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Cliffhänger

Cliffhänger

Kletter-Comedy für Schwindelfreie

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Cliffhänger — Inhalt

Der angesagte Breitensports Klettern von allen Seiten betrachtet - originell und brüllend komisch vom Kabarettisten und Hobbykletterer Georg Koeniger

 

Klettern kommt vor dem Fall. Der begnadete Comedian und Kletterverrückte Georg Koeniger lotet die schwindelerregende Komik des angesagten Breitensports aus: von den frühen Kletterabenteuern eines Flachland-Münsterländers über die schweißtreibende Erotik eines Matrazenlagers bis zum Paarungsverhalten von Seilknoten. Er erklärt, wie am Wochenende »Berge gemacht« werden, verirrt sich in die Todeszone einer Alpenvereinssitzung und findet am Ende seine Schicksalswand auf einem Münchner Kinderspielplatz. Lachen, bis das Zwerchfell schmerzt!

 

»In gnadenloser Selbstironie seziert Koeniger die Eigenheiten des Klettersports. (...) Wie in einer Klettertour hangelt man sich nach jeder Schlüsselstelle im Text weiter uns steigt höher und höher. Bis zum nächsten Lachanfall.«, Neue Zürcher Zeitung (CH)

 

»Es sind höchst amüsante Geschichten, die hier erzählt werden. (…) Koenigers Schreibstil ist locker und witzig, er hat Mut zur Selbstironie, (…) es kullern beim Lesen die Lach-Tränen.«, Main-Post

€ 4,99 [D], € 4,99 [A]
Erschienen am 15.09.2017
288 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-98360-0

Leseprobe zu »Cliffhänger«

Einstieg

Warum tust du dir das an? Wie oft frage ich mich das: Warum steigst du auf Berge, warum kletterst du ? Warum wanderst du stundenlang bergauf, nur um oben auf der Hütte mit einer Menge Leute ein sehr spartanisches Matratzenlager zu teilen und auf zugigen Toiletten zu sitzen? Oder um festzustellen, dass die Sandalenfraktion mit der Seilbahn schneller war und deshalb der Schweinsbraten schon aus ist.
Oder Klettern – auf den ersten Blick erschließt sich nicht, was daran reizvoll sein soll. Zum Beispiel ein ganz normaler Klettertag: Man steht ewig [...]

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Einstieg

Warum tust du dir das an? Wie oft frage ich mich das: Warum steigst du auf Berge, warum kletterst du ? Warum wanderst du stundenlang bergauf, nur um oben auf der Hütte mit einer Menge Leute ein sehr spartanisches Matratzenlager zu teilen und auf zugigen Toiletten zu sitzen? Oder um festzustellen, dass die Sandalenfraktion mit der Seilbahn schneller war und deshalb der Schweinsbraten schon aus ist.
Oder Klettern – auf den ersten Blick erschließt sich nicht, was daran reizvoll sein soll. Zum Beispiel ein ganz normaler Klettertag: Man steht ewig früh auf, sitzt ewig lange im Auto, dann läuft man stundenlang durchs Gelände auf der Suche nach den Felsen, und wenn man sie endlich gefunden hat, plagt man sich den ganzen Tag und stirbt vor Angst tausend Tode. Du schwitzt wie ein Schwein, weil die Route mal wieder viel zu schwer ist, und du frierst wie ein Schneider beim Sichern, weil der Partner mal wieder nicht vorankommt. Du sitzt unbequem im Gurt, quetschst dir alle relevanten Teile ab – und du fluchst.
Das ist ja das, was Kletterer am liebsten tun : fluchen. Du fluchst auf die Tour, die ja nun überhaupt nicht schön ist, und auf den, der die Tour geschraubt hat, weil er wahlweise zu wenig oder zu viele Haken angebracht hat, mit Sicherheit aber an der falschen Stelle. Du fluchst auf die Bewertung, die auf keinen Fall stimmen kann. Du fluchst über die Beschaffenheit des Felsens, der entweder zu abgenutzt oder zu scharfkantig ist, du fluchst über das Wetter, das zu heiß, zu kalt oder zu nass ist. Du fluchst über die eigene Dummheit. Du zerschindest dir die Finger und schlägst dir die Knie auf, du zerreißt dir das T-Shirt und verdreckst die Hose, und den ganzen Tag tun dir die Füße weh, wegen der engen Kletterschuhe. Du setzt dich der Nähmaschine1 aus und dem Steinschlag, du hast überall am Körper Mückenstiche 2 und du pflückst dir zwei Zecken vom Bein.
Aber am Ende des Tages sitzen alle Kletterer im Biergarten bei Schnitzel und Radlermaß und sind sich einig: »Das war mal wieder ein schöner Klettertag!«

 

Wirklich rätselhaft, warum ich mich dem immer wieder aussetze. Die Herkunft kann es bei mir nicht sein. Ich bin nicht im Grödnertal, in Traunstein oder in Südtirol geboren, sondern in der Stadt Münster in Westfalen. Mein Weg in die Berge war deshalb ungleich länger und gewundener als der mancher Bergheroen. Aber immerhin: Der Westfale an sich benimmt sich gerne wie das Mitglied eines einsamen Bergvolkes. Er ist stur, maulfaul und Fremden gegenüber verschlossen. Und er spricht in einer Sprache, die Außenstehenden praktisch unverständlich ist. Zusammen mit dem chronisch schlechten Wetter in Münster ist damit der Grundstein für eine vielversprechende Bergkarriere gelegt. Tatsächlich sind viele Westfalen erfolgreiche Bergsteiger geworden – mir sind nur gerade ihre Namen entfallen. Nein, nein, warten Sie, jetzt fällt mir wieder einer ein: Wilhelm Schulze-Stockhövel zum Beispiel, der als Erster den Schwierigkeitsgrad –1 eröffnete, als er betrunken in eine Lehmkuhle fiel, oder Ignaz Wellendiek, der mit seinem Bagger bei Schachtarbeiten zufällig den höchsten Berg des Landkreises Warendorf schuf.

 

______________________
1 Klettertechnische Ausdrücke werden im Glossar am Ende des Buchs erläutert.
2 Bevor Sie gleich wieder im Glossar nachschlagen: Dies ist kein klettertechnischer Ausdruck !

 

Doch auch die großen Helden der Berge wirken etwas ratlos bei der Frage: Was macht denn eigentlich die Faszination des Kletterns und des Bergsteigens aus? Sprichwörtlich berühmt, aber auch nicht sehr erhellend ist der Satz der britischen Bergsteigerlegende George Mallory auf die Frage, warum er den Everst besteigen wolle: »Because it is there.« Vielleicht kam ja der jung verstorbene deutsche Sportkletterer Wolfgang Güllich der Wahrheit am nächsten. Für den Mann, der schon Anfang der 90er-Jahre beim Klettern unvorstellbare Schwierigkeiten überwunden hat – den elften Klettergrad – bedeutete Klettern: »Herumhampeln drei Meter über dem Boden, baden, Eis essen, in der Wiese liegen, reisen zu allen Jahreszeiten.« Ihm wird auch der Satz zugeschrieben: »Man geht nicht nach dem Klettern zum Kaffeetrinken, Kaffeetrinken ist integraler Bestandteil des Kletterns.« Diesem Geist fühle ich mich verpflichtet.

 

Insofern trägt die Lektüre dieses Buchs Züge einer Klettertour oder einer Bergexpedition. Es gibt schwindelerregende Einblicke, holperige Passagen, kühne Metaphern und atemberaubend gewagte Überleitungen. Sie müssen sich durch Flachpassagen quälen, durch kalte Gags, abgründige Witze, und irgendwann sind Sie sicher : Das ist ja wohl der Gipfel! Bei all dem sollte Kaffeetrinken ein integraler Bestandteil des Lesens sein. Und am Ende werden Sie das Buch erschöpft schließen, glücklich, dass es vorbei ist, aber auch stolz, dass Sie es geschafft haben. Und wenn Sie jemand fragt, warum man dieses Buch lesen sollte, werden Sie antworten: Weil es da ist.

 

Am Limit im Löschteich
Oder: Klettern im Münsterland

Am besten ist, man fangt unten an, in der Jugend, in der ersten Kindheit. Wo ich a klaaner Bub war, da war ich aucht Jahre alt.
Luis Trenker

Jetzt gilt’s! Es gibt kein Zurück mehr. Warum musste ich auch so angeben? Jetzt stehe ich hier an diesem trüben, nasskalten Herbsttag und verfluche mein loses Mundwerk. Ich taste unruhig die feuchte Betonwand ab, suche vergeblich nach irgendeiner Struktur, die Halt verspricht. Das wird hart. Schon der Zustieg war beschwerlich. Auf dem Weg zum Löschteich mussten Bernd und ich mehrere große Dünen überwinden. Der feine Sand klebt überall, an den Händen, an den Sohlen, in der Hose. Wie soll man da auf Reibung klettern, die einzige Art, wie diese gnadenlose Wand überhaupt zu bewältigen ist. Nicht ohne Grund eilt der » Ecke « – unter diesem Namen ist sie in der lokalen Kletterszene bekannt – so ein schlechter Ruf voraus. Und tatsächlich rutschen meine Schuhe beim ersten halbherzigen Kletterversuch ab, als hätte ich Schmierseife unter den Sohlen.

 

Als gebürtiger Münsteraner wurde ich in eine flache Welt hineingeboren. Münster ist flach, und das ganze Münsterland ist bis auf wenige Ausnahmen flach. » Parklandschaft « sagt man und meint damit ein tellerflaches Gelände mit Gestrüpp. Die Kanalbrücke an der Warendorfer Straße gilt für die gefühlten zehn Millionen Radfahrer der Stadt als unüberwindbares Hindernis, weil man sie mit dem Hollandrad nicht mehr im dritten Gang herauffahren kann. Der Domberg, der den Bischofssitz um eine Handvoll Höhenmeter über den Rest der Stadt erhebt, wird, wenn irgend möglich, umstrampelt. Das hat nichts mit fehlender Religiosität zu tun, eher mit mangelnder Kondition.
Doch als abenteuerlustiges Kind wusste ich mir zu helfen. Im Winter wurden die sanften Hänge der Altstadtpromenade in meiner Vorstellung zu gefährlichen Schlittenabfahrten, die ich mit todesverachtendem Mut hinuntersauste. Mit Gleitschuhen schubberte ich durch die »Todeskurve« und landete mit dem Hintern auf dem Eis des Ententeichs, erleichtert, die Gefahren überstanden zu haben. Ich lauschte schaudernd den Erzählungen der größeren Jungs, die vom mächtigen Schleusenberg im Norden der Stadt berichteten. Und sobald der Schnee geschmolzen war, zog es uns zum Klettern in den Löschteich.
Im Zweiten Weltkrieg war Münster stark bombardiert worden. Daher waren überall in der Stadt Löschteiche ausgehoben, betoniert und mit Wasser gefüllt worden, um nach den Bombenangriffen die Brände besser bekämpfen zu können. So auch in meiner Nachbarschaft. Nach 1945 verschwand das Wasser, aber das Betonbecken blieb. In unserem Viertel warf man einfach ein paar Kubikmeter Sand hinein, um so zumindest den Boden notdürftig zu bedecken. Anschließend wurde eine Rutsche und ein metallenes Gerüst reingesetzt, und fertig war der Spielplatz. Heute würden Waldorf-Pädagogen angesichts eines derart lieblosen Arrangements vor Entsetzen ihre Tonerde fallen lassen und Sicherheitsexperten den tiefergelegten Sandkasten wegen Absturzgefahr weiträumig abriegeln. Aber die Sechziger waren das Jahrzehnt der geburtenstarken Jahrgänge. Ein gewisser Schwund wurde da eben billigend in Kauf genommen. Und wir Kinder haben den Löschteich geliebt.
Dort, an den rostigen Stangen einer Würfelpyramide und den glatten, abweisenden Betonwänden, machte ich meine ersten Erfahrungen mit dem Klettern. Tagelang versuchten wir immer wieder an denselben Stellen heraufzukommen. Jeden Erfolg feierten wir mit großem Jubel, sodass die ganze Nachbarschaft an unseren Heldentaten teilhatte. Der Abstieg war vergleichsweise mühelos. Er erfolgte über dieselbe Route, allerdings auf dem Hosenboden – unseren Lederhosen sei’s gedankt, die wir fern ihrer bayerischen Heimat auch in Münster ganzjährig trugen.
Mein großes Vorbild in jener Zeit war Luis Trenker. Atemlos verfolgte ich abends die Vorträge des österreichischen Alpinisten und Bergfilm-Regisseurs im Fernsehen. Keine Folge von Luis Trenker erzählt durfte ich verpassen. Die kurzen Schwarzweißfilme von Kletterern in den Dolomiten, die er nach langer, prustender Rede zeigte, versetzten mich in eine andere Welt. Trenker war meine Verbindung zu den Bergen, und wenn ich tags darauf am Löschteich die Betonplatten heraufkraxelte, sah ich mich selbst an einer schwierigen Stelle in der Marmolata, dem höchsten Berg der Dolomiten, stecken.

 

Und auch an diesem Klettertag im Herbst sollte mir Luis Trenker den Weg weisen. Mit einem Mal erinnere ich mich an die Erzählung über eine Begehung in den Dolomiten, wo er in luftiger Höhe von einem Felsmassiv zum anderen springen musste, um den Gipfel zu erreichen. Er beschrieb, wie er Anlauf nahm und gemsengleich über den gähnenden Abgrund hinüberschnellte. Ich gehe also einige Schritte zurück und springe mit Schwung in die Wand. Wenn ich mich strecke, kann ich vielleicht den ersten richtigen Halt in dieser Route erreichen, den metallenen Zaunpfosten, an dem der Stacheldraht befestigt ist.

 

Meine Freunde und ich waren das, was man heute in der Kletterszene als »Urban Boulderer« bezeichnen würde, also Menschen, die urbane Bauwerke wie Häuser, Mauern, aber auch Kunstwerke oder Bushaltestellen nicht als Hindernisse wahrnehmen, sondern als klettertechnische Herausforderungen. Wir kraxelten in den letzten noch übrig gebliebenen Kriegsruinen ebenso herum wie in den überall entstehenden, oft noch halbfertigen Neubauten. Betreten verboten, Eltern haften für ihre Kinder – keine Ahnung, was das heißen sollte, und es war uns auch egal. Wir kletterten über Zäune und auf Bäume, erklommen die vergitterten Notausgänge des Kinos um die Ecke und die Laternenpfähle in unserer Straße, um mit einem Ziehen an der kleinen Kette die Gaslampen zu löschen.
Was heute »Buildering« heißt, also das ungesicherte Klettern an Gebäuden, war für uns damals alltäglich und wie heute auch nicht ganz ungefährlich. Eine unfreiwillige Rutschpartie auf dem winterlichen Dach eines Neubaus endete zum Glück am Kamin und nicht drei Stockwerke tiefer in der Baugrube. Unsere Versuche, Glaswolle als Dämpfer für Sprünge aus großer Höhe zu benutzen – Crashpads auf Neukletterdeutsch –, hatten tagelangen teuflischen Juckreiz zur Folge, verhinderten aber unzählige Knochenbrüche. Und schon damals mussten wir mit Behinderungen, ja sogar mit Verfolgung durch die Ordnungskräfte rechnen, auch wenn diese meist nur aus den halbherzigen Versuchen übergewichtiger Stadtgärtner oder kriegsversehrter Kartenabreißer bestanden, uns die Ohren langzuziehen.
Im Falle unseres Löschteichs gingen die Behörden allerdings wenig nachsichtig vor. Denn bereits damals stand in den Amtsstuben der Stadt Münster der Naturschutz hoch im Kurs. Als besonders schützenswert galten dabei wohl die rachitischen Sträucher und blassgrünen Büsche am Rand des Löschteichs, offenbar eine seltene, vom Aussterben bedrohte Spezies. Dieses empfindliche Biotop musste natürlich vor dem Zugriff erbarmungsloser Kinderhände geschützt werden. Das Gestrüpp, das uns bisher als Urwald, Königspalast, Räuberhöhle oder Kletterhilfe am Ausstieg gedient hatte, sollte daher unzugänglich gemacht werden – mit Stacheldraht. Wie gesagt, damals ging man nicht allzu zimperlich mit Kindern um. Zunächst zierte nur eine einfache Umzäunung wie eine Dornenkrone den Rand des Löschteichs. Das brachte den Pflanzen wenig ein, unseren Müttern jedoch erheblich mehr Flickarbeit, weil wir beim Durchstieg oft hängen blieben.
Als Nächstes musste unser Kletterbaum dran glauben, ein alter knorriger Kerl, der wohl schon dort gestanden hatte, als unsere Großeltern auf dem Gelände herumgetollt waren. Der Stamm wies uralte eingeschnitzte Tritte auf, die es sogar Erstklässlern erlaubten, ihn zu besteigen. Auch er wurde von den selbst ernannten Naturschützern verschwenderisch mit Stacheldraht umwickelt, als gälte es, einen Verteidigungsverhau aus dem Ersten Weltkrieg zu übertreffen. Es dauerte nicht lange, bis einer der Erstklässler, nachdem er sich auf Zehenspitzen storchenbeinig über die aufgespannten Drähte bis zum Stamm vorgearbeitet hatte, vom Baum fiel und im Stacheldraht landete. Die meterlangen Streifen Hansaplast an Armen und Beinen, mit denen er einige Tage später wieder auf dem Spielplatz erschien, machten ihn wochenlang zum beneideten Helden des Viertels. ( Warum damals niemand auf die Idee gekommen ist, die Stadtverwaltung wegen Körperverletzung oder etwas Ähnlichem zu verklagen, bleibt eines der vielen ungelösten Rätsel der Sechzigerjahre).
Wenig später kamen die kampferprobten Kriegsveteranen in der Stadtverwaltung auf die glorreiche Idee, den Stacheldraht am Löschteich nicht nur am Ausstieg, sondern auch auf halber Höhe, also mitten in der Wand anzubringen. Bald umschloss ein zweiter Verteidigungsring das Betonviereck, befestigt an etwa 50 Zentimeter hohen Stäben. Natürlich tat auch diese Vorrichtung unserem Klettertrieb keinen Abbruch, vielmehr erhöhte sie nur die Anforderungen, verfeinerte unseren Kletterstil. Nun galt es nicht nur hochzukommen, sondern auch mitten in der Platte »sauber« unter dem Stacheldraht hindurchzusteigen. Und was der Generalstab im Rathaus bei der Planung übersehen hatte: In den schwierigen Routen konnte man mit der gebotenen Vorsicht die einbetonierten Stäbe oder den Draht sogar als technische Steighilfen benutzen.

 

Genau das beabsichtige ich in der »Ecke« zu tun. Ich springe also mit großem Anlauf in die Wand ein, erwische mit drei Fingern den Stab, der den Stacheldraht führt, und ziehe mich daran hoch, während ich mit meinen Füßen rutschend und strampelnd ausreichend Reibung zu erzeugen versuche. Hinter mir gibt Bernd enttäuschte Laute von sich. Ich fühle mich wie der sichere Sieger. Jetzt gilt es nur noch, auf dieser steilen, sandigen Platte unter dem Stacheldraht hindurchzutauchen. Plötzlich scheinen meine Füße so etwas wie Halt gefunden zu haben, und es gelingt mir, meine Schultern durch den schmalen Raum zwischen Draht und Betonwand zu schieben. Doch gerade als ich meinen Arm ausstrecke, um mich abzustützen, rutschen die Sohlen wieder ab, und ich sause nach unten, bis mein Fall abrupt gestoppt wird. Mein Unterarm ist im Stacheldraht hängen geblieben, und meine Füße erreichen daher nicht ganz den sandigen Boden. Wie ein Fisch am Haken hänge ich da mit meinem blutenden Unterarm. Erst die Räuberleiter von Bernd ermöglicht es mir, mich aus den rostigen Stacheln zu befreien.

 

Bis heute ist dies mein schwerster Kletterunfall geblieben (klopf, klopf, klopf auf Holz), und er hat meine Einstellung zum Klettern maßgeblich geprägt. Denn während ich weinend in unsere Wohnstraße einbog, während ich auf dem Weg zum Arzt den Arm waagerecht hielt, obwohl die tiefe Fleischwunde an meinem Unterarm kaum noch blutete, während ich eine Tetanusspritze über mich ergehen ließ, obwohl ich Nadeln so sehr fürchte, dachte ich nur daran, wie das hatte passieren können und was zu tun war, damit ich die »Ecke« das nächste Mal ganz bestimmt schaffen würde.
Während das Medikament seinen Weg aus der Spritze in meine Pobacke nahm, um dort seinen Kampf gegen den Wundstarrkrampf aufzunehmen, versäumte es unser wackerer Hausarzt, mich gegen einen anderen Erreger zu impfen, der mich den Rest meines Lebens plagen sollte : den Wandstarrsinn, die Klettersucht, den Bergsteigerwahn. Ich war angefixt. Das Klettern sollte mich nicht mehr loslassen.

 

 

Die Besteigung des Mount Darup
Oder: Der Sieg des Willens

Da war er dagestanden, dieser Berg, der faszinieren und hypnotisierend auf jeden Menschen wirkt, der irgendein Verhältnis zur Natur hat.
Luis Trenker

Als Bergsteigerregion ist das Münsterland bisher noch ein Insidertipp. Ganz zu Unrecht allerdings. Denn hier steht der Mount Darup, der höchste Berg des Münsterlandes. (In der Sprache der Einheimischen eigentlich Westerberg genannt, hat sich in der internationalen Mountaineering-Szene der Name Mount Darup durchgesetzt.) Und der hat es in sich.
Die steilen, abweisenden Flanken dieses majestätischen Gipfels schwingen sich aus den Baumbergen, dem Dach des Münsterlandes, auf eine imposante Höhe von 187 Meter über dem Meer hinauf. Unter den ernst zu nehmenden Bergsteigern wird der Mount Darup oft in einem Atemzug genannt mit den großen Bergen dieser Erde: Mount Everest, Nanga Parbat, Mount Darup.
Der Name des kühnen Erstbesteigers ist übrigens überliefert, es ist der Bauer Edmund, der vor 850 Jahren auf der Suche nach seiner Kuh Hillary bis auf den Gipfel vordrang. Eine unglaubliche Leistung, besonders wenn man bedenkt, dass sie an einem 29. August vollbracht wurde, also mitten in der Regenzeit, die ja im Münsterland von Anfang August bis Ende Juli dauert.
Seit seiner Erstbesteigung hat dieser geheimnisvolle deutsche Schicksalsberg bereits Generationen von Bergsteigern in seinen Bann gezogen. Und auch mich hat er von klein auf fasziniert. Immer wenn wir zum Kaffeetrinken bei der Großtante in Billerbeck waren oder wenn wir mit den Rädern auf Pättkes-Tour (also auf Pfaden und Wirtschaftswegen) den Baumbergen nur auf Sichtweite nahekamen, um sie dann weiträumig zu umfahren, fragte ich mich, wie es wohl sein mochte, dort oben zu stehen. Als ich aber einmal bei einem Familientreffen von meiner Absicht erzählte, den Mt. Darup zu erklimmen, erlebte ich ein Desaster: Meiner Großtante blieb der Käsekuchen im Hals stecken, meine Mutter begann sofort zu weinen, und mein Onkel goss mir den ersten Schnaps meines Lebens ein: »Hier, trink dat, dann vergisste den ganzen Kokolores. «
Erst mit 20 habe ich mich dann endlich an die Besteigung gewagt. Heimlich, ohne irgendjemandem davon zu erzählen, habe ich mich mit Bernd getroffen, meinem alten Spielplatzkameraden, und wir sind in die Baumberge geradelt. Es wurde dann tatsächlich mein erstes großes Bergabenteuer, und dass ich überhaupt davon berichten kann, grenzt eigentlich an ein Wunder. Ich habe während des Aufstiegs die dramatischen Ereignisse in einem bisher unveröffentlichten Tagebuch festgehalten. Hier meine Aufzeichnungen :

 

Münster, 15. November, 15 Uhr: Mit der Stadt Münster verlassen wir die letzte Bastion der Zivilisation und ziehen nach Westen, in nur wenig erforschte Landschaften, wo die Orte trostlose Namen tragen wie Leer oder Velen. Orte, die oft nur aus wenigen Schweinefarmen bestehen mit nur wenigen Millionen Schweinen.
Im Abendrot erreichen wir das Dorf Darup am Fuße des Mount Darup. Das Leben hier ist sehr einfach. Im einzigen Gasthof gibt es nur eine Sorte Bier. Und schnell merken wir auch, wie unwirtlich es hier ist, denn wir haben große Schwierigkeiten, unsere Zelte im Pensionszimmer aufzuschlagen.

 

Darup, 16. November, am frühen Morgen: Jeder Bergsteiger weiß, wie wichtig es ist, den Gipfel zu erreichen, bevor die Straßenlaternen angehen. Deshalb reißt uns der Wecker schon um elf Uhr erbarmungslos aus dem Schlaf. Wir quälen uns aus den klammen Schlafsäcken.
Doch bevor wir den Berg in Angriff nehmen können, stoßen wir auf ein unerwartetes Problem: Offenbar verstößt es gegen den Glauben der eingeborenen Wirtin, uns nach zehn Uhr ein Frühstück zuzubereiten. Mit ein paar Glasperlen können wir sie aber wenigstens zur vorzeitigen Zubereitung des Mittagessens bewegen. Es gibt »Schniposa«, einen kalorienarmen panierten Fleischfladen mit frittierten Kartoffelstäbchen und Salat.

 

15.35 Uhr, 112 Höhenmeter: Wir verlassen widerwillig den Goldenen Schwan in Darup, wohl wissend, dass dies für sehr lange Zeit das letzte Zeichen menschlicher Zivilisation sein wird. Wir haben andächtig einige der traditionellen Pilsken getrunken, die die Einheimischen hier als Glücksbringer verehren, und ziehen nun eine ordentliche Gebetsfahne hinter uns her. Wir haben uns entschlossen, nicht die relativ einfache Normalroute über die B 12 zu nehmen, sondern die wesentlich gefährlichere Nordostflanke anzugreifen, entlang der Kreisstraße 234. Ein kühnes Unterfangen, aber wir sind guten Mutes. Das Wetter ist stabil. Es regnet.

Georg Koeniger

Über Georg Koeniger

Biografie

Georg Koeniger, geboren 1957, ist seit über 25 Jahren Kabarettist, Regisseur und Autor. Radfahren ist neben Klettern Koenigers zweite große Leidenschaft. Bei Piper und Malik erschienen seine Bücher »Cliffhänger«, »Bis dass die Autotür uns scheidet« und »Trauer ist eine lange Reise«.

Pressestimmen

Neue Zürcher Zeitung (CH)

»In gnadenloser Selbstironie seziert Koeniger die Eigenheiten des Klettersports. (...) Wie in einer Klettertour hangelt man sich nach jeder Schlüsselstelle im Text weiter uns steigt höher und höher. Bis zum nächsten Lachanfall.«

Bayern 1, Rucksackradio

»Nicht nur etwas für Alpinisten, und das obwohl es schon extrem ist – extrem komisch!«

Main-Post

»Es sind höchst amüsante Geschichten, die hier erzählt werden. (…) Koenigers Schreibstil ist locker und witzig, er hat Mut zur Selbstironie, (…) es kullern beim Lesen die Lach-Tränen.«

Bild

»Das Humor-Buch zum Saisonstart.«

Inhaltsangabe

Inhalt

Einstieg

Am Limit im Löschteich

Die Besteigung des Mount Darup

Hüttengaudi

Wanderlieder modern

In der Fränkischen Schweiz

TOP 10 …

Wenn die Halle ruft

Mach zu !

Beim Bouldern

Der Phrasendrescher

In München steht ein Sportkaufhaus

TOP 10 …

Fels vorm Kopf

Der gemeine Knoten

Eine Alpenvereinssitzung

Kletterertypologie

Der Nebelberg

Im Eis

Stau im Klettersteig

TOP 10 …

Draußen zu Hause

Klettertechnik

Klettern in den USA

Im Wettkampf

TOP 10 …

Beinahe auf dem höchsten Berg der Welt

Zum Abstieg

Anhang

Der erste offizielle Spielplatz-Kletterwand-Führer

Glossar

Dank

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