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Cocktails — Inhalt

Dieses Debüt einer Achtzehnjährigen gehört zu den großen vergessenen Romanen der amerikanischen Literatur. Millionenfach verkauft, war es in den 50er-Jahren das Kultbuch einer Generation. Courtney gilt in ihrem Internat an der amerikanischen Ostküste als gute Schülerin, doch seit sie mit der frühreifen Janet befreundet ist, haben die beiden alles außer Schule im Kopf. Als ihre beunruhigte Mutter Sondra, Schauspielerin, ihre Tochter nach Los Angeles holt, verliert sich Courtney in den ausschweifenden Partys, in den dämmrigen Bungalows Hollywoods. Verwirrt von ihrer erwachenden Sexualität und den Verlockungen des Erwachsenenlebens sucht das kluge Mädchen verzweifelt nach Halt - doch ihr Umfeld ist so überfordert wie sie. – Unverblümt erzählt »Cocktails« von Sehnsucht und Schmerz der Jugend – ein zeitloses Buch, ein moderner Klassiker, ein weiblicher »Fänger im Roggen«.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 31.08.2015
Übersetzt von: Tanja Handels
304 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97156-0
»Dieses Buch ist berauschend, liest sich leicht, ist frisch, aktuell und häufig urkomisch«
Hamburger Abendblatt

Leseprobe zu »Cocktails«

1


Der Frühling war mit Abstand die schönste Jahreszeit in Scaisbrooke Hall. Da waren sich alle Ehemaligen einig, wenn sie an die blühenden Apfelbäume im Innenhof ­zurückdachten und an das lange, frische Gras am Ufer des Bachs, wo die verbotenen Cola-Flaschen zum Kühlen lagerten, um dann vor der abendlichen Studierstunde heimlich geleert zu werden. Im Frühling wurden die viel zu weiten Pullis, die dazu passenden blauen Röcke und die festen Schnürschuhe heimgeschickt und durch die blauen Kleider und leichteren Sattelschuhe der Frühjahrsuniform ersetzt. [...]

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1


Der Frühling war mit Abstand die schönste Jahreszeit in Scaisbrooke Hall. Da waren sich alle Ehemaligen einig, wenn sie an die blühenden Apfelbäume im Innenhof ­zurückdachten und an das lange, frische Gras am Ufer des Bachs, wo die verbotenen Cola-Flaschen zum Kühlen lagerten, um dann vor der abendlichen Studierstunde heimlich geleert zu werden. Im Frühling wurden die viel zu weiten Pullis, die dazu passenden blauen Röcke und die festen Schnürschuhe heimgeschickt und durch die blauen Kleider und leichteren Sattelschuhe der Frühjahrsuniform ersetzt. Das Internat war vor sechzig Jahren nach dem Vorbild englischer Privatschulen gegründet worden, und seine Räume mit den hohen Deckenbalken wirkten düster und schwer von Tradition. Es war die Jahreszeit, zu der die Schülerinnen ihre dem Lernen und dem Hallenbasketball geschuldete Winterblässe gegen eine erste Bräune eintauschten, und sie wirkten alle adrett und gesund, wenn sie über das Schulgelände spazierten oder lachend in Grüppchen auf dem schattigen Hof zusammenstanden.
Die Fenster von Courtney Farrells Zimmer waren offen und ließen den lieblichen Frühling von Connecticut herein, und Courtneys Zimmergenossin, Janet Parker, lag nackt in einem Fleck Sonne auf ihrem Bett. Courtney war eine schlanke, dunkelhaarige Fünfzehnjährige mit dem hellen Teint und den roten Wangen einer Irin. Ihre Augen waren nahezu grün, und das Sonnenlicht vertiefte den Farbton. Es waren große, rebellische Augen, und es lag eine Kälte darin, die ein Mädchen von fünfzehn nicht hätte kennen dürfen. Ihr Gesicht hatte das kindlich Runde schon größtenteils verloren, und während sie über ihrer Lateinübersetzung brütete, hielt sie das stark ausgeprägte Kinn auf typisch trotzige, entschlossene Weise vorgereckt.
Der Nachmittag kroch sanft zum Fenster herein, schmiegte sich auf dem Bett um sie, und mit einem tiefen Seufzer gab sie sich dem schönen Wetter und der Jahreszeit hin. Es war schwierig, sich auf das Lernen zu konzentrieren. Courtney ließ den Julius Cäsar sinken und klappte das lateinische Wörterbuch zu. Sie nahm eine Banane aus der Blechdose neben ihrem Bett, warf sie Janet zu und schälte sich dann selbst eine.
»Ich fühle mich so erholt«, sagte Courtney. »Kurz nach den Ferien finde ich es in der Schule fast schon schön.«
»Ich finde es nie schön in der Schule«, sagte Janet. »Erst recht nicht kurz nach den Ferien. Und dieses Frühjahr hatte ich wirklich meinen Spaß«, setzte sie versonnen hinzu und drehte sich zu ihrer Zimmergenossin um. »Du hattest aber auch ganz schöne Ferien, oder? Ich meine, mit deiner Mutter im Plaza?« Sie grinste. »Auch wenn deine natürlich erst mit zwei Tagen Verspätung angefangen haben.«
»Ach, mich hat das gar nicht gestört.« Courtney kaute ihre Banane. »Mummy war völlig außer sich und hat alles auf Daddy geschoben – sie sagt, sie sei fest davon ausgegangen, dass er rechtzeitig zu meinen Ferien von den Jungferninseln zurückkommen und sich um mich kümmern werde. Und von Daddy habe ich natürlich einen langen Brief gekriegt, in dem er schrieb, er sei seinerseits davon ausgegangen, Mummy habe gewusst, dass sein Urlaub eine Woche länger dauert – weil er natürlich auch in den Ferien bis über beide Ohren in der Arbeit für seinen Verlag steckt und die Erholung dringend nötig hat, wie immer. Aber Mummy dreht ja gerade nicht, da hat das Studio sie gleich an die Ostküste reisen lassen. Sie war völlig außer sich, weil ich die ersten zwei Ferientage in der Schule bleiben musste, aber mich hat das nicht ­gestört.«
»Dann weiß ich wirklich nicht, worüber du die ganze Zeit jammerst. Es ging dir doch gut, als wir uns gesehen haben – und es ist ja im Plaza auch sehr viel besser als hier in Scaisbrooke.«
»Ach«, meinte Courtney, »es war einfach anstrengend. Weißt du, Mummy und ich waren uns immer sehr nahe, das ist jetzt anders, und trotzdem muss ich immer noch so tun, als wären wir ein Herz und eine Seele.« Sie drehte sich abrupt zu Janet um. »Warum müssen wir unseren Eltern eigentlich ständig was vormachen?«
»Gott, was weiß ich? Wahrscheinlich aus reinem Selbstschutz. Mein Vater würde mich umbringen, wenn er wüsste, dass ich mit Jungs knutsche und mich hin und wieder betrinke. Wahrscheinlich gewöhnen wir uns einfach an, ihnen was vorzumachen, damit sie sich nicht aufregen. Keine Ahnung. Du stellst aber auch Fragen.«
Courtney ließ die Antwort gelten, und sie schwiegen wieder.
»Ach, übrigens«, warf Janet ein, »ich habe ganz vergessen, dir zu sagen, dass Miss Rosen hier war, als du draußen in der Sonne gelegen hast. Sie wollte irgendwas mit dir besprechen.«
Courtney blickte interessiert auf.
»Hat sie gesagt, was?«
»Das habe ich sie nicht gefragt.«
Janet warf die Bananenschale quer durchs Zimmer in den Mülleimer. Dann nahm sie einen Spiegel und machte sich daran, sich die Augenbrauen zu zupfen. Janet war sechzehn, impulsiv, fröhlich, anziehend, wenn auch meistens zu stark geschminkt und bei Frauen jeder Altersgruppe unbeliebt. In Scaisbrooke, wo Lippenstift und Pelze verpönt waren, gab sie sich alle Mühe, möglichst unattraktiv zu wirken. Ihre Schuluniform war verknittert, ihre Schuhe waren gerade so sauber, dass sie damit durch die morgendliche Inspektion kam. Aber jetzt war sie gerade aus New York zurück, hatte zahllose Partys und Nachtclubbesuche hinter sich und zupfte sich die Brauen aus Gewohnheit.
»Ich kapiere einfach nicht, was ihr zwei da miteinander habt«, fuhr sie fort. »Vor dem Mittagessen war ich bei ­Alberts und Clarke auf dem Zimmer, und die beiden haben über dich und Miss Rosen geredet. Ich will auch schon länger mit dir über sie sprechen. Aber jetzt muss ich erst mal meine Dehnübungen machen. Du kannst dich ja ­solange mit einer weiteren Banane stärken.«
Courtney sah ihrer Zimmergenossin dabei zu, wie sie sich wohlig in der Frühlingssonne räkelte, die Arme um das Kissen hinter sich schloss, die Beine anzog, den ganzen Körper spannte und wieder losließ und damit eine Lockerung erzielte, wie sie nur ganz junge Menschen aus einer so schlichten Bewegung ziehen können. Ihr Körper war der einer schönen jungen Frau, muskulös und zart gebräunt um die Ränder herum, die ihr Badeanzug zurückgelassen hatte.
»Du könntest dich wenigstens zudecken«, sagte Courtney.
Janet grinste sie an. »Was denn, bin ich dir etwa zu sexy?«
»Ist ja gut. Nun red schon.«
»Also, es ist ja klar, dass in so einem gestörten Internat alle Welt in ältere Mädchen oder Lehrerinnen verschossen ist. Das ist eine Form von Schwärmerei, schön und gut. Aber du hast es so weit getrieben, dass du dich von den anderen Mädchen absonderst und sich dein Leben hier fast nur noch um Miss Rosen dreht. Das gefällt den anderen nicht, verstehst du? Sie haben das Gefühl, du lehnst sie ab.«
»Stimmt ja auch.«
»Aber, Süße, wenn du nun so wärst wie ich – wenn du Männer hättest und einen gesellschaftlichen Zirkel außerhalb der Schule, dann wäre ja nichts dabei. Du hast aber nur deine Mutter und ihre Freunde. Du musst versuchen, dir hier ein Leben aufzubauen, denn ob du es nun zugibst oder nicht, dir bedeuten die Ämter hier und dieser ganze Kram nun mal sehr viel, und du willst Aner­kennung von einer Clique, weil du jenseits der Schule einfach nichts hast. Ich weiß doch, wie gern du Chef­redakteurin der Lit Review wärst, und das solltest du auch werden, du schreibst hier schließlich alle in Grund und Boden. Aber du weißt auch, dass diese Ämter nicht nach Verdienst vergeben werden. Die sind so etwas wie gesellschaftliche Auszeichnungen. Du solltest dir also endlich eingestehen, dass du beliebt sein willst, und dich nicht ständig in dieses Verhältnis mit Miss Rosen flüchten. Du musst aufpassen, Süße, sonst halten sie dich irgendwann noch für andersrum. Alberts hat schon gemeint, du wärst in die Rosen verliebt.«
»Was geht die das denn an? Meinetwegen, Miss Rosen hat mir sogar schon gesagt, dass sie mich liebt, aber sie liebt all ihre Freunde. Sie verwendet das Wort im rein christlichen Sinn.«
»Ach, Süße, lass dich doch nicht von dem Sozialarbeitergewäsch einwickeln. Das hat sie an ihrer Uni in ­Chicago aufgeschnappt. Nach allem, was du mir erzählst, klingt sie mir reichlich andersrum. Allein schon, dass du jeden Abend zu ihr gehst, angeblich, um über Literatur zu reden.«
»Was glaubst du denn, was wir machen?«
»Reg dich doch nicht gleich auf. Ich sage ja gar nicht, dass ihr es miteinander treibt oder so. Du wüsstest wahrscheinlich nicht mal, wie das geht.«
»Und du willst das bloß in den Schmutz ziehen.« Courtney legte sich hin und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. »Sie ist Lehrerin. Sie weiß, dass mich der Englischunterricht zu Tode langweilt, deswegen gibt sie mir Bücher wie Finnegans Wake oder die Gedichte von T. S. Eliot und andere Lektüre, die ich sonst nie zu Gesicht bekommen würde, und abends diskutieren wir dann da­rüber, wie in einer privaten Schulstunde, mehr nicht.«
»Sie ist mehr als eine Englischlehrerin, und das weißt du ganz genau. Ich habe selten erlebt, dass sich jemand so sehr verändert hat wie du in diesem Schuljahr. Am ­Anfang warst du noch launisch und selbstsüchtig und manchmal auch richtig kratzbürstig, so wie alle, aber jetzt hältst du dich plötzlich für eine Heilige und willst die ganze Menschheit lieben oder was sie dir sonst noch an Chicago-Gewäsch eintrichtert. Du hast dich ganz in dich zurückgezogen und hast überhaupt keine Launen mehr, du vergräbst das irgendwo und bist stattdessen ungeheuer kritisch und hochnäsig. Aber weißt du, so bist du nicht, du kannst dich nicht in ihre Welt flüchten und ihr Wesen annehmen. Ihr seid zwei ganz verschiedene Menschen aus zwei ganz verschiedenen gesellschaftlichen und intellektuellen Sphären.«
»Ach, verdammt, Parker, du verstehst aber auch gar nichts. Ich konnte mich nicht leiden, kapierst du das? Und dann kam diese neue Lehrerin, die eine Ruhe ausstrahlt und sich anscheinend sogar selbst mag, und solche Menschen sind mir noch nicht oft begegnet. Irgendwann sind wir beim Mittagessen über ein Buch ins Gespräch gekommen, und sie hat mir angeboten, mir noch eines zu leihen, von dem sie meinte, es könnte mir gefallen. Dann haben wir über dieses Buch gesprochen, und ich habe sie besser kennengelernt und angefangen, ihr auch von meinem Leben zu erzählen, weil sie klug ist und ich irgendwie mit ihr reden kann.«
»Schon gut, Court, du brauchst nicht gleich aggressiv zu werden. Ich will dir doch nur helfen, weil ich nun mal ein Jahr älter bin als du, auch wenn wir in dieselbe Klasse gehen, und weil ich erkenne, dass du dein Leben hier einfach wegwirfst und dich so in die Geschichte mit dieser Frau hineinstürzt. Mehr will ich gar nicht sagen. Vergiss nicht, ich habe in diesem einen Jahr ein paar Dinge gelernt, die du noch nicht weißt.«
Courtney nahm eine Orange aus der Kiste und warf sie quer durchs Zimmer. Sie zerplatzte höchst zufriedenstellend an der Wand.
»Court«, sagte Janet nachsichtig, »manchmal merkt man dir wirklich an, dass du erst fünfzehn bist. Das war übrigens meine Orange.«
»Da haben wir sie wieder, Mama Parker, wie sie leibt und lebt. Ich gehe jetzt spazieren. Halt mir beim Abendessen einen Platz frei.«
Janet seufzte und zupfte sich weiter die Augenbrauen.
Auf dem Flur begegnete Courtney der Direktorin.
»Hallo, Farrell.«
»Guten Tag, Mrs Reese.«
»Ich höre, du hast schon wieder einen Verweis bekommen wegen unerlaubter Lektüre?«, fragte die Direktorin.
»Ja, Mrs Reese. Es war ein Buch von James Joyce, Finnegans Wake, und ich bin einfach davon ausgegangen, dass Joyce zu den genehmigten Autoren gehört, deshalb habe ich es von niemandem absegnen lassen.«
»Du solltest von so etwas nicht einfach ausgehen«, entgegnete Mrs Reese kühl, »du solltest es wissen.«
»Das sehe ich ja auch ein, Mrs Reese.« Wie sie es ver­abscheute, höflich zu sein und sich vor den Lehrerinnen kleinzumachen! »Mir ist klar, dass der Fehler bei mir lag.«
»Nun, beim nächsten Mal passt du sicherlich besser auf.« Ihr Ton wurde wieder herzlicher. Selbstbezichtigungen ließen Lehrerinnen grundsätzlich herzlicher werden. »Du bekommst reichlich viele Strafen, dafür dass du so ein intelligentes Mädchen bist, Farrell. Ich hatte gehofft, du könntest uns in diesem Schuljahr helfen, deine Zimmergenossin etwas auf Vordermann zu bringen, und stattdessen macht ihr uns nun beide Ärger.«
»Jawohl, Mrs Reese.«
Erleichtert ging Courtney hinaus auf den Hof, und kaum war sie draußen, rannte sie los, weil sie fünfzehn war und der Frühlingstag so schön. Sie rannte über das Hockeyfeld und sprang ganz am Ende über den kleinen Bach, in dem immer die Hockeybälle landeten. Auf der anderen Seite fiel sie vor Anstrengung ins hohe Gras, musste über sich lachen und stand wieder auf. Sie rannte den kleinen Hang hinauf bis zu der Aschenbahn, die rund um die Tennisplätze führte und auf der sie vor dem Frühstück, als Teil des Hockeytrainings, ihre Runden drehte. Beim zweiten Hockeyfeld machte sie halt, denn bis hierher durfte sie gehen, ohne auf Mrs Reeses Grundstück zu geraten, was verbotenes Gelände war für alle – mit Ausnahme der Schülerinnen aus der Abschlussklasse, die bei ihr zum Tee eingeladen wurden. Courtney war außer Atem und ließ sich abermals ins Gras fallen, das gerade gemäht worden war und ganz frisch und neu duftete. Im Sommer roch das Gras heiß und feucht, doch im Frühling duftete es wunderbar, richtig jung, und das war eine Wohltat nach dem alten, toten Geruch der Schulflure von Scaisbrooke.
Sie drehte sich auf den Rücken, lächelte in sich hinein und sah zum Himmel hinauf. Er war ungeheuer weit. Im Sommer ließ sie sich manchmal rücklings im Pazifik treiben und versuchte, sich klarzumachen, dass der Himmel im Grunde keine Form besaß und sie sich auf der Oberfläche eines runden Planeten befand. Die Rubaiyat nannten ihn eine »umgestürzte Schale«, und insgeheim war Courtney der gleichen Ansicht. Die Wissenschaft, überlegte sie, gibt sich so schrecklich viel Mühe, uns zu überzeugen, dass offensichtliche Dinge in Wahrheit ganz ­anders sind. Man will uns einreden, etwas so erstaunlich Großes wie der Himmel und die Berge sei im Grunde winzig, weil es aus kleinsten Atomen bestehe. Courtney hatte noch nie ein Atom gesehen und legte auch keinen Wert darauf, weil ihr die Vorstellung, Berge und Menschen seien nichts weiter als unterschiedliche Anordnungen gleich geformter Teilchen, nicht behagte.
Der Klang der Glocke, die zum Abendessen rief, drang leise über die Hockeyfelder zu ihr und störte ihren Gedankengang. Sie musste sich beeilen, weil sie noch ihre Abenduniform anziehen musste und es für jede Minute, die man zu spät kam, Strafpunkte gab.
Das ganze Essen über freute Courtney sich darauf, Miss Rosen zu sehen. In Miss Rosens Zimmer fühlte sie sich behaglich und geborgen, und es war ein schöner Spaziergang über die Höfe bis zu dem Haus, wo die Leh­rerinnen wohnten. Nachdem sie die beiden Innenhöfe durchquert hatte, nahm sie den Weg an der Kapelle vorbei, ein von hohen, frühlingshaft grünen Bäumen gesäumter Weg. Es war noch früh am Abend, und die Kapelle hob sich vor dem hellen Himmel ab. Manchmal ging Courtney hinein, denn obwohl sie katholisch war und der Ort für sie kaum religiöse Bedeutung hatte, war es dort dämmrig und still, und sie konnte nachdenken und sich einreden, sie sei zu Hause in Hollywood.
An diesem Abend aber ging sie an der Kapelle vorbei, weil sie sich auf das Gespräch mit Miss Rosen freute. Sie hatte das Buch unter den Arm geklemmt, Finnegans Wake, das sie im Grunde nicht verstand, obwohl sie sich über jeden abstrusen Abschnitt den Kopf zerbrach, und dessen Besitz sie mit drei Arbeitsstunden und zwei Wochen Schularrest bezahlt hatte. Sie stieg die abgetretene Treppe hinauf und wandte sich im zweiten Stock nach links. Die Tür stand einen Spalt offen, sie hörte, dass Miss Rosen eine Bach-Schallplatte aufgelegt hatte. Bei Miss Rosen lief praktisch immer Bach, und die solide Sicherheit dieser Musik war für Courtney so eng mit der Leh­rerin verknüpft wie die Regale mit den wunderbaren ­Büchern. Noch Jahre später, wenn sie die Musik hörte, kehrten das Bild des Zimmers und die Wärme, die sie dort empfunden hatte, mit solcher Macht zu ihr zurück, als stiege sie wieder die wohlbekannten Stufen hinauf.
Miss Rosen war eine große Frau von Anfang zwanzig mit etwas kurz geratener Taille und einem leichten Rundrücken. Sie hatte große, braune, eindringliche Augen. Schön war sie nicht, aber sie verströmte so viel Innigkeit und Wärme, dass man die Unvollkommenheiten an Gesicht und Körper vergaß, sobald man ein paar Minuten mit ihr verbracht hatte. Sie war mit einem jungen Akademiker verlobt, den sie an der Universität in Chicago kennengelernt hatte und der jetzt Philosophie in Harvard lehrte.
Als Courtney hereinkam, lächelte Miss Rosen und deutete auf einen Sessel. Courtney setzte sich und zog ihren Blazer aus, und Miss Rosen schrieb eine Anmerkung zu dem Englischaufsatz zu Ende, den sie gerade korrigierte. Dann legte sie den Aufsatz auf ihren übervollen Schreibtisch.
»Wie kommst du denn mit James Joyce voran?«, fragte sie freundlich.
»Nicht besonders gut«, beichtete Courtney. »Was will er denn eigentlich sagen mit seinem ganzen tollen Bewusstseinsstrom?«
Miss Rosen nahm das Buch vom Tisch und blätterte durch die Seiten, die Courtney bereits gelesen hatte.
»In Finnegans Wake geht es Joyce vor allem um eines«, erklärte die Englischlehrerin auf ihre präzise, nüchterne Art, »um den ewigen Konflikt zwischen Eltern und Kindern. Die Elternfigur wird als diejenige dargestellt, die besiegt werden muss, damit das Kind zur Unabhängigkeit und zu einer eigenen Identität finden kann.«
Wie schlicht und klar sie das formuliert, dachte Courtney, während Miss Rosen weitersprach, Zitate aus dem Buch vorlas und die ausgewählten Sätze analysierte, um ihre These zu untermauern. Dabei ist das Thema un­geheuer komplex, grübelte sie weiter. Ein bisschen sind Lehrer doch wie Wissenschaftler: Sie teilen dieses überwältigend große Leben in kleine Stückchen, die sie analysieren können, und rauben ihnen damit alles Gefühl. Sie dachte an das Mal zurück, als ihre Mutter ihr nicht erlauben wollte, das Wochenende bei ihrem Vater zu verbringen, weil es zu viel für die Schule zu tun gab.
»Immer willst du über mein Leben bestimmen«, hatte Courtney ihr am Telefon vorgeworfen. »Du weißt genau, dass ich für die Schule deine Erlaubnis brauche, weil du als Erziehungsberechtigte eingetragen bist. Und diese Erlaubnis verweigerst du mir. Du willst, dass ich mein freies Wochenende im Internat verbringe, nur weil du Angst hast, ich könnte irgendwann herausfinden, dass ich Daddy gern habe.«
»Nun werd nicht unvernünftig, Courtney. Dein Vater ist ein wunderbarer Mann, ich will doch hoffen, dass du ihn gern hast. Aber du hast mir gerade erst geschrieben, dass du am Montag einen Aufsatz abgeben musst und gar nicht weißt, wie du das schaffen sollst, und jetzt rufst du an, um mich zu fragen, ob du das Wochenende in New York verbringen darfst.«
»Ich gebe den Aufsatz einfach später ab. Das geht, ich habe in Geschichte sowieso schon die besten Noten, da ändert der eine Aufsatz nicht viel. Aber ich will nun mal nicht hierbleiben, wenn ich ein freies Wochenende habe. Du willst über mein ganzes Leben bestimmen, und da kommt dir der Aufsatz gerade recht.«
»Nichts liegt mir ferner, als über dein Leben bestimmen zu wollen, auch wenn du das ständig behauptest. Mein Leben wäre sehr viel einfacher, wenn ich mich nicht um dich sorgen und kümmern müsste«, hatte ihre Mutter aufgebracht gerufen. »Dann könnte ich nämlich das Leben führen, das ich will. Wenn du nicht wärst, wäre ich immer noch mit Nick verheiratet. Aber ich musste mich ja ­zwischen meinem zweiten Mann und meinem Kind entscheiden, da habe ich natürlich dich gewählt. Du versaust mir das Leben, weil ich Verantwortung für dich empfinde, und jetzt wirfst du mir auch noch vor, über dein Leben bestimmen zu wollen. Dann fahr doch zu deinem Vater, von mir aus kannst du deine ganze Zeit mit ihm verbringen!«
Courtney hatte sich bei ihrer Mutter bedankt und schnell aufgelegt, damit sie sich nicht noch einmal umentscheiden konnte.
»Er schildert die Überwältigung der Elternfigur durch das erwachsen gewordene Kind«, sagte Miss Rosen gerade.
Courtney musste daran denken, wie es mit Janets ­Vater gewesen war, als sie einmal zu viert aus gewesen waren, mit einem von Janets Verehrern und dessen Zimmer­genossen aus Andover. Janet traf sich häufig mit dem jungen Mann, und sein Zimmergenosse hatte sie mit dem Wagen von Jones Beach zurückgefahren. Courtney saß vorn, damit Janet und ihr Verehrer auf dem Rücksitz »knutschen« konnten. Als sie die Wohnung an der Park Avenue betraten, saß Janets Vater dort vor seinem irischen Whiskey, und als er sah, dass Janets Lippenstift verschmiert war, fuhr er den jungen Mann ziemlich grob an: »Ich nehme an, Sie haben auf der ganzen Fahrt von Jones Beach bis hierher meine Tochter befummelt!« Das stimmte zwar, doch Mr Parker sorgte für eine so pein­liche Stimmung, dass sie schnell wieder aufbrachen und stattdessen im Plaza landeten. Janet hatte sich für ihren Vater entschuldigt. »Daddy war ein bisschen blau«, erklärte sie lachend, »außerdem glaubt er ständig, ich würde irgendwie auf Abwege geraten.« Janet ließ sich sogar von Jungs befummeln, die sie nicht besonders mochte, das wusste ihr Vater, und so fuhr er ihr gegenüber ständig aus der Haut und kürzte ihr schon das Taschengeld, wenn sie nur ein wenig zu spät nach Hause kam.
»Und er schließt den Kreis«, fuhr Miss Rosen fort, »indem er zeigt, wie auch dieses Kind schließlich von seinem eigenen Kind überwältigt wird, durch ein primitives Ritual, das die Zivilisation nur verschleiern, aber nicht verändern kann.«
»Den Kreis?«, fragte Courtney dümmlich.
»Du hast mir ja gar nicht zugehört«, tadelte Miss Rosen sie. »Weißt du noch, wie ich dir gezeigt habe, dass der allerletzte Satz des Buches auch der Anfang des allerersten Satzes ist, dass sie ineinanderfließen?«
Courtney nickte.
»Nun, das Buch dreht sich gewissermaßen im Kreis, weil Joyce sogar die Form seines Romans dazu nutzt, den Zyklus Eltern-Kind-Eltern als wiederkehrenden Kreislauf darzustellen.«
»Ich glaube, das verstehe ich jetzt, nur allein wäre ich nie darauf gekommen. Ich habe ja einen einigermaßen großen Wortschatz, aber hier musste ich fast jedes fünfte Wort nachschlagen.«
»Joyce erfindet viele Wörter, so wie das weltberühmte Geräusch des Donners, und verwendet außerdem Ausdrücke aus dem Deutschen und dem Gälischen und Gott weiß was für Sprachen.«
Mit einem Lächeln gab sie Courtney das Buch zurück.
»Versuch es bis morgen mit den nächsten zehn Seiten, und falls dich der Mut verlässt, habe ich auch noch eine Erläuterung zu Finnegans Wake, die ich dir leihen könnte. Darin sind viele von Joyces Anspielungen erklärt. Es wäre mir aber lieber, wenn du erst versuchst, selbst etwas für dich aus dem Text zu ziehen.«
Miss Rosen stand auf und ging zu ihrer Musiktruhe, um die Schallplatte umzudrehen, dann setzte sie sich wieder und zündete sich eine Zigarette an.
»Wir hatten seit den Ferien noch gar keine Gelegenheit, uns zu unterhalten«, sagte sie. »Wie bist du denn mit deiner Mutter ausgekommen?«
»Ganz gut«, sagte Courtney. Einen Moment lang nahm sie der Älteren diese selbstverständliche Vertraulichkeit übel. Wenn Courtney spürte, dass jemand hinter ihre Verteidigungslinien vorstieß, zog sie sich instinktiv zurück. Dann fiel ihr wieder ein, dass Miss Rosen ja eine Freundin war. »Wir kommen immer gut miteinander aus.« Sie wussten beide, dass das nicht stimmte, doch Miss Rosen wartete geduldig ab, bis das Mädchen in den gewohnten Wortschwall verfiel, denn wenn sie allein waren, redete Courtney so frei, wie sie sonst nie mit einer anderen Frau hatte reden können. Sie verfügte über eine ganze Reihe von »Ersatzvätern«, wie sie das nannte, meist Freunde ihrer Mutter, denen sie die Sorgen und Ängste erzählte, über die ein Kind mit den eigenen Eltern nicht sprechen kann. Miss Rosen war die erste Frau, der sie sich öffnete, seit sie mit sechs das Vertrauen in ihre Mutter verloren hatte.
»Wir können nur einfach nicht miteinander reden. Sie kennt mich nicht besonders gut, und jedes Mal, wenn wir uns in den Ferien sehen, kennt sie mich noch ein bisschen schlechter. Ich würde ja mit ihr reden, wenn ich könnte«, fuhr Courtney fort, »aber wissen Sie, mit Frauen kann man nicht reden. Sie denken einfach nicht so geradlinig, von Ihnen einmal abgesehen; wenn ich versuche, ein Thema anzusprechen und Argumente vorzubringen, sind sie mit ihren Gedanken längst woanders, bei irgendeinem völlig unwichtigen Punkt, der nur noch entfernt mit der Sache zusammenhängt. Das macht mich wahnsinnig.«
»Siehst du dich selbst denn nicht als Frau?«, erkundigte sich Miss Rosen belustigt.
»Nein, eigentlich nicht«, sagte Courtney nachdenklich. »Ich denke einfach nicht wie andere Frauen. Von Männern höre ich ständig, ich würde denken wie ein Mann. Es wäre wohl auch sehr viel einfacher, wenn ich ein Mann wäre. Glaube ich. Vielleicht aber auch nicht. Wahr­scheinlich würde ich dann immer noch keine Frauen mögen. Und schwul zu sein wäre ja auch ein entsetzliches Theater.«
Miss Rosen musste über Courtneys Naivität lachen. »Wärst du wirklich gern ein Mann?«
»Na ja, seit ich denken kann, träume ich, dass ich ein Mann bin. Inzwischen fällt es mir schon gar nicht mehr auf, dass ich in meinen Träumen zwar ich selbst bin, aber eben als Mann. Woran das wohl liegt?«, überlegte Courtney.
»Du hast mir erzählt, deine Eltern hätten sich immer einen Jungen gewünscht, und deine Mutter lässt dich Drinks mixen und sich von dir umsorgen wie von einem Sohn. Vielleicht hängt es ja damit zusammen.«
»Kann sein.« Sie dachte einen Moment darüber nach, aber nicht lange, weil es ihr so wichtig dann doch nicht war.
»Wissen Sie«, fuhr sie fort, »Mummy war ganz von der Rolle, weil meine Ferien versaut waren.«
»Den Ausdruck solltest du nicht verwenden«, sagte Miss Rosen.
»Und warum nicht? Das habe ich schon gesagt, als ich noch ein kleines Mädchen war. Was ist denn falsch daran?«
Miss Rosen ging nicht weiter darauf ein, sondern bemerkte nur: »Du bist immer ein wenig feindselig und trotzig, wenn du bei deiner Mutter warst.«
»Sie ist ein Miststück«, platzte Courtney heraus.
»Das meinst du nicht so, und das weißt du auch genau«, sagte Miss Rosen sanft.
»Ja, weiß ich«, gab Courtney bockig zurück.
»Warum sagst du es dann?«
»Weil ich Lust dazu hatte.«
»Du bist viel zu klug, um wie ein kleines Mädchen ­daherzureden.«
»Verdammt, ich bin aber ein kleines Mädchen«, rief Courtney unvermittelt. »Das finde ich ja so furchtbar, wenn ich bei Mummy bin. Immer ist es, als wäre ich die Mutter. Ich muss sie trösten, wenn sie ein schlechtes Gewissen hat, weil sie mir mal wieder ins Gesicht gesprungen ist, und ich muss ihr ständig versichern, was für eine tolle Schauspielerin sie ist, obwohl ich in meinem ganzen Leben nur vier Filme mit ihr gesehen habe, es reicht mir ja schon, mit den Rollen leben zu müssen … Eigentlich weiß ich gar nicht, ob sie gut ist, aber ich sage es ihr, weil ich anderen gern ein gutes Gefühl gebe. Und wenn Nick sie wieder mal verlässt, muss ich ihr die Hand halten – wobei der ja jetzt endgültig weg ist«, fiel ihr wieder ein, »und ich muss ihre bescheuerten Drinks mixen, weil sie nicht gern das Gefühl hat, allein zu trinken, und so geht das die ganze Zeit. Das hängt mir alles furchtbar zum Hals raus!«
»Nun, ich kenne deine Mutter zwar nicht«, sagte Miss Rosen, »trotzdem habe ich den Eindruck, dass sie ausgesprochen unreif ist. Du musst dich damit abfinden und versuchen, ihr zu helfen. Sie ist nämlich auch sehr einsam, und im Grunde bist du alles, was sie hat – vor allem jetzt, nach ihrer zweiten Scheidung.«
»Sie reden so verdammt klug daher«, sagte Courtney bitter. »Sie sind genau wie mein Vater. Sie haben viel zu sagen, aber für Sie ist das auch leicht, Sie müssen ja nicht mit meiner Mutter leben. Das ist doch alles nur Mist.«
Miss Rosen zuckte zusammen. Sie stand auf und legte Courtney die Hand auf die Schulter.
»Mit mir brauchst du nicht so zu reden«, sagte sie sanft. »Wenn du hier bist, darfst du lockerlassen. Du musst nicht um dich schlagen und dich verteidigen, nur weil du Angst hast, mir nahezukommen.«
Courtney blickte dumpf vor sich hin. Sie wusste, wenn sie jetzt zu Miss Rosen aufsah, solange deren Hand noch auf ihrer Schulter lag, dann wäre da wieder dieses komische Gefühl, das sie manchmal befiel, wenn sie badete oder ihren Schlafanzug anziehen wollte, als würde eine große Gruppe von Menschen ihren Körper mustern.
»Sie haben mir mal gesagt«, begann sie forschend, »dass Sie mich lieben.«
Miss Rosen nahm die Hand weg und setzte sich Courtney gegenüber auf das Bett.
»Ja, du armes Kind, das tue ich. Warum fragst du mich wieder danach? Glaubst du denn nicht, dass dich jemand lieben könnte?«
»Nur, wenn derjenige auch etwas von mir will.«
Sie sprach gleich weiter, als sie Miss Rosens Miene sah: »Doch, wirklich, so empfinde ich das. Und nennen Sie mich nicht ›armes Kind‹! Ich will kein Mitleid, von niemandem. Ich kann für mich selbst sorgen, das habe ich immer schon gemacht. Ich brauche nicht einmal Liebe, weil mir Menschen nämlich gar nicht so viel bedeuten. Ich bin kalt und ziemlich selbstsüchtig.«
Miss Rosen seufzte. »Nein, das bist du nicht. Hast du denn gar nichts von mir gelernt? Ich weiß nicht, wer oder was dich auf solche Gedanken gebracht hat, aber du bist ein äußerst warmherziges, impulsives Mädchen, und du hast alle Möglichkeiten, eine wunderbare Frau zu werden, wenn du dir nur erlaubst, dich der Liebe zu öffnen und ein reifer Mensch zu sein.«
Courtney hob den Blick zu Miss Rosen, und für den Moment war aller Trotz aus ihrem Gesicht verschwunden, sodass sie beinahe aussah wie ein Kind.
»Vielleicht kann ich das mit Ihrer Hilfe ja wirklich lernen. Wenn ich hier bin, kommt es mir immer vor, als hätten Sie etwas, woran ich mich festhalten kann. Seit ich mit Ihnen zusammen bin, weiß ich, man kann anderen Menschen sagen, dass man sie liebt, man kann ihnen vertrauen, ohne Angst zu haben, dass man zurückgewiesen oder ausgenutzt wird.«
Miss Rosen zündete sich die nächste Zigarette an der an, die sie gerade rauchte. Es fiel ihr schwer, das auszusprechen, was sie irgendwann aussprechen musste.
»Mummy meinte, als ich letztes Weihnachten in Holly­wood war, sei ich ganz verändert gewesen«, berichtete Courtney stolz. »Sie sagte, ich sei ihr vorgekommen wie jemand, den sie gar nicht kennt. Ich hatte nicht mehr so viel Angst vor ihr und bin nicht dauernd erschrocken, wenn sie mich gerufen hat. Das habe ich Ihnen zu ­verdanken.« Sie versuchte, der Älteren eine Reaktion zu entlocken.
»Weißt du, Courtney«, erwiderte diese gequält, »ich wollte mit dir über etwas sprechen. Nach allem, was du gerade gesagt hast, fällt mir das sehr schwer, weil ich dich nämlich wirklich liebe, und trotzdem glaube ich, es ist zu deinem Besten. Möchtest du eine Zigarette?«
»Nein danke, ich rauche nicht. Du lieber Himmel, das muss aber etwas Schlimmes sein.« Courtney lächelte. »Eine Zigarette kriegt man als Schülerin von einer Leh­rerin sonst nur angeboten, wenn man sich umbringen wollte oder einem der Verlobte abgehauen ist oder so was.«
Sie war um einen scherzhaften Ton bemüht, denn sie spürte, dass sie verletzen würde, was Miss Rosen nun zu sagen hatte.
»Deine Besuche hier machen mir große Freude. Ich unterhalte mich gern mit dir, weil du einen scharfen Verstand hast und weil ich dich sehr gern mag.«
Oh Gott, dachte Courtney, bitte sag jetzt nicht, was ich fürchte, dass du sagen wirst.
»Aber weißt du, du solltest mehr Zeit mit Gleichaltrigen verbringen. Du kannst eine Menge von den anderen lernen, und manche Mädchen hier sind ebenfalls sehr klug und haben genauso viel gelesen wie du.«
»Gleichaltrige langweilen mich«, erwiderte Courtney verzweifelt. »Ich war mein Leben lang mit den Freunden meiner Mutter zusammen, mit denen kann ich viel leichter reden. Ältere Menschen interessieren mich einfach mehr.« Sie suchte nach Verständnis im Gesicht der Lehrerin. »Das wissen Sie doch.«
»Genau darum geht es ja«, sagte Miss Rosen. »Du hast nie gelernt, mit Gleichaltrigen zurechtzukommen, und hier in Scaisbrooke hast du die beste Gelegenheit, das nachzuholen. Diese Lektion ist wichtiger als alles, was ich dir jemals bieten kann.«
Courtney stand auf. Sie fühlte sich wie damals, als sie aus der New York Times erfuhr, dass ihre Mutter in Hollywood Nick Russell geheiratet hatte. Ein ähnliches Gefühl hatte sie auch jetzt, die ungewisse Ahnung, dass ihr gerade jemand abhandenkam, den sie liebte.
»Sie meinen also, ich soll abends nicht mehr herkommen, und ich soll mich auch nicht mehr zu Ihnen an den Tisch setzen oder nach dem Unterricht mit Ihnen reden.«
»Ja, genau das meine ich«, erwiderte die Frau hilflos.
»Und warum sagen Sie es dann nicht genau so? Ich kann’s verkraften.« Courtney warf ihre Finnegans-Wake-Ausgabe auf das Bett. »Die gebe ich dann mal besser zurück.« Sie wandte sich zum Gehen.
Miss Rosen stand auf.
»Courtney …«
Courtney blieb an der Tür stehen, drehte sich rasch noch einmal um. Vielleicht hatte sie ja ihre Meinung geändert? Miss Rosen kam zu ihr und sah mit großer Traurigkeit in den Augen auf das Mädchen herab. Sie beugte sich vor und küsste Courtney auf die Stirn.
»Bitte sei mir nicht böse«, sagte sie. »Ich habe keine ­andere Wahl.« Courtney sollte nie begreifen, was Miss Rosen damit gemeint hatte.
Sie wusste noch nicht, wie viel sie verloren hatte, spürte nur den schmerzlichen Verlust und den dumpfen Eindruck, dass ihr Leben jetzt anders werden würde. Sie rannte an der Kapelle vorbei und durch die Innenhöfe, denn sie hatte angefangen zu weinen und mochte es nicht, wenn man sie weinen sah. Als sie am Haupthaus war, blieb sie stehen und trocknete sich mit dem Ärmel ihres Blazers das Gesicht, und auf der Treppe traf sie eine Inspektorin und lächelte. Ihrer Stimme traute sie noch immer nicht.
Janet merkte, dass Courtney nicht reden wollte, und so schrieb sie weiter ihre Briefe und ließ der Zimmergenossin ihre Ruhe. Nach dem Lichtlöschen hörte sie Courtney in ihr Kissen weinen. Eine halbe Stunde lang lag sie im Dunkeln und hörte sich das an, dann drehte sie sich zur Seite und knipste das Licht an.
»Es ist schon Nachtruhe«, murmelte Courtney.
»Zum Teufel damit«, gab Janet zurück. »Wenn ich nicht wüsste, dass du nicht rauchst, würde ich dir eine meiner verbotenen Zigaretten anbieten. Aber ich habe noch mehr verbotene Ware, und genau die brauchst du jetzt.«
Sie stand auf und holte ihren silbernen Parfumflakon.
»Das habe ich durch sämtliche Inspektionen geschmug­gelt«, verkündete sie stolz und reichte Courtney den Flakon, der einen vorzüglichen Scotch enthielt.
»So, Farrell, das trinkst du jetzt bis auf den letzten ­verdammten Tropfen und dankst es mir. Es ist ziemlich genau ein Glas drin. Und es interessiert mich nicht die Bohne, ob du Scotch magst oder nicht.« Letzteres setzte sie so barsch hinzu, wie es die Zärtlichkeit unter Zimmergenossinnen verlangt. »Ich möchte heute Nacht noch ein bisschen Schlaf bekommen, und das hier wird dich beruhigen. Morgen kannst du mir dann ja erzählen, was das Miststück zu dir gesagt hat.« Damit machte sie das Licht wieder aus und drehte sich auf die andere Seite.

Pamela Moore

Über Pamela Moore

Biografie

Pamela Moore, 1937 bis 1964, veröffentlichte 1956 ihren Debütroman »Cocktails«, der in zehn Sprachen übersetzt und ein internationaler Bestseller wurde. Es folgten vier weitere Romane. 1964, mit nur sechsundzwanzig Jahren, wählte Pamela Moore den Freitod. Heute gilt »Cocktails" als einer der großen...

Pressestimmen

Hamburger Abendblatt

»Dieses Buch ist berauschend, liest sich leicht, ist frisch, aktuell und häufig urkomisch«

WDR 3 »Mosaik«

»ein faszinierendes, weil tiefenscharfes Sittengemälde aus den Fünfzigerjahren voller jugendlicher Lasterhaftigkeit und Verzweiflung, in dem nicht einmal mehr der Suizid als Ausweg taugt.«

Kölner Stadt-Anzeiger

»Ihren Reiz bezieht die Wiederauflage des Buches aus der zeitlichen Perspektive, die es dem Leser erlaubt, Vergleiche zum heutigen Lebensstil anzustellen und gleichzeitig das Seelenleben einer Pubertierenden zu erkunden.«

Die Welt

»Welch ein großartiges Buch. Welche Weltgewandtheit steckt in jedem Satz. So stilsicher, so cool, so komisch, so traurig in seiner das Pathos vermeidenden Art.«

Brigitte

»Als 1956 die 18jährige Pamela Moore ihren Roman veröffentlichte, war Amerika in Aufruhr. Hier schrieb ein Mädchen entwaffnend ehrlich über Sex, Alkohol, Partys und die Sehnsucht nach Selbstfindung.«

Basler Zeitung

»Erzähltempo, realistische Dialoge und radikal moralfreier Inhalt machen die Lektüre heute noch beklemmend. Stoff für einen packenden Spielfilm.«

Berliner Zeitung

»Auf der Suche nach Liebe, nach sich selbst, nach einem Sinn im Leben. ›Cocktails‹ ist eine Coming-of-Age-Geschichte, ähnlich wie J.D. Salingers ›Fänger im Roggen‹, ein schonungsloser Einblick in die Gedankenwelt von Teenagern in den Fünfzigerjahren«

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

»Courtney ist 16 und ist unglücklich darüber, dass alle sie wie ein Kind behandeln. Gegenmaßnahmen müssen ergriffen werden: Bloody Marys zum Frühstück trinken, unzählige Zigaretten in schummrigen Bars rauchen,..., dann nach New York ziehen, sich in einen Träumer verlieben und schmerzvoll lernen, dass sich, einmal groß geworden, die Kindheit nicht zurückholen lässt. Ein schöner Taumel zwischen zwei Welten.«

soundsandbooks.com

»In messerscharfen, pointierten und phantastischen Dialogen seziert sie das Innenleben ihrer Protagonistin und entlarvt die Mechanismen einer repressiven Gesellschaftsstruktur. (...) Zweifellos einer der besten Adoleszenzromane aller Zeiten.«

Die Welt

»ein erstaunliches Romandebüt«

Fuldaer Zeitung

»Als das Buch 1956 erschien, hat es schockiert. Heute ist es vor allem ein einfühlsames Porträt eines jungen Mädchens, das nicht weiß, wo es hingehört – und damit aktueller denn je.«

Salzburger Nachrichten

»Pamela Moore leistet Einzigartiges für ihre Zeit: Sie gesteht Mädchen und Frauen eine Eigenständigkeit zu, die mit Konventionen abfährt.«

Carsten Otte, SWR 2

»Pamela Moores ›Cocktails‹ gehört genau wie Salingers ›Fänger im Roggen‹ zu den großen Sehnsuchtsbüchern, die vom Rausch der Jugend erzählen – ein Vorbild für zahlreiche ›Coming-of-Age‹-Romane, nicht nur in den USA, sondern mittelbar auch in Deutschland.«

Bild am Sonntag

»Seit ›Stoner‹ kann man sich vor ›Wiederentdeckungen‹ kaum retten. Hier ist wirklich mal eine: Das Debüt der damals 18jährigen Pamela Moore, das von Sehnsucht, Selbstfindung und sexuellem Erwachen eines Mädchens im Amerika der Eisenhower-Jahre erzählt.«

Badische Zeitung

»Pamela Moore hat ihrer 16jährigen Heldin Courtney viel von dem zugemutet, mit dem auch sie sich herumschlagen musste: die Scheidung der Eltern, die Trunksucht der Mutter, die schäbige Seite Hollywoods und das New York der hemmungslos Reichen, vor allem aber immer wieder das Gefühl, nicht dazuzugehören«

Westdeutsche Allgemeine Zeitung

»Bei der Wiederauflage 60 Jahre später hat der messerscharfe Ton nicht an Aktualität verloren.«

Interview

»Leider brachte sich die Autorin mit 26 Jahren um, und ihr fantastisches Debüt geriet in Vergessenheit. Bis jetzt.«

BÜCHER Magazin

»Der Roman ist eine bittersüße Feier des jugendlichen Liebesschmerzes und ein herrliches Sittengemälde.«

Münchner Feuilleton

»›Cocktails‹ hat sämtliche Zutaten für einen modernen Klassiker: Die Autorin kannte die Probleme der verlorenen Generation und wagte sich an große Themen wie Identität, Sex, Liebe, Tod.«

Janet Fitch, Autorin von »Weißer Oleander«

»Ein Bücherschatz, den man für immer bewahren sollte.«

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