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Code 1658

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Thriller

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Code 1658 — Inhalt

Sie werden gerädert, enthauptet, geteert und gefedert. Eine Serie brutaler, fast mittelalterlich anmutender Morde sucht Schweden heim. Zugleich steuert ein atomar hoch gerüstetes Schiff auf die Schären vor Stockholm zu. Ein packender Verschwörungsthriller – von einem der angesehensten Politinsider Schwedens.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 10.06.2014
Übersetzer: Susanne Dahmann
448 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-98122-4

Leseprobe zu »Code 1658«

SONNTAG Eine angenehme Stille empfing Fabian Andersson, als er am Ende des Waldwegs aus dem Volvo stieg. Früher Morgen, ein sanftes Rauschen in den Bäumen, im Hintergrund gedämpftes Vogelgezwitscher. Die Fichten standen dicht an dicht, weiter unten am Wasser wuchsen Erlen und Birken. Dort sang das Rotkehlchen sein Konzert, erst mit einem durchdringenden Pfeifen, dann mit dem perlenden Bach klarer Töne und Tempowechsel.
Fabian nahm den Rucksack und seine zusammengeklappten Angeln aus dem Auto und ging auf das Zwitschern zu. Es war dieselbe Strecke, die [...]

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SONNTAG Eine angenehme Stille empfing Fabian Andersson, als er am Ende des Waldwegs aus dem Volvo stieg. Früher Morgen, ein sanftes Rauschen in den Bäumen, im Hintergrund gedämpftes Vogelgezwitscher. Die Fichten standen dicht an dicht, weiter unten am Wasser wuchsen Erlen und Birken. Dort sang das Rotkehlchen sein Konzert, erst mit einem durchdringenden Pfeifen, dann mit dem perlenden Bach klarer Töne und Tempowechsel.
Fabian nahm den Rucksack und seine zusammengeklappten Angeln aus dem Auto und ging auf das Zwitschern zu. Es war dieselbe Strecke, die er jeden Frühling und Sommer ging, zweimal im Jahr, seit vielen Jahrzehnten.
Mitte August in Stockholms südlichem Schärengarten. Das hier war sein Revier und seine Jahreszeit. Er lief durch ein paar Kilometer Unterholz und Gestrüpp, und dann tauchte die Landzunge auf, um die sich außer ihm niemand scherte. Genau dort waren die Barsche jetzt auf der Jagd, und dort stand die Lachsforelle, jedes Frühjahr, mit großer Verlässlichkeit, wenn die Wassertemperatur um die sieben Grad betrug und im Steigen begriffen war. Manchmal biss die Lachsforelle schon bei fünf Grad und einer langsam eingeholten Lachsfliege. Bei neun Grad war es zu spät, aber bei sieben konnte man jeden beliebigen Köder rauswerfen und so viel Lärm machen, wie man wollte.
Auch die Barsche waren berechenbar, kannte man erst einmal ihre uralten Gewohnheiten. Am ersten Spätsommertag, wenn die Wassertemperaturen nach einer kalten Nacht abfielen, führten sich diese gestreiften Riesen auf wie die Verrückten. Eine Stunde Jigging, und man konnte zu Hause zwei Plastiktüten voll Fisch in die Gefriertruhe tun.
Das waren gesegnete Festtage. Indem er Wind und Wetter beobachtete, konnte Fabian fast auf den Punkt vorhersagen, wann es so weit sein würde. Als junger Mann hatte er hier oft aufs Geratewohl geangelt, aber mit den Jahren hatte er das Zeitfenster immer genauer eingrenzen können, am Ende sogar auf wenige Stunden. Die Morgen des 6. Mai und des 20. August, plus/minus eine Woche. Weder die Klimaverschiebung noch die Überdüngung der Ostsee veränderten den Rhythmus, was ihn an beiden Phänomenen ernsthaft zweifeln ließ. Fabian vertraute seinem eigenen Erleben der Natur mehr als Umweltforschern und Journalisten.
Er ließ sich zehn Meter vom Ufer entfernt auf einem vom Wind umgeworfenen Baum nieder und betrachtete die Bäume um sich herum. Der Wald war schlecht gepflegt und sicher seit zwanzig Jahren nicht ausgelichtet worden. Normalerweise hätte ihn eine solche Schlamperei wütend gemacht, doch nicht hier. Er bedankte sich innerlich bei der Schärengarten-Stiftung für ihre Nachlässigkeit, die zur Folge hatte, dass kein anderer Fischer Lust bekam, sich durch das Dickicht zu Fabians Landzunge zu schlagen. Und die Hooligans des Meeres mit ihren Graphit-Wurfangeln aus der Massenproduktion, den grellbunten Schwimmwesten und ihrer Armada von Hunderten von PS starken Yamaha-Kunststoffbooten hatten diese Perle zum Glück auch noch nicht von der Seeseite her entdeckt. In dem geschändeten Schärengarten und den kaputtgetrampelten Wäldern blieb dieser Fleck Erde seine eigene private Kirche.
Er hatte keine Eile – der Augenblick, kurz bevor er mit dem Angeln begann, war immer der schönste. Sein Bewusstsein glitt in den Bereich zwischen Gedanken und Gefühlen. Mit jedem Jahr, das verging, wurde die Angelsaison kürzer. Das konstante Hier und Jetzt der Kindheit, wo jeder Sommertag etwas Besonderes gewesen war und jeder Frühlingstag eine Forellentemperatur von sieben Grad gehabt hatte, war durch dieses immer schneller tickende Uhrwerk ersetzt worden. Von Jahr zu Jahr wurde es anstrengender, die Eile der Natur beim Vorantreiben von Blüte, Befruchtung und Brutzeit zu beobachten. Vor allem seit er in Rente gegangen war, hatte ihn der biologische Stress eher bedrückt als entzückt.
Ein Platschen riss ihn aus den Gedanken. Ukeleis arbeiteten sich über die Wasseroberfläche, um den jagenden Raubfischen zu entgehen. Der Zeitpunkt war richtig. Das wusste er, ohne die Hand ins Wasser getaucht zu haben.
Mit gemächlichen Bewegungen setzte er die Angelrute zusammen, wählte einen gelben Gummiwurm aus und glitt ein paar Meter ins Wasser hinaus. Beim zweiten Wurf hatte er einen Fisch am Haken. Schon bald lag ein glänzender Berg aus Fischen mit gebrochenem Genick zwischen den Steinen am Ufer, der Schwarm war bis zum Siedepunkt aufgehetzt. Obwohl ein Kumpel nach dem anderen auf der Jagd nach dem Köder verschwand, wurden die anderen immer gieriger. Solange Fabian keinen aufgeschlitzten Fisch fallen ließ, der die anderen verjagte, konnte das Schlachtfest weitergehen.
Wieder biss einer an, und wieder ein Ruck an der leichten Angel. Dieser hier war größer, vielleicht ein Hecht. In ein paar langen Ausfällen, nach denen Fabian jedes Mal die Bremse der Rolle wieder losmachte, versuchte der Fisch, mitsamt der Schnur zu entkommen. Das hier war eine Trophäe, die er sehen und haben musste, auch wenn es wahrscheinlich nichts für die Pfanne war.
Der Kampf ging einige Minuten weiter, viel länger als Barsche Widerstand zu leisten pflegten. Am Ende glitt dann doch ein gestreiftes Monster in den Kescher, das größte seiner Art, das Fabian je gesehen hatte. Sicher über zwei Kilo.
Anstatt den Haken mit der Zange loszumachen und den Fisch wieder freizulassen, was er getan hätte, wenn er nur halb so gut gewachsen gewesen wäre, ging er ein paar Meter das Ufer hinauf und gab ihm einen Schlag auf den Kopf. Dieses Prachtexemplar eines Perca Fluviatilis musste er unbedingt zu Hause vorführen.
Die Erregtheit wurde durch ein mattes Glücksgefühl ersetzt, das es so lange wie möglich zu bewahren galt. Als die Barsche sich zur Ruhe begaben, verschwand die Sonne hinter einer Wolke, und Fabian schloss den Reißverschluss der Jacke.
Da war plötzlich ein Geräusch aus dem Wald zu hören, als würde ein trockener Ast brechen.
Ein Elch? Ein gesundes Tier hätte seine Witterung sofort bemerkt, und Menschen pflegten nicht zu dieser Landzunge zu wandern. Zu seiner eigenen Verwunderung bekam er Angst und drehte sich eine Weile mit dem Rücken zum Wasser, um den Blick über den Wald streifen zu lassen.
Das Rotkehlchen war auch unruhig. Sein steter Lockruf – ein knipsendes »Tick« – wurde jetzt zu langen Serien ausgedehnt, wie der Vogel es tat, wenn er Gefahr witterte : » Tick-ick-ick-ick «. Wie eine Pendeluhr, die bis zum Äußersten aufgezogen wird.
Doch es war nichts zu sehen oder zu hören. Fabians Puls beruhigte sich wieder, und er wandte sich erneut seinem Fang zu. Mit geübten Bewegungen schlitzte er den Bauch des Barsches auf und betrachtete die unverdauten kleinen Fische, die darin lagen. Zwei von ihnen bewegten sich noch immer und mussten erst Sekunden, bevor er den Fisch an den Haken bekommen hatte, verschlungen worden sein. Der Ostsee geht es doch besser, als manche Leute meinen, war alles, was er noch denken konnte, bevor es direkt hinter ihm wieder knackte.
Messer und Fisch glitten ihm aus den Händen, als er sich umdrehte und die drei Männer sah. Sie trugen Hauben, die die Gesichter verbargen, und Waffen. Die Augen der Gestalten waren kaum zu erkennen, nur die klaffenden Münder mit den glänzenden Zähnen geöffnet, zum Angriff bereit.
Der erste Schlag traf seinen Oberarm von der Seite. Er brüllte laut, nicht vor Schmerz, denn den empfand er noch nicht, sondern vor Schrecken. Er schaffte es, dem zweiten Schlag auszuweichen, und vernahm direkt neben seinem Gesicht einen heulenden Laut. Jetzt schrie er – »Nein, neeiiin« –, aber das klang, als würde es von jemand anders kommen, von einer Stimme oben aus den Baumwipfeln.
Ein dritter Schlag traf die Hüfte. Seine ganze Seite wurde taub, aber er schaffte es dennoch, herumzufahren und zu fliehen. Die Männer senkten die Stöcke und ließen von ihm ab, wie eine Raubtierherde, die mit einem verletzten Beutetier spielt.
Äste stachen ihn am Hals und in die Augen. Das Reptiliengehirn war in höchste Alarmbereitschaft versetzt, aber nur der halbe Körper gehorchte den Signalen. Nach wenigen Metern stürzte er vornüber und spürte sein Gesicht im feuchten Moos aufschlagen. Er schloss die Augen und gab auf.
Ein paar langgezogene Sekunden Frieden, dann kam der Schlag auf den Kopf. Anstatt ihn zu betäuben, öffnete der Hieb die Sinne für die Schmerzen aus den verletzten Gliedern. Halb in Ohnmacht, aber immer noch voller Panik, spürte er, wie sich einer der Männer auf seinen Rücken setzte. Er holte in kurzen, schnappenden Atemzügen Luft und kämpfte, um loszukommen. Es war hoffnungslos.
Irgendetwas machten sie mit ihm, aber er verstand nicht, was. Ein glühender Schmerz breitete sich im ganzen Rumpf aus. Er erkannte das Geräusch von Eisen auf Holz, alles andere verschwand wie in einem Tunnel aus weißem Licht.
So starb Fabian Andersson, 66 Jahre alt, Professor der Pflanzenveredelung und ehemaliger Abteilungsleiter bei der Forstverwaltung, als ein fünfjähriger, entasteter Zweig seine Hauptschlagader durchbohrte.

 

MONTAG Schon während des Erziehungsurlaubs war ein normaler Morgen bei Kriminalinspektorin Johanna Trott durchaus lebhaft gewesen, aber dieser Morgen glich einer mittelalterlichen Darstellung der Hölle von Hieronymus Bosch in der Youtube-Version.
Der zehn Monate alte John saß mit anschwellender Windel auf dem geschliffenen Holzfußboden und schrie. Die Zwillinge Kia und Viggo, sechs Jahre alt, prügelten sich im Flur. Es war Viertel nach acht, in einer Viertelstunde war Schulbeginn. Auch heute würden die beiden wieder zu spät kommen, und sie selbst ebenso, was den Klumpen in ihrem Magen auf die Eingeweide drücken ließ. Johanna warf einen Blick in den Spiegel, legte etwas Lippgloss auf und band das braune Haar zu einem Pferdeschwanz. Keine Zeit für Make-up.
»Hast du die Turnbeutel gesehen?«, rief sie ihrem Mann Peter zu, der ungewöhnlich früh auf war, aber schon vor dem Computer saß.
»Ne, ich glaube, die sind noch in der Schule. Oder im Wäschekorb ? Keine Ahnung. «
»Kannst du mir nicht mal helfen, ich habe es scheißeilig«, erwiderte Johanna mit ihrer sanftesten Stimme. Jetzt bloß nicht das Streiten anfangen.
» Klar, was soll ich machen ? «, fragte Peter und schlenderte in den Flur hinaus.
»Kümmere dich um John, damit es etwas weniger laut ist, man wird ja völlig kirre, wenn alle gleichzeitig schreien. Wir müssen jetzt los. «
Der Vater nahm das Kind auf den Arm und ging zum Wickeltisch.
» Und vergiss nicht, ihn einzucremen, wenn du ihn gewickelt hast«, rief Johanna noch aus dem Treppenhaus in die Wohnung, ehe sie die Tür zuzog. Kia und Viggo stritten immer noch, mittlerweile darum, wer auf den Fahrstuhlknopf drücken durfte. Johanna stellte die Laptoptasche ab und versuchte, die beiden zu trennen.
»Dass ihr euch aber auch die ganze Zeit streiten müsst! Deshalb kommen wir immer zu spät, weil ihr nie mal mithelft. Wenn man zu so vielen in der Familie ist, dann müssen sich alle ein bisschen zusammenreißen, damit es funktioniert. Schließlich seid ihr jetzt schon sechs Jahre alt ! «
Sie bereute sofort, so weit ausgeholt zu haben. Das quirlige Zausen verwandelte sich umgehend in säuerliche Blicke und Schmollmünder.
Peter Tott war jetzt seit drei Wochen in Elternzeit. Es ließ sich nicht gut an, aber sie hoffte immer noch auf Besserung. Es war eine anstrengende Umstellung für sie alle, und natürlich gab es bei der Kripo gerade jetzt viel Druck. Sie hätte nach der Pause wirklich einen sanfteren Wiedereinstieg gebrauchen können.
Im Fahrstuhl nahm sie das Handy und checkte ihre Mails. Ein Nachrichtenticker, der übliche Kram, und zwei Nachrichten von Janne Hed, ihrem Chef. Die jetzt besser nicht lesen, plead ignorance. Sie würde es sowieso nicht mehr schaffen, vor der Neun-Uhr-Besprechung zu antworten und etwas in der Sache zu unternehmen. Da war es wichtiger, einigermaßen rechtzeitig zu kommen.
Nachdem sie die Kinder vor der Schule abgesetzt und den Schlüssel wieder ins Zündschloss gesteckt hatte, klingelte das Handy. Sie zögerte eine Sekunde, ehe sie aufs Display sah. Es war Peter.
» Hallo, ich hab ziemlich Stress, was ist los ? «, fragte Johanna.
»Irgendwas läuft mit dem Breitband wieder nicht, was musste man noch mal machen, um es wieder in Gang zu kriegen ? «
»Zieh den Stecker raus, so dass der Sender neu startet, und dann drück auf › Verfügbares Netzwerk suchen ‹, › Support ‹ und dann › Reparieren ‹. Wenn das nichts nutzt, musst du bei Heim-Com anrufen. «
» Was haben die für eine Nummer ? «
» Ja, meine Güte, das kannst du ja wohl selbst rausfinden. «
Und wieder bereute sie sofort den scharfen Ton. Peter reagierte ungefähr genauso wie die Kinder :
» Okay, okay, vielen Dank. Immer mit der Ruhe. «
» Warst du heute Nacht auf und hast Poker gespielt ? «, fragte Johanna, die eine Hand am Lenkrad, die andere auf dem Schalthebel und das Handy zwischen Schulter und Ohr eingeklemmt.
» Nur ein paar Stunden. Es lief so verdammt gut. Ich habe ein Vorrundenturnier gewonnen und werde das große heute Abend spielen. Da gibt es fünfundzwanzigtausend Dollar. «
»Wenn du gewinnst, durchaus. Du weißt, dass ich heute Abend lange arbeite, oder ? «
»Shit, das hatte ich vergessen. Musst du wirklich? Dann muss ich Sussie holen. «
» Tu das «, erwiderte Johanna mit einem Seufzen. » Jetzt muss ich hier aber mal Auto fahren. Got to go. Mach’s gut ! «

 

Kalle Holm war mit sich selbst sehr zufrieden, als er aufwachte. Ohne die Augen zu öffnen, streckte er die Rechte nach dem Nachttisch, einer aufgestellten Champagnerkiste, aus und tastete nach dem Handy.
Zwei Nachrichten. Die erste lautete in aller Kürze: »Public service ? « Er antwortete mit einem Ausrufungszeichen, » ! «. Der Abend war gerettet, Martina würde sich von ihrem Mann wegschleichen können und in der Übernachtungswohnung beim Fernsehsender auf ihn warten können. Wie immer um zwölf Uhr, nach den Spätnachrichten.
Doch es war erst die zweite Nachricht, die ihn richtig aufweckte: »Neues Opfer«, unterschrieben mit »BB «. Berra Berglund war der Nachrichtenchef beim Aftonbladet, formell gesehen sein Vorgesetzter, doch insgesamt mehr ein Möglichmacher. Berra harkte die Manege, während Kalle den Applaus entgegennahm.
Er begriff sofort, was die SMS bedeutete. Innerhalb einer Woche waren zwei ehrbare, ältere Männer auf brutale Weise ermordet worden, und Kalle war es gewesen, der der Nachricht als Erster auf die Spur gekommen war. Opfer Nummer eins, ein pensionierter Chef des Amts für Seefahrt, hatte gebrochene Beine und Arme und war in einem treibenden Boot auf dem Baggensfjärd gefunden worden. »Generaldirektor gerädert« hatte die Schlagzeile auf den Seiten sechs und sieben gelautet. Viele Leser hatten das etwas ungewohnte Wort googeln müssen, um es zu verstehen, aber der Schachzug hatte auf der Stelle Kultstatus bei der Zeitung erlangt, die dann an dem Tag auch fünf Prozent mehr verkauft hatte.
Am ersten Morgen hatte Kalle als Einziger mit der News aufwarten können. Die Polizei hatte wegen der bizarren Todesumstände den Deckel darauf gehalten. Und wie so oft hatte außer ihm niemand eine redefreudige, zentral platzierte Quelle mit einem Sinn für Details gehabt: der Gesichtsausdruck des Ermordeten, das Ausmaß der Verletzungen, die Ausführungen des Gerichtsmediziners, die Spekulationen der Ermittler über den Hergang, die technischen Beweise, die Reaktionen der Angehörigen – alles das, was die Gänseleber des Kriminaljournalisten vom Knäckebrot der gewöhnlichen Berichterstatter unterschied.
Der zweite Mord war mindestens ebenso spektakulär. Ein ehemaliger Chef der Geheimpolizei, inzwischen in der privaten Sicherheitsbranche tätig, wurde mit abgeschlagenem Kopf in seinem Garten aufgefunden. Der Körper unter einem Apfelbaum, der Kopf draußen auf dem Rasen. Da waren Kalles Konkurrenten langsam aufgewacht. Über die blutigen Details hatte er zwar nicht als Einziger berichten können, aber der richtige Leckerbissen blieb ihm dennoch vorbehalten. Es gab Hinweise, die die beiden Morde miteinander verbanden, die Ermittler hatten graue Fasern desselben Typs unter den Nägeln der Opfer gefunden.
» Der Fasermörder « schrieb das Aftonbladet. Der Reichspolizeichef war rasend vor Wut wegen des Informationslecks und hatte Unterstützung vom Justizminister erhalten, der die Methoden der Zeitung verurteilte, aber der Chefredakteur stand zu seinen Leuten. Erst der Verkauf, dann der Prozess. Die Auflage legte noch mal ordentlich zu.
Kalle rief Berra an :
» Danke für die SMS. Wer ist es diesmal ? «
»Schon wieder ein Rentner, irgendein Alter vom Forstamt. Auf einen Stock aufgespießt. «
Kalle bemühte sich, seine Aufregung zu verbergen. Er fuhr sich mit der Hand durch das Haar und verzog das Gesicht, als zwei Schuppenflocken vor seinen Augen niedersegelten :
» Das ist doch total krank. Wo haben sie ihn gefunden ? «
»Auf Gålö im südlichen Schärengarten. Er lag auf einem Waldweg neben seinem Auto. Wurde von einem Vogelbeobachter gefunden, der jetzt offensichtlich in der Psychiatrie ist. Das ist alles, was wir wissen. Du musst übernehmen. Scheiß auf das Netz und brenn für die erste Auflage alles Feuerwerk ab, was du kriegen kannst. «
»Das Netz« war Aftonbladet.se. Die Onlineredaktion hatte ihre eigene Nachrichtenorganisation, arbeitete aber in einem anderen Tempo als Kalle, der noch in die alte Schule der Papierzeitung gegangen war. Im Internet wurde alles innerhalb von zehn Minuten zu Allgemeingut. Kalle, Berra und der Chefredakteur hingegen zogen es immer noch vor, die Exklusivnachrichten für das Papier zu reservieren und nicht rauszurücken. Seit die Internetzeitung an die Börse gegangen war, fand ein interner Machtkampf statt, der zwar nicht offen ausgetragen wurde, die beiden eineiigen Zwillinge jedoch immer weiter voneinander entfernte. Wie alle Bürgerkriege gestaltete sich dieser hässlicher als der gegen die Konkurrenten von außen.
Kalle frühstückte in aller Ruhe und checkte ein paar Websites, die ungefähr die Informationen enthielten, die er von Berra bekommen hatte. Niemand offenbarte die Identität des Opfers, keiner zog eine Verbindung zu den anderen Morden. Das war fast schon eine Abgrenzung gegen das Aftonbladet, wo man ja so entschieden auf den Zusammenhang zwischen den beiden Morden gesetzt hatte. Kalle fühlte sich sicher. Die Polizei würde auch unter den Nägeln des Mannes im Wald graue Fasern finden. Diese Nachricht würde er als Einziger erhalten, und als Einziger würde er es wagen, die Schlüsse daraus zu ziehen.
Eine weitere Woche auf den Aushängern. Zeit, an die Arbeit zu gehen.

 

Felix Martini hatte eben sein Vormittagsgebet beendet, als es an der Tür klingelte. Er seufzte tief und rollte den kleinen gemusterten Teppich ein. Das musste entweder jemand sein, der ihn und sein neues Leben nicht kannte, oder es war jemand, der ihn nur zu gut kannte und keine Scheu hatte, jederzeit vorbeizuschauen. Mit anderen Worten: Sara, seine direkte Nachbarin. Er wettete mit sich selbst, neunzig Prozent Chance. Wie gewöhnlich gewann er und öffnete das Sicherheitsgitter mit einem besonders breiten Lächeln :
» Ich wusste, dass du es bist. «
» Ach. Und ? «
» Nichts «, sagte Felix. » Schön, dich zu sehen. «
Sara verdrehte die Augen und strich sich über das kurze rote Haar. Offensichtlich gerade erst aufgewacht, eine Andeutung von dunklen Ringen unter den Augen, aber schön wie immer.
» Dann koch uns mal einen Kaffee. Oder ist immer noch Ramadan ? «
Sara Widman hatte die schnodderigste Schnauze von ganz Östermalm, immer ironisch, aber stets voller Wärme. Deshalb mochte er sie so sehr, auch wenn sie nie seine privaten Grenzen respektierte, wie schwedische Nachbarn es sonst zu tun pflegten. Sie hatte sich vom ersten Tag angewöhnt zu kommen, wann sie wollte, völlig ungeachtet der Uhrzeit. In der ersten Zeit, als er noch in den Schwulentreffs am Stureplan herumgewandert war, hatte sie mit ihm geschimpft – Du wirst HIV kriegen! –, später tat sie genau das Gegenteil, sie machte sich über seinen neuen, sauberen Lebensstil lustig. Jetzt legte sie ihre Besuche genau auf seine Gebetszeiten, und in jedem Gespräch kam früher oder später die Frage auf :
»Wie in aller Welt kann ein Glitzerschwuli zum Islam konvertieren ? «
Er liebte es, diese Frage zu hören, und sie liebte es, sie zu stellen. Deshalb blieb sie, abgesehen von einem hintergründigen Lächeln, auch immer unbeantwortet, denn dann konnte sie beim nächsten Mal wieder gestellt werden.
Sara wusste genau, was Sache war. Felix hatte sich mit seinem Glauben ebenso geoutet wie zwanzig Jahre zuvor mit seiner sexuellen Veranlagung. Zeitungsartikel und Vorträge, die zu noch mehr Zeitungsartikeln und Fernsehtalkshows geführt hatten. Er war der neue Vorzeigemuslim, ein Trendsetter, der seinen Gott gefunden hatte, und natürlich nur noch mehr Trends setzte, auch wenn seine ursprüngliche Absicht eine ganz andere gewesen war. Es war die Oberflächlichkeit im Medientrubel und in der Modebranche gewesen, die Fixierung auf Personen, der Materialismus und die ganzen Bumsgeschichten, die er so leid geworden war.
»Mir ist etwas eingefallen«, meinte Sara. »Du solltest dich jetzt Felix Mohammed nennen. «
»Ich will aber nicht heißen wie der Prophet«, sagte Felix. »Außerdem genügt es, einmal im Leben den Namen zu wechseln, ich bin schon schizophren, das reicht. «
»Als ich zur Schule ging, nannte der Religionslehrer Muslime noch Mohammedaner«, erzählte Sara. »Das klingt wie eine Kamelart. Irgendetwas Kuschliges, das mit großen Ohren durch die Wüste schaukelt. Und mit Sandalen. «
Felix wusste, dass er Sara bei Jeopardy oder bei jedem Intelligenztest mit 10:1 schlagen würde. Doch wenn sie redeten, lag er meist zwei Schritte zurück. Sara war aus Göteborg zugezogen, während er selbst aus Småland stammte. Das waren zwei völlig unterschiedliche Kulturen – in der einen fürchtete man das Schweigen, in der anderen das Reden. So sehr sie beide auch zu Stockholmern und Kosmopoliten geworden waren – die sprachliche Prägung blieb.
»An deinem Briefkasten hing ein Zettel«, sagte Sara und suchte in ihrer Jeanstasche. » Hier ! Ich habe ihn nicht gelesen. «
Er wickelte das Papier mit einem missmutigen Gefühl auf, das sich als berechtigt erwies. In kindlichem Stil hatte jemand mit Filzstift die Worte » FELIX IST EIN BI-ARSCH « geschrieben.
»Kinder«, sagte er kopfschüttelnd und zeigte Sara den Zettel. »Die sind nicht auf dem Laufenden. ›Felix ist Terrorist‹, müsste da jetzt eigentlich stehen. «
»Ich werde sie aufspüren und ihnen mal zeigen, was eine Harke ist «, sagte Sara und tätschelte ihm die Wange.
Sie tranken ihren Kaffee schweigend aus und Felix warf den zusammengeknüllten Zettel in hohem Bogen in den Müll. Er wurde nicht zum ersten Mal gemobbt, aber »bi« war etwas Neues. Wussten diese fiesen Zwerge überhaupt, was das hieß ?
Nachdem Sara gegangen war, setzte er sich an den Computer. Ein paar Mails waren zu beantworten, sämtlich von Freunden oder mit coolen Ideen und Einladungen. Seine Laune besserte sich. Er surfte an der Financial Times und der New York Review of Books vorbei, um nach einer Rezension zu suchen, auf die Sara ihn aufmerksam gemacht hatte. Diese Frau steckte voller Überraschungen, und ihre Tipps erweiterten seinen Horizont jedes Mal in irgendeiner Richtung.
Dann checkte er kurz sein Facebook-Profil, um sich danach in Second Life einzuloggen. Das war eine Droge, mit der Schluss zu machen er sich jeden Tag aufs Neue schwor, aber es war trotz allem interessanter als » World of Warcraft «, das einen guten Teil des vorigen Jahres verschlungen hatte.
Er entschuldigte diese Form der Wirklichkeitsflucht vor sich selbst damit, dass das alternative Leben im Cyberspace immer noch eine neue Form von Kulturäußerung war. Er hatte in seinem wirklichen Leben bereits so viele Identitäten gehabt, warum sollte er sich jetzt, da er zu seinem Glauben gefunden hatte, nicht ein wenig am Computer ausleben? Da war er, im Unterschied zur Stockholmer Innenstadt, anonym und frei. Die Berühmtheiten-Blogs und die Paparazzi hatten das Leben draußen deprimierend gemacht, weil man ständig unter Beobachtung stand. Seine Konvertierung zum Islam spiegelte somit nicht nur eine geistige Entwicklung und ein reiferes Alter wider, sondern war auch eine Form des Selbsterhaltungstriebs. Das Leben war zu ernst, um es auf eine Statistenrolle bei Skandalextra.com zu verschwenden.
Wenn man verrückte Sachen machen wollte, dann konnte man das in Second Life tun, in der virtuellen Welt. Das Alter Ego von Felix, Martin Fellini, teleportierte sich in seinen üblichen Nachtclub, das Chat Noir auf der Insel Uvvy, wo alle coolen Charaktere aufzutauchen pflegten. Er ging rein, stellte sich an den Tresen und sprach die Bedienung mit den großen Brüsten an. Die Leute, die sich für den Service entschieden, waren meist die interessantesten, hier war die Welt auf den Kopf gestellt. Die schillerndsten Avatare waren in Wirklichkeit die grauesten Seelen, so lautete zumindest Saras Analyse, und bisher traf sie durchaus zu.
» What’s up ? «, schrieb Felix.
Die Antwort ließ ein paar Sekunden auf sich warten, aber am Ende knatterten die Buchstaben aus der strahlenden Bedienung :
» Bi-Arsch. «
Er erstarrte. War das Sara, die sich einen Spaß mit ihm erlaubte ? Er starrte ein paar Minuten auf den Schirm, ehe er weiterschrieb :
» Say what ? «
» Bi-Arsch. Erst holen wir uns Charlie, dann dich. «
Jetzt fing sein Herz an zu rasen. Er drückte auf den Knopf des Computers, um den Rechner auf der Stelle herunterzufahren. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis der Apparat endlich gehorchte und der Bildschirm dunkel wurde. Felix seufzte tief und fuhr sich mit den Händen durch das grauschwarze Haar. Dann stand er auf und ging zum Telefon, um seinen Liebsten anzurufen.

 

Niklas Ekdal

Über Niklas Ekdal

Biografie

Niklas Ekdal, geboren 1961, ist Politikredakteur bei Dagens Nyheter und gilt als einer der führenden Meinungsjournalisten Schwedens. Nach dem Studium der Geschichte und der Literatur sowie UN-Auslandseinsätzen im Libanon und in Saudi-Arabien war er lange als Berater im schwedischen Außenministerium...

Pressestimmen

Rhein-Neckar-Zeitung

»Der erstklassige Ruf skandinavischer Krimis ist hinlänglich bekannt. Der Schwede Niklas Ekdal weitet diese Erfolgsgeschichte um das Kapitel ‚Verschwörungsthriller’ aus.«

TV Spielfilm

»Politikjournalist Niklas Ekdal spießt in seinem spannenden Krimi auch Verschwörungstheorien auf.«

Transglobal

»Temporeich konstruiert Niklas Ekdal ein bedrückendes Szenario, ein Stoff aus dem Verschwörungstheorien entstehen. Ein berauschendes Debüt von einem Autor, auf den man zukünftig gespannt sein kann.«

Expressen

»›Code 1658‹ ist Verschwörung pur – 100 Prozent Unterhaltung.«

Svenska Dagbladet

Ekdal debütiert mit einem spannenden und unterhaltenden Thriller, der hier und da Andeutungen einer tieferen Gesellschaftskritik enthält. Eine richtig gut komponierte und spannende Räuberpistole in Thrillerform, an der man viel Spaß hat.

Tirolerin (A)

»Ein Thriller mit hoch explosivem Hintergrund.«

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