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Blut aus Silber

Roman

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Blut aus Silber — Inhalt

Mit »Blut aus Silber« beginnt eines der größten Fantasy-Abenteuer unserer Zeit: Sie gewann jede Schlacht. Sie war die bedeutendste Kriegerin ihrer Zeit - doch seitdem sind zwanzig Jahre vergangen, und Zosia will alles andere als wieder zu kämpfen. Als sie erneut zur Waffe greifen muss, um die Schatten der Vergangenheit zu besiegen, beginnt ein Kampf gegen dunkle Intrigen, falsche Verbündete und grausame Armeen, der die Welt erschüttern wird. Denn ihre Freunde werden zu Feinden, und die Vergangenheit ruht nie ... »Blut aus Silber«, das Fantasy-Debüt des amerikanischen Autors Alex Marshall, eroberte den US-Buchmarkt gleich nach Erscheinen im Sturm.

Erschienen am 05.10.2015
Übersetzer: Andreas Decker
864 Seiten, Klappenbroschur
ISBN 978-3-492-70361-1
Erschienen am 05.10.2015
Übersetzer: Andreas Decker
864 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97097-6

Leseprobe zu »Blut aus Silber«

KAPITEL 1


Alles verlief so schön nach Plan. Jedenfalls bis zu dem Massaker.
Sir Hjortts Kavallerie aus zweihundert Speeren schwärmte in dem kleinen Dorf aus. Die Männer nahmen auf den unebenen Wegen, die nur der nachsichtigste Landvermesser als » Straße « bezeichnet hätte, zwischen den Holzhäusern ihre Stellungen ein. Die Schlachtrösser verlangsamten ihr Tempo und hielten dann in einer ordentlichen Annäherung an den Gleichschritt an. Ihre Reiter saßen so aufrecht und steif wie die Lanzen, die sie in den Steigbügel gestemmt hatten. Es war ein Nachmittag [...]

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KAPITEL 1


Alles verlief so schön nach Plan. Jedenfalls bis zu dem Massaker.
Sir Hjortts Kavallerie aus zweihundert Speeren schwärmte in dem kleinen Dorf aus. Die Männer nahmen auf den unebenen Wegen, die nur der nachsichtigste Landvermesser als » Straße « bezeichnet hätte, zwischen den Holzhäusern ihre Stellungen ein. Die Schlachtrösser verlangsamten ihr Tempo und hielten dann in einer ordentlichen Annäherung an den Gleichschritt an. Ihre Reiter saßen so aufrecht und steif wie die Lanzen, die sie in den Steigbügel gestemmt hatten. Es war ein Nachmittag im Herbst, für die Jahreszeit so unverhältnismäßig warm, dass Reiter wie Pferde nach dem Ritt aus dem Tal hinauf vor Schweiß troffen. Dennoch nahm nicht ein einziger Mann seine Messinghaube vom Kopf. Waffen, Rüstungen und Zaumzeug funkelten im grellen Sonnenlicht der Berge, das stumpfe Braun der Umhänge verdeckte die unvermeidlichen Schweißflecken. Die Kavallerie schien geradewegs aus einer Geschichte oder einem der Wandteppiche im Haus des Bürgermeisters galoppiert zu sein.
Zumindest musste es den Dorfbewohnern, die durch die Schlagläden ihrer Fenster spähten, so erschienen sein. Auf ­ihren Oberst Sir Hjortt machten die Reiter den Eindruck gedungener Mörder im Sattel, die größtenteils kaum genug Verstand hatten, um ihre Befehle ordentlich auszuführen. Hätte der Ritter Kriegshunde zu Reittieren abrichten können, er hätte sie der Fünfzehnten Kavallerie vorgezogen, so viel Zuversicht setzte er in diesen Haufen. Also, mit anderen Worten: nicht viel, eigentlich gar keine.
Für Hunde hatte er ebenfalls nichts übrig, aber ein Hund war wenigstens verlässlich, selbst wenn es nur darum ging, sich die Eier zu lecken.
Auf dem letzten Rest Grasland, bevor zwei steile Berge mit kargen Gipfeln in­einander übergingen, breitete sich das Dorf aus. Dichter Wald umgab es an allen Seiten wie eine Falle, die auf einen unvorsichtigen Reisenden wartete. Also ein typisches Bergdorf in den Kutumban-Bergen mit nur einer ­hohen, verstärkten Steinmauer, die die Wölfe genauso fernhalten sollte wie die lächerlichen Lawinen, die die Berghänge der Umgebung zurzeit der Schneeschmelze auf die Siedlung losließen.
Sir Hjortt hatte seine Truppe gezielt durch das offene Tor in der Mauer und dann den Hauptweg zum größten Haus des Dorfes entlanggeführt … wenn man es denn so bezeichnen wollte. Eingezäunt von dürren Rosenbüschen und mit einer Höhe von nicht einmal zweieinhalb Stockwerken wies die fensterlose, rote Ziegelfassade ein Gitter aus schwarzen stützenden Holzbalken auf. Das moosbewachsene Strohdach stieg wie ein Hexenhut in die Höhe, und genau in der Mitte gab es eine hohe Flügeltür, die an einen Mund erinnerte und breit genug war, dass zwei Reiter nebeneinander durchreiten konnten, ohne die Helme abnehmen zu müssen. Als Sir Hjortt die Lücke in der Hecke vor dem Haus erreichte, sah er, dass einer der eichenen Türflügel geöffnet war. Aber genau in diesem Augenblick schloss sich die Tür.
Sir Hjortt lächelte schmal, zügelte das Pferd vor den Rosenbüschen und rief mit seiner tiefsten Stimme: » Ich bin Sir Efrain Hjortt von Azgaroth, Fünfzehnter Oberst des Scharlachroten Imperiums, und möchte mit der Frau des Bürgermeisters sprechen. Ich bin eurem Bürgermeister auf der Straße begegnet, und während er sich in meinem Lager ausruht … «
Da musste jemand hinter ihm leise kichern, aber als sich Sir Hjortt im Sattel umdrehte, konnte er den Schuldigen nicht ausmachen. Möglicherweise war es einer der beiden Vertreter der Kette gewesen, die als seine persönlichen Leibwächter fungierten und die Pferde an den Rand der dornigen Hecke gelenkt hatten. Er schenkte ihnen und den Reitern in ihrer unmittel­baren Nähe genau die Art von vernichtendem Blick, die sein Vater mit solcher Begeisterung auszuteilen pflegte. Das hier war kein Spaß, was die Art und Weise, wie er mit dem Bauerntrampel von Bürgermeister, der zu diesem Scheißhaufen von Dorf gehörte, umgesprungen war, eigentlich jedem unmissverständlich hätte klarmachen müssen.
» Hmm. « Sir Hjortt wandte sich wieder dem Gebäude zu und fing von vorn an. » Während sich euer Bürgermeister in meinem Lager ausruht, bringe ich Nachrichten von großer Bedeutung. Ich muss sofort mit der Frau des Bürgermeisters sprechen. «
Gab es eine Reaktion ? Nein. Das ganze Dorf blieb stumm; er vermochte in seinen schmerzenden Oberschenkeln förmlich zu spüren, wie man ihn furchtsam aus der Deckung beobachtete. Aber nicht einer wagte sich ins Tageslicht, um ihm zu begegnen oder ihm zu helfen. Bauern – welch ein trauriger Haufen!
» Ich sage es noch einmal ! «, rief Sir Hjortt, trieb seinen Hengst auf den Hof des Bürgermeisters und näherte sich der Flügeltür. » Als Oberst des Scharlachroten Imperiums und Ritter von Azga­roth wird mich die Familie eures Bürgermeisters willkommen heißen, oder … «
Beide Türhälften flogen auf, und eine Horde großer zotte­liger Bestien strömte ins Sonnenlicht hinaus. Sie hatten den ­azgarothischen Ritter erreicht, bevor er das Pferd herumreißen oder das Schwert ziehen konnte. Gedämpftes Glockengeläut ­ertönte, offensichtlich war dies das Signal, dass nun der Hinterhalt begann. Und dann war da das hungrige Grunzen des Rudels und …
Das Vieh trabte um ihn herum und beschnupperte den Hengst mit breiten, rotzfeuchten Nasen. Aber da es nun der Enge des Gebäudes entkommen war, zeigte es keine Anzeichen weiterer wilder Taten.
» Es tut mir sehr leid, Herr «, sagte eine Stimme mit dem schweren Akzent der Bergvölker aus der näheren Umgebung. Und dann erschien eine kleine, bleiche Hand und winkte inmitten der Rinderwoge, als wäre es der letzte verzweifelte Rettungs­versuch eines Ertrinkenden, der nach einem Stück Treibholz greift. Die Hand packte schwarzes Fell, und ein blonder Junge von zehn oder zwölf Jahren schwang sich anmutig in Sicht und landete auf dem breiten Rücken einer Bergkuh, um das Tier nun so mühelos in Sir Hjortts Richtung zu lenken, wie der Azga­rother sein Schlachtross beherrschte. Die zur Schau gestellte ­Gewandtheit und das Können beeindruckten den Ritter trotzdem nicht.
» Die Frau des Bürgermeisters «, sagte Sir Hjortt. » Ich muss sie sprechen. Jetzt gleich. Ist sie da  ? «
» Ich glaube schon «, antwortete der Junge nach einem Blick über die Schulter – zweifellos überprüfte er den Stand der Sonne gegen den Windschatten der Berge, die das Dorf überragten. » Ich muss mich wirklich noch einmal wegen meiner Kühe entschuldigen. Sie sind äußerst munter, Herr. Musste sie früher unterbringen, weil man ein paar Täler weiter einen Hornwolf gesehen hat. Und, äh, ich habe das Scheunentor nicht so verriegelt, wie ich es hätte tun sollen. «
» Spionierst uns aus, was ? «, meinte Sir Hjortt. Der Junge grinste. » Vielleicht lasse ich dir das durchgehen, wenn du jetzt deine Herrin holst. «
» Die Bürgermeisterin ist oben in ihrem Haus, Herr, aber da darf ich wegen meines schlechten Benehmens nicht mehr rein «, gab der Junge mit offensichtlichem Stolz zurück.
» Das da ist nicht ihr Haus ? « Hjortt musterte das Gebäude misstrauisch.
» Nein, Herr. Das ist die Scheune. «
Wieder ertönte ein Kichern aus den Reihen seiner treulosen Soldaten, aber Sir Hjortt gab dem Urheber nicht zum zweiten Mal die Befriedigung, sich umzudrehen. Er würde den Schul­digen finden, nachdem das Tagwerk erledigt war, und dann würden sie schon sehen, welcher Preis dafür zu zahlen war, auf Kosten seines Befehlshabers zu lachen. Wie der Rest des Fünfzehnten Regiments hielt auch die Kavallerie ihren neuen Oberst für einen grünen Jungen, weil er nicht einmal zwanzig Jahre alt war. Aber er würde ihnen bald zeigen, dass jung und grün zu sein keinesfalls das Gleiche bedeutete.
Nachdem sich jetzt ihr Champion, der Kuhhirt, den Invasoren entgegengestellt hatte, öffneten sich bunt bemalte Türen. Die Mutigeren unter den Bauern schlurften aus ihren Häusern und starrten die imperialen Soldaten in ihrer Mitte offensichtlich ehrfurchtsvoll an. Sir Hjortt grunzte zufrieden – im Dorf war es so still gewesen, dass er sich schon gefragt hatte, ob man seine Bewohner vor ihrem Kommen irgendwie gewarnt haben mochte, damit sie sich in die Berge verdrücken konnten.
» Und wo steht das Bürgermeisterhaus ? «, wollte er wissen. Die Zügel quietschten in seinen Panzerhandschuhen, während er den Jungen finster anstarrte.
» Seht Ihr den Weg dort ? « Der Junge zeigte nach Osten. Der Ritter folgte der Richtung des Fingers ein Stück – vorbei an ­einem langen Haus zu einem kleinen Tor in der Dorfmauer, hinter dem sich ein nur undeutlich zu erkennender Pfad anschloss, der zu dem grasigen Fuß des steilsten Hügels im Tal führte.
» Portolés, mein Falkenglas «, befahl Sir Hjortt, und seine Leibwächterin trieb ihr Pferd an seine Seite. Dem Ritter war völlig klar, dass – sollte er diesen unbezahlbaren Gegenstand in seiner eigenen Satteltasche transportieren – einer seiner die­bischen Soldaten aller Voraussicht nach eine Möglichkeit finden würde, ihn zu stehlen. Aber keiner von ihnen würde sich trauen, einen solchen Scheiß bei der stämmigen Kriegsnonne zu versuchen. Sie reichte es ihm, und er zog das schwere Fernrohr aus seinem Lederbehälter; es war das einzige Geschenk seines Vaters, bei dem es sich nicht um irgendeine Waffe gehandelt hatte, und er genoss jeden Vorwand, es irgendwie zu benutzen. Das Instrument vergrößerte den Pfad, und er verfolgte ihn die Wiese hinauf bis zu der Stelle, an der er im Wald verschwand. Dort unterbrach ein Hain sich gelb verfärbender Zitterpappeln den Bestand aus Kiefern und Tannen. Der Ritter hob das Falkenglas und entdeckte, dass diese Goldader den ansonsten vollständig mit Immergrün bewachsenen Berg hinaufführte.
» Seht Ihr ? «, fragte der Kuhhirt. » Sie wohnen dort oben. Es ist nicht weit. «

Sir Hjortt erreichte einen Felsvorsprung und lehnte sich gegen einen Baum. Der dünne Stamm gab unter seinem Gewicht nach, die kupferfarbenen Blätter raschelten bei seiner Berührung, die weiße Rinde staubte auf seinen Umhang. Der zickzackförmige Pfad, der sich in den ständig steiler werdenden Berg gegraben hatte, war für die Pferde zu trügerisch geworden, also erklommen Sir Hjortt und seine beiden Leibwächter, Bruder Iqbal und Schwester Portolés, das aus dem Erdreich ragende Felsgestein zu Fuß. Der Ritter hatte die Möglichkeit einer Falle noch nicht ausgeschlossen, aber bis jetzt hatte sich nichts Feindlicheres als ein Kolibri gezeigt, und da sich seine Augen mittlerweile an das seltsam düstere Licht dieses letzten Hains gewöhnt hatten, zeigten sie ihm ein bescheidenes Haus mit einem frischen weißen Anstrich, das am Rand des nächsten Felsvorsprungs kauerte. Mehrere Hundert Fuß über ihnen.
Bruder Iqbal lachte, während Schwester Portolés fluchte, aber ihr Ausbruch drückte mehr Belustigung aus als der seine. Sie passierten die Bäume und begaben sich an den letzten Aufstieg.
» Warum …? «, keuchte Iqbal. Der zu einem anderen Zweck umfunktionierte Hafersack, den er sich über die stämmige Schulter geschlungen hatte, machte seinen bereits mühsamen Schritt noch langsamer. » Bei allen … Teufeln von Emeritus … warum sollte ein Bürgermeister … so weit … von seinem Dorf entfernt wohnen ? «
» Da fallen mir schon ein paar Gründe ein «, sagte Portolés, stemmte den Kopf ihres schweren Kriegshammers auf den steinigen Pfad und stützte sich auf den langen Schaft. » Seht mal zurück. «
Sir Hjortt blieb stehen. Er selbst war einer Pause nicht abgeneigt – auch mit seiner vergleichsweise leichten Reitrüstung war das eine wirklich scheußliche Wanderung. Er drehte sich um und stieß einen bewundernden Pfiff aus. Sie waren schnell nach oben gestiegen, und nun breitete sich unter ihnen am Fuß der Berge das Dorf aus – wie auf einem großartigen Gemälde. Hinter der schmalen Linie seiner Mauer verschwand das üppige Tal in der Ferne. Ein gewundener Bach teilte den nördlichen Kamm vom südlichen. Sir Hjortt war wirklich kein sturer, blutdurstiger Rohling, und er konnte es gut nachvollziehen, hoch über seinen Untertanen leben zu wollen, umgeben von der atemberaubenden Schönheit der Schöpfung. Vielleicht würde er das Bürgermeisterhaus zur Jagdhütte umgestalten, sobald dieser unglückselige Auftrag erledigt war. Dann mochte er seine Sommer in der sauberen Hochlandluft mit Jagd und Zerstreuung verbringen.
» Bester Aussichtspunkt im Tal «, sagte Portolés. » Gibt dem Anführer genug Zeit, sich entscheiden zu können, wie er die Gäste begrüßen will. «
» Ob sie wohl einen Kessel für uns aufgesetzt hat ? «, fragte ­Iqbal hoffnungsfroh. » Ich könnte eine Tasse Jägertee vertragen. «
» Was diese Mission angeht, Oberst … « Portolés sah Sir Hjortt an, mied aber seinen Blick. Seit er sie darüber in Kenntnis gesetzt hatte, was hier getan werden musste, hatte sie ihr Unbehagen nur schlecht überspielt – mit vorgetäuschter Zuversicht. Und der Ritter konnte sich genau vorstellen, was nun kam. » Ich frage mich, ob der Befehl … «
» Und ich frage mich, ob deine Kirchenoberen mir zwei von euch Anathemas zur Verfügung gestellt haben, damit ihr meine Befehle bei jeder Gelegenheit infrage stellt und zaudert, statt meine Stellung als Oberst des Imperiums zu respektieren «, sagte Sir Hjortt, was Flecken in der Farbe von Blutergüssen auf die Wangen der großen Frau zauberte. » Azgaroth ist seit beinahe ­einem Jahrhundert ein stolzer und treuer Diener der Könige und Königinnen von Samoth, wohingegen eure Päpste an jedem zweiten Feiertag zu revoltieren scheinen. Also helft mir doch noch einmal auf die Sprünge: Warum genau brauche ich deinen Rat ? «
Portolés murmelte eine Entschuldigung, Iqbal fummelte an dem feuchten Sack herum, den er trug.
» Glaubt ihr, ich genieße, was wir tun müssen ? Glaubt ihr wirklich, ich würde das meine Soldaten durchmachen lassen, wenn ich die Wahl hätte ? Warum sollte ich einen derartigen Befehl geben, falls das alles vermeidbar wäre ? Warum … ? « Sir Hjortt hatte sich gerade für seinen Vortrag erwärmt, da zuckte ein scharfer Schmerz durch seinen Schädel. So intensiv und unangenehm das Gefühl auch war, es verschwand bereits im nächsten Augenblick wieder, was dazu führte, dass er die beiden Hexengeborenen nervös musterte. Mochte einer von ihnen den Schmerz irgendwie mit den teuflischen Fähigkeiten ihrer Art verursacht haben ?
» Kommt schon «, sagte er. Er wollte die Sache einfach auf sich beruhen lassen. Selbst wenn seine Leibwächter Vorbehalte hatten, diese Mission würde als Musterbeispiel dafür dienen, unumgängliche unerfreuliche Dinge schnell hinter sich zu bringen, statt zu zaudern und jede hässliche Einzelheit zu Tode zu analysieren. » Bringen wir es hinter uns. Da dieser Weg so schlecht ist, möchte ich bei Einbruch der Dunkelheit wieder im Tal sein. «
Sie folgten der Haarnadelkurve des steilen Pfades, dann wurden sie von primitiv in den Boden gehauenen Stufen zum nächsten Plateau und dem Haus des Bürgermeisters geführt. Von der Bauart ähnelte es den Häusern im Dorf, aber es gab eine Terrasse, die über den Klippenrand hinausragte, und einen niedrigen weißen Zaun. Ganz nett, dachte Sir Hjortt, wenn man von der Tatsache absah, dass der Zaun aus Knochen gefertigt war. Jede nach außen gebogene Elchrippe wurde vom Schädel eines anderen Tieres gekrönt. Zwischen Murmeltierschädeln und Bergfuchsschädeln ragten die Schädel von Eulenfledermäusen hervor, und über der Haustür ruhte ein gewaltiger Schädel, bei dem es sich nur um einen Hornwolf handeln konnte. Als der Dorfjunge davon gesprochen hatte, dass eine dieser Bestien in der Gegend gesehen worden war, hatte Sir Hjortt angenommen, dass sein Kopf lediglich mit dem gefüllt war, was seine Kühe fallen ließen, aber vielleicht streiften ja doch noch ein paar von ihnen durch die einsamen Berge. Wie aufregend es wohl sein würde, nach einem so seltenen Wild auf die Jagd zu gehen ! Dann öffnete sich quietschend die Tür unter dem Schädel, und eine Gestalt verharrte auf der Schwelle.
» Willkommen, Freunde, ihr seid einen weiten Weg gekommen «, begrüßte sie die Frau. Sie war stämmig, wenn auch nicht so groß wie Portolés, und ihre Züge waren so hart wie der Aufstieg zu ihrem Haus. Einst mochte sie auf diese ländliche Weise durchaus attraktiv gewesen sein, als ihr langes silbergraues Haar noch blond, schwarz oder rot und auf die Weise zu Zöpfen geflochten gewesen war, die Hjortt gefiel. Aber jetzt war sie einfach nur noch eine alte Frau von mindestens fünfzig Wintern. Und nach den ineinander verkeilten Knochenfetischen zu urteilen, die von den Ästen des einsamen Baumes baumelten, der innerhalb des Zauns stand – eine hohe Zitterpappel mit schwarzer Rinde und Blättern, die genauso verbraucht aus­sahen wie die Frau selbst –, war sie möglicherweise auch eine Zauberin.
Iqbal erwiderte den Gruß. » Auch wir grüßen dich, Mütterchen. Ich darf dir Sir Hjortt von Azgaroth vorstellen, Fünfzehnter Oberst des Scharlachroten Imperiums. « Der Anathema warf seinem Vorgesetzten einen Blick zu, aber als der Ritter nicht die geringsten Anstalten machte, sich der potenziellen Hexe zu ­nähern, murmelte er: » Sie ist einfach nur eine alte Krähe, Herr, nichts weswegen man sich Sorgen machen müsste. «
» Alte Krähe oder Küken, ich würde meine Hand nicht blindlings ins Nest einer Eulenfledermaus stecken «, meinte Portolés und trat an Sir Hjortt und Iqbal vorbei, um die alte Frau auf Scharlachrot anzusprechen. » Im Namen der Päpstin des Westens und der Königin vom Rest, ich befehle dir, ins Licht zu treten, Frau. «
» Die Königin vom Rest ? « Die Frau gehorchte Portolés und schritt die ächzenden Terrassenstufen herunter. Dann näherte sie sich dem Zaun. Für die Frau eines Bürgermeisters war ihr kariertes Dirndl so schlicht wie das eines jeden Dorfmädchens. » Und die Päpstin des Westens ? Der letzte Händler, der uns ­besuchte, brachte die Nachricht, dass Papst Shanatus Krieg nicht so gut lief, aber inzwischen hat sich wohl viel geändert. Handelt es sich bei dieser Herrscherin vom Rest, gesegnet soll sie sein, noch immer um Königin Indsorith ? Und bedeutet das, dass ein Frieden ausgehandelt wurde ? «
» Dieses Vögelchen da hört ja eine Menge auf seinem Baum «, murmelte Sir Hjortt und sprach die Frau dann an. » Bist du tatsächlich die Frau des Bürgermeisters ? «
» Ich bin Bürgermeisterin Vivi, die Frau von Leib «, erwiderte sie. » Und respektvoll stelle ich noch einmal die Frage, an wen ich meine Gebete richten soll, wenn ich das nächste Mal … «
» Die gerechte Herrschaft von Königin Indsorith, gesegnet sei ihr Name, wird fortgeführt «, sagte Sir Hjortt. » Papst Shanatu, gesegnet sei sein Name, erhielt von allerhöchster Stelle die Botschaft, dass seine Zeit als Hirte von Samoth zu einem Ende gekommen ist. Also ist der Krieg vorbei. Seine Nichte Jirella, gesegnet sei ihr Name, ist zu ihrem rechtmäßigen Platz auf der Onyxkanzel aufgestiegen, und ist nun Päpstin Y’Homa III., Mutter der Mitternacht, Hirtin der Verlorenen. «
» Ich verstehe «, sagte die Bürgermeisterin. » Und unsere geliebte Indsorith, möge ihre Herrlichkeit lange währen, hat nicht nur den Rücktritt eines Rebellenpapstes und die Beförderung seiner Verwandten in dieselbe erlauchte Stellung akzeptiert, sondern auch ihre edlen Titel eingetauscht ? › Königin von Samoth, Herz des Sterns, Juwel des Diadems, Hüterin des Scharlachroten Imperiums ‹ für, äh, › Königin vom Rest ‹ ? « Die Falten im Gesicht der Frau vertieften sich, als sie lächelte, und Portolés erwiderte das Lächeln verschmitzt.
» Verwechsel nicht den seltsamen Sinn meiner Untergebenen für Humor mit einer Änderung der Politik – an den Ehrentiteln der Königin hat sich nichts verändert «, sagte Sir Hjortt. Er grübelte darüber nach, wie man Portolés am besten disziplinieren konnte. Falls sie glaubte, ihr befehlshabender Oberst würde derartige Dinge ignorieren, nur weil kein höherrangiger Kleriker Zeuge ihres ehrlosen Geredes war, würde sich die hexen­geborene Missgeburt noch wundern. Beinahe wünschte er sich, sie möge sich weigern, seinen Befehl auszuführen, denn dann hätte er einen Vorwand gehabt, sie endgültig loszuwerden. Auf Hochazgarothisch sagte er: » Portolés, kehr ins Dorf zurück und gib den Befehl. In der Zeit, die du für den Abstieg brauchst, habe ich mein Anliegen deutlich gemacht. «
Portolés versteifte sich und widmete Sir Hjortt ein armseliges Stirnrunzeln, das ihm verriet, dass sie immer noch gehofft hatte, er würde es sich anders überlegen. Wohl kaum, verflucht noch mal! Die Kriegsnonne erwiderte ebenfalls auf Hochazgarothisch: » Ich … ich muss einen Blick ins Haus werfen, bevor ich gehe. Mich vergewissern, dass es keine Bedrohungen gibt, Oberst Hjortt. «
» Ihr seid willkommen, Schwester Portolés, tretet nur ein «, sagte die ältere Frau ebenfalls in der uralten und ehrenhaften Sprache von Sir Hjortts Vorfahren. Das kam unerwartet, andererseits war der Stern eine andere Welt gewesen, als diese alte Kuh in vollem Saft gestanden hatte, und möglicherweise hatte sie ja noch anderes als nur ihre einsamen Berge gesehen. Aus der Nähe erkannte der Ritter nun, dass ihre Wangen mehr Narben als Falten aufwiesen, die an ihrem Kinn war sogar recht wulstig. Zum ersten Mal seit Ankunft der Fremden flackerte so ­etwas wie Besorgnis über die verwitterte Landschaft ihres Gesichts. Sehr gut. » In der Küche schläft ein alter Hund, den Ihr seinen Träumen überlassen solltet, falls Ihr so nett wärt. Davon abgesehen bin ich allein. Aber mein guter Oberst, Leib sollte doch heute Morgen an der Kreuzung stehen. «
Sir Hjortt ignorierte die Frau und folgte Portolés durch die Pforte auf dem Weg aus glatten bunten Steinplatten, der über den Hof führte. Sie waren primitiv arrangiert; als Allererstes würde er die Steinmetzin beauftragen müssen, die die Badezimmer seines Familienanwesens in Cockspar renoviert hatte, oder vielleicht den Lehrling der Frau, falls die hochnäsige Künstlerin keine Lust hatte, Hunderte von Meilen in die Wildnis zu reisen, um einen Weg neu zu fliesen. Ein Mosaik mit kleinen Tieren wäre nett, vielleicht auch indigoblaue Fliesen, die einen Bach imitierten. Allerdings hatten sie auf dem Weg aus dem Dorf ein Bächlein überquert, also warum nicht seine Quelle herausfinden und seinen Lauf umleiten, damit ein echter Bach durch den Hof plätscherte ? So schwer konnte es doch wohl nicht sein, ihn dort oben zwischen die Bäume zu führen und dann neben der Terrasse über die Klippe zu lenken, um ­einen Miniaturwasserfall zu schaffen, der …
» Leer «, meldete Portolés. Sie kam aus dem Haus. Sir Hjortt hatte sich in seinen Gedanken verloren – es war ein steiler Weg hierherauf gewesen und zuvor schon ein langer Ritt. Portolés trat lautlos hinter die Frau, die zwischen Sir Hjortt und ihrem Haus auf dem Pfad stand. Die Matrone wirkte jetzt nervös. Wie schön!
» Mein Ehemann Leib, Oberst Hjortt. Seid Ihr ihm an der Kreuzung begegnet ? « Ihre Stimme klang nun leiser, übertönte kaum das Rauschen der Zitterpappeln. Es musste schön sein, nach einer anstrengenden Jagd im Bett zu liegen und dem Rascheln der goldenen Blätter direkt unter dem Fenster zu lauschen.
» Neuer Plan «, verkündete Sir Hjortt. Er machte sich nicht länger die Mühe mit dem formelleren Azgarothisch, da die ­Matrone es ja verstand. » Eigentlich ist er genauso wie der vorherige, aber statt vor Einbruch der Dunkelheit zu reiten biwakieren wir hier für die Nacht. « Er lächelte die alte Frau an. » Keine Sorge, Frau Bürgermeister, keine Sorge. Ich werde meine Soldaten nicht in deiner Stadt unterbringen, das versichere ich dir. Wenn sie fertig sind, sollen sie vor der Mauer lagern. Wir reiten dann beim ersten … « Ihm war eingefallen, dass er in ­einem richtigen Bett schlafen konnte. » Mittag. Wir reiten morgen Mittag. Erstatte mir Bericht, wenn alles erledigt ist. «
» Was auch immer Ihr plant, Herr, lasst uns darüber sprechen, bevor Ihr eine Entscheidung trefft «, sagte die Bürgermeisterfrau. Sie schien die Nervosität abzuschütteln, die die Ankunft der Imperialen zunächst ausgelöst hatte. Hjortt war sich nicht sicher, ob ihm ihre strenge Miene gefiel. » Eure Offizierin hat doch gewiss ein paar Minuten Zeit, bevor sie Eure Befehle überbringt, erst recht, wenn wir Euch heute Nacht zu Gast haben. Unterhalten wir uns, und ganz gleich, welche Befehle Ihr geben wollt, wie dringend Eure Sache auch sein mag, ich sorge dafür, dass Ihr die Zeit zum Zuhören nicht bereut. «
Portolés’ hündischer Blick über die Schulter der Frau drehte Sir Hjortt den Magen um. Wenigstens hatte Iqbal den Anstand, seinen selbstgefälligen Blick nicht von der Alten zu nehmen.
» Ob Schwester Portolés nun warten könnte oder nicht, sie wird es nicht tun «, verkündete Sir Hjortt knapp. » Du und ich, wir unterhalten uns, und zwar von Angesicht zu Angesicht. Aber ich sehe keinen Grund, warum ich meine Untergebene aufhalten sollte. «
Die alte Frau sah an Portolés vorbei zur offenen Tür ihres Hauses und zuckte dann mit den Schultern. Als hätte sie Einfluss darauf, wie das hier ablaufen würde. Sie schenkte dem ­Ritter ein zutiefst falsches Lächeln. » Wie Ihr wollt, edler Herr. Ich dachte nur, Ihr würdet die Schwester vielleicht brauchen, während wir uns unterhalten. Denn das wird eine Weile dauern. «
Bei der Gefallenen Mutter, glaubte denn jeder besser zu wissen, was er wann wie tun sollte ? Das war inakzeptabel.
» Gute Frau «, gab Sir Hjortt zurück, » es scheint, als hätten wir über mehr zu reden, als ich ursprünglich dachte. Aber Schwester Portolés’ Angelegenheiten dulden keinen Aufschub, und so muss sie gehen, während wir mit dieser ausführlichen Unterhaltung beginnen, die du so sehr wünschst. Aber keine Angst, die Bedingungen des Bittgesuchs, die uns dein Mann bei der Kreuzung erklärt hat, werden gewürdigt werden, da sie zweifellos recht vernünftig sind. Los, los, Portolés! «
Die Kriegsnonne salutierte sardonisch hinter der Schulter der alten Frau und stolzierte dann vom Hof. Dabei sah sie so bockig aus, wie er sie noch nie zuvor gesehen hatte. Iqbal flüsterte ihr etwas zu, während er ihr den Weg zum Zauntor frei machte, reagierte aber nicht schnell genug, als sie nach ihm schlug. Sie traf das missgestaltete Ohr, das wie das äußere Blatt eines überreifen Salatkopfes aus seiner hellen Tonsur ragte, und der Zorn ließ ihr Gesicht noch hässlicher erscheinen, falls das überhaupt möglich war. Iqbal schlug zur Erwiderung mit dem schweren Sack nach ihr. Portolés wich dem Hieb aus, und so verfehlte der Sack ihr Gesicht, aber sein dunkel verfärbter Boden besprühte sie mit roten Tröpfchen. Falls die Schwester das Blut auf ihrer Haut wahrnahm, schien es sie nicht zu stören, während sie über den trügerischen Pfad schlich, den Kriegshammer über eine gekrümmte Schulter gelegt.
» Mein Mann «, flüsterte die Matrone. Sir Hjortt wandte sich ihr wieder zu und sah, wie der Blick ihrer weit aufgerissenen Augen Iqbals tropfenden Sack nicht loslassen wollte.
» Am besten reden wir drinnen «, sagte er, zwinkerte Iqbal zu und drängte die Frau in Richtung Tür. » Kommt schon, ich habe eine wirklich großartige Idee, wie du und deine Leute bei den Kriegsanstrengungen helfen könntet. Ich würde das gern bei ­einer Tasse Tee besprechen. «
» Ihr habt doch gesagt, dass der Krieg zu Ende ist «, erwiderte die Frau benommen. Sie starrte den Sack noch immer an.
» Sicher, sicher, ist er auch «, meinte der Ritter. » Aber es er­fordert Anstrengungen, dafür zu sorgen, dass er nicht wieder ausbricht. Was hast du denn, um den Durst der von der Front heimgekehrten Diener des Imperiums zu stillen ? «
Die Frau sträubte sich, aber ihr blieb kein Ausweg, also führte sie Sir Hjortt und Bruder Iqbal ins Haus. Abgesehen von den Bäumen und dem Klappern der Knochenfetische, wenn der Wind über die stoppelige Wange des Berges strich, herrschte völlige Stille auf dem Hof. Die Schreie ertönten erst, nachdem Schwester Portolés ins Dorf zurückgekehrt war, und dort unten war man so beschäftigt, dass man das Echo aus dem Haus des Bürgermeisters überhörte.

Über Alex Marshall

Biographie

Alex Marshall ist das Pseudonym eines bekannten Autors. »Blut aus Silber« ist sein erster Fantasyroman.

Unser Blog zu Alex Marshall
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Pressestimmen

Revolver Evolver

»Der Autor hat es nicht bei altbekannten Zutaten belassen, sondern sich auch wirklich daran gemacht, dem Fantasy-Genre ein paar neue Farbtupfer aufzusetzen«

damaris liest

»ein bissiger und hervorragender Stil, mit viel subtilem Humor und Sarkasmus, böse-sympathische Schurken und eine Handlung, in der es ganz schön zur Sache geht«

Lesen

»Die Vielfalt der Charaktere bei Menschen, Zauberern, Wildgeborenen oder Teufeln hat mich fasziniert (...) Das Buch ist gespickt mit guten Ideen und einer schönen Portion Ironie«

Buch-Magazin

»High Fantasy vom Feinsten«

Kommentare zum Buch

Blut aus Silber
Goldstueck90 / LovelyBooks am 22.10.2015

Ein brutales Fantasyabenteuer...gewaltig und mitreißend! Dieser Leseeindruck ist ursprünglich auf www.lovelybooks.de erschienen.

Blut aus Silber
Lunamonique / LovelyBooks am 20.10.2015

Rätselhaft, grausam, spannend. Mich haben besonders die Charaktere, originellen Ideen und der einfließende Humor überzeugt. Dieser Leseeindruck ist ursprünglich auf www.lovelybooks.de erschienen.

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