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Der Dämon erwacht (Cryonic 1)

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Cryonic — Inhalt

Als Artur Kowal sich 2006 in einen kryonischen Schlaf versetzen lässt, ist er nicht mehr als ein Mitarbeiter eines Forschungsinstituts. Als er 120 Jahre später erwacht, ist er ein Dämon. Doch es ist nicht Artur, der sich verändert hat: Es ist die Welt um ihn herum, die einem Horrorroman entsprungen zu sein scheint – verseucht, mutiert, magisch. Die Menschen haben unterschiedliche Strategien entwickelt, um sich an die veränderte Natur anzupassen, aber die Zivilisation, wie Artur sie kannte, ist zerstört. Eine Neuordnung der Gesellschaft wird durch den in Moskau herrschenden Karin torpediert. Von einer radikalen Gruppe, die über magische Fähigkeiten verfügt, erhält der erwachte Dämon die Macht, dieser neuen Welt den Krieg zu erklären und gegen Moskau zu ziehen. Eine Legende beginnt ...

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 17.09.2013
Übersetzt von: Christiane Pöhlmann
512 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96359-6

Leseprobe zu »Cryonic«

(1) Countdown

 

Der Mann schlug die Augen auf und schrie.

Genauer gesagt, er wollte schreien, brachte aber nur ein Röcheln heraus, weil ihm ein breites Gummistück zwischen die Zähne gepresst war. Ein biegsames Plastikrohr steckte tief in seinem Rachen und nahm ihm jede Möglichkeit, die Zunge zu bewegen. Er konnte weder schreien noch vernünftig schlucken, ja mehr noch, dieser Apparat, der ihm da die Kiefer aufsperrte, ließ ihn fast ersticken. Und das bisschen Luft, das in seinen Lungen ankam, war sehr kalt und schmeckte säuerlich.

Er blinzelte – und [...]

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(1) Countdown

 

Der Mann schlug die Augen auf und schrie.

Genauer gesagt, er wollte schreien, brachte aber nur ein Röcheln heraus, weil ihm ein breites Gummistück zwischen die Zähne gepresst war. Ein biegsames Plastikrohr steckte tief in seinem Rachen und nahm ihm jede Möglichkeit, die Zunge zu bewegen. Er konnte weder schreien noch vernünftig schlucken, ja mehr noch, dieser Apparat, der ihm da die Kiefer aufsperrte, ließ ihn fast ersticken. Und das bisschen Luft, das in seinen Lungen ankam, war sehr kalt und schmeckte säuerlich.

Er blinzelte – und begriff endlich, was ihm solche Angst einjagte.

Diese graue Kreatur.

Ihm gegenüber, direkt vor seiner Nase, starrte ihn hinter einer bläulich schimmernden Scheibe eine Höllenfratze an, mit Schläuchen in den aufgeblähten Nasenlöchern und runden Gummipfropfen an den kahl geschorenen Schläfen. Dort, wo bei einem normalen Menschen der Mund saß, hatte dieses grauhäutige Monster etwas, das wie das Visier eines Hockeyhelms aussah. Unter diesem Ding quollen ein blauer gerippter Schlauch und zwei rote, schmalere Schläuche hervor. Auf dem Kopf trug es eine halb transparente Haube, ähnlich der, die Frauen beim Duschen benutzen, um ihre Frisur zu schonen. Selbst die Augen waren nicht verschont geblieben: Von der breiten weichen Bandage, die die Duschhaube in der Stirn hielt, lief zu jedem Auge ein feiner rosafarbener Faden. Über diesen glitten kaum erkennbare Tropfen einer unbekannten Flüssigkeit.

Als die Augen blinzelten, musste der Mann jedoch der Wahrheit ins Gesicht sehen: Er hatte sein eigenes Spiegelbild vor sich. Sein Hirn versuchte, die in ihm aufsteigende Panik zu unterdrücken und sich ganz auf seinen Körper zu konzentrieren. Arme und Beine schienen noch dran zu sein. Er lag auf dem Rücken und konnte sich kaum rühren. Den Kopf hielt irgendeine Vorrichtung auf die rechte Seite gedreht. Bei der Scheibe handelte es sich allerdings nicht um einen Spiegel, sondern um ein schmales Fenster. In seinem Rücken brannte eine Lampe mit mattem Licht, hinter dem Fenster war alles dunkel, weshalb er sich überhaupt sehen konnte: die im Schock weit aufgerissenen Augen, die Schweißtropfen auf der Stirn, den elastischen Verband um sie herum, die pulsierende Halsschlagader.

Sobald er versuchte, die Finger zu bewegen, machte er weitere Entdeckungen. Wenn er mit dem Zeigefinger auf einen Knopf drückte – den er nicht sah! –, leuchteten vor ihm im unteren Teil des Fensters grüne Buchstaben und Ziffern auf. Obwohl es lateinische Buchstaben waren, konnte er sie problemlos lesen. Einige Ziffern veränderten sich ständig, andere blieben konstant. Blutdruck, Puls, Atemfrequenz … Manche Wörter konnte er zwar lesen, verstand aber ihre Bedeutung nicht, zum Beispiel Leukozyten. Insgesamt gab es sechzehn Messwerte. Er riss sich von der Betrachtung der grünen Anzeigetafel los. Mittlerweile war ihm auch klar geworden, dass er gar nicht so gierig Sauerstoff einatmen musste, denn die Apparatur, die ihn gefangen hielt, pumpte genügend Luft in ihn hinein. Daraufhin hielt er die Luft an. Die nächsten Sekunden geschah nichts, dann klickte es und über den grünen Buchstaben erschienen rote: Kontrollierte, vollständige mechanische Ventilation. Beginn in fünf Sekunden.

Noch ehe diese Drohung wahr gemacht wurde, atmete er freiwillig weiter. Sofort verschwanden die roten Buchstaben wieder. Gut! Abgesehen davon drohte ihm dieses Drecksding ja damit, sein Leben zu erhalten, nicht, ihn umzubringen. Ob ich einen Unfall gehabt habe, überlegte er, und man mich danach auf die Intensivstation gebracht hat?

Daraufhin bewegte er ganz sacht den Mittelfinger. Ein neues Bild baute sich auf: Muskeltraining. Belastung: 4; Dauer: 120 min. Bitte andere Einstellungen wählen.

Kaum drückte er die Kuppe des Ringfingers nach unten, wechselten die Parameter erneut. Reaktantentemperatur, Geschwindigkeit der Projektorzirkulation, Druckkraft … O nein, das konnte auf keinen Fall eine Intensivstation sein. Hier ging es um mehr als Reanimation. Denn wann hätte es das je gegeben, dass der Patient selbst die Werte eingab, die für seine Lebenserhaltung nötig waren?

Immerhin konnte er noch klar denken! Und nicht mal lange Wörter bereiteten ihm Schwierigkeiten. Da es ihm obendrein möglich war, sogar aus diesem engen Sarg heraus Befehle zu erteilen, bestand eine echte Chance, sich ganz aus ihm zu befreien. Er drehte sich ein wenig in der Hüfte, um herauszufinden, ob er etwas anhatte. Als er dafür auch noch ein Bein anzog, stieß er prompt gegen eine Wand. Das war wirklich ein Sarg! Blieb noch eine Frage, die ihm keine Ruhe ließ, die sich ihm zunächst gar nicht gestellt hatte, die er aber jetzt, da der erste Schreck überstanden war, formulieren konnte: Wie lange lag er eigentlich schon in diesem Ding? Im Bereich seines Afters spürte er deutlich ein gummiartiges Etwas, eine weitere Konstruktion fixierte seinen Penis. Wie lange musste er bewusstlos gewesen sein, damit ihm ein Einlauf gemacht wurde? Das heißt: nein, kein Einlauf.

Ein Katheter war ihm gesetzt worden! So hieß das doch im Fachjargon, wie ihm gerade wieder einfiel.

Seinen linken Unterarm umspannten mindestens zwei Schlaufen, aber den rechten konnte er relativ frei bewegen. Alles halb so schlimm, redete er sich selbst ein. Kein Grund, die Nerven zu verlieren. Jetzt, da ich aufgewacht bin, kriegen das garantiert auch diejenigen mit, die irgendwo da draußen herumschwirren, ein Arzt oder eine Krankenschwester. Bestimmt kommt also gleich jemand und erklärt mir, was Sache ist. Man kennt das ja, Gedächtnislücken nach einem Unfall oder so …

Um einen kühlen Kopf zu bewahren, zählte er allen Ernstes bis tausend. Doch niemand erschien. Hinter der Scheibe ging nicht mal Licht an. Und selbst als er die Ohren spitzte und lauschte, hörte er nichts als das leise Pfeifen, mit dem die Luft durch den Schlauch gepresst wurde. Die Angst, die er schon bezwungen zu haben glaubte, rührte sich erneut und wand sich wie eine Schlange immer fester um sein Herz. Ganz ruhig!, schärfte er sich ein. Jetzt erinnere dich erst mal, wie du überhaupt heißt. Da du auf Russisch denkst, dürftest du diese Sprache auch sprechen. Also hast du wahrscheinlich einen russischen Namen. Du lebst und wirst sicher nicht gleich sterben. Und wenn niemand zu dir kommt, heißt das nur, dass du nicht in Lebensgefahr schwebst. Wahrscheinlich kümmern sich die Ärzte gerade um andere Patienten. Oder sie sitzen in einer Besprechung. Vielleicht ist es ja auch mitten in der Nacht … Mist! Wenn ich bloß wüsste, wie ich heiße! Den eigenen Namen nicht zu wissen, das ist ja echt der pure Horror.

Unter seiner rechten Hand ertastete er zwei weitere Knöpfe, die er bisher nicht ausprobiert hatte. Der kleine Finger sorgte dafür, dass vor seiner Nase eine Uhr mit Digitalanzeige aufleuchtete. Eine Minute vierzehn Sekunden, dreizehn, zwölf …

Ein Countdown!

Rechts neben all den Zahlen leuchteten gleichmäßig zehn Nullen. Eine Zeit lang beobachtete er verständnislos, wie sich die Ziffern veränderten. Wenn er es richtig verstand, waren anderthalb Minuten vergangen, seit er aufgewacht war. Aber was hatten all die Nullen auf der rechten Seite zu bedeuten? Ob er ein Astronaut war und mit einem Katheter im Arsch zu einem fernen Planeten flog? Ob ihm noch ein Flug von so und so vielen Tausend Jahren bevorstand? Er kramte wie wild in seinem Gedächtnis, doch ihm fiel nicht die winzigste Kleinigkeit ein, die auch nur im Entferntesten etwas mit Raumfahrt zu tun hatte. Ihm war völlig schleierhaft, womit er sich beschäftigt hatte, bevor er in diesem Sarg mit Fenster gelandet war – aber ganz bestimmt nicht mit der Erforschung des Weltalls.

Die Amis sind noch nicht zum Mars geflogen. Na endlich! Der erste zusammenhängende Gedanke, die erste klare Erinnerung! Diese Meldung musste er im Fernsehen gehört oder in einer Zeitung gelesen haben. Durch diese Überlegungen abgelenkt bemerkte er nicht auf Anhieb, dass sich an der Uhr etwas tat. Über der Linie mit den Nullen blinkte jetzt eine blaue Mitteilung: Ende des Prozesses. Verfrühter Druckabfall. Abweichung von der Normaltemperatur. Organismus: stabil. Code für den manuellen Betrieb: 110.

Aber wie sollte er diesen verdammten Code eingeben? In ihm regte sich eine weitere Erinnerung. Und richtig: Unter seiner festgezurrten linken Hand spürte er ein winziges Tastenfeld. Blind drückte er die nötigen Knöpfe.

Bestätigung mit beliebiger Taste. Schon wollte er die verlangte Bestätigung geben, als er im letzten Moment zögerte. Was hieß hier eigentlich Verfrühter Druckabfall? Was konnte da draußen nicht stimmen? Hatte es eine Überschwemmung gegeben? Ein Strahlenunglück? Abermals schnürte ihm die Schlange der Angst die Brust ab, Schweiß lief ihm über den Rücken. Inzwischen spürte er jeden einzelnen Teil seines Körpers. Er war splitterfasernackt, sein Oberkörper lag auf straffen, beweglichen Rollen, fast wie bei einer Massageliege. Aber klar, durchzuckte es ihn. Das ist eine Massageliege. Ein anatomischer Massagesessel für Kapseln mit halb liegender Position … Verdammte Scheiße aber auch, aus welchen Windungen seines Hirns holte er bloß dieses Kauderwelsch?

Wummernd pochte sein Puls in den Schläfen, als er mit der linken Hand auf die Tasten drückte. Ein lang gezogenes Zischen erklang, als entweiche Luft aus einem Einweckglas, das nicht dicht verschlossen war – und die blaue Scheibe kroch langsam nach oben. Die Augen zu Schlitzen verengt beobachtete er, wie der weiße Deckel der Kapsel aufklappte und sich am Fußende senkrecht aufstellte. Er war riesig, mindestens zwei Meter lang, voll behangen mit Kabeln und irgendwelchen Instrumenten, aus denen er aber nicht schlau wurde. In der Kapsel selbst gab es sogar zwei Fenster, auf Kopfhöhe links und rechts. Während des Muskeltrainings muss die Lage des Kopfes verändert worden sein, überlegte er, sonst könnte ich ihn jetzt wahrscheinlich nicht so ohne Weiteres hin und her drehen.

Zum Teufel aber auch, für einen Patienten wusste er verdammt gut, wie das hier alles organisiert war! Sollte er sich etwa doch freiwillig in diesen über und über verkabelten Sarg gelegt haben?!

Er wollte sich aufsetzen, das scheiterte aber an den Schnüren und Strippen, sodass er sich zunächst nur das Gummiding aus dem Mund zog, die Schläuche aus der Nase entfernte und seine Zunge freilegte. Die Luft war ihm schon beim ersten Atemzug verdächtig: Sie war abgestanden und mit einem ekelhaften, nicht zu identifizierenden Geruch vermischt. Also ist es doch ein Krankenhaus, schlussfolgerte er, während er mit den Schlingen an seinem linken Arm kämpfte. Man weiß ja, wie miserabel die Luft in einem Krankenhaus ist.

Doch je länger er darüber nachdachte, desto weniger überzeugte ihn diese Hypothese. Nicht mal nachts war es in einem Krankenhaus derart still. Und dann noch diese absolute Finsternis! Die einzige Lichtquelle weit und breit war die runde Lampe am Kopfende der Liege. Er nahm sich erst einmal mit einer energischen Bewegung die Plastikhaube ab – und hätte vor Schmerz beinahe aufgeschrien: Auf seinem kahl geschorenen Kopf waren Dutzende feiner Drähte befestigt. Mit zusammengebissenen Zähnen riss er einen nach dem andern ab, genau wie Gulliver, als er sich aus den Schnüren der Liliputaner befreite. Nur war es bei ihm mit Drähten nicht getan, denn seinen Kopf und sein Gesicht bedeckte zusätzlich feiner Puder, der sich extrem widerlich anfühlte, fast wie Talkum.

Schließlich hatte er sich freigekämpft, sodass er sich endlich aufsetzen konnte. An der rechten Seite dieser an einen Whirlpool erinnernden Metallkapsel befanden sich drei große Sensortastaturen. Diensthabender, Arzt und Feuer stand auf ihnen. Diesmal in Russisch. Als Erstes drückte er auf die Taste für den Arzt, danach auf die beiden anderen. Nichts. Niemand kam dem Patienten zu Hilfe geeilt. Und nicht ein Geräusch drang an seine Ohren.

Er stützte sich an der Kapsel ab, deren Rand feucht war und sich wie die Gummidichtung eines Kühlschranks anfühlte, um das linke Bein hinauszuschwingen. Am Boden traf er auf eine geriffelte Gummimatte. Das baute ihn schon mal auf, hatte er doch – noch ehe er überhaupt einen Fuß aufsetzte – gewusst, dass er Gummi unter sich fühlen würde. Im Übrigen waren nicht nur die Kapselränder feucht, sondern auch sein gesamter Körper. Fast, als wäre er bis eben in Sülze gewälzt worden …

»He!«, rief er leise.

Doch sein Schrei sickerte unerwidert in eisiges Schweigen ein. Erst jetzt fiel ihm auf, wie kalt es eigentlich war. Seine nackte Haut war bereits von einer Gänsehaut überzogen.

»Dauert nicht mehr lang, und ich hol mir was weg!«, jammerte er. »Ist denn hier niemand?«

Erneut nur Stille.

Nun schwang er auch das andere Bein über den Rand der Kapsel. Als er jedoch aufzustehen versuchte, wäre er fast der Länge nach auf dem harten Gummifußboden aufgeschlagen. Seine Muskeln zitterten wie bei einem alten Tattergreis. Aber vielleicht bin ich ja genau das, schoss es ihm durch den Kopf, während er alles daransetzte, wieder gleichmäßig zu atmen. So stockfinster, wie es war, konnte er sich nur abtasten. Nein, sein Körper schien so weit in Ordnung, der gehörte … einem Mann von einunddreißig Jahren. Bestens! Wenn er sich bereits an sein Alter erinnerte, dann würde ihm sicher auch bald sein Name einfallen. Bestimmt hatte er bloß ziemlich abgebaut, während er ruhiggestellt worden war. Ob er sich das Rückgrat gebrochen und deshalb einige Monate in Strecklage verbracht hatte?

Kurz darauf startete er einen zweiten Versuch aufzustehen, indem er sich mit einer Hand am Rand der Kapsel abstützte. Diesmal klappte es. Kühn wagte er sich zu ihrem Fußende vor. Mit jedem Schritt kehrte sein Gleichgewichtssinn ein bisschen mehr zurück. Hinter dem Deckel wartete die nächste unsichtbare Entdeckung auf ihn: Er musste sich drei Stufen hochtasten, dann stieß er gegen ein breites halbrundes Pult und einen Stuhl. Vor Kälte zitternd nahm er auf dem in der Dunkelheit nicht erkennbaren Ledersitz Platz. Im Nu hatte er sich an dem Pult orientiert, erinnerten sich seine Finger doch an all die Hebel und Schalter. Über seinem Kopf befanden sich allerlei Apparate, im schwachen Licht der Lampe an der Kapsel machte er Schläuche aus, die von der Decke hingen, und einzelne Elemente, die zur Mechanik der Kapselabdeckung gehörten.

Notstromversorgung. Kapsel 1. Kapsel 2. Kapsel 3. Er musste die Nase förmlich auf die Abdeckung der Geräte pressen, um die Angaben erkennen zu können. Nur gaben die schon lange keine Auskunft mehr. Notstromversorgung. In diesem Krankenhaus – oder worum auch immer es sich bei diesem Ort handelte – musste der Strom komplett ausgefallen sein. Und jetzt kümmerten sich wahrscheinlich alle darum, die Folgen des Unfalls zu beheben …

Wenn ich bloß wüsste, wo die Wand und damit die Tür ist! Halt! Die Tür musste hinter ihm liegen! Mit einem Mal wusste er ganz genau, wie die Tür in seinem Rücken aussah und wie sie sich öffnen ließ. Zunächst kam eine Titanschleuse mit pneumatischer Mechanik, dann, an der Außenseite, eine antiseismische Umhüllung … Verfluchte Scheiße aber auch! Der Mann presste die Hände gegen die Schläfen und starrte auf die Abdeckung. A. K. Denissow, las er. Brandschutzbeauftragter.

»Aber ja«, murmelte er. Denissow. Anatoli … Tolik Denissow. Wenn er nicht hier saß, müsste eigentlich Mirsojan Dienst haben. Nur war der nirgends zu entdecken – was eigentlich völlig unmöglich war, denn … denn … Filmriss.

Er streckte die Arme vor sich aus und fand sofort den Ausgang. Die Tür war groß, schließlich musste durch sie ja auch eine Kapsel passen, die, bereits zusammenmontiert, über in den Boden eingelassene Schienen an ihren Platz gebracht worden war. Er schaltete sein Hirn ab und überließ sich allein seinen Händen. Die ertasteten sofort ein Rad. Klar, wenn das Lämpchen über dem Magnetschloss nicht leuchtete, musste man die Tür manuell öffnen. Er legte sich mit seinem ganzen Gewicht auf das Eisenrad. War er wirklich so schwach? Das verfluchte Ding gab nicht einen Millimeter nach – dabei hatte er es doch noch gestern mit nur einem Finger bewegt!

Mit ein paar Kniebeugen wollte er sein Blut zum Zirkulieren bringen. So taub wie seine Arme waren, konnten sie seinen Befehlen ja gar nicht gehorchen … Nach einer Weile war er sich sicher, dass ihm das Rad nun keine Probleme mehr bereiten würde. Er stemmte den nackten Fuß gegen den Türrahmen und presste sich derart fest gegen das Rad, dass er mit den Zähnen knirschte. Gestern? Wie kam er eigentlich auf die Idee, er habe dieses Mistding noch gestern angefasst? O nein. In ihm verfestigte sich der Verdacht, er sei nicht nur Monate, sondern Jahre krank gewesen. Hatte er da nicht auch mal etwas in der Zeitung gelesen? Von einer Frau, die nach einem Autounfall rund vier Jahre im Koma gelegen hatte?!

Endlich klickte etwas im Verriegelungsmechanismus, das Titanmonstrum mit dreifacher Schallisolierung knirschte durch die Gleitschiene im Boden und bewegte sich. Der Spalt, der sich vor ihm auftat, reichte aus, um zu begreifen, dass im Institut etwas geschehen sein musste, das schlimmer war als der Stromausfall in einer Abteilung. Im Institut?! Okay, wie er darauf kam, darüber brauchte er sich erst mal keine Gedanken zu machen. Je weniger er sich jetzt den Kopf über diese Dinge zerbrach, desto schneller würde sein Gedächtnis wieder einwandfrei funktionieren. Besser er verschaffte sich erst mal ein Bild von der Lage. Und wenn er nebenbei auch noch was zum Anziehen fände …!

Blinzelnd spähte er hinaus, ins Helle. Der kurze schmale Gang machte einen ganz passablen Eindruck. Dafür stand die gegenüberliegende Tür einen Spalt offen – was gegen jede Regel verstieß. Er wagte sich vor und zwängte sich seitlich durch ihn hindurch. Nun bekam er schon wesentlich besser Luft. Allerdings stieg bei jedem Schritt eine ganze Wolke Staub auf. Auf den ersten Blick erinnerte der Raum, in den er gekommen war, an das Innere eines riesigen Umspannwerks oder an eine Telefonstation. Reihen grauer, elend hoher Schränke mit herausziehbaren Elementen, eine ganze Latte Hebelschalter, verglaste Kästen, auf denen ein Blitz dargestellt war, und Stapel von Ersatzsicherungen. Auf dem Boden lag auch hier rauer Gummi, außerdem gab es überall verreckte Fliegen und tote Spinnen. Was er immer noch nicht verstand, war, woher eigentlich das Licht kam. Von der hohen Decke hingen zwar etliche Glühbirnen, die aber alle mit Spinnweben überzogen waren und aussahen, als hätten sie noch nie Bekanntschaft mit dem Lappen einer Putzfrau geschlossen. In alle Ritzen zwischen den Schränken spähend, gelangte er zu einer Stelle, wo der Raum abknickte. Hier entdeckte er endlich ein Fenster.

Genauer gesagt nicht das ganze Fenster, sondern nur den unteren Rand davon, zwanzig Zentimeter, um präzise zu sein. Drei Meter über dem Boden lugten sie unter der Decke hervor. Doppelter Maschendraht und dicke Gitterstäbe schützten die Scheibe. Obwohl sie unglaublich dreckig war, bahnte sich gerade in diesem Moment ein blendender Sonnenstrahl seinen Weg durch das Spinnennetz am Fenster. Damit wusste er immerhin, dass er tagsüber aufgewacht war und sich irgendwo in einem tiefen Keller befand. Deshalb war es hier auch so verdammt kalt. Sobald der gigantische Raum abknickte, lag nur noch ein fünf Meter langer Gang vor ihm, in dem es nicht mehr die geringste Spur von Elektronik gab. Den Zutritt versperrte ein Gittertor, das vom Boden bis zur Decke reichte. Dahinter folgte eine Glastür. Auf der einen Seite des Gangs lag etwas erhöht ein verglastes Büro, in dem ein über und über mit grauem Staub überzogener Stuhl sowie ein Computerbildschirm, der auch nicht besser aussah, standen. Auf der rechten Seite zogen sich Spinde hin, obendrein prangte dort eine weiße Tür mit einem Piktogramm, das eine Dusche darstellte. Ihm fiel wieder ein, dass er ja auf der Suche nach etwas zum Anziehen war – doch kaum hatte er einen Fuß in den Gang gesetzt, verflüchtigte sich jeder klare Gedanke aus seinem Kopf.

Vitali Sertakov

Über Vitali Sertakov

Biografie

Vitali Sertakov wurde 1966 in Leningrad geboren. Nach seinem Studium der Radioelektronik absolvierte er seinen Militärdienst in Kasachstan an der Grenze zu China. Er war in unterschiedlichsten Jobs tätig, bevor er Anfang der 2000er Jahre seine Karriere als Schriftsteller begann. Mittlerweile hat er...

Pressestimmen

agm - das Medienmagazin

»Düsterer Einblick in die russische Seele.«

Main Echo

»Spannend und lebendig.«

Kommentare zum Buch

Richard am 21.01.2014

Ich habe erst angefangen das Buch zu lesen und muss schon jetzt sagen das ich es nicht aus der Hand legen möchte. Ich hoffe wirklich, dass alle 8 Bände bald hier in Deutschland zur Verfügung stehen, dann ist dieses Jahr der Lesestoff gesichert.   Jeder der auf Endzeitromane steht wie Metro 2033, Tagebuch der Apokalypse und andere Titel, sollte sich dieses Buch wirklich mal anschauen.   Von Anfang an spannend geschrieben !!!  

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