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BlitzBlitz

Blitz

Die Chroniken von Hara 2

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Blitz — Inhalt

Windsucherin Lahen und ihr Gefährte Ness geraten in die Gefangenschaft der Schreitenden, die endlich Rache an ihnen nehmen wollen. Um dem Verderben zu entgehen, müssen sie sich auf einen Handel mit der Mutter der Schreitenden einlassen: Die Todgeweihten werden verschont, wenn sie ins Regenbogental ziehen und Lahen ihre Magie zum Wohle der Schreitenden einsetzt. Der Weg dorthin birgt zahlreiche Überraschungen, und während Freunde zu Feinden und Gegner zu Verbündeten werden, muss Lahen eine wichtige Entscheidung treffen – und schließlich ihren Geliebten Ness mit einer gefährlichen Wahrheit konfrontieren …

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 08.12.2014
Übersetzt von: Christiane Pöhlmann
448 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-26984-1
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 09.10.2012
Übersetzt von: Christiane Pöhlmann
448 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-95861-5

Leseprobe zu »Blitz«

Wer Sturm sät,
wird einen Orkan ernten.

 

Kanra
I

 

Es scherte Luk nicht weiter, dass Ga-nor düster wie eine Gewitterwolke dreinblickte.
Was sollte er von dem Fährtenleser, der Berge und Eiswüsten gewohnt war, auch schon anderes erwarten? Nein, ihn wunderte nicht, dass der Nordländer den Dreck, den Gestank, die engen Straßen und all die Menschen nur schwer ertrug. Vor allem, da diese Gaffer ständig mit dem Finger auf den Irbissohn zeigten. So selten, wie sich ein Nordländer in diesen Teil des Imperiums verirrte, hätte aber wohl auch nur ein Blinder [...]

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Wer Sturm sät,
wird einen Orkan ernten.

 

Kanra
I

 

Es scherte Luk nicht weiter, dass Ga-nor düster wie eine Gewitterwolke dreinblickte.
Was sollte er von dem Fährtenleser, der Berge und Eiswüsten gewohnt war, auch schon anderes erwarten? Nein, ihn wunderte nicht, dass der Nordländer den Dreck, den Gestank, die engen Straßen und all die Menschen nur schwer ertrug. Vor allem, da diese Gaffer ständig mit dem Finger auf den Irbissohn zeigten. So selten, wie sich ein Nordländer in diesen Teil des Imperiums verirrte, hätte aber wohl auch nur ein Blinder nicht auf den hochgewachsenen rothaarigen Mann in Kilt und Lederweste geachtet.
»Wie lange wollen wir hier eigentlich noch rumsitzen?«, fragte Ga-nor in einem derart nörgelnden Ton, dass Luk es für unter seiner Würde hielt, ihm zu antworten.
»Oh, dem Herrn hat’s anscheinend die Sprache verschlagen«, stichelte Ga-nor.
»Da platzt doch die Kröte!«, empörte sich Luk nun doch.
»Du bist ja schon fast selbst wie deine Kröte - und platzt gleich«, knurrte Ga-nor. »Wohl vor Angst?«
»Lass mich einfach in Ruhe!«, fuhr Luk ihn an. »Ich hab nämlich nicht die geringste Lust, mit dir zu reden.«
Laut schnaufend stand Ga-nor daraufhin auf, stiefelte zu einem Fensterbrett hinüber und nahm darauf Platz, um finster auf die Stadt und das Meer in der Ferne hinauszustarren.
Seit geschlagenen zwei Stunden warteten sie nun schon hier, in diesem riesigen Saal mit der hohen, kuppelförmigen Decke, den unzähligen Fenstern und den wuchtigen Kristalllüstern, die im Sonnenlicht glitzerten. Der Raum schien in diesem Licht förmlich zu ertrinken. Die auf Hochglanz polierten Marmorfliesen des Fußbodens spiegelten jede Nuance des goldenen und orangefarbenen Lichtes wider, warfen es an die Wände, die Säulen und Statuen.
All diese Pracht würdigte Luk jedoch keines Blickes. Dazu wühlte ihn die bevorstehende Audienz, die man ihm nun endlich gewährte, viel zu sehr auf.
Immer wieder war er versucht, aus dem Turm zu fliehen - aber letzten Endes wusste er genau, dass sich ihm nicht so schnell wieder die Gelegenheit böte, zu einer Schreitenden vorgelassen zu werden. Abgesehen davon würde Ga-nor in diesem Fall vor Wut toben, weil sie ihre Zeit in Alsgara umsonst vergeudet hatten. Womöglich brachte er sogar jemanden um. Er, Luk, konnte aber getrost darauf verzichten, seine Tage im Kerker zu beschließen.
Er hatte keine Ahnung, wie es Giss gelungen war, eine der Magierinnen dazu zu bringen, sie zu empfangen. Und bis zuletzt hatte er nicht an den Erfolg des Magisters geglaubt, schließlich wussten alle, dass die Schreitenden die Angehörigen des Purpurnen Ordens zwar dulden, sie aber nicht besonders gut leiden können.
Doch dann hatte Giss sie tatsächlich in den Turm der Schreitenden gebracht.
Ga-nor dagegen war es im Grunde einerlei, ob diese Audienz zustande kam oder nicht. Keine Träne hätte er vergossen, wenn die Schreitenden, für die er keine sonderliche Sympathie hegte und denen er nicht über den Weg traute, ihn nicht empfangen hätten. Dafür gab es eine Erklärung: Als er noch ein kleiner Junge gewesen war, hatte eine Trägerin der Gabe seine Heimat besucht. Doch auch sie hatte nichts gegen den abgefeimten Untoten auszurichten vermocht, der damals in seinem Dorf gewütet hatte: Er hatte die Schreitende verschlungen, ohne auch nur den geringsten Schaden zu nehmen.
Seit dieser Zeit stand der Irbissohn der Magie derjenigen, die sich mit ihrem Funken brüsteten, höchst skeptisch gegenüber. Wenn es nur nach ihm gegangen wäre, hätte er auf diese Audienz ebenso bereitwillig verzichtet wie ein Blasge auf Schuhe. So jedoch hielten ihn der Respekt und die Freundschaft mit seinem Gefährten aus der Burg der Sechs Türme davon ab, alles und jeden ins Reich der Tiefe zu wünschen und zu einem der Kriegsschauplätze zu eilen - statt sich im Vorzimmer dieser Magierinnen den Kilt durchzusitzen.
Endlich öffnete sich eine Tür, und ein Jüngling eilte auf sie zu. Er hatte ein schmales Gesicht, ein spitzes Kinn und abstehende Ohren, die seiner ganzen Erscheinung etwas Komisches verliehen. Ein purpurnes Seidenwams und schwarze Hosen wiesen ihn als Dämonenbeschwörer aus. Genauer gesagt als angehenden Dämonenbeschwörer.
Vor ihnen stand Ashan, der einzige Schüler von Giss.
»Meister Luk, Meister Ga-nor, Ihr werdet jetzt vorgelassen«, erklärte er ihnen mit heller Stimme. »Meister Giss bittet Euch, zu ihm zu kommen.« Daraufhin stürzte er davon, ohne sich zu vergewissern, ob ihm die beiden auch folgten.
Die drei durchquerten zahllose leere Gänge mit Mosaikböden und Fenstern und stiegen eine breite Wendeltreppe hinauf, über die sich ein Sdisser Läufer zog.
»Sag mal, täusche ich mich«, flüsterte Luk Ga-nor zu, »oder ist der Turm im Innern wirklich viel größer, als du von außen annimmst?«
Dieser zuckte bloß die Achseln, doch Ashan, der die Frage gehört hatte, hielt es für seine Pflicht, sie zu beantworten: »Die Schreitenden nennen dieses Phänomen Spiel mit dem Raum. Es bedeutet, dass auch ein äußerlich kleiner Bau ein weitläufiges Inneres haben kann. Solche Anlagen haben die Magierinnen und Magier der Vergangenheit geschaffen. Sie waren echte Meister.«
»Heißt das, heute ist dazu niemand mehr imstande?«
»Nein, Meister Luk«, antwortete Ashan. »Dieses Wissen ist in Vergessenheit geraten.«
Die Treppe brachte sie in einen blauen Saal. Hier zogen in einem Springbrunnen perlmuttfarbene Fische ihre Bahn, zwitscherten in großen, vergoldeten Käfigen, die von der Decke herabhingen, Vögel von Inseln, die weit im Süden lagen. Vor den Wänden standen Porzellankübel mit roten Tulpen und kleinen Mandarinenbäumen. Giss wartete an einem offenen Fenster auf sie, die Hände hinterm Rücken verschränkt. Als sich sein Blick auf Luk richtete, zuckte dieser zusammen.
»Die Schreitende empfängt euch jetzt. Habt keine Angst, ich begleite euch.«
»Sehen wir etwa aus, als hätten wir Angst?«, empörte sich Luk.
»Bestimmt nicht«, erwiderte Giss grinsend. »Außerdem möchte ich euch schon jetzt darauf hinweisen, dass ihr eure Waffen abgeben müsst.«
Als Ga-nor das hörte, verzog er das Gesicht, denn er hegte nicht gerade den glühenden Wunsch, seine Klinge fremden Händen anzuvertrauen.
»So sind die Regeln«, erklärte Giss daraufhin. »Auch ich muss mich von meinem Stab trennen.«
»Misstrauen die sogar einem Dämonenbeschwörer?«
»Im Turm gelten eigene Gesetze«, sagte Giss und rang sich ein Lächeln ab.
»Sie dulden euch also, haben euch aber nicht gerade in ihr Herz geschlossen.«
»Wir Dämonenbeschwörer können auf das Wohlwollen der Schreitenden getrost verzichten. Wir tolerieren uns und ziehen alle am selben Strang. Und im Kriegsfall müssen wir erst recht vergessen, dass wir unterschiedliche Prinzipien haben, und die alten Zwistigkeiten hintanstellen. Im ganzen Land kennen die Menschen jetzt nur ein Ziel: Nabator aufzuhalten.«
»Und auch die Verdammten.«
»Und auch die Verdammten«, wiederholte Giss. »Das lässt sich jedoch nur mit vereinten Kräften erreichen. Ebendeshalb werdet ihr vorgelassen. Schließlich gibt es nur wenige Menschen, die schon einmal den sechs Verdammten begegnet sind. Euer Bericht kann sich daher als sehr hilfreich erweisen.«
»Luk hat nur eine gesehen. Die Verdammte Scharlach. Und mir ist noch nie jemand von diesem Pack begegnet.«
»Das habe ich nicht vergessen«, erwiderte Giss und machte die Tür auf, wobei sich die beiden Flügel völlig lautlos öffneten.
Sobald Luk in den Raum trat, fiel ihm die Decke auf, die ihm einen überraschten Laut entlockte: Sie war durchscheinend. Durch sie sah er - und zwar mitten am helllichten Tag - einen nachtschwarzen Himmel, den Abertausende von funkelnden Sternen sprenkelten. Ga-nor hingegen ließ sich eine etwaige Verwunderung nicht anmerken und brummte nur etwas von Magie.
»Das ist der Nachtsaal, den der Skulptor selbst geschaffen hat«, erklärte Giss, der durch den Saal ging, ohne für dieses Wunder auch nur einen Blick übrig zu haben. »In ihm herrscht ewige Nacht, prangen stets Sterne …«
»Und da!«, rief Luk. »Ein Komet!«
In der Tat wanderte gerade ein Komet über den Himmel, der in seiner Helligkeit sogar den Mond übertraf und einen purpurroten Schweif hinter sich herzog.
»Das ist der Künder des Unheils. Er ist einen Tag vor dem Fall der Burg der Sechs Türme aufgetaucht. Leider hat dem damals niemand Bedeutung beigemessen, denn ein solches Phänomen hatte es schon lange nicht mehr gegeben. Ihr müsst wissen, dass der letzte Komet im Krieg der Nekromanten erschienen ist. Fünf Jahrhunderte sind jedoch ein zu langer Zeitraum, als dass sich noch jemand daran erinnert und folglich ein Unglück vermutet hätte. Hätten die Schreitenden indes verstanden, was dieser Komet zu bedeuten hat, wären wir jetzt vielleicht nicht in dieser misslichen Lage.«
»Schauen die Schreitenden denn nie nach oben? Oder sind sie etwa blind wie Eiswürmer?«, knurrte Ga-nor. »In meinem Klan rechnet jedes Kind mit einem Unglück, sobald ein Schweifstern über den Himmel zieht.«
»Zur Entschuldigung der Schreitenden sei gesagt, dass am Himmel unserer Welt kein Komet zu sehen ist. Es gibt ihn nur hier, in diesem Saal. Dieser Umstand soll sie noch immer verwirren. Doch lasst uns über ihr Verhalten lieber erst reden, wenn wir diesen Ort wieder verlassen haben«, bat Giss. »Dies ist nicht gerade der geeignete Zeitpunkt für Gespräche dieser Art.«
Ga-nor brummte bloß zustimmend. Der Dämonenbeschwörer hatte recht: Besser, sie verkniffen sich an diesem Ort jede unziemliche Rede, sonst setzten die Schreitenden sie noch kurzerhand vor die Tür. Und das würde Luk mit Sicherheit nicht verkraften. Der würde dann von frühmorgens bis spätabends jammern und wehklagen und ihn, Ga-nor, mit seinem Gejaule um den Verstand bringen. Dann fiel ihm etwas ein, und er packte Luk am Arm.
»Was ist?«, fragte dieser mürrisch und warf einen letzten Blick auf den Kometen, der ihn über alle Maßen faszinierte.
»Ich hoffe, du hast genug Hirn in deinem Schädel, Lahen mit keinem Wort zu erwähnen?«, flüsterte ihm Ga-nor ins Ohr.
»Da platzt doch die Kröte!«, zischte Luk ihn an. »Für wie dumm hältst du mich eigentlich?! Als ob ich nicht selbst wüsste, dass ich sie besser aus allem raushalte!«
»Die Schreitenden wissen bereits über Lahen Bescheid«, mischte sich da Giss ein.
»Ach ja?«, fragte Luk. »Und worüber genau wissen sie Bescheid?«
»Darüber, dass sie eine Trägerin des Funkens ist.«
»Lahen soll eine Trägerin des Funkens sein? Also … das kann ich mir … beim besten Willen nicht vorstellen.«
»Und das soll ich dir abkaufen?«, gab Giss mit einem Grinsen zurück.
»Hast du ihnen das erzählt?«, wollte Ga-nor wissen, dessen blaue Augen bedrohlich funkelten.
»Selbstverständlich nicht. Ich mische mich grundsätzlich nicht in die Angelegenheiten anderer ein - und schon gar nicht, wenn die Gabe im Spiel ist. Der Turm wusste über sie schon lange vor meiner Ankunft in Alsgara Bescheid. Im Übrigen sind wir da«, sagte Giss, dem ins Gesicht geschrieben stand, dass ihn die bevorstehende Audienz nicht sonderlich entzückte.
Vor der Tür hielten vier Gardisten in grau-roten Paradeuniformen Wache, etwas abseits wartete ein schwarz gewandeter Mann, der bereits ungeduldig auf den Füßen wippte. Auf seiner Hemdbrust prangte eine Silberstickerei, ein Funke mit acht Strahlen. Er musste also ein Glimmender sein, denn das Zeichen der Schreitenden war ein roter Kreis oder eine silberne Flamme.
»Irla erwartet Euch, Magister«, teilte ihnen der Mann mit.
Giss bedachte ihn lediglich mit einem kühlen Nicken und nahm den Stab vom Gürtel, um ihn dem Glimmenden auszuhändigen. Der nahm das Artefakt mit einer ironischen Verbeugung an sich.
»Die beiden wissen, dass sie ihre Waffen bei den Gardisten abgeben müssen?«, erkundigte er sich dann bei Giss.
»Wie außerordentlich zuvorkommend von dir, Griho, uns daran zu erinnern«, giftete Giss. »Was täten wir nur ohne deine Fürsorge?«
»Stets zu euren Diensten.«
Luk hatte das Beil gar nicht erst mit in den Turm genommen, sondern es in Giss’ Haus unterm Bett versteckt. Deshalb brauchte er dem Soldaten jetzt nur den breiten Dolch zu geben. Ga-nor knöpfte knurrend den Riemen auf, der die Scheide auf dem Rücken hielt, und reichte dem Posten das Schwert. Der Mann nahm es mit einem respektvollen Ausruf an sich. Verständlich. Viele der Waffenschmiede aus dem Norden konnten sich durchaus mit den morassischen Meistern messen. Ga-nors Klinge würde durch das Fleisch des Feindes gehen wie durch Butter.
»Du bleibst hübsch hier draußen, Freundchen«, befahl Griho Ashan.
»Warte bitte hier auf uns, Ashan. Es dauert nicht lang«, wandte sich Giss an seinen Schüler. Für den Glimmenden, der es gewagt hatte, seinem Schüler einen Befehl zu erteilen, hatte er nur einen verächtlichen Blick übrig, in dem die unmissverständliche Warnung zu lesen war: Nicht in diesem Ton, Griho!
Der Glimmende schnaubte nur, öffnete die Tür und ging ihnen voraus, ohne sich auch nur nach ihnen umzusehen.
»Die haben dich ja noch weniger in ihr Herz geschlossen, als ich angenommen hatte«, murmelte Ga-nor.
»Kannst du mir irgendjemanden nennen, der nichts gegen die Angehörigen des Purpurnen Ordens hat?«, erwiderte Giss mit schiefem Grinsen.
»O ja, das kann ich«, gab Ga-nor zurück. »Und mich wundert, dass du noch nichts von ihnen gehört hast. Die Klans aus dem Norden schätzen diejenigen, die gegen Dämonen kämpfen, nämlich sehr.«
»Ich weiß, tut mir leid.« Giss schloss kurz die Augen, um die Maske unerschütterlicher Ruhe wieder vor sein Gesicht zu legen. »Aber der Norden ist weit weg. Wenn du dich inmitten dieser Hallen aufhältst, vergisst du manchmal, dass man dich nicht überall als Feind, sondern zuweilen auch als Freund empfängt.«
»Dann komm doch mal zu uns in den Norden. Natürlich nicht im Winter, denn den würdest du kaum verkraften. Aber im Sommer, das müsste dir gefallen. Falls du keine Angst vor Mücken hast, versteht sich.«
»Nein, hab ich nicht«, sagte Giss lachend. »Übrigens war ich bereits einmal in deiner Heimat, allerdings ist das schon fünfzehn Jahre her. Damals hat mich der Klan der Schneehörnchen aufgenommen. Aber die Zeit fürs Reisen ist vorbei, dazu gibt es momentan zu viel zu tun. Abgesehen davon ist der Weg nach Norden versperrt, seit die Armee aus Nabator vor der Treppe des Gehenkten steht.«
»Das ist halb so wild, schließlich bleibt immer noch der Westpass bei Burg Donnerhauer. Der wird bis zur Herbstmitte passierbar sein, jedenfalls solange der Schneefall in den Bergen noch nicht einsetzt. Außerdem sind Burg Adlernest und Okny nicht genommen. Und ehe das nicht geschehen ist, kommen die Nabatorer nicht zur Treppe des Gehenkten durch.«
»Ich fürchte, es ist nur eine Frage der Zeit, wann Okny fällt, mein Freund«, erklärte Giss. »Das Gleiche gilt übrigens für Burg Adlernest. Wenn der Feind die Burg der Sechs Türme nehmen konnte, stellen auch diese Festungen keine Herausforderung für ihn dar. Viele glauben immer noch, der Osten des Imperiums sei uneinnehmbar. Dabei haben wir ihn längst verloren. Wir müssen der Wahrheit ins Auge sehen: Das gesamte Gebiet von den Buchsbaumbergen und dem Waldsaum bis nach Okny, dem Gemer Bogen und den Wäldern der Hochwohlgeborenen befindet sich in Feindes Hand. Und um dieses Land zurückzugewinnen, müssten wir eine Menge Blut vergießen.«
»Unser Blut wird sowieso fließen«, hielt Luk dagegen. »Noch dazu völlig sinnlos. Nabator hat die Sdisser Nekromanten und die Verdammten auf seiner Seite. Gegen eine solche Übermacht kommt niemand an. Nein, am Ende werden wir alle tot sein - oder, schlimmer noch, untot.«
»Die Schreitenden hätten schon längst etwas unternehmen müssen«, knurrte Ga-nor. »Aber statt den Soldaten zu helfen, sitzen sie hier, geschützt hinter soliden Mauern, und züchten Blümchen. Das nenn ich wahrhaft heldenmütig!«
»Du solltest deine Zunge im Zaum halten, Rotschopf«, mischte sich nun Griho ins Gespräch ein. »Wenn der Turm, wie du sagst, nichts unternommen hätte, würden die Untoten längst über die Asche deines Dorfes stampfen. Du hast ja keine Ahnung, wozu diejenigen imstande sind, die über die dunkle Seite der Gabe gebieten.«
»Es mag dich verwundern zu hören, Glimmender, aber ich weiß nur zu genau, wozu Nekromanten fähig sind. Sogar wesentlich besser als du.«
Daraufhin hüstelte Griho bloß, um zum Ausdruck zu bringen, dass er den Worten Ga-nors keinen Glauben schenkte. Nach diesem Wortwechsel durchschritten die fünf die prachtvollen Gänge, Säle und Galerien schweigend. Schließlich begaben sie sich über eine schmale, leise knarzende und silbrig schimmernde Treppe in das nächste Stockwerk hinauf, in dem Griho eine in der Wand verborgene Tür öffnete.
Luk meinte, in einen Kristallkäfig einzutreten, der zwischen Erde und Firmament schwebte. Der Raum bestand aus einem schmalen Gerüst, in dessen Zwischenräume Glas eingelassen war, und schien an unsichtbaren Befestigungen in der Luft zu hängen.
Über ihnen zogen Wolken dahin, unter ihnen glitzerte ein See, der aus dieser Höhe kaum größer wirkte als eine Pfütze. Auf der durchsichtigen Kuppel hatten Schwalben ihre Nester gebaut, unzählige Vögel schossen über den Himmel.
Der Glasboden flößte Luk kein großes Vertrauen ein, denn er fürchtete, dieser Untergrund würde bersten wie das erste Eis, sobald einer von ihnen nur den Fuß auf ihn setzte. Und dann stünde ihnen allen ein Sturz von mindestens zweihundert Yard in die Tiefe bevor.
Ihm wurde mulmig, die Beine drohten ihm wegzuknicken, seine Kehle trocknete aus, und Schweiß trat ihm auf die Stirn. Um das Schwindelgefühl zu überwinden, kniff er die Augen zusammen, doch auch das half nicht - am Ende musste er sich wie ein Ertrinkender mit beiden Armen an Ga-nor festklammern.
»Sieh nicht nach unten!«, riet ihm dieser.
»Leicht gesagt«, stöhnte Luk. »Gleich muss ich kotzen.«
»Ich kann mir kaum vorstellen, dass die Schreitende für eine solche Bekundung von Gefühlen Verständnis aufbrächte«, murmelte Giss. »Reiß dich also gefälligst zusammen!«
»Da platzt doch die Kröte!«, empörte sich Luk, nachdem er die Augen zaghaft wieder geöffnet hatte. »Von klein auf leide ich unter Höhenangst.«
»Wie hast du dann all die Jahre in der Burg der Sechs Türme überstanden?«, fragte Ga-nor verwundert.
»Der Wehrgang war schließlich nur vierzig Yard hoch! Außerdem hattest du Stein unter den Füßen. Aber hier sind es bestimmt ein paar Hundert Yard. Jedes Mal, wenn du nach unten blickst, denkst du, gleich stürzt du in die Tiefe.«
»Das, was der Skulptor geschaffen hat, bricht nicht mir nichts, dir nichts in sich zusammen«, erklärte Giss lächelnd. »Du hast also nichts zu fürchten. Dieser Boden würde selbst den Beschuss mit einem Katapult überstehen.«
Luk verkniff sich jede Erwiderung darauf und sah sich erst einmal um. In der gegenüberliegenden Ecke des Raums saß eine ältere Frau im Schneidersitz auf einem orangefarbenen Sdis- ser Kissen. Vor ihr schwebte ein dickleibiges Buch in der Luft. Die Schreitende war derart in ihre Lektüre vertieft, dass sie nicht auf die Neuankömmlinge achtete. Erst nachdem Griho an sie herangetreten war, riss sie sich von den Seiten los und hob den Blick. Mit einem offenen Lächeln griff sie nach Grihos Arm, um sich hochzustemmen, und ging auf ihre Gäste zu.
»Magister Giss, es freut mich, Euch bei guter Gesundheit zu sehen.«
»Die Freude ist ganz auf meiner Seite, Irla«, erwiderte Giss und verbeugte sich. »Dies sind die beiden Männer, von denen ich Euch berichtet habe.«
»Seid gegrüßt. Vielen Dank, dass Ihr die Zeit gefunden habt, meine Einladung anzunehmen. Unser Gespräch wird nicht lange dauern.«
»Wir werden so viel Zeit erübrigen wie nötig, Herrin«, presste Luk ehrfurchtsvoll heraus.
Ga-nor sah das zwar etwas anders, hielt es aber für geraten zu schweigen.
»Oh, eine alte Frau würde Euch nie über Gebühr beanspruchen«, entgegnete Irla. »Wer von Euch hat die Verdammte gesehen?«
»Das war ich«, antwortete Luk.
»Hervorragend. Wie ich bereits sagte, es wird nicht lange dauern. Kommt näher und setzt Euch.«

Alexey Pehov

Über Alexey Pehov

Biografie

Alexey Pehov, geboren 1978 in Moskau, studierte Medizin. Seine wahre Leidenschaft gilt jedoch dem Schreiben von Fantasy- und Science-Fiction-Romanen. Er ist neben Sergej Lukianenko der erfolgreichste phantastische Schriftsteller Russlands. »Die Chroniken von Siala« wurden zu millionenfach...

Pressestimmen

fictionfantasy

»›Blitz‹ konnte mich voll und ganz überzeugen und stellt noch einmal eine deutliche Steigerung zum ersten Band ›Wind‹ dar. Die Charaktere werden noch feiner gezeichnet und die Handlung kommt nun so richtig in Schwung. Am Ende steht ein unglaublicher Cliffhanger, der die Wartezeit auf Band 3 unerträglich erscheinen lässt.«

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