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Butter bei die FischeButter bei die Fische

Butter bei die Fische

Ein Ostfriesen-Krimi

Taschenbuch
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Butter bei die Fische — Inhalt

Kommissar Elias Schröder wurde von der Großstadt in die ostfriesische Einöde versetzt. Alle sprechen Platt, trinken Tee, und Elias fühlt sich so fehl am Platz, wie es nur geht. Doch als eine offenbar geistig verwirrte Frau meldet, ihre Tochter sei von einem buckligen Männlein entführt worden, kommt Leben in das beschauliche Polizeirevier. Denn es stellt sich heraus, dass Steffi tatsächlich verschwunden ist…

€ 11,00 [D], € 11,40 [A]
Erschienen am 16.04.2013
320 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30315-6
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 16.04.2013
320 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96116-5

Leseprobe zu »Butter bei die Fische«

Montagmorgen, steifer Nacken, leerer Magen – es war nicht schön. Außerdem hatte er immer noch das Gespräch mit Brotmeier im Kopf. Und nun als Krönung das Schiff. Es hing gegenüber an der weiß verputzten Wand. Schwere See, geblähte Segel, Gischt, dräuender Horizont … ungefähr so. Der Maler, der definitiv zur Amateurfraktion zählte, hatte einen schweren goldenen Rahmen erstanden, und die Kollegen von der Polizeiinspektion Leer hatten sein Werk im Eingangsbereich angebracht. Nagel. Peng.

Im Grunde war das nicht weiter schlimm. Das Gemälde verlieh dem [...]

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Montagmorgen, steifer Nacken, leerer Magen – es war nicht schön. Außerdem hatte er immer noch das Gespräch mit Brotmeier im Kopf. Und nun als Krönung das Schiff. Es hing gegenüber an der weiß verputzten Wand. Schwere See, geblähte Segel, Gischt, dräuender Horizont … ungefähr so. Der Maler, der definitiv zur Amateurfraktion zählte, hatte einen schweren goldenen Rahmen erstanden, und die Kollegen von der Polizeiinspektion Leer hatten sein Werk im Eingangsbereich angebracht. Nagel. Peng.

Im Grunde war das nicht weiter schlimm. Das Gemälde verlieh dem kargen Wartebereich mit der Bank, den Stühlen und dem abgeschabten Fliesenboden etwas Menschliches. Aber genau das war es auch, woran Elias sich störte. Dieses Bild hatte in seinen Augen etwas Umarmendes, Intimes. Es wirkte, als wollte es den Betrachter in eine Gruppe integrieren. Und das nervte ihn. Schon im Kindergarten und in der Schule hatte er seine Probleme mit Gruppen gehabt. Und Brotmeier hatte es ihm auch auf den Weg mitgegeben: »Sie sind kein Gruppenmensch, Schröder, das kriegen Sie nicht hin. Sie sind ein notorischer Einzelgänger.«

Mit einem unterdrückten Seufzer schaute Elias auf die Uhr, die über dem Glaskasten hing, in dem seine künftige Kollegin den Publikumsdienst versah. Es war fünf vor neun. Er wartete bereits seit fünfunddreißig Minuten. Verstohlen beobachtete er die Polizistin. Sie sah nett aus. Jung, blonde Haare im Zopfgummi, mit Haarklemmen gebändigt. Gerade eben verzweifelte sie an ihrem Computer. Er hörte, wie ihr ein »Verdoomt noch mal!« entschlüpfte. Wahrscheinlich füllte sie ein Formular aus. Dass sie dabei »Verdoomt noch mal!« sagte, machte sie ihm sympathisch. Er mochte Formulare auch nicht. Sie hob den Kopf und lächelte ihn an. Er lächelte zurück.

Dann wanderte sein Blick wieder zum Bild und schließlich zu der Bank darunter. Dort saß eine Frau mittleren Alters mit einem Jungen. Sie hatte schon gewartet, als er angekommen war. Jetzt stand sie auf, ging zur Pferdeschwanzpolizistin und sagte etwas. Allerdings auf Platt, deshalb verstand er kein Wort. Was hatten die sich in Hannover nur dabei gedacht, ihn in einen Winkel der Welt zu versetzen, wo er sich nur mithilfe eines Dolmetschers verständigen konnte? War das Brotmeiers Rache für all die Formulare gewesen, die Elias ihm zu spät oder gar nicht auf den Schreibtisch gelegt hatte? Schicken wir den Saukerl sprachlich in die Wüste! Brotmeier war das zuzutrauen.

Das Mädchen hinterm Tresen erhob sich und sagte: »Mensch, Frau Coordes, ich verstehe Sie ja, aber leider ist der zuständige Kollege vom Einbruchsdezernat noch immer nicht im Haus. Wenn er kommt …«

»Bucklig«, schnitt die Frau ihr das Wort ab. Die beiden sprachen hochdeutsch miteinander. Vielleicht war das auf Ämtern üblich. Elias schöpfte Hoffnung. Frau Coordes hatte krause, blonde Haare, die sie in ein Stirnband geklemmt hatte. Dazu trug sie eine beige, wattierte Steppjacke, die aussah wie vom Flohmarkt. Für das momentane Wetter – es war Anfang April und ziemlich warm – war sie viel zu dick angezogen. »Ein buckliges Männlein!«, erläuterte sie.

»Ich weiß, ich habe das aufgeschrieben.«

»Wo?«

Die Polizistin deutete auf den Computer. Frau Coordes schob den Kopf durch das Loch im Trennglas und beäugte misstrauisch das Gerät, als überlegte sie, ob sie veräppelt würde. »Er war bucklig und ist erst in mein Zimmer gekommen und dann zu Steffi rüber«, erklärte sie.

»Das hab ich in der Anzeige notiert. Bucklig. Ins Zimmer. Sonst wissen Sie aber nichts?«

»Und schwarz.«

»Das nehme ich noch auf. Meinen Sie seine Kleidung? Also was er anhatte? Oder ist das der ethnische Hintergrund?«

»Was?«

»Wohl die Kleidung, hm?«

Die Frau nickte energisch, stieß sich den Kopf und zog ihn wieder auf ihre Seite der Glasabtrennung.

»Wollen Sie vielleicht einen Tee?«

»Nee.« Frau Coordes sah der Polizistin in dem kurzärmligen, weißen Hemd beim Tippen zu. Der Tee, den man ihr angeboten hatte, blubberte in einem Teekocher, der sich alle paar Minuten abschaltete und dann wieder ansprang.

Elias blickte erneut auf die Uhr. Viertel nach neun. Dann wanderte sein Blick zu dem Jungen, der die Frau in die Polizeiinspektion begleitet hatte. Es war ein spilleriger Kerl, etwa zwölf Jahre alt, mit einem blassen, runden Gesicht, in dem eine Schürfwunde verheilte. Abgewetzte Jeans, ein T-Shirt, auf dem ein bulliger Roboter mit einer Art Antenne auf dem Kopf zu sehen war. Im Gegensatz zu der Frau, bei der es sich wohl um seine Mutter handelte, wirkte er ziemlich intelligent. Er war still, einer von denen, die den Mund halten, aber dabei hellwach bei der Sache sind. Dass er sich seiner Mutter schämte, stand ihm ins Gesicht geschrieben. Was ihn aber wirklich beschäftigte – er stierte regelrecht drauf –, waren der Computer und die Polizistin. Warum? Interesse an der Technik? An den beiden aparten Hügelchen unter dem weißen Hemd? Aber dann hätte er anders aussehen müssen. Irgendwie … entspannter.

War er aber nicht. Hände verkrampft, Blick ängstlich, dabei hoch konzentriert, registrierte Elias. Hätte er seinen Block mit den gelben Klebezetteln dabeigehabt, auf die er nach alter Gewohnheit Ermittlungsergebnisse notierte, hätte er diese Stichworte aufgeschrieben. War es dem Jungen wichtig, dass die Polizistin die Beschreibung des Buckligen korrekt in den Computer eingab?

Frau Coordes schlurfte zu ihrem Stuhl zurück und brummelte ein Wort, das wie »Boris« klang. Wohl der Name des Jungen. Dann folgte ostfriesisches Kauderwelsch. Boris zog den Daumen, an dem er geknabbert hatte, aus dem Mund und setzte sich drauf, es war offenbar eine Ermahnung gewesen. Der gute Vorsatz hielt zwei Sekunden, danach war der Daumennagel wieder im Mund.

Notiz auf den imaginären Klebezetteln: Boris ist nervös.

»Vielleicht wäre es besser, wenn Sie später noch mal wiederkämen, Frau Coordes. Der Kollege ist offenbar …« Die Polizistin hinter dem Tresen brach ab, weil die Tür aufging. Eine Frau in einem Patchworkmantel kam herein. Mitte dreißig, schätzte Elias, eins achtzig groß, drahtig gebaut. Sie trug Jeans und enge Stiefel. Die Haare waren lockig, in einem Farbton zwischen Rot und Orange, als hätte sie sich beim Färben nicht entscheiden können. Noch eine beunruhigte Bürgerin?

Die Polizistin sprang auf. »Frau Staatsanwältin! Gut, dass Sie da sind. Herr Ippen hat ’nen Zettel hiergelassen, dass er Sie sprechen muss, wegen der Sache …«

»Weiß ich«, brummte die Staatsanwältin griesgrämig.

»Er sagt, es sei eilig.«

»Isses doch immer, oder?« Die Frau wollte weiter. Sie hatte ein Pferdegesicht und wirkte nicht besonders verbindlich, aber auch nicht unsympathisch. Unterm Arm trug sie eine Kladde. Elias versuchte sie sich in einer schwarzen Robe vorzustellen. Das war schwer wegen der rotorangen Haare. Die sahen eher nach Leck mich aus als nach Paragraf zweihundertfünfzehn b Absatz römisch drei. Als sie seinen Blick auffing, zögerte sie.

»Der neue Kollege«, erklärte das Mädchen hinter dem Tresen hilfsbereit. »Herr Schröder aus Hannover. Der von der Fallanalyse.«

»Ach, nee.« Die Staatsanwältin reichte Elias die freie Hand. »Kellermann.« Ihr Händedruck war ein Mittelding zwischen Schraubstock und Pressluftramme und passte zum Pferdegesicht. »Sie sind also der, den man sozusagen … versetzt hat?«

Strafversetzt. Es war offenbar schon durch sämtliche Flure gegangen. Elias nickte.

»Wegen … Luftballons?«

»Na ja.«

Die Staatsanwältin musterte ihn, sagte: »O Gott!« und eilte weiter. Elias merkte, dass die Frau in der beigen Jacke ihn anstarrte. Ihre Lippen bewegten sich, als würde sie einen Gedanken durchkauen. Jetzt, da sie wusste, dass er ebenfalls von der Polizei war, erwog sie vielleicht, sich lieber an den Spatz in der Hand zu halten, statt auf die Taube zu warten, die nicht kommen wollte. Sie zuckte zusammen, als der Junge etwas fallen ließ. »Bumskopp!«, schnauzte sie. Bei dem Gegenstand handelte es sich um eine kleine Metallbox, auf der Kosmos und Geheimschrift stand. Der Junge hob sie auf und steckte sie in die Tasche zurück. Seine Hand zitterte. Elias beugte sich vor. Eigentlich ging ihn die Sache ja nichts an, aber immerhin war er Bulle. »Wie war das denn mit dem Buckligen? Erzähl mal.«

»Der kam mitten in die Nacht, als ich grad die Flimmerkiste ausgeschaltet hab«, antwortete Frau Coordes für ihren Filius. »Ich war eingeschlafen und wieder aufgewacht und wollte ins Bett und halt die Fernbedienung in der Hand – also, die neue jetzt. Die hab ich von meiner Schwester, weil die alte kaputt ist – da ging der Lautknopf nicht mehr richtig.«

»Und dann?«, fragte Elias und schaute Boris an.

»Da steht er auf einmal im Zimmer«, sagte die Mutter. »Wie ’n Zombie. Das war vielleicht gruselig. Ich hab ’n schwaches Herz, ich hätte glatt tot umfallen können.«

»Ein buckliges Männlein?«

»Sag ich doch.«

»Und wer war das?«

Hinter dem Tresen wedelte das Pferdeschwanzmädchen mit dem Arm, um Elias’ Aufmerksamkeit zu erregen. »Frau Coordes wird oft belästigt«, erklärte sie. »Mal im Zug, mal beim Einkaufen, und dann wirft jemand eine Zigarettenschachtel über ihren Zaun oder klebt Kaugummi auf den Briefkastenschlitz … Wir haben schon einen ganzen Ordner mit Anzeigen.«

Elias sah, wie Boris knallrot anlief.

Junge ist intelligent – versteht den Subtext, notierte er im Kopf. »Und du? Hast du das bucklige Männlein auch gesehen?«

Boris starrte ihn an.

»Er schläft doch mit Steffi im selben Zimmer«, platzte Frau Coordes heraus, genervt, weil der blöde Polizist gar nichts wusste.

»Wer ist Steffi?«

»Na, zu ihr ist er doch von der Stube aus hin. Rüber zu den Kindern. Und dann zu Steffi ans Bett. Sag ich doch. Ich will ’nen Polizeischutz.«

Die Kollegin hinterm Tresen rollte mit den Augen.

Frau Coordes bemerkte Elias’ skeptisches Gesicht und erklärte noch mal von vorn. »Also – erst war er bei mir. Ich hab die Flimmerkiste ausgemacht, mit der Fernbedienung, die Gitta mir geschenkt hat. Weil bei der alten ja der Lautknopf klemmte. Und dann ist er rübergegangen.«

»Kannten Sie die Person?«

»Ein buckliges Männlein.« Sie sprach es wie einen Namen aus – und zwar wie einen, der Elias bekannt vorkam. Buckliges Männlein … Er begann zu grübeln, aber bevor er draufkam, ging schon wieder die Tür zur Straße auf.

Der Mann, der sich mit dem Hintern voran in den Eingangsbereich schob, trug eine Aktentasche und einen Margeritenstrauß. Er legte die Blumen auf den Tresen und sagte: »Weißt schon, wofür. Bist ’n Schatz, Frauke, ehrlich.« Es war ein großer Kerl, mindestens eins neunzig, mit breiten Schultern und einem perfekt rasierten Gesicht, dem man ansah, dass er gern lächelte. Anfang vierzig, schätzte Elias. Typ Frauenschwarm mit starker Schulter. Lässig, souverän. Sicher mordsmäßig begabt, wenn es ums Thema Gruppe ging.

Frauke hauchte ihm ein Küsschen zu und sagte: »Versuch’s kein zweites Mal.« Sie wies zu Elias. »Das ist übrigens Herr Schröder. Der Kollege aus Hannover, der von der Fallanalyse …«

»Na, so was. Gut Anker geworfen, Schröder?« Der Mann streckte Elias die Linke entgegen, weil er in der Rechten die Aktentasche trug. »Harm Oltmanns. Leiter des K1. Einfach Harm, wenn’s dir recht ist. Wir werden ja in Zukunft viel miteinander zu tun haben. Sag mal, Frauke, wo steckt Ulf überhaupt?«

»Oben«, antwortete die Kollegin am Tresen.

»Wieso das denn? Ich hab ihm doch gesagt …«

»Er meint, Herr Schröder will vielleicht erst mal mit Herrn Jensen sprechen. Aber der ist ja noch nicht da.«

Harm Oltmanns murmelte verdutzt »Soso« und schüttelte den Kopf, während er Elias die Tür aufhielt. »Dann komm mal mit rauf. Pass auf, es wird dir hier gefallen, Mann. Eigentlich sind das alles nette Leute hier.«

Sollte das heißen, dass dieser Ulf nicht zu den Netten gehörte? Wer war das überhaupt? Der Kollege, mit dem Elias künftig das Zimmer teilen würde? Er folgte Harm Oltmanns zum Treppenhaus. »Der Chef ist also nicht da?«, vergewisserte er sich.

»Jensen musste nach Osnabrück. Für heut und morgen. Geht um Strukturprobleme und so. Das hat Ulf wohl nicht mitgekriegt.«

Ulf hatte es ganz sicher mitgekriegt. Vermutlich war er ein Kotzbrocken, dem es Spaß machte, dem Neuen Reißnägel auf den Stuhl zu legen. Na schön. Durch die offenen Türen am Flur entlang sah Elias seine künftigen Kollegen. Einige hoben die Hand, als sie ihn sahen.

»Du hast also als Fallanalytiker gearbeitet?«, wollte Harm wissen.

»Ja.«

»Wow.«

»Hm.« Elias sprach nicht gern über die Fallanalyse. Wer das Wort hörte, dachte an Profiler und hatte das Bild aus den amerikanischen Fernsehserien vor Augen, wo geheimnisvoll dreinschauende Kerle erklärten, dass der Verbrecher, den sie suchten, Majoran im Balkonkasten zog, als Baby auf Kermit, dem Frosch, gekaut hatte und nachts von Zahnseide träumte. Hatte natürlich nichts mit der Realität zu tun. In Wirklichkeit sammelten Fallanalytiker Fakten, puzzelten damit herum und versuchten sich mit den Kollegen von der Ermittlung und einem Psychologen oder Gerichtsmediziner bei Unmengen Kaffee gemeinsam einen Reim zu machen. Mehr war da nicht. Allerdings auch nicht weniger. Ihre Aufklärungsquote konnte sich sehen lassen.

Harm öffnete eine Tür. »Komm erst mal rein. Das hier ist mein Zimmer. Da drüben sitzt sonst Sven, aber der hat sich was am Kreuz geholt. Ist mit dem Kinderwagen ’ne Treppe hoch. Bandscheibe oder so.« Das Zimmer war hell. Auf Harms Schreibtisch stand ein gerahmtes Bild von ihm und einer hübschen, mütterlich wirkenden Blondine, die ein Holzscheit auf die Schulter gewuchtet hatte. Sah nett aus.

»Willste ’nen Tee?« Harm kramte eine Flasche unter seinem Schreibtisch hervor und goss Mineralwasser in einen Stahlkessel, der auf einer Kochplatte stand. Daneben war es dekoriert wie bei Omas Kaffeeklatsch: eine Porzellandose, eine Schale mit weißen Zuckerstückchen, eine blau geblümte Teekanne, ein paar ebenfalls geblümte Tassen.

Elias sank auf Svens Stuhl und sah zu, wie Harm den kleinen Papierstapel auf seinem Schreibtisch zu sichten begann. »Nee, was?«, brummelte sein Chef und hob eines der Papiere auf. Das Geschriebene schien ihn zu ärgern, und Elias überlegte, ob er ein kollegiales »Stress?« beisteuern sollte, aber er ließ es lieber sein. Das Teegeschirrambiente irritierte ihn genauso wie das Schiff in Öl unten im Eingangsbereich. Sehnsüchtig dachte er an sein einsames Zimmer im Dachgeschoss des LKA in Hannover zurück, wo dieser ganze Gruppenkram keine Rolle gespielt hatte. Wo ihn abseits der Sitzungen nur Menschen aufsuchten, die mit ihm irgendwelche Sachfragen diskutieren wollten. So etwas wie die Angelegenheit mit dem buckligen Männlein zum Beispiel. Buckliges Männlein … In welchem Zusammenhang hatte er das nur gehört?

Harm legte den Papierkram beiseite, füllte Teeblätter in die Kanne, goss Wasser hinein und stellte die Kanne auf dem Schreibtisch ab. »Weißt du, Ulf Krayenborg ist in Ordnung. Umsichtig, korrekt. Man muss ihn nur zu nehmen wissen. Er hat …«

»Kennst du den Ausdruck buckliges Männlein?«, unterbrach Elias ihn.

»Was?«

»Buckliges … egal. Ich hab nur gerade daran gedacht.«

»Der Glöckner von Notre-Dame hatte einen Buckel«, erklärte Harm hilfsbereit.

»Den mein ich nicht.«

»Ach so.« Harm wartete noch einen Moment mit halb offenem Mund. Als Elias sich nicht weiter äußerte, schloss er den Mund und fuhr seinen Computer hoch. »Wo wohnst du eigentlich?«

»Bin ich mir noch nicht sicher.«

Harm hob die Augenbrauen. »Heißt das, du hast noch keine Bleibe?«

»Wird schon noch.« Es war Elias blöd vorgekommen, sich nach einer Wohnung umzusehen, wo er doch bis zum letzten Moment gehofft hatte, dass Brotmeier es sich anders überlegen würde. War ja oft genug vorgekommen. Er hatte die Formulare verschlampt, Brotmeier hatte sich aufgeregt, dann glätteten die Wogen sich wieder. Aber diesmal …

»Also, einen Überfluss an Wohnungen haben wir hier momentan gerade nicht«, sagte Harm. »Und in den Osterferien hast du’s auch schwer, kurzfristig ein Zimmer zu kriegen. Da kommen nämlich die Touristen. Das kannste dir nicht vorstellen. Wie die Ameisen. Plötzlich hast du sie überall.«

»Hm.«

Harm versenkte sich in die Neuigkeiten aus seinem Computer. »Aber man hat seine Ruhe hier. Also, wenn die Touristen wieder weg sind. Dann ist es nicht so hektisch wie in Hannover«, meinte er geistesabwesend. »Hat’s dir dort gefallen?«

»Ja, schon.«

Harm machte sich eine Notiz und stand dann auf, um Tassen zu holen. Er goss Tee hinein und schob Elias seine Tasse über den Schreibtisch. »Vier Minuten, okay?«

»Was?«

»Der Tee. Ich hab ihn vier Minuten ziehen lassen. Vier ist gut, um die Lebensgeister zu wecken. Ab sechs Minuten beruhigt er. Ich glaube, vier wär jetzt prima, was? Ich muss grad mal weg.«

Er verschwand im Flur, und Elias starrte in die Tasse. Zu Hause hatte es in seiner Kindheit jeden Abend Pfefferminztee gegeben, unerbittlich, wegen der Gesundheit. Kein Wunder also, dass er so was nicht mochte. Er lehnte sich zur Seite und kippte das Gebräu in einen Ficus, der in der Ecke neben Svens Schreibtisch wucherte. Ficusgewächse vertrugen bekanntlich eine Menge.

Da Harm seinen Computer hochgefahren hatte, konnte er sich auch gleich mal umsehen, was so los war in Ostfriesland. Elias wechselte den Schreibtisch. Auf dem Bildschirm war die Aufzeichnung einer Zeugenvernehmung zu lesen. Ein Kerl namens Maik Hindemissen war belehrt worden, dass er seinen Namen und die Anschrift korrekt angeben müsse. Außerdem stand da, dass Maik freiwillig seine Telefonnummer rausgerückt und bestätigt habe, dass er kein Verhältnis zum Beschuldigten besaß, das ein Zeugnisverweigerungsrecht begründet hätte. Alles korrekt. Bestens.

Harm hatte die Kästchen gewissenhaft ausgefüllt und unter Beruf aufgelistet, wo Maik in den letzten drei Jahren gearbeitet hatte. Erst für eine Spedition. Dann bei einem Taxiunternehmen. Schließlich bei einer Firma namens Frugenia, wo er bei der Spargelernte ausgeholfen hatte, und zwar von Mai bis Ende August. Spargel? Im August? Elias runzelte die Stirn. Mensch, Harm!

Er öffnete ein neues Fenster und gab bei Google »buckliges Männlein« ein. Gleich das erste Ergebnis verriet ihm, dass die Formulierung aus einem Volkslied stammte.

Will ich in mein Gärtlein geh’n, will mein Zwieblein gießen, steht ein bucklig Männlein da, fängt gleich an zu niesen. Will ich in mein Küchel geh’n, will mein Süpplein kochen, steht ein bucklig Männlein da, hat mein Töpflein brochen …

»Und da ist er schon«, tönte es von der Tür.

Elias hob den Kopf. Harm schob jemanden durch den Türrahmen. Das musste Ulf Krayenborg sein. Der Mann sah aus wie Bill Clinton, nur mit Bauch. Keinem gewaltigen. Eher eine Wohlstandswölbung. Über dem Bäuchlein trug er eine weite blaue Strickjacke.

»Hallo, Profiler«, meinte Ulf grinsend und ließ sich auf der Tischkante neben dem Kopiergerät nieder. Er verschränkte die Hände über der Brust und spitzte angriffslustig die Lippen. Auch ohne Profiler zu sein, konnte man sich denken, was er damit ausdrücken wollte. »Schon eingewöhnt, Schröder?«

Elias zuckte mit den Schultern.

»Aber gleich an die Arbeit ran, was?«

Elias wurde bewusst, dass er am falschen Schreibtisch und am falschen Computer saß. Harm starrte mit gerunzelter Stirn auf den Ficus.

»Schon was rausgefunden über die ostfriesischen Serienkiller? Huhu …« Ulf hob die Hand und wirbelte damit kindisch durch die Luft. »Der Verdächtige rammelte eine Kuh – hat also als Kind zu viel Lebertran bekommen und würde gern der Mama den Hals umdrehen. Ha ha ha. Ich halt übrigens viel von Psychologen, ehrlich, obwohl ich mich nicht erinnern kann, dass jemals einer hier bei uns geholfen hätte, einen Fall aufzuklären.«

»Ich bin kein Psychologe«, sagte Elias.

»Also mehr ’ne Art Medium? Bin ich auch für offen. Wie teilen wir die Arbeit auf? Ich renn rum und verhöre und mache den routinemäßigen Kleinkram, der so anfällt, und der Profiler zaubert inzwischen die Lösung aus der Tasche?«

»Fallanalytiker«, sagte Elias. »Es heißt Fallanalytiker. Profiler gibt es nur im Fernsehen.«

Harms Stirn hatte sich umwölkt. Auf der dunklen Blumenerde schwamm ein Zuckerstückchen in einer bräunlichen Pfütze. Mist. Ulf ließ immer noch Dampf ab. »Ooooh, da muss ich mich ja entschuldigen. Tut mir leid, wir leben hier ’n bisschen hinterm Mond. Fallanalytiker! Hoffentlich wird’s dir nicht langweilig. In Ostfriesland gibt’s nämlich nicht viele Serienverbrechen. Hier wohnen schlichte, arbeitsame Menschen, die einfach in Ruhe gelassen werden wollen, und fertig. So ist das bei uns! Stimmt es eigentlich, dass sie dich in Hannover rausgeschmissen haben?«

»Jemand sollte sich um Frau Coordes und das bucklige Männlein kümmern, von dem sie redet«, sagte Elias zu Harm.

Der riss endlich seinen Blick vom Ficus los. »Was?«

Ulfs Gelächter hinderte Elias an der Antwort. »Ach nee, da legt er schon los, der Diplomprofiler! Er meint die bescheuerte Alte, Harm, die hier ständig aufkreuzt, weil ihr angeblich jemand was Böses will. Die sitzt unten bei Frauke, haste nicht gesehen? Schröder, Mensch«, meinte er von oben herab, »die ist wirklich plemplem. Nur brauchen wir keinen Psychologen, um das zu kapieren. Die segelt hier im Stundentakt durch und macht ’ne Anzeige, und wir nehmen’s auf und versenken’s im Papierkorb. Früher hat man solchen Leuten ’ne Glocke um den Hals gehängt, damit …«

»Wie wär’s, wenn ihr das bei euch im Büro ausdiskutiert?«, schlug Harm vor. Er wirkte sauer.

Ich hätte ihm sagen sollen, dass ich keinen Tee mag, dachte Elias. Eine Kindheit voller Pfefferminztee. Das hätte er sicher verstanden. Aber nun war es zu spät. Er erhob sich.

»Ach«, sagte Harm zu Ulf, der zur Tür strebte. »Lässt es sich einrichten, dass wir die Urlaubswochen tauschen? Imogen will im August zur Hochzeit ihrer Cousine, aber die findet unten in Italien statt, in Bologna, und so ’ne lange Reise lohnt ja nicht, wenn man nur zwei Tage …«

»Gesetzt ist gesetzt, hast du selbst gesagt. Was gesetzt ist, wird nicht mehr geändert«, erklärte Ulf, ohne sich drum zu scheren, dass Harm in der Hierarchieleiter über ihm stand. Wahrscheinlich hatte Ulf in seinem Urlaub nichts weiter vor, als den Rasen zu wässern, aber jemandem eins reinwürgen, das tat er offenbar gern – selbst wenn es sein Chef war.

Elias wollte Ulf folgen, sah dann aber einen Tesaabroller auf Harms Schreibtisch stehen. Nach kurzem Zögern riss er einen Zettel vom Zettelblock, notierte Spargelernte bis Ende Juni und klebte Harm den Zettel mitten aufs Display seines Computers.

 

 

Er erwachte vom Bellen eines Hundes. Das war am nächsten Morgen, und im ersten Moment wusste er gar nicht, wo er sich befand. Der Köter hatte die Pfoten gegen die Wagentür gestemmt und kläffte die Seitenscheibe an. Elias schlug mit dem Kopf an den Spiegel, als er auffuhr. Neben der rasenden Töle erschien das Gesicht einer clownartig bemalten älteren Dame mit lila Dauerwelle, die das, was sie durch die Scheibe erspähte, offensichtlich missbilligte. Sie zerrte den Hund vom Wagen weg, als könne er sich anstecken.

Elias zog eine Grimasse, während er sich aufrichtete und seinen Hals streckte. Verdrossen kurbelte er seinen Sitz hoch. Sein alter Twingo stand am Hafen neben der Touristinformation. Ein Angestellter, der die Tür aufschloss, warf einen verstohlenen Blick zu ihm herüber und sah dann rasch zur Seite. Möglich, dass der Mann jetzt bei der Wache anrief, von wegen verdächtige Gestalt auf dem firmeneigenen Parkplatz und so.

Obwohl – in Ostfriesland gab’s ja nur anständige Leute. Das hatte Ulf ihm gestern nämlich auch noch erklärt. Grundsolide Leute quer durch die Bevölkerung. Wenn es Knatsch gab, waren das garantiert Ausländer. Ulf war Kassenwart in der Partei »Wir für Ostfriesland« und damit Experte für das ostfriesische Seelenleben und alles, was davon abwich. Die Leute – also die Einheimischen – waren bodenständig, wortkarg und ehrlich. Gelegentlich tranken sie mal einen über den Durst, aber nur am Wochenende. Dann fuhr wohl auch mal einer gegen einen Gartenzaun, Gott ja. Aber richtige Kriminalität gab es erst, seit die Ausländer da waren. Da wurden ständig welche zusammengeschlagen, weil die das nämlich gar nicht anders kannten. Das sah man in seiner Partei glasklar, und da nahmen sie auch kein Blatt vor den Mund.

Elias überlegte, ob Ulf ihn ebenfalls zu den Ausländern zählte. Das Wort Landesgrenzen, das er benutzt hatte und das sich auf eine imaginäre Linie zwischen Bad Zwischenahn und Oldenburg bezog, sprach dafür. O Mann. Er legte den Kopf auf das Lenkrad. Wenn er sich nur nach einem Zimmer umgesehen hätte. Harm hatte nämlich recht behalten: In Leer und Umgebung gab es nirgends ein freies Bett. Alles von Urlaubern belegt, die Ostern an der Nordsee genießen wollten. Hatten sie hier wenigstens ein Schwimmbad? Keine Ahnung. Ein Blick in den Rückspiegel zeigte ihm, dass er aussah wie einer, den sie gerade aus einem verschütteten Bergwerkstollen gerettet hatten.

Er beugte sich zum Rücksitz und angelte den Rasierapparat und das Zahnputzzeug aus seinem Koffer. Kamm war sicher auch nicht verkehrt. Er verstaute alles im Rucksack und ging dann hinüber zur Polizeiinspektion.

Elias gestand sich ein, dass ihm vor dem Tag graute. Den vergangenen hatte er an seinem neuen Schreibtisch verbracht, während Krayenborg im Nebenzimmer versackt war und die Zeit mit Kollegen verbrachte, wobei sie Platt sprachen, ganz gemütlich, und Tee tranken. Er hätte sich dazusetzen können, aber er hatte keine Lust gehabt, wo er doch kein Wort verstand und vom Tee einen Würgereiz bekam und bei Small Talk sowieso unvermeidlich gegen die Wand fuhr.

Aber den Kopf hängen lassen half auch nichts. Den neuen Tag musste er eben intelligenter beginnen. Also holte er sich die elektronische Akte von Frau Coordes auf den Computer. Er hatte das Zimmer wieder für sich, denn Ulf war auf den Fluren unterwegs und sammelte bei den Kollegen für einen Wal, der auf einer der Inseln angespült worden war und präpariert werden sollte.

Elias blätterte sich durch die Seiten. Er fand nichts, was Ulfs Beschreibung widersprochen hätte. Bärbel Coordes beschäftigte die Wache mit Anzeigen, die etwa im Monatstakt eingingen. Dabei litt sie an einem Mangel an Intelligenz und einem Übermaß an Zeit, was vermutlich miteinander in Zusammenhang stand und was man ihr, wie er fand, nicht vorwerfen durfte, weil der Herrgott sie halt so geliefert hatte. Gut.

Nach dem Aktenstudium ging Elias in die Innenstadt, aß ein Fischbrötchen, dort, wo er schon am Vortag eines gegessen hatte, und besorgte sich dann im Kaufhaus ein Set gelber Haftzettel, um seine Erkenntnisse zu Boris festzuhalten. Wieder im Büro, begann er zu schreiben:

Boris nervös.

Boris intelligent.

B. findet Mutter peinlich.

B. will, dass buckliges Männlein von der Polizei zur Kenntnis genommen wird.

Und, mit rotem Kuli umkreist: Boris hat Angst.

Levke Winter

Über Levke Winter

Biografie

Levke Winter lebte viele Jahre in Ostfriesland, wo sie nicht nur den Snirtjebraten, den bissigen Wind und den Blick bis zum Horizont zu schätzen lernte, sondern auch den knochentrockenen Humor der Ostfriesen. Ihre beiden Krimis »Butter bei die Fische« und »Klabautermord« sind gleichzeitig eine...

Weitere Titel der Serie »Ostfriesland-Krimis«

Kriminalhauptkommissar Elias Kröger wird von Hannover in die ostfriesische Provinz versetzt und muss dort in mysteriösen Verbrechensfällen ermitteln.

Pressestimmen

Ostthüringer Zeitung

»Ein Juwel.«

Emder Zeitung

»Fesselnd und charmant.«

Ostfriesen-Zeitung

»Ein bemerkenswerter Krimi (...) Der Autorin merkt man die Freude am geschriebenen Wort in jeder Zeile an. ›Butter bei die Fische‹ besticht durch Humor, wahre Sätze und prägnante Pointen. (...) Ein Lesegenuss ersten Ranges. Chapeau!«

Lippstädter Stadtmagazin

»›Mords‹ - Lesespaß«

DATZ - Die Aquarienzwitschrift

»Gut 300 Seiten lesen sich munter und flott, bieten viel Schlagfertiges, Komisches, Pointiertes. (...) Eine launige Lektüre für einen Urlaub im platten Land.«

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