Tor in der Höhle zu sehen? Das war falsch. So falsch! Innerlich schalt sie sich für ihre Gefühle für den Dämon. Denn Cruz, so menschlich er sich auch gab, war ein Alpha-Dämon. Und sie ein Engel.

Ihr Handy vibrierte. Schnell angelte sie danach. Ricos Nummer. Adrianas Finger zitterten, obwohl sie sich gleichzeitig mehr als bewusst war, dass dafür keine Zeit blieb. Nicht mal für eine Spur Zauderei.

Sie musste sich zusammenreißen. Zurück zu ihrer harten Entschlossenheit finden, die sie kurz zuvor noch verspürt hatte. Was nicht zu einfach war, wenn man sich zwischen der Menschheit und seiner großen Liebe entscheiden musste.

„Adri?“, meldete sich Rico. „Bist du eigentlich total wahnsinnig? Wo zum Teufel steckst du?“

Sie schloss die Augen. Was hatte sie auch erwartet?

Er klang aufgebracht und gleichzeitig enttäuscht, befürchtete sicher das Schlimmste.

„Hi“, flüsterte sie ins Telefon. „Bist du schon bei Tequila?“

„Nein, ich habe per Telepathie erfahren, dass du nicht wie angenommen bei deinem Hund auf mich wartest. Natürlich bin ich bei ihm!“

Oh. Sie schluckte. Also hatte er die Nachricht an Tequilas Halsband gefunden. Nun gut, sie konnte die Situation nicht mehr retten, höchstens ihre Beweggründe erklären.

„Die Tore haben sich nicht geschlossen. Ich hatte keine Wahl.“ Ihr Blick streifte ruhelos über die Baumstämme vor der Höhle. „Heute Nacht werden die Dämonen erneut kommen und niemand außer uns weiß Bescheid.“

„Wie? Noch mal von vorn. Adri, stehst du etwa vor dem Höllentor? Nein, oder? Das willst du nicht wirklich tun. Warte, ich komme dich holen. Beweg dort keinen Fuß rein, hörst du? Es könnte dich umbringen!“

Einen Engel wohl eher nicht, aber darüber würde sie ihn später aufklären. Und was, wenn Ivan falschlag und Halbdämonen den Übertritt zur Hölle eben doch überleben würden? Sie hatten es nie ausprobiert. Aber das war nun nebensächlich.

„Nein, Rico, hörst du nicht zu? Die Höllenpforten stehen offen. Ganz, wie wir vermutet haben! Ich schicke dir ein Foto davon. Geh zurück zu Major Dwight und General Whittaker. Zeig ihnen das Foto, sag ihnen, dass heute Abend nach der Darkness Hour wieder Dämonen kommen werden. Dann müssen sie dir einfach glauben. Und dann streust du die Info bei Social Media. Du musst das überall verbreiten.“ Einen Moment überlegte sie, Rico ihren Standort zu senden, um es der BKOD so einfach wie möglich zu machen, den Sachverhalt zu prüfen. Aber was, wenn normale Menschen das Portal sowieso nicht sehen konnten? Das war überaus wahrscheinlich und der Gedanke fühlte sich richtig in ihrem Kopf an. Portale waren nur etwas für übernatürliche Wesen. Oder Halbmenschen.

„Ach, verdammt, am Ende ist das Portal für menschliche Augen gar nicht sichtbar.“

„Hm“, brummte Rico, „womöglich werden sie es erst glauben, wenn sie es mit eigenen Augen sehen. Aber mit etwas Glück kann ich sie überreden, zur Vorsicht die Sicherheitsmaßnahmen zu erhöhen. Trotzdem: Dein Alleingang gefällt mir nicht.“

Adriana beschloss, nicht auf seinen letzten Satz einzugehen. „Mach das. Jedes Leben, das wir dadurch retten, ist es wert. Vielleicht kannst du noch ein paar Reportern und Fernsehsendern schreiben? Und Social Media, vergiss das nicht!“ Bloß was, wenn sie ihm nicht glaubten?

Ein anderer Gedanke kam ihr. „Rico, könntest du etwas für mich recherchieren? Die Tatsache, dass sich die Söhne und Enkel von Luzifer ausgerechnet um das Portal in Portland tummeln, bringt mich auf einen Gedanken.“

Sie erzählte ihm von ihrer Theorie und er versprach, das Internet dazu zu durchkämmen.

Daraufhin schwiegen beide einen Moment.

„Adri.“ Ricos Stimme klang auf einmal forsch. „Du machst doch jetzt nichts Dummes? Erzähl mir bitte nicht, dass du vor dem Portal stehst, weil du auf dem Weg in die Hölle bist? Du drehst doch wieder um, oder?“

Sie schwieg. Konnte es ihm aus irgendeinem Grund nicht sagen und betrachtete stattdessen ihre Fingernägel. An ihrem kleinen Finger klebten Grasreste. Rasch streifte sie das Grünzeug mit ihrem Daumen ab. Natürlich war ihr selbst klar, auf was für eine schwachsinnige Mission sie sich einließ. Mit nicht mehr als einem Messer in der Hand die Hölle zu betreten, dafür gab es keine Worte. Allerdings hatte sie einen Trumpf im Ärmel und einen Plan. Und irgendwo hinter dem Höllentor wartete Cruz auf sie. In Gefangenschaft. Durch ihre Schuld.

„Ich muss Schluss machen, Rico. Cruz braucht mich. Wenn ich zurück bin, melde ich mich wieder bei dir. Falls du Dakota siehst: Halt sie irgendwo fest. Sie darf nicht in die Nähe von Ivan gelangen. Und wenn du noch Zeit hast: Mit etwas Glück haben Savannah und Drym diesen Pryatt Hershley in der kleinen Kapelle abgesetzt, von der ich dir erzählt habe. Unserem neuen Stützpunkt. Könntest du dort hinfahren und dich um ihn kümmern? Er wird total verunsichert sein.“

„Dieser Mistkerl, der auf Cruz geschossen hat? Ist das dein Ernst? Außerdem ist unsere Diskussion in Bezug auf das Betreten der Hölle noch nicht vorbei, meine Liebe!“, redete Rico sich in Rage. »Du wirst nicht durch das Portal gehen! Der cleverste Plan der Welt ist das nicht wert! Denk dran, wenn sie dich erledigen, hilfst du Cruz auch nicht mehr. Du wirst keine dreißig Schritte weit kommen, du …«

Doch Adriana hatte nicht die Absicht, sich Ricos Schimpftirade bis zum dramatischen Ende anzuhören. Ohne ein weiteres Wort legte sie auf, schaltete das Gerät auf Flugmodus, steckte dann das iPhone zurück in ihre Jackentasche, wobei ihre Hand kurz das Taschenmesser berührte. Damit hatte sie eigentlich Helen töten wollen, doch jetzt würde sie es eher nicht mehr brauchen, oder wenigstens nur, um die Dämonen abzuwehren.

Ihr Rettungsplan für Cruz musste einfach funktionieren! Nicht umsonst hatte doch jemand dieses Sprichwort: Für seine große Liebe durch die Hölle gehen erfunden.

Als sie letztendlich von dem blauschimmernden Portal ein Foto machte, dachte sie an Rico. Es lastete nicht gerade wenig Verantwortung auf seinen Schultern. Erstaunlich, wie er das alles meisterte. Im Gegensatz zu Eloy und Dakota hatte Rico immer zu ihr gestanden, hatte sie sogar nach dem Dämonenbiss humpelnd zur Militärbasis begleitet. Und dazu war er clever. Hoffentlich clever genug, um Major Dwight zu überzeugen und gleichzeitig am Leben zu bleiben. Allerdings waren diese Gedanken nicht viel mehr als ein dumpfes Rauschen ganz hinten in ihrem Kopf, währenddessen die Sorgen um Cruz direkt hinter ihren Schläfen pochten, ja geradezu ohrenbetäubend kreischten. Adrianas Blick glitt über das Portal mit den Seelengesichtern, das flüsternd um sich selbst rotierte. Seelen schwammen in den blau leuchtenden Wirbeln darin. Komischerweise verstand sie dieses Mal nicht, was die Toten sagten. Mehr noch: Die Seelen schienen rückwärtszusprechen. Merkwürdig, aber nichts, mit was sich Adriana nun aufhalten konnte.

Nachdem sie das Bild des Portals an Rico geschickt hatte, stellte sie fest, dass er ihr am Telefon gar nicht zum Geburtstag gratuliert hatte.

„Happy Birthday“, flüsterte Adriana leise, nachdem sie das Foto an Rico verschickt hatte und den Flugmodus erneut aktiviert hatte. Dann trat sie durch die Höllenpforte.

 

Brütende Hitze empfing sie auf der anderen Seite. Hitze, die den Neoprentaucheranzug wie eine zweite Haut an ihr kleben ließ. Aber was hatte sie erwartet? Das hier war schließlich die Hölle. Immerhin hatte sie es mit ihrem Engelsmischblut überhaupt lebend hierher geschafft. Ganz und gar lebendig. Sie betrachtete ihre Finger, die immer noch recht gut durchblutet und keineswegs tot aussahen. Also war es ganz und gar nicht so, wie Ivan behauptet hatte, dass nur Volldämonen die Hölle betreten konnten. Aber welchem Dämon konnte man schon trauen?

Blinzelnd sah Adriana sich um. Das hier musste der Vorhof der Hölle sein. Weit und breit kein Dämon zu sehen. Wahrscheinlich hatten sie sich nach der Dämonennacht zurückgezogen. Eine nicht sichtbare Lichtquelle tauchte alles um sie herum in ein orangefarbenes Schimmern. Sie schien auf einer Sanddüne zu stehen, unter der ein Wald aus Dornengestrüpp lag. Dahinter konnte man ein Feld erkennen und dahinter wiederum eine Art Festung. Das musste Luzifers Palast sein. Zwar hatte Cruz ihr erklärt, dass die sieben Zonen, in die die Hölle unterteilt war, ständig die Plätze wechselten, quasi rotierten, dennoch versuchte sie sich einzuprägen, wo in etwa die Pforte in Richtung Council Crest Park lag. Eine Nische mit Steinen, die wie das Gesicht einer Kuh angeordnet waren. Mit viel Fantasie jedenfalls. Auch von dieser Seite glühte das Kraftfeld blau. Seelenplasma wirbelte um sich selbst. Adriana zog ihr Messer und ritzte ein X genau zwischen die Augen der Kuh.

Nachdem sie sich so gut wie möglich die Umgebung eingeprägt und zur Sicherheit einmal mit dem Handy in die Runde gefilmt hatte, ging sie los, schlug den Weg direkt hinunter zum Dornenwald ein. Auf dem Weg dorthin versuchte sie sich zu erinnern, was Cruz über die sieben Bereiche der Hölle erzählt hatte. Zwischen Vorhof und Luzifers Palast befanden sich die Felder des Wahnsinns, die Schmiede, die Folterkammern, die Dämonenbrutstätte und die heiligen Hallen der sieben Völker der Hölle.

Als sie näher kam, wurde ihr erst bewusst, dass es sich bei dem Wald um die Dämonenbrutstätte handeln musste. Statt Dornen baumelten schon bald überall Kokons wie Haifischeier an Ranken über Adrianas Kopf. Die Dornenranken verdichteten sich dort zu einer tunnelartigen Höhle. Schleim bedeckte die Wände und es roch nach verwesenden Hühnereiern. Aber das Schlimmste an dieser Brutstätte war, dass die Dämonenembryonen sie zu beobachten schienen. Sobald Adriana an einem der Eier vorbeilief, glaubte sie, im Inneren etwas blubbern zu hören. Etwas regte sich, spitzte geradezu die Ohren nach ihr.

Nein, das ist Quatsch. Zur Sicherheit beschleunigte sie ihre Schritte, umklammerte dabei das Taschenmesser in ihrer Jackentasche fester. Doch nur bis sie die Gestalt bemerkte, die am Ausgang der Höhle stand.

Mit einem flauen Gefühl im Magen blieb sie stehen. Sollte sie zurücklaufen? Nein, die Alpha-Dämonin hatte sie längst gesehen, starrte sie aus zusammengekniffenen Augen an. Und Adriana musste an ihr vorbei, wenn sie schnellstmöglich in Luzifers Schloss gelangen wollte. Also lockerte sie bewusst ihre Gesichtsmuskulatur, versuchte sich nichts anmerken zu lassen.

Die Alpha-Dämonin, die sich offenbar gerade um die Embryonen gekümmert hatte, zog fauchend ein Messer aus ihrem Gürtel. Mit ihrem dunklen Zopf sah sie Gesa recht ähnlich, doch diese Dämonin war kleiner und ihr Haar durchzogen von silbernen Strähnen.

„Was willst du hier, du Schmutziges Blut? Wie kommst du überhaupt hier rein?“

Schmutziges Blut. Sie roch es also noch, ordnete Adrianas Duft aber wie alle anderen Dämonen falsch ein. Ruhe bewahren, sie musste Ruhe bewahren. Ganz gefasst ihren Plan umsetzen. Das würde funktionieren. Sie musste nur selbst daran glauben. Im Gehen zwang sie sich, von sieben an rückwärtszuzählen, bis sich ihr Puls beruhigt hatte. Einige Schritte vor der Dämonin blieb sie stehen.

„Ich bin Adriana Astara. Sicher hast du schon von mir gehört. Cruz Darkknight hat mich markiert und hierher gerufen. Luzifer braucht mich zur Vollendung seines Plans, worüber du sicher informiert bist.“ Sie gönnte sich eine Sekunde, um ein sanftes Lächeln anzudeuten, bevor sie hinzufügte: „Alle wissen davon.“

Tatsächlich schienen ihre Worte die Dämonin überrumpelt zu haben.

Zur Sicherheit schob Adriana sowohl ihren Hoodie als auch den Ärmel ihres Neoprenanzugs eine Spur nach oben, was nur unter gewaltiger Anstrengung möglich war. Irgendwie schaffte sie es, die Ballonnarbe auf ihrem Arm zum Vorschein zu bringen. Als der Blick der Dämonin darauf fiel, wurden ihre Augen groß, glühten noch etwas dunkler in dem typischen lila Farbton der Alphas. Ihr Messer hielt sie immer noch auf Adriana gerichtet. Doch Adriana machte sich nichts vor: Auch ohne das Erntemesser würde die Dämonin sie innerhalb von Sekundenbruchteilen töten können. Von ihr würde nur ein zerfleischter Haufen Halbengel zurückbleiben. Jedenfalls wenn sie weiterhin so schwach war wie ein normalsterblicher Mensch. Aber … war sie das wirklich? Bei Helen hatte sie zwar diese übernatürliche Segnung durchgeführt, nur konnte sie das vor einer Dämonin schlecht wiederholen, die ja weiter an das halbdämonische Mischblut glauben sollte.

„Das Messer würde ich an deiner Stelle besser runternehmen, wenn du keine Strafe von Luzifer riskieren willst.“ So gut es ging, bemühte sich Adriana, ein Zittern in ihrer Stimme zu vermeiden.

Die Augen der Dämonin huschten nach links, dann nach rechts und wieder nach links. Schließlich bebten ihre violetten Nasenflügel.

„Geh. Aber glaub nicht, dass du diesen Kampf zwischen uns entschieden hast. Ich behalte dich im Auge.“

Da war sich Adriana sicher. Obwohl sie diese Begegnung nicht als Kampf einstufte. Andererseits war sie mit den Gepflogenheiten in der Hölle auch noch nicht allzu vertraut.

Auch jetzt machte die Dämonin keine Anstalten, beiseitezutreten. Dennoch nahm Adriana ihre Aussage als Einladung, ungehindert passieren zu können. Also schob sie sich an ihr vorbei, immer sorgsam darauf bedacht, weder die Dämonin noch die schleimigen Wände zu berühren. In diesem Augenblick galten ihre Gedanken ausschließlich Cruz. Cruz, der sie brauchte, der wahrscheinlich gerade irgendwo in Luzifers Palast in Ketten lag oder noch schlimmer: gefoltert wurde. Diese entsetzliche Vorstellung trieb Adriana dazu an, ihre Schritte zu beschleunigen, jedoch nicht, ohne die nötige Vorsicht außer Acht zu lassen.

Ihre Gedanken glitten zum Höllenfürsten. Luzifer glaubte, sie könnte ihm Informationen weitergeben, die sie von ihrer Mutter hatte. Irgendetwas Wichtiges musste es sein. Wertvoll für Luzifer, wenn er diese Informationen so dringend haben wollte. So weit hatte sie es sich schon zusammengereimt. Auch wenn sie keinerlei Kenntnis davon hatte, würde sie, sobald sie die Informationen in ihren Besitz gebracht hatte, diesen Trumpf gegen ihn ausspielen. Bei dem Gedanken an ihre Mutter tastete Adriana nach ihrer Halskette.

Du bist eine von ihnen, hallte die Stimme des kleinen blinden Mädchens in ihrem Kopf nach. Damit hatte die Kleine allerdings Engel gemeint und keine Dämonen. Genauer gesagt Halbengel wie Helens verstorbene Mutter. Mit zitternden Fingern drehte sie den Herzanhänger ihrer Kette hin und her. Das Mädchen glaubte an sie. Adriana musste es – nein: würde es schaffen! Mit Cruz gemeinsam Luzifer schlagen und damit die Weltbevölkerung vor der großen Verdunklung retten. Gemeinsam konnten Cruz und sie die Halbdämonen-Armee gegen Luzifer anführen. So wie es das Höllenfeuerlied vorausgesagt hatte. Und wie sie es in ihrer Vision gesehen hatte. Ein Halbdämon und ein Halbengel. Es musste so sein. Denn Dämonen fürchteten nur zwei Dinge auf dieser Welt: Halbdämonen und Engel. Cruz und Adriana …

Das Höllenfeuerlied. Mittlerweile konnte sie es auswendig aufsagen:

 

Und Luzifer zeugte der Kinder sieben,

Nur drei davon wird er für immer lieben.

Die anderen vier wenden sich ihm entgegen

Um Morgensterns Plan das Handwerk zu legen.

Sieben Halbblüter bestreiten die Schlacht

Um zu verhindern die ewige Nacht.

Werden zwei den Thron und die Macht ergreifen

Oder ewig in Schuld durch die Dunkelheit streifen.

Die Mächtigen, gezeugt durch die Übernatur

Zwei Mütter, die Kinder sind Halbblute nur

das Gute von ihnen gezeichnet vom Bösen,

wird sich am Ende von allem Guten lösen,

das andere, das zunächst böse erscheint,

wird nach Erlösung streben, mit dem Guten vereint

Gefährten aus lange vergangenen Jahren

Müssen im Kampf sich um sie scharen

Vergessen muss sein die Befangenheit

Die Vorurteile aus alter Zeit

 

Cruz, Cruz, Cruz, summte es in ihrem Kopf. Und mit diesen Gedanken trat Adriana aus der Brutstätte und landete direkt in einer Art Halle. Die hohen Marmorwände reflektierten dämonisches, orangefarbenes Licht, sodass sie zunächst eine Hand heben musste, um ihre Augen abzuschirmen. Ein wenig irritiert legte sie den Kopf in den Nacken. War das über ihr eine … Kuppel? Ja, eindeutig. Eine gewölbte Decke mit Fresken wie in der Sixtinischen Kapelle. Ungläubig blinzelte sie nach oben, wobei es in ihrem Nacken knackte. Nur wirkten diese Fresken im Gegensatz zu ihren Brüdern in Rom geradezu verstörend auf Adriana. Sie zeigten Dämonen, die Menschen verschlangen, Dämonen, die Männer und Frauen oder andere Dämonen folterten. Ganz in der Mitte entdeckte Adriana sogar die Abbildung eines rot leuchtenden Alpha-Dämons, der einen Engel mit einem Speer aufspießte. Die blutenden Flügel des Engels hingen dabei in einem seltsamen Winkel an seinem Körper herunter. Nicht nur sie schienen gebrochen zu sein … Dann verstand sie. Der komische rot leuchtende Alpha-Dämon musste dieser Volarion sein, Luzifers verschwundener Sohn, der den Erzengel Michael getötet hatte.

Adrianas Kiefer knirschte. Unbewusst hatten ihre Zähne wie Mahlsteine aufeinandergerieben. Das Bild übte mit all seiner Brutalität eine eigenartige Anziehung auf sie aus. Gut, dass sie noch nichts gefrühstückt hatte, ansonsten hätte sie nun würgen müssen.

Schnaubend sah sie sich weiter um. Ganz eindeutig war das hier die Ruhmeshalle der sieben Völker der Hölle. Überall waren Schriftzeichen in die Wände eingraviert mit leuchtenden grünen Siegeln, als hätte man statt Kerzenwachs Delta-Speichel in den Abdruck an der Wand geträufelt. Weiter hinten in der riesigen Halle standen mehrere goldene Statuen von Alphas oder von Luzifer höchstpersönlich. Nein, halt, das war kein richtiges Gold. Was für ein Material war das? Gesprenkeltes Gold? Dadurch sahen die Statuen aus, als wären sie in Gepardenfell gehüllt.

Adriana erinnerte sich daran, wie Cruz von dieser Ruhmeshalle berichtet hatte. Doch bevor sie den Gedanken weiterspinnen konnte, sprangen drei fauchende Schatten auf sie zu.

Nina MacKay

Über Nina MacKay

Biografie

Nina MacKay, irgendwann in den ausgeflippten 80er-Jahren geboren, arbeitet als Marketingmanagerin (wurde aber auch schon im Wonderwoman-Kostüm im Südwesten Deutschlands gesichtet). Außerhalb ihrer Arbeitszeiten erträumt sie sich eigene Welten und führt imaginäre Interviews mit ihren Romanfiguren....

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