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BlutsteinBlutstein

Blutstein

Kriminalroman

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Blutstein — Inhalt

Der dritte Band von Theorins Jahreszeiten-Quartett

Ein verwunschener Ort, eine abgeschiedene Welt dunkler Mythen und Legenden. Und ein ungebetener Gast, der vor aller Augen ermordet wird. Johan Theorin erzählt in seinem neuen Kriminalroman von einem grausamen Familiengeheimnis und tapferen Helden, die nicht umhinkommen, die Sagen ihrer Insel ernst zu nehmen

Erschienen am 14.05.2012
Übersetzer: Kerstin Schöps
448 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-27448-7
Erschienen am 07.02.2011
Übersetzer: Kerstin Schöps
396 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-95150-0

Leseprobe zu »Blutstein«

WALPURGISNACHT


Per Mörner hatte schwere Verbrennungen an seiner linken Hand,
mehrere gebrochene Rippen und konnte nur noch verschwommene
Umrisse erkennen. Aber er lebte noch. Er spürte, wie er
mit Benzin übergossen wurde, registrierte dessen milde Temperatur.
Im Vergleich zu der kalten Abendluft fühlte sich die Flüssigkeit
beinahe warm an, und es brannte, als sie ihm über die
Haare und in die Wunden im Gesicht rann.
Der Benzinkanister über seinem Kopf gab rhythmische, gluckernde
Laute von sich. Dann hörte das Gluckern auf, und der
leere Kanister wurde [...]

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WALPURGISNACHT


Per Mörner hatte schwere Verbrennungen an seiner linken Hand,
mehrere gebrochene Rippen und konnte nur noch verschwommene
Umrisse erkennen. Aber er lebte noch. Er spürte, wie er
mit Benzin übergossen wurde, registrierte dessen milde Temperatur.
Im Vergleich zu der kalten Abendluft fühlte sich die Flüssigkeit
beinahe warm an, und es brannte, als sie ihm über die
Haare und in die Wunden im Gesicht rann.
Der Benzinkanister über seinem Kopf gab rhythmische, gluckernde
Laute von sich. Dann hörte das Gluckern auf, und der
leere Kanister wurde weggeschleudert.
Per kniete inmitten einer großen Pfütze und war vollkommen
durchnässt. Er war von dem harten Schlag auf den Kopf ganz benommen,
und die Benzindämpfe machten ihn schwindelig.
Er stützte sich auf seine Arme und versuchte sich aufzurichten.
Aber er hatte Schwierigkeiten, mehr als Umrisse zu erkennen.
Die Gestalt vor ihm war nur ein dunkler Schatten gegen
den Abendhimmel.
Wie ein Troll, dachte Per. Die Person sah aus wie ein Bergtroll.
»Walpurgisnacht!«, sagte der Schatten. »Heute Nacht brennen
überall Feuer!«
Dann holte die Gestalt etwas aus der Jackentasche, einen Gegenstand,
der leise rasselte. Es war eine Streichholzschachtel.
Jetzt würde Per für die Sünden seines Vaters in Flammen aufgehen.
Er hob den Kopf. Da kam ihm in den Sinn, dass er noch eine
Sache versuchen konnte, obwohl es wahrscheinlich zu spät dafür
war – er konnte um Gnade flehen.
Ihm rann Benzin in den Mund, als er ihn öffnete.
»Ich werde schweigen«, flüsterte er.
Obwohl das unmöglich war, er wusste bereits zu viel über die
Machenschaften von Jerry, Bremer und Markus Lukas.
Aber er wusste auch, dass die vielen Namen, die er in den vergangenen
Wochen zusammengetragen hatte, keine Bedeutung
mehr hatten. Sie würden alle bald verschwunden sein.
Die Gestalt vor ihm schien nicht einmal zugehört zu haben.
Sie öffnete die Schachtel und holte ein Streichholz heraus. Dann
schob sie die Schachtel wieder zu, nahm das Streichholz zwischen
die Finger und zündete es an.
Es knisterte leise, und dann loderte eine helle, gelbe Flamme auf.
Jerry, Bremer, Markus Lukas, Jessika, Regina und all die anderen …
Per schloss die Augen und wartete auf das Feuer. Unaufhörlich
flimmerten die Namen durch seinen Kopf.


1


Es war März, und im Norden von Öland schien die Sonne auf
die letzten grauen Schneehäufchen, die auf dem Rasen vor dem
Altersheim von Marnäs lagen und nur langsam schmolzen. Die
beiden Flaggen auf dem Parkplatz – die schwedische mit gelbem
Kreuz und die öländische mit einem goldenen Hirsch – flatterten
im eiskalten Wind. Beide waren auf halbmast.
Eine lange schwarze Limousine rollte auf den Vorplatz des Altersheims
und hielt vor dem Eingang. Zwei Männer in dicken
Wintermänteln stiegen aus dem Wagen und öffneten die Kofferraumklappe.
Sie zogen eine Bahre heraus, klappten die Räder
aus und schoben sie die Rollstuhlrampe hinauf und durch die
gläserne Eingangstür.
Die Männer waren Leichenbestatter.
Der pensionierte Kapitän zur See Gerlof Davidsson saß zusammen
mit seinen Mitbewohnern im Speisesaal, als die Männer
den Fahrstuhl verließen. Er beobachtete sie, wie sie die Bahre
den Gang hinunterschoben. Auf der Bahre lagen gelbe Decken
und breite Gurte, die den leblosen Körper festhalten sollten. Die
Männer gingen schweigend am Speiseaal vorbei und steuerten
den Warenaufzug an, der hinunter in den Kühlraum des Altersheims
führte.
Das Gemurmel der Bewohner verstummte, als die Bahre vorbeirollte,
setzte aber kurz darauf wieder ein.
Gerlof erinnerte sich, dass vor ein paar Jahren die Bewohner
des Altersheims darüber abgestimmt hatten, ob der Wagen des
Bestattungsinstituts künftig auf der Rückseite des Gebäudes halten
und die Verstorbenen dezent durch eine Hintertür abtransportieren
sollte. Die meisten hatten sich jedoch dagegen ausgesprochen,
so auch Gerlof.
Die Alten wollten sehen, wie ihre verstorbenen Mitbewohner
ihre letzte Reise antraten. Sie wollten Abschied nehmen können.
An diesem kalten Tag war Torsten Axelsson an der Reihe. Er
war in seinem Bett gestorben, einsam und mitten in der Nacht,
so, wie viele Menschen sterben. Die Frühschicht hatte ihn gefunden,
einen Arzt gerufen, damit er den Tod bescheinigte, und ihm
danach seinen schönsten schwarzen Anzug angezogen. An seinem
rechten Handgelenk wurde ein Plastikband mit seinem Namen
und seiner Versicherungsnummer befestigt, und zu guter
Letzt hatten sie Torsten eine Mullbinde um den Kopf gebunden,
damit der Kiefer geschlossen blieb, wenn die Leichenstarre einsetzte.
Torsten hatte genau gewusst, was mit ihm nach seinem Tod
geschehen würde. Dessen war sich Gerlof sicher, schließlich
hatte Torsten sein Leben lang als Friedhofswärter und Totengräber
gearbeitet. In einem der vielen Särge, die er unter die Erde
gebracht hatte, hatte sogar einmal ein Mörder namens Nils Kant
gelegen. Aber in der Regel hatte er Gräber für normale Inselbewohner
ausgehoben.
Tagein, tagaus hatte er diese Arbeit verrichtet, wenn nicht zu
viel Schnee lag oder Minusgrade unter zehn herrschten. Besonders
im Frühling war das Graben beschwerlich gewesen, hatte er
Gerlof einmal erzählt, weil der Bodenfrost auf Öland so lange
anhielt. Aber nicht etwa die physische Anstrengung hatte ihm
am meisten zugesetzt: An den Tagen, an denen er das Grab für
ein verstorbenes Kind ausheben musste, war es ihm furchtbar
schwergefallen, aufzustehen und ans Werk zu gehen.
Schon bald würde er in sein eigenes Grab hinabgesenkt werden.
In einer Urne – Torsten wollte eingeäschert werden.
»Ich lasse mich lieber verbrennen, als dass meine Knochen in
der Erde bleiben und durch die Gegend fliegen«, hatte er gesagt.
Früher war das anders, dachte Gerlof. In seiner Jugend gab es
weder Leichenbestatter noch Bestattungsinstitute, die sich um
alles kümmerten, wenn ein Angehöriger gestorben war. Früher
starb man in seinem eigenen Bett, und ein Familienmitglied
zimmerte den Sarg.


Da fiel Gerlof eine alte Familiengeschichte ein. Anfang des
20. Jahrhunderts lebten seine frisch verheirateten Eltern in einem
umgebauten Sommerhaus in Stenvik. Eines Nachts wurden sie
von merkwürdigen Geräuschen auf dem Dachboden geweckt. Es
klang, als würde jemand die übrig gebliebenen Bretter durch die
Gegend schieben, die Gerlofs Vater dort gelagert hatte. Als er jedoch
nachsehen ging, war der Dachboden verlassen und alles
still.
Aber kaum war sein Vater wieder im Schlafzimmer angekommen,
begann der Lärm von Neuem.
Gerlofs Eltern hatten regungslos in der Dunkelheit gelegen
und angsterfüllt den unheimlichen Geräuschen gelauscht.
Als Gerlof seinen Kaffee ausgetrunken hatte, kamen die Leichenbestatter
mit der Bahre zurück. Er konnte sehen, dass jetzt ein
Körper darauf lag, verborgen unter den Decken und festgehalten
von den Ledergurten. Leise und zügig wurde er vorbeigefahren.
Adieu, Torsten, dachte Gerlof.
Kaum hatten die Leichenbestatter das Altersheim durch den
Haupteingang verlassen, schob Gerlof seinen Stuhl nach hinten.
»Zeit zu gehen«, verkündete er seinen Tischnachbarn.
Dann erhob er sich langsam mithilfe seines Stockes. Er biss
die Zähne zusammen, als die rheumatischen Schmerzen sich in
den Beinen meldeten. Bedächtig lief er den Gang hinunter zum
Büro der Heimleiterin.
Seit Wochen schon hatte Gerlof sich so seine Gedanken gemacht,
genau genommen seit seinem letzten Geburtstag. Da
war ihm bewusst geworden, dass es nicht mehr weit war bis
zu seinem fünfundachtzigsten Geburtstag. Die Zeit verrann so
schnell – ein Jahr in seinem Alter verging genauso rasch, wie früher
eine Woche verstrichen war, als er noch ein junger Mann
war. Und jetzt, nach Torstens Tod, hatte er endgültig den Entschluss
gefasst.
Vorsichtig klopfte er gegen die Tür von Boels Büro und öffnete
sie, als die Heimleiterin antwortete.
Boel saß am Computer und erledigte Papierkram. Gerlof blieb
schweigend auf der Türschwelle stehen. Nach einer Weile hob
sie den Kopf.
»Geht es Ihnen gut, Gerlof?«
»Ja.«
»Was gibt es denn? Haben Sie etwas auf dem Herzen?«
Er holte tief Luft.
»Ich muss hier weg.«
Boel schüttelte langsam den Kopf.
»Gerlof …«
»Es ist bereits entschieden«, unterbrach er sie.
»Ach ja?«
»Ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen …« Gerlof registrierte,
dass Boel mit den Augen rollte, fuhr aber unbeirrt fort:
»Meine Eltern heirateten 1910. Sie übernahmen einen kleinen
umgebauten Hof, der seit vielen Jahren leer stand. In ihrer ersten
Nacht hörten sie merkwürdige Geräusche auf dem Dachboden
… es klang, als würde jemand die Bretter hin und her bewegen,
die mein Vater dort oben aufgestapelt hatte. Sie fanden
keine Erklärung für den Lärm, aber am nächsten Morgen stand
der Nachbar vor der Tür.«
Er machte eine Kunstpause und fuhr dann fort: »Der Nachbar
erzählte, dass sein Bruder in der vergangenen Nacht gestorben
sei. Und er bat meinen Vater um Bretter, um daraus einen Sarg
zimmern zu können. Mein Vater ließ ihn auf den Dachboden
gehen und die passenden Bretter auswählen. Als meine Eltern in
der Küche saßen und das Geklapper vom Dachboden hörten,
erkannten
sie die Geräusche wieder … Sie waren identisch mit
denen der vergangenen Nacht.«
Es wurde still im Raum.
»Ja, und?«, fragte Boel schließlich.
»Das war eine Ankündigung. Die Ankündigung eines nahenden
Todes.«
»Ja, Gerlof, das war eine schöne Geschichte … Aber worauf
wollen Sie hinaus?«
Er seufzte.
»Ich will darauf hinaus«, sagte er, »dass es mein Sarg sein wird,
der als Nächstes gezimmert werden muss, wenn ich länger hierbleibe.
Ich habe schon das klappernde Geräusch von Holzbrettern
gehört. Und das Rattern des Leichenwagens.«
Boel schien aufzugeben.
»Und was haben Sie vor? Wo wollen Sie hin?«
»Nach Hause«, antwortete Gerlof. »In mein Haus nach Stenvik.«


2


Du stirbst? Wer hat gesagt, dass du stirbst, Papa?«
»Ich selbst!«
»Das ist doch lächerlich! Du hast noch viele Jahre vor dir …
viele Frühlinge«, widersprach Julia Davidsson und fügte hinzu:
»Außerdem hast du es gerade geschafft, lebend ein Altersheim
zu verlassen – wie vielen gelingt das wohl?«
Gerlof erwiderte nichts, musste aber unwillkürlich an die
stählerne Bahre mit Torsten Axelssons Körper denken. Und er
blieb schweigsam, während seine Tochter den Wagen hinunter
zur Küste bis zur Ortseinfahrt von Stenvik steuerte.
Die Sonne schien durch die Windschutzscheibe und weckte
seine Sehnsucht nach Schmetterlingen und Vögeln und allem
anderen, was die Frühlingswärme mit sich bringt. Die Lebenslust
in seiner Brust hob ihren schläfrigen Kopf und blinzelte überrascht.
Er musste sich beinahe anstrengen, um mürrisch zu klingen,
als er schließlich etwas sagte:
»Nur Gott allein weiß, wie viel Zeit mir noch bleibt, und er
lässt sie viel zu schnell vergehen … aber wenn ich schon sterben
soll, dann hier in meinem Heimatort.«
Julia seufzte. Sie hielt den Wagen am Rand der menschenleeren
Hauptstraße von Stenvik an und schaltete den Motor aus.
»Du liest zu viele Todesanzeigen.«
»Stimmt. Aber die Zeitungen leben davon.«
Gerlof hatte sich mit Letzerem einen Scherz erlauben wollen,
aber Julia lachte nicht, sondern half ihm nur schweigend beim
Aussteigen.
Langsam gingen sie auf das Gartentor des Sommerhauses der
Familie Davidsson zu, das in einem kleinen Wäldchen in Stenvik
lag, nur einige Hundert Meter vom Meer entfernt.
Zwar würde er die meiste Zeit allein sein, darüber war sich
Gerlof vollkommen im Klaren, aber dafür bliebe er wenigstens
vor den Krankheiten im Altersheim verschont. Die anderen Mitbewohner
mit ihren zahllosen Tabletten, Sauerstoffschläuchen
und dem ständigen Gerede über Gebrechen waren ihm langsam
auf die Nerven gegangen. Und seiner ehemaligen Geliebten Maja
Nyman ging es auch immer schlechter, die meiste Zeit lag sie
im Bett.
Fast einen Monat hatte es gedauert, Boel und die anderen im
Vorstand davon zu überzeugen, Gerlof zurück in sein Haus nach
Stenvik ziehen zu lassen. Aber schließlich hatten sie aufgegeben
und eingesehen, dass er dadurch den Platz für einen neuen
Heimbewohner freigab, der gerne im Altersheim aufgenommen
werden wollte. Gerlof würde zwar weiterhin Hilfe benötigen,
eine Putzfrau, medizinische Versorgung und Essen auf Rädern,
aber das würde sich ohne Weiteres mit Krankenschwestern und
Haushaltshilfen bewerkstelligen lassen.
Gerlof war vollkommen klar im Kopf, obwohl er sich an manchen
Tagen kaum bewegen konnte. Seinem Hirn und seinen Zähnen
fehlte nichts – nur die Arme, Beine und der Rest des Körpers
hätten eine Grundrestaurierung nötig.
Es war Ende März, und Gerlof betrat zum ersten Mal in diesem
Jahr seinen Heimatort an der Küste, in dem er geboren und aufgewachsen
war. Er war zurückgekehrt auf den Grund und Boden,
der seit Jahrhunderten im Besitz der Familie Davidsson war
und den seine Eltern noch bewirtschaftet hatten. Und er war zurück
in seinem Häuschen, das er für sich und seine Frau Ella vor
etwa fünfzig Jahren gebaut hatte. Stenvik war sein Hafen gewesen
in den vielen Jahren auf See.
Der Schnee war fast überall geschmolzen und hatte eine weiche
Grasfläche freigelegt, die dringend geharkt werden musste.
»Grün und Laub vom letzten Jahr«, sagte Gerlof. »Was im Winter
verborgen war, kommt jetzt wieder zum Vorschein.«
Während sie über das verblichene Gras gingen, klammerte er
sich fest an Julias Arm. Als sie aber die steinerne Treppe erreicht
hatten, ließ er sie los und stieg auf seinen Gehstock aus KastaTheorin_
nienholz gestützt behutsam eine Stufe nach der anderen hinauf
zur Eingangstür.
Gerlof konnte zwar noch selbst laufen, aber er war dankbar,
dass seine Tochter ihn stützte. Und er war froh, dass Ella nicht
mehr lebte. Er wäre ihr nur eine große Last gewesen.
Er holte den Schlüssel aus seiner Tasche und schloss auf.
Die stickige Luft verschlossener Räume schlug ihm entgegen,
als er die Glastür öffnete. Abgestanden und ein bisschen feucht,
aber es roch nicht nach Schimmel. Die Dachziegel schienen
noch intakt zu sein. Zum Glück entdeckte er auch keine kleinen
schwarzen Kügelchen, als er über die Schwelle trat. Die Mäuse
überwinterten in der Regel im Fundament des Hauses und kamen
nur selten in die Wohnräume.
Julia war übers Wochenende auf die Insel gekommen, um
ihm beim Umzug zu helfen und klar Schiff zu machen. Frühjahrsputz
nannte sie das. Natürlich war Gerlof der eigentliche
Besitzer des Häuschens, aber seit vielen Jahren nutzten es seine
beiden Töchter und deren Familien als Sommerhaus. Und im
Sommer würden sie sich in den kleinen Zimmern arrangieren
müssen.
Kommt Zeit, kommt Rat, dachte er.


Nachdem sie Gerlofs Gepäck ins Haus gebracht, den Strom eingeschaltet
und die Fenster zum Lüften geöffnet hatten, gingen
sie wieder hinaus in den Garten.
Abgesehen vom Geschrei der Sturmmöwen unten am Strand
wirkte der Ort an diesem Samstagvormittag vollkommen menschenleer
und verlassen. Doch plötzlich hörten sie von der anderen
Seite der Hauptstraße harte Hammerschläge. Sie hallten
weit über die Landschaft.
Julia sah sich irritiert um.
»Da ist jemand zugange.«
»Ja«, erläuterte Gerlof, »die bauen drüben am Steinbruch.«
Gerlof war nicht überrascht, im vergangenen Sommer hatte
er einen Ausflug in die Stadt gemacht und beobachtet, dass auf
zwei großen Grundstücken neben dem Steinbruch sämtliche
Bäume und Büsche gefällt und entfernt worden waren und eine
Walze den Erdboden bearbeitet hatte. Seine Vermutung war, dass
dort zwei weitere Sommerhäuser entstünden, die wie so viele
andere die meiste Zeit des Jahres unbewohnt bleiben würden.
»Willst du dir das ansehen?«, fragte Julia.
»Gerne, lass uns rübergehen.«
Er nahm den Arm seiner Tochter, und gemeinsam verließen
sie das Grundstück durch das Gartentor.
Als Gerlof Anfang der Fünfzigerjahre sein Haus baute, hatte er
noch ungehinderte Sicht auf das Meer im Westen und auf den
Kirchturm von Marnäs im Osten. Damals gab es überall grasende
Kühe und Schafe, die den Bewuchs in Schach hielten. Aber das
Vieh war schon lange verschwunden, und die Bäume und Büsche
hatten wieder die Herrschaft übernommen. Die Baumkronen
bildeten nun ein dichtes Dach, und als sie die Hauptstraße
überquerten, konnte Gerlof nur einen kurzen Blick auf den eisbedeckten
Sund im Westen erhaschen.
Stenvik war ein altes Fischerdorf. Gerlof erinnerte sich gerne
an die Zeit, als die Kähne in der sanften Bucht in langen Reihen
am Strand nebeneinanderlagen und darauf warteten, zu
den Fischernetzen gerudert zu werden, die weiter draußen im
Sund ausgeworfen worden waren. Schon lange waren sie alle
verschwunden und die Wohn- und Bootshäuser der Fischer waren
zu Ferienhäuschen umgebaut worden.
Sie bogen in den Kiesweg, der zum Steinbruch führte. ERNSTS
WEG stand in großen Lettern auf einem neuen weißen Schild.
Gerlof wusste, nach wem der Weg benannt worden war: Ernst
war sein Freund gewesen und hatte als Steinhauer als einer der
letzten Bewohner des Ortes bis zur Schließung Anfang der Sechzigerjahre
im Steinbruch gearbeitet. Auch Ernst gab es nicht
mehr – nur sein Weg war geblieben. Gerlof versuchte sich auszumalen,
ob auch nach ihm eines Tages etwas benannt werden würde.
Als der Steinbruch vor ihnen auftauchte, sah Gerlof sofort,
dass Ernsts rotbraunes Backsteinhaus noch an Ort und Stelle
stand, direkt an der Kante des Steinbruchs. Es war verriegelt und
winterfest gemacht. Das Kind einer Cousine hatte es mit seiner
Familie geerbt, als Ernst starb, aber sie hielten sich fast nie dort auf.
»Oha«, sagte Julia. »Jetzt fangen sie auch hier an zu bauen.«
Gerlof wandte seinen Blick von Ernsts Haus und entdeckte die
beiden großen Villen, die Julia meinte. Sie standen, mit ein paar
Hundert Metern Abstand zueinander, auf der östlichen Seite des
Steinbruchs.
»Sie haben wohl schon letzten Sommer begonnen, die Grundstücke
vorzubereiten«, sagte Julia erstaunt. »Und dann müssen
sie den Herbst und Winter über gebaut haben.«
Gerlof schüttelte den Kopf.
»Mich hat niemand um Erlaubnis gefragt!«
Julia kicherte.
»Das stört dich doch gar nicht, die Bäume versperren dir doch
die Sicht.«
»Stimmt, aber trotzdem. Der Anstand hätte es verlangt!«
Die Häuser waren aus Holz und Stein gebaut, mit großen, glänzenden
Panoramafenstern, weißen Schornsteinen und schwarzen
Schieferschindeln. Auf einem der Grundstücke standen noch
Baugerüste herum, und ein paar Zimmerleute in dicken Wollpullovern
waren damit beschäftigt, Holzbretter aneinanderzunageln.
Vor der anderen Villa lag eine große, weiße, in Plastik
verpackte Badewanne auf dem Rasen.
Ernsts Häuschen, das sich nördlich der beiden neuen Eigenheime
befand, sah im Vergleich dazu aus wie ein kleiner Holzschuppen.
Luxushäuser, dachte Gerlof verächtlich. Das war mitnichten
das, was der Ort am dringlichsten brauchte. Aber nun standen
sie da, fast fertiggestellt.
Der stillgelegte Steinbruch lag wie eine große Wunde in der
Landschaft. Er war fünfhundert Meter breit und der Boden übersät
mit kleinen und großen Steinbrocken, teils zu Haufen aufgetürmt,
die aus dem Berg gebrochen und dann beiseitegeworfen
worden waren auf der Jagd nach den Steinen tiefer im Berg, die
ohne Risse und Spalten waren.
»Willst du dir das aus der Nähe ansehen?«, fragte Julia. »Wir
können hingehen und nachschauen, ob vielleicht einer der Besitzer
da ist.«
Gerlof schüttelte energisch den Kopf.
»Ich kenne die schon. Das sind reiche und arrogante Großstädter.«
»Nicht alle, die hier ein Haus bauen oder kaufen, sind Großstädter«,
widersprach seine Tochter.
»Nee, das stimmt … Aber reich und arrogant sind sie auf jeden Fall.«


3


Soll ich das Fenster öffnen?«, fragte Per Mörner.
Seine Tochter Nilla hatte ihm den Rücken zugewandt, aber sie
nickte.
»Sind da draußen Vögel?«, fragte sie.
»Ganz viele!«, antwortete Per.
Das entsprach nicht der Wahrheit, er sah keinen einzigen
von dem Krankenhausfenster aus. Aber beim Parkplatz standen
Bäume, unter Umständen saßen dort ein paar Singvögel auf den
Ästen.
»Dann kannst du es aufmachen«, erwiderte Nilla und erklärte:
»Ich habe in Biologie als Hausaufgabe, verschiedene Vogelarten
aufzuzählen.«
Nilla ging in die siebte Klasse, und sie hatte alle Bücher auf
dem Tisch neben ihrem Bett ausgebreitet. Ihre Glücksbringer
und Kuscheltiere hatte sie neben das Kopfkissen gelegt und war
danach aufs Bett geklettert und hatte ein großes Stofftransparent
mit der Aufschrift NIRVANA an die Wand gehängt.
Per öffnete das Fenster, und tatsächlich drang ein zartes Zwitschern
ins Zimmer. Aber es wurde immer wieder vom Motorenlärm
vieler fahrender Autos übertönt und würde wahrscheinlich
bald verstummen. Schließlich war bereits Abend, und der
Parkplatz, auf dem die Krankenschwestern und Ärzte ihre glänzenden
Wagen abstellten, leerte sich zusehends. Pers brauner
Saab stand ebenfalls dort unten, aber der war schon neun Jahre
alt und glänzte nicht mehr.
»Woran denkst du gerade?«, fragte Nilla.
Per wandte sich ihr zu.
»Rate mal.«
»Du denkst an den Frühling.«
»Stimmt genau!«, sagte Per, obwohl er lediglich über sein altes
Auto nachgedacht hatte. »Du wirst immer besser im Gedankenlesen.
«
Denn das war das neueste Projekt seiner Tochter. Zuvor hatte
sie sich mehrere Monate damit beschäftigt, mit links so gut
schreiben zu können wie mit rechts. Aber in den Weihnachtsferien
hatte sie eine Fernsehsendung über Telepathie gesehen,
und seitdem experimentierte sie mit ihrem Zwillingsbruder
Jesper und ihrem Vater. Dabei ging es darum, sowohl ihnen Gedanken
zu schicken als auch ihre Gedanken zu lesen. Per hatte
den Auftrag erhalten, Nilla jeden Abend um acht Uhr einen besonderen
Gedanken zu schicken.
Er blieb am Fenster stehen und sah zu, wie sich die untergehende
Sonne in den Scheiben der Autos spiegelte.
Der Frühling war gekommen, trotz der anhaltenden Kälte,
aber Per hatte sich noch keine Zeit genommen, es wahrzunehmen.
Die Zugvögel waren vom Mittelmeer zurückgekehrt, und
die Bauern hatten bereits begonnen, die Felder zu säen. Per
musste an seinen Vater denken, der sich immer nach dem Frühling
gesehnt hatte, vor allem weil seine Arbeit dann so richtig
in die Gänge kam. Für die meisten Menschen war der Frühling
die Zeit der Jugend, oder etwa nicht? Die Zeit der Jugend und der Liebe.
Per hatte noch nie Frühlingsgefühle gehabt. Noch nicht einmal,
als er Marika vor fünfzehn Jahren auf einem Marketingseminar
kennengelernt und kurz darauf an einem sonnigen Tag
im Mai geheiratet hatte. Als hätte er damals schon geahnt, dass
sie ihn eines Tages verlassen würde, früher oder später.
»Hat Mama gesagt, wann sie kommen wollte?«, fragte er über
die Schulter.
»Hm«, antwortete Nilla. »Zwischen sechs und sieben.«
Per warf einen Blick auf die Uhr. Es war kurz vor fünf.
»Möchtest du, dass Jesper und ich hier bei dir auf sie warten?«
Nilla schüttelte den Kopf.
»Ich komm schon klar.«
Die Antwort hatte Per sich erhofft. Er hatte nichts dagegen,
Marika zu begegnen. Aber da sie extra nach Kalmar kam, nur um
ihre Tochter zu besuchen, war es gut möglich, dass ihr neuer
Mann sie begleiten würde. Georg, mit dem dicken Konto und
den teuren Geschenken. Per war schon längst über die Trennung
von Marika hinweg, aber er hatte Probleme, den Mann zu treffen,
der sowohl sie als auch die Zwillinge vollkommen verhätschelte
und verzog.
Nilla hatte ein Einzelzimmer zugewiesen bekommen und
schien bestens versorgt zu sein. Ein junger Arzt war vor einer halben
Stunde vorbeigekommen und hatte ihnen genauestens erklärt,
welche Proben und Tests sie in den nächsten Tagen und in
welcher Reihenfolge vornehmen wollten. Nilla hatte ihm mit gesenktem
Kopf zugehört, ohne eine einzige Frage zu stellen. Zwischendurch
hatte sie den Arzt angesehen, aber Per keines Blickes
gewürdigt.
»Wir sehen uns später, Nilla«, hatte sich der Arzt verabschiedet.
Vor seiner Tochter lagen zwei anstrengende Tage mit langwierigen
Untersuchungen, aber Per wollte einfach nichts Aufmunterndes
einfallen.
Nilla packte unbeirrt ihre Sachen aus, und Per half ihr dabei.
Es war unmöglich, ein Krankenhauszimmer gemütlich zu machen,
der Raum war zu kalt und voller Schläuche und Alarmknöpfe,
aber sie gaben ihr Bestes. Abgesehen von ihrem rosa Kopfkissen
hatte Nilla ihren CD-Player, Nirvana-CDs, ein paar Bücher
und mehr Hosen und Pullover mitgenommen, als sie eigentlich
benötigen würde.
Sie trug Jeans und einen schwarzen Pullover, aber schon bald
würde die Schwester die typische Krankenhauskleidung vorbeibringen:
ein weißes Nachthemd, das sich bei den Untersuchungen
leicht öffnen ließ.
»So«, sagte Per. »Dann fahren wir jetzt mal los, aber Mama
kommt ja auch bald … Soll ich Jesper holen?«
»Ja, mach das.«
Sein Sohn hockte auf dem Sofa im Wartezimmer. In einem
Regal an der Wand lagen Comics und Bücher, aber Jesper saß
über seinen Gameboy gebeugt, wie immer.
»Jesper?«, rief ihn Per mit lauter Stimme.
»Was is?«
»Nilla möchte sich von dir verabschieden.«
Jesper drückte auf die Pausetaste.
Er ging ohne seinen Vater in das Zimmer seiner Zwillingsschwester
und schloss die Tür hinter sich. Per fragte sich, worüber
die beiden wohl sprachen. Fiel es Jesper leichter, mit Nilla
zu reden, als mit ihm? Ob sie über ihre Krankheit sprachen? Mit
seinem Vater wechselte er selten ein Wort.


Als sie noch klein waren, nur wenige Jahre alt, hatten die Zwillinge
eine Geheimsprache entwickelt, die nur sie verstanden. Es
war ein Singsang, der hauptsächlich aus Vokalen zu bestehen
schien. Besonders Nilla hatte sich schwergetan, Schwedisch zu
lernen, sie zog lange die Geheimsprache vor. Bis Per und Marika
eine Logopädin gefunden hatten, die ihnen wirklich helfen
konnte, hatten sie sich mitunter wie Eltern von zwei Außerirdischen
gefühlt.
Eine Tür am Ende des Gangs öffnete sich. Der junge Arzt von

vorhin kam mit großen Schritten heraus. Per ging auf ihn zu. Er
hatte schon immer eine Schwäche für diese Berufsgruppe – weil
ihm seine Mutter nie erzählen wollte, welchem Beruf sein Vater
nachging, hatte sich Per ausgedacht, dass Jerry als Arzt in einem
fremden Land arbeitete. Viele Jahre hatte er das dann geglaubt.
»Ich habe eine Frage«, sagte er. »Es geht um Nilla, meine Tochter.«
Der Arzt blieb stehen.
»Ja, was kann ich für Sie tun?«
»Sie sieht so verquollen aus«, sagte Per. »Ist das normal?«
»Verquollen, wo denn?«
»Im Gesicht, an den Wangen und um die Augen. Das wurde
auf dem Weg ins Krankenhaus immer deutlicher. Hat das etwas
zu bedeuten?«
»Unter Umständen«, erwiderte der Arzt. »Wir werden sie sehr
sorgfältig untersuchen. EKG, Ultraschall, CT, Röntgen, großes
Blutbild … das ganze Programm.«
Per nickte, aber Nilla war schon so oft wegen ihrer sonderbaren
Beschwerden untersucht worden. Die Testergebnisse schienen
nur immer neue Untersuchungen nach sich zu ziehen. Und
immer mussten sie abwarten.
Die Tür zu Nillas Zimmer öffnete sich, und Jesper kam heraus.
Er wollte zurück ins Wartezimmer gehen, aber Per hielt ihn auf.
»Fang kein neues Spiel an, Jesper«, sagte er. »Wir fahren jetzt
rüber zum Sommerhaus.«
Als sie etwa eine Viertelstunde später die Ölandbrücke verließen
und nach Norden abbogen, empfing sie eine Landschaft in
gelbbraunen Farben, die Natur im Übergang vom Winter zum
Frühling. Die Abendsonne beschien die Straßengräben, in denen
gelbe Windröschen und Huflattich blühten. Und direkt dahinter
lagen noch glitzernde Schneewehen auf den Feldern. Der
schmelzende Schnee hatte große Seen draußen in der Großen
Alvar gebildet. Und von ihnen aus machten sich kleine Frühlingsbächlein
auf den Weg zum Meer.
Eine Wasserwelt. Kein Mensch hielt sich dort auf, nur Schwärme
von Kiebitzen und Buchfinken.
Per liebte diese Leere und die geraden Linien auf der Insel,
und nachdem der Verkehr hinter Borgholm merklich nachließ,
gab er Gas.
Der Saab dröhnte in Richtung Norden durch die weite, offene
Landschaft, vorbei an Wäldchen und Windmühlen – es war,
als würde man durch ein Ölgemälde fahren. Ein Frühlingsbild.
Die grünen und braunen Flächen, die enorme Kristallkuppel
des Himmels und der Sund im Westen. Der war nach wie vor mit
dunkelblauem Eis bedeckt, aber es sah dünn aus, und weiter
draußen waren Risse und Spalten zu sehen. Bald würden die
Wellen die letzten Schollen davontragen.
»Ist das nicht wunderschön?«, sagte Per.
Jesper, der auf dem Beifahrersitz saß, sah kurz von seinem
Gameboy auf.
»Wo denn?«
»Hier«, sagte Per. »Hier auf der Insel … überall.«
Jesper warf einen Blick aus dem Fenster und nickte, aber Per
entdeckte in den Augen seines Sohnes nicht dieselbe Freude, die
er empfand. Er versuchte es sich mit Jespers Jugend zu erklären,
dass man als Teenager eben keinen Blick für die Natur und deren
Schönheit hat. Vielleicht erforderte es ein bestimmtes Lebensalter
oder eine starke Wehmut und Trauer, um sich für die Seele
einer Landschaft zu erwärmen.
Oder lag es an Jesper? Vielleicht war mit ihm etwas nicht in
Ordnung. Wünschte er sich insgeheim, dass Nilla neben ihm
säße, fröhlich und erwartungsvoll? Dass Jesper im Krankenhaus
untersucht würde?
Er schob den Gedanken beiseite. Dachte stattdessen an den
Frühling, Frühling auf der Insel.


Per war das erste Mal Ende der Fünfzigerjahre auf die Insel gekommen,
zusammen mit seiner Mutter Anita. Es war im Sommer
1958 gewesen, zwei Jahre nach ihrer Scheidung, sie hatten
zu wenig Geld, um große Reisen unternehmen zu können. Jerry
hätte eigentlich Unterhalt zahlen sollen, war dieser Verpflichtung
aber nur ab und zu nachgekommen. Anita hatte ihrem
Sohn allerdings erzählt, dass Jerry einmal in seinem dicken
Auto an ihrem Reihenhaus vorbeigefahren war, ein Geldbündel
gegen die Eingangstür geworfen hatte und dann wieder abgezogen
war.
Der ständige Geldmangel bedeutete für die beiden, dass sie
nur kurze und günstige Urlaube machen konnten, am besten in
der näheren Umgebung von Kalmar. Glücklicherweise lebte Anitas
Cousin Ernst Adolfsson allein in einem kleinen Häuschen
auf Öland, und Per und sie waren in den Ferien immer willkommen.
Sie setzten mit der Fähre über und durften so lange bleiben,
wie sie wollten.
Per hatte es geliebt, in dem stillgelegten Steinbruch unterhalb
von Ernsts Haus zu spielen. Für einen neunjährigen Jungen war
das ein Paradies voller Geschichten und Abenteuer.
Ernst hatte weder eigene Kinder noch Geschwister gehabt,
und als er vor ein paar Jahren starb, hatte das Kind seiner Cousine
das Häuschen geerbt. Im vergangenen Sommer hatte Per alles
geputzt und instand gesetzt und hatte nun vor, den Sommer
über dort zu wohnen. Vielleicht sogar das ganze Jahr. Weil das
Geld auch bei ihm zu knapp war, um zwei Unterkünfte zu finanzieren,
hatte er seine Wohnung in Kalmar bis Ende September
untervermietet.
Seine beiden Kinder sollten ihn in den Sommerferien so oft
besuchen kommen, wie sie wollten. So hatte Pers Plan zumindest
ausgesehen. Aber Nilla hatte ihr Schuljahr in der siebten
Klasse als müde und teilnahmslose Schülerin begonnen und
war im Laufe des Herbstes immer erschöpfter geworden. Der
Schularzt hatte den Zustand mit der Pubertät erklärt, mit
Wachstumsschmerzen, aber nach Silvester hatte Nilla zusätzlich
über Schmerzen in ihrer linken Seite geklagt. Und die Beschwerden
hatten zugenommen, aber kein Arzt fand eine Erklärung.
Alle Pläne für den gemeinsamen Sommer waren auf einmal
bedroht.
»Willst du Mama kurz anrufen, wenn wir da sind?«, fragte Per
seinen Sohn.
Jesper hob nicht einmal den Kopf.
»Weiß nicht.«
»Hättest du Lust, runter zum Strand zu gehen?«
»Weiß nicht«, wiederholte Jesper.
Er war so weit entfernt wie ein Satellit auf seiner Umlaufbahn
– aber wahrscheinlich war man heutzutage so mit dreizehn.
Als Per in diesem Alter war, war sein größter Wunsch, dass
ihn sein Vater einmal besuchen kommen würde.
Plötzlich tauchte am Straßenrand ein Schild mit einer Tanksäule
auf, und Per bremste.
»Hast du Lust auf ein Eis? Oder ist das noch zu früh, jetzt im
Frühling?«
Jesper sah das erste Mal von seinem Gameboy auf.
»Lieber Süßigkeiten.«
»Wir werden sehen, was sie dahaben«, erwiderte Per und bog
auf den Parkplatz ein.
Sie stiegen aus. Trotz der Sonne war es eiskalt, dabei hatte Per
gedacht, dass es um diese Jahreszeit schon wesentlich wärmer
auf der Insel wäre. Aber offensichtlich schien das Eis draußen
im Sund die Luft noch beträchtlich abzukühlen. Der Wind pfiff
durch seine grüne Daunenjacke, und er bekam Sand in den
Mund. Es knirschte zwischen den Zähnen.
Jesper blieb am Auto, während Per mit schnellen Schritten
an den Tanksäulen vorbeilief und im Windschatten am Kiosk
Schutz suchte. Das Fenster hinter der Scheibe war dunkel, dennoch
klopfte er einige Male fest gegen das Glas, bis er einen sonnenverblichenen
Zettel entdeckte, der an der Tür klebte:
Haben Sie vielen Dank für einen schönen Sommer –
Ab dem 1. Juni sind wir wieder für Sie da!
April war eindeutig noch zu früh – die Insel war noch nicht
wieder aus ihrem Winterschlaf erwacht, und deshalb gab es für
ganzjährig geöffnete Geschäfte wohl eine zu geringe Nachfrage.
Er hatte sich fünfzehn Jahre lang mit Marktforschung beschäftigt
und konnte das gut nachvollziehen.
Als er sich umdrehte, lehnte Jesper nicht mehr am Wagen,
sondern hatte sich auf eine Holzkiste mit der Aufschrift STREUSAND
gesetzt. Er hatte ein neues Spiel begonnen. Per ging auf
ihn zu. In der Ferne hörte er das dunkle Donnern von Motorengeräuschen.
Ein weißer Fernlaster näherte sich mit hoher Geschwindigkeit
von Norden.
Per zog die Autoschlüssel aus seiner Hosentasche und rief
Jesper zu:
»Keine Süßigkeiten, es tut mir leid. Die haben noch geschlossen.«
Jesper antwortete nur mit einem Nicken, und Per fuhr fort:
»Es gibt ja noch mehrere Tankstellen auf dem Weg nach Norden.
Lass uns weiterfahren, wir finden …«
Ein dumpfer Aufprall auf der Straße schnitt ihm das Wort
ab, gefolgt von quietschenden Bremsen. Dann sah er gleißendes
Sonnenlicht, das in einem Autofenster reflektiert wurde.
Es war ein Audi, dessen Fahrer die Kontrolle über den Wagen
verloren hatte und quer über die Fahrbahn schlitterte, direkt auf
den Fernlaster zu.
Per stand wie versteinert da und beobachtete die Szenerie.
Der Wagen musste mit etwas zusammengeprallt sein, erkannte
er, Motorhaube und Windschutzscheibe waren mit Blut verschmiert.
Wessen Blut war das?
Der Laster hupte anhaltend. Durch die verschmutzte Windschutzscheibe
des Pkws war der Fahrer zu erkennen, der gekrümmt
hinter dem Steuer saß und sich bemühte, den Wagen
wieder unter Kontrolle zu bekommen.
Als die Hupgeräusche des Lasters verstummten, war Per wieder
in der Lage, sich zu bewegen. Der Lkw war auf den Standstreifen
ausgewichen. Per beobachtete, wie der Audi für einen kurzen
Augenblick aus der Spur geriet und dann herumgerissen wurde.
Die Fahrzeuge rutschten haarscharf aneinander vorbei, denn
der Audi war ins Schleudern geraten und rutschte auf den Tankstellenparkplatz.
Die Reifen blockierten, und das Auto schlitterte
mit großer Geschwindigkeit über den Asphalt. Direkt auf
die Kiste mit dem Streusand zu.
»Jesper!«, schrie Per.
Sein Sohn saß regungslos auf der Box. Nur seine Daumen bewegten
sich auf dem Gameboy.
Per fing an zu rennen, stolperte über den Asphalt.
»Jesper!«
Jetzt endlich hob er den Kopf. Und drehte sich mit geöffnetem
Mund und fragendem Blick zu seinem Vater um.
Der Audi rutschte ungebremst auf ihn zu, die Reifen schleuderten
Kies und Sand durch die Luft.

 

4


Vendela Larsson hatte auf dem Beifahrersitz neben Max gesessen
und meditiert, als der Unfall geschah. Mit gesenktem Blick
war sie in ihren Gedanken versunken und hatte die vorbeirauschenden
Felder, Wiesen und Steinmauern nur wie in einem
Film registriert, der außerhalb der Fensterscheibe gezeigt wurde.
Eine vertraute und doch so fremde Landschaft. Max war während
der Bauphase im Herbst und Winter hin und wieder auf der
Insel gewesen, aber für sie war es seit vielen Jahren das erste Mal.
Wie viele Jahre war sie nun nicht mehr hier gewesen? Dreißig
oder fünfunddreißig?
Während sie so dasaß und rechnete, spürte sie den harten
Aufprall gegen den Kühlergrill.
»Verdammte Scheiße!«, schrie Max.
Vendela war sofort hellwach.
Ein kurzes, klatschendes Geräusch war zu hören, dann war
die Windschutzscheibe in Rot getaucht.
Das Auto fuhr nicht mehr geradeaus. Es schlingerte und
schleuderte hin und her, beschrieb Slalomkurven mit quietschenden
Reifen – erst nach links, direkt auf einen riesigen Laster
zu, der ihnen wütend entgegenbrüllte, dann plötzlich schlitterte
es in eine breite Ausfahrt nach rechts. Dort stand eine
Tankstelle
mit einem kleinen Kiosk auf einem verwaisten Parkplatz.
Nein, nicht vollkommen verwaist. Ein einziger Wagen befand
sich auf dem Parkplatz, und sie sah auch schemenhaft Leute. Ein
großer Mann, der über den Asphalt rannte, und ein Junge auf
einer Holzkiste.
»Verdammt!«, schrie Max erneut.
Vendela hörte ihren Hund Ally bellen. Sie öffnete den Mund,
aber es kam kein Ton heraus. Sie war nur ein Körper, eine Hülle,
die den Bewegungen des Autos folgte, ohne etwas anderes tun zu
können.
Max riss das Steuer herum. Es knallte, splitterndes Holz war
zu hören, dann endlich blieb der Wagen abrupt stehen. Vendela
wurde nach vorne geschleudert, aber der Gurt hielt sie.
Der Motor blubberte noch ein paar Mal und erstarb dann.
»Zum Teufel …!«, stöhnte Max. Regungslos starrte er aus der
verschmierten Windschutzscheibe, seine Hände hielten noch
immer mit weißen Knöcheln das Lenkrad fest umklammert.
Der Audi war frontal mit der Holzkiste mit Streusand kollidiert
und hatte sie zerstört.
Der Junge, der auf der Kiste gesessen hatte, war nirgendwo zu
sehen.
Wo war er?
Vendela löste ihren Sicherheitsgurt und beugte sich vor,
drückte die Stirn gegen die Scheibe. Sie sah eine kleine Hand, die
rechts unter dem Wagen hervorschaute.
Der Junge schien neben der Kiste zu liegen, die Beine unter
dem Wagen. Der große Mann hatte ihn mit wenigen Schritten
erreicht, stützte sich mit der Hand auf der Motorhaube des
Audis ab und beugte sich zu dem Jungen.
Max fingerte mit der Hand am Türgriff und stieß die Fahrertür
auf. Dunkelrot im Gesicht stürzte er hinaus.
»Fassen Sie meinen Wagen nicht an!«
Das muss der Schock sein, sagte sich Vendela. Max stand unter
Stress und wusste nicht, was er tat. Mit erhobenen Händen
sprang er auf den anderen Mann zu.
Zwei Sekunden später lag er wenige Meter vom Wagen entfernt
mit dem Gesicht auf dem Boden. Der Mann hatte ihn niedergestreckt
und gepackt.
»Beruhigen Sie sich«, zischte er mit zusammengebissenen
Zähnen. Er beugte sich über Max und hatte die Faust erhoben,
offenbar bereit, Max auf den Hinterkopf zu schlagen.
Sein Herz. Jetzt riss Vendela am Türgriff, stieg, so schnell sie
konnte, aus und schrie das Erste, was ihr in den Sinn kam, in den
eisigen Wind:
»Nicht! Er hat einen Herzfehler!«
Der Mann sah zu ihr hoch, sein Gesicht war wutverzerrt. Aber
plötzlich erlosch der Zorn in seinem Blick. Er schnaufte, ließ die
Schultern hängen und beugte sich zu Max hinunter.
»Haben Sie sich wieder unter Kontrolle?«, fragte er ihn mit
leiser Stimme.
Max antwortete nicht. Er wehrte sich mit aller Kraft gegen
den Griff, aber schließlich gab er auf und schien sich zu entspannen.
»Ja, alles okay«, sagte er nur.
Vendela war regungslos neben dem Wagen stehen geblieben.
Sie sah, wie der Mann Max losließ und sich aufrichtete. Vorsichtig
hob er den Jungen an und zog ihn vom Auto weg.
»Geht es dir gut, Jesper?«
Der Junge sagte etwas, aber er war zu leise, als dass Vendela
ihn hätte verstehen können. Doch, Gott sei Dank schien er unverletzt
zu sein.
»Kannst du deine Zehen bewegen?«, fragte der Mann.
»Ja.«
Der Junge rappelte sich langsam hoch und versuchte aufzustehen.
Der Mann half ihm dabei und führte ihn zu dem geparkten
Wagen. Sie sahen sich nicht um, und Vendela hatte das Gefühl,
ausgeschlossen zu sein.
Max stützte sich am Kühlergrill des Audis ab und kam langsam
auf die Füße. Er blinzelte ins Licht und sah Vendela am
Wagen stehen.
»Setz dich wieder rein«, befahl er. »Ich kümmere mich um das
hier.«
»Okay.«
Vendela holte tief Luft und setzte sich ins Auto. Sie beobachtete,
wie das Blut die Windschutzscheibe herunterlief, und fand
eigentlich, dass es ganz schön aussah. Nein, sie musste feststellen,
dass es schön war. Das Blut war von den Scheibenwischern
verteilt worden und hatte schwingende Linien auf das Glas gezeichnet.
Es sah aus wie zwei Regenbogen in Hellrosa und Dunkelrot,
die im Sonnenlicht leuchteten.
Eine leichte Brise ließ ein paar Vogelfedern hin und her tanzen
und auf der Scheibe festkleben. Hellgrau und braun waren sie.
Vielleicht war ein Fasan gegen den Wagen geflogen oder eine
Taube.
Was es auch gewesen sein mochte, es war vollkommen unerwartet
mit flatternden Schwingen vor das Auto geflogen und bei
der Kollision in Stücke gerissen worden. Der Körper war gegen
den Kühler geprallt, dann in einer blutroten Explosion auf die
Windschutzscheibe geschleudert worden und war schließlich
übers Dach geflogen. Das Tier hatte deutliche Spuren hinterlassen.
Da ertönte ein leises Wimmern aus dem Fußraum vor ihrem Sitz.
»Halt’s Maul, Ally!«, schrie Max.
Vendela musste schlucken. Es war anstrengend genug, dass
Max sie anschnauzte, aber für sie war es schlimmer, wenn er den
Hund anbrüllte.
»Es ist alles in Ordnung, Aloysius«, sagte sie mit warmer, leiser
Stimme.
Sie öffnete die Tür.
»Max, geht es dir gut?«
Er nickte.
»Ich muss das nur sauber machen«, sagte er.
Er war außer Atem und ganz rot im Gesicht, aber das lag bestimmt
an der Aufregung.
Letzten Sommer, in Göteborg, hatte Max während eines Vortrags
über sein aktuelles Buch Maximales Selbstvertrauen plötzlich
Schmerzen in der Brust gespürt. Er hatte abbrechen müssen,
und Vendela hatte Panik in seiner Stimme gehört, als er sie
anrief. Mit dem Taxi war er sofort in die Notaufnahme gefahren
worden, hatte Sauerstoff bekommen und war gründlich untersucht
worden.
Ein leichter Herzinfarkt, lautete die Diagnose, mit Betonung
auf leicht. Es war keine Operation notwendig – nur ausgiebige
Ruhe. Und Max hatte den Herbst genutzt, um sich zu erholen, so
gut es ging, wenn er nicht gerade die Bauarbeiten auf Öland
überwachte oder an seinem neuen Buchkonzept arbeitete. Es
würde ein ganz anderes Buch werde als die bisherigen, weniger
Psychologie und mehr über gesunden Lebenswandel und vernünftige
Ernährung. Ein Kochbuch von Max Larsson. Vendela
hatte ihm ihre Unterstützung zugesagt.
Im Handschuhfach lagen eine Packung Servietten und eine
Flasche Mineralwasser. Sie nahm ein paar Schlucke, ehe sie das
Fenster herunterkurbelte.
»Hier, Max.«
Er nahm ihr schweigend die Flasche aus der Hand, trank aber
nicht, sondern goss den Inhalt der Flasche über die Scheibe, damit
sich Blut und Federn lösten und in roten Bahnen hinunterliefen.
Mit zusammengepressten Lippen beugte er sich über die
Motorhaube und wischte.
Vendela wollte versuchen, den toten Vogel zu vergessen, und
sah aus dem sauberen Seitenfenster hinaus auf die Große Alvar.
Eine flache Welt aus Gras, Büschen und Steinen. Sie sehnte sich
so sehr danach. Wenn sich Max nach diesem Unfall wieder beruhigt
haben würde, würde sie vielleicht schon heute Abend ihre
erste Runde drehen können.
Vendelas Familie stammte von der Insel, sie war auf einem
Bauernhof außerhalb von Stenvik aufgewachsen. Das war auch
der Grund, warum sie Max überredet hatte, ausgerechnet dort
ein freies Baugrundstück zu kaufen.
Ihr Mann hatte zwar ausdrücklich und mehrfach angemerkt,
dass er eine Sommerresidenz in unmittelbarer Nähe zu Stockholm
bevorzugen würde. Aber als Vendela ihm die Lage von Stenvik
an der Küste gezeigt und ihm die Planungshoheit dafür übertragen
hatte, welche Art Haus sie am Rand vom Steinbruch bauen
wollten, da hatte er eingelenkt und schließlich zugestimmt.
Und nun hatten sie eine traumhafte Architektenvilla am
Meer. Ein Märchenschloss aus Stein und Glas.
Aloysius drehte sich im Fußraum um die eigene Achse und
versuchte, mit seinem steifen Bein eine komfortable Liegeposition
zu finden. Seine Aufgeregtheit war irgendwie ansteckend
und bereitete Vendela großes Unbehagen.
»Leg dich hin, Ally … wir fahren ja gleich weiter.«
Der grauweiße Pudel hörte auf zu jaulen, wimmerte aber
noch leise und drückte sich gegen ihr Bein. Seine großen Augen
starrten sie an, milchig und undeutlich. Aloysius war dreizehn
Jahre alt, mehr als hundert Hundejahre also. Sein rechtes Vorderbein
war steif, und sein Sehvermögen hatte sich in den letzten
Jahren erheblich verschlechtert. Ihr Tierarzt in Stockholm
hatte ihnen schon offenbart, dass Ally bald nur noch hell und
dunkel werde unterscheiden können und in weniger als einem
Jahr wahrscheinlich vollkommen blind sein würde.
Vendela hatte ihn ungläubig angestarrt.
»Und es gibt nichts, was wir dagegen tun können?«
»Doch … selbstverständlich, diese Option haben wir bei so
alten Hunden natürlich immer. Und es ist vollkommen schmerzfrei.«
Als aber der Tierarzt erzählte, wie die Prozedur des Einschläferns
vollzogen wurde, hatte Vendela Ally geschnappt und war
aus der Praxis geflohen.
Über zwanzig Servietten benötigte Max, um das Auto einigermaßen
sauber zu bekommen. Er goss das Wasser über die Motorhaube,
trocknete es mit einer Serviette ab und warf diese dann
hinter sich in den Straßengraben, eine nach der anderen.
Vendela beobachtete, wie die blutgetränkten Servietten durch
die Luft flogen und im Graben landeten. Sie würden wahrscheinlich
den ganzen Frühling und Sommer über wie trockenes
Laub dort liegen bleiben, und die Inselbewohner würden zu
Recht über die Touristen schimpfen, die überall Müll hinwarfen.
Und auch die Bewohner der Großen Alvar würden den Müll sehen.
Max warf die letzte Serviette weg und bückte sich – er schien
ganz sichergehen zu wollen, dass auch kein einziger Blutfleck
auf seine Jeans und die mokkafarbene Jacke geraten war. Dann
stieg er wieder ein, ohne Vendela anzusehen.
»Ist alles in Ordnung?«, fragte er nur, nachdem er sich angeschnallt
hatte.
Sie nickte als Antwort und dachte: Natürlich. Einige Tage sind
nur verrückter als andere.
Sie sah hinüber zu dem Wagen, in dem der Mann und der
Junge saßen.
»Willst du nicht mit ihnen reden?«
»Warum sollte ich?«, erwiderte Max und startete den Motor.
»Ist doch niemand zu Schaden gekommen.«
Außer dem Vogel, dachte Vendela.
Es knirschte, als Max rückwärts aus der Verkeilung mit der
Holzkiste fuhr. Sie hatte einen großen Riss davongetragen, Vendela
konnte einen dünnen Sandstrahl sehen, der auf den Asphalt
quoll. Die Front des Audis hatte bestimmt auch etwas abbekommen.
Endlich hörte Aloysius auf zu wimmern und legte sich auf
den Boden.
»Alles klar!«, sagte Max und schüttelte den Kopf, als wollte er
das Geschehene verjagen. »Jetzt müssen wir aber Gummi geben.«
Er legte den ersten Gang ein und betätigte den Scheibenwischer.
Dann drückte er das Gaspedal herunter und verließ den
Parkplatz.
Vendela sah nach hinten, um nach dem zerfetzten Vogelkörper
am Wegesrand Ausschau zu halten. Aber es war nichts zu
entdecken, wahrscheinlich lag er im Graben.
»Ich würde gerne wissen, was es für ein Vogel war«, sagte sie.
»Hast du es gesehen, Max? Ich habe keine Ahnung, ob es ein Fasan
oder ein Birkhahn oder …«
Er schüttelte erneut den Kopf.
»Vergiss es jetzt einfach.«
»Aber es war doch kein Kranich, oder, Max?«
»Ich sagte doch, du sollst diesen Vogel vergessen, Vendela.
Konzentriere dich auf unser Haus.«
Die Straße war leer, und er gab Vollgas. Vendela wusste, dass
er nun schnell ankommen wollte, um gleich an seinem Buch
weiterarbeiten zu können. Anfang nächster Woche sollte ein Fotograf
kommen und Aufnahmen von ihm in seiner neuen Küche
machen. Das Essen würde selbstverständlich Vendela kochen
und anrichten.
Der Audi gewann rasch an Geschwindigkeit. Bald fuhren sie
wieder so schnell wie zuvor, als hätten weder der Unfall noch
die Auseinandersetzung jemals stattgefunden. Nur Aloysius, der
sich an Vendelas Bein presste, hörte nicht auf zu zittern. Genau
genommen zitterte er immer, wenn Max in der Nähe war.
Wäre er jünger und gesünder, könnte ihn Vendela mit auf ihre
Tour über die Große Alvar nehmen. Aber er musste zu Hause bleiben.
Max hielt auch nicht viel von Spaziergängen oder Joggingtouren.
Vendela würde ganz alleine in die Natur gehen dürfen.
Allerdings würde sie nicht völlig allein sein. Dort lebten ja die
Elfen.


5


Geht es dir gut?«, fragte Per zum sechsten oder siebten Mal.
Jesper nickte.
»Nichts gebrochen?«
»Nee.«
Sie waren wieder in den Wagen gestiegen. Etwa zehn Meter
von ihnen entfernt setzte der Audi von der zersplitterten Holzkiste
zurück. Per konnte sehen, dass der Frontspoiler eingerissen
und der rechte Scheinwerfer zerplatzt war.
Der Audi wendete und bog auf die Landstraße ein. Der Fahrer
starrte stur geradeaus, aber die Frau auf dem Beifahrersitz sah
zu Per hinüber. Ihre Blicke trafen sich für ein paar Sekunden,
ehe sie sich abwandte. Sie hatte ein schmales, angestrengtes Gesicht
und erinnerte ihn an jemanden. Regina?
Dann blickte er wieder seinen Sohn an, den er umarmt
hielt. Jesper wirkte entspannt, aber seine Nackenmuskeln zitterten.
»Hast du irgendwo Schmerzen?«
»Nur blaue Flecken«, sagte Jesper und schenkte Per ein kleines
Lächeln. »Ich habe versucht wegzuspringen, aber die Reifen sind
ganz schön nah dran gewesen.«
»Allerdings, das war so was von tierisch nah … Was für ein
Glück, dass du so schnell reagiert hast.«
Pers Lächeln war ein wenig verkrampft, als er die Schultern
seines Sohnes losließ.
Er legte die Hände ans Steuer und atmete tief ein und aus.
Die Wut war verflogen, aber vor wenigen Minuten noch hatte er
einen Mann niedergeschlagen und war bereit gewesen, ihn zu
verprügeln. Er hätte auf jeden einschlagen können, wenn er ehrlich
war. Als würde davon irgendetwas besser.
Ein anderer Gedanke aber ging ihm auch durch den Kopf.
Jesper hatte ihn seit langer Zeit mal wieder angelächelt. Ein
Frühlingszeichen?
Er verfolgte den Audi mit den Augen, wie dieser immer mehr
an Geschwindigkeit zunahm und nach Norden verschwand.
Der große Wagen weckte in Per die Erinnerung an die unzählig
vielen Superschlitten, die sein Vater aus den USA importiert
hatte. Mitte der Siebzigerjahre hatte er sich einen Cadillac gekauft
und fast jedes Jahr ein neues Modell erstanden. Die Leute
hatten sich nach ihm umgedreht, und das hatte er geliebt.
»Wie hast du das vorhin gemacht mit dem Typen?«, fragte
Jesper.
»Wie bitte?«
»Na, dieser Judowurf.«
Per schüttelte den Kopf und drehte den Zündschlüssel um.
Er hatte weniger als zwei Jahre Judo trainiert und es auch nur bis
zum orangefarbenen Gurt geschafft, dennoch schien Jesper beeindruckt
zu sein.
»Das war gar kein Judo … Ich habe ihn einfach umgehauen,
ich habe ihm ein Bein gestellt«, erwiderte er. »Das hättest du
auch gekonnt, wenn du weiter zum Training gegangen wärst.«
Jesper schwieg.
»Du gehst doch auch nicht mehr zum Training«, gab er nach
einer Weile zurück.
»Ich habe keinen Partner zum Trainieren«, sagte Per und verließ
den Parkplatz. »Ich habe mir überlegt, stattdessen joggen zu
gehen.«
Sein Blick wanderte über die platte Landschaft rechts und
links neben der Straße. Das Gelände sah unbelebt aus, aber oft
war ja die meiste Bewegung unter der Oberfläche.
»Wo willst du denn hier joggen gehen?«, sagte Jesper.
»Egal, überall.«


6


Bitte verbrenne sie, Gerlof«, hatte Ella Davidsson gesagt, als sie
bis aufs Skelett abgemagert im Krankenhausbett lag. Versprich
mir, dass du sie verbrennen wirst.
Und er hatte genickt. Aber die Tagebücher seiner verstorbenen
Frau existierten nach wie vor, und an diesem frühlingsmilden
Freitag hatte er sie wiedergefunden.
Eine Woche vor Ostern war die Sonne nach Öland zurückgekehrt.
Jetzt fehlte nur noch die Wärme, und Gerlof würde den
ganzen Tag im Garten verbringen können: ausruhen, nachdenken
und Buddelschiffe bauen. Dünne grüne Grashalme zeigten
sich bereits zwischen dem braunen Laub. Aber der Rasen würde
vor Mai nicht gemäht werden müssen.
Der Sonnenschein würde die Schmetterlinge herbeilocken.
Für Gerlof waren das die wichtigsten Frühlingszeichen. Schon
als kleiner Junge hatte er ungeduldig auf das erste Exemplar
des Jahres gewartet, war neugierig gewesen, welche Farbe er
wohl hatte. Mit vierundachtzig war es zwar ungleich schwerer,
von so starken Gefühlen erfüllt zu werden, wie als junger
Mensch, aber dennoch erwartete Gerlof den ersten Schmetterling
mit Vorfreude.
Nach dem Umzug hatte nun der Alltag Einzug gehalten. Er
war allein und schlenderte durch die kleinen Räume des Sommerhauses,
den Stock in der einen Hand, den Kaffeebecher in
der anderen. Der Rollstuhl stand im Schlafzimmer und wartete
schweigend darauf, dass Sjögren, sein rheumatisches Syndrom,
wieder schlimmer wurde. Bis dahin konnte er die Steintreppe
ohne Probleme meistern.
In der vergangenen Woche waren seine Möbel gekommen –
die wenigen Stücke, die er aus seinem Zimmer im Altersheim
mitnehmen wollte – und die vielen Erinnerungsstücke aus
seiner
Zeit zur See. Buddelschiffe, Seekarten, Namensschilder
einiger Frachter, die er gesegelt war, und wunderschöne Knoten
aus dunkelbraunem Tauwerk, das noch immer nach Teer duftete.
Gerlof war umgeben von Erinnerungen.
Und als er den Schrank neben dem Kühlschrank in der Küche
öffnete, um dort seine alten Logbücher zu verstauen, da fielen
ihm die Tagebücher in die Hände.
Zu einem Paket zusammengeschnürt lagen sie in dem Regal
hinter Ellas kleiner Schmuckschatulle und ihren alten Jugendbüchern
von Karl May und Lucy Maud Montgomery. Jedes der
Tagebücher war vorne auf dem Umschlag mit einer Jahreszahl
in schwarzer Tinte versehen, und als er die Schnur aufknotete
und das erste aufschlug, fiel sein Blick auf die zierliche Handschrift
seiner Frau in dicht beschriebenen Zeilen.
Das waren Ellas Tagebücher, insgesamt acht Stück.
Zuerst zögerte Gerlof ein paar Sekunden. Er musste an das
Versprechen denken, das er ihr gegeben hatte. Dann griff er nach
dem obersten Buch und ging hinaus in den Garten zu seinem
Holzstuhl. Dabei hatte er das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun. Er
hatte sie nur manchmal darin schreiben sehen, und sie hatte
ihm auch nie etwas davon gezeigt.
Verbrenne sie, Gerlof.
Er nahm auf seinem Stuhl Platz, wickelte sich eine Decke um
die Beine und legte das Tagebuch auf den kleinen Gartentisch
neben sich. Zweiundzwanzig Jahre war es her, dass seine Ella an
Leberkrebs gestorben war, im Herbst 1976. Aber wenn er im Garten
saß, hatte er sehr oft das Gefühl, dass sie keineswegs von ihm
gegangen war, sondern in der Küche stand und Kaffee kochte.
Ella hatte zeit ihres Lebens deutlich Grenzen gesetzt. So hatte
sie ihrem Mann zum Beispiel nie Zutritt zur Küche gewährt, und
selbstverständlich hatte sich Gerlof darüber niemals beschwert.
Als dann seine Töchter Anfang der Sechzigerjahre Teenager wurden,
hatten sie unzählige Male versucht, ihn zur Mithilfe im
Haushalt zu bringen. Aber Gerlof hatte sich immer zurückgehalten.
»Das ist jetzt zu spät für mich«, hatte er geantwortet.
In der Küche hatte er sich immer unsicher und unbeholfen
gefühlt. Er hatte nie gelernt, Essen oder gar die Wäsche zu machen,
und konnte nur Geschirr spülen. Heutzutage schienen die
schwedischen Männer alles Mögliche im Haushalt zu übernehmen,
neue Zeiten waren angebrochen.
Gerlof sah sich um. Er hatte ein Flattern zwischen den Wildgräsern
vor seinem Grundstück entdeckt. Das war der erste
Schmetterling des Jahres. Er kam auf ihn zugeflogen, mit diesen
ruckhaften Bewegungen, die typisch waren für alle Frühlingsschmetterlinge,
die er im Laufe seines Lebens gesehen hatte. Es
wirkte unkoordiniert, ohne Ziel.
Es war ein leuchtend gelber Zitronenfalter. Ein schönes Frühlingszeichen.
Gerlof lächelte dem Zitronenfalter zu, der sich zaghaft zur
Landung auf dem Rasen vor seinen Füßen bereit machte. Doch
dann erlosch sein Lächeln, denn er hatte einen zweiten Schmetterling
entdeckt. Dieser war dunkel, fast schwarz und hatte
graue und weiße Streifen. Er konnte sich nicht genau erinnern,
wie diese Sorte hieß. Kleiner Fuchs? Oder vielleicht Trauermantel?
Er flog zielgerichteter und erreichte den Rastplatz auf dem
Rasen nahezu zeitgleich mit dem Zitronenfalter. Dann umkreisten
sie sich eine Weile, wie in einem frühlingshaften Tanz, ehe
sie dicht an Gerlof vorbeiflatterten und hinter dem Haus verschwanden.
Ein gelber und ein grauschwarzer, was hatte das zu bedeuten?
Er hatte den ersten Schmetterling des Jahres nie als ein Zeichen
dafür genommen, wie das restliche Jahr wohl werden würde,
hoffnungsvoll und hell oder düster und dunkel. Aber dieses Mal
war er verunsichert. Es fühlte sich an, als hätte er eine Flagge
hissen wollen, und die hätte sich auf halbmast verhakt, bevor sie
sich ganz hochziehen ließ.
Er hatte gerade das Tagebuch aufgeschlagen, als er das Heulen
eines Automotors hinter sich hörte. Ein großer, glänzender Wagen
kam die Hauptstraße heruntergefahren und bog in den Kiesweg,
der zum Steinbruch führte.
Gerlof erhaschte einen kurzen Bick auf den Fahrer und seine
Begleitung, beide mittleren Alters.
Wahrscheinlich waren das die neuen Nachbarn, die eines der
Häuser am Steinbruch gebaut hatten. Sie würden sich sowieso
nur in den hellen und warmen Monaten hier aufhalten und
waren nicht bereit, in den Wintermonaten zu frieren und die
letzten Bäume entlang der Küste zu roden, so wie seine eigene
Familie es hatte machen müssen.
Gerlof interessierte sich nicht weiter für sie. Er senkte den
Kopf und begann, im Tagebuch zu lesen:


Heute ist der 7. Mai 1957.
Heute Nacht bricht Gerlof zu seiner ersten Reise des Jahres auf, um in
Nynäshamn Öl zu laden. Davor war er in Kalmar mit dem Frachter, um
sein Leergewicht zu ermitteln, nachdem er seine Deckluken erneuert
hatte. Lena und Julia sind mit an Bord.
Am Tag schien die Sonne. Ich habe das Sommerhaus gegen sechs Uhr
abends erreicht und erst einmal gelüftet. Hatte den Eindruck, es roch
ein bisschen nach Schimmel. Aber es war nur ein Glas mit gezuckertem
Wacholder, der begonnen hatte zu gären und das Glas in tausend Stücke
gesprengt hat. Ich musste erst den Dreck und die blaurote Zuckerschicht
abkratzen, die am Boden klebte, hab daher kaum geschafft, mir
was zu essen zu kochen (Fleischklöße). Die Kinder und Gerlof kommen
übermorgen nach Hause.


Gerlof begriff, dass Ella so eine Art Urlaubstagebuch geschrieben
hatte. Er wusste, dass sie oft die Zeit mit den beiden Mädchen
im Sommerhaus verbracht hatte, wenn er zur See gefahren
war. Als die Kinder älter wurden und ihren Vater nach Stockholm
begleiten oder lieber in Borgholm bleiben wollten, hatte
sie viel Zeit allein im Sommerhaus verbracht. Darum hatte er sie
auch kaum beim Schreiben beobachten können.
Er las weiter:


Heute ist der 15. Mai 1957.
Sonne, aber mit einer kühlen Brise aus Nordost. Die Mädchen haben am
Nachmittag eine lange Fahrradtour die Küste hinunter unternommen.
Während sie fort waren, ist etwas Merkwürdiges passiert. Ich stand
draußen auf der Veranda und habe die Geranien gegossen – und habe
einen Troll aus dem Steinbruch gesehen.
Oder was soll es sonst gewesen sein?
Es war auf jeden Fall zweibeinig, bewegte sich aber so schnell, dass
ich vollkommen entgeistert war. Wie ein Schatten. Ein Knacken draußen
auf der Wiese, ein Rascheln im Gebüsch, dann war es wieder fort.
Ich glaube, er hat mich ausgelacht.


Wiese hatten Ella und Gerlof den zugewucherten Teil des Gartens
genannt, auf dem vor dem Krieg noch Kühe gegrast hatten.
Aber was meinte Ella mit »Troll«?
Da hörte Gerlof erneut Motorengeräusche hinter den Bäumen.
Sie erstarben, und dann knirschte das Gartentor. Hastig
versteckte er das Tagebuch unter seiner Decke. Er wusste nicht,
warum er das tat. Wahrscheinlich quälte ihn doch das schlechte
Gewissen.
Ein kleiner, kräftig gebauter Mann um die siebzig stapfte
durch den Garten. Das war sein Freund John Hagman in seinem
zerschlissenen blauen Overall und mit der hellgrauen Schiffermütze,
die er tagein, tagaus trug, Winter wie Sommer. Er war als
Steuermann mit Gerlof zur See gefahren; jetzt gehörte ihm der
Campingplatz südlich von Stenvik.
Mit schweren Schritten kam er auf Gerlof zu und blieb vor
ihm stehen. Gerlof winkte ihm lächelnd zu. John erwiderte das
Lächeln nicht – fröhlich und zufrieden auszusehen war nicht
seine Art.
»Alles klar«, hob er an. »Habe gehört, dass du wieder zurück
bist.«
»Ja. Und du offenbar auch.«
John nickte. Er war im Laufe des Winters ein paarmal bei Gerlof
im Altersheim gewesen, hatte aber ansonsten in der kleinen
Wohnung seines Sohnes in Borgholm gewohnt. Fast beschämt
hatte er gestanden, dass es ihm im Winter zu kalt und zu einsam
war, so ganz allein in Stenvik. Er würde das nicht mehr aushalten.
Gerlof konnte ihn gut verstehen.
»Ist sonst noch jemand hier?«
John schüttelte den Kopf.
»Die Stadt ist seit Neujahr menschenleer. Seit Ende der Woche
sind ein paar Gäste da.«
»Und Astrid Linder?«
»Sie hat schließlich auch aufgegeben und ihr Haus winterfest
gemacht … Ich glaube, sie ist im Januar an die Riviera geflogen.«
»Aha!«, sagte Gerlof. Er erinnerte sich, dass Astrid Linder vor
ihrer Pensionierung als Ärztin gearbeitet hatte. »Na, sie hat wohl
ein paar Kronen auf die hohe Kante gelegt.«
Sie schwiegen. Gerlof hielt Ausschau nach den Schmetterlingen,
sah aber keine mehr. Er hörte nur das schwache Rauschen
des Windes in den Bäumen. Dann sagte er:
»Ich glaube, ich bleibe hier nicht mehr so lange, John.«
»In Stenvik?«
»Nein, ich meine hier«, erwiderte Gerlof und zeigte auf seinen
Brustkorb, weil er annahm, dass sich dort die Seele und somit
das Leben befand.
Es klang gar nicht so dramatisch, wie er erwartet hatte. John
nickte nur und fragte:
»Bist du krank?«
»Nicht mehr als sonst. Aber so müde. Ich müsste etwas Sinnvolles
tun, tischlern, das Haus streichen, so wie früher … stattdessen
sitze ich hier nur rum.«
John wandte den Kopf ab, als würde ihn das Gespräch anstrengen.
»Fang mit etwas Kleinem an«, schlug er vor. »Geh runter ans
Wasser und schleif dein Ruderboot.«
Gerlof seufzte.
»Das hat überall Löcher.«
»Das können wir doch reparieren«, widersprach John. »Und
in zwei Jahren fängt ein neues Jahrtausend an. Das willst du
doch nicht verpassen, oder?«
»Ja, vielleicht … wir werden sehen, was uns die neue Zeit so
bringt.« Gerlof wollte das Thema wechseln und nickte zum Gartentor.
»Was hältst du von unseren neuen Nachbarn? Auf der anderen
Seite?«
John schwieg.
»Kennst du sie noch nicht?«
»Doch, ich habe sie schon mal gesehen. Aber sie waren bisher
ja nicht da, ich weiß praktisch nichts über sie.«
»Ich auch nicht. Aber neugierig bin ich schon. Du nicht?«
»Sie sind reich«, sagte John abfällig. »Reiche Städter vom Festland.«
»Hundertprozentig!«, pflichtete ihm Gerlof bei. »Du solltest
sie wissen lassen, dass es dich hier im Ort gibt.«
»Warum das denn?«
»Damit du ein paar Aufträge von ihnen bekommst, bevor die
Campingsaison beginnt.«
»Stimmt, das wäre was.«
Gerlof nickte und lehnte sich ein bisschen vor.
»Und lass es dir gut bezahlen!«
»Klar doch!«, sagte John und sah dabei fast fröhlich aus.

 

7

 

Sie werden also die nächsten Wochen hierbleiben?«, fragte der
junge Grundstücksmakler, als er Vendela Larsson die Hausschlüssel
und die letzten Dokumente überreichte. »Und die Frühlingssonne
genießen?«
»Na, das hoffen wir doch«, antwortete Vendela und lachte.
Sie lachte oft aus Nervosität, wenn sie sich mit Leuten unter
hielt, die sie nicht kannte. Aber diese Angewohnheit würde jetzt
verschwinden, hoffte sie zumindest. Einiges sollte sich hier auf
der Insel verändern.
»Super, sehr gut«, freute sich der Grundstücksmakler. »Damit
helfen Sie, die Touristensaison zu verlängern, wie richtige Pioniere
… Sie zeigen den Bewohnern auf dem Festland, dass man
den Frieden hier auf Öland länger genießen kann als nur die
paar Wochen im Sommer.«
Vendela nickte.
Den Frieden genießen? Das hing hauptsächlich davon ab, ob
es ihr gelang, sich zu entspannen, und ob Max zufrieden war
und sein Kochbuch fertigstellen würde.
Im Moment stand er in seiner beheizten Garage und brauste
seinen Wagen ab. Jeder einzelne Tropfen Blut musste entfernt
werden. Max hatte die ganze Zeit kein Wort über das Geschehene
verloren, aber die Wut hing wie ein säuerlicher Gestank
über ihm.
Vendela musste sich allein um den Grundstücksmakler kümmern,
und sie musste sich sehr zusammenreißen, um in dem kalten
Wind nicht unablässig zu zittern. Es war Abend, die Sonne
war im Sund untergegangen und hatte die Wärme mitgenommen.
Am liebsten wäre sie zurück ins Haus gegangen.
Aber der Makler ließ seinen Blick zu den benachbarten Häusern
wandern, die in der Dämmerung noch zu sehen waren, die
große Villa im Süden und das kleinere Häuschen wenige Hundert
Meter nördlich von ihrem Anwesen.
»Das ist eine exzellente Gegend hier«, sagte er begeistert, »ganz
exzellent. Man hat Nachbarn, aber in angemessenem Abstand,
nicht zu nah und nicht zu weit entfernt. Und kein Grundstück
zwischen ihrem und dem Strand … Sie müssen nur um den Steinbruch
herumlaufen, und schon können Sie Ihre morgendliche
Schwimmrunde absolvieren.«
»Dafür muss erst das Eis schmelzen!«, entgegnete Vendela.
»Das ist bestimmt bald so weit«, versicherte der Makler. »Es ist
ungewöhnlich, dass die Küste um diese Jahreszeit noch gefroren
ist … aber wir hatten einen harten Winter. In einigen Nächten bis
minus fünfzehn Grad.«
Neben dem Makler stand ein Arbeiter im Blaumann, der etwa
einen Kopf kleiner war. Es war der lokale Bauunternehmer, der
Vendela zunickte.
»Rufen Sie mich an, wenn etwas nicht in Ordnung ist«, sagte
er.
Das waren seine ersten und einzigen Worte an diesem Abend.
Der Makler und er machten Anstalten zu gehen.
»Achten Sie auf gute Nachbarschaft«, lautete der letzte Rat,
den ihr der Makler mit auf den Weg gab, als sie sich die Hände
zum Abschied schüttelten. »Das ist die goldene Regel für Hausbesitzer.«
»Wir haben bisher noch keine Nachbarn kennengelernt«, erwiderte
Vendela und lachte erneut ihr nervöses Lachen.
Als sie ins Haus zurückkehrte, erhob sich der arme Aloysius
mühsam in seinem Korb und begann zu bellen. Er schien sie
nicht erkennen zu können – vielleicht hatte auch sein Geruchssinn
schon stark gelitten.
»Aber ich bin es doch nur, Ally«, beruhigte ihn Vendela und
streichelte seinen Kopf.
Draußen auf dem windigen Grundstück fühlte sie sich ausgeliefert,
aber im Haus konnte ihr niemand etwas anhaben. Sie
liebte die glatten Oberflächen der Villa. Alles war so neu, es gab
noch keinen Krimskrams und Dreck in den Schränken oder auf
dem Dachboden. Kein Keller, der gesäubert und leer geräumt
werden musste.
Sie erinnerte sich an die Worte des Maklers über gute Nachbarschaft,
und plötzlich kam ihr eine Idee: Vielleicht sollten sie
und Max ein Nachbarschaftsfest ausrichten, ein Fest für alle Bewohner
des Ortes, nächste Woche oder so, damit sie sich kennenlernen
konnten? Außerdem wäre das für sie eine gute Gelegenheit
zu lernen, sich in größeren Gesellschaften zu bewegen und
trotzdem entspannt zu bleiben.
Ein Nachbarschaftsfest war eine sehr gute Idee.
Obwohl sie eigentlich lieber die Elfen treffen wollte, als die
Nachbarn kennenzulernen.
Es war einmal vor langer Zeit, da wanderte ein Jäger durch die Große
Alvar, hatte ihr Vater ihr als Kind erzählt. Der Jäger wollte Hasen
und Fasane jagen, begegnete aber stattdessen der großen Liebe seines
Lebens. Sein Leben veränderte sich, und auch er wurde nie wieder der Alte.
Sie muss sechs oder sieben Jahre alt gewesen sein, als ihr Vater
Henry begonnen hatte, ihr die Sage von den Elfen in der Alvar
zu erzählen. Vendela hatte diese Geschichte bis heute nicht vergessen,
und jetzt hatte sie sich endlich ein Notizheft gekauft,
um sie aufzuschreiben – und alles andere auch, was sie im Laufe
der Jahre über Elfen zusammengetragen hatte.
Warum sollte man so einen Text nicht auch veröffentlichen
können, vielleicht würde er den Lesern sogar gefallen? Wenn die
Bücher ihres Mannes über das Besiegen und Gewinnen so erfolgreich
waren, konnte sie doch ein Buch über Elfen veröffentlichen
und wie man mit ihnen in Kontakt kommt. Sie nahm ihr Notizheft
und setzte sich in das lichtdurchflutete Wohnzimmer, das
hinaus auf die Veranda oberhalb des Steinbruchs führte. Max
war noch immer in der Garage beschäftigt.
Sie hatte schon im vergangenen Jahr den Wunsch verspürt,
ein eigenes Buch zu schreiben, kurz nachdem sie das Grundstück
gekauft hatten. Darum hatte sie sich das Notizheft angeschafft,
aber Max nichts davon erzählt. Als er es zufällig entdeckte,
hatte sie einfach behauptet, es sei ein Tagebuch. Das war
gelogen, sie hatte nichts über sich zu erzählen, aber es hatte
funktioniert. Max hatte sie nicht gebeten, es lesen zu dürfen,
und sie hatte in aller Ruhe, Seite für Seite die Geschichte über
die Elfen schreiben können.
Jetzt war die Geschichte von Henry an der Reihe, sie wollte
sie niederschreiben, so wie sie in ihrer Erinnerung geblieben
war:


Der Jäger ging weit hinaus in die Alvar, aber an diesem Tag bekam
er weder Vögel noch Kleinwild zu Gesicht. Alles, was er am Horizont sah,
war ein großer, schlanker Rothirsch. Das Tier schien zu warten, bis sich
der Jäger näherte, um sich dann abzuwenden und davonzuspringen.
Der Jäger folgte ihm mit erhobenem Gewehr. Mehrere Stunden dauerte
die Pirsch, aber der Jäger kam seiner Beute keinen Meter näher. Die
Sonne ging unter, und die Abenddämmerung brach an. Vorsichtig näherte
sich der Jäger dem Hirsch. Er legte sein Gewehr an.
Da stand der Jäger plötzlich in gleißendem Sonnenlicht mitten in
der Alvar auf grünem Gras, und kleine Bäche plätscherten zu seinen
Füßen. Der Hirsch war verschwunden, stattdessen kam eine wunderschöne
große Frau in weißen Gewändern auf ihn zu.
Die Frau lächelte ihn an und erzählte ihm, dass sie die Königin der
Elfen sei und ihn schon viele Male auf der Jagd beobachtet habe. Sie
hätte sich in ihn verliebt und ihn daher in ihr Reich gelockt.


Vendela sah von ihrem Heft auf, ihr Blick wanderte aus dem
Fenster hinunter zum breiten Sund. Im Dunkeln sah das Eis grau
und schmutzig aus.
Wenn sie sich gegen die Fensterscheibe presste, konnte sie das
Nachbarhäuschen sehen, und da fiel ihr der Gedanke mit dem
Fest wieder ein. Ja, die Idee würde sie in die Tat umsetzen.
Sie lehnte sich wieder zurück und fuhr fort:
Als der Jäger die Königin der Elfen vor sich stehen sah, ließ er das
Gewehr sinken und fiel vor ihr auf die Knie. Die Königin holte einen
Silberbecher hervor, bückte sich und schöpfte Wasser aus einem der
plätschernden Bächlein. Sie füllte den Becher bis zum Rand, erhob sich
und bot dem Jäger zu trinken an. Es schmeckte nach süßem Weißwein.
Der Jäger fühlte sich frei und glücklich und wollte nicht in die Welt der
Menschen zurückkehren. Deshalb blieb er die ganze Nacht bei der Königin
und schlief in ihren Armen ein.


Als die Sonne aufging, erwachte der Jäger, aber er war zurück in
seinem Häuschen am Rand der Alvar und lag in seinem Bett. Die schöne
Königin war verschwunden. Und obwohl er sein Leben lang auf der Alvar
nach dem Eingang ins Reich der Elfen suchte, fand er ihn nicht.


Vendela hielt inne. Sie hatte ein dumpfes Brummen gehört
und sah hinaus. Ein Auto fuhr langsam den Kiesweg entlang,
Vendela erkannte es wieder.
Es war der Saab vom Parkplatz.
Das Auto rollte vorbei und hielt an dem alten Häuschen am
nordöstlichen Teil des Steinbruchs. Hinter dem Steuer saß der
blonde Mann, der Max niedergeschlagen hatte. Sein Sohn saß
auf dem Beifahrersitz.
Als Vendela den Mann von der Seite sah, fiel ihr ein, an wen er
sie im Profil erinnerte: an Martin, er sah tatsächlich ein bisschen
aus wie ihr erster Mann.
Vielleicht war Max deshalb so wütend auf ihn geworden? Vendela
hatte Martin vor fünf Jahren zufällig wiedergetroffen und
war mit ihm mittagessen gegangen. Leider war sie dumm genug
gewesen, Max davon zu erzählen. Noch heute ritt er auf diesem
Ausrutscher herum.
Das hieß also, dass sie die neuen Nachbarn bereits kennengelernt
hatte. Aber hatte sie wirklich Lust, diese Familie einzuladen?
Sie würde mit Max darüber reden müssen.
Sie beugte sich über das Heft und fügte einen letzten Absatz
hinzu, das Ende der Geschichte:
Der Jäger lebte noch viele Jahre in seinem Häuschen am Rande der
Alvar, aber er verliebte sich nie wieder und fand auch keine Frau, die er
heiraten wollte. Denn niemand konnte sich mit der Königin der Elfen
messen. Er konnte sie nicht vergessen.
»Das war eine Sage über die Elfen«, hatte ihr Vater gesagt und
sich dabei von der Bettkante erhoben. »Und jetzt schlaf schön,
Vendela!«
Henry hatte ihr noch viele Geschichten über die Elfen erzählt.
Seine verstorbene Frau erwähnte er nie, aber die Königin der Elfen
schien es ihm sehr angetan zu haben. Und diese Sagen über
die Elfen hatten sich in Vendelas Erinnerung eingebrannt. In ihr
entstand der Wunsch, es dem Jäger gleichzutun und den Ort zu
suchen, an dem sie ihnen begegnen könnte.

Über Johan Theorin

Biografie

Johan Theorin, geboren 1963 in Göteborg, gehört zu den meistgelesenen Krimiautoren seines Landes. Die vier Bände seines Öland-Quartetts, ausgezeichnet unter anderem mit dem Preis für das Beste Krimidebüt und den Besten Kriminalroman des Jahres sowie dem renommierten CWA International Dagger Award,...

Medien zu »Blutstein«

Weitere Titel der Serie »Öland-Reihe«

Johan Theorin wählt als Schauplatz seiner Jahreszeiten-Krimis die beschauliche schwedische Insel Öland. Fantastische und mystische Elemente bereichern seine Kriminalromane.

Pressestimmen

Kieler Nachrichten

»Die zerrissene Psyche der Figuren spiegelt sich in der Naturmystik der kargen Insel; innere Kämpfe verweben sich mit der Schlacht zwischen Trollen und Elfen. Das archaische Sujet kontrastiert Theorin mit präziser Sprache und einer treffenden Analyse der schwedischen Sexindustrie.«

Kurier am Sonntag

»Einfühlsam, fesselnd sowieso.«

Hamburger Morgenpost

»Johan Theorins Thriller sind so kühl und düster, dass es einen unwillkürlich fröstelt.«

Dresdner Neueste Nachrichten

»Johan Theorin lässt begegnen und trennt, beobachtet genau, drosselt das Tempo, um es bald wieder zu beschleunigen. Schade, dass der nächste schon der letzte Teil sein soll.«

Die Welt

»Stimmungsvoll beschreibt der Göteborger die Ödnis und den rauen Charme der abgeschiedenen Insel. (…) Eine ungewöhnliche spannende Kriminalgeschichte.«

Berliner Morgenpost

»Das Buch lebt von der dunklen, fast poetischen Sprache. Man liest manche Sätze zweimal, weil sie so schön sind.«

Die Presse am Sonntag

»Johan Theorin ist mit Blutstein trotz Elfenmystik ein Pageturner mit intensiven Figuren und gerade genug Mystery gelungen.«

Der Standard

»Der Charme all dieser Bücher besteht in der Verschränkung von alten Legenden und modernen Zeiten. Elfen und Trolle spielen diesmal mit, aber Theorin vermeidet es, Übersinnliches zum Fantasy-Klamauk verkommen zu lassen. (…) Ungewöhnlich und lesenswert!«

Svenska Dagbladet

»Schwedische Krimikunst vom Feinsten!«

Sveriges Television

»Blutige Mythen, abgründige Charaktere – ein großer Autor.«

Buchjournal

»Der schwedische Autor ist ein Meister der subtil unheimlichen Stimmung. Seine Figuren spiegeln das Bild der Insel: schroff, eigenwillig und ohne überflüssige Schnörkel. ›Blutstein‹ ist nicht nur ein Krimi, sondern auch ein fesselnder Roman über Familie, Einsamkeit und das Altern.«

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