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Brothers and Bones - Blutige Lügen

Brothers and Bones - Blutige Lügen

Thriller

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Brothers and Bones - Blutige Lügen — Inhalt

»Danke, Wiley.« Vier Silben, die das Leben des jungen Staatsanwalts Charlie Beckham von Grund auf verändern. Denn den Spitznamen, bei dem ihn der Obdachlose in der U-Bahn nennt, kannte nur einer – sein Bruder Jake. Der investigative Journalist verschwand vor vielen Jahren spurlos. Weiß der Fremde, was damals mit ihm passierte? Ist Jake vielleicht sogar noch am Leben? Charlies Suche führt ihn in die finstersten Gassen Bostons, denn nur die skrupellosesten Männer der Stadt können ihm Antworten auf all seine Fragen geben …

€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 13.04.2015
Übersetzer: Alice Jakubeit
512 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96957-4

Leseprobe zu »Brothers and Bones - Blutige Lügen «

EINS

Manchmal kommt es mir so vor, als wäre meine persönliche kleine Welt in einer von diesen Schneekugeln eingeschlossen, in denen, wenn man sie schüttelt, dicke weiße Flocken um einen Miniatureiffelturm wirbeln. Hin und wieder nimmt das Schicksal meine Kugel in seine mitleidlosen Finger, schüttelt sie energisch und entfesselt einen Schneesturm, der mich benommen und beinahe atemlos zurücklässt. Das ist mir in meinen sechsunddreißig Lebensjahren drei Mal widerfahren, und jedes Mal wusste ich, nichts würde wieder so sein wie zuvor. Beim ersten Mal war [...]

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EINS

Manchmal kommt es mir so vor, als wäre meine persönliche kleine Welt in einer von diesen Schneekugeln eingeschlossen, in denen, wenn man sie schüttelt, dicke weiße Flocken um einen Miniatureiffelturm wirbeln. Hin und wieder nimmt das Schicksal meine Kugel in seine mitleidlosen Finger, schüttelt sie energisch und entfesselt einen Schneesturm, der mich benommen und beinahe atemlos zurücklässt. Das ist mir in meinen sechsunddreißig Lebensjahren drei Mal widerfahren, und jedes Mal wusste ich, nichts würde wieder so sein wie zuvor. Beim ersten Mal war es eine leere Fried-Chicken-Schachtel. Sie tötete meine Eltern. Auf tragische Weise absurd, ich weiß. Ich erkläre es später. Beim zweiten Mal war es ein Telefonat, das ich nicht einmal selbst führte. Dennoch veränderte dieser Anruf den Verlauf meines Lebens drastisch. Als das wütende Schneegestöber zum dritten Mal durch meine Welt fegte, da begann es mit zwei kleinen Wörtern. Nur vier Silben, und sie trafen mich völlig unvorbereitet. Danach war ich verwirrter denn je. Und auch diesmal wurde mein Leben unwiderruflich verändert.

Ich war damals Assistant United States Attorney und unterwegs zur Arbeit am wichtigsten Tag meiner Karriere. Als Angehöriger der Organized Crime Strike Force Unit, der Sondereinheit Organisiertes Verbrechen, war ich darauf spezialisiert, Mafiosi vor Gericht zu bringen – ein Bombenjob, den ich mit Leidenschaft ausfüllte. An jenem Morgen war ich unterwegs zur Eröffnung des größten Prozesses meiner bisherigen Karriere: des Prozesses gegen einen Vizechef der russischen Mafia namens Vasily »The Red« Redekov. Hinter dem Kerl waren wir seit Jahren her, und nun sah es so aus, als könnten wir ihn endlich festnageln. Und ich war der Anklagevertreter. Elf Jahre harte Arbeit als Jurist lagen hinter mir, und das war eine unglaubliche Chance. Mein Eröffnungsplädoyer vor dem Richter und der Jury war für Punkt acht Uhr dreißig angesetzt, und das Plädoyer der Verteidigung sollte darauf folgen. Da dies für die Bundesstaatsanwaltschaft ein so wichtiger Prozess in der Bekämpfung des organisierten Verbrechens in Massachusetts war, saß U.S. Attorney Andrew Lippincott, der oberste Bundesstaatsanwalt für Massachusetts und mein oberster Boss, an diesem ersten Tag mit mir am Tisch der Anklagevertretung, um das Verfahren mitzuverfolgen. Kurz: Es stand viel auf dem Spiel – für mich, für unser Amt und für das Wohl der Menschen in unserem Bundesstaat.

Es war kein guter Tag, um zu spät zur Arbeit zu kommen.

Vermutlich hätte ich also nicht ausgerechnet an diesem Morgen in meinem kleinen Lieblingscafé am Kendall Square in Cambridge frühstücken sollen, was ich mindestens einmal pro Woche tat. Aber ich hatte in der Nacht nicht schlafen können. Um halb vier Uhr morgens war ich hellwach, ging im Kopf die Beweisführung durch und feilte an dem Eröffnungsplädoyer, das ich in wenigen Stunden halten musste. Und da beschloss ich, dies lieber bei einem Espresso zu tun, anstatt dabei an die Decke zu starren und auf das Läuten des Weckers zu warten. Also stand ich auf, duschte, zog meinen besten Anzug und die schicke gestreifte Krawatte an, die meine Freundin mir zu Weihnachten geschenkt hatte, und fuhr mit der U-Bahn die eine Haltestelle nach Cambridge.

Großer Fehler, wie sich erwies. Als ich nach dem Frühstück zurückwollte, war es brechend voll in der Kendall Station. An diesem Tag, an dem ich es mir am allerwenigsten leisten konnte, zu spät zur Arbeit zu kommen, schob ich mich also inmitten von Pendlern die Treppe hinab zum Bahnsteig. Als schrilles Quietschen eine einfahrende U-Bahn ankündigte, wurde es hektisch. Die Pendlermeute drängte zur Bahnsteigkante, ich mittendrin. Eine quäkende Frauenstimme meldete über Lautsprecher, die Züge hätten Verspätung. Als die Türen sich mit einem Zischen öffneten, ließ ich mich mitziehen, doch ich wusste, dass ich nicht mehr hineinpassen würde. Und tatsächlich glitten die Türen schon nach wenigen Trippelschritten wieder zu.

Ich sah auf die Uhr. Noch sechsunddreißig Minuten bis zu den Eröffnungsplädoyers. Ich hatte keine Ahnung, wann die nächste Bahn kommen würde, aber in jedem Fall hatte ich eine fünfzehnminütige Fahrt und einen strammen Siebenminutenlauf von der U-Bahn-Station bis zum Gericht vor mir. Ich konnte es schaffen. Vielleicht. Natürlich würde die Jury den Kerl nicht freisprechen und Feierabend machen, bloß weil ich zu spät käme, doch es wäre ein lausiger Einstieg in den dreiwöchigen Prozess, wenn ich gleich zu Anfang Richter und Jury vor den Kopf stieße und zugleich mangelnde Professionalität bewiese. Und bei meinem Chef würde ich damit auch keine Pluspunkte sammeln.

Während ich nervös mit dem Fuß auf den Boden klopfte und auf den nächsten Zug wartete, auf allen Seiten dicht umringt von ungehaltenen Morgenmuffeln und in Gedanken wieder bei meiner juristischen Argumentation, bemerkte ich einen sehr starken, sehr unangenehmen Geruch. Ich erkannte darin sofort den durchdringenden, muffigen Geruch der Penner – Schweiß, Urin, Schmutz. Der Geruch kam aus nächster Nähe, und zwar von rechts. Ich tat, was die meisten Menschen in dieser Situation tun: Ich ignorierte sowohl den Geruch als auch seinen Besitzer und blickte stur geradeaus, doch als ich kurz darauf ein Klimpern hörte, sah ich nach unten, wo sich ein schmutziger Styroporbecher von Dunkin’ Donuts in mein Sichtfeld schob, umklammert von einer schmutzigen Hand, die, wie mir auffiel, nur vier Finger besaß. Der kleine Finger fehlte, nur ein glatter Stumpf war davon übrig. Die restlichen Finger waren knorrig. Erneut wurde der Becher geschüttelt, und ein paar Münzen klimperten darin. Durch das Schütteln schien sich eine ganze Wolke des widerlichen Gestanks zu erheben und stieg mir in die Nase. Der Magen drehte sich mir um, und einen heiklen Augenblick lang befürchtete ich ernsthaft, ich könne mein halb verdautes Sandwich auf der Anzugsjacke vor mir deponieren.

Niemand in meiner Nähe machte Anstalten, Geld in den Becher des Mannes zu werfen. Ich konnte es den Leuten nicht verdenken. Auch ich gebe Obdachlosen normalerweise kein Geld. Ich tue das nicht aus Prinzip, ich habe einfach nie viel Kleingeld bei mir. Ich mag es nicht, wenn es in meiner Tasche herumfliegt. Aber an diesem Morgen hatte ich auf dem Bürgersteig einen Vierteldollar gefunden und ihn aufgehoben, weil ich gedacht hatte, dies könne ein Zeichen sein, dass es ein guter Tag werde. Wie sich herausstellen sollte, war dem nicht so.

Ein fernes Rattern hallte aus der Dunkelheit des U-Bahn-Schachts. Manche positionierten sich dort, wo sich ihrer Einschätzung nach die Türen öffnen würden. Der Becher vor mir wurde erneut geschüttelt. Da der Zug gleich einfahren würde, riskierte ich nun doch einen genaueren Blick auf den Mann, und ich erkannte ihn. Ich hatte ihn schon einmal gesehen, genauer gesagt, viele Male, in U-Bahn-Stationen überall in Boston. Er war wie immer in mehrere Schichten Lumpen gekleidet, die er wahrscheinlich in Mülltonnen gesammelt hatte. Er trug einen fleckigen, abgewetzten Mantel über einem verdreckten, ausgeblichenen Harvard-University-Sweatshirt. Die fettigen dunklen Zotteln fielen ihm bis über die Schultern. Die schorfigen Lippen waren in dem dichten, verfilzten Bart, der die untere Hälfte seines Gesichts bedeckte und ihm bis auf die Brust hing, kaum zu erkennen. Auch die obere Hälfte seines Gesichts konnte ich nicht gut sehen, teils weil er sich sehr gebeugt hielt, als drückten ihn hundert unsichtbare Hände zu Boden, teils aber auch, weil er das Gesicht von mir abgewandt hielt, als suchte er auf dem Boden ein Stück rechts von sich nach Münzen. Obwohl er ein paar Zentimeter größer als ich war – er mochte knapp eins neunzig sein –, ließ seine gebeugte Haltung ihn kleiner erscheinen. Er schwieg, was, wie ich wusste, ungewöhnlich für ihn war. Ich hatte ihn, wie gesagt, schon oft gesehen, und still war er nur selten. Meistens stieß er einen Wortschwall aus, aus dem niemand außer vielleicht er selbst schlau wurde. Manchmal schrie er Passanten Obszönitäten zu. Bei anderen Gelegenheiten knurrte er sie nur an. Einmal hatte ich ihn wütend mit einem Gesicht auf einer Reklametafel streiten sehen. Doch heute war er still.

Und vielleicht war ich ja verrückt, aber unvermittelt hatte ich das deutliche Gefühl, dass er mich beobachtete, und zwar sehr aufmerksam. Je lauter das Rattern des Zuges wurde, desto stärker wurde auch eine wohlvertraute Empfindung: jenes Gefühl, das mich häufiger überkam, als mir lieb war, ein Kribbeln im Nacken, als würde mich ein ganzer Schwarm winziger Mücken stechen. Beobachtete er mich?

Natürlich nicht. Wirklich nicht. Wäre Dr. Fielding jetzt hier gewesen, hätte er es mir bestätigt.

Aber nun wollte ich unbedingt einen genaueren Blick auf das Gesicht dieses Mannes werfen. Ich hatte noch nie so lange so dicht neben ihm gestanden. Während der Zug mit einem durchdringenden, lang anhaltenden Kreischen von Metall auf Metall langsam zum Stehen kam, kramte ich den Vierteldollar aus meiner Tasche und bückte mich, um dem Mann ins Gesicht zu sehen. Aber in dem Moment gingen schon die Türen auf, und die Pendler drängten vor. Ich ließ die Münze in den Becher fallen und wurde auch schon weitergeschoben. Ich verrenkte mir den Hals, um doch noch einen Blick auf die Augen des Mannes zu erhaschen.

Und da geschah es. Während ich von der menschlichen Flut in den Zug gespült wurde, hörte ich den Obdachlosen mit einer Stimme, die rau wie Haifischhaut war, sagen: »Danke, Wiley.«

Sicher ertönte genau in diesem Augenblick ein schriller Signalton – denn der ertönte immer, kurz bevor die Türen sich schlossen. Zweifellos herrschte um mich herum auch ein ziemlich hoher Geräuschpegel. Möglicherweise bat auch ein Mitarbeiter der U-Bahn die zurückbleibenden Pendler, nicht so zu drängeln, da der nächste Zug bald eintreffen werde. Aber ich hörte nichts davon. Ich hörte nur diese beiden Wörter, gesprochen von einem Mann in Lumpen und mit Zottelmähne, der den Becher mit den Münzen sicherlich fester im Griff hatte als die Realität. Danke, Wiley.

Ich heiße nicht Wiley. Ich heiße Charlie Beckham. Der einzige Mensch, der mich je, jemals Wiley genannt hatte, war mein Bruder Jake. Und Jake wurde seit dreizehn Jahren vermisst.

 

ZWEI

Bei Gericht versagte ich total, wie ein Torjäger, der neben den Ball tritt. Und Andrew Lippincott war live dabei. Als ich hinterher an meinem Schreibtisch saß, den Kopf in den Händen vergraben, und mich gerade hoffnungsvoll fragte, ob ich nicht doch ein bisschen zu hart mit mir ins Gericht ging, hörte ich jemanden sagen: »Wie kommt’s, dass du es heute so verkackt hast, Charlie?«

Ich blickte auf. An der Tür zu meinem Büro stand Angel Medina, ein Kollege, der ein Jahr nach mir zum Büro des U.S. Attorney gestoßen und das jüngste Mitglied der Organized Crime Strike Force Unit war. Seit seiner Einstellung vier Jahre zuvor war ich so etwas wie ein inoffizieller Mentor für Angel, und er war mein engster Freund geworden. Überdies hatte er mich bei dem Redekov-Fall unterstützt, weshalb er heute neben mir und Lippincott am Tisch der Anklagevertretung gesessen und mein schwindelerregendes Unvermögen mit angesehen hatte. Ich zeigte ihm den Stinkefinger und ließ den Kopf wieder in die Hände sinken.

»Was zum Teufel war da los?«, fragte Angel. »Du hast es total vergeigt.«

Das hatte ich allerdings. Ich war katastrophal gewesen.

Vier Jahre lang hatte unser Büro zusammen mit dem FBI und örtlichen Polizeibehörden eine gemeinsame Sondereinheit gebildet, die sich auf Vasily Redekov konzentriert hatte. Seine Verurteilung würde ein deutliches Signal an das organisierte Verbrechen in Boston senden. Unsere Aussichten waren gut. Wir hatten einige Dutzend wertvoller Hinweise bekommen, und die Sondereinheit hatte beim Zusammentragen des Beweismaterials großartige Arbeit geleistet. Redekov selbst hatte uns noch geholfen, indem er die Nerven verloren, höchstpersönlich einen Verräter erschossen sowie einen Augenzeugen mehrfach angeschossen und die Verbrechen dann aus Überheblichkeit kaum vertuscht hatte. Dummerweise hatte der Augenzeuge überlebt, wenn auch angesichts der sechs Kugeln, die Redekov ihm verpasst hatte, nicht davon auszugehen war, dass er den armen Kerl aus Barmherzigkeit am Leben gelassen hatte. Obwohl wir damit ziemlich stichhaltige Beweise hatten, war der Erfolg unserer Anklage wegen Mordes, versuchten Mordes, verschiedener Fälle von Schutzgelderpressung und Ähnlichem keineswegs garantiert. Redekovs Rechtsverdreher waren gut in ihrem Job, und überdies hatte eine der Kugeln, die er im Kopf des Augenzeugen platziert hatte, dort einige Verwirrung gestiftet. Dennoch war ich optimistisch, so wie alle bei der Organized Crime Strike Force Unit. Offen gesagt, hofften wir sogar auf noch fettere Beute. Wenn ich bei Gericht gute Arbeit leistete und Redekov klarmachte, wie aussichtsreich unsere Anklage gegen ihn war, dann würde er vielleicht nervös werden und sich auf einen Deal einlassen, alles gestehen und uns den Rest der großen Tiere in der russischen Familie liefern, darunter hoffentlich auch das größte Tier von allen, den Kopf der gesamten Organisation. Das hofften wir jedenfalls, und die Grundvoraussetzung dafür war, dass ich bewies, wie fähig ich war, wie wasserdicht die Anklage der Staatsanwaltschaft und wie tief die Scheiße, in der Redekov saß.

Stattdessen gab ich eine erbärmliche Vorstellung. Ich stolperte durch mein Eröffnungsplädoyer und musste dann neben einem vor Wut kochenden Andrew Lippincott sitzen, während Redekovs Anwalt in seinem Plädoyer genau den richtigen Ton anschlug: eine Mischung aus Selbstgefälligkeit und Empörung über den Versuch der Staatsanwaltschaft, den guten Namen seines Mandanten in den Schmutz zu ziehen. Er war gewandt, beredt, sympathisch, gut vorbereitet und auch sonst alles, was ich hätte sein müssen, aber nicht war. Nach einer kurzen Pause, in der Lippincott mich an die Bedeutung des Prozesses erinnerte und mir immer wieder durchdringend in die Augen sah – vermutlich um sich zu vergewissern, dass ich nicht vor der Verhandlung ein Sixpack gekippt hatte –, stand ich auf und begann mit dem Beweisvortrag der Staatsanwaltschaft. Und ich war kein Stück besser als vor der Pause. Ich vergaß entscheidende Fakten, was höchst ungewöhnlich für mich war, denn ich habe so etwas Ähnliches wie ein eidetisches Gedächtnis. Ich brauche bloß einen kurzen Blick auf etwas zu werfen und erinnere mich später außerordentlich genau daran. Manche Menschen haben blaue Augen, andere können einen Baseball meilenweit schlagen, wieder andere können Lincolns Gettysburg-Rede auf ein einziges Reiskorn gravieren. Ich kann eben dies.

Aber an diesem ersten Prozesstag konnte ich mich nicht einmal auf mein Gedächtnis verlassen. Ich vergaß nicht nur Fakten, sondern präsentierte die, an die ich mich erinnerte, völlig zusammenhanglos und ohne dass ich meinen Zuhörern die Bedeutung dieser Fakten vermitteln konnte. Ich stammelte, murmelte, berichtigte mich, verlor den Faden und stand zweimal kurz davor, mich entmutigt aus dem Fenster zu stürzen. Ich hatte gehofft, dieser Prozess würde mein Sprungbrett zu noch wichtigeren Fällen sein. Doch nach dem heutigen Tag konnte ich von Glück reden, wenn ich meinen Job behielt. Lippincott könnte mich genauso gut auffordern, den Hut zu nehmen.

In Gedanken begann ich schon, meinen Lebenslauf zu formulieren, und überlegte, wohin ich ihn schicken könnte, aber Angel Medina ließ nicht locker.

»Charlie, was ist los?«

»Wie du schon gesagt hast, Angel, ich hab’s vergeigt.«

»Offensichtlich. Aber wieso?«

Angels Taktgefühl hatte ich schon immer geliebt.

»Ich war nicht in Form, hatte Schwierigkeiten, mich zu konzentrieren. Ich war wohl nervös. Was soll ich sagen? Ich war durch den Wind.«

»Ich glaube, ich habe dich noch nie nervös gesehen, Charlie, und garantiert noch nie durch den Wind.«

Er hatte mich ja auch nicht heute Morgen in der U-Bahn erlebt, unmittelbar nachdem der Obdachlose mich Wiley genannt hatte, bei einem Spitznamen also, den nur mein Bruder gekannt hatte, der seit dreizehn Jahren vermisst wurde und vor sechs Jahren offiziell für tot erklärt worden war.

Zuerst war ich sprachlos gewesen, wie vom Donner gerührt. Offen gestanden, weiß ich eigentlich gar nicht, wie genau man sich das vorzustellen hat, aber ich habe in Westernfilmen Cowboys gesehen, von denen andere Cowboys sagten, sie sähen aus wie vom Donner gerührt, und genau so muss ich ausgesehen haben, stelle ich mir vor. Als ich aus meiner Benommenheit erwacht war, versuchte ich, wieder hinaus auf den Bahnsteig zu gelangen, wo der Obdachlose inmitten der Pendler stand und mich fixierte. Ich schob und drängelte und schlug mit der Aktentasche um mich, erreichte damit jedoch nur, dass ich mich ziemlich unbeliebt machte, und als die Türen sich geschlossen hatten, stand ich noch immer im Zug. Ich ignorierte die Leute um mich herum und betrachtete durchs Fenster den Obdachlosen, bis er außer Sicht war und ich auf eine schwarze Tunnelwand starrte.

Ich spürte mein Herz in der Brust flattern. Wer war dieser Mann? Woher kannte er den geheimen Spitznamen? Hatte er Jake gekannt? Wusste er, was ihm zugestoßen war?

Mir kam ein Gedanke, der mich mit der Wucht eines Hammers traf. Ich hatte den Obdachlosen nicht richtig sehen können. Ich schloss die Augen und versuchte, mir seine Erscheinung in Erinnerung zu rufen. Es war schwierig, sich vorzustellen, wie er unter dieser Einsiedlermähne und der Schmutzschicht aussehen mochte. War das möglich? Der Mann hielt sich so gebeugt, dass seine Körpergröße schwer zu schätzen war, aber es kam in etwa hin. Ebenso sein Körperbau, obwohl auch der unter den diversen Kleiderschichten nur zu erahnen war. Und auch das Alter schien in etwa zu stimmen. War es möglich?

Als ich mich an der nächsten Haltestelle durch die wogende Pendlermasse hinaus auf den Bahnsteig schob, hatte ich den Redekov-Prozess völlig vergessen. Ich rannte die Treppe hinauf und auf der anderen Seite wieder hinunter auf den Bahnsteig in die Gegenrichtung, wo ich vier bange Minuten auf einen Zug wartete, der mich dorthin zurückbrachte, wo ich den Obdachlosen in dem Harvard-Sweatshirt gesehen hatte. Ich keuchte und schwitzte und hatte die Augen weit aufgerissen. Den Blicken der Leute um mich herum nach zu urteilen, sah ich aus wie ein Geistesgestörter. Ein kleines Mädchen wimmerte und drückte sein Gesicht zwischen die Knie seiner Mutter. Ich nahm das alles kaum zur Kenntnis.

Als ich an der Kendall Station ausgestiegen war, wartete ich, bis der Zug weiterfuhr, und blickte dann über die Gleise zum anderen Bahnsteig. Der Obdachlose war nirgends mehr zu sehen. Der Bahnsteig war nicht mehr so voll wie vorhin, ich hätte ihn also garantiert gesehen, wäre er noch dort gewesen. Ich stürmte die Treppe hinauf und hinaus auf den Bürgersteig, wo ich mich nach allen Seiten umsah. Kein Glück. Ich beschrieb den Obdachlosen einigen Passanten und fragte, ob sie so jemanden in den letzten Minuten gesehen hätten. Die hilfreichste Antwort lautete noch: »Sie blockieren die Treppe.«

Ich ließ den Kopf hängen und stieß geräuschvoll den Atem aus. Mir blieb nichts anderes übrig, als zur Arbeit zu fahren und … O nein! Ich sah auf die Uhr und musste einen gallebitteren Geschmack hinunterschlucken.

Mit einundzwanzig Minuten Verspätung traf ich schließlich im Gerichtssaal ein. Ein furchtbarer Beginn für einen furchtbaren Tag bei Gericht. Allen Bemühungen zum Trotze, mich auf den Fall zu konzentrieren, wanderten meine Gedanken durch das Bostoner U-Bahn-System. Ich gab mein Bestes, aber ich war fahrig, als ich mich durch den Vortrag der Anklage kämpfte. Am Nachmittag brachte ich meine Ausführungen für diesen Tag zu einem lahmen Ende, setzte ein selbstironisches Lächeln auf und versprach dem Gericht, von nun an pünktlich zu sein. Es war Donnerstag, und der Richter hatte nach der Mittagspause verkündet, dass er am kommenden Tag aus persönlichen Gründen nicht bei Gericht sein könne, daher würde der nächste Termin, bei dem ich unter Androhung der Todesstrafe pünktlich zu sein hatte, am Montagmorgen sein.

Nachdem die Verhandlung vertagt worden war, sagte Lippincott mir, er benötige Zeit, um nachzudenken, daher ließ ich ihn am Tisch der Anklagevertretung zurück und schlich mich aus dem Gerichtssaal. Draußen kämpfte ich mich durch einen dichten Wald aus Mikrofonen und Kameras und machte mich auf den deprimierenden Weg zurück in mein Büro.

Als ich im Aufzug hinauf in den achten Stock fuhr, wo die Abteilung Strafsachen der Bundesstaatsanwaltschaft untergebracht ist, fragte ich mich, ob Lippincott wohl schon angerufen und Anweisung gegeben haben mochte, mein Büro zu räumen und mich vom Sicherheitsdienst aus dem Gebäude begleiten zu lassen.

Wie sich herausstellte, hatte er nichts dergleichen getan. Als nun, eine halbe Stunde später, Angel an meiner Tür stand, sagte ich zu ihm: »Ich hoffe, die Freundschaft zu mir schadet deiner Karriere nicht, wenn ich weg bin und in Notfallambulanzen meine Visitenkarten an Unfallopfer verteile, die vielleicht einen Anwalt brauchen könnten.«

Angel war so liebenswürdig, über meinen Galgenhumor zu lächeln. Aber er war nicht so liebenswürdig, meiner Zukunftsvision zu widersprechen.

Mein Telefon läutete, und ich nahm ab.

»Lippincott?«, fragte Angel, nachdem ich aufgelegt hatte.

Ich nickte. »Er will mich sehen.«

Als ich an ihm vorbeiging, fragte er: »Soll ich schon mal deinen Schreibtisch leer räumen?«

Beinahe hätte ich ihm noch einmal den Stinkefinger gezeigt, doch womöglich würde ich später wirklich seine Hilfe brauchen, um meine Sachen zu packen.

James Hankins

Über James Hankins

Biografie

James Hankins wuchs in New Jersey auf und hat als Drehbuchautor gearbeitet, ehe er sich nach seinem Jurastudium als Anwalt in Boston niederließ und für eine der größten Anwaltskanzleien der USA arbeitete. Mittlerweile widmet er sich ganz dem Schreiben sowie der Erziehung seiner Zwillingssöhne.

Medien zu »Brothers and Bones - Blutige Lügen «

Pressestimmen

Weser-Kurier

»›Brothers and Bones – Blutige Lügen‹ ist ein komplexer, actiongeladener Thriller ohne große Ruhephasen. (...) Beeindruckende Figuren, rasante Dialoge und packende Actionszenen – genau aus diesen Gründen wurde ›Brothers and Bones – Blutige Lügen‹ in den USA ein Bestseller.«

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