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Black Forest High 2

Ghosthunter

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Black Forest High 2 — Inhalt

Erfolgsautorin Nina MacKay entführt den Leser erneut an die Black Forest High, die Schule für Geisterseher, Medien und Geisterjäger: Seven erwacht in einem Siliziumglaskasten in einem Geheimraum des Internats. In der Schule ist man überzeugt, dass sie besessen ist, was die Schulleitung nicht davon abhält, Seven weiter als Ersatz für die tote Auserwählte zu benutzen. Nur Parker glaubt, dass die Wahrheit tiefer verborgen liegt. So tief wie seine Gefühle für Seven, die allerdings seinen Zwillingsbruder Crowe vorzieht. Gemeinsam gelingt es den Zwillingen, Seven zu befreien. Doch damit bringen sie nicht nur sich selbst in tödliche Gefahr ...

€ 15,00 [D], € 15,50 [A]
Erschienen am 02.03.2020
320 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-70559-2
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erschienen am 02.03.2020
320 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99586-3

Leseprobe zu „Black Forest High 2“

Kapitel 1

Den Tag, an dem mich meine tote Schwester besuchte, hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt.

Nicht, dass ich mich beschweren wollte, nach beinahe vier Jahren Nova endlich wiederzusehen, doch zuerst verstand ich überhaupt nicht, was vor sich ging. Mehrmals blinzelte ich, um sowohl die Kopfschmerzen, die wie ein Presslufthammer von innen gegen meine Schläfen tackerten, als auch den Schleier vor meinen Augen zu vertreiben. Was war nur los?

Nova? Es war doch Nova, nicht wahr? Ein kleines Mädchen von sieben Jahren mit dunklen Haaren und einer [...]

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Kapitel 1

Den Tag, an dem mich meine tote Schwester besuchte, hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt.

Nicht, dass ich mich beschweren wollte, nach beinahe vier Jahren Nova endlich wiederzusehen, doch zuerst verstand ich überhaupt nicht, was vor sich ging. Mehrmals blinzelte ich, um sowohl die Kopfschmerzen, die wie ein Presslufthammer von innen gegen meine Schläfen tackerten, als auch den Schleier vor meinen Augen zu vertreiben. Was war nur los?

Nova? Es war doch Nova, nicht wahr? Ein kleines Mädchen von sieben Jahren mit dunklen Haaren und einer gelben Haarschleife, die ihr Pony zurückhielt. Die mit der Biene, die in der Mitte der Schleife hockte, als würde sie Nektar saugen. Novas Lieblingshaarspange. Nur dass Nova nun ein Geist war und daher durchscheinend weißblau. Dennoch wusste ich, dass ihre Lieblingsschleife immer in einem leuchtenden Butterblumengelb gestrahlt hatte. Sie musste sich aus ihren Erinnerungen so angezogen haben.

Meine tote kleine Schwester starrte mich ernst an. Aus einem Aquarium oder etwas in der Art. Sie trug nicht die Kleidung, mit der sie am Tag ihres Todes aus dem Haus gegangen war. Nein, ihr Kinderkörper steckte nicht in einem Schneeanzug, sondern in dem gestreiften Kleid vom Tag ihrer Einschulung mit der Jeansjacke darüber. An Novas Hüfte baumelte die kleine Umhängetasche in der Form eines Teddybärenkopfs, die eigentlich eine Geldbörse war. Exakt das Outfit, das sie für den ersten Tag an ihrer Schule pingelig genau geplant hatte. Es hatte schon Monate vorher festgestanden.

Nova. Meine kleine Nova. Hinter meinen Augenlidern begannen heiße Tränen zu pochen. Aber warum stand sie in einem Aquarium? Ich richtete mich auf, versuchte meine protestierenden Handgelenke dazu zu ermuntern, mich in eine sitzende Position zu drücken. Wenigstens einigermaßen aufrecht. Leider wurde mir dabei sofort schwummrig. Als zöge ein Magnet alle Kraft aus meinem Körper. Ich blinzelte erneut.

„Seven.“ Das Stimmchen von Nova klang zart, aber gleichzeitig fordernd. So, als hätte sie viel länger als vier Jahre auf mich gewartet.

Abgesehen davon, dass ich kurz davorstand, mich zu übergeben, sah ich auf einmal klarer. Nicht Nova steckte in einem verdammten Aquarium, sondern ich. Ein Aquarium, aufgebockt auf einer metallenen Untersuchungsplattform, wie ich sie schon einmal bei den Geisterforschern gesehen hatte. Schlagartig hielt ich die Luft an, und das war der Moment, in dem alle Erinnerungen auf mich einstürzten.

Ich hatte Montagabend am Treffen der geheimen fünften Special-Unit teilgenommen. Dort hatten mir die Hatties, Natalia und Mr Chase erklärt, ich solle die nächste Geistlenkerin werden. Die Auserwählte, deren Platz eigentlich meine Schwester Nova hätte einnehmen sollen. Ich schluckte. Innerhalb einer Millisekunde war alles wieder da. Parker und Crowe, die sich so merkwürdig verhielten. Parker, der mich kurz zuvor angegriffen hatte, als er von einem Poltergeist besessen gewesen war. Natalia, die mich anfunkelte, weil sie den Job der Geistlenkerin haben wollte und nach mir diejenige mit der größten Blutschuld war.

Geistlenkerin. Das hieß, Poltergeister zu steuern und Politiker absichtlich mit ihnen zu besetzen, um die Menschen nach unserem Willen zu lenken. Der Gedanke fühlte sich schal in meinem Mund an. Aber wenn ich eins bisher in der Black Forest High gelernt hatte, dann, dass diese Schule einfach jeden manipulierte. Poltergeister, Geister, Geistbegabte und Menschen. Ich atmete tief ein.

„Seven.“ Ich blinzelte. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass Nova als normaler, weißblauer Geist vor mir schwebte. Immerhin kein Poltergeist.

„Seven, du musst abhauen. Sofort!“ Novas Stimme wurde eindringlicher. Wie hübsch sie aussah in diesem Kleid … Aber wo war ich bloß? Ich tastete die Glaswände um mich herum ab. Ein Glassarg mit einem kleinen Loch für Atemluft. Einer dieser Siliziumkästen, in denen die Geisterforscher gewöhnlich Poltergeister einsperrten, um Experimente an ihnen durchzuführen. Ich steckte meinen Zeigefinger durch das Loch. Doch nicht mal er passte ganz hindurch. Es war so eine Öffnung, durch die ich die Forscher schon einmal Beruhigungsgas in ein solches Poltergeistgefängnis hatte einleiten sehen. Normalerweise war es gut verschlossen.

„Das hier ist ein gefährlicher Ort, und sie werden dich töten.“

Wie? Was wollte Nova damit ausdrücken? Die Hatties würden doch nie … Aber selbst wenn. Es gab etwas, das ich loswerden musste.

„Nova, ich fasse es nicht, dass du endlich zu mir gefunden hast.“ Hastig wischte ich mir über die Augen, aber es war zu spät. Tränen rannen mir wie sichtbar gewordene Schuldgefühle aus den Augenwinkeln, ohne dass ich sie stoppen konnte.

„Ich wollte dir so vieles sagen.“ Nun benötigte ich beide Hände, um die nassen Spuren unter meinen Augen wegzuwischen. Endlich war der Zeitpunkt gekommen, an dem ich mich bei meiner kleinen Schwester entschuldigen konnte. Bloß, dass ich nicht erwartet hatte, bei der Gelegenheit in einem Glassarg zu stecken. „Vor allem tut es mir unglaublich leid, dass ich dich alleine den Berg habe herunterrodeln lassen.“ Ich stockte. Einfach weil es so viel gab, was ich Nova sagen wollte. So viele Worte, die ich nicht alle gleichzeitig herausbekam oder in irgendeine sinnvolle Reihenfolge zu bringen vermochte.

„Ach, Seven, das war nicht deine Schuld.“ Nova starrte zunächst auf ihre Kindersandalen hinab, hob dann aber wieder den Blick und sah mir direkt in die Augen. „Früher war es mir vorherbestimmt, nach deinem Tod die neue Geistlenkerin zu werden. Mrs Mondi hat es gesehen. Du hättest von diesem Kindermörder geschnappt werden sollen.“ Ihre kleinen Augen fixierten mich eindringlicher. Wie reif sie sich auf einmal ausdrückte. Ich konnte mir nicht helfen und glotzte sie unverhohlen an. Meine kleine Nova, die nach ihrem Tod erwachsen werden musste. „Und ich bin froh, dass du an diesem Tag nicht gestorben bist, Seven. Die Poltergeister haben eine Möglichkeit gefunden, alles zu verdrehen, verstehst du? Sie haben dich daran gehindert, zuerst mit dem Schlitten den Berg runterzurodeln, wie es hätte sein sollen. Sie wollten, dass ich an deiner Stelle sterbe, damit kein neuer, mächtiger Geistlenker an die Macht kommt. Es war ein gezielter Eingriff in unser Schicksal.“

Das konnte nicht sein. Nova konnte mir hier nicht so eine unglaubliche Geschichte auftischen. Und so erwachsen reden. Wieder schossen heiße Tränen in meine Augen. Dennoch … erinnerte ich mich an den Tag im Schnee mit Nova. Wie wir mit unseren Schlitten oben auf dem Hügel gestanden hatten. An die offenen und total miteinander verknoteten Schnürsenkel an meinen beiden Schneeschuhen. Ich hatte mich nach ihnen gebückt und Nova gesagt, sie solle aufsitzen und schon mal vorfahren. Obwohl Nova in diesem Moment lieber auf der anderen Seite zurück ins Tal rodeln wollte. Nur ich hatte auf diesem viel steileren Abhang beharrt. Dumm, wie ich war. Wieder kehrten meine Gedanken zu meinen wie von Geisterhand verknoteten Schneeschuhen zurück. Obwohl ich annahm, sie in ein paar Sekunden lösen zu können, hatte es letztendlich viel, viel länger gedauert.

Novas Zungenspitze blitzte zwischen ihren Lippen hervor. „Irgendwie müssen die Poltergeister davon Wind bekommen und die Situation manipuliert haben. Sie haben sich gegen die Geisterseher verschworen, haben sich zusammengerottet.“

Ich hielt den Atem an. Möglich war es. Doch auf einmal brannte mir etwas anderes viel mehr auf der Seele.

»Nova … dieser Mann … dein Mörder. Was hat er mit dir gemacht?«

Novas Blick und ihr ganzer Körper kam mir auf einmal wie versteinert vor. »Seven … darüber sollten wir nicht heute reden. Es gibt jetzt nur eine wichtige Sache: Du musst von hier verschwinden, sofort.«

Ich blinzelte, schaffte es irgendwie, mich nach vorn zu winden, um in kniender Position vor ihr zu verharren. „Ich hab dich lieb, Nova.“ Bei diesen Worten kamen mir nun erst recht die Tränen.

„Ich dich auch. Aber jetzt musst du wirklich abhauen!“

„Ich würde ja gern, aber wie soll ich das anstellen?“ So fest ich konnte, presste ich meine Hände gegen den Deckel der Kiste, im vollen Bewusstsein, dass zwei massive Scharniere und ein Schloss ihn an Ort und Stelle fixierten.

»Du musst, Seven, du musst. Ich habe nicht viel Zeit. Sie überwachen mich und ich weiß nicht, wann ich ihnen noch einmal entkommen kann … Bei Vollmond um Mitternacht womöglich, wenn die Barriere zwischen den Welten durchlässig ist wie sonst nie.«

»Aber … Und wer überwacht dich? Nova …!«

Ehe ich den Satz beenden konnte, strömte Rauch von der Decke des Raums. Dunkler Rauch. Ich hob den Kopf und wusste sofort, was es bedeutete. Und tatsächlich: Ein Poltergeist schälte sich aus dem Lüftungsschacht.

Es war die junge Frau mit den dunklen Haaren und der Kette in den Händen, mit der sie schon einmal versucht hatte, mich zu erwürgen.

Genau, was ich jetzt brauchte.

Obwohl ich annahm, sie würde sich auf mich stürzen, raste der Poltergeist auf meine Schwester zu.

„Nova!“

Zwar wandte sich meine tote Schwester noch um, doch es war zu spät. Die dunkelgraue Geisterfrau mit dem gehässigen Blick war hinter sie geschossen und schlang Nova ihre Würgekette um den Hals.

„Du solltest nicht hier sein. Wir haben dich gewarnt!“

„Nova!“ Meine Fäuste trommelten wie von selbst gegen das Glas, mit immer heftigeren Schlägen, die meine Knochen beinahe bersten ließen.

Mit aufgerissenen Augen griff sich Nova an den Hals, sie wand sich, schüttelte sich, sodass sogar die Bienenschleife verrutschte.

Was wurde hier nur gespielt?

„Nova, du musst dich fortbeamen. Los!“

Stumm öffnete Nova den Mund, sah zu mir. Ob das Beamen unter diesen Umständen nicht funktionierte? Oder lag es an dem sicherlich mit Silizium behandelten Raum? Konnte man sich als Geist von hier aus nicht wegbeamen?

„Nova, hör mir zu. Du brauchst nicht zu atmen. Du bist ein Geist. Befrei dich einfach von ihr und dann nimmst du den Lüftungsschacht hier raus.“ Denselben Weg musste sie doch auch genommen haben, um mich hier drin aufzusuchen. „Nova!“

Immer noch rührte sie sich nicht. Was war das nur mit den Geisterwaffen? Konnten Poltergeister normalen Geistern etwas anhaben? Aber was konnte noch schlimmer sein als der Tod? Konnte sie mit dieser Kette meiner Schwester den Kopf abreißen? In meinem Kopf schien ein Tornado meine Gedanken umeinanderzuwirbeln.

„Remi! Remi, ich brauche dich!“ Wieder hämmerte ich gegen die Glasscheibe. „Wo steckst du?“ Nichts rührte sich. Nirgendwo war mein bester Freund auszumachen.

„Nova!“

Langsam lief das Gesicht meiner Schwester dunkelgrau an. Nein! Hieß das …?

Vor Aufregung und weil ich mich so plötzlich aufgerichtet hatte, stieß ich mir den Kopf an dem Glasdeckel. Ich musste ihr helfen. Nur wie? Panisch sah ich mich um. Im Prinzip gab es keine Möglichkeit, aus eigener Kraft hier auszubrechen. Nova jedoch hatte mich dazu aufgefordert, daran geglaubt, dass ich es konnte … Mein Blick blieb an dem kleinen Loch im Glas hängen. Vielleicht würde mein Körper hier nicht herauskommen, mein Geister-Ich jedoch schon! Und ich war eine fast fertig ausgebildete Geisterjägerin. Warum war ich da nicht schon früher draufgekommen?

Schneller als je zuvor löste ich mich aus meinem Körper, wechselte auf die Geisterebene. In dieser Form war es möglich, durch die Lüftungsöffnung aus meinem Sarg zu entkommen. Zumindest in der Theorie. Denn in der Wirklichkeit erkannte ich sofort das Problem, das sich zwischen mir und meiner Flucht aufgebaut hatte. Offensichtlich hatte jemand von außen ein winziges Netz über das Loch im Glas gespannt, um mich genau daran zu hindern. Ein kaum erkennbares Netz aus Siliziumquarzfäden. Verfluchte Geisterforscher!

Mein Geister-Ich prallte immer wieder daran ab.

Allerdings war ich nicht unbewaffnet in dieser Form meiner Gestalt. Mit klopfendem Herzen angelte ich nach dem Dolch an meinem Handgelenk, stellte mir einfach vor, wie ich ihn aus meiner Geisterhaut löste, und schon fühlte ich den Griff. Ein Dolch, gestochen aus Quarztinte. Von Crowe. Er fühlte sich federleicht in meiner Hand an und gleichzeitig so rau wie ein Geisterkörper.

Nach einem Blick auf Nova bemerkte ich, dass sie vom Kopf abwärts bis zu ihrem Brustbein grau angelaufen war. Zuerst hielt ich es für eine optische Täuschung, doch dann begriff ich. Meine Schwester verwandelte sich vor meinen Augen in einen Poltergeist. Der Gedanke, was dann aus ihr werden würde – eine hasserfüllte, dunkle Kreatur – trieb mich zusätzlich zur Eile an.

Meine Nasenflügel bebten, obwohl ich in dieser Daseinsform keinen Sauerstoff benötigte. Doch genau wie die Geister konnte ich manche menschlichen Verhaltensweisen einfach nicht abschütteln.

Ein Glück, dass mir Crowe einen Minidolch tätowiert hatte, nicht länger als ein Teelöffel und sehr schmal. Er passte in die Öffnung, zumindest mit der Spitze. Ich biss mir auf die Innenseiten meiner Wangen, konzentrierte mich voll und ganz auf das Netz. Um denjenigen, der mich hier eingesperrt hatte, würde ich mich als Nächstes kümmern. Gleich nach dem Poltergeist.

Ich drehte den Dolch wie einen Mörser, fühlte den Widerstand der Siliziumbarriere, dann endlich durchstach die Dolchspitze das Netz. Ob das reichen würde, um mein Geister-Ich hindurchzuquetschen? Sogar meine verlassene menschliche Hülle schien den Atem anzuhalten, als ich versuchte, meine Gedanken und mich selbst so zu lenken, dass sich mein Geisterkörper durch diese schlüssellochgroße Öffnung winden konnte. Dass die Geistermembran nicht durch winzig kleine Stecknadellöcher passte, hatte ich bereits gelernt. Aber nein! Während Nova schon bis zu ihren Ellenbogen grau angelaufen war, schälte ich mich auf der anderen Seite des Glaskastens ins Freie. Groß genug! Mein Geisterkörper vibrierte vor Freude.

„Nova!“ Mit einem Schrei stürzte ich mich auf den Poltergeist. Nur zwölf Stiche musste ich mit meinem Dolch landen, um das Monster, das mich schon länger terrorisierte, für immer aus unserer Welt zu verbannen. „Nicht meine Schwester, du Miststück!“

Die Geisterfrau stieß einen überraschten Laut aus. So etwas wie ein Japsen, an das sich ein steifes „Huh?“ angehängt hatte.

Als ich mit meiner rechten Hand zustieß und gleichzeitig mit meinem restlichen Körper Nova zu schützen versuchte, wusste ich plötzlich nicht, wie ich mich so schnell zwischen meine Schwester und die Poltergeistfrau hatte schieben können.

„Weg von ihr.“ Noch ehe ich ausgesprochen hatte, zierten zwei Einstiche die Hüfte der Geisterfrau. Geistermaterie waberte wie grauer Rauch daraus empor. Offensichtlich hatte ich sie damit überrumpelt.

Ihre Unterlippe zitterte, während ich ihr fest in die Augen sah. Das würde das letzte Mal sein, dass sie Schüler angriff. Oder meine Schwester. Ich würde mich durchsetzen, wie ich es schon beim Gärtner getan hatte. Allerdings spürte ich instinktiv, dass der Poltergeist vor mir viel mehr ungebändigte Aggressivität in sich trug als mein langjähriger Poltergeistbegleiter mit der Kettensäge.

Diese dunkelhaarige Frau gebärdete sich deutlich gefährlicher. Rache, sie wollte Rache, wurde mir mit einem Schlag klar, als sie die Augen zusammenkniff. Zwar ließ sie den Geist meiner Schwester los, schlug jedoch im selben Moment nach mir. Diese Abwehrreaktion war abzusehen gewesen. Während ich aus dem Augenwinkel überprüfte, wie es Nova ging, und zu meiner Erleichterung feststellte, dass ihr Geisterkörper wieder in einem hellen Weißblau leuchtete, duckte ich mich. Gut, man könnte es auch nach unten schweben nennen.

Die Poltergeisterkette sauste lautlos über meinen Kopf hinweg. Gleichzeitig versenkte ich meinen Dolch in der ungeschützten Unterseite des Oberarms meiner Gegnerin.

„Seven, pass auf!“ Novas Warnung kam etwa eine Viertelsekunde zu spät. Schon hatte der Poltergeist mich an meinen Haaren gepackt, nach links gerissen und mir gleich darauf das Knie in die Magengegend gerammt. So schnell konnte ich gar nicht reagieren, da schlang sich die Kette bereits um meinen Hals.

Super. Da hatte sich mein Geisterjägertraining direkt mal nicht ausgezahlt.

„Seven!“ Nova schoss heran, und ich bemerkte, wie ihre winzigen Fingernägel versuchten, der Poltergeisterfrau durchs Gesicht zu kratzen.

Hastig versuchte ich mich umzudrehen, eine Position einzunehmen, aus der ich dem Geist einen weiteren Stich mit dem Dolch versetzen konnte, doch sie war pfeilschnell hinter mich geschwebt, zerrte mit einer Hand an meinen Haaren und mit der anderen an der Kette um meinen Hals. Zwar wusste ich, dass ich in meiner Geistergestalt nicht zu atmen brauchte, dennoch spürte ich instinktiv, dass etwas gewaltig nicht stimmte. Die Kette schien all meinen Lebenswillen aus mir zu saugen, jeden fröhlichen Gedanken, alle Hoffnung und Mut. Zurück blieb Trauer, und mein Körper fühlte sich an, als wollte er aufgeben.

„Nova“, japste ich. Die Worte wollten kaum aus meiner Geisterkehle kommen, so eng quetschte die Kette meinen Hals zusammen. „Nimm meinen Dolch, schnell!“

Meine Schwester konnte den Poltergeist immer noch töten. Wir waren zu zweit und sie alleine. „Nova!“, wiederholte ich in Richtung meiner Schwester, die unablässig mit Fäusten und Fingernägeln auf den Poltergeist eindrosch, der dafür wiederum nur ein Fauchen übrighatte.

Endlich verstand Nova, was ich von ihr wollte, und nahm den Dolch aus meiner Hand. Zuerst zögerte sie, drehte die Waffe in ihren kleinen Fingern. Sie war ein Kind. Wie konnte ich so etwas von ihr verlangen? Für einen Moment packten mich Schuldgefühle. Allerdings hatte sie vermutlich schon Schlimmeres mit ihrem Entführer erlebt, und wenn sie nicht wollte, dass bald ihre einzige Schwester das Zeitliche segnete … Bei diesem Gedanken löste sich mein schlechtes Gewissen in Luft auf.

„Du lässt sofort meine Schwester gehen!“, befahl Nova mit schrillem Stimmchen. „Sie gehört dir nicht!“ Dann stach sie zu. In den Oberschenkel des Geists. Mit voller Kraft. Der Poltergeist zuckte zusammen, was ich mehr als deutlich spüren konnte.

Fauchend trat sie nach Nova. Bevor ich reagieren konnte, wurde ich zur Seite gerissen. Noch in derselben Bewegung trat der Poltergeist Nova den Geisterdolch aus der Hand. Er entglitt ihren Fingern und löste sich in Luft auf. Nein! Dasselbe Phänomen hatte ich schon einmal beobachtet, als die Kettensäge des Gärtners zu Boden gefallen war. Ein Blick auf mein Handgelenk bestätigte, dass mein Dolch an seinen Platz zurückgekehrt war. Zu meinem Unglück bemerkte es der Poltergeist ebenso.

Reflexartig packte ich die Kette um meinen Hals und beugte mich mit einem Ruck nach vorn, wodurch der Poltergeist über meine Schulter geschleudert wurde.

Ha! Ein Gefühl von Triumph schoss durch meine Adern.

Leider verging mir das Lachen viel zu schnell, denn bevor ich erneut nach meinem Dolch greifen konnte, zog die Geisterfrau die Kette noch straffer, sodass ich schon fürchtete, sie würde mir den Kopf vom Hals abtrennen. Mein Sichtfeld verkleinerte sich, was in mir ein Gefühl von Panik emporschießen ließ. Alles, was ich noch tun konnte, war, mit beiden Händen an den Kettengliedern an meinem Hals zu zerren. Was, wenn ich Nova gleich nicht mehr sehen würde? Meine Nova. An deren Tod ich die Schuld trug!

„Lass sie.“ Eine unbekannte Stimme ertönte, wie es schien von der Decke her. Aber vielleicht halluzinierte ich auch nur. Doch noch im selben Moment begriff ich, dass ich diese Stimme schon einmal irgendwo gehört hatte.

Es war die Stimme des Gärtners.

„Du weißt, dass du ihr nichts tun darfst.“

Zuerst kapierte ich gar nichts. Nur mit Verzögerung wurde mir klar, dass der Gärtner, mein alter Widersacher, mit dem Geist der Frau sprach. Und mich irgendwie zu beschützen schien? Was in aller Welt? Wollte er die Schuld mir gegenüber einlösen? Weil ich vor Kurzem sein Leben verschont hatte?

„Nicht sie.“

„Sie sollte es aber sein!“, zischte der weibliche Poltergeist zurück.

Moment. Was diskutierten die beiden da? Verzweifelt versuchte ich mich aus dem Griff der Frau zu befreien.

„Ihr lasst meine Schwester besser sofort gehen“, sagte Nova. Eine gewisse Schärfe schwang in ihrem Ton mit.

„Was willst du, falsche Auserwählte? Du bist klein, jung und allein. Was willst du gegen uns ausrichten?“, fauchte die Poltergeistfrau.

Falsche Auserwählte … In meinem Kopf drehte sich alles viel zu schnell. Doch die Informationen passten letztendlich zusammen.

Nova … Die Poltergeister hatten also tatsächlich in unser Schicksal eingegriffen und uns vertauscht. Ihretwegen war Nova tot und Mom im Gefängnis! Und mein Leben war irgendetwas dazwischen. Nicht ganz tot, aber auch nicht ganz frei. Nicht ganz lebendig.

„Sie sind nicht allein.“ Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, wie eine weitere Gestalt aus dem Lüftungsschlitz kroch. Octa? Der schüchterne Geist, der Nova so ähnlich sah? Ja, sie war es. Klein, niedlich, mit dunklen Zöpfen und Krankenhauskittel. Vielleicht halluzinierte ich auch nur, denn mir war bereits dermaßen schwindelig und mein Sichtfeld gerade so groß wie zwei Vierteldollarmünzen. Was würde geschehen, wenn mein Geister-Ich in den nächsten Minuten danach verlangte, in meinen Körper zurückzukehren? Würde mein Körper das Zeitliche segnen, wenn meine Seele zu lange von ihm getrennt war?

Der Gärtner schwebte direkt vor mich, fuhr sich mit einer Hand durch die fettigen Haare. „Du wirst die beiden Auserwählten loslassen.“

„Von dir nehme ich keine Befehle an.“ Die Geisterfrau schnaubte. »Nur weil du mit allem durchkommst …«

„Genug!“ Obwohl der Gärtner so laut brüllte, zuckten weder Nova noch Octa zusammen.

Ohne sich etwas anmerken zu lassen, strich sich Octa über ihre dunklen Zöpfe.

„Ihr werdet eure Genugtuung erhalten, Poltergeister, aber nicht durch den Tod der Geistlenkerin.“ Ihre Stimme klang ruhig, beinahe gelassen. Vielleicht war es gerade das, was die Geisterfrau innehalten ließ.

„Hört mal, ich kann mir vorstellen, wie schrecklich euer Tod war und wie unglücklich euer aktuelles Leben als Poltergeist sein muss“, fing Octa wieder an.

„Unglücklich?“, kreischte die Poltergeistfrau. „Etwas untertrieben, findest du nicht? Diese Schule experimentiert an Poltergeistern, foltert sie! Auch meinen Sohn!“

»Olive …«, begann der Gärtner. „Lass Seven los. Sie ist nicht wie die Schulleiterinnen.“

Sprang mir da der Gärtner schon wieder bei?

„Wir verstehen euren Schmerz.“ Gerade so konnte ich erkennen, wie Nova nach Octas Hand griff und der Gärtner seinen Blick auf die verschränkten Kinderhände richtete.

„Diese Welt bringt viel Schlechtes hervor. Aber wir können uns entscheiden, kein Teil davon zu sein.“

Bei Octas Worten lockerte sich die Kette um meinen Hals.

„Ich habe mich entschlossen, nicht von meiner Wut geleitet zu werden.“

„Siehst du, Olive.“ Mit seiner Kettensäge deutete der Gärtner auf Octa. „Und das, obwohl Octa allen Grund dazu gehabt hätte, ihre Familie und ihre Peiniger heimzusuchen nach ihrem Tod.“

Olive sagte nichts, rührte sich auch nicht.

Ich dagegen richtete mich langsam wieder auf. Zwar wollte ich Olive nicht unbedingt in diesem Moment angreifen, doch wachsam blieb ich allemal.

Mein Blick glitt über Octas Krankenhauskittel. Wenn das hier vorbei war, würde ich die Kleine nach den Umständen ihres Todes fragen. Was ich bisher davon mitbekommen hatte, klang äußerst mysteriös.

„Ich werde meine Rache bekommen! Und meinen Sohn“, brummte Olive jetzt.

„Da bin ich ganz auf deiner Seite.“ Bei meinen Worten ruckte der Kopf der Poltergeistfrau herum. „Ich bin auch gegen die Experimente an Geistern, glaubt mir. Eines Tages werde ich das stoppen, das verspreche ich euch.“

Die Poltergeister schwiegen, der Gärtner glotzte mich an, während sich auf Octas und Novas Lippen ein sanftes Lächeln abzeichnete.

Einen Wimpernschlag später glitt die Geisterkette wie eine Schlange von meinen Schultern. Wie war die Stimmung so schnell umgeschlagen?

„Ich sagte dir doch, sie sind auf unserer Seite.“ Auf dem pockennarbigen Gesicht des Gärtners zeichnete sich ein Lächeln ab, was ihn irgendwie viel jünger erscheinen ließ. „Seven hatte die Möglichkeit, mich ins Licht zu schicken, hat es jedoch nicht getan. Das sind unsere Auserwählten. Beide. Sie sehen uns wirklich.“

Nina MacKay

Über Nina MacKay

Biografie

Nina MacKay, irgendwann in den ausgeflippten 80er-Jahren geboren, arbeitet als Marketingmanagerin (wurde aber auch schon im Wonderwoman-Kostüm im Südwesten Deutschlands gesichtet). Außerhalb ihrer Arbeitszeiten erträumt sie sich eigene Welten und führt imaginäre Interviews mit ihren Romanfiguren....

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