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Blut für BlutBlut für Blut

Blut für Blut

Thriller

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Blut für Blut — Inhalt

Die bekannte Sozialarbeiterin Kissi Schack wird brutal misshandelt und ermordet aufgefunden. Gleichzeitig erschüttert eine Serie bestialischer Vergewaltigungen Kopenhagen, die große Ähnlichkeit mit einem früheren Verbrechen hat. Rebekka Holm ermittelt zusammen mit ihren Kollegen Reza Aghajan und Niclas Lundell in zwei Fällen, die sich mit Fortschreiten der Ermittlungen allmählich zu einem nicht enden wollenden Albtraum verflechten …

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 09.10.2012
Übersetzer: Hanne Hammer
448 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30114-5
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 09.10.2012
Übersetzer: Hanne Hammer
448 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-95878-3

Leseprobe zu »Blut für Blut«

Montag, der 27. Juni 1988

 

Liebes Tagebuch

Charlotte ist tot.

Sie wurde vergewaltigt und ermordet.

ERMORDET.

Ich verstehe das nicht.

Gestern Morgen hat die Polizei bei uns geklingelt.

Mutter und Vater weinen die ganze Zeit.

Ich möchte auch weinen, aber ich kann nicht.

Søs

 

 

 

Donnerstag, 19. Juni

John-Erik Müller holperte auf dem neuen Rasenmäher ­vorsichtig an dem unebenen Wallgraben des Kastells entlang. Die Maschine unter ihm schnurrte rhythmisch, und er wiegte sich behaglich in seinem Sitz hin und her, während die scharfen Messer sich durch [...]

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Montag, der 27. Juni 1988

 

Liebes Tagebuch

Charlotte ist tot.

Sie wurde vergewaltigt und ermordet.

ERMORDET.

Ich verstehe das nicht.

Gestern Morgen hat die Polizei bei uns geklingelt.

Mutter und Vater weinen die ganze Zeit.

Ich möchte auch weinen, aber ich kann nicht.

Søs

 

 

 

Donnerstag, 19. Juni

John-Erik Müller holperte auf dem neuen Rasenmäher ­vorsichtig an dem unebenen Wallgraben des Kastells entlang. Die Maschine unter ihm schnurrte rhythmisch, und er wiegte sich behaglich in seinem Sitz hin und her, während die scharfen Messer sich durch das hohe Gras pflügten.

Nach mehreren Tagen mit heftigen Regenfällen stand die Sonne hoch am Himmel, die grünen Baumkronen stießen gegen die blaue Himmelsdecke, und die Vögel zwitscherten laut. Das Wasser des Grabens, das normalerweise braun und trübe aussah, hatte die Farbe der Bäume angenommen und glitzerte klar, fast einladend. Obwohl die alte Festung mitten in Kopenhagen lag, war der Lärm der Autos und Züge nur als schwaches, monotones Rauschen zu hören. Ein Eichhörnchen huschte einen Baumstamm hoch, und das grüne, feuchte Gras vibrierte vor Insekten, als wäre es ein lebendiger Teppich. John-Erik stellte die Maschine einen Augenblick aus, er wollte die Schönheit mit einer wohlverdienten Zigarette genießen. Er suchte in dem steifen grünen Arbeitsanzug nach der Packung, zog das halb zerknüllte Päckchen Cecil hervor und schlug routiniert eine Zigarette heraus, die er mit einem kleinen hellroten Feuerzeug anzündete. Herrgott noch mal, in dem Kiosk hatten sie keine anderen Farben zur Auswahl gehabt; die junge Verkäuferin hatte ihn bedauernd angesehen, doch ihm war das gleichgültig. Ich bin wohl Manns genug, um ein hellrotes Feuerzeug haben zu können, hatte er sich gesagt, obwohl er sich bei genauerem Nachdenken durchaus vorstellen konnte, dass seine neuen Kollegen ihn damit aufziehen würden. Er zuckte mit den Schultern, sog den Rauch bis tief in die Lungen und spürte das leichte, wohlbekannte Kratzen im Hals. Er räusperte sich und schaltete den Rasenmäher wieder ein. Er musste weitermachen, vor ihm lagen noch viele Stunden Arbeit, bevor er Feierabend hatte. Er hustete, und ein scharfer Schmerz bohrte sich plötzlich in seinen Rücken und stocherte in seinem schlechten Gewissen. Impulsiv warf er die Zigarette fort. Er dachte an diese lächerliche Arbeitsvermittlung oder die Jobbörse, wie sie jetzt hieß. Als ihm im Frühjahr von der Gärtnerei gekündigt worden war, hatte er gehofft, das nächste Jahr bis zu seiner Pensionierung von dem Arbeitslosengeld leben und sich einen schönen Lenz machen zu können. Aber nein, das ging nicht, hatte ihm eine eifrige pausbäckige Frau bei ihrem ersten Informa­tionsgespräch erklärt. So ein gesunder sechzigjähriger Mann mit so viel Erfahrung als Gärtner konnte doch nicht so lange dem Müßiggang frönen. Dem Müßiggang frönen, hatte sie lachend wiederholt und ihn angesehen. Er hatte nur stumm genickt, während er beobachtet hatte, wie sich ihr Kinn bewegte, als sie ihm mit ausladenden Hand­­bewegungen etwas über die Verfügbarkeit, den aktuellen ­Arbeitsmarkt und, was am wichtigsten war, die korrekte Arbeitssuche erzählte. Kurz darauf hatten sie ihm den Job als Dienstleistungsmitarbeiter auf dem Kastell angeboten, und er war widerwillig erschienen.

Es war nun vier Monate her, dass er angefangen hatte, und obwohl es ihm immer noch gegen den Strich ging, ­arbeiten zu müssen, musste er zugeben, dass genau dieser Job gut zu ihm passte. Wenn es denn sein musste. In seiner Dienstleistungseinheit waren sie zu fünft, alles Männer, und sie verrichteten ihre Arbeit, die schlicht und einfach darin bestand, sich um die Bepflanzung und die Instandhaltung des ihnen zugeteilten Bereichs zu kümmern, mehr oder weniger selbstständig.

Der Duft des Grases kitzelte in der Nase, und eine frühe Erinnerung drängte sich ihm plötzlich auf. Er war ungefähr vier, fünf Jahre alt und lag in dem frisch gemähten Gras hinter seinem Elternhaus, einem baufälligen kleinen Hof auf Fünen. Die Sonne schien gelb und aufdringlich, die Luft war voller Graspollen, die in der Nase kitzelten, die Bienen summten schläfrig um ihn herum, und er er­­innerte sich an das Gefühl von Frieden. Der Augenblick stand ihm fünfundfünfzig Jahre später noch klar vor ­Augen, eine seltene Zufluchtsstätte vor den sorgenvollen Augen der Mutter und den harten Fäusten des Vaters.

John-Erik war ganz in seine Kindheitserinnerungen versunken, als der Rasenmäher plötzlich gegen etwas stieß, das im Gras lag. Verärgert gab er Vollgas und merkte, wie sich der Wagen unter ihm aufbäumte bei dem Versuch, das Hindernis zu überwinden.

»Verdammt«, brummte er verärgert und gab noch mehr Gas. Mit einem lauten Dröhnen bewältigte der Mäher das Hindernis, und John-Erik spürte, wie viele kleine Tropfen sein Gesicht benetzten. Regnete es schon wieder? Er warf einen schnellen Blick zum Himmel, wo die Sonne noch genauso intensiv schien wie vorher. Woher zum Teufel kamen die Tropfen dann? Ärgerlich wischte er sich das Gesicht ab und bemerkte die rote Spur auf seinem Handrücken. John-Erik Müller starrte verwundert seine Hand an, dann blickte er an seinem grünen Arbeitsanzug hinunter. Er war voller klitzekleiner dunkelroter Spritzer. Wie in Zeitlupe beugte er sich in seinem Sitz vor und sah, dass die großen Messer mit etwas Rotem beschmiert waren. Es sah aus wie Blut. Er schluckte, das Herz hämmerte in seiner Brust, und der Schweiß brach ihm am ganzen Körper aus. Er musste ein Tier angefahren haben. Der Rasenmäher lief im Leerlauf, und er drückte schnell den Nothalteknopf. Der Mäher blieb mit einem schweren Seufzen stehen, und er stieg langsam ins Gras hinunter. Er stützte sich mit einer Hand an der Maschine ab, weil seine Beine so stark zitterten, dass er kaum gehen konnte. Er tat ein paar zögerliche Schritte in dem hohen Gras und trat auf etwas. Er blickte hinunter. Unter seinem Holzschuh lag ein Arm. Ein Menschenarm. Erschrocken wich er zurück, und sein gellender Schrei ließ alle Vögel in der Umgebung mit lautem Kreischen auffahren.

Er sah noch einmal hin, ohne Atem zu holen. Es war eine Frau. Sie lag in dem hohen, feuchten Gras verborgen, halb unter dem großen Rasenmäher. Sie lag auf dem Bauch und trug einen langen schwarzen Regenmantel. Das Gesicht oder das, was noch davon übrig war, war zur Seite gedreht und nur noch eine rötliche Masse mit vielen Grashalmen darin, in der man gerade noch eine zerschmetterte Nase und einen halb offenen blutigen Mund erkennen konnte. Ihr Haar war rotbraun gefärbt, ihm fiel der graue Ansatz oben auf dem Kopf auf. Sie hätte bald zum Friseur gemusst, dachte er, dann schüttelte er über sich selbst den Kopf. Wie konnte er jetzt an den Friseur denken.

Er kniete sich hin und beugte sich vorsichtig vor, um zu sehen, wie viel Schaden der Rasenmäher angerichtet hatte. Der linke Mantelärmel war abgerissen, und dort, wo der Arm hätte sitzen sollen, waren nur noch ein Klumpen ausgefranstes Fleisch, Blut und ein dicker weißer Knochen. John-Erik wurde von heftiger Übelkeit übermannt, und er erbrach sich auf die Frau, den Rasenmäher und seine Holzschuhe.

Als er sich kurz darauf wieder gefasst hatte, stellte er überrascht fest, dass er weinte. Er weinte in der Erkenntnis, dass er, John-Erik Müller, einen anderen Menschen getötet hatte. Er erkannte, dass sich die Prophezeiung seines Vaters endlich erfüllt hatte. Während seiner gesamten Kindheit und Jugend hatte er, der einzige Sohn, den verbalen Terror seines Vaters zu spüren bekommen. Er war ein Verlierer, unbegabt und untauglich. Er würde in der Gosse enden­ – als Dieb oder so oder noch schlimmer. Er sah den Mund seines Vaters vor sich, aus dem die bösen Worte zwischen kleinen, weißen Speicheltröpfchen herausdrängten. Bis jetzt hatte John-Erik geglaubt, dem Fluch entkommen zu sein, in den letzten Jahren hatte er sich sogar langsam entspannt. Teils weil der Vater schon lange tot war, teils weil er auf ein langes Leben ohne eine einzige Gesetzesübertretung zurückblicken konnte. Bis jetzt. Er starrte auf die blutige Masse im Gras, und für den Bruchteil einer Sekunde erwog er abzuhauen. Er sah sich schnell um; wie es schien, war niemand in der Nähe, und sein Körper spannte sich wie ein Flitzebogen, bereit zur Flucht. Dann ging ihm die Unmöglichkeit seines Plans auf. Er war morgens gekommen und hatte sich in die Buchungsliste für den neuen Rasenmäher, einen John Deere 1565, eingetragen. Jetzt stand die Maschine hier, mit einer toten Frau unter dem Mähwerk. Langsam schüttelte er den Kopf. Er musste sich stellen und gestehen.

——

»Au, tun die Rippen noch weh.« Rebekka wand sich unter den kräftigen Händen des Physiotherapeuten und spürte, wie Handflächen und Fußsohlen schweißnass wurden, eine Reaktion, die sich regelmäßig einstellte, wenn sie massiert wurde.

»Auf der rechten Seite sind die Rippen noch immer verschoben, und deine Schulter ist steinhart. Doch wenn man bedenkt, dass du acht Meter tief von dem Gerüst gefallen bist, bist du trotz allem billig davongekommen.«

Der Physiotherapeut bohrte einen Finger in den Schultermuskel, und Rebekka wand sich vor Schmerzen.

»Das weiß ich«, stöhnte sie.

Es war knapp zehn Monate her, dass sie bei der Ermittlung in einem Mordfall in Ringkøbing auf einem Gerüst überfallen worden war. Sie war bei dem Sturz mit einer Gehirnerschütterung, einer gebrochenen Nase, ein paar angeknacksten Rippen und einer ausgerenkten Schulter davongekommen, doch sie hatte noch regelmäßig Schmerzen in Schulter und Rippen, weshalb sie hin und wieder Jørgen aufsuchte, der sich besonders auf Schulter- und Brustmuskulaturprobleme verstand.

»Entspann dich, während ich dich massiere, Rebekka. Du bist immer so angespannt«, sagte er, und sie lachte laut.

»Da hast du recht. Ich glaube nur, dass ich leider so geboren bin.«

»Ich habe dir doch gesagt, dass du versuchen sollst, mehr zu entspannen. Ich dachte, du hättest durch deinen Jobwechsel etwas mehr Ruhe. Als du bei der mobilen Spezialeinheit warst, warst du ununterbrochen unterwegs.«

»Wie der Name schon sagt.« Rebekka lächelte gequält zu Jørgen hoch, der ihre schmerzenden Muskeln durchknetete. Vor fünf Monaten hatte sie ihren Job als Ermitt­lerin bei der mobilen Spezialeinheit gekündigt, um Teil des Ermittlerteams der Mordkommission Kopenhagen zu werden, ein Jobwechsel, der sie mit der Zeit immer mehr freute.

»Es ist schön, nicht mehr die ganze Zeit unterwegs zu sein, aber zu tun ist genauso viel. Und da ich noch immer neu bin, gibt es auch noch immer Kollegen, die ich noch kennenlernen, und diverse Arbeitsgänge, in die ich mich noch einarbeiten muss. Es ist trotz allem einige Jahre her, dass ich zuletzt hier gearbeitet habe«, fügte sie hinzu und dachte an ihre Praktikumszeit in der Mordkommission, wo sie ernsthaft Geschmack daran gefunden hatte, sich mit Mordfällen zu beschäftigen.

»Hast du wenigstens etwas mehr Zeit für die Liebe? Dein Jobwechsel hat doch wohl auch etwas mit diesem Michael zu tun?«

»Ja, jetzt können wir uns etwas häufiger sehen, und apropos Michael, er kommt heute Nachmittag und bleibt das Wochenende über.«

Rebekka hatte Michael bei ihrem Aufenthalt in Ringkøbing kennengelernt. Michael war dort Kommissar bei der Polizei. Er und Rebekka hatten sich vom ersten Moment an gut verstanden und bei dem komplizierten Mordfall eng zusammengearbeitet. Es waren ein paar einschneidende Wochen für sie gewesen. Sie war in der westjütischen Stadt geboren und aufgewachsen, doch obwohl ihre Eltern in der Stadt wohnten, war sie sechzehn Jahre nicht mehr dort gewesen. Die Konfrontation mit der Vergangenheit samt der hektischen Ermittlung hatten an ihr gezehrt, und Michael hatte sich als große Stütze erwiesen. Sie hatten sich ineinander verliebt und waren eine Fernbeziehung eingegangen. Michael lebte in Ringkøbing, wo er auch Teilzeitvater für seine siebenjährige Tochter Amalie war, und Rebekka in Kopenhagen, wo sie den größten Teil ihrer Zeit im Polizeipräsidium verbrachte.

Rebekka zögerte kurz und fügte hinzu: »Eigentlich bin ich vor allem von der mobilen Spezialeinheit weggegangen, weil ich dort meine Fähigkeiten nicht richtig ein­setzen konnte. Ich wollte schließlich mit Mordfällen ar­­beiten, doch seit der Polizeireform beschäftigt sich die Spezialeinheit hauptsächlich mit Bandenkriminalität und Menschenhandel, und das bedeutet, dass es immer seltener einen Mordfall aufzuklären gibt. Leider. Aber ich bin froh über meinen Entschluss, ich glaube, dass er für mich richtig war.«

»Habt ihr viel zu tun im Moment?«

Rebekka lachte leise. Als Ermittler hatte man immer viel zu tun.

»Ja, das haben wir. Ich arbeite, wie gesagt, an dieser Vergewaltigungssache in der Toldbodgade vom Samstag.«

»Ach ja, davon habe ich in der Zeitung gelesen. Die Frau wurde in einem Hinterhof niedergeschlagen und vergewaltigt. Das ist schon unheimlich …«

Sie wurden von Rebekkas Handy unterbrochen, das drüben in ihrer hellgrauen Lederjacke brummte, und der Physiotherapeut fischte es aus der Jackentasche und gab es ihr mit einem leichten Kopfschütteln.

»Entschuldigung.« Sie nahm es mit einem dankbaren Lächeln entgegen. »Rebekka.«

Es war der Chef der Mordkommission, Henrik Brodersen. »Rebekka, wir haben bei dem Wallgraben auf dem Kastell nahe dem Bahnhof Østerport eine Leiche gefunden. Es handelt sich höchstwahrscheinlich um Mord. Wir haben es mit einer Frau mittleren Alters zu tun, und wie es aussieht, sind Gesicht und Kopf brutal misshandelt worden. Die Situation ist leicht chaotisch, weil einer der Gärtner oder Dienstleistungsangestellten des Kastells, wie sie jetzt heißen, mit seinem Rasenmäher über die Leiche gefahren ist. Wir sind gerade dabei, uns einen Überblick über die Lage zu verschaffen. Wir wissen jedoch mit Sicherheit, dass das Überfahren nicht die Todesursache ist. Das Opfer war nach Einschätzung des Arztes bereits seit mindestens fünf Stunden tot. Rebekka, du bist nicht länger für die Vergewaltigungssache in der Toldbodgade zuständig. Komm sofort her – Reza ist auch bereits unterwegs.«

»Ich komme«, sagte Rebekka und nahm die letzten praktischen Informationen entgegen, bevor sie auflegte. Sie spürte ein erwartungsvolles Kribbeln im Bauch, das sich jedes Mal einstellte, wenn sie in einem Mordfall ermitteln sollte. Das Adrenalin pumpte durch den Körper, die Sinne wurden schärfer, und die Umgebung nahm deut­lichere Konturen an. Eifrig sprang sie von der Liege und zog sich an, als ihr einfiel, dass Michael in wenigen Stunden zu ihrem geplanten romantischen Wochenende eintreffen würde. Sie würde es vermutlich nicht schaffen, zu Hause zu sein, wenn er am Nachmittag auftauchte. Sie rieb sich die Stirn und sah Jørgens aufmerksamen Blick auf sich ruhen.

»Probleme?«

Rebekka schüttelte langsam den Kopf.

»Keine Probleme – nur Herausforderungen, könnte man sagen. Das ist wieder einmal typisch, Michael und ich ­haben uns drei Wochen nicht gesehen, und als wir uns das letzte Mal gesehen haben, war seine Tochter, Amalie, bei uns. Sie ist ein süßes Mädchen, aber es ist trotzdem nicht das Gleiche, wie wenn wir alleine sind. Jetzt ist er endlich auf dem Weg hierher, und ich habe einen Mord.«

»Was ist passiert?«

»Man hat beim Kastell eine Frau gefunden. Tot. Nun gut, es kann sein, dass das gar nichts für uns ist. Es kann sich schließlich auch um einen Unfall handeln«, sagte sie und winkte Jørgen zu.

»Ich rufe an und mache einen neuen Termin.«

»Du kommst, wenn du kommst«, antwortete der Physiotherapeut und warf die Handtücher mit einer routinierten Bewegung in den Wäschekorb.

——

»Es sieht ganz so aus, als ob die Tote Kissi Schack ist, du weißt schon – diese Sozialarbeiterin aus den Medien.« Kommissar Reza Aghajan kam Rebekka atemlos entgegen, als sie zehn Minuten später am Haupteingang des Kastells eintraf. Die Luft war feucht und schwarz vor Insekten, und Rezas kurze dunkle Haare, auf die er gewöhnlich viel Zeit verwandte, damit sie auf die richtige Weise vom Kopf abstanden, lagen flach an und glänzten vor Schweiß. Das ganze Gebiet war mit dem typischen Plastikband der Polizei abgesperrt, und davor parkten eine größere Anzahl von Polizeiwagen, ein Rettungswagen und der dunkelblaue VW-Transporter der Kriminaltechniker.

»Kissi Schack?«, wiederholte Rebekka und runzelte die Stirn. Der Name kam ihr irgendwie bekannt vor, obwohl sie nicht sofort das entsprechende Gesicht dazu hatte.

Reza nickte eifrig. »Du weißt sofort, wer sie ist, wenn du sie siehst … das heißt vielleicht auch nicht, so wie sie jetzt aussieht, ihr Kopf ist eine einzige blutige Masse, aber das ist die, die sich immer für die Einwandererfrauen einsetzt, die Opfer häuslicher Gewalt geworden sind. Auf Amager hat sie eine Zufluchtsstätte nur für diese Frauen gegründet. Sie hat wirklich Mut. Ich habe großen Respekt vor ihr.«

»Wie sicher seid ihr euch, dass sie es ist?«, fragte Rebekka, während sie mit großen Schritten dem Eingang zustrebte. Wenn es um die fragliche Frau ging, würde das ein beachtliches Presseaufgebot bedeuten, was die Ermittlungen gegebenenfalls stören, ja, nahezu behindern konnte, wenn die Zeitungen Geschichten und Bilder brachten, die mehr auf den Vermutungen der Reporter als auf den Fakten beruhten. Sie näherten sich dem Tatort, und Rebekka sah mehrere weiß gekleidete Gestalten oben auf der Festung herumspazieren. Das waren die Kriminaltechniker, die Spuren sicherstellten.

Reza versuchte atemlos mit ihrem Tempo Schritt zu halten. Der Schweiß lief ihm über das Gesicht, und der weiße Schutzanzug klebte an seinem kräftigen Körper.

»Wir haben sie natürlich noch nicht endgültig identifiziert, doch nach Kreditkarte und Führerschein in der Tasche der Toten zu schließen, ist es Kissi Schack. Kissi ist zwar nur ihr Kosename – aber die meisten würden nicht einmal ahnen, wer sie ist, würde man von Kirsten Schack sprechen.«

Sie wurden durch die Absperrung gewunken und stiegen die Treppe zum Wall hoch. Reza zeigte zu einer alten Mühle hinüber.

»Sie liegt da drüben in der Ecke, am Fuß des Hangs unten­ am Wasser, direkt unter der Kongens Bastion. Pass auf, dass du nicht ausrutschst, durch den Regen in den letzten Tagen ist es da unten ziemlich matschig. Und mach dich darauf gefasst, dass die Leiche ziemlich übel zugerichtet ist. Ein Chaos aus Blut, Knochen, Gras und Erbrochenem.«

Er verdrehte seine dunkelbraunen Augen, und Rebekka lächelte. Sie hatte in den letzten Monaten eng mit Reza zusammengearbeitet, und sein Hang, alles zu dramatisieren, war in der Mordkommission legendär. Er war offen, gesprächig und gestikulierte wild, aber trotz ihrer Unterschiedlichkeit hatte sie ein gutes Bauchgefühl. Er würde ein guter Partner werden, das wusste sie genau.

Sie liefen den Wall entlang. Die Kriminaltechniker hatten das Gebiet weiter vorne in Felder aufgeteilt und arbeiteten sich methodisch von außen nach innen vor, während sie die diversen Spuren sicherten. Es würde nicht leicht werden, etwas zu finden, da es tagelang geregnet, um nicht zu sagen geschüttet hatte, doch man sollte nie nie sagen. Der Chef der Mordkommission, Henrik Brodersen, kam ihnen eilig entgegen. Er war groß und muskulös, und Rebekka­ begegnete über dem Mundschutz seinen charak­teristischen grauen Augen. Er nickte ihnen ernst zu und reichte ihr einen Schutzanzug, in den sie schnell schlüpfte. Sie zog Mundschutz, Handschuhe und Überschuhe an und war bereit, den Fundort der Leiche zu betreten.

»Sie liegt da unten.« Brodersen deutete den Abhang hinunter, und Rebekka trat einen Schritt vom Weg an den Rand des Walls und blickte hinunter. Gut zehn Meter tiefer, nahe dem Wallgraben, der die Festung umgab, konnte sie neben einem großen, professionellen Rasenmäher ein schwarzes Bündel ausmachen. Ein Rechtsmediziner stand über die Leiche gebeugt, und ein paar Techniker liefen vorsichtig durch das Gras und fotografierten die Fundstelle minutiös.

»Tatort und Fundstelle sind nicht identisch. Wir sind sicher­, dass das da der Tatort ist.« Brodersen zeigte auf ein Areal von gut fünf mal fünf Metern, das hinter einer alten Mühle versteckt lag. »Die Techniker haben ein paar Tropfen Blut auf der Kanone da gefunden, sie könnten von der Toten sein.«

Rebekka sah sich die mannshohe Kanone an, die in einem­ kleinen Areal auf Kopfsteinpflaster montiert war. Am hinteren Ende der Kanone war einer der Steine gespalten, das obere Stück fehlte. Brodersen folgte ihrem Blick.

»Wie du siehst, steht die alte Kanone auf einer Reihe von Pflastersteinen, von denen einer teilweise fehlt; das könnte die Tatwaffe sein, aber wir wissen natürlich noch nichts. Anschließend hat der Täter ihr vermutlich einen kräftigen Schubs gegeben, sodass sie den Hang hinuntergestürzt ist. Aber das ist nur eine Vermutung, wir müssen sehen, was die weiteren Untersuchungen ergeben.«

»Wie kommen wir da runter?«, fragte Rebekka.

»Durch diese Tore. Wir müssen durch das Kastell.«

Sie verließen den Weg, und einer der Soldaten des Kastells deutete auf ein rotes Tor, das auf den Wallgraben hi­nausführte. Vorsichtig traten sie auf das frisch gemähte Gras und gingen schweigend weiter. Die Sonne schien, und auf der anderen Seite des Wallgrabens lag ein öffent­licher Spielplatz, auf dem ein paar kleine Kinder in seliger Unwissenheit, was einige Hundert Meter weiter vor sich ging, schaukelten. Sie kamen zu dem verlassenen Rasenmäher, der im hohen Gras stand.

»Verdammt, der hat aber ganze Arbeit geleistet. Hier ist ja überall Blut.« Das grüne Blech des Rasenmähers war mit Blutspritzern übersät, die rotierenden Messer waren blutverschmiert, und hier und da sah man Knochensplitter. Rebekka wurde bei dem Anblick übel, und sie atmete tief durch.

»Einer der Gärtner ist in die Leiche gefahren. Er heißt John-Erik Müller. Er hat einen Schock bekommen, als er gesehen hat, dass er eine Frau überfahren hat. Er hat geglaubt, dass er sie umgebracht hat. Wir werden ihn später verhören«, sagte Brodersen. Der Rechtsmediziner, ein dicker Mann mittleren Alters, an den Rebekka sich noch aus ihrer Praktikantenzeit erinnerte, kam ihnen entgegen. Er wischte sich mit einer behandschuhten Hand den Schweiß von der Stirn.

»Es war Mord, daran besteht kein Zweifel. Sie hat einen so festen Schlag auf den Hinterkopf bekommen, dass sie eine Schädelfraktur hat. Darüber hinaus hat sie ein paar kräftige Schläge ins Gesicht und auf den Kopf bekommen. Und zwar so fest, dass mehrere Gesichtsknochen an ei­nigen Stellen eingedrückt sind. Die verschiedenen Ein­kerbungen lassen darauf schließen, dass ein größerer, scharfer Gegenstand benutzt wurde.«

»Könnte es sich um einen kleineren Pflasterstein handeln? Einer der Pflastersteine oben bei der Kanone ist ­kaputt, und die eine Hälfte fehlt. Wir reden von einem ungleichmäßigen Stein von gut zehn mal zehn Zentimetern mit scharfen Kanten.«

Der Rechtsmediziner nickte.

»Das könnte durchaus der Fall sein. Ich muss mir die Steine nachher ansehen.« Er zeigte den Wall hinauf und fügte hinzu: »Die Stellung, in der das Opfer liegt, lässt darauf schließen, dass sie sich bei dem Sturz auch das Genick gebrochen haben kann, doch das muss das MRT erst bestätigen. So, wie es jetzt aussieht, ist die eigentliche Todesursache schwer auszumachen. Aus den Verletzungen im Gesicht und am Kopf hat sie stark geblutet, und ihr linker Arm ist von der Schulter abgetrennt. Zu der Amputation ist es nach Todeseintritt gekommen, der Schaden geht auf das Konto des Rasenmähers.« Er seufzte und kratzte sich den Nasenrücken, bevor er fortfuhr: »Die Leiche ist, wie ihr riechen könnt, mit Erbrochenem bedeckt, das von dem Gärtner stammt, der sie gefunden hat, aber das wisst ihr ja bereits.«

»Lässt sich etwas zum Todeszeitpunkt sagen?«, fragte Rebekka und schaute zum Rechtsmediziner hin, der in seinem weißen Schutzanzug kräftig schwitzte.

»Ich kann euch eine vorläufige Einschätzung geben. Wie ihr seht, sind auf den Flächen, die nach unten zeigen, leichte Leichenflecken zu sehen, die jedoch teilweise verschwinden, wenn man mit dem Finger daraufdrückt, und die Beine sind durch die Totenstarre noch nicht ganz steif.«

Er beugte sich vor und zeigte ihnen, dass er das Knie­gelenk der Leiche mühelos bewegen konnte. Dann richtete er sich wieder auf und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Wenn ich das mit meinen Temperaturmessungen von der Leiche und der Umgebung in Verbindung bringe, die ich um 12 Uhr 35 vorgenommen habe, würde ich schätzen, dass sie zwischen fünf und neun Stunden tot ist. Der Todeszeitpunkt liegt zwischen 3 Uhr 30 und 7 Uhr 30 morgens, aber wir haben genauere Daten, wenn wir das Ganze in Hensges Nomogramm plotten.«

Rebekka nickte. Sie hatte nie richtig verstanden, wie die Rechtsmediziner den Todeszeitpunkt berechneten, doch ihre Einschätzungen erwiesen sich meistens als richtig. Sie kniete sich hin und sah sich die Tote genau an. Die Frau trug einen schwarzen Regenmantel aus dickem, glänzendem Gummi in einem Marimekko-Muster, enge graue Jeans, eine hellgraue Kaschmirjacke, und an den Füßen hatte sie schwarze Hunter-Gummistiefel. Der rechte Arm war intakt, und Rebekka sah sich die gepflegte Hand an, an Zeige- und Ringfinger steckten zwei funkelnde Diamantringe, und am Handgelenk trug sie eine Tag-Heuer-Uhr. Obwohl Rebekka sich nicht sonderlich für Mode interessierte, sah sie genau, dass es sich um eine gut situierte Frau mittleren Alters handelte, die Wert auf tadellose Kleidung gelegt hatte. Rebekka blickte zu Brodersen hoch: »Was habt ihr sonst noch gefunden?«

»Nicht viel. Ein paar Meter von der Leiche entfernt haben­ wir einen schwarzen Regenschirm gefunden, der vermutlich ihr gehört und den sie bei dem Sturz verloren haben muss. Sie hatte kein Geld bei sich und auch kein Handy, lediglich ihre Schlüssel und eine kleine Tasche mit Führerschein, Versicherungskarte und einer Visa-Karte. Sonst nichts.« Brodersen wandte sich erneut an den Rechtsmediziner.

»Gut. Wenn ihr mit der Untersuchung des Fundorts fertig­ seid, könnt ihr direkt in die Rechtsmedizin fahren. Wir sehen zu, dass das Opfer im Lauf des Tages endgültig identifiziert und dass so schnell wie möglich mit der Obduktion begonnen wird.« Der Rechtsmediziner nickte, und Brodersen sah Rebekka und Reza an.

Julie Hastrup

Über Julie Hastrup

Biografie

Julie Hastrup, geboren 1968 in Ringkøbing, ist ausgebildete Journalistin und eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen Dänemarks. Sie arbeitete für dänische Radio- und Fernsehanstalten, ehe sie 2009 mit »Vergeltung« den Auftakt zu ihrer erfolgreichen Thriller-Serie um die Ermittlerin Rebekka...

Pressestimmen

Rätsel mit Pfiff

»Fesselnder Thriller.«

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