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Bloodleaf

Roman

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Bloodleaf — Inhalt

Aurelia ist nach 200 Jahren die erste Prinzessin, die in die Königsfamilie in Renalt geboren wird. Daher muss sie einen uralten Pakt erfüllen und Prinz Valentin aus dem verhassten Nachbarland Achleva heiraten. Zumindest Achlevas liberale Einstellung zur Magie kommt Aurelia zugute: In ihrer Heimat ist diese strengstens verboten und Aurelia als Hexe verschrien. Sie lebt in ständiger Gefahr – und das nicht zu Unrecht: Als sie sich bei einem Mordanschlag mit Magie zur Wehr setzt, muss sie, um dem wütenden Mob zu entkommen, nach Achleva fliehen. Allerdings haben ihre Fluchthelfer eigennützige Ziele und hintergehen Aurelia. Mittellos in einem fremden Land muss sie nun die Pläne ihrer Widersacher vereiteln, um die beiden Königreiche zu retten.

€ 15,00 [D], € 15,50 [A]
Erschienen am 01.10.2019
Übersetzt von: Karen Gerwig
400 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-70496-0
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erschienen am 01.10.2019
Übersetzt von: Karen Gerwig
400 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99414-9

Leseprobe zu „Bloodleaf“

1

Der Galgen war im Schatten des Uhrenturms errichtet worden, zum einen, damit die Zuschauer die Exekutionen sehen konnten, ohne lästig von der Sonne geblendet zu werden, und zum anderen, damit das Tribunal den Zeitplan seiner Hinrichtungen präzise einhalten konnte. Ordnung in allen Dingen, das war das Motto des Tribunals.

Ich hielt meinen Umhang unter dem Kinn fest und den Kopf gesenkt, während die Menge auf dem Platz unter dem Uhrenturm zusammenströmte. Es war ein frostiger Morgen; mein Atem bildete zarte Wolken, die aufstiegen und sich im Nebel [...]

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1

Der Galgen war im Schatten des Uhrenturms errichtet worden, zum einen, damit die Zuschauer die Exekutionen sehen konnten, ohne lästig von der Sonne geblendet zu werden, und zum anderen, damit das Tribunal den Zeitplan seiner Hinrichtungen präzise einhalten konnte. Ordnung in allen Dingen, das war das Motto des Tribunals.

Ich hielt meinen Umhang unter dem Kinn fest und den Kopf gesenkt, während die Menge auf dem Platz unter dem Uhrenturm zusammenströmte. Es war ein frostiger Morgen; mein Atem bildete zarte Wolken, die aufstiegen und sich im Nebel auflösten. Wachsam spähte ich unter meiner Kapuze hervor nach links und rechts.

„Guter Tag für eine Hinrichtung“, sagte ein Mann neben mir im Plauderton.

Eilig wandte ich den Blick ab, ich hatte Angst, er könnte meine Augen bemerken. Es passierte nicht oft, dass eine Frau durch ein banales Merkmal wie ihre Augenfarbe zur Hexe erklärt wurde, doch es war schon vorgekommen.

Als zwei Frauen die Stufen des Schafotts hinaufgestoßen wurden, ging ein Raunen durch die Menge. Beide waren der Hexerei angeklagt. Die gefesselten Hände der ersten Frau zitterten so sehr, dass ich das Klirren ihrer Ketten von meinem weit entfernten Platz im Gedränge aus hören konnte. Die zweite, eine jüngere Frau mit traurigem Gesicht und gebeugten Schultern, war mucksmäuschenstill. Beide waren in Lumpen gekleidet, Schmutz verkrustete ihre fahlen Wangen und klebte in ihren verfilzten Haaren. Man hatte sie vermutlich tagelang isoliert gefangen gehalten und hungern lassen, lange genug, dass sie jetzt verzweifelt und wild wirkten. Es war eine gut durchdachte Taktik: Wenn die angeklagten Hexen auf der Bühne unmenschlich und verstört wirkten, unterband das nicht nur die Skrupel der wenigen, die womöglich Zweifel an den Praktiken des Tribunals hegten, auf diese Art wurde auch das Schauspiel unterhaltsamer.

Der Mann, der mich angesprochen hatte, schob sich näher heran. „Grandioser Spaß, dieses Hängen, findet Ihr nicht auch?“

Ich versuchte, ihn zu ignorieren, aber er beugte sich vor und wiederholte leise: „Findet Ihr nicht auch, Prinzessin?“

Erschrocken sah ich in ein entschlossenes braunes Augenpaar, flankiert von einem ernsten Mund und einer hochgezogenen Augenbraue.

„Kellan“, fauchte ich flüsternd. „Was hast du hier zu suchen?“

Als er grimmig die Zähne zusammenbiss, bildeten sich hohle Schatten unter seinen kupferbraunen Wangen. „Vielleicht könntet Ihr mir sagen, was Ihr hier zu suchen habt? Da es meine Aufgabe ist, Euch zu bewachen, beantwortet das gleichzeitig meine und Eure Frage.“

„Ich wollte raus.“

„Raus? Und dann hierher? Also gut, es reicht, gehen wir.“ Er wollte meinen Ellbogen packen, aber ich zog ihn mit einem Ruck zurück.

„Wenn Du mich jetzt wegschleppst, provoziert das einen Aufruhr. Möchtest Du das? Aufmerksamkeit auf mich lenken?“

Kellans Mund zuckte. Er war mit fünfzehn zum Leutnant im Regiment der Königsfamilie ernannt worden und mit siebzehn zu meinem persönlichen Leibwächter. Jetzt war er zwanzig und durch seinen Eid gebunden, mich zu beschützen. Und er wusste, was das Einzige war, das mir noch gefährlicher werden konnte, als mitten in einer Menge aufgestachelter Hexenhasser zu stehen: Hexenhasser, die erfuhren, wer ich war. Auch wenn es ihn schmerzte: Er gab nach. „Warum seid Ihr überhaupt freiwillig hierhergekommen, Prinzessin? Was versprecht Ihr Euch davon?“

Darauf konnte ich ihm keine vernünftige Antwort geben, also schwieg ich. Stattdessen fingerte ich nervös an dem Bettelarmband hinter meinem Handschuh herum. Es war das letzte Geschenk, das ich von meinem verstorbenen Vater bekommen hatte, und es hatte immer etwas Tröstliches für mich, wenn ich es trug. Und ich brauchte Gelassenheit, als der schwarz gekleidete Henker die Bühne betrat. Gefolgt von einem Geistlichen des Tribunals, der verkündete, dass der große Magistrat Toris de Lena die Zeremonie leiten werde.

Toris war eine eindrucksvolle Erscheinung mit seinem gestärkten Kragen und dem steifen schwarzen Richterumhang. Gemessenen Schrittes ging er vor uns auf und ab und drückte dabei eine Ausgabe des Buches der Gebote des Gründers an die Brust. Ein Sinnbild düsteren Bedauerns.

„Brüder und Schwestern“, begann er. „Wir versammeln uns heute mit großem Bedauern. Vor uns haben wir die Damen Mabel Lawrence Doyle und Hilda Everett Gable. Beide wurden der Ausübung okkulter Künste angeklagt und beide wurden vor ein gerechtes Strafgericht gestellt und für schuldig befunden.“ Um seinen Hals hing eine Phiole mit roter Flüssigkeit. Er hob sie an, damit alle sie sehen konnten. „Ich bin Magistrat Toris de Lena, Träger des Blutes des Gründers, und ich wurde ausgewählt, den Vorsitz über dieses Verfahren zu führen.“

„Ich verstehe das nicht“, sagte Kellan leise an meinem Ohr. „Ist das so etwas wie eine Mutprobe für Euch? Herzukommen und Euch mitten unter Eure Feinde zu mischen? Euch Euren Ängsten zu stellen?“

Ich runzelte die Stirn. Verhaftet, vor Gericht gestellt und öffentlich hingerichtet zu werden war eine meiner größten Ängste, aber nur ein Albtraum von vielen.

„Meine Untertanen sind nicht meine Feinde“, beharrte ich auch dann noch, als um mich herum Fäuste geschwungen und skandiert wurde: Hängt sie auf! Hängt sie auf!

In diesem Moment sah ich, wie ein blasser Schatten an der jüngeren Dame, Mabel, vorüberging und neben ihr stehen blieb. Der Schatten flackerte zu ihren Füßen, sammelte Gestalt aus dem Morgennebel, bis er deutlich zu sehen war. Auf dem Platz wurde es noch kälter, denn der Geist zog Wärme und Energie in seine diffuse Form. Es war ein kleiner Junge, nicht älter als sieben. Er klammerte sich an den Rock der gefesselten Frau.

Niemand berührte ihn. Niemand sah ihn auch nur an. Ich war wahrscheinlich die Einzige, die ihn sehen konnte. Doch Mabel wusste, dass er da war, und auf ihrem Gesicht leuchtete etwas auf, das ich nicht benennen konnte: vielleicht Schmerz, vielleicht Freude, vielleicht Erleichterung.

„Ich kenne diese Frau“, flüsterte Kellan. „Ihr Mann kam früher immer nach Greythorne und verkaufte Bücher, mindestens zwei- oder dreimal in jeder Jahreszeit. Er ist letztes Jahr gestorben. Er war einer von denen, die das schreckliche Fieber erwischt hat, das im ersten Teil des Winters umging. Ihn und seinen Sohn auch, glaube ich.“

Ich kannte Mabel ebenfalls, doch ich konnte es nicht riskieren, Kellan das zu verraten.

Die Turmuhr zeigte nur eine Minute bis zur vollen Stunde, und Toris’ blumige Rede kam zu ihrem Ende. „Es ist eure Zeit zu sprechen“, sagte er zu den Frauen, während der Henker ein Seil über ihren Köpfen anbrachte und es um ihre Hälse legte. „Madam Mabel Lawrence Doyle, Ihr wurdet in einem gerechten Urteil vor dem Tribunal für schuldig befunden, unerlaubte Texte verteilt zu haben. Des Weiteren wurdet ihr für schuldig befunden, unter Missachtung unseres Buches der Gebote den Versuch unternommen zu haben, mithilfe von Magie und Hexerei die Toten wiederzuerwecken. Beim Blut des Gründers wurdet Ihr zum Tode verurteilt. Sprecht Eure letzten Worte.“

Ich erstarrte, wartete darauf, dass sie mit dem Finger auf mich zeigen und meinen Namen nennen würde. Dass sie ihr Leben gegen meines eintauschen würde.

Stattdessen sagte sie: „Ich habe meinen Frieden gemacht, ich bereue nichts.“ Und sie hob das Gesicht zum Himmel.

Ein vertrauter Duft umwehte mich. Rosen, auch wenn es noch zu früh im Jahr dafür war. Ich schaute mich um, sah zwar keine Spur von ihr, doch ich wusste, was das bedeutete: Die Vorbotin war hier.

Toris wandte sich der zweiten Dame zu, die am ganzen Leib heftig zitterte. „Hilda Everett Gable, Ihr wurdet in einem gerechten Urteil des Tribunals der Missachtung unseres Buches der Gebote und des Versuchs für schuldig befunden, der Frau Eures Sohnes zu schaden. Beim Blut des Gründers wurdet Ihr zum Tode verurteilt. Sprecht Eure letzten Worte.“

„Ich bin unschuldig!“, gellte ihre Stimme über den Platz. „Ich habe nichts getan! Sie hat gelogen, ich sage es Euch! Sie hat gelogen!“ Hilda richtete die gefesselten, bebenden Hände auf eine Frau vorn im Publikum. »Du Lügnerin! Du Lügnerin! Du wirst dafür bezahlen, was du getan hast! Du wirst …«

Die Uhr schlug die Stunde und ihre Glockenschläge hallten über die Menschenmenge. Toris neigte den Kopf und verkündete über das Läuten hinweg: „Nihil nunc te salvare potest.“ Nichts kann dich nun mehr retten. Dann nickte er dem Henker zu und unter den beiden Frauen tat sich der Boden auf. Ich stieß einen Schrei aus; Kellan zog mich an seine Schulter, um ihn zu dämpfen.

Die Glocke läutete neunmal und schwieg dann. Die Füße der Frauen zuckten immer noch.

Kellans Stimme war jetzt sanfter: „Ich weiß nicht, was Ihr hier sehen wolltet.“ Er versuchte, mich wegzudrehen, um mich davor zu schützen, doch ich entwand mich seinem Griff. Auch wenn mir die Nähe zu einem Übergang vom Leben zum Tod immer den Magen umdrehte, musste ich Zeugin sein. Ich musste sehen.

Mabels Körper war jetzt vollkommen reglos, doch die Luft um sie herum schimmerte. Es war eigenartig zu sehen, wie sich eine Seele von ihrem Körper löste und aus ihrer grotesken Hülle entkam. Wie eine feine Dame, die einen schlammbespritzten Umhang ablegte. Nachdem sie ihren Körper verlassen hatte, ging sie zu ihrem Sohn, der schon auf sie wartete. In dem Moment, als sie einander berührten, waren sie auch schon fort. Vom Grenzland hinübergegangen in was auch immer dahinterlag und für mich nicht mehr zu sehen.

Hilda brauchte länger zum Sterben. Sie würgte und prustete, die Augen traten ihr aus den Höhlen. Als es geschah, war es hässlich. Ihre Seele riss sich mit etwas von ihrem Körper los, das ein Knurren gewesen wäre, wenn es ein Geräusch gegeben hätte. Hildas Geist stürzte sich auf die Frau in der Menge, auf die sie gezeigt hatte, doch die Frau schien es nicht zu bemerken. Ihre Aufmerksamkeit lag auf dem schlaffen Knochensack, der an der Galgenschlinge hing.

„Erhebt Ihr Anspruch auf den Leichnam Eurer Schwiegermutter?“, fragte Toris die Frau.

„Nein“, erwiderte sie nachdrücklich. „Verbrennt sie.“ Und Hildas Geist schrie lautlos und schlug die zu Krallen gebogenen Finger in das Gesicht der Schwiegertochter. Die Frau wurde blass und hob die Hand zur Wange. Ich fragte mich, ob Hildas Wut ihrem Geist genug Energie für eine echte Berührung verliehen hatte.

Ich beneidete die Schwiegertochter nicht. Hilda würde wahrscheinlich auf ewig im Grenzland bleiben, tonlos schreiend ihre Verräterin verfolgen und die Luft um sie herum mit Hass verpesten. Ich hatte so etwas schon gesehen.

„Lasst uns gehen, Aurelia!“, drängte Kellan. Er benutzte meinen Namen statt des Titels; langsam war er verzweifelt.

Die Stimmung in der Menge wurde rauer und das Publikum drängte nach vorn, als die Leichen vom Podium getragen wurden. Jemand neben mir stieß mich heftig, und ich stolperte und fiel, streckte die Hände nach vorn, um mich abzufangen, landete aber stattdessen unsanft auf meinem Handgelenk. Es ging schnell. Kellan zog mich schon wieder hoch, schlang die Arme um mich wie einen schützenden Käfig, während er sich mit mir zusammen durch den Mob zwängte.

Meine Hand wanderte zu meinem leeren Handgelenk. „Mein Armband!“, schrie ich auf und versuchte angestrengt, über die Schulter zu sehen, wohin es gefallen war, auch wenn der Boden durch das Gewirr von Leibern nicht mehr zu sehen war. »Es muss gerissen sein, als ich hingefallen bin …«

„Vergesst es“, sagte Kellan nachdrücklich, aber freundlich – er wusste, wie wichtig es mir war. „Es ist weg. Wir müssen weg von hier.“

Ich entschlüpfte seinem Griff und drehte mich wieder zu der Menge um, den Blick auf den Boden gerichtet, schob, wenn ich geschoben wurde und schubste, wenn ich geschubst wurde, immer in der Hoffnung, einen Blick auf mein Armband zu erhaschen. Doch Kellan hatte recht. Es war ein für alle Mal fort. Er holte zu mir auf, und diesmal hielt er mich fest genug, aber ich wollte auch gar nicht mehr gegen ihn ankämpfen. Die Stimmung in der Menge war zu aufgeheizt. In wenigen Minuten würden die Kleriker des Tribunals auf die Versammlung losmarschieren und jeden fassen, der nicht den nötigen Enthusiasmus für den Anlass an den Tag legte. Soeben waren zwei Verliese des Tribunals frei geworden, und man ließ sie nie lange leer stehen.

* * *

Kaum eine Stunde später fand ich mich im Vestibül meiner Mutter wieder. Im Lichtstrahl des Dachfensters betrachtete ich die Mischung aus elfenbeinfarbener Spitze und winzigen, funkelnden Kristallen – es waren Tausende –, die bald mein Hochzeitskleid ergeben würde. Es sollte das extravaganteste Kleidungsstück werden, das ich in meinen ganzen siebzehn Jahren je getragen hatte. In Renalt erstreckte sich der Einfluss des Tribunals sogar auf die Mode. Kleidung sollte die Ideale Bescheidenheit, Schlichtheit und Askese widerspiegeln. Die einzigen erlaubten Ausnahmen waren Hochzeiten und Beerdigungen. Feiern waren auf die Ereignisse des Lebens beschränkt, bei denen nur eine geringe Möglichkeit zum Sündigen bestand.

Das Kleid war das Hochzeitsgeschenk meiner Mutter für mich, sie hatte jeden einzelnen winzigen Stich von Hand genäht.

Ich strich über die Spitze des bereits fertigen Ärmels und bewunderte den feinen Stoff, bevor ich mir in Erinnerung rief, wie unglücklich ich an dem Tag sein würde, an dem ich ihn tragen musste. Jeden Tag rückte das Ereignis näher und näher. Meine Hochzeit war für Beltane geplant, den ersten Tag des Quintus, und lauerte, jetzt wo sie nicht einmal mehr sechs Wochen entfernt war, drohend am Horizont.

Seufzend richtete ich mich auf und ging kampfbereit in den nächsten Raum weiter.

Meine Mutter ging hinter ihrem Tisch auf und ab, ihre Röcke raschelten bei jedem ruhelosen Schritt. Onal, die langjährigste und engste Vertraute unserer Familie, saß mit durchgedrücktem Rücken auf einem der weniger bequemen Stühle des Salons. Sie trank mit zusammengekniffenen braunen Lippen und sorgfältig kultivierter Missbilligung ihren Tee. Als sie das Öffnen der Tür hörte, richtete meine Mutter ihre blauen Augen auf mich, ihre ganze Nervosität war auf einen Schlag verschwunden, so schnell wie die Spannung aus einer Bogensehne.

„Aurelia!“ Sie sprach meinen Namen wie ein Schimpfwort aus. Onal nippte noch einmal langsam an ihrem Tee.

Ich steckte die Hände in die Hosentaschen. Die Geste sollte mich kleinlaut und zerknirscht wirken lassen, was ich beides nicht war. Aber das Ganze würde schneller vorbei sein, wenn Mutter glaubte, dass ich Reue zeigte.

„Du bist heute Morgen allein in die Stadt gegangen? Hast du den Verstand verloren?“ Sie hob einen Papierstapel an und schüttelte ihn in meine Richtung. „Das sind die Briefe, die ich diese Woche erhalten habe – allein diese Woche! –, in denen gefordert wird, dich vom Tribunal untersuchen zu lassen. Da drüben“, sie deutete auf einen zweiten Stapel Papier, der mehr als zwei Zoll hoch war, „liegen die Drohungen gegen dich, die meine Informanten seit Anfang des Monats gesammelt haben. Und hier“, sie zog eine Schublade auf, »sind die poetischeren und fanatischeren Vorhersagen deines Ablebens, die man uns seit Beginn des Jahres geschickt hat. Soll ich dir eine vorlesen? Mal sehen … also gut: Dieser Brief hier enthält eine sehr detailliert beschriebene Methodik, mit der man feststellen könnte, ob du eine Hexe bist. Es geht dabei um ein scharfes Messer und die gründliche Untersuchung der Innenseite deiner Haut.«

Ich brachte es nicht übers Herz, ihr zu erzählen, dass ich letzte Woche den abgeschnittenen Kopf eines Kätzchens in meinem Wandschrank gefunden hatte. Neben einem fehlerhaft hingeschmierten bäuerlichen Gebet zum Schutz gegen Hexen. Oder von den roten Kreuzen, die jemand in die Unterseite meines Lieblingssattels geritzt hatte: ein alter Zauber, der Pferde verrückt machen sollte, damit sie sich gegen ihren Reiter wandten. Ich brauchte keine Erinnerung, wie sehr ich gehasst wurde. Das wusste ich besser als sie. „Sie wollen mir die Haut abschälen?“ Ich lachte unbekümmert auf. „Ist das alles?“

„Und sie verbrennen“, steuerte Onal hinter ihrer Teetasse bei.

„Noch eine Woche bis zu deiner Abreise“, fauchte Mutter. »Glaubst du, du kannst es einrichten, dich bis dahin von Ärger fernzuhalten? Ich bin mir sicher, wenn du Königin in Achleva bist, kannst du kommen und gehen, wie es dir beliebt. Du kannst in die Stadt gehen und tun … was immer du auch heute dort wolltest.«

„Ich war bei einer Hinrichtung.“

„Die Sterne mögen mich schützen! Eine Hinrichtung? Du legst es anscheinend darauf an, dass dich das Tribunal holen kommt! Wir haben großes Glück, dass wir dort Toris auf unserer Seite haben.“

„Großes Glück“, wiederholte ich. Toris, der Witwer ihrer Lieblingscousine. Sie mochte glauben, dass er der treue Verbündete der Krone war, der das Tribunal von innen heraus im Zaum hielt, aber ich würde nie davon überzeugt sein, dass er die Rolle, die er da oben auf dem Schafott spielte, nicht genoss.

„Aurelia“, sagte sie und musterte mich von Kopf bis Fuß. Ich wusste, was sie sah: wirre, blasse Haare und Augen, die blau hätten sein sollen, es aber nicht waren. Sie tendierten eher ins Silberne. Abgesehen davon sah ich nicht ganz schlecht aus, aber meine sonderbaren Eigenschaften und Neigungen hoben mich hervor, machten mich seltsam. Und die Bewohner Renalts waren zudem durch meine bloße Existenz schon misstrauisch genug.

Ich war die erste renaltische Prinzessin, die der Krone nach beinahe zwei Jahrhunderten geboren worden war. Zumindest die erste, die in der Stunde ihrer Geburt nicht heimlich fortgegeben worden war. Es war meine Pflicht, ein Abkommen zu erfüllen, das den jahrhundertelangen Krieg zwischen unserem Land und Achleva beendet hatte, indem ich den nächsten Erben von Achleva heiratete. Seit 176 Jahren glaubte unser Volk, dass der königlichen Familie keine Mädchen geboren wurden, sei ein Zeichen. Ein Zeichen, dass wir uns niemals wirklich mit den schmutzigen, hedonistischen Achlevanern zusammenschließen sollten. Ein Beweis unserer moralischen Überlegenheit. Meine Geburt erschütterte ihren Glauben an die Monarchie, den König und die Königin. An einen König und eine Königin, die die Frechheit besaßen, erst eine Tochter zu bekommen und sie dann zu behalten.

Manchmal gab ich ihnen recht.

Ein Klopfen an der Tür brach das angespannte Schweigen. Mutter sagte: „Bringt ihn herein, Sir Greythorne.“

Kellan kam als Erster durch die Tür, sah sich um und gab jemandem hinter sich einen Wink.

Ein Mann trat hinter Kellan hervor. Er war in Samt von der Farbe des dämmrigen Himmels gekleidet, mit einer goldenen Schärpe über der Brust, die von einer Spange in Form eines Dreiecksknotens zusammenhalten wurde. In seinem Ohr blitzte ein verwegener Rubinstecker, an seinem Finger funkelte ein silberner Siegelring, der einen Raben mit ausgebreiteten Flügeln darstellte. Er hatte einen glänzenden schwarzen Haarschopf, ganz ohne das Silber, das man bei seinem Alter eigentlich erwarten würde. Er war erschreckend farbenfroh, wie ein einsames Buntglasfenster in einer Welt aus Bleiglasscheiben.

Er war Achlevaner.

Crystal Smith

Über Crystal Smith

Biografie

Crystal Smith ist Hochzeitsfotografin, Grafikerin und ein großer Fan von Liebesgeschichten. Wenn sie nicht gerade Brautpaare oder Romanfiguren dazu bringt, sich zu küssen, schaut sie ›Jane Eyre‹ oder liest Gespenstergeschichten. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Utah. „Bloodleaf“...

Pressestimmen
Literaturmarkt.info

„Crystal Smiths Fantasy ist absolut grandios, und zwar bis zum letzten Satz. (…) ›Bloodleaf‹ gehört zu den Must-reads in jedem Bücherregal. Mit diesem Debüt gelingt der US-amerikanischen Autorin einer der größeren Lesesensationen dieses Jahres. Hier bekommt man Unterhaltung in die Hände, die einen glatt umhaut. Definitiv ein Highlight!“

Nautilus Fantasymagazin

„Die Leserinnen und Leser erleben ein märchenhaftes Abenteuer, bei dem sie der Protagonistin, die aus der Ich-Perspektive erzählt, gerne folgen und auf 390 Seiten bis zum Ende mitfiebern.“

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