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Bruderschaft des Kreuzes (Cryonic 2)

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Cryonic — Inhalt

Sein Name ist Legende – Artur Kowal, der Dämon aus einer vergangenen Welt, hat sich zum mächtigsten Mann jenes Landes emporgehoben, das einst Russland war. Die Bürde der Verantwortung lastet schwer auf ihm, aber seinen Kampf für eine zivilisierte Gesellschaft und eine Zukunft des Menschen auf der zerstörten Erde hat er noch lange nicht aufgegeben. Dafür wagt er sich mit einer auserwählten Bruderschaft in die Hölle selbst: Europa, wo er französische Wissenschaftler aus ihrem Kälteschlaf erwecken möchte. Doch während er und seine Gefährten sich durch die todbringende Natur Deutschlands und Frankreichs schlagen, hat sich sein größter Feind erneut erhoben …

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 31.03.2014
Übersetzt von: Christiane Pöhlmann
496 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96480-7

Leseprobe zu »Cryonic «

Teil 1: Tote Erde

1 Das Ende der friedlichen Tage

 

Mit einem Fuß stand Mam Rita bereits im Grab.

Das hinderte die blinde Hüterin des Buches jedoch nicht daran, die Schreiber wie gehabt herumzukommandieren, die anderen Dorfbewohner am Geräusch ihrer Schritte und ihres Atems zu erkennen und sich an alles zu erinnern, was in den letzten hundert Jahren geschehen war. Äußerlich schien sie in den zwei Jahren, in denen Artur Kowal nicht hier in ihrem Dorf im Norden gewesen war, allerdings kaum gealtert zu sein. Wie immer um eine aufrechte Haltung bemüht, [...]

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Teil 1: Tote Erde

1 Das Ende der friedlichen Tage

 

Mit einem Fuß stand Mam Rita bereits im Grab.

Das hinderte die blinde Hüterin des Buches jedoch nicht daran, die Schreiber wie gehabt herumzukommandieren, die anderen Dorfbewohner am Geräusch ihrer Schritte und ihres Atems zu erkennen und sich an alles zu erinnern, was in den letzten hundert Jahren geschehen war. Äußerlich schien sie in den zwei Jahren, in denen Artur Kowal nicht hier in ihrem Dorf im Norden gewesen war, allerdings kaum gealtert zu sein. Wie immer um eine aufrechte Haltung bemüht, hielt sie sich auch heute erstaunlich gerade. Und ihre Befehle wurden nach wie vor widerspruchslos ausgeführt.

Trotzdem hatte sich etwas geändert: Jedes Wort kostete sie unglaubliche Kraft, das Bett verließ sie kaum noch, ständig saß sie in einen Mantel aus Wolfspelz gehüllt da, mit den Füßen in einer Schüssel voll heißen, mit aromatischen Kräutern vermischten Wassers. Obwohl die Sonne vom Himmel knallte, wurde in ihrer Hütte geheizt, und eine junge Frau wechselte das Wasser des Fußbads, sobald es auch nur ein wenig abgekühlt war.

Neben Mam Rita saß eine alte Bekannte Arturs, Anna die Erste, aus jenem Dorf der Wipper weit im Osten, in dem er einige Jahre gelebt hatte. Sie trug einen weißen Leinenoverall und hatte sich ein besticktes Tuch über die Schultern gelegt. Konzentriert ging sie einen Stapel Hefte durch.

Offenbar sollte sie Mam Ritas Nachfolge antreten. Eigentlich hatte Artur ja angenommen, das Amt müsse jemand aus diesem Dorf hier übernehmen. Doch wie er nun zu seiner Überraschung feststellte, durchschaute er noch immer nicht alle Gesetze der Wipper, jener verschworenen Gemeinschaft von Waldbewohnern, die so gar nichts von Städten hielt. Und bis auf die junge Generation in ihnen auch nicht leben konnte.

»Mögen deine Tage voller Frieden sein, Hüterin des Buches!«, begrüßte er Mam Rita.

»Mögen auch deine Tage voller Frieden sein, Schwert«, erwiderte sie und nannte ihn bei dem Namen, unter dem er im Kreise der Wipper bekannt war. »Du klingst heiser. Bist du krank?«

»Nein, nur ein wenig müde nach der Reise«, antwortete Artur. Bei der Erinnerung an die letzte Zeit schüttelte es ihn selbst jetzt noch.

»Ich danke dir, dass du auf meine Bitte hin hierhergekommen bist …«

»Allerdings hat Mam Rita dich schon vor zwei Tagen erwartet«, mischte sich Anna ein.

Mit ihr werde ich noch meine Probleme bekommen, ging es Artur bei diesen Worten durch den Kopf. Er verkniff sich jedoch jeden Kommentar.

»Das kann ich erklären, Mam Anna«, ergriff Berder das Wort. »Uns hat ein Unwetter überrascht, das zwei Tage lang tobte. Es wäre lebensgefährlich gewesen, wenn ich von unserem Drachen verlangt hätte, sich bei diesem Wind und den ständigen Blitzen in die Luft zu erheben.«

Mam Rita hob beschwichtigend die pergamentartige Hand, an der die Adern deutlich hervortraten. Bereits dieses kurze Gespräch hatte sie extrem ermüdet, das entging Artur nicht. Wahrscheinlich hat sie es ausschließlich irgendwelchen Kräutern und Salben zu verdanken, dass sie sich überhaupt noch wachhalten kann, dachte er. Wie alt mag sie wohl sein? Neunzig bestimmt schon …

»Wir wollen uns doch nicht streiten«, erklärte sie und ließ den Blick ihrer blinden Augen über die verrußten Holzwände wandern. »Sag mir lieber eins, Schwert«, wandte sie sich dann wieder an Artur. »Ich habe gehört, dass ihr über einen Monat lang in den westlichen Ländern gewesen seid. Hält deine Stadt es da überhaupt noch länger ohne dich aus?«

»Sämtliche kleinen Probleme können warten, wenn du mit mir zu sprechen verlangst, Herrin. Außerdem kümmern sich Leute, denen ich unbedingt vertraue, in meiner Abwesenheit um die Regierungsangelegenheiten in Petersburg. Ich werde also so lange bei dir bleiben können wie nötig.«

»Obwohl die Anhänger des Halbmondes gegen euch rebellieren? Und obwohl der Pöbel angeblich ihre Häuser anzündet? Obendrein sind in deiner Abwesenheit einige Anhänger Laos am rechten Newa-Ufer gelyncht worden. Will man diese kleinen schlitzäugigen Menschen aus dem Osten so aus der Stadt vergraulen?«

»Meine Männer haben das alles auch ohne mich bestens im Griff, Herrin. Sie wissen, wie die Gerechtigkeit durchzusetzen ist.«

»Die Gerechtigkeit also … Früher einmal hast du damit etwas bezeichnet, das du in deinem Herzen trägst, aber heute bezeichnest du damit nur noch Schriftrollen mit Steuerge setzen.«

»Ohne Gesetze ist Petersburg dem Untergang geweiht.«

»Das stimmt. Nur verrate mir dann doch bitte einmal, warum in der Newa täglich Leichen treiben? Ihr kämpft gegen niemanden, nicht eine Stadt aus dem Pakt der freien Siedlungen will euch angreifen. Trotzdem ist euer Fluss voller Leichen. Fast als ob ihr im Krieg lebtet …«

»Die Menschen kriegen den Hals leider nie voll genug, Herrin. Und viele haben aus dem Wald falsche Vorstellungen mitgebracht, was Gerechtigkeit angeht.«

»Falsche Vorstellungen? Woher willst du denn wissen, dass deine Vorstellungen richtig sind? Immerhin habt ihr es zugelassen, dass fast dreißig unterschiedliche Kirchen und Gebetshäuser erbaut wurden.«

»Zu meiner Zeit nannte man so etwas Religionsfreiheit.«

»Das ist ein schönes Wort – das aber nicht erklärt, warum bei euch Häuser niedergebrannt und Menschen ermordet werden.«

Die Hüterin des Buches biss sich offenbar nicht ohne Grund an diesem Thema fest. Artur ahnte, dass hinter ihren verbalen Angriffen etwas steckte, das sie beunruhigte, das sie aber noch nicht direkt zur Sprache bringen wollte …

»Sofern du nicht von mir verlangst, Piter dem Erdboden gleichzumachen«, erwiderte er, »nehme ich gern jeden Rat von dir an. Wie stets.«

Berder nickte ihm anerkennend zu: Sein Schüler brachte den Gesetzen Respekt entgegen und hatte nicht vergessen, wem er seine Macht eigentlich verdankte.

»Immerhin liegt dir die Gerechtigkeit noch am Herzen, Schwert, und das freut mich«, erklärte Mam Rita daraufhin in etwas sanfterem Ton. »Jeder Mensch kann sich irren, auch ich habe zu meiner Zeit zahlreiche Fehler begangen. Zudem will ich nicht verhehlen, dass ich zunächst befürchtet hatte, du würdest dich keinen Deut mehr um das Gleichgewicht kümmern, sobald du erst einmal in der Stadt angelangt bist. Umso größer ist nun meine Genugtuung, dass ich mich geirrt habe. Einmal mehr erweist sich unser Buch als klüger als wir alle.«

Sie stockte und fing an zu röcheln. Sofort reichte ihr die junge Frau einen Becher mit duftendem Kräutertee. Schweigend warteten alle Anwesenden den Schwächeanfall Mam Ritas ab. Berder, inzwischen nicht nur Hüter der Kraft, sondern auch einer der beiden Direktoren der Militärakademie in Piter, ließ den Blick schweifen, während Anna die Erste wie gehabt die in Leder gebundenen Hefte durchblätterte. Beide Schreiber warteten mit gezückter Feder. Das Große Buch der Wipper wuchs ständig an, in ihm wurden alle Gespräche aufgezeichnet, die in dieser Hütte geführt wurden, aber auch alle Neuigkeiten aus anderen Dörfern der Wipper, sämtliche Ereignisse von Belang aus dem Leben der Städte und Dörfer, in denen die Wipper mit ihren magischen Fähigkeiten nicht der Natur zum Sieg verholfen hatten, sowie mancherlei rätselhafte Veränderungen in der Natur.

Und noch etwas sorgte dafür, dass dieses heilige Buch ständig anwuchs: die Prophezeiungen der Hüter des Gedächtnisses. Diese Käuze lebten völlig zurückgezogen und kamen nur selten hierher ans Weiße Meer, oft genug beschränkten sie sich darauf, ein paar Sätze schriftlich oder mündlich überbringen zu lassen. Diese Prophezeiungen konnten noch so verworren und nebulös sein – sie wurden sofort in das Buch aufgenommen und mit besonderer Aufmerksamkeit studiert.

Auch Artur hatte diese Sprüche schon mehrmals gelesen. Die Hüter des Gedächtnisses selbst sahen sich außerstande, sie zu entschlüsseln, was kein Wunder war, erinnerten die Worte doch oft genug an das Geschwafel eines Junkies. Vor achtzig Jahren hatten sie jedoch vorausgesagt, ein Erwachter Dämon würde auftauchen, ein Mann namens Artur Schmied. Und Kowal bedeutete auf Ukrainisch Schmied …

Nun war er erneut in den Norden gerufen worden. Er hatte davon erfahren, kaum dass er mit seinem Drachen auf dem Dach des Winterpalasts gelandet war. Nachdem er sich in aller Eile umgezogen und schnell die Berichte seiner engsten Mitarbeiter angehört hatte, war er schon wieder zum Aufbruch genötigt gewesen. Dabei hätte er dringend in Piter bleiben müssen. Von wegen kleine Probleme!, stöhnte er innerlich. Die Neuigkeiten, mit denen seine Leute ihn überschüttet hatten, waren mehr als unangenehm …

Die Hare Krishnas waren verprügelt, ihr Stand auf dem Markt im Süden zertrümmert worden. Der Vorfall hatte sogar zwei Menschen das Leben gekostet.

An der Moschee, die ein Imam der Tataren hatte bauen lassen, kam es immer wieder zu Schlägereien.

Ein paar religiöse Fanatiker waren mit aufgeschlitzten Kehlen in der Newa gelandet.

Am rechten Ufer, wo jene Hungerleider lebten, die nicht arbeiten und sich nicht an die Hygieneregeln halten wollten, tobte eine Hepatitisepidemie.

All das konnte jedoch warten, denn Mam Ritas Befehl war wichtiger. Diesem Ruf nicht zu folgen verbot sich von selbst.

Vor allem nach dem, was während der Reise nach Paris geschehen war …

Und in einem Punkt hatte Artur den Wippern wirklich nichts vorgemacht. Er wusste genau, wer ihn einst in den Winterpalast gebracht hatte und ihm auch heute noch half, seine Macht zu sichern. Es waren die geflügelten Drachen, die der alte Prochor tief in den Wäldern des Urals gezüchtet hatte, die Albinotiger und die Hunde mit den blauen Augen. Doch selbst mit diesen Tieren, die all seinen Feinden Angst einjagten, wurde es in letzter Zeit immer schwieriger, in Piter für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Je weiter sich der Ruhm der neuen Hauptstadt verbreitete, je reicher die Märkte und Handelshäuser wurden, desto mehr Neider traten auf den Plan. Deshalb hatte er, der Gouverneur Artur Schmied, beim Anflug auf Piter die Spitze der Peter-und-Paul-Festung durchaus mit gemischten Gefühlen betrachtet.

Einerseits freute er sich, noch am Leben zu sein. Nach allem, was seine kleine Gruppe in Westeuropa hatte wegstecken müssen, hatte er schon befürchtet, Piter nie mehr wiederzusehen. Doch irgendwann hatte Artur die Newa mit ihren unzähligen Fischerbooten und Pontonbrücken unter sich erblickt. Und prompt war die Wiedersehensfreude wie weggeblasen, machte den üblichen Sorgen Platz. Aber gut, er hätte ja wohl schlecht die ganze Zeit über an all die Probleme denken können, die sein Amt mit sich brachte. Jedenfalls nicht, wenn er nicht vollends den Verstand verlieren wollte.

Denn im Vergleich zu der Strafe, den Gouverneur mimen zu müssen, war die Machtübernahme vor zehn Jahren das reinste Kinderspiel gewesen. Je mehr Hürden er allerdings auf dem Weg zu etwas, das man mit einigem guten Willen als Zivilisation bezeichnen konnte, überwand, desto mehr neue Probleme tauchten auf. Die Intrigen der Beamten drohten ihn zu ersticken. Die Abschaffung des Sklavenhandels hatte ihm übermenschliche Kräfte abverlangt. So konnte er selbst heutzutage – nachdem er Piter erfolgreich vor allen Anfechtungen des Feudalismus bewahrt hatte, nachdem diese dickköpfigen Städter endlich auf den Geschmack des Privatbesitzes gekommen waren und sich langsam ein Bürgertum herausbildete – nicht wirklich ruhig schlafen …

»Ich dörre förmlich aus …«, riss ihn Mam Rita aus seinen Gedanken. Doch statt näher auf ihren Gesundheitszustand einzugehen, brachte sie die Sprache wieder auf Piter. »Du hast unsere Kinder in die Stadt geholt, und wie ich von ihren Eltern höre, gefällt es ihnen dort. Was ist mit dir, Schwert? Bist du angesichts dieser Entwicklung zufrieden? Oder schürt sie die Feindseligkeiten in der Stadt nur noch?«

»Ich will gar nicht verhehlen, dass alles ausgesprochen schwierig ist, Herrin. Dazu sind die …« Er wollte eigentlich Weltbilder sagen, biss sich aber noch rechtzeitig auf die Zunge. »Dazu betrachten wir alle die Welt mit zu unterschiedlichen Augen. Aber ich bin froh, dass die Wipper meine Schwierigkeiten verstehen und zugleich einsehen, dass wir trotzdem alle zusammenleben können.«

»Eben darüber möchte ich mit dir reden. Neben den Kindern der Wipper drücken auch die der Wilden die Schulbank …«

»Das sind auch Menschen, Herrin. Einst waren sie genau wie wir, doch nach dem Großen Tod sind sie verwildert. Für ihre Enkelkinder trifft das allerdings nicht mehr zu, sie haben alles Wilde hinter sich gelassen. Deshalb erhalten sie wie alle anderen einen Ausweis.«

»Einen Ausweis …«, spie Anna die Erste aus.

»Hast du keine Angst, dass es zu Massakern kommt?«, wollte Mam Rita kopfschüttelnd wissen. »Als es noch wenige waren, konntest du dich ohne Weiteres als Wohltäter aufspielen. Ich habe jedoch gehört, dass du inzwischen sogar den Dschingissen Land überlässt und sie in die Garde aufnimmst.«

Berder kniff sein linkes Auge zusammen. Bei solchen Diskussionen meinte Artur stets, er und die Wipper würden unterschiedliche Sprachen sprechen. Denn auch für die Wipper waren die Wilden, die Dschingisse oder Röchler bestenfalls billige Arbeitskräfte, schlimmstenfalls Sklaven, die man kaufen und verkaufen konnte. Und die eigenwilligen Waldbewohner hatten mit Sicherheit nicht die Absicht, diesen Standpunkt zu überdenken, geschweige denn, ihre Gepflogenheiten zu ändern. Zumindest in dieser Frage konnten sie und die Städter sich die Hand reichen, denn in den meisten Gebieten, mit denen Petersburg Beziehungen unterhielt, sah man das genauso.

Überall gab es noch Sklavenhandel.

Überall – bis auf Piter.

Artur war fest entschlossen, eher zu sterben, als mit anzusehen, wie jenes rudimentäre Bürgertum, das an der Newa entstanden war, wieder unterging. Immerhin fand er in Berder und einigen anderen Wippern Verbündete. In den letzten drei Jahren war die Bevölkerung in Petersburg und Umgebung auf über zweihunderttausend Menschen angewachsen, und meist handelte es sich bei den Neulingen um entflohene Sklaven. Mit ihnen erhielt der Gouverneur billige Arbeitskräfte, das Militär Rekruten und die Handwerker einen kolossalen Absatzmarkt für ihre Waren.

Der entscheidende Coup war Artur gelungen, als es an der Wolga zwei Jahre hintereinander zu Missernten gekommen war. Damals strömten Horden hungernder Flüchtlinge Richtung Petersburg. Die Vorsitzenden der Kammern hatten ihm geraten, alle Männer zu mobilisieren und diese Massen um jeden Preis von der Stadt fernzuhalten. Artur war jedoch anderer Ansicht gewesen, und selbst die Panik, die sich in Piter breitmachte, konnte ihn nicht von seiner Position abbringen. Patrouillen berichteten, eine wahre Lawine rolle heran, nicht weniger als vierzigtausend verarmte Menschen, die völlig von Sinnen seien. Sie alle folgten den Gerüchten, an der Newa wachse und gedeihe eine reiche Stadt, in der sämtliche Zuwanderer ein Stück Land und Vieh erhielten und sogar Arbeitskräfte für den Bau eines Hauses zur Verfügung gestellt bekämen. Und wer ein Studium auf sich nahm oder sich der Armee anschloss, dem winkten gar Reichtum und alle nur erdenklichen Ehren …

Artur seinerseits hatte alles darangesetzt, solche Gerüchte noch auszuschmücken. In jenem Frühjahr hatte er zudem gegenüber den Vorsitzenden der Kammern erstmals von einer Devisenschwemme gesprochen, die in ihrem Interesse liege. An diesem Fachchinesisch hatten die Vorsitzenden anfangs zu kauen, doch sobald Artur das Phänomen als Eroberung des Fleischmarkts umschrieb, leuchteten die Augen aller auf. Dafür mussten sie nicht mehr tun, als die Fleischproduktion zu verdreifachen und den Preis auf dem Markt in Nishni Nowgorod zu halbieren. Die einzige kleine Besonderheit, die es dabei zu berücksichtigen galt: Zu diesem Tiefpreis wurde das Fleisch nur gegen Gold und Silber von Petersburger Prägung verkauft, während alle anderen Währungen demonstrativ als wertloses Blech abgelehnt wurden. Sie bräuchten nur diese eine Saison zu überstehen, versicherte Artur, dann könnten sie in Zukunft kühn die Bedingungen diktieren …

Noch grandiosere Pläne hatte Artur für die Petersburger Schuhmacher und Glasbläser geschmiedet. Bloß in der Metallverarbeitung musste er sich alle Expansionspläne abschminken: Die Wipper hatten ihm jede Form von schmutzigem Gewerbe untersagt.

Als dann die Hungernden vor den Toren der Stadt auftauchten, durften sie sich zwar nicht in Piter selbst, wohl aber im Umkreis ansiedeln. Sie erhielten günstige Kredite, wenn sie Saat und Jungtiere kaufen wollten. Der verzweifeltste Schritt Arturs bestand jedoch darin, die Speicher mit den strategischen Vorräten öffnen zu lassen … Noch lange musste er danach mit Schwierigkeiten kämpfen. Schlägereien und Brandstiftungen waren an der Tagesordnung, viele der Neuankömmlinge versoffen ihre gesamte erste Ernte. Ein Jahr später jedoch schmauchten die Schornsteine zahlloser neu erbauter Häuser rund um Strelna und Lomonossow, während in Nishni Nowgorod die ersten Karawanen mit dem zu Dumpingpreisen angebotenen Fleisch eintrafen.

Und Piter eroberte den Markt im Wolgagebiet.

Arturs Plan ging auf. Tausenden kleiner Unternehmer bei Nishni Nowgorod drohte der Bankrott, denn niemand wollte noch bei ihnen Geflügel oder Schweinefleisch kaufen. Die um Piter neu angesiedelten Bauern, deren Felder fast bis an die Ewige Brandstätte reichten, bezahlte Artur in Naturalien oder Kupfer, während die Staatskasse in einem einzigen Herbst vor Gold fast platzte.

Doch damit nicht genug: Artur ließ in allen größeren Siedlungen in Mittelrussland verbreiten, der Gouverneur von Piter biete den Bauern Hilfe bei der Umsiedlung an, nehme sie unter seinen Schutz und lasse ihnen die Staatsbürgerschaft zukommen, sofern sie nur einen lebenslangen Vertrag unterschrieben, der sie verpflichtete, sämtliche Überschüsse an den Staat zu verkaufen. Wer auch nur ein wenig über Petersburg gehört hatte, wusste genau, was das hieß, die Staatsbürgerschaft und der Ausweis. Selbst wer nicht lesen und schreiben konnte, kapierte das. Ein Ausweis mit dem eigenen Bild und dem Stempel des Großen Kreises – das bedeutete das Recht, Land zu besitzen und Holz zu fällen, sowie kostenlosen Schulbesuch für die Kinder, Schutz vor Ganoven, vor allem jedoch eine bescheidene Rente. Letztere lockte in erster Linie diejenigen, die nicht auf dem Feld arbeiten, sondern sich mit Bauarbeiten durchschlagen wollten.

So kamen abermals Hunderte von Trecks nach Piter, sehr zum Missfallen der alteingesessenen Lokalgrößen.

Die Farmen bildeten nunmehr einen lebenden Schutzwall um das altehrwürdige Zentrum, in dem Sergo Abaschidzes Patrouillen ein strenges Visumsregime aufrechterhielten. Mit diesen Neuankömmlingen, die von den Krediten, den Feiertagen mit Feuerwerk und dem phantastischen Sold bei der Garde angelockt worden waren, gelangten aber auch Wilde jeglicher Couleur in die Stadt.

Die Migration der Schmeißfliegen, wie die Wipper alle Städter abfällig nannten, interessierte jene im Grunde nicht. Anders verhielt es sich jedoch mit dem Zuzug halbwilder Stämme aus dem Wald. Gut, der alte Wipper Ismail zollte der Strategie Arturs durchaus Tribut, denn dadurch, dass dieser die Landwirtschaft ankurbelte, sorgte er dafür, dass sich in dem Gebiet kaum Dunkle Male bildeten. Außerdem hielt sich Artur an ihr Abkommen: Nicht ein Industriegigant verpestete die Luft. Aber diese Wilden blieben selbst ihm ein Dorn im Auge. Deshalb fragte sich Artur jedes Mal, wenn er eine Gruppe von ihnen ausschickte, um Gräben trockenzulegen, wann den Wippern wohl die Hutschnur reißen würde.

Schließlich durfte er auch die Zauberer von den Seen nicht vergessen, eine einflussreiche Sekte, die im Nordosten am Ladogasee und im Südwesten am Peipussee lebte. Auch mit ihnen musste er sich irgendwie ins Einvernehmen setzen, denn sie waren ebenso sehr wie die Wipper an dem Gratisarbeitsvieh interessiert, vor allem aber auf Neugeborene erpicht. Nachdem aus einigen Vororten Kleinkinder verschwunden waren, hatte das Gerücht die Runde gemacht, die Zauberer würden normale Kinder unter dem Roten Vollmond in ihresgleichen verwandeln. Deshalb sah sich Artur gezwungen, ein ganzes Dorf am Ladogasee niederzubrennen, wobei Abaschidzes Männer bei dieser Expansion durch die fauligen Sümpfe größere Verluste einstecken mussten als bei allen Auseinandersetzungen mit den Röchlern zusammen.

Immerhin waren die Opfer nicht umsonst. Statt eines langen und zähen Kriegs, den viele prophezeit hatten, war durch dieses Manöver der Frieden wiederhergestellt worden, und die Kinder kehrten zurück.

Im Übrigen war Mam Rita falsch informiert worden: Die Garde nahm keine Dschingisse auf, der Kriegsrat ließ sie höchstens bei einigen Patrouillen zu, in Einzelfällen machte Artur freilich eine Ausnahme und betraute verdiente Wilde mit einem verantwortungsvollen Posten. Die Dschingisse selbst scherte diese Diskriminierung jedoch nicht weiter. Sie waren in der Regel mit ihren Erdhütten und etwas zu essen rundum zufrieden. Doch den Wippern genügte nicht einmal das: Sie schärften ihm immer wieder ein, dass sie jeden seiner Schritte genau beobachteten.

»Ob Dschingisse oder nicht – wir nehmen alle auf, die die gesetzliche Macht anerkennen und für das Allgemeinwohl arbeiten, Herrin«, beantwortete Artur die Frage Mam Ritas. »Und daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern.«

»Das Allgemeinwohl … du bist einfach unverbesserlich, Erwachter Dämon«, erwiderte sie grinsend. »Hast du mir nicht einmal erzählt, dass euer stinkender Staat damals, vor über hundert Jahren, auch ständig das Wort vom Allgemeinwohl im Munde führte … Ich brauche dir ja wohl nicht in Erinnerung zu rufen, welches Ende er genommen hat, oder?« Sie trank einen Schluck und um ihren faltigen Hals gerieten die Ketten mit den Talismanen ins Zittern. »Gut … aber ich bin nicht die Einzige, die mit dir reden möchte.«

Die Frau, die das Wasser wechselte, murmelte etwas und lugte kurz hinter einen Paravent im rechten Teil der Hütte. Artur hatte von Anfang an gespürt, dass sich dort noch jemand befand. Nach all den Jahren kannte er die Macken der Wipper jedoch gut genug: Wenn die Gäste sich nicht zeigen wollten, dann eben nicht.

Nun traten drei Männer hinter dem Wandschirm hervor. Den einen erkannte Artur auf Anhieb wieder, das war Christian, Ismails jüngerer Bruder, der am Waldaisee lebte und seines Zeichens Hüter des Gedächtnisses war. Die anderen beiden sah er zum ersten Mal, aber vermutlich handelte es sich auch bei ihnen um Wipper dieser besonderen Kategorie.

Alle drei waren stämmige Männer, hatten das lange graue Haar zu Rastazöpfen geflochten und lächelten mit erstaunlich gesunden Zähnen in die Runde. Sie waren gekleidet wie Pilger, die etliche Kilometer zu Pferd oder zu Fuß zurückgelegt hatten.

Während Berder, den diese Begegnung genauso überraschte wie Artur, die drei Männer nacheinander umarmte, konnte Artur einen Blick auf den Tisch hinter dem Paravent werfen: Auf ihm standen zwei Dutzend Flaschen, die ein Stück geräucherten Schinken einrahmten. Das sind die ersten Russen, dachte Artur, die ich kennenlerne, die drei Tage lang schweigend saufen. Denn so lange haben sie doch auf mich gewartet, oder?

»Du hast eine üble Wunde«, wandte sich der Größte der drei, ein Mann mit faltigem, zerknautschtem Gesicht, an Artur. »Obendrein hast du das Gift nicht herausgeholt, bevor du die Salbe aufgetragen hast.«

»Das wird schon wieder«, mischte sich Anna die Erste ein. »Das Gift hat sich bereits aufgelöst.«

Artur hatte niemandem etwas von seiner Wunde mitgeteilt und angenommen, der Verband sei unter der Jacke überhaupt nicht wahrzunehmen. Doch die Wipper rochen das Blut und die Salben. Um die körperliche Verfassung eines Menschen zu bestimmen, brauchten sie weder Gejammer in höchsten Tönen noch weitschweifige Erklärungen.

»Das ist ein übles Gift«, erklärte Christian, während er die stickige Luft in der Hütte durch die Nase einsog. »Hat es den Wipper umgebracht?«

Artur schielte zu Berder hinüber, der nickte, um ihm zu signalisieren, er habe die Hüter des Gedächtnisses bereits über den Tod von Semjon den Zweiten informiert. Der junge Mann hatte die Reise nach Paris nicht überlebt.

»Nein, Semjon ist auf andere Weise gestorben. Er fand den Tod in …«

»Du hättest dich niemals so weit nach Westen begeben dürfen, ohne dich vorher mit uns abzustimmen«, mischte sich nun der dritte Hüter des Gedächtnisses ein, ein buckliger Mann mit schwarzen Augen, anscheinend ein Mischling. »Du weißt schließlich ganz genau, dass südwestlich von Warschau keine Wipper mehr leben.«

»Dafür wimmelt es dort nur so von Dunklen Malen!«, presste Christian heraus. »Du willst uns ja wohl nicht weismachen, dir wäre nicht klar gewesen, welches Risiko du eingehst. Wenn du in Gegenden mit derart viel Schmutz kommst und …«

»Deshalb haben wir in den Städten auch nie Rast gemacht«, versuchte Artur sich zu verteidigen. »Außerdem wollte Semjon unbedingt mitkommen, und selbst sein Vater hatte nichts dagegen. Aber hinter den deutschen Siedlungen sind wir auf …!«

»Wir wissen genau, dass der Junge seinen eigenen Kopf hatte«, meinte Christian.

»Er war einer meiner besten Kämpfer«, bemerkte Berder traurig.

»Ich habe auch Männer verloren, die nicht meine schlechtesten waren, Lehrer«, erwiderte Artur.

»Du bist also doch nach Frankreich geflogen?«, nahm Mam Rita ihn ins Verhör. »Obwohl Ismail dir gesagt hat, dass hinter Berlin halb Europa nur noch aus Brandstätten besteht und dass dort das Wasser leuchtet wie in den Gelben Sümpfen in Sibirien?«

»Früher hat es in diesen Gegenden viele Atomkraftwerke und Atomwaffen gegeben«, erklärte Artur. »Aber wir wollten ja nur bis nach Paris, um …«

»Mittlerweile ist uns allen klar, dass du die anderen Eingeschlafenen aus der alten Welt wecken wolltest«, unterbrach ihn der Hüter mit dem zerknautschten Gesicht. »Aber in dem Fall verrate mir doch bitte einmal, warum du nicht zu den Deutschen gegangen bist? Ihr schickt doch Karawanen dorthin und handelt mit ihnen. Selbst in den Städten ist es dort längst nicht so gefährlich.«

»Weil … weil wir …«

»Und kann es womöglich sein«, fiel ihm Mam Rita unbarmherzig ins Wort, »dass ihr unterwegs Dinge gesehen habt, die selbst den besten und tapfersten Soldaten und sogar dem Gouverneur Schwert einen Schrecken einjagen?«

»Ja, Herrin«, gab Artur kleinlaut zu.

»Du hast nun das gesehen, was sich auch hinterm Ural versteckt hält. Denn du bist im Westen auf das getroffen, wovor wir alle Karawanen, die von Jekaterinburg aus nach Osten ziehen wollen, bereits seit Jahren schützen, indem wir diese Wege unpassierbar machen. Du standest jetzt im Westen vor jenem Industrieschmutz, den wir im Osten in den letzten hundert Jahren beim besten Willen nicht beseitigen konnten. Wir konnten die Menschen nur von ihm fernhalten, eben indem wir die Wege dorthin gekappt haben.«

»Aber warum gibt es dann im Westen keine Wipper, die das Gleichgewicht wiederherstellen?«

Artur hatte den Eindruck, die drei Hüter des Gedächtnisses würden sich ganz kurz wortlos verständigen. Berder murmelte etwas, das niemand verstand, während Anna die Erste Artur so entsetzt anstarrte, als hätte er eine schweinische Bemerkung gemacht. Die Schreiber beendeten noch ihren Satz und harrten dann mit erhobener Feder in der Hand der Dinge, die da kommen würden.

»Damit hast du die Frage gestellt, deretwegen wir uns heute hier versammelt haben«, stellte Mam Rita ruhig fest. »Die Hüter der Dunklen Male aus Warschau haben uns schon vor langer Zeit mitgeteilt, dass die Erde südlich und westlich von Berlin immer stärker ins Wippen gerät, dass wilde Wälder alle bestellten Felder verdrängen und die klirrenden Knoten sich nicht mehr kontrollieren lassen. Deshalb haben wir uns hier versammelt, um deinen Bericht zu hören und dann zu entscheiden, was davon den anderen Wippern bekannt werden darf.«

»Und was wir weiterhin tun sollen«, ergänzte Christian.

Artur wollte seinen Ohren nicht trauen. Die Hüter des Gedächtnisses hatten sich in dieser Hütte versammelt – um etwas zu unternehmen.

Das war, wenn er sich nicht irrte, das erste Mal, dass sie aktiv in die Geschichte eingreifen wollten.

»Ist es wirklich so schlimm?«, presste er heraus. »Ich habe angenommen, das ökologische Gleichgewicht könne trotz allem mit der Zeit wiederhergestellt werden … Oder glaubt ihr etwa, dass die Lage im Westen für uns alle zur Bedrohung werden könnte?«

»Genau darum geht es: Die Dunklen Male hätten sich schon längst zu einem Knoten zusammenfügen müssen«, erklärte der schwarzäugige Hüter und seufzte schwer. »In Sibirien ist es zumindest so gewesen. Aber aus irgendeinem Grund tun sie das in Westeuropa nicht.«

»Man könnte fast meinen, jemand brächte dort die Erde die ganze Zeit über zum Wippen«, beschrieb Christian die Situation.

»Wir haben eine gewisse Ahnung, wer das sein könnte …«

»… und zu welchem Zweck das geschieht …«

»Und was das bedeutet …«

Artur schwindelte, obendrein meldete sich der Schmerz in seiner Schulter zurück, eine alte Wunde, die nie ganz verheilt war.

»Und was wollt ihr von mir?«, fragte er schließlich.

»Das Buch ist aufgeschlagen, Schwert!«, erklärte Mam Rita. »Sprich langsam und lass nichts aus! Jede Kleinigkeit, die du vergisst, kann nicht nur uns, sondern der ganzen Welt den Tod bringen.«

Vitali Sertakov

Über Vitali Sertakov

Biografie

Vitali Sertakov wurde 1966 in Leningrad geboren. Nach seinem Studium der Radioelektronik absolvierte er seinen Militärdienst in Kasachstan an der Grenze zu China. Er war in unterschiedlichsten Jobs tätig, bevor er Anfang der 2000er Jahre seine Karriere als Schriftsteller begann. Mittlerweile hat er...

Pressestimmen

agm Magazin

»Einen sehr eigenständigen dystopischen Roman hat Vitali Sertakov verfasst. Ein Roman, angefüllt mit vielen Fragen. Da keiner wirklich weiß, was die Zukunft bringt, gibt die Science-Fiction mögliche Antworten. Für Sertakov ist diese Zukunft eine Gesellschaft, entkoppelt von der eigenen Geschichte sowie der eigenen Moral - doch der Dämon ist erwacht.«

Kommentare zum Buch

Cryonic
Peter Engemaier am 15.08.2018

Eine sehr spannend erzählte Vision einer postindustriellen Zeit! Bin gespannt auf die Fortsetzung!

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