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Cassiopeia 2Cassiopeia 2

Cassiopeia 2

Das Geheimnis der Friesenpferde

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Cassiopeia 2 — Inhalt

Die 14-jährige Juna und ihr Pferd Merlin sind stolz darauf, Teil der großen Pferdeshow »Cassiopeia« zu sein. Um Werbung für »Cassiopeia« zu machen, trifft Juna sich in einer Ferienwoche mit ihren Freunden und dreht einen Trailer für die Show. Doch während eines gemeinsamen Wanderritts entdeckt Juna einen Reiterhof, auf dem etwas nicht zu stimmen scheint. Die edlen Friesenpferde, die dort leben, verhalten sich ängstlich und aggressiv. Was ist mit ihnen los? Für Juna und ihre Freunde ist klar: Sie müssen den Pferden helfen. Doch welches Geheimnis verbirgt sich wirklich auf dem Hof der Friesenpferde? Kann Juna das Vertrauen der scheuen Tiere gewinnen? Und was verheimlicht der berühmte Dressurreiter Heiko Ahlers, dem die Friesen gehören?

€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 02.10.2018
224 Seiten, Hardcover
EAN 978-3-492-70488-5
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 02.10.2018
224 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99232-9

Leseprobe zu »Cassiopeia 2«

1. Kapitel

Ein aufregendes Wiedersehen

 

»Okay. Die Pferde sind drin!«, rief Frau Schröder ihrem Sohn Linus und mir zu und schloss die Laderampe des Pferdeanhängers. Sie verriegelte die Klappe an der einen Seite, ich übernahm die andere. Dann warfen wir einen Blick durch das kleine Fenster des geräumigen Hängers. Linus’ Stute Fairy und mein Wallach Merlin standen ruhig nebeneinander und knabberten gemeinsam an dem Heunetz, das vor ihren Köpfen hing. Sie wirkten ganz entspannt. Hänger fahren machte ihnen längst nichts mehr aus, auch wenn die Fahrt [...]

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1. Kapitel

Ein aufregendes Wiedersehen

 

»Okay. Die Pferde sind drin!«, rief Frau Schröder ihrem Sohn Linus und mir zu und schloss die Laderampe des Pferdeanhängers. Sie verriegelte die Klappe an der einen Seite, ich übernahm die andere. Dann warfen wir einen Blick durch das kleine Fenster des geräumigen Hängers. Linus’ Stute Fairy und mein Wallach Merlin standen ruhig nebeneinander und knabberten gemeinsam an dem Heunetz, das vor ihren Köpfen hing. Sie wirkten ganz entspannt. Hänger fahren machte ihnen längst nichts mehr aus, auch wenn die Fahrt manchmal lang wurde.

Linus und ich nickten uns zu. Dann öffneten wir die hinteren Autotüren – Linus links, ich rechts – und krochen beide auf den Rücksitz.

»Will niemand von euch vorne sitzen?«, fragte Frau Schröder verwundert.

»Heute nicht«, antwortete Linus. »Juna und ich haben noch ein paar wichtige Sachen zu besprechen.«

Wir schnallten uns an und schauten gemeinsam auf die Einladung, die Linus aus seinem Rucksack geholt hatte.

»Ihr trefft euch doch jeden Tag«, wunderte sich Frau Schröder. »Gibt es irgendetwas, was ihr noch nicht besprochen habt?«

Linus und ich lachten. Seine Mutter hatte ja recht. Linus und ich waren die besten Freunde der Welt und wir waren tatsächlich jeden Tag zusammen. Wenn die Schule zu Ende war, trafen wir uns entweder am Gestüt meiner Eltern, wo Merlin stand, oder auf dem Lindenhof nebenan, der den Schröders gehörte und auf dem Linus’ Fairy untergebracht war. Dann kümmerten wir uns zusammen um unsere Pferde. Manchmal gingen wir auf den großen Reitplatz, oder wir ritten aus. Dabei redeten wir über Gott und die Welt, über Pferde, über Beziehungen und immer wieder auch über die Gruppe Cassiopeia, mit der wir ein unglaublich aufregendes Abenteuer erlebt hatten. Die Gruppe hatten wir bei einem Casting für die Pferdeshow Cassiopeia kennengelernt, und gemeinsam hatten wir schwere Prüfungen bestehen müssen. Das hatte uns fest zusammengeschmiedet und wir hatten zuletzt eine großartige Show aufgeführt. Heute würden wir endlich alle aus der Gruppe wiedersehen: Henry und Madita, Emma und Samuel, und natürlich auch die Pferde Thessa, Filou, Duke und Smoky. Außerdem würden wir der Crew wieder begegnen, die uns bei der Cassiopeia-Show begleitet hatte: Jacob Cordes, Ilyas van Hees, Karina Demski und die muffelige Sheila Brown.

Der Gedanke, diesem Team bald wieder gegenüberzustehen, machte mir Herzklopfen. Besonders wenn ich an Jacob dachte, machte mein Herz undefinierbare Hüpfer, die sich eher nach Boxhieben gegen den Magen als nach Schmetterlingsflügelschlagen anfühlten.

»Hast du eigentlich noch etwas von Emma gehört?«, fragte ich Linus.

»Klar. Sie ist auf dem Weg«, entgegnete Linus und schaute verliebt auf sein Handy.

Linus und Emma hatten sich bei unserem letzten Abenteuer wahnsinnig ineinander verliebt. Das hatte mir erst furchtbar wehgetan, weil Linus doch eigentlich mein bester Freund war und ich mich erst an den Gedanken gewöhnen musste, ihn mit einem anderen Mädchen zu teilen. Aber da ich auch Emma sehr gerne mochte, hatte ich es schließlich akzeptiert. Daran war sicherlich auch Jacob nicht unschuldig, denn irgendwie hatte ich mich ein bisschen in ihn verliebt, obwohl er der komplizierteste Mensch war, den ich mir vorstellen konnte.

Linus drehte den Brief um, den er in den Händen hielt, und las den Text vor:

 

Lieber Linus,

unser Cassiopeia-Team trifft sich zu einem neuen Event, bei dem auch Du nicht fehlen darfst. Wir werden einen Trailer für die neue Show drehen. Anschließend haben wir für Euch einen sechstägigen Ausritt von Reiterhotel zu Reiterhotel geplant. Wir erwarten Dich am Montag, den 28. September um 15 Uhr in der Reitsportanlage Langenberg. Bitte bring auch Dein Pferd Fairy und Dein Reitzubehör mit. Wir freuen uns auf Dich.

Ilyas van Hees, Karina Demski, Jacob Cordes und Sheila Brown

 

 

Auch mein Wallach Merlin und ich hatten diese Einladung erhalten, nur dass sie eben an mich und Merlin gerichtet war.

Meine Eltern waren nicht sehr begeistert darüber, dass ich in den Herbstferien nicht bei ihnen blieb. Meine Mutter war Reitlehrerin an dem Gestüt, auf dem wir lebten, und in den Ferien gab es immer viel zu tun. Aber ehrlich gesagt konnte ich es kaum abwarten, mich in ein neues Cassiopeia-Abenteuer zu stürzen.

»Kinder? Hört ihr mich?«, rief Frau Schröder nun ungeduldig. »Ihr müsst mir mal die Adresse sagen, sonst verfahre ich mich noch.«

»Reitsportanlage Langenberger See in Langenberg«, las Linus vor.

Seine Mutter tippte alles in das Navi. Dann wartete sie einen Augenblick.

»Zweieinhalb Stunden«, seufzte sie dann. »Das ist ja nicht gerade um die Ecke.«

»Wir haben es immer noch besser als Emma«, erinnerte Linus sie. »Die fährt bestimmt drei Stunden.«

»Sie haben das Treffen so gelegt, dass es für alle innerhalb von zwei bis drei Stunden zu erreichen ist«, sagte ich. »Henry kommt aus der Nähe von München, Emma kommt aus dem hohen Norden. Madita wohnt in Köln. Samuel kommt aus der Nähe von Dresden, oder?«, versuchte ich mich zu erinnern.

Linus nickte. »Und das Organisationsteam wohnt in der Nähe von Berlin, oder?«, überlegte er und sah mich nachdenklich an.

Ich nickte. Ja, Jacob wohnte im Umland von Berlin, das wusste ich. Aber wo genau er lebte, hatte er mir nicht gesagt.

Nach unserer letzten Cassiopeia-Aufführung hatte er mich liebevoll in den Arm genommen und ich hatte das Gefühl gehabt, dass ich ihm sehr viel bedeutete. Dann aber war er in der Versenkung verschwunden und hatte meine Mails, Anrufe und Handynachrichten unbeantwortet gelassen. Das hatte mir sehr wehgetan. Erst mit dem Brief des Cassiopeia-Teams hatte er sich gemeldet.

Wir haben lange nichts voneinander gehört. Ich freue mich sehr auf dich, hatte er überraschenderweise als handschriftliche Notiz unter dem Brief notiert. Als ob es an mir gelegen hätte, dass wir keinen Kontakt zueinander gehabt hatten. Trotzdem hatte mich dieser Satz umgehauen. Ich hatte ihn wieder und wieder gelesen. Vielleicht bedeutete ich Jacob ja doch etwas. Ich wagte es kaum, daran zu glauben.

»Freust du dich auf Emma?«, fragte ich Linus leise.

Der lachte und seine Augen strahlten. »Was für eine Frage. Ich kann es kaum erwarten sie wiederzusehen«, sagte er.

Emma und Linus hatten viel telefoniert, geskypt, Nachrichten geschrieben und was man sonst noch so macht, wenn man verliebt ist und in Kontakt bleiben will – zumindest, wenn man nicht so einen komplizierten Typen wie Jacob Cordes erwischt hatte.

»Linus, guck mal nach rechts, ob frei ist«, rief Frau Schröder Linus zu.

Linus und ich sahen uns um und blickten auf die Autobahnspur.

»Ist frei«, antworteten Linus und ich wie aus einem Munde.

Linus’ Mutter setzte den Blinker und fuhr auf die Autobahn.

 

»Reitsportanlage Langenberger See, da war das Schild!«, rief Linus. »Es geht da hinten rechts ab!«

Seine Mutter blinkte und bog ab. Linus und ich schauten neugierig nach draußen. Hinter einigen Häusern wand sich eine Straße in ein Tal hinein, an dessen Ende wir eine tolle Reitanlage sahen.

»Das ist aber vornehm«, staunte Frau Schröder. »Hast du die neue Jeans eingepackt, die ich dir gekauft habe, Linus?«

Linus grinste. »Jeans? Ich habe sogar meinen Konfirmationsanzug und die Krawatte mitgenommen, falls wir einen schicken Cocktailabend machen.«

Jetzt war Frau Schröder so verblüfft, dass sie sich zu Linus umschaute und ihr Wagen einen leichten Schlenker machte.

»Hast du nicht, oder?«, fragte ich.

»Hab ich doch«, meinte Linus.

»Welche Farbe hat die Krawatte?«, fragte ich.

»Blau«, sagte Linus.

»Du lügst«, sagte ich. »Sie war grau.«

Jetzt lachten wir beide. War doch klar, dass wir nur Reitsachen dabeihatten. Nur für den unwahrscheinlichen Fall aller Fälle, dass ein Discoabend geplant war, hatte ich eine normale Jeans und ein schwarzes langärmliges T-Shirt mitgenommen.

Frau Schröder bog nun auf den großen Reiterhof ein und fuhr ihr Auto in eine große Parklücke vor dem Stall.

»Wow! Ein Round Pen. Und die Reithalle sieht ziemlich groß aus«, staunte sie.

»Das Hotel macht auch einen guten Eindruck«, meinte ich. »Schwimmbad, Sauna – alles, was man braucht.«

»Ihr sitzt doch sowieso den ganzen Tag auf euren Pferden«, seufzte Frau Schröder. »Euch braucht man doch nur ein Bett in den Pferdestall zu stellen.«

Und ehrlich gesagt hatte sie damit eigentlich recht.

Jetzt sah ich ein Mädel aus der Eingangstür des Hotels kommen. Lange dunkelbraune Haare mit ein paar gefärbten rötlichen Strähnen.

»Madita!«, riefen Linus und ich gleichzeitig.

Madita sah sich nach uns um. Ihre Haare flogen, ihr ganzer Körper lachte. Sie trommelte wie wild auf das Dach des Autos, bis Linus und ich die Autotüren aufrissen. Madita fiel mir um den Hals.

»Ich werde verrückt. Das ist Wahnsinn!«, rief sie. »Einer nach dem anderen kommt hier in diesem Kaff an. Ich kriege mich nicht mehr ein.« Sie drückte mir einen Knutscher auf die Wange. »Du wirst auch nicht dicker!«, sagte sie und gab mir einen Klaps auf den Po. Dann rannte sie zu Linus und küsste ihn ebenfalls. »Lass das aber nicht Emma sehen!«, sagte sie.

»Ist sie da?«, rief Linus und seine Augen leuchteten.

»Schon seit einer Stunde. Sie steht am Fenster und drückt sich die Nase platt«, grinste Madita.

»Oh«, machte Linus nur. Dann rannte er die Eingangstreppe des Hotels hoch.

Christel Schröder und ich starrten ihm nach.

»Soll ich die Pferde jetzt ganz alleine aus dem Hänger holen?«, rief sie hinter Linus her. Aber der reagierte gar nicht mehr.

»So ist das mit den Jungs«, erklärte Madita. »Wenn die ein Mädel in die Birne kriegen, sind sie nicht zu stoppen.«

»Na ja, er ist eben hin und weg von diesem Mädchen«, sagte Frau Schröder und sah nun etwas bekümmert zu mir herüber. »Sonst lässt er mich nie mit seiner Arbeit sitzen.«

Kaum hatte sie den Satz zu Ende gesagt, tauchte Linus schon wieder an der Tür auf, mit Emma an der Hand. Hinter den beiden waren Henry und Samuel zu sehen.

»Hi, Magermilchmädchen«, spottete Samuel und kam auf mich zu. »Schön, dich zu sehen!«

Magermilchmädchen – so hatte mich der blöde Fürst von Tannenberg genannt, als es mir im Sommer nicht gelungen war, das große, schwere Tor zum Innenhof seines Schlosses zu öffnen, in dem er eine Pferdeherde gefangen gehalten hatte.

»He, etwas mehr Respekt bitte!«, gab ich zurück. »Ich habe in der letzten Zeit täglich an meinem Bizeps gearbeitet.«

»Oh, das sehe ich!«, tat Samuel beeindruckt und drückte mir in meine dünnen Arme. Wir lachten und umarmten uns innig, dann reichte Samuel mich an Henry weiter, der mich ebenfalls fest an sich drückte. Auch Emma und ich lagen uns in den Armen. Es war schön, alle wiederzusehen.

»Die Crew ist auch schon da«, berichtete Henry. »Karina und Ilyas sind in der Hotellobby und bereiten unser Treffen vor. Sheila kommt erst zur Premiere und Jacob …«

Ich muss wohl ein gespanntes Gesicht aufgesetzt haben, denn ich merkte, dass Madita mich mit ihrem scharfen Blick musterte. Ihr war natürlich nicht entgangen, wie sehr ich mich auf ihn freute.

»Jacob ist natürlich im Stall«, fuhr Henry fort.

»Ah, toll«, sagte ich und bemühte mich um ein unbeteiligtes Gesicht. Ich war mir aber nicht sicher, ob es mir gelang, meine Gefühle zu verbergen.

Frau Schröder hatte in der Zwischenzeit die Laderampe des Hängers heruntergeklappt. Jetzt führte sie Merlin behutsam aus dem Hänger. Ich nahm ihn ihr ab.

»Danke, Christel«, sagte ich. »Wo ist der Stall?«

Madita zeigte auf die Stalltür und lächelte dabei.

»Er freut sich bestimmt«, raunte sie mir nach.

 

Als ich mit Merlin die Stallgasse betrat, hatte Jacob mir den Rücken zugedreht. Er war damit beschäftigt, Stroh in einer Box zu verteilen. So leise ich konnte – ganz leise ging es leider nicht, denn Merlins Hufe waren frisch beschlagen – schlich ich an Jacob heran.

»Da bist du ja endlich, Juna«, sagte er, ohne sich umzudrehen. Das war typisch für ihn. Er konnte mich mal wieder in seinem Rücken spüren.

»Woher weißt du, dass ich es bin?«, knurrte ich.

Jacob lachte. Ohne sich umzudrehen sagte er: »Das wäre ja wohl armselig, wenn ich dich nicht bemerken würde.«

»Aber spürst du auch, dass ich meine Haare cyanblau gefärbt habe?«, fragte ich.

Mit einem Ruck flog Jacobs Kopf zu mir herum.

»Reingelegt«, sagte ich.

Jacob lachte. Kleine Lachfalten umrandeten seine Augen.

»Natürlich hätte ich das gespürt«, behauptetet er. »Dann wären kleine blaue Pfeile durch mein Herz geschossen.«

Jetzt lachten wir beide. Jacob stellte die Heugabel an die Seite und kam auf mich zu.

»Willkommen, Juna!«, sagte er. »Ich freue mich schon auf dich.«

Seine Arme umschlangen mich. Ganz fest drückte er mich an seinen warmen und weichen Pullover. Ich hörte sein Herz schlagen. Seine innige Umarmung nahm mir fast den Atem. Dann fasste er mich an den Armen und schob mich ein Stück von sich fort. Wir schauten uns an. Seine Augen hatten diesen unglaublichen Glanz, dieses ungeheuerliche Strahlen, das mich immer so fasziniert hatte.

Nun fuhr er mir behutsam mit beiden Händen über das Gesicht, klemmte dabei meine Haare links und rechts hinter meine Ohren. Für einen Moment dachte ich, dass er mich küssen würde. Darum schloss ich kurz meine Augen. Aber er küsste mich nicht und so öffnete ich sie wieder und war einen Moment lang verwirrt. Noch immer schaute er mich an. Er lächelte jetzt und seine Daumen streichelten meine Wangen. Dann schob er mich von sich.

»Ich habe Merlins Box schon fertig gemacht«, sagte er. »Stell ihn hier rein, ja?«

Er nahm mir Merlins Strick aus der Hand und führte Merlin in die Box. Ich musste zugeben, dass ich irgendwie enttäuscht war. Überrascht, enttäuscht und auch verletzt. Was war zwischen uns? Wie passten dieses »Ich freue mich auf dich« und der liebevolle Blick mit dem geschäftsmäßigen »Stell dein Pferd hier rein« zusammen? Hatten wir jetzt eine Beziehung oder nicht? Liebte er mich eigentlich? Sein Verhalten irritierte mich.

»Jacob? Bist du hier?«, hörte ich nun Linus’ Stimme.

Ich sah Jacob an, wie erleichtert er war, dass er nicht mehr mit mir alleine war.

»Ich bin hier, Linus«, rief er und trat aus Merlins Box. »Komm rein. Ich habe für Fairy die Box neben Filou fertig gemacht.«

»Gute Idee«, lachte Linus.

Filou war Emmas Pferd. Jacob hatte also daran gedacht, dass Emma und Linus gerne zusammen waren. Merlin dagegen hatte er zwischen Duke und Thessa gestellt, sodass ich Samuel und Henry als Nachbarn hatte. Jacobs Friesenstute Bjalla stand am anderen Ende der Stallgasse neben Maditas Pferd Smoky. Er hatte also einen großen Abstand zwischen uns eingerichtet. Seltsam.

Linus warf mir einen fragenden Blick zu. Er bemerkte sofort, dass ich irritiert war, und so sah auch er plötzlich traurig aus.

Alles okay?, fragten seine Augen.

Ich zuckte die Achseln. Die erste Begegnung mit Jacob hatte ich mir schöner vorgestellt.

 

Wir verabschiedeten uns von Frau Schröder und ließen uns dann unsere Zimmer zuweisen. Madita, Emma und ich bekamen ein Dreibettzimmer, das sehr groß war. Die Betten waren in verschiedenen Ecken angeordnet, damit jeder von uns einen privaten Bereich hatte. Trotzdem hätte ich alles dafür gegeben, jetzt ein Einzelzimmer zu besitzen. Ich hätte zu gerne über die seltsame Begegnung mit Jacob nachgedacht.

Es klopfte an der Tür und Karina Demski steckte ihren Kopf ins Zimmer.

»Seid ihr fertig? Wir wollen uns in der Reithalle zur ersten Besprechung treffen«, sagte sie.

Wir nickten. Ich stellte meinen Koffer ungeöffnet in die Ecke. Im Moment hatte ich überhaupt keine Lust, meine Sachen auszupacken. Emma und Madita dagegen hatten ihre Schränke schon gefüllt und ihre Waschsachen im gemeinsamen Badezimmer verteilt.

»Ist etwas mit dir?«, fragte mich Madita neugierig. Ihr war nicht entgangen, dass mein Treffen mit Jacob nicht so gut verlaufen war. Auch Emma sah mich fragend und ein bisschen mitleidig an.

»Alles gut«, sagte ich schnell. »Ich bin nur ein bisschen müde.«

Aber ich wusste, dass mir das niemand glaubte.

 

»Wir begrüßen euch herzlich hier im Reitsportzentrum in Langenberg«, begann Ilyas van Hees. »Setzt euch doch.« Er wies auf die Stühle, die Jacob gerade in einem Kreis aufstellte. In der großen Reithalle wirkten sie ziemlich verloren.

Ich schaute kurz zu Jacob und überlegte, ob ich mich neben ihn setzen konnte, aber er stand neben Karina und so setzte ich mich schließlich neben Linus. Jacob wählte einen Stuhl, der ein Stück von mir weg stand und platzierte sich so, dass wir uns nicht anschauen konnten. All das verwirrte mich so sehr, dass ich mich kaum auf das konzentrieren konnte, was die anderen erzählten.

Jeder berichtete in einer kurzen Blitzlichtrunde über sich und wie es ihm ergangen war, seit wir uns das letzte Mal gesehen hatten.

Als ich an der Reihe war, wusste ich erst gar nicht, was ich erzählen sollte. Die Zeit ohne die Cassiopeiagruppe war mir so langweilig erschienen. Dann aber fiel mir ein Vielseitigkeitsturnier ein, das ich gewonnen hatte. Und ich berichtete auch von einem schwierigen Pferd, das ich für einen Monat von einer Reitschülerin meiner Mutter übernommen hatte, um es einzureiten.

Während ich erzählte, spürte ich Jacobs Blick auf mir ruhen, aber als ich zu ihm hinüberschaute, sah er schnell wieder weg.

Auch die anderen hatten interessante Sachen mit ihren Pferden erlebt. Linus hatte verschiedene Zirkuslektionen mit Fairy eingeübt, Madita war bei einem Springturnier Dritte geworden, Samuel hatte mit seiner Thessa bei einem Holzrück-Seminar mitgemacht und Henry hatte mit Duke und ein paar Freunden einen langen Wanderritt gemacht. Auch Ilyas und Karina erzählten ein bisschen von Dreharbeiten zu einem neuen Film.

Allmählich lösten sich meine Gedanken von Jacob. Ich konnte den anderen zuhören und mich wieder auf sie einlassen.

Doch dann übernahm Jacob das Wort: »In den nächsten Tagen planen wir einen Trailer zu drehen, um für die neue Show …«

»Wie ist es dir eigentlich in der Zwischenzeit ergangen?«, unterbrach ihn Madita und betrachtete ihn mit scharfem Blick.

»Wie bitte?« Jacob war ein bisschen verwirrt.

»Wir haben alle erzählt, wie es uns geht, nur du gehst gleich zur Tagesordnung über«, sagte sie.

Jacob lachte ein wenig verlegen und warf mir einen ganz kurzen Blick zu. Ich hatte mich ein Stück vorgebeugt, um ihn genauer zu betrachten. Wahrscheinlich sah das total neugierig aus. Als ich sah, wie verlegen er wirkte, lehnte ich mich wieder zurück.

»Ähm … ja, danke, dass du fragst«, sagte Jacob und es war zu spüren, dass er seine Worte sorgsam wählte. »Ich war mit Bjalla unterwegs, wir … wir haben ein bisschen Urlaub gemacht.«

Das hörte sich so seltsam an, dass wir lachen mussten.

»Bjalla – so nennt man seine Freundin also heutzutage«, spottete Henry. Die anderen grinsten. Das ging mir ziemlich nahe. Ob Jacob tatsächlich mit einer Freundin in den Urlaub gefahren war? Es war ihm nicht anzusehen, was er dachte.

»Gut. Kann ich dann mit dem Trailer weitermachen?«, fragte er.

Nun mischte sich Ilyas van Hees ein. »Ich weiß nicht so recht, was mit dir los ist, Jacob«, sagte er. »Ihr seid doch die Cassiopeiagruppe. Ihr sitzt doch nicht einfach so zusammen und plant einen Trailer, als wenn wir ein Reitclub wären, der ein Vereinstreffen organisiert.«

»Ich verstehe nicht …«, sagte Jacob verwirrt.

»Holt bitte alle mal eure Pferde. Dann machen wir erst mal ein Begrüßungsspiel«, erklärte Karina. Das hörte sich tatsächlich anders an als Jacobs trockene Begrüßungsrede. Es passte viel besser zu unserer Cassiopeiagruppe. Wir freuten uns sofort.

»Pferde. Na klar. Pferde haben wir auch mitgebracht«, lachte Emma. »Und die freuen sich auch, wenn sie sich mal wiedersehen.«

Wir sprangen auf und liefen in den Stall, um unsere Pferde zu holen. Für einen Moment schaute uns Jacob irritiert nach. Dann stand er ebenfalls auf, um Bjalla zu holen.

Nach und nach kamen alle mit ihren Pferden aus dem Stall.

Jetzt schlug mein Herz höher. Unsere Gruppe war erst mit den Pferden vollständig. Mit ihnen war ich genauso eng befreundet wie mit Emma oder Linus. Da war zum Beispiel Filou, dieser hübsche Rotschimmelwallach mit seiner unglaublichen Power. Er war ein Berber, erinnerte mich aber mit seiner Nase und dem kurzen Hals an ein Islandpferd, auch wenn sein Gesicht edler und feiner aussah. Filou konnte tatsächlich tölten wie ein Isi. Wenn wir vom Traben einen schmerzenden Hintern hatten, legte Emma Filou kurzerhand in den Tölt und machte es sich im Sattel gemütlich. Dann platzten wir anderen fast vor Neid.

Dann gab es Thessa, die große, edle Holsteinerstute, die sehr auf andere Pferde bezogen war und in Panik geriet, wenn sie allein im Stall bleiben musste. Samuel war manchmal unsicher, ob sie ihn überhaupt mochte, aber ich war überzeugt davon, dass sie ihn über alles liebte.

Madita hatte ein schickes Paint Horse, Smoky. Es hatte eine seltsame Fellzeichnung. Der Körper war dunkelbraun, ebenso die Beine, aber der Nacken und der Rücken waren weiß, sodass es immer so aussah, als hätte Smoky eine weiße Satteldecke auf.

Henrys Pferd Duke sah so normal aus, dass man eine Weile brauchte, bis man bemerkte, welch ein besonderes Pferd dieser Hannoveranerwallach war. Er war braun mit schwarzer Mähne und einem Stern auf der Stirn. Duke war ruhig und absolut verlässlich und ein großartiger Springer. Er stand Henry immer treu zur Seite.

Außerdem gab es natürlich noch Fairy, Linus’ liebenswerte Stute – ein Mixpferd aus Welsh Cob und Shire Horse, wie Linus immer behauptete. Linus hatte ihr die verrücktesten Zirkuslektionen beigebracht. Und dann war da Jacobs Friesenstute, eine große schwarze Riesin, die imposant aussah und klug war.

Unübertroffen aber war Merlin, mein Araber, ein Rappschimmel mit hellem Gesicht und grauem Körper. Er war unglaublich edel und man sah ihm an, wie einfühlsam er war.

Zum ersten Mal seit wir in Langenberg angekommen waren, begegneten sich unsere Pferde nun frei und schnupperten sofort begeistert aneinander herum. Besonders Thessa tauschte mit allen Pferden lange Blicke aus. Sie hatte die anderen offenbar vermisst.

»Was machen wir?«, wollte Emma wissen. Sie sah Jacob an, aber Ilyas übernahm die Erklärung.

»Das Spiel geht so«, erklärte er. »Jemand von euch geht zur langen Seite der Reithalle und bekommt die Augen verbunden. Dann stelle ich demjenigen ein Pferd oder einen Menschen gegenüber und er muss erraten, wer vor ihm steht. Wenn ihr jemanden erraten könnt, ohne die Person oder das Pferd anfassen zu müssen, gibt es zwei Punkte. Ihr dürft euer Gegenüber auch berühren und danach raten, wer vor euch steht. In dem Fall gibt es für die richtige Antwort aber nur einen Punkt.«

»Wie viele Personen oder Pferde müssen erraten werden?«, wollte Madita wissen.

»Drei«, schlug Ilyas vor. »Wer fängt an?«

Emma meldete sich. Sie stand auf und stellte sich an die lange Seite. Karina verband ihr die Augen. Dann machte sie mir ein Zeichen. Ich ging auf Emma zu.

»Jemand steht jetzt vor dir«, erklärte Ilyas.

Emma schaute mit verbundenen Augen in meine Richtung. Dann senkte sie den Kopf und konzentrierte sich.

»Ich weiß es nicht«, sagte sie. »Ich muss denjenigen fühlen.«

Ich trat näher an Emma heran und sie tastete über meine Haare.

»Juna«, sagte sie dann.

Danach brachte ihr Samuel seine Thessa. Wieder konzentrierte sich Emma.

»Duke?«, fragte sie.

Das war leider kein Punkt.

Als dann aber Linus zu erraten war, spürte sie ihn schon, als er vor ihr stand.

»Linus!«, sagte sie sofort und dann umarmte sie ihn lachend. Ich beneidete die beiden.

»Drei Punkte«, meinte Karina und notierte sich die Zahl.

Danach war Linus an der Reihe. Er war ziemlich gut und erriet Madita nur durch Spüren, Smoky und Henry durch Berühren. Er erreichte vier Punkte.

Auch Madita war gut. Sie erzielte ebenfalls vier Punkte. Henry und Samuel bekamen drei Punkte. Allerdings fanden wir es lustig, dass Samuel sein eigenes Pferd nicht erriet. Das war ihm offenbar ein bisschen peinlich.

Endlich war ich an der Reihe. Ich war schon sehr gespannt.

Als ich mit verbundenen Augen an der langen Seite der Reithalle stand, konzentrierte ich mich. Ich spürte, dass ein Pferd ausgewählt wurde und nun ein Stück entfernt vor mir stand. Ganz genau konnte ich fühlen, dass es ein großes und stattliches Pferd war, denn ich hatte das Gefühl, dass es mich durch seine Gegenwart ebenfalls aufrichtete.

»Bjalla«, sagte ich.

Die anderen klatschten.

»Zwei Punkte«, zählte Ilyas.

Nun kam wieder ein Pferd auf mich zu, auch das konnte ich spüren. Ohne dass ich es berühren musste, fühlte ich, dass es kleiner war als Bjalla. Klein und wuschelig.

»Filou«, sagte ich.

Wieder klatschten alle.

»Okay, letzter Versuch«, hörte ich Karinas Stimme. Ich konnte sogar spüren, wie sie mit ihrem Finger auf jemanden zeigte, und dann fühlte ich Jacob auf mich zukommen. Seine Ausstrahlung war so intensiv, dass mein Herz schneller schlug.

»Jacob«, sagte ich.

Ein riesiger Applaus setzte ein. Ich riss mir das Tuch von den Augen und sah Jacob an. Sein staunender Blick sprach Bände.

»Ich bin doch gerade erst losgegangen«, sagte er.

»Darum konnte ich dich doch spüren«, antwortete ich.

Jetzt waren alle sprachlos.

»Sechs Punkte«, sagte Karina.

»Wie machst du das?«, wollte Ilyas wissen.

»Das weiß ich nicht«, sagte ich. »Ich kann es einfach.«

»Jetzt wollen wir es aber wissen«, meinte Ilyas. »Ich binde dir das Tuch noch mal um. Und jetzt testen wir dich in Grund und Boden.«

Ich hatte Spaß an der Sache bekommen.

Ilyas verband mir wieder die Augen.

»Wie viele Finger sind das?«, fragte er und streckte die Hand aus.

»Drei«, sagte ich und alle lachten. Es schien zu stimmen.

»Die ist ja verrückt«, lachte Karina. Dann drehte sie mich im Kreis, als wären wir bei einem Kindergeburtstag und würden Topfschlagen spielen. Danach ging es los.

»Fairy«, sagte ich, als ich das erste Pferd vor mir fühlte.

Fairy war begeistert und schnupperte an meinen Haaren.

»Merlin«, fuhr ich fort. Natürlich stimmte das. Mein Traumpferd konnte ich immer mit geschlossenen Augen aus einer Pferdeherde heraus erkennen. Aber ich erkannte nun auch Madita und Henry, schließlich sogar Karina, danach noch mal Smoky und Duke und Thessa.

Nur zuletzt stand ein seltsames Etwas vor mir, zu dem ich keinen Kontakt bekam. Obwohl, das war gar nicht der richtige Ausdruck. Ich fühlte schon, dass jemand vor mir stand. Aber ich konnte mir nicht erklären, wer das war. Es war ein Tier, soviel war klar. Aber es schien klein zu sein und es roch ganz anders als Merlin und die Pferde der anderen.

»Kann ich mal anfassen?«, fragte ich.

»Klar«, hörte ich Jacobs Stimme neben mir und dann schob er mich auf das Tier zu. Ich berührte es vorsichtig. Es hatte ein weiches Maul und struppiges Fell.

Wieder konzentrierte ich mich. Das kleinste Pferd, das wir hatten, war Filou, aber er war es definitiv nicht.

»Den kenne ich nicht«, sagte ich. »Der fühlt sich an wie ein Esel.«

Alle lachten und klatschten. Dann wurde mir das Tuch von den Augen genommen und ich traute meinen Augen kaum. Ein kleiner grauer Esel stand vor mir.

»Das ist der Hotelesel August«, erklärte Jacob. »Wir haben ihn ausgeliehen, um dich ein bisschen zu verwirren.«

Jetzt musste ich furchtbar lachen. Der Esel sah einfach zu süß aus und ich liebte Esel sowieso fast genauso sehr wie Pferde.

»Du bist ja niedlich«, rief ich begeistert und küsste den Esel auf die Nase, doch er wich vorsichtig zurück.

Henry streichelte ihn. »Die tut dir nichts. Sie ist bloß immer ein bisschen emotional«, versuchte er, den Esel zu beruhigen.

»Hundert Punkte«, nickte Jacob mir anerkennend zu. »Du hast wirklich ein ungewöhnliches Talent.«

»Danke«, erwiderte ich. Zu gerne hätte ich gewusst, ob Jacob dieses Talent auch besaß, aber er machte keine Anstalten, sich auch testen zu lassen. Er gehörte eben zur Crew, wurde mir in diesem Moment wieder bewusst.

»Bitte bringt eure Pferde erst mal zurück«, sagte er. »Wir treffen uns dann zur ersten Besprechung.«

Sina Trelde

Über Sina Trelde

Biografie

Sina Trelde lebt mit ihrer Familie und vielen Tieren in einem kleinen Ort in Westfalen. Nach einem Studium der Agrarwirtschaft übernahm sie den Hof ihres Großvaters, um dort eine biologische Landwirtschaft zu betreiben. Eine enge Verbindung hat Sina Trelde zu Pferden. Sie reitet gerne und bildet...

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