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Chrysaor

Roman

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Chrysaor — Inhalt

Epische Science Fiction vom Co-Autor der »Elfen« James A. Sullivan: Es ist eine Ära des technischen Niedergangs. Die Menschen haben das Sonnensystem besiedelt, doch Misstrauen und Kriege beherrschen weite Teile der Galaxis. Da werden auf dem Planeten Chrysaor die Überreste einer uralten außerirdischen Kultur entdeckt – eine Station unter der Erde, voller rätselhafter Maschinen. Der Fund weckt die Hoffnung auf neuen technologischen Fortschritt. Doch als die Entdeckung bekannt wird, beginnt ein Wettlauf mit der Zeit. Denn während man die Artefakte zu entschlüsseln versucht, rüsten die Bewohner des Uranos-Systems zum Angriff. Sie haben es ebenfalls auf den Fund abgesehen. Um eine galaktische Katastrophe zu verhindern, muss der Pilot Chris das Geheimnis der fremdartigen Technologie ergründen, bevor die Uranosier sich ihrer bemächtigen können. Und dabei stößt Chris auf eine ungeahnte Wahrheit, die das menschliche Verständnis des Universums vollständig verändert ...


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€ 14,99 [D], € 15,50 [A]
Erschienen am 17.03.2016
512 Seiten, Klappenbroschur
ISBN 978-3-492-70403-8
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 17.03.2016
512 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97381-6

Leseprobe zu »Chrysaor«

Ianthe-3

Chris Mesaidon saß zurückgelehnt in seinem Pilotensitz, hatte die Füße auf die Konsole hochgelegt und schaute durch das weite Cockpitfenster hinauf zum zerfurchten Mond Alkestis. Der Trabant des Planeten Admeto strahlte als leuchtende Halbkugel in der Finsternis. »?Frachter Jindao?«, sagte die androgyne Computerstimme der Raumstation. »?Die Ladung ist genehmigt. Fliegen Sie Bucht F-512 an.?« Nichts anderes hatte Chris erwartet. Die Gravitationspanels, die er vom Planeten geholt hatte, wurden im hinteren Teil der Station dringend benötigt.
Chris [...]

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Ianthe-3

Chris Mesaidon saß zurückgelehnt in seinem Pilotensitz, hatte die Füße auf die Konsole hochgelegt und schaute durch das weite Cockpitfenster hinauf zum zerfurchten Mond Alkestis. Der Trabant des Planeten Admeto strahlte als leuchtende Halbkugel in der Finsternis. »?Frachter Jindao?«, sagte die androgyne Computerstimme der Raumstation. »?Die Ladung ist genehmigt. Fliegen Sie Bucht F-512 an.?« Nichts anderes hatte Chris erwartet. Die Gravitationspanels, die er vom Planeten geholt hatte, wurden im hinteren Teil der Station dringend benötigt.
Chris zog die Füße von der Konsole und tippte mit den Fingerspitzen auf dem Display herum. Das Dröhnen der Maschinen drang bis nach vorn ins Cockpit. Behutsam fasste Chris dann die beiden Steuerknüppel, und schon hob er seinen Frachter langsam aus dem Tross der wartenden Schiffe empor.
Es war ihm längst nicht mehr peinlich, dass er gegenüber anderen Wartenden bevorzugt wurde. Er befand sich im hinteren Drittel der Warteschlange, und die Piloten, die eine weniger wichtige Fracht führten, verfluchten ihn bestimmt schon. Nur die automatisierten Frachter würden sich allem ohne Murren unterwerfen. Manchmal fragte sich Chris, wie es wohl zu Zeiten der Künstlichen Intelligenzen gewesen war. Wie hatten die KIs darauf reagiert, wenn andere den Vortritt bekamen?? Gewiss vernünftiger als jeder Mensch.
Vor dem Sammelpunkt, der den Frachtern zugewiesen war, erstreckte sich vor dem blauen Planeten Admeto die Raumstation Ianthe-3 – der Ort, an dem Chris aufgewachsen war und den er mit seinen zwanzig Jahren und nach all seinen Erfahrungen noch immer nicht aufgegeben hatte.
Der lange Rücken der zylinderförmigen Station stand in der Sonne, und in dem unteren Teil, der im Schatten lag, glimmten Tausende Fenster als winzige Lichtpunkte.
Ianthe-3 war eine alte Raumstation, die fast zwei Jahrhunderte lang unter Denkmalschutz gestanden hatte und als eine Variante der O’Neill-Kolonien galt. Früher war sie rotiert, um Schwerkraft zu erzeugen, nun aber war der Denkmalschutz auf Wunsch des Rates längst aufgehoben worden, und die Station stand schon seit Jahren still. Mit den modernen Gravitationssystemen, die eigentlich schon seit mehr als zweihundertfünfzig Jahren im Umlauf waren, hatte man Segment für Segment umgebaut und eine einheitliche Schwerkraft geschaffen. Damit waren sie die größten Nachteile einer rotierenden Station losgeworden. Oben bedeutete auf Ianthe-3 nun nicht länger innen, und unten nicht länger außen. Zudem veränderte sich die Gravitation jetzt nicht mehr, wenn man sich zwischen der Außenwand und dem Zentrum bewegte.
Die Zylinderform war zwar geblieben, doch über die Jahre hatte sich die Station stark verändert. Der Umbau hatte Chris alles genommen und vieles wieder gegeben: Seine Ziehmutter war tot, und seine echten Eltern kannte er nicht. Aber seine bescheidene Wohnung, die seiner Ziehmutter so viel bedeutet hatte, war wieder sein Eigentum?; die Jindao – klein, schwierig zu manövrieren und mit einem miserablen Bordcomputer – gehörte ihm allein. Und wenn er noch eine Weile als Freier Pilot für die Wuchao Corporation flog, würde er sich mit einem kleinen Kredit eines der Wirtschaftsmodule kaufen können, die aus einer Landebucht, einem Lagerraum und einigen Geschäftsräumen bestanden. Davon träumte er.
Auf dem Weg zu Bucht F-512 flog Chris mit seinem Frachter den Rücken von Ianthe-3 entlang und passierte die Stationsmitte. Mit dem Umstieg auf Gravitationspanels unterlag die Form von Ianthe-3 nicht mehr den strengen Zwängen von einst. Nirgends war das deutlicher zu sehen als in diesem Bereich, den die Einheimischen meist Mittstation nannten, der inzwischen aber auch unter dem Namen Ianthe City bekannt war. Chris flog über die Wohnmodule und Unternehmenstürme, die hier emporragten wie die Hochhäuser der gewaltigen Stadt Jamor unten auf Admeto. Bald würde der gesamte Rücken von Ianthe-3 so aussehen wie hier.
Am Rand von Ianthe City schoben sich Lichter in einer breiten Bahn langsam von links nach rechts über den gerundeten Körper der Station. Manche drifteten vor sich hin, andere flogen schneller als die Schiffe über der Stadt. Es waren Wohnmodule. Die schnellen gehörten Leuten, die irgendwohin mussten, dort mit ihrem Modul andockten und direkt aus dem eigenen Bereich den Zielort betraten. Die langsameren Module gehörten vor allem jenen, die die Rotation der Station vermissten und mal den Planeten und das Sprungtor sehen wollten und mal den Mond Alkestis. Je weiter man sich von der Mittstation entfernte, umso langsamer drifteten die Module vor sich hin, bis sich schließlich dem bloßen Auge gar keine Bewegung mehr bot.
Jenseits von Ianthe City herrschte ein scheinbares Durcheinander. Baudrohnen und Lastentransporter sowie die Arbeiter, die in ihren mächtigen Raumanzügen wie Kampfroboter wirkten, waren überall am Werk. Dabei war in diesem Bereich im Inneren der Station bereits alles fertiggestellt, während es draußen mit den Arbeiten weiterging.
Die Bucht F-512 lag im letzten Drittel der Station, das wie nach einem Beschuss durchlöchert wirkte und in dem nur einige Bereiche bereits zugänglich waren. Hier fügten sich eine Handvoll Module aneinander, von denen aus die Bautrupps ihre Arbeit vorantrieben. Chris dockte zwischen zwei anderen Frachtern an einem der Tore an.
Durchs Cockpitfenster konnte er in die hell erleuchtete Kontrollstation hineinschauen. Eine Frau und ein Mann in der grünen Uniform der Wuchao Corporation winkten ihm entspannt entgegen. Den Namen des Mannes hatte er vergessen, falls er ihn denn je erfahren hatte. Er war um die dreißig, trug immer einen offenen Helm und schien abwesend zu sein, als lauschte er über Kopfhörer ständig irgendwelchen Befehlen. Die Frau mit dem hochgesteckten Haar hieß Savina. Sie war ein paar Jahre älter als Chris, jedoch keinesfalls älter als fünfundzwanzig. Ihre Stimme drang hell und klar aus den Lautsprechern. »?Immer mit der Ruhe, Mesaidon?«, sagte sie. Sie hatte einen Hang zu auffallenden Lippenstiften. Diesmal hatte sie Grün gewählt, und ihr Mund, der sich zu einem Lächeln wölbte, passte gut zu ihrer Uniform. »?Du brauchst nicht auszusteigen. Die Roboter entladen bereits.?«
Tatsächlich konnte Chris auf einem der Schirme sehen, wie die klobigen Roboter die rechteckigen Frachtmodule aus dem Heck zogen.
Chris seufzte. »?Ihr wollt mich also nicht an Bord haben???«, fragte er.
Savina lachte. »?Wir würden dich gerne an Bord haben, Mesaidon?«, sagte sie und grinste. »?Aber es kommen eine Menge Schiffe rein. Du kannst da nicht bleiben.?«
»?Na gut.?« Chris atmete durch. »?Aber beim nächsten Mal lasse ich mich nicht davonjagen.?« Dazu war die Versorgung in den Baumodulen zu gut. Bei der letzten Fracht hatte er im Speisesaal essen dürfen. Er hatte sich am Buffet unauffällig den Magen vollgeschlagen. Dabei hatte er andere Piloten gesehen, und sie hatten Blicke getauscht wie Verschwörer, die der gleichen Sache dienten. Ihm ging es um ein Wirtschaftsmodul irgendwo im vorderen Bereich der Raumstation, andere mochten nach ihrem eigenen Schiff, ihrer eigenen Wohnung oder nach etwas anderem streben, wofür es sich zu hungern lohnte.
Savina meldete sich wieder. »?Tut uns leid, Mesaidon?«, sagte sie. »?Deine Geschichten waren unterhaltsam. Als Trostpreis laden wir dein Schiff auf. Das sollte für die nächste Fuhre reichen. Und wir lassen dir in der Lounge in Ianthe City was reservieren.?«
»?Wirklich???«
Savina zuckte mit den Schultern. »?Die da oben wollen irgendwas von dir.?« Das Lächeln schlich sich wieder in ihr Gesicht. »?Vielleicht haben sich deine Geschichten rumgesprochen. Ich habe ja gesagt, dass die in der Logistik einen wie dich brauchen können, aber du wolltest mir nicht glauben. Mach dich also auf was gefasst. Ich schick dir die Zieldaten.?«
»?Danke?«, sagte Chris grinsend. »?Grün steht dir übrigens.?«
Savina strahlte und pustete ihm einen Kuss zu. »?Solltest du auch mal probieren?«, sagte sie mit verführerischer Stimme. »?Bis bald.?«
Während Chris mit dem Frachter ablegte und sich aus der Bucht zurückzog, wunderte er sich über sein Wohlgefühl. Er mochte Savina, aber wirklich interessiert war er nicht an ihr. Er hatte lange kein echtes Interesse an irgendwem gehabt. Aber vielleicht ging es ihr ebenso, und in diesen wenigen Minuten jedes Mal teilten sie einen kleinen Augenblick der Freude.
Der Gedanke an die Absichten der Oberen der Wuchao Corporation machte Chris auf dem Weg nach Ianthe City unruhig. Sie hatten genug Personal und waren sogar über die gesetzlich vorgeschriebene Mindestanzahl der Angestellten weit hinausgegangen. Freie Piloten banden sie nur selten an sich, und dann kamen die meisten aus den größeren Niederlassungen des Unternehmens. Savina schien nur zu spekulieren. Am Ende war es gewiss nur irgendein Job, bei dem er nie wieder ein Cockpit von innen sehen würde – zumindest kein echtes.
Ganz gleich, was die Oberen von ihm wollten – die Annehmlichkeiten im Vorfeld würde er auskosten. Wie das Zentrum einer gewaltigen Stadt oder gar die Hauptstadt eines ganzen Landes war Ianthe City der Ort, zu dem alle hinwollten. Wer in der Mittstation lebte, der hatte es geschafft.
Vielleicht hatte wieder einmal ein ehemaliger Weggefährte seiner Ziehmutter die Finger im Spiel. Viele von ihnen plagte das schlechte Gewissen, das aus einer Zeit stammte, da der Rat über die Veränderungen an der Station entschieden hatte. Chris’ Ziehmutter – Elsara Luhan – hatte sich für bescheidenere Veränderungen eingesetzt und war gescheitert. Und dann hatte sie nach und nach beinahe alles verloren.
Chris war in der Umbauzeit aufgewachsen. Wie bei allen Waisenkindern war der Stationsrat auch bei ihm Pate gewesen und hatte ihn bei einer Pflegemutter untergebracht. Elsara war – wie sie später zugegeben hatte – durch Beziehungen an ihn gekommen. Sie war damals auf der Höhe ihres Erfolges gewesen, ein wichtiges Mitglied des Stationsrates, der Kopf der admetischen Demokraten. Und sie hatte Chris angenommen und etwas Ungewöhnliches getan: Sie hatte ihm stets die Wahrheit gesagt und ihm nie vorgemacht, dass er ihr Kind wäre. Doch dieser Hang zur Wahrheit, den sie auch andernorts pflegte, war ihr schließlich zum Verhängnis geworden.
Elsara war nicht wiedergewählt worden, und ihr Wabenhotel, das nur wenige Jahre später der Renner gewesen wäre, ging pleite. Ihr blieb nur ein kleines Wohnmodul – das Heim, in dem sie mit ihrer Mutter aufgewachsen war und sich aus dem Nichts etwas aufgebaut hatte. Obwohl sie gegen den Umbau der Station gewesen war, musste sie daran mitarbeiten, um zu überleben.
Als Chris zehn war, starb Elsara bei einem Unfall in Segment-9 wegen eines Lecks in der Außenwand. Weil sie in den Tagen ihres Erfolges eine Lebensversicherung abgeschlossen hatte und die Untersuchung einen Selbstmord oder auch nur eine Schuld am Unfall ausschloss, erhielt er 250?000 uranosische Drachmen. Er musste sich einer Prüfung unterziehen, die eigentlich hätte ergeben sollen, dass er unmündig war, doch seine Ergebnisse erstaunten alle. Der Test ergab, dass er mündig und auf dem Stand eines Siebzehnjährigen gewesen war. Das musste offensichtlich ein Fehler sein. Doch ganz gleich, wie oft sie den Test wiederholten, die Fragen änderten und alles analysierten: Es blieb dabei. Er – offensichtlich ein Kind in allen Belangen – galt als mündig. Die Station bot ihm zwar Hilfe an, die er auch immer wieder annahm, aber vor dem Gesetz war er fortan ein Erwachsener.
Er erinnerte sich noch an die Fragen und was sie mit ihm gemacht hatten. Es war, als hätte er einfach Dinge nachgeplappert, die ihm jemand zugeflüstert hatte. Infolge des Schocks wegen des Verlusts seiner Ziehmutter hatte er sich nicht erinnern können, ob sie ihn vielleicht darauf vorbereitet hatte. Und selbst heute wusste er es nicht. Die Diskrepanz zwischen seinem kindlichen Wünschen und Träumen auf der einen Seite und den eiskalten Antworten auf der anderen erschreckte ihn selbst jetzt noch.
Natürlich hatte es in einem Verhängnis enden müssen, dass er, obwohl er eigentlich nicht reif war, ein Vermögen zu verwalten, als mündig galt. Er verschleuderte das Geld, und mit zwölf war er pleite und hätte beinahe seine Wohnung verloren. Eigentlich hatte er sie sogar verloren. Er hatte Steuerschulden, und so pfändete die Station seine Wohnung. Doch sie warfen ihn nicht raus, dabei hätten sie ihn ohne Weiteres der Station verweisen können.
Einige alte Freunde seiner Ziehmutter arrangierten eine Vereinbarung, wonach die Wohnung fortan der Stadt gehörte und er Miete hätte zahlen müssen. Da er aber kein Einkommen hatte, musste er beim Umbau helfen. Er war sich im Klaren, dass er nur deswegen nicht davongejagt worden war, weil das Bild, das alle von Elsara hatten, sich angesichts explodierender Kosten und der vielen Probleme zum Positiven gewandelt hatte. Ihre Befürchtungen, die sie immer ausgesprochen hatte, waren eingetreten. Schuldgefühle verpflichteten die anderen, Chris immer wieder zu helfen.
Er hatte über die Jahre an den verschiedensten Orten der sich wandelnden Station gearbeitet. Und mit ihr hatte auch er sich verändert. Überall schossen jeden Tag neue Herausforderungen empor. Er hatte das Geld verdient, das er zum Überleben benötigte, und hatte das, was übrig gewesen war, in seine Ausbildung gesteckt. Den Pilotenschein hatte er mit vierzehn gemacht, aber niemand war bereit gewesen, ihm ein Schiff anzuvertrauen. Also begnügte er sich mit den Lastentransportern auf den Baustellen, die weit gefährlicher waren als der übliche Frachter, aber erheblich weniger kosteten, wenn sie zu Bruch gingen.
Als die Wuchao Corporation nach Ianthe-3 kam und ihre Testprogramme durchführte, erzielte er beim Pilotenszenario ein gutes Ergebnis und wurde trotz aller Bedenken als Pilot gebucht, nicht aber angestellt. Zuerst als Co-Pilot, nach einem Erdmonat aber bereits als Hauptpilot. Und seither flog er zuverlässig Frachten hin und her, inzwischen mit seinem eigenen Schiff, das die Wuchao Corporation ausgemustert hatte.
Chris zog die Jindao langsam in die Höhe, denn die Zieldaten, die Savina ihm herübergespielt hatte, zeigten an, dass man ihn im Wuchao Tower erwartete. Natürlich hätte er den Flug auch dem Autopiloten überlassen können, doch er hatte gerne selbst die Kontrolle über das Schiff. So dachten die meisten Piloten, denn mit den automatisierten Frachtern, die inzwischen wieder an Boden gewannen, wäre die Übernahme durch den Bordcomputer ein Eingeständnis gewesen, dass er und seinesgleichen nicht mehr gebraucht wurden.
Die Konzerne kontrollierten den Markt und machten voll automatisierte Frachter teuer. Jedes Modul, auf das ein Schiff verzichten konnte, sparte Geld. Und die Steuertechnik und Sensorik, die für ein voll automatisches Schiff nötig waren, kosteten ein Vermögen. Bei kleinen Schiffen lohnte es sich nicht. Zumindest schaffte es Chris immer wieder mit seiner kleinen Jindao, die Anbieter automatisierter Frachter im Preis zu unterbieten. Bei kleinen Lieferungen, die schnell abgewickelt werden mussten, war das ohne Weiteres möglich. Bei größeren Frachten, die lange im Voraus feststanden, konnte sich niemand mit den computergesteuerten Schiffen messen, selbst wenn sich die automatisierten Frachter leicht manipulieren ließen und dadurch immer wieder Ladungen verschwanden.
Computer konnten keine Verantwortung tragen. Die Verantwortung lag immer bei den Besitzern oder – je nach Fall – sogar bei den Herstellern. Unfälle hatten schon große Firmen in den Ruin getrieben. Einem menschlichen Piloten konnte man ganz einfach die Verantwortung auferlegen. Er konnte haften, wenn etwas schiefging?; und am Ende stand dann eine ruinierte Einzelperson und nicht das Unternehmen. Und hätte es nicht die Verpflichtung der Versicherungen gegeben, Piloten wie Chris aufzunehmen, wäre er bei jedem Flug Gefahr gelaufen, sich durch einen Fehler zu ruinieren.
In Zeiten der Künstlichen Intelligenzen war ein solches Risiko noch zu ertragen gewesen, doch seit die KIs sich zurückgezogen und die Menschheit ihrem Schicksal überlassen hatten, war das anders. Die automatisierten Systeme, so hieß es, waren nur noch ein Schatten ihrer selbst.
Ein Summen drang aus den Lautsprechern. »?Chris Mesaidon???«, sagte eine männliche Computerstimme. »?Wuchao Tower, Anlegepunkt 4096. Sie dürfen landen.?«
Chris antwortete nicht. Der Nachteil menschlicher Piloten war, dass sie viel mit Computerstimmen, sogar viel mit automatisierten Stationen, Robotern und Drohnen zu tun hatten. Auch damals, als seine Mutter – seine echte Mutter – am vorderen Teil der Station mit einer gefälschten Schiffs-ID angelegt und ihn in einem Brutkasten in einer Frachtschleuse abgelegt hatte, war dort kein Mensch gewesen, der sie hätte sehen können. Sie hatte die Außenkameras blockiert, und er wusste nur deswegen, dass eine Frau ihn abgesetzt hatte, weil einige Roboter, die die geräumige Schleuse sauber halten sollten, sie gesehen hatten. Die Videos zeigten eine Person in einem körperbetonten Pilotinnenanzug. Chris hatte sich die groben Aufnahmen wieder und wieder angesehen, doch weil seine Mutter einen Helm getragen hatte, war ihr Gesicht verborgen geblieben.
Sein ganzes junges Leben lang hatte er sich gefragt, warum seine Mutter ihn auf der Station ausgesetzt hatte. Er war ihr wichtig genug gewesen, ihn in Sicherheit zu schaffen, und wichtig genug, um ihm einen Namen zu geben. Doch vermutlich war Mesaidon ein falscher Nachname. Es gab zwar Familien mit dem Namen, aber die meisten stammten von der Erde, und jede Recherche in dieser Richtung war im Sande verlaufen.
Die Umstände seiner Ankunft auf Ianthe-3 boten viel Raum zur Spekulation. Aber seine Ziehmutter hatte ihn davor gewarnt, zu laut nach seiner Herkunft zu fragen. »?Vielleicht hat sie dein Leben gerettet und ihres dann geopfert.?« Das hatte Elsara oft gesagt. Manchmal glaubte Chris daran. Aber dann packte ihn wie aus dem Nichts die Wut auf eine Frau, die ihren Sohn einfach auf irgendeiner Station aussetzte und nie wieder Kontakt mit ihm aufnahm.
Chris dockte an dem ihm zugewiesenen Anlegepunkt an und begab sich voller Spannung zur Luke hinab. Er war zwar schon einmal im Wuchao Tower gewesen, jedoch nur unten in der dritten Etage. Hier aber befand er sich im 32.?Stock.
Die Tür ins Gebäude öffnete sich, und Chris trat schnellen Schrittes ein und folgte dem Gang nach rechts. Das Fenster, das sich die Wand entlangzog, lockte Chris’ Blick über den vorderen Teil der Station und dann hinüber zum blauen Planeten Admeto. Er stand beinahe halb im Licht der Sonne – dem Stern Pheres. Die nördliche Hemisphäre war von Wolken bedeckt. Vor sechs Stunden war Chris noch dort gewesen und hatte die Gravitationspanels aus der Fabrik abgeholt. Auf einem echten Planeten zu sein, empfanden andere als schön, für ihn aber blieb es befremdlich.
Er liebte Ianthe-3, denn er liebte abgeschlossenen und geordneten Raum. Der Wildwuchs auf Admeto machte ihm bei aller Schönheit Angst. Der Wind dort unten verwirrte ihn, mehr noch der Regen und das wechselnde Wetter. Er sprach nicht gerne darüber, denn es galt als verkommen, die Künstlichkeit der Natur vorzuziehen. Aber Chris vermutete, dass die meisten, die auf Stationen, Schiffen oder auch nur in isolierten Städten auf Asteroiden, Monden oder unwirtlichen Planeten aufgewachsen waren, hinter der Fassade so fühlten wie er.
Chris folgte dem Gang und schaute immer wieder zu den vorbeifliegenden Schiffen hinaus. Die großen Passagierschiffe, die wie riesige Ansammlungen von Kuppeln aller Größen wirkten, brachten ihn zum Schmunzeln. Obwohl der Umbau längst nicht abgeschlossen war und so viele Frachter und ganze Schwärme von Baudrohnen ständig unterwegs waren, suchten bereits viele Touristen den Weg zu ihnen, um im vorderen Teil der Station oder hier in Ianthe City Urlaub zu machen – mit einem schönen Blick auf Admeto und allem, was das Touristenherz begehrte.
Den hinteren Teil der Anlage kriegten sie nur bei ihrer Ankunft zu sehen, wenn sie in ihren Schiffen vom Sprungtor herkamen. Die Frachter, die vom Planeten kamen, sollten einen Bogen fliegen und sich am Sammelpunkt treffen, um den Blick auf den Planeten nicht zu verstellen. Die großen Schiffe durften sogar erst im letzten Augenblick aus der Höhe über der Station in die Tiefe stoßen und an ihrem Zielort anlegen. Die größten Frachter aber durften sich der Station überhaupt nicht nähern. Nur den kleinen, wie etwa der Jindao, war es gestattet, sich beinahe frei zu bewegen. Sie fielen unter all den Fähren kaum auf.
Ein junger Mann kam ihm entgegen. Er konnte kaum älter als Chris selbst sein, wirkte in seiner grünen Unternehmensuniform aber erwachsener als Chris in seiner groben Kleidung.
»?Chris Mesaidon???«, fragte der Fremde mit sanfter Stimme und streckte ihm lächelnd die Hand entgegen.
Chris nickte und schüttelte dem Mann die Hand. »?Das bin ich?«, antwortete er.
»?Mein Name ist Allard Ryan. Ich arbeite für Bennet Wuchao.?«
»?Für den Chef???« Bennet Wuchao stammte, wie der Name schon sagte, aus der Gründerfamilie der Wuchao Corporation. Dass er das Unternehmen hier auf Admeto und Ianthe-3 vertrat, während der Hauptsitz auf dem Planeten Euryale im Keto-System war, offenbarte deutlich, wie stark die Bedeutung der Familie Wuchao im Unternehmen abgenommen hatte. Doch sobald der Umbau erst einmal abgeschlossen war, mochte sich das ändern.
»?Ich soll Ihnen ein Angebot machen?«, sagte Ryan. Seine schwarzen Augen glänzten, als er den Gang entlangwies.
»?Ein Jobangebot???«, fragte Chris und machte sich an Ryans Seite auf den Weg.
Ryan nickte. »?Ihre Daten müssen in der Zentrale Eindruck gemacht haben. Man möchte Sie nun als Pilot nach Euryale holen.?«
»?Ins Keto-System?? Da herrscht Krieg.?«
Ryan nickte. »?Zwischen den Ketoniden und den Uranosiern, aber nicht zwischen den Konzernen. Die pflegen mit beiden Seiten Abkommen, sodass sie sich im Kriegsgebiet bewegen dürfen. Die Wuchao Corporation ist für das Uranos-System sehr wichtig. Man möchte den Handel nicht zum Stillstand kommen lassen.?«
»?Ja, und im Gegenzug transportieren Sie keine Waffen und anderes Gerät?«, sagte Chris. »?Hab ich zumindest gehört.?«
Ryan nickte, und eine seiner schwarzen Locken fiel ihm in die Stirn. Sofort wischte er sie mit den Fingerspitzen wieder zurück. »?Wir müssen uns nur den Kontrollen unterziehen. Da aber viele andere Unternehmen – vor allem die kleineren – kein Abkommen mit beiden Seiten haben, sind wir und die anderen Großen die Anlaufstelle.?«
»?Verstehe?«, sagte Chris. Im Krieg profitierten die Großen. Und sie konnten sich noch gegenseitig auf die Schulter klopfen, weil sie ja keine Waffen lieferten. Und von den Zivilisten konnten sie sich feiern lassen, weil sie mit Vorräten auf den Planeten landeten. »?Aber vielleicht gefällt es mir hier ja ganz gut?«, sagte er.
»?Die Zentrale möchte Sie für ein halbes Jahr auf der Route Euryale–Medusa einsetzen. Eine Art Test. Ihr Gehalt für dieses halbe Jahr beträgt 50?000 Drachmen.?«
»?Wir reden von Standardjahren.?« Zu oft versuchten Firmen statt der Erdjahre das Jahr eines anderen Planeten zu wählen.
» ?Natürlich Standardjahre – und natürlich uranosische Drachmen?«, erklärte Ryan mit einem schiefen Lächeln. »?Wenn Sie unzufrieden sind, können Sie ja jederzeit wieder in die Selbstständigkeit zurückkehren. Bei Ihrer Statistik sind Ihnen unsere Aufträge sicher.?«
Chris stutzte. »?Das alles kommt ein wenig plötzlich.?«
»?Stimmt. Sie müssen heute noch abreisen.?«
Chris blieb stehen. »?Heute???«
Ryan hielt ebenfalls an und nickte nur ruhig.
»?Warum heute?? Warum ist es so dringend???«
»?Keine Ahnung.?« Ryan zuckte mit den Schultern. »?Das wird Bennet Wuchao Ihnen verraten.?«
Ryan wies auf eine Tür ins Innere. Bevor Chris eintrat, schaute er den Gang weiter entlang und sah durch das Fenster das nächste Schiff, das an den Turm angelegt hatte: ein heruntergekommener Frachter mit weiten Tragflächen –eigentlich zu alt, um noch eingesetzt zu werden. Doch das Schiff schien links und rechts erweitert worden zu sein. Neben dieser schmutzigen Kiste dort wirkte Chris’ Jindao wie eine Perle – und das war sie nicht.
Chris schritt durch die Tür auf einen breiten Gang, auf dem Anzugträger ihrer Wege gingen und ihn – völlig zu Recht – anschauten, als könnte er unmöglich hierher gehören.
Auf dem Weg durch den Gang, der sich um das Zentrum des Geschosses bog, überlegte Chris, welchen Grund der plötzliche Aufbruch haben konnte. So wichtig konnte er doch unmöglich sein. Oder waren seine Statistiken etwa dermaßen gut?? Vielleicht hatte irgendeine Analyse ergeben, dass er für irgendeinen zweifelhaften Job genau der Richtige war. Und in einer solchen Lage musste ein Pilot aufpassen, dass er nicht zum Opfer wurde.
Ein helles Warnsignal schallte über den Gang. Eine Frauenstimme sagte über die Lautsprecher: »?Achtung, Achtung?! Die Station steht unter Beschuss.?« Die Leute blieben stehen, auch Chris hielt an und schaute in Ryans fassungslose Miene. »?Ianthe City wird evakuiert. Nutzen Sie einen der Aufzüge, um ins Innere der Station zu gelangen, oder lassen Sie sich mit einer Fähre an einen anderen sicheren Ort bringen.?«
»?Bestimmt nur eine Übung?«, sagte ein schmächtiger Mann neben Ryan und winkte ab.
»?Dies ist keine Übung?!?«, sagte die Stimme, nur um dann die Informationen zu wiederholen.
Die Leute machten sich hastig auf den Weg zu den Aufzügen.
Ryan stand wie angewurzelt da. »?Dann ist es also doch wahr.?«
»?Was ist wahr???«, fragte Chris, während es um sie herum immer lauter wurde.
Ryan blinzelte. »?Wir erhalten seit einigen Stunden Warnungen vor einem feindlichen Angriff?«, rief er gegen den Lärm der redenden und rufenden Menschen an.
»?Und das haben Sie nicht ernst genommen???«, fragte Chris.
» ?Wenn Sie all die Bombendrohungen und all die ach so wichtigen Warnungen hören würden, die hier täglich ankommen?!?« Er wies zu der Menschentraube, die sich vor den Aufzügen gebildet hatte. »?Ich kann uns einen der Spezialtransporter öffnen. Da können wir noch einige mitnehmen.?«
Chris hob die Hand. »?Ich kehre lieber zu meinem Schiff zurück.?«
»?Tut mir leid?«, entgegnete Ryan und verschwand in der Menge.
Chris bot einer Gruppe Unentschlossener an, sie auf seinem Frachter mitzunehmen, doch sie musterten ihn nur und antworteten ihm nicht einmal. Nur eine Person blieb stehen, während die Menschen an ihr vorüberhasteten, als wäre sie gar nicht da. Chris musste genau hinschauen, um sie zwischen den Leuten auszumachen. Eine Frau mit gewelltem Haar und geschwungenen Lippen stand dort wie festgewurzelt in der sich verdichtenden Menge und rührte sich nicht.
Chris sprach sie an, doch sie reagierte nicht. Offenbar stand sie unter Schock.
Der Ruf eines Mannes ließ Chris herumfahren. Er hielt die Tür zum Treppenhaus auf und winkte die Leute herbei.
Chris wandte sich wieder um, doch die Frau, die ihn als Einzige eines zweiten Blickes gewürdigt hatte, war fort. Er blinzelte, schaute sich um, aber von ihr war keine Spur mehr zu sehen. Offenbar war sie aus ihrer Starre erwacht und hatte sich mitreißen lassen.
Da sich niemand für die Flucht auf seinem Schiff interessierte, kehrte Chris allein auf den äußeren Gang zurück und blickte ins All hinaus. Die Frachter und Passagierschiffe bewegten sich rasch nach links, dem Planeten entgegen. In der Ferne aber näherte sich eine breit aufgefächerte Flotte. Ein Strom an kleinen Schiffen und Kampfdrohnen zog sich rechts vom Sprungtor bis zum Hauptheer hinüber. Das waren nur winzige Objekte, aber Chris kannte sie aus den Simulationen.
Einzelne Jäger schwärmten bereits vor der Flotte aus. Auf halbem Weg zu den Angreifern erstrahlten unzählige Lichtpunkte. Die Projektile verglühten dort am Schutzschild der Station und ließen diesen wie einen gigantischen Glitzervorhang erscheinen. Die meisten Schiffe, die sich nicht schnell genug unter den Schild hatten retten oder aus der Schussbahn hatten fliehen können, standen unter Feuer. Die ersten waren bereits zerstört, und im Staub der Trümmer wurde ein feines Netz aus rötlichen Strahlen sichtbar, das sich wieder und wieder neu zu schaffen schien.
Zuerst dachte Chris, es wären Reste der zerstörten Schiffe – Strahlung, die vom Antrieb stammte. Doch dann erinnerte er sich an die Erzählungen der Kampfpiloten. Im Simulator war er oft Kampfeinsätze geflogen, doch die modernen Systeme hatten immer das visualisiert, was dort draußen ohne Unterstützung eines Bordcomputers nur durch den Staub sichtbar wurde – Laserwaffen. Was er sah, mussten die Ziellaser sein. Die Waffenlaser arbeiteten im Infrarotbereich und waren unsichtbar. Nur mit dem Schutzschild reagierten sie so sehr, dass sie sich als grelle Punkte, kaum größer als die der Projektile, manifestierten.
Eine Erschütterung und ein Grollen von tief unten, gefolgt von einem Erzittern des Bodens, riss Chris aus seiner Starre. Er hatte das Gefühl, den Halt zu verlieren, und stützte sich an der Scheibe ab.
Da zischte ein kantiger Jäger direkt vor ihm vorüber. Es war ein Schiffstyp mit Tragflächen, der auch in der Atmosphäre operieren und auf Planeten landen konnte, ohne irgendeine Antigrav-Einheit. Die Markierung auf der Seite des Schiffes zeigte ein Schwertlogo. Die Uranosier?! Einige von ihnen waren bereits diesseits des Schildes. Sie konnten nur vor dem Angriff hindurchgeschlüpft sein – bevor die Station die Schilde hochgefahren hatte.
Als ein weiterer Jäger vorbeiflog, gefolgt und beschossen von zwei der kugelförmigen Wachschiffe der Station, setzte Chris den Weg zu seinem Frachter fort. Immer wieder geriet er nach einer Erschütterung ins Taumeln und musste sich abstützen?; und immer wieder wurde sein Blick ins All hinausgezogen.
Gewaltige Lichtflächen bildeten sich auf dem Schild. Die Uranosier brachten größere Waffen zum Einsatz. Es war kaum noch zu erkennen, was jenseits des Schildes lag. Chris glaubte aber, den glühenden Antrieb von Raketen zu erkennen. Der Schild würde nicht mehr lange halten. Von den neuen Generatoren war bis dato nur eine Handvoll fertig. Zwar verfügte jeder einzelne von ihnen theoretisch über unbegrenzte Energie aus dem Tiefenraum, doch sie überhitzten bei übermäßiger Beanspruchung. Dann würden sie auf den nächsten Generator umschalten. Wenn sie Glück hatten, waren bereits acht einsatzbereit: acht von vierundsechzig, die sie am Ende anstrebten und die viele – auch Chris – für völlig übertrieben gehalten hatten.
Chris war nur gut dreißig Meter von seinem Schiff entfernt, als der Schild draußen ins Flackern geriet und einfach verschwand. Rote Lichtpunkte tanzten die Wände herab. Chris erstarrte und blickte ungläubig nach draußen. In der Staubwolke der zertrümmerten Schiffe konnte er sehen, dass die Ziellaser sich nach unten richteten.
Chris machte einen Schritt, und unter ihm traf etwas besonders heftig auf die Station. Er wurde gegen die Wand geworfen und richtete sich sofort wieder auf. Projektile prasselten gegen die Scheibe und ließen Flecken für Flecken trüb werden.
Schwankend lief Chris weiter. Sein Schiff lag keine zwanzig Meter entfernt vor ihm?; er konnte es durch die noch klaren Teile der Scheibe sehen. Die Jindao lag ruhig an der Anlegestelle, doch sie splitterte bereits unter dem Beschuss. Als rote Lichtpunkte sich auf dem Schiff sammelten und dann mit einem Blitz und einer Erschütterung verschwanden, blieb Chris stehen. Die Jindao war verloren, denn die Laser hatten sich durch ihre Außenwand gefressen. Das Schiff, für das er so hart gearbeitet hatte, war dahin.
Er wandte sich um und machte sich auf den Rückweg zu den Aufzügen. Die Wut über den Verlust seines Schiffes stieg ihm zu Kopf, trieb ihn aber auch an. Er hatte den halben Weg zur Tür ins Innere zurückgelegt, als es hinter ihm knallte, klirrte und rauschte. Die Scheibe war geborsten. Sofort schloss sich eine Zwischentür und riegelte keine vier Meter hinter ihm den Gang ab.
Atemlos und entsetzt lief Chris weiter. Vier Meter – wäre er langsamer gewesen, wäre er jetzt tot.
Eine gewaltige Erschütterung hinter ihm ließ ihn vermuten, dass es um seine Jindao endgültig geschehen war. Ein Blick über die Schulter, und er sah nur die geschlossene Tür.
Vor ihm standen die Scheiben weit weniger unter Beschuss, und er konnte kurz vor der Tür ins Innere durch klare Stellen im Fenster das andere Schiff erkennen, dieses heruntergekommene Etwas, das er bereits bei seiner Ankunft gesehen hatte. Es wurde nicht getroffen?; die Geschosse prallten kurz davor ab. Offenbar war jemand an Bord und hatte die Schilde angeschaltet. Oder das System war so programmiert, sie bei einem Beschuss selbst hochzufahren.
Ganz gleich, was dort war, er würde keinen Augenblick länger auf dem Außengang bleiben und darauf warten, dass die Scheiben brachen und das Schutzsystem ihm den Ausweg abschnitt.
Er lief durch die Tür und war entsetzt angesichts dessen, was er dort im Inneren fand. Einige Wände waren zusammengebrochen. In manchen Räumen schlugen die Flammen bis zur Decke. Die Warnlampen und die sich abwechselnden Ansagen bewiesen, dass es schlecht stand. Die Menschen waren alle fort – bis auf einen: Ein groß gewachsener Mann kam ihm entgegen.

James A. Sullivan

Über James A. Sullivan

Biografie

James A. Sullivan wurde 1974 in West Point (Highlands, New York) geboren und wuchs in Deutschland auf. Er studierte Anglistik, Germanistik und Allgemeine Sprachwissenschaft an der Universität Köln. Gemeinsam mit Bernhard Hennen schrieb er einen der erfolgreichsten Fantasyromane aller Zeiten, »Die...

Medien zu »Chrysaor«

Pressestimmen

literatopia.de

»›Chrysaor‹ ist eine actionreich inszenierte Space Opera mit sympathischen Protagonisten, fiesen Antagonisten und mystischen Geheimnissen, deren Enthüllung man kaum erwarten kann. (...) ungemein spannend«

phantastiknews.de

»mit dem Band präsentiert sich ein Buch, das den Vergleich zu modernen Space-Opera-Titeln nicht scheuen braucht, der bestens unterhält und Appetit auf mehr weckt.«

Multimania

»›Chrysaor‹ ist ab Seite eins spannend und zieht den Leser in eine realistische Zukunftsfantasie. (...) epische Science-Fiction«

Bielefelder

»Klassische SF-Klischees, charmant neu sortiert.«

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