Lieferung innerhalb 2-3 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Blick ins Buch
Bis die Flüsse aufwärts fließenBis die Flüsse aufwärts fließen

Bis die Flüsse aufwärts fließen

Roman

Taschenbuch
€ 10,00
E-Book
€ 8,99
€ 10,00 inkl. MwSt.
Lieferzeit 2-3 Werktage
In den Warenkorb Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen
€ 8,99 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
In den Warenkorb
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Bis die Flüsse aufwärts fließen — Inhalt

Glück ist, was man daraus macht

Mit einer Jacht um die Welt reisen. Mit der großen Liebe im Luxus leben. Im schicken Kostüm zur Arbeit gehen. All diese Wünsche haben sich für Jackie Davies nicht erfüllt. Stattdessen kümmert sich die Ende Dreißigjährige um ihren Mann Pete, ihre zwei Kinder und ihre kranke Mutter. Und manchmal fragt sie sich: Kann das wirklich schon alles gewesen sein? Dann steht plötzlich Sven vor der Tür, ihre Jugendliebe. Er könnte ihr das Leben bieten, das sie sich immer gewünscht hat. Und Jackie muss sich entscheiden – nicht nur zwischen zwei Männern, sondern auch dafür, endlich glücklich zu sein.

€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 04.10.2016
Übersetzt von: Ulrike Brauns
400 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-30929-5
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 04.10.2016
Übersetzt von: Ulrike Brauns
400 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97480-6

Leseprobe zu »Bis die Flüsse aufwärts fließen«

Prolog

Kaum waren die letzten Gäste aufgebrochen und die übrig gebliebenen Würstchen von Jackie in Klarsichtfolie gewickelt worden, hatten die Frischvermählten die Schuhe abgestreift und lagen nun auf dem gespendeten Doppelbett, den Blick an die Decke gerichtet.

»Das ist doch ganz gut gelaufen, oder?«

Es war eine kleine, ruhige Hochzeit im Standesamt am Boulevard gewesen. Der Standesbeamte hatte genuschelt und Petes Mutter geweint. Und dann waren sie alle in die Sunnyside Road gefahren, um sich in das neue Zuhause zu drängen, das sie mit der [...]

weiterlesen

Prolog

Kaum waren die letzten Gäste aufgebrochen und die übrig gebliebenen Würstchen von Jackie in Klarsichtfolie gewickelt worden, hatten die Frischvermählten die Schuhe abgestreift und lagen nun auf dem gespendeten Doppelbett, den Blick an die Decke gerichtet.

»Das ist doch ganz gut gelaufen, oder?«

Es war eine kleine, ruhige Hochzeit im Standesamt am Boulevard gewesen. Der Standesbeamte hatte genuschelt und Petes Mutter geweint. Und dann waren sie alle in die Sunnyside Road gefahren, um sich in das neue Zuhause zu drängen, das sie mit der finanziellen Unterstützung beider Elternpaare gekauft hatten. Pete rannte umher, um Untersetzer unter Bierdosen zu legen, und Jackie reichte Teller mit belegten Broten und Gebäck herum, wofür sie von ihrer besten Freundin Gina aufgezogen wurde, weil sie sich wie eine erwachsene Ehefrau aufführte. Jackie sah sich in der kleinen, quadratischen Küche ihres Reihenhauses in Weston-super-Mare um und versuchte, nicht an die gewaltige Küche einer Villa mit Meeresblick zu denken, wo sie sich vor nicht allzu langer Zeit auf einem Tagesbett ausgestreckt hatte, nachdem sie dem Charme eines Jungen erlegen war, der ihr von der großen weiten Welt jenseits ihrer Haustür erzählt und sie in dem Glauben gelassen hatte, dass sie diese Welt eines Tages sehen würde.

Dann entdeckte sie ihren Vater, Don, einen Arm um Petes Schultern gelegt, und wurde von einem sonderbaren Gefühl der Zufriedenheit erfüllt. Sie zwängte sich zwischen die beiden.

»Ich war gerade dabei, Pete etwas zu sagen. Der beste Rat, den ich euch geben kann: Geht niemals schlafen, solange noch ein Streit schwelt. Und wenn ihr in den schweren Zeiten lächeln könnt, dann wisst ihr, wie sehr ihr in den guten lachen werdet.«

»Und der beste Rat, den ich euch geben kann: Hört nicht auf seine Ratschläge!« Jackies Mutter deutete mit dem Daumen in die Richtung ihres Mannes. Sie sprach etwas lauter, als sie das für gewöhnlich tat – aber für gewöhnlich hatte sie auch keine drei Gläser Asti und vier Martini-Limonaden intus.

»Danke, Don.« Pete hatte seine frischgebackene Ehefrau angestrahlt. »Ich werde mich gut um sie kümmern, versprochen«, hatte er gesagt, als stünde sie nicht direkt neben ihm.

Pete streichelte über Jackies Schulter und holte sie aus der Erinnerung zurück. »Schon ein komisches Gefühl, all diese Zimmer zu haben, und doch wohnen nur wir beide hier. Drei Schlafzimmer, ein Bad und dann noch zwei Zimmer unten – ich bin doch nur das kleine Zimmer bei meiner Mutter gewöhnt!«

»Ja, ich auch. Aber es wird toll, Pete. So viel Platz.«

Sie kratzte die juckende Haut, die sich über ihren prallen Bauch spannte. »Und nicht mehr lang, dann gibt es einen weiteren Mitbewohner.«

»Ja, ich kann’s kaum abwarten. Sollen wir das kleinste Zimmer renovieren und es richtig gemütlich machen?«

»Womit? Ich glaube nicht, dass wir gerade genug Geld übrig haben, um es gemütlich herzurichten.« Es ging ihr gegen den Strich, auf die Finanzlage hinweisen zu müssen und so seine Begeisterung zu ersticken.

»Ich weiß, aber ich meine ja auch gar nichts Großartiges. Für einen neuen Anstrich müsste es doch reichen. Und Gina ist doch künstlerisch begabt. Meinst du nicht, sie würde etwas an die Wände malen, wenn wir sie darum bitten?«

»Du lieber Himmel, ich hab ein paar ihrer Kunstwerke gesehen. Nein danke! Das arme Kind würde jeden Morgen mit dem Take-That-Logo aufwachen.«

Sie lachten beide. Pete griff nach ihrer Hand. »Meine Frau.«

»Das bin ich.« Sie lächelte.

»Fühlst du dich wie eine Ehefrau?«, fragte er.

»Ich schätze schon. Wie sollte sich eine Ehefrau denn fühlen?«

Sie spürte, wie er mit den Schultern zuckte. »Keine Ahnung. Ich schätze mal als Teil eines Paares, das sich der Welt nicht mehr allein stellen muss.«

»Ach, Pete, du alter Softie. Das klingt wunderschön, und in dem Sinne fühle ich mich wohl tatsächlich wie eine Ehefrau.« Sie beugte sich zu ihm und gab ihm einen Kuss.

»Ich bin gespannt, wie lange wir hier wohnen werden.« Jackies Worte schwebten in die Dunkelheit.

»Sicher ein paar Jahre, bis wir auf eigenen Beinen stehen. Wir sollten das Haus aufrüsten, die Fenster ersetzen, den Garten schön machen, eine neue Küche einbauen und uns dann was Besseres suchen.«

Sie lächelte, ihr gefiel die Vorstellung einer neuen Küche und eines schönen Gartens. »Das arme Haus. Wir wohnen hier gerade mal drei Wochen und denken schon über unseren Umzug nach!«

»Es ist immer gut, zu planen, Jackie. Uns ein Ziel zu setzen, unseren Weg zu finden. So kommt man im Leben weiter, oder? Man arbeitet hart und kämpft für etwas Besseres.«

»Das gefällt mir, Pete. Man arbeitet hart und kämpft für etwas Besseres. Das ist wirklich ein Plan.« Sie drückte seine Hand. »Viel mehr als das hier möchte ich eigentlich gar nicht. Vielleicht ein direkt ans Schlafzimmer anschließendes Bad und genug Platz in der Küche für einen dieser riesigen Kühlschränke.«

»Ich hätte gern einen Hobbyraum. Mit Platz für eine Werkbank und meine ganzen Werkzeuge, dann könnte ich etwas bauen.«

Sie war sich sicher, dass er lächelte. »Was würdest du bauen?«

»Keine Ahnung. Irgendwas aus Holz. Und ich könnte Sachen reparieren. Ich würde gern einfach rumbasteln.«

Jackie kicherte. »Du klingst ganz wie mein Vater.«

»Das nehme ich mal als Kompliment.«

»Und jetzt sag ich dir, was ich mir wünsche: einen Wintergarten mit Korbmöbeln. Da würde ich dann sitzen, eine Zeitschrift lesen und einen Kaffee trinken. Halt ein Ort, wo ich die Füße hochlegen kann.«

»Das ist doch ein Plan.«

Sie kuschelte sich an ihn und legte den Kopf an seine Brust.

»Lustig, wie sich die Dinge so entwickeln, nicht wahr, Frau Davies?«

Jackie lächelte über die ungewohnte Anrede. »Allerdings.«

 

Eins

Sie hielt es für eine Art Begabung, dass sie jeden Morgen ein paar Minuten vor dem Weckerklingeln erwachte. Eigentlich war es keine große Sache – wen kümmerten ein paar mickrige Minuten hier und da? Rechnete man sie aber im Laufe eines Jahres zusammen, kam man auf siebenhundertdreißig Minuten, die sie an Schlaf einbüßte. Und wenn man so müde war wie sie, wären diese zwölf Extrastunden Schlaf pro Jahr ziemlich willkommen gewesen. Am liebsten würde sie diese Stunden am Stück einlösen, buchstäblich im Bett liegen, ganz ruhig, und dann einschlafen, ohne jegliche Unterbrechung befürchten zu müssen. Reines Glück.

Sie streckte sich aus und starrte an die Decke, in deren Mitte ein blauer Lampenschirm mit Paisleymuster, Fransen und einer einzigen, öden Glühbirne hing. Ursprünglich hatten sie den Schirm gegen etwas Gelbes tauschen wollen, damit er zur Tapete passte, das war der Plan gewesen, und vielleicht hatten sie sogar in einem Einkaufszentrum nach etwas Passendem geschaut, sie konnte sich nicht erinnern, aber auch fünfzehn Jahre später war es noch nicht geschehen. Sie hatten sich daran gewöhnt wie an alles, was in diesem Haus den Geist aufgab, nicht zusammenpasste oder alterte, lebten damit, bis es einfach dazugehörte. Das galt selbst für die Kartons voller Klamotten und Krimskrams, die sich im vorderen Hausflur stapelten. Eigentlich sollten sie auf den Dachboden. Was hatte er gesagt? »Stell sie da hin, Schatz, wenn ich das nächste Mal die Leiter reinhole, bringe ich alles auf den Dachboden.« Jetzt, drei Jahre später, hatten sie im Flur Wurzeln geschlagen, waren zum Mobiliar geworden. Sie saugte um sie herum, stapelte frische Wäsche darauf, und die Kinder warfen die Schultaschen lieber dorthin, als sie mit nach oben zu nehmen. Bei ein paar von den Kisten konnte sie nicht einmal mehr sagen, was überhaupt darin war.

Nun öffnete sie weit die Augen, versuchte, wacher zu werden. Ihr Nachthemd hatte sich zu einem unbequemen Ring um ihre Taille verdreht; sie hob den Po an und zog in einer krabbenähnlichen Stellung den Stoff unter sich glatt. Sie hatte sich angewöhnt, unter dem Nachthemd noch eine Schlafanzughose zu tragen. Dabei konnte sie nicht einmal sagen, ob aus Bequemlichkeit, um sich wärmer zu halten oder aber um ein weiteres Hindernis für Pete zu haben, falls er doch einmal wieder in Stimmung käme. Allerdings musste sie gestehen, dass er schon seit einer Weile nicht mehr in Stimmung gekommen war, eine Erleichterung, wenn sie ehrlich war.

Sie schielte zu ihrem Gatten, der ohne Kissen schlief, den Kopf nach hinten geneigt, den Mund offen, dunkle Bartstoppeln, die wie kleine Zweige durch eine Haut brachen, der eine gehörige Portion Feuchtigkeitscreme auch nicht geschadet hätte. Veränderungen konnten eine schöne Sache sein – aber er empfand ja schon den Besitz von Haargel als Zeichen einer fragwürdigen sexuellen Präferenz. Nichts von ihrem prüfenden Blick ahnend hob er einen Arm und kratzte sich an der Nase. Dann drehte er sich und atmete mit offenem Mund in ihre Richtung. Sie wandte sich ab; alles, was dieser Körper um diese Uhrzeit verströmte, war definitiv nicht wohlriechend. Er war noch immer ein junger Mann, sah noch immer gut aus, wenn er sich zurechtmachte, aber im Lichte der frühen Morgenstunden, mit dem Schweiß der warmen Nacht, der an ihm klebte, und seinem würzigen Atem, war etwas an ihm, das sie zurückweichen ließ.

Sie lächelte über die Ironie, als sie die Zehen in seinen alten Sportsocken streckte, mit denen sie schlief. Alles andere als sexy. Gelegentlich rief er noch ein tiefes Verlangen in ihr hervor, besonders, wenn er gut roch und selbstsicher war, denn so erinnerte er sie an die selbstbewussten Neckereien ihrer Jugend. Damals war sie eine Schönheit gewesen, mit ihren langen, schlanken Beinen, dem blonden Haar und der Bräune, die das ganze Jahr über vorzuhalten schien. Sommersprossen auf der Nase und lange Wimpern, die ihre grünen Augen umrahmten, sodass sie keine Tusche brauchte. Wann immer ihr Fotos aus jenen Tagen begegneten, schockierte es sie stets, wie hübsch sie gewesen und wie wenig ihr das selbst bewusst gewesen war. Sie erinnerte sich an ihre vielen Unsicherheiten, daran, dass sie sich Sorgen über ihr leichtes Kinngrübchen machte, ihre Schlaksigkeit.

Sie waren noch nicht lange ein Paar, als sie heirateten. Damals schliefen sie Haut an Haut, ihr Gesicht an seine Brust gepresst, Arme und Beine verschlungen. Zeit, die sie getrennt voneinander verbrachten, galt ihnen als verschwendet. Sie wachten für gewöhnlich in den frühen Morgenstunden auf und liebten sich, bevor sie wieder einschliefen. Nicht, dass sie damals viel Schlaf gebraucht hätte, nicht damals. Sie brauchte weder Schlaf noch Essen, sie brauchte nur ihn, ihn und ihr Baby. Ihn anzusehen, an ihn zu denken, ihn an sich zu spüren – er war ihr Ein und Alles.

Jackie kroch aus dem Bett und warf noch einen Blick zurück auf ihn, wie er die Augen zusammenkniff, die Nase runzelte und furzte. Sie verdrehte die Augen. »Das waren noch Zeiten«, flüsterte sie, während sie ihr Handtuch von einem alten Esszimmerstuhl in der Ecke nahm und dann die Dusche ansteuerte.

»Mama?«

»Was ist?«, fragte Jackie, ohne den Blick von der Zeitung zu heben. Es war 7.15 Uhr. Sie hatte sich etwas angezogen, sich die Haare gebürstet, Licht und Heizung angeschaltet, die Cornflakes auf den Tisch gestellt und sich einen Tee gemacht. Jetzt saß sie am Küchentisch. Dies war ihr kleines Zeitfenster jeden Morgen, die Minuten, in denen sie die Lokalnachrichten lesen konnte. Ein kurzer Moment, bevor die Welt herangerauscht kam und sie sich beeilen musste, um mitzuhalten. So ähnlich wie die Frau, die sie einmal im Zirkus auf einem glitzernden Ball hatte balancieren sehen. Ihr Lächeln war starr gewesen, aber selbst durch die unglaublich langen, falschen Wimpern hatte Jackie den Schrecken in ihren Augen sehen können. Nur ein falscher Schritt und sie würde hinunterfallen. Jackie wusste genau, was in ihr vorging.

»Mama?« Diesmal war der Ruf lauter.

Sie schloss die Augen. »Himmel, Martha, du weißt, wie sehr ich dieses Gebrülle über die Etagen hasse.« Sie tippte leicht mit der flachen Hand auf den Küchentisch, sie mochte das Geräusch, das ihr Ehering auf dem Holz machte. »Wie oft muss ich es dir noch sagen? Wenn du mich was fragen willst, dann komm runter!« Sie schüttelte den Kopf und vertiefte sich wieder in den Artikel im Weston Mercury, weil sie wissen wollte, wie man die Fenster seines Wintergartens streifenfrei zum Glänzen brachte mit nichts als warmem Wasser und einem Spritzer Essig.

Die Schritte ihrer Tochter donnerten die teppichlosen Stufen herunter. Jackie atmete ein: Wie oft hatte sie es ihr gesagt? Unzählige Male, aber Martha, mittlerweile siebzehn, die von Geburt an in diesem Haus gelebt hatte, beherrschte die direkte Kommunikation noch immer nicht, sondern zog es vor, von Zimmer zu Zimmer zu brüllen. Ebenso wenig hatte sie, so hatte es den Anschein, gelernt, die Treppe hinunterzugehen, ohne das ganze Haus zum Wackeln zu bringen.

»Hab ich eine Bluse für die Schule?« Sie hüpfte praktisch auf der Stelle, ihr Ton war drängend. Es verwunderte Jackie, dass, obwohl sie das Haus jeden Morgen um 7.45 Uhr verließen, und das schon seit sechs Jahren, die Zeit Martha immer wieder wie ein Schock zu erfassen schien, eine Abweichung von der Norm. Morgen für Morgen.

Jackie sah ihre Tochter an, die ihren engen, schwarzen Schulrock trug, eine dicke Wollstrumpfhose und ein Schlafanzugoberteil, dazu stank sie nach Parfüm und versuchte, sich die Haare zu toupieren, während sie im Türrahmen herumhampelte. Ausnahmsweise würde sie keine Bemerkung über den schwarzen Kajal machen, der die hübschen blauen Augen ihrer Tochter umrahmte und die obere Hälfte ihres herzförmigen Gesichts noch mehr betonte. Auch so eine Unterhaltung, die man nicht immer wieder führen musste. Davon abgesehen, wenn sie erst Anwältin war und die Stufen zum Gericht in einer gestärkten weißen Bluse mit einer Aktentasche voller wichtiger Notizen hinauflief, hatte sie sicher ihr verknotetes Haar und das übertriebene Augen-Make-up überwunden. Dann würde sie ihren Kollegen nacheifern wollen. Bei dieser Vorstellung lächelte Jackie. Ihr geniales Mädchen, das bald den Schulabschluss machte, der sie auf direktem Weg zu einem Studium und einer überwältigenden Karriere führen würde. Jackie würde nie den Besuch von Mrs Fentiman vergessen, einer Frau, die einen Vortrag über die erfreulichen Vorzüge des Jurastudiums an Marthas Schule gehalten und ein so lebhaftes Bild des Berufs gezeichnet hatte, dass Jackie förmlich den Champagner schmecken konnte, mit dem sie auf ihre Siege anstießen, und den lederbezogenen Tisch riechen konnte, an dem sie saß und der den perfekten Blick auf die St.-Paul’s-Kathedrale bot. Sie trug einen elegant geschnittenen Anzug und Chanel-Ohrringe. Jackie wollte genau dieses Leben für Martha, genau dieses. Sie wollte, dass Martha in Schulen ging und Mädchen dazu inspirierte, etwas Besseres anzustreben, sie wollte, dass sie in Sälen aus Champagnerflöten trank, statt Cider aus einfachen Gläsern unten am Pier.

»Also, hab ich noch eine Bluse?«, hakte Martha nach.

Jackie nickte. »Im Wäscheschrank.«

»Dem Wäscheschrank oben an der Treppe, wo ich gerade herkomme?« Martha deutete zur Decke.

»Genau der.« Jackie fuhr mit den Fingern die Wörter des Artikels ab und ignorierte den Sarkasmus ihrer Tochter.

»Was liest du da, wenn ich fragen darf?« Martha kaute Kaugummi, vor dem Frühstück, was Jackie unerklärlich war. Da musste doch alles nach Minze schmecken, und was, wenn sie ihn versehentlich verschluckte? Darüber durfte Jackie gar nicht nachdenken.

»Einen Artikel über Fenster im Wintergarten und wie man sie sauber macht.« Sie warf ihrer Tochter einen Blick zu, während ihr die mit Schildpatt verzierte Brille die Nase hinunterglitt.

»Wir haben doch gar keinen Wintergarten!« Martha verdrehte die Augen.

Jackie nahm die Brille ab und schaute zur hinteren Küchenwand, deren Breite der des Hauses entsprach. »Noch nicht. Noch habe ich keinen Wintergarten.«

Martha verdrehte wieder die Augen. »Könnt ihr statt einem Wintergarten nicht vielleicht den Dachboden ausbauen, damit ich mir nicht länger mit Jonty das Zimmer teilen muss? Ich hasse das. Das ist nicht fair!«

»Wirklich, Martha? Komisch, das höre ich ja zum ersten Mal.« Sie lächelte schief, während ihre Tochter die Treppe wieder hinauftrampelte. Jackie durchzuckte das gewohnte Schuldgefühl. Martha hatte ja recht; sie sollte nicht mit ihrem kleinen Bruder in einem Zimmer wohnen müssen. Jonty hatte ins Zimmer seiner großen Schwester umsiedeln müssen, als Jackies Mutter zu ihnen zog, und lediglich ein paar Bücherregale dienten als Raumteiler. Es war Marthas Lieblingsthema. Jackie hatte gehofft, dass ihre Klagen darüber, wie ungerecht sie behandelt wurde, nachlassen würden. Das taten sie nicht.

Zum ersten Mal an diesem Tag dachte sie über die siebentausendvierhundertzweiundachtzig Pfund nach, die auf ihrem gemeinsamen Sparkonto lagen, und das schon seit etwas über einem Jahr. Das Geld war vom Verkauf des Hauses ihrer Eltern in der nicht weit entfernten Addicott Road übrig geblieben, nachdem sie die Hebevorrichtung bezahlt hatten, die im Bad angebracht worden war. Eine Hebevorrichtung, die ihre Mutter nie benutzte, weil sie zu große Angst davor hatte, noch dazu zeigte sich, dass es viel einfacher war, sie in die Dusche zu stellen; das gab wesentlich weniger Theater. Die Hebevorrichtung hatte jedoch nicht einmal so viel gekostet wie der Treppenlift, der ebenfalls eingebaut worden war. Ein Treppenlift, an dem Jackie sich des Nachts die Schienbeine aufschlug und dessentwegen sie unaufhörlich Jonty ermahnen musste, der ihn nur zu gern als Aufzug für sich oder seine Transformer benutzte.

»Ich komme heute spät nach Hause. Bristol City hat ein Heimspiel, passt zeitlich super, an einem Dienstagabend. Musst dir also mit dem Abendessen keine Mühe geben, ich hole mir was beim Ashton Gate.« Dies schrie ihr Ehegatte Pete aufgeregt vom Treppenansatz herunter. Sie schüttelte den Kopf; kein Wunder, dass Martha die Brüllerei für normal hielt.

»Okay.« Sie seufzte, griff nach ihrer Tasse und leerte sie. Die beste Tasse Tee des Tages war zweifellos diese allererste.

»Ma-ma?«, rief Jonty durch die geschlossene Schlafzimmertür.

»Ich geb’s auf.« Jackie schlug die Zeitung zu und stellte die leere Tasse und den Teller in die Spüle. »Ja, mein Spatz?«

»Ich muss etwas mitbringen, um ein berühmtes Gebäude zu basteln!«

»Bitte?« Jackie fuhr herum und marschierte von der Küche in den schmalen Flur, wich der Sporttasche und den Kartonstapeln aus und hoffte inständig, dass sie sich verhört hatte.

»Mrs Palmer hat gesagt, dass wir was von unserem Müll und Recyclingabfall mitbringen sollen, damit wir daraus ein berühmtes Gebäude basteln können.« Die Anweisungen klangen ziemlich präzise, er schien sie von einem Stück Papier abzulesen, das er gerade erst wiederentdeckt hatte.

»Bis wann brauchst du das?« Nicht bis heute, bitte, nicht bis heute …

»Bis heute!«, antwortete er.

»Mein Gott, Jonty! Und das sagst du mir erst jetzt?«, entfuhr es Jackie. Sie stemmte die Hände in die Hüften und suchte nach einer Lösung: Was hatten sie kürzlich weggeworfen, das einem Gebäude ähnelte?

»Ich dachte, wir brüllen nicht durchs Haus?« Marthas Kopf erschien hinter der Badezimmertür. Sie hielt ein Glätteisen in der Hand, das am Treppenansatz eingesteckt war.

»Jetzt sei nicht sarkastisch zu deiner Mutter«, fuhr Pete dazwischen, während er in seiner weiten Jogginghose, dicken Socken, dem langärmeligen Shirt und einer Thermoweste die Stufen herunterpolterte: die Uniform eines Mannes, der an der frischen Luft arbeitete.

»Ich hätte es dir ja eher gesagt, aber ich habe es vergessen!«, erklärte Jonty.

»Haben wir keine Milch mehr?«, rief Pete.

Jackie drehte den Kopf Richtung Küche. »Doch, die steht an der Seite, beim Wasserkocher!« Dann nahm sie die erste Stufe. »Vergessen ist nicht so gut, Jonty. Ich habe dir doch gesagt, du sollst mir sofort alle Mitteilungen oder Blätter geben, die du aus der Schule mitbringst. So bleibt uns ein bisschen Vorlauf bei solchen Sachen.«

»Ja, keiner will eine Wiederholung des peinlichen Erntedankfests!« Martha lachte.

»Danke für diesen Beitrag, Martha! Jetzt werd endlich fertig.« Jackie spürte, dass ihre Wangen rot wurden, als sie sich daran erinnerte, wie sie Jonty mit einer Dose Pinto-Bohnen und einem Creme-Ei von Cadbury zum großen Erntedankfest geschickt hatte. Das war alles, was sie auf die Schnelle auftreiben konnte, bevor sie durch die Tür mussten. Offenbar hatte Mrs Palmer die beiden Gaben misstrauisch beäugt und gefragt, was Pinto-Bohnen seien. Jontys Antwort: »Damit macht man Pinto.« Jackie hatte sie versehentlich aus dem Supermarktregal gegriffen und war insgeheim froh, dass sie nicht länger im Küchenschrank lauerten und sie mit ihrem tollen Etikett damit aufzogen, dass sie über keine nennenswerten Kochkünste verfügte.

»Tut mir leid, Mama«, sagte Jonty.

»Schon gut.« Sie lächelte. Die Kinderstimme ihres achtjährigen Sohnes und seine Reue trafen direkt ins Herz. Er war ein guter Junge, ihr Baby. »Kommt ihr dann beide mal runter und frühstückt, ich möchte heute nicht wieder zu spät losfahren!«

»Ich habe dir schon vor einer Woche einen Zettel gegeben. Da stand alles über eine Kunstexkursion nach Paris, und du hast noch immer nicht gesagt, ob ich mitfahren darf oder nicht!«, sagte Martha.

»Dein Vater und ich beratschlagen noch darüber.« Jackie nickte. Sie legte sich die Hand an die Stirn, dachte gleichzeitig darüber nach, was sie Jonty mitgeben konnte und wie sie Martha erklären sollte, dass ihre Mittel nicht für eine Exkursion nach Paris reichten. Das Geld auf dem Sparkonto war für schlechte Zeiten oder Ausgaben, die für die Mutter anstanden. Ihr Wintergarten war ein Wunschtraum, genauso, traurigerweise, das Ansinnen ihrer Tochter, nach Paris zu fahren. Paris! Sie musste kichern. Zu ihrer Zeit fuhr man zum Kernkraftwerk Oldbury, Mittagessen inklusive.

»Worüber beratschlagen wir noch?«, fragte Pete aus der Küche.

»Marthas Reise nach Paris!«, antwortete Jackie.

»Das heißt, ich darf mit?«, fragte Martha.

Jackie schüttelte den Kopf. »Wir beratschlagen es noch.«

»Ich verstehe nicht, dass da überhaupt jemand hinwill!«, fiel Pete vom Küchentisch aus ein. »Dreckiger, fürchterlicher Ort, wo du eh nur ausgeraubt wirst und einen Kredit aufnehmen musst, um dir eine Tasse Tee leisten zu können!«

»Papa, du glaubst, dass ich überall ausgeraubt werde! Sogar als ich allein mit dem Bus nach Worle gefahren bin, und da ist auch nichts passiert.«

»Du hattest einfach nur Glück, mein Kind. Und nur weil du Worle überlebt hast, heißt das noch lange nicht, dass das auch für Paris gilt.«

»Woher willst du eigentlich wissen, wie es in Paris ist? Du warst doch selbst nie dort«, stellte Martha klar.

»Weil ich kein Interesse dran habe, deshalb.«

»Himmel, Papa, du findest ja schon, dass ein Tag in Bristol aufregend ist.«

»Ist er, wenn dort City spielt.« Pete klatschte laut in die Hände.

»Darf ich mitkommen, Papa? Um City spielen zu sehen?«, fragte Jonty.

»Nein, mein Junge. Keine Spiele mitten in der Woche, bis du nicht eine Runde im The Robins schmeißen kannst, das sind die Regeln.«

»Ich glaube, du denkst dir die Regeln immer nur so aus, wie es dir passt.« Martha kam ihrem kleinen Bruder zu Hilfe. »Es hängt nicht von Papa ab, ob ich nach Frankreich darf, oder, Mama? Du weißt doch, wie er ist.«

»Ich kann dich hören, Miss Martha!«, rief Pete.

»Welches Gebäude mache ich, Mama?«, fragte Jonty.

»Ähm …« Jackie wartete auf einen Einfall, als eine Glocke erklang, klar und deutlich über das Geschnatter und Geschimpfe hinweg zu hören.

»Oma klingelt!«, riefen Jonty und Martha gleichzeitig.

Ich weiß. Ich habe es gehört.

Als Jackies Mutter, Ida Morgan, vor achtzehn Monaten zu ihnen gezogen war, hatte sie verwirrt und durcheinander gewirkt, sodass Jackie ihr eine kleine Handglocke gab, damit sie sofort klingeln konnte, sobald sie bei etwas Unterstützung brauchte. Und die brauchte sie oft, wie sich herausstellte.

Die ersten Anzeichen von Idas Demenz vor ein paar Jahren hatten sie geflissentlich ignoriert. Jackies Vater, Don, hatte alles heruntergespielt, und sie waren nur zu gern darauf eingestiegen, hatten die Mutter ebenfalls wegen ihrer Unachtsamkeit aufgezogen. Was machte es schon, wenn Ida vergaß, wo sie wohnte, oder tiefgefrorene Pommes frites servierte, weil sie vergessen hatte, sie vorher in den Ofen zu schieben? Wenn sie alle mit dem falschen Namen ansprach, Eier in den Wäschetrockner legte und die Autoschlüssel in die Kaffeedose? Jackies Vater hatte das alles heruntergespielt und gute Miene zum bösen Spiel gemacht, um seine Frau und die einzige Tochter nicht zu beunruhigen. Doch nach seinem Tod hatte sich Idas Zustand rapide verschlechtert; oder aber Jackies Vater hatte ihr das Ausmaß der Krankheit vorenthalten. So oder so war der Schock groß.

Anfangs war Jackie tagsüber bei ihrer Mutter in der Addicott Road gewesen, um ihr Gesellschaft zu leisten. Jeden Abend war Pete aufgetaucht und hatte sich davon überzeugt, dass alle Türen und Fenster zur Schlafenszeit verschlossen waren. Eines Abends hatte er sie mit nichts als ihrem Nachthemd bekleidet im Garten gefunden, wie sie Essen auf dem kleinen Fleckchen Wiese verteilte. Er sah ihr dabei zu, wie sie rohe Kartoffeln aufhäufte, Müsli aus den Packungen verstreute und dann ein altes Suppenhuhn und Käse auf das Gras warf.

»Was machst du da, Ida?«, fragte er sanft.

Sie schaute ihn an, ohne ihn zu erkennen. »Ich füttere die Kaninchen«, antwortete sie. »Das können sie nämlich nicht selbst!«

»Das solltest du nicht tun, Ida. So lockst du die Ratten an«, sagte er noch sanfter und zerbrach sich den Kopf, ob sie wohl je ein Kaninchen als Haustier gehalten hatten.

»Sei nicht albern!«, empörte sie sich. »Das Futter ist nicht für die Ratten, sondern für die Kaninchen!«

Er hatte sie zurück ins Haus gebracht, wo sie sich einen Tee gekocht hatte, als wäre nichts geschehen.

Bald darauf hatten Jackie und Pete entschieden, dass sie zu ihnen in die Sunnyside Road ziehen sollte. Achtzehn Monate später war Jackies Mutter sehr gebrechlich. Meist war sie ruhig, ab und zu hatte sie mal einen klaren Moment. Sie zog das Bett der Couch vor; genauso mochte sie lieber Dinge, die ihr bekannt waren, und eine strenge Routine. Manchmal erkannte sie ihre Familie, dann wieder nicht. Für Ida bedeutete es ein dunkles, schweres und einsames Leben. Und, so schlimm es auch war, sich dies einzugestehen, aber für Jackie, Pete und die Kinder war es, als lauerte ein schauriges Schreckgespenst in den Zimmern, die Ida bewohnte, sichtbar und beängstigend; wer die Wahl hatte, mied es, sich in dessen Schatten aufzuhalten. Natürlich liebten sie Ida, aber die Kinder erkannten nicht mehr viel von ihrer Oma in der alten Dame, die schrie und pfiff; sie ähnelte kaum noch der Oma, die den besten Apfelkuchen der Welt machte und ihnen vorm Zubettgehen Süßigkeiten zusteckte, wenn ihre Mutter nicht hinsah.

Jackie legte sich die Hände an den Mund und rief: »Bin gleich da, Mama!«, bevor sie in die Küche stürzte. »Mama läutet, Pete. Tu mir einen Gefallen und versuch, etwas zu finden, woraus Jonty ein Gebäude basteln kann. Und zwar im Recyclingcontainer hinterm Haus.« Sie verschwand im Flur.

Pete, der sich Cornflakes in den Mund geschaufelt hatte, verharrte und starrte seiner Frau nach. »Bitte was?«, fragte er, aber da war es schon zu spät, und sie rannte die Treppe hinauf.

Jackie stand auf dem kleinen Treppenabsatz und griff nach der Türklinke. Sie atmete ein und setzte ein Lächeln auf.

Mit angehaltenem Atem wie jeden Morgen versuchte sie, sich vor dem klaustrophobischen Mief aus Ammoniak, Blähungen und etwas, das man nur Verrotten nennen konnte, zu schützen, und ging zu den Vorhängen, zog sie ganz zurück, öffnete das Fenster ein kleines Stück und hieß den kühlen Windhauch willkommen, der ihr ins Gesicht blies. Das Zimmer hatte eine anständige Größe, gegenüber dem Fenster stand ein Doppelbett, und in die eine Wand war ein Kleiderschrank eingebaut. Die geblümten Teppiche stammten noch aus dem elterlichen Haus, genauso die Gemälde an den Wänden und die vielen Fotos, aufgereiht auf der Fensterbank, die Jackie in jedem Alter zeigten.

Sie wandte sich der schrumpeligen Gestalt zu, die in der Mitte des Betts lag. Ida wurde von Monat zu Monat weniger, sank jede Nacht tiefer in die Matratze, bis sie irgendwann, wie Jackie sich vorstellte, zu Staub würde und gänzlich verschwände. Wenigstens konnte Jonty dann sein Zimmer wiederhaben. Sie verscheuchte den schäbigen Gedanken. Dies war schließlich immer noch ihre Mutter.

»Guten Morgen, Mama«, flötete sie, ohne mit einer Reaktion zu rechnen. Jackie setzte eine falsche Fröhlichkeit auf, wenn sie mit ihrer Mutter sprach. Das machte es leichter, zu lächeln und heiter zu erscheinen, genau wie bei einem langweiligen oder schwierigen Kunden. »Wie hast du geschlafen? Gut? Komm, ich helfe dir auf.«

Sie schlug die pinkfarbene, bestickte Tagesdecke zurück, die das Ehebett ihrer Eltern schmückte, seit sie denken konnte. Sie erinnerte sich noch lebhaft daran, wie ihre Mutter sie einmal ausgeschimpft hatte, als sie an einigen der winzigen Fäden gezogen und so über mehrere Zentimeter das Muster ausgelöscht hatte, sodass dort ein kahle Stelle prangte. Diese Überdecke war einer der Schätze gewesen, die mit ihrer Mutter hergezogen waren.

»Was für ein herrlicher, neuer Tag.« Jackie strahlte, als sie das verwaschene lila Nachthemd ihrer Mutter bis über ihre Windel hinaufzog. Der durchnässte Klumpen, der zwischen Idas ausgemergelten Beinen saß, war ihr nicht mehr peinlich, vielmehr bemerkte sie ihn kaum noch. Ihre Bewegungen waren zielgerichtet, sachlich, konzentriert. Das war nicht immer so gewesen. Die ersten Monate hatten eher einer steilen Lernkurve geglichen. Der Körper ihrer Mutter hatte Jackie erschreckt, und ihre Zögerlichkeit und der Widerwille, sie anzufassen, hatten die düstere Realität für beide noch verschlimmert. Sie waren nie sehr körperbetont gewesen, hatten nicht zu denen gehört, die sich umarmten und küssten. Nacktheit gehörte zu den großen Tabus. Vor dieser gewaltigen Veränderung in ihrer Beziehung hatte Jackie ihre Mutter vielleicht ein- oder zweimal im Badeanzug gesehen, aber das war das Äußerste an Intimität. Und plötzlich sah sie sich gezwungen, sie unter den flachen, hängenden, dreieckigen Brüsten mit den langen Brustwarzen, die zum Boden zeigten, zu waschen; die alte, ledrige Haut zu berühren, die fast durchsichtig erschien und sich über zerbrechliche Knochen spannte, von vortretenden, lilafarbenen Venen durchzogen; und ihre Scham zu bedecken, nun haar- und zwecklos. Anfangs fand sie das abstoßend, schockierend, aber schon bald war auch dies nur eine weitere Stelle, die eingeseift und abgetrocknet werden musste, bevor sie hinter einer erniedrigenden Erwachsenenwindel verschwand, die ihre Mutter in den Zustand eines hilflosen Babys versetzte.

»Jetzt machen wir es dir gemütlich.« Jackie lächelte, während sie ihre Mutter vorsichtig drehte, bis sie auf dem Rücken lag. Das Knistern der Matratzenauflage sorgte für das gewohnte Hintergrundgeräusch. Jackie nahm eine frische Windel aus dem Korb auf der Kommode und griff nach den Feuchttüchern direkt daneben. »Erst mache ich dich sauber, Mama, und dann bringe ich dir eine schöne Tasse Tee. Was hältst du davon? Ich fahre schnell die Kinder zur Schule, und wenn ich wieder da bin, mache ich dir dein Frühstück. Das wird nicht allzu lange dauern, und Pete ist noch ein bisschen hier. Du bist nur ein paar Minuten allein.« Das war so ziemlich das, was sie jeden Morgen sagte, ohne zu wissen, wie viel davon bei ihrer Mutter ankam, aber sie wiederholte es trotzdem jedes Mal, um sich selbst zu beruhigen.

»Ich … ich warte auf einen Brief«, sagte ihre Mutter. Klar und deutlich.

»Ah, stimmt. Der Briefträger war leider noch nicht da, aber ich halte die Augen nach ihm auf. Wenn er einen Brief für dich dabeihat, dann bringe ich ihn dir sofort hoch.« Sie sprach mit einem Singsang, als hätte sie es mit einem bockigen Kind zu tun. Auf Briefe zu warten, die niemals kamen, gehörte zu Idas neuesten Spleens. Es fing eines Sonntags an, als sie beim Abendessen plötzlich in Tränen ausbrach und schrie: »Ich habe sie verloren! Ich habe sie alle verloren! Es war ein Bündel, alle meine Briefe gebündelt. Ich wollte sie sicher aufbewahren, aber jetzt sind sie weg!« Niemand wusste, wovon sie sprach, aber sie fanden bald heraus, dass es am besten war, einfach mitzuspielen.

»Ich habe eine Idee!«, rief Pete von unten. »Wie wäre es mit dem schiefen Turm von Pisa? Das geht mit vier leeren Bierdosen und einer Cornettoverpackung.«

»Ich will keinen Turm! Das ist doch Müll!«, widersprach Jonty. »Ma-ma? Ma-ma? Sag Papa, ich kann nicht einfach einen Turm machen, das ist Müll.«

»Es soll doch Müll sein, du Trottel.« Martha lachte.

»Einen Moment, Mama.« Jackie zog die Decken über Idas halb nackten Körper. Dann schob sie die gebrauchte Windel in einen leeren Müllbeutel und knotete ihn zweimal zu. Den Kopf aus der Tür steckend, sagte sie leise, aber bestimmt:

»Martha, nenn deinen Bruder nicht Trottel. Und Jonty, du hast zu diesem Zeitpunkt nicht mehr wirklich viele Wahlmöglichkeiten. Papa gibt sein Bestes, um so kurzfristig noch etwas für dich zu finden. Und jetzt geht bitte frühstücken, ihr beiden.« Sie lächelte ihren kleinen Jungen an, der mit verschränkten Armen vor ihr stand.

»Ich will aber keinen Turm machen. Das ist doch blöd.« Seine Augen waren voller Tränen.

»Was willst du dann?« Jackie sprach schnell, um ihren Sohn damit ebenfalls zur Schnelligkeit zu mahnen. Sie musste sich noch um ihre Mutter kümmern, dann das Frühstücksgeschirr spülen und das alles in sechzehn, nein nur noch fünfzehn Minuten, dann mussten die Kinder schon im Auto sitzen.

»Die Clifton Suspension Bridge.« Seine Augen glänzten bei der Vorstellung.

»Die Clifton Suspension Bridge?« Pete lachte schallend. »Dann hättest du großes Glück, mein Sohn. Tut mir leid, du musst mit dem schiefen Turm von Pisa vorliebnehmen. Oder dem Engel des Nordens, wenn du diese drei Kleiderbügel entsprechend zurechtbiegst.« Er hielt sie hoch.

»Der Engel des Nordens ist doch kein Gebäude!«, rief Martha, während sie die Treppe hinunterpolterte, eine Tasche und ihre Jacke über der Schulter.

»Oh, Entschuldigung! Wir können ja nicht alle so schlau sein, oder, Jackie?« Er zwinkerte seiner Frau vom Fuß der Treppe her zu.

Jackie beugte sich vor und wuschelte ihrem Sohn durchs Haar. »Dein Turm wird toll, Jonty. Du kannst ihn anmalen oder mit Folie umwickeln und mit allem möglichen Kram verzieren. Das sieht bestimmt richtig gut aus. Und unter den Umständen ist es die beste Lösung.«

»Okay«, murmelte er und ging endlich hinunter, um zu frühstücken.

Jackie richtete sich auf und ging wieder ins Zimmer ihrer Mutter. Sofort schlug ihr der Geruch von Fäkalien entgegen, beleidigte ihre Nase und ließ sie würgen. »O Gott!«, flüsterte sie und legte sich die Hand über Nase und Mund.

»Ich habe Wasser gelassen«, stellte Ida sachlich fest, als würde sie nur sagen, um welchen Wochentag es sich handelte.

Jackie nickte und schlug die Decken zurück, wobei sie versuchte, nicht durch die Nase zu atmen. »Kein Problem, Mama. Kleine Planänderung: Wir duschen dich kurz ab, bevor ich die Kinder zu Schule bringe, ja?« Sie zog das Laken vom Bett, legte es um ihre Mutter und brachte sie in Sitzposition.

»Ich erwarte einen Brief.«

»Ja.« Jackie nickte, half ihrer Mutter dabei, sich hinzustellen, und fing das Federgewicht ab, mit dem sich ihre Mutter an sie lehnte. »Sobald er ankommt, bringe ich ihn dir, keine Sorge.«

Glücklicherweise war das Bad nun frei. Mit dem Ellbogen schob sie die Tür auf, stellte die Dusche an, wickelte ihre Mutter aus dem Laken und zog ihr Nachthemd, Socken und Unterhemd aus, die sie in der Ecke zusammenschob. »Dann wollen wir mal.« Sie führte ihre Mutter unter den Brausekopf.

»Oh! Zu heiß! Du verbrennst mich! Hilfe! Hilf mir doch jemand!«, kreischte Ida.

Jackie hielt ihre Hände unter das Wasser. »Sieh doch mal, Mama. Wenn es zu heiß wäre, würde es auch mich verbrennen, und das tut es nicht. Es ist in Ordnung, ich hab das doch geprüft. Ich verspreche dir, es ist nicht zu heiß.« Sie griff nach dem Duschgel, das mit seinem praktischen Haken direkt an der Duschstange hing. »Alles in Ordnung, Mama, genau die richtige Temperatur. Merkst du es? Alles gut.«

Sie brach nicht mehr in Panik aus, wenn ihre Mutter schrie, dass sie verbrannt wurde, obwohl ihr immer noch das Herz stockte bei Idas Schreien. Sie war daran gewöhnt, rechnete sogar damit. Und seit sie ihren direkten Nachbarn Angela und Ivor erklärt hatte, dass sie diese Schreie regelmäßig hören würden, beschlich sie nicht mehr die Angst, in Schwierigkeiten zu geraten. Sie versuchte, nicht auf die dunklen Klumpen zu schauen, die sich im Abfluss der Dusche sammelten, die auch ihre Kinder benutzten. Stattdessen konzentrierte sie sich darauf, genug Schaum zwischen ihren Händen entstehen zu lassen, um ihre Mutter so schnell wie möglich komplett einzuseifen.

Es blieben nur noch vier Minuten, als sie ihre Mutter, die nach Puder roch und in ihre flauschige Bettjacke gewickelt war, in ein frisches Bett setzte, Radio 4 zur Unterhaltung eingeschaltet.

Pete klopfte und trat mit einem Tablett ein, auf dem eine Tasse Tee stand und ein Teller mit drei Plätzchen. »Guten Morgen, Ida. Hier, eine schöne Tasse Tee für dich.« Er stellte das Tablett auf den Nachttisch.

»Danke, Toto. Du bist so gut zu mir.« Ida strich sich das schüttere Haar glatt.

»Danke, mein Lieber.« Jackie lächelte ihren Mann an, dessen kleine Gesten in Zeiten der Eile wirklich einen Unterschied machten.

»Toto?«, rief Ida aus ihrem Nest von Kissen, in das sie gesetzt worden war.

»Ja?« Pete blieb in der Tür stehen und drehte sich um. Es machte ihm nichts aus, mit Idas längst verstorbenem Bruder verwechselt zu werden. Toto war Mitglied der Royal Air Force gewesen, und wenn Pete ehrlich war, gefiel es ihm, dass sie glaubte, er habe einen beeindruckenderen Beruf, als Terrassen für die vielen neuen Häuser zu bauen, die gerade überall aus dem Boden schossen.

»Ich muss den Brief sehen.« Sie sah ihn besorgt an.

»Mach dir keine Sorgen. Wenn er heute ankommt, bringen wir ihn dir sofort.«

»Ma-ma?«, rief Jonty.

»Ja, Spatz, ich komme! Ich bin gleich wieder da, Mama, und dann bringe ich dir dein Frühstück, ja?«

Ida griff nach dem Tee, in dem wie immer abgekühlte Milch war, und ignorierte ihre Tochter.

Es war ein Tag wie jeder andere.

 

Zwei

Neunzehn Jahre zuvor

Ihr Vater stand draußen, als warte er darauf, sie zu begrüßen. »Was glaubst du eigentlich, wie spät es ist?« Sein Ton war streng, aber das Lachen in seinen Augen verriet ihn.

Jackie lachte ihn an, wie er da in der Mitte der Wiese stand, die Ärmel bis zum Ellbogen aufgerollt, auf den Bügel des Rasenmähers gestützt, und ein ernstes Gesicht machte. Der Geruch des frisch gemähten Grases war berauschend, erinnerte sie an Sonnenschein und faule, schulfreie Tage. Die Wiese sah wie immer makellos aus, genauso die geraden, unkrautfreien Ränder. Er wurde nie müde zu erwähnen, dass eine Wiese, genau wie das Haupthaar, einer regelmäßigen Zuwendung bedurfte.

Die Sommerferien standen bevor, und sie konnte sie kaum erwarten. Sechs Wochen lang würde sie nichts anderes als Shorts tragen und sich nicht vom gefürchteten Wecker aufscheuchen lassen müssen. In dieser Zeit erwachte Westonsuper-Mare zum Leben, Touristen belagerten die Frühstückspensionen, und die vielen unbekannten Gesichter brachten Abwechslung und Aufregung, wenn sie die Marine Parade entlangspazierten. Es war die Zeit im Jahr, in der alle erleichtert aufatmeten. Es floss Geld, wenn die Menschen für Eis, Pommes oder Eselreiten anstanden. Gelächter und der Geruch von Sonnencreme sammelten sich in beißenden Wolken, selbst in den dunkelsten Ecken, und hellten die Stimmung auf.

Sie schaute auf ihre Uhr. »Fast halb sechs!«

»Hattest du einen guten Schultag?«, fragte er, zündete sich eine Zigarette an und sog den Rauch so tief ein, als handele es sich um frische Luft. Dann schüttelte er das Streichholz zweimal, um sicher zu sein, dass es wirklich gelöscht war, wie es seine Gewohnheit war.

Sie nickte; es war sogar ein einzigartiger Tag gewesen. Aufgeregtheit stieg in ihr auf wie eine Seifenblase.

»Wie war’s beim Korbball?«

»Wir haben gewonnen! Obwohl die Schiedsrichterin nichts taugte. Die war total parteiisch. Die Korbhüterin hat mich mehrmals berührt, als ich werfen wollte. Mehrmals! Und die hat das absichtlich übersehen, obwohl wir direkt vor ihrer Nase standen. Das hat mich so aufgeregt, aber weil ich wusste, dass ich dann nur Ärger bekomme, hab ich nichts gesagt.«

»Aber ihr habt trotzdem gewonnen?«

»Ja.«

»Dann hast du ja eine Lektion gelernt.« Er nickte vielsagend.

»Was denn für eine Lektion?« Jackie schob die Ärmel ihrer Strickjacke hoch.

Ihr Vater kratzte sich am Kinn. »Ich habe keine Ahnung. Vielleicht: Gut, wenn man nachdenkt, bevor man handelt, einen klaren Kopf behält, so was in der Art. Ihr habt schließlich gewonnen, deshalb: Wen juckt es schon?«

Er ging zu ihr und legte ihr die zigarettenfreie Hand auf die Schulter, zog sie zu sich und gab ihr einen Kuss auf den Kopf. Dann streute er eine Handvoll Gras über sie, das er nur zu diesem Zweck gesammelt hatte.

Jackie kreischte und sprang rückwärts, schüttelte das lange Haar und klopfte sich Jacke und Rock ab. »Pa-pa!« Instinktiv schaute sie zum Küchenfenster, wo ihre Mutter mit geschürzten Lippen und geradem Rücken an der Spüle stand. Jackie spürte förmlich die Missbilligung, die von ihr ausging.

»Oh, schau, die Spaßpolizei ist unterwegs.« Ihr Vater deutete mit dem Kopf Richtung Haus und verzog den Mund. »Ich warne dich vor, mit spontanen Lachanfällen ist nicht zu rechnen.« Er zwinkerte ihr zu.

Sie wollte lachen, kontern, aber das Gefühl, ihrer Mutter gegenüber nicht loyal zu sein, hielt sie davon ab. So war das immer. Als Einzelkind fühlte sie sich allzu oft wie die Schiedsrichterin inmitten der täglichen Gefechte ihrer Eltern.

»Hast du Hausaufgaben auf?«, fragte er.

»Ein paar. Ich muss eine Szene aus Oscar Wildes Ein idealer Gatte lesen. Und eine Grafik für Betriebswirtschaft machen.«

»Ein idealer Gatte? Na, da kann ich dir helfen. Wahrscheinlich handelt es von mir!« Er lachte laut mit zurückgeworfenem Kopf.

»Ich bin mir nicht sicher, ob Mama da deiner Meinung ist.« Jackie hängte sich die Tasche über die Schulter und ging zum Haus.

»Wenn ich schwarz sage, sagt deine Mutter weiß. Sie stimmt mir nie zu.«

Jackie überhörte seine Worte und drückte die Hintertür auf. Wollte sich nicht durch dieses emotionale Hin und Her den schönen Tag vermiesen lassen.

»Abendessen ist fast fertig.« Ihre Mutter sprach leise. Sie kippte Salz in einen Topf mit kochendem Wasser, in das sie danach die Möhren schütten würde, die schon geschält und in Scheiben geschnitten daneben lagen. »Du hast noch ein paar Minuten, kannst erst mal deine Sachen hochbringen und ankommen. Ich wollte gerade den Tisch decken.«

Jackie nickte und ließ den Blick über das Chaos gleiten, das ihre Mutter immer veranstaltete, wenn sie das Abendessen kochte.

»Worüber habt ihr beide denn gelacht? Ich habe gesehen, dass ihr im Garten rumgealbert habt.« Ida lächelte kurz, bevor sie Messer und Gabeln heraussuchte und nach dem Ketchup griff.

»Über nichts.« Jackie zuckte mit den Schultern, spürte aber, dass ihre Wangen brannten, so als wäre es verboten, mit ihrem Vater zu lachen.

Sie lief die Treppe hinauf, streifte die Schuhe ab, schob die langen Strümpfe hinunter und rieb sich die Stellen, wo das enge Gummi eingeschnitten hatte. Dann ließ sie sich aufs Bett fallen und starrte das Take-That-Poster an, bevor sie ihren Notizblock aus der Tasche angelte. Sie schrieb das Wort zum ersten Mal, malte ein Herz drum herum. Sven. Sven. Das war das Wort, das ihr durch den Kopf ging und ihr auf der Zunge saß. Sven. Er ging seit sechs Monaten auf ihre Schule, aber abgesehen von seinem blonden Haarschopf und den recht feinen, selbst gestrickten Pullovern, die ihr gleich aufgefallen waren, gab es keinen Kontakt zwischen ihnen. Er gehörte zu den intelligenten Kindern, und sie hatte, ganz wie ihre Mitschüler, über seine sonderbare Betonung einzelner Wörter gegrinst, was auf mehr hoffen ließ. Sie hatte in der Schlange vor der Essensausgabe gestanden und beobachtet, wie ein paar Jungen aus dem Fußballteam ihn gefragt hatten, ob er zu Abba gehörte oder ob seine Mutter oder sein Vater einen Volvo besaßen. Seine Antwort kam prompt: dass sie sich lächerlich machten, natürlich besäßen seine Eltern keinen Volvo, aber – ja – er sei tatsächlich Agnetha von Abba. Sven. Sie schrieb seinen Namen noch einmal und dann Jackie Lundgren daneben.

»Essen ist fertig!«, rief ihre Mutter von unten. Jackie klappte den Notizblock zu und schob ihn unter ihr Kopfkissen, damit sie später weitermalen konnte.

Sie schlich die Treppe hinunter und blieb kurz vor dem Spiegel im Flur stehen, um ihre Brüste hochzudrücken, wünschte, sie wären größer. Ihre Freundin Gina hatte gigantische Brüste, obwohl ein Vergleich zwischen ihnen wohl dumm war, schließlich konnten Gina und sie unterschiedlicher nicht sein. Seitlich betrachtet konnte man kleine Hügel sehen, aber von vorn sah sie komplett flach aus.

»Warum so niedergeschlagen?«

Sie schaute ihre Mutter an. »Ach, nichts. Ich würde manchmal nur gern ein bisschen mehr wie Gina sein.«

»Gina?« Ihr Vater lachte. »Du machst Witze! Ich will ja nicht gemein sein, aber wenn sich je jemand auf sein Hirn verlassen musste, dann ja wohl sie. Du hingegen kannst dich, wie der Rest der Familie, auf dein Aussehen verlassen, um es weit zu bringen.« Er schlug mit den Wimpern.

»Jetzt bild dir mal nichts ein. Auf deine Vorfahren trifft das vielleicht zu, aber mein Vater war sehr intelligent«, sagte Ida, während sie den Teller vor ihre Tochter stellte. »Er saß sogar im Vorstand der Gaswerke. Ein sehr scharfsinniger Mann mit einem kleinen Anlagevermögen in Pfandbriefen.«

Ihr Vater verzog das Gesicht. »Ach ja, die mysteriösen Pfandbriefe. Ich sag dir was, Ida, wenn es die wirklich gäbe, dann hätten wir uns die schon vor Jahren auszahlen lassen und ein paar schöne Wochen auf Teneriffa verbracht. Bis sie auftauchen, heißt es wieder eine Woche Wohnwagen wie üblich.« Er lachte.

Jackie betrachtete die Möhren, Erbsen, gekochten Kartoffeln und die Hühnchenpastete, die sich so wunderbar wölbte, genau wie sie es mochte.

»Mann, ist das lecker!« Sie sah, wie ihr Vater, den Mund voll, seiner Frau zuzwinkerte, woraufhin ihre Mutter, dankbar für das Kompliment, vor Glück strahlte. Als könnte sie gar nicht anders. Jackie jagte die Erbsen über den Teller und fragte sich, was Schweden wohl zu Abend aßen.

»Na, woran denkst du so intensiv, meine Tagträumerin?« Ihr Vater lud sich ein Stück Pastete mit viel Bratensoße und Möhren auf die Gabel.

»Bitte?« Jackie hatte nicht zugehört.

»Du warst ganz woanders, du grübelst doch nicht etwa immer noch über die Schiedsrichterin?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, ich habe mich gerade gefragt, was Schweden wohl zu Abend essen.«

»Knäckebrot vermutlich. Das kommt aus Schweden.« Ihre Mutter nickte, sie war sich sehr sicher.

»Und vergorenen Hering«, fügte ihr Vater hinzu. »Ein Kollege auf der Bohrinsel hat mir davon erzählt. Sie lassen den Fisch in einer Büchse verfaulen, und dann essen sie ihn ein Jahr später. Oder so in der Art.«

»Himmel, das klingt ja entsetzlich!« Jackie verzog das Gesicht.

»Woher kommt denn das plötzliche Interesse an schwedischem Essen?« Ihr Vater sprach mit offenem Mund, und fast wären ihm ein paar Erbsen entkommen; er schloss schnell die Lippen.

»Nur so, da ist ein Junge aus Schweden in meiner Stufe. Er heißt Sven.« Sie war froh über die Gelegenheit, ihn erwähnen und seinen Namen laut aussprechen zu können.

»Sven, ja? Ist er einer der Typen von Abba?« Don lächelte seine Tochter an.

Jackie lachte laut. »Nein! Er ist sehr klug und witzig und …« Sie musste wieder an sein Gesicht denken, sein dichtes Haar, seinen intensiven Blick. »Sein Vater ist Architekt, arbeitet in Bristol. Die anderen ziehen ihn auf, dabei ist er einfach nur ein bisschen anders.«

Sie bemerkte den Blick, den ihre Eltern wechselten. »Ich dachte, du magst Peter Davies?«, fragte ihre Mutter, während sie mit der Gabel die Erbsen zerdrückte.

»Ich mag ihn ja auch. Aber wir sind nur Freunde.« Jackie hielt den Blick auf ihren Teller gerichtet und versuchte, die Erinnerung an ihren Kuss auf der Tanzfläche von Mr B’s Nachtklub zu verdrängen.

»Seine Mutter glaubt, ihr seid mehr als das. Sie hat gesagt, dass ihr miteinander geht. Er ist offenbar ziemlich verliebt«, sagte Ida unverfänglich.

Jackie erschauderte. Sie hatte das mit Pete abgehakt; jetzt daran erinnert zu werden, machte sie ärgerlich. »Pete ist ein Trampel. Führt sich auf, als wäre er Gary Lineker.«

»Er darf zum Probetraining von Bristol City.« Ida trug Klatsch nur zu gern weiter.

»Als würden wir das nicht wissen, er spricht doch von nichts anderem. Sven ist nicht sportlich, er will an die Uni.«

»Sven, Sven, Sven! Ich glaube, ich kenne noch eine, die ein bisschen verliebt ist.« Ihre Mutter sprach mit ihrem Vater, als wäre Jackie gar nicht anwesend.

»Bin ich nicht!«, rief Jackie. »Er ist einfach in meiner Stufe, mehr nicht.«

»Gut«, sagte ihr Vater. »Peter ist ein feiner Kerl, und wir kennen seine Mutter.«

»Was hat das denn damit zu tun?«, schrie Jackie.

»Schrei nicht so rum!«, sagte Ida. »Kein Grund, so ein Drama zu machen.«

»Drama? Ich mache kein Drama, es seid ja wohl ihr beide, die mir sagen, ich muss Peter Davies heiraten, weil ihr seine Mutter kennt.«

»Wir haben nichts dergleichen gesagt«, wehrte Ida Jackies Vorwurf ab. »Ich bitte dich, Jackie!«

»Gut, ich glaube nämlich, dass ich jemand Besseres finden kann als einen Fußballer, der mit den besten Voraussetzungen für einen Job bei einem Fast-Food-Restaurant von der Schule abgehen wird.«

»Du musst nicht gemein werden«, sagte Ida.

»Werde ich nicht, das ist nur die Wahrheit. Pete ist in Ordnung, aber er ist einfach nicht mein Typ. Er wird in Weston bleiben, möglichst in der Nähe von einem Fußballfeld, während ich studieren und reisen will.«

»Nach Schweden?«, fragte ihre Mutter.

»Sie kann machen, was sie will, nicht wahr, mein Schatz?« Ihr Vater, immer unterstützend, lächelte sie an.

Ida legte ihr Besteck auf den Teller. »Natürlich kann sie das. Ich habe nichts anderes gesagt!«

»Nein, aber dein Gesicht.« Don schüttelte den Kopf.

»Na, wir wissen ja alle, dass du mir lieber nicht ins Gesicht guckst.«

»Jetzt geht’s aber los …«

Jackie verließ den Tisch und rannte hinauf in ihr Zimmer. Dort lag sie auf dem Bett und konnte das Hin und Her ihres Streits durch den Fußboden hören. Sie schlug den Notizblock wieder auf und zog mit der Spitze ihres Stifts das Herz nach, in dessen Mitte der Name des Objekts ihrer Begierde stand. Sven.

 

Drei

Jackie öffnete den Schrank unter der Treppe, nahm ihren blassen Leinenmantel mit den übergroßen Holzknöpfen vom Haken hinter der Tür und glitt mit ihrem schmalen Körper hinein. Dann zog sie die abgewetzten braunen Cowboystiefel an und schnappte sich die Autoschlüssel und die Kiste mit Recyclingabfall, den Pete für Jonty herausgesucht hatte.

»Oh, Jackie, kannst du noch Rasierklingen besorgen? Außerdem haben wir keine Cornflakes mehr, die Kinder haben gerade alles aufgegessen«, rief Pete über das Geländer gebeugt von oben herunter.

Jackie nickte. »Mach ich, bis später. Auf, auf, Kinder! Wir müssen los.«

Draußen auf der Sunnyside Road schob sie die Kiste in den Kofferraum. »Guten Morgen, Ivor.« Sie hob eine Hand, um dem jungen Mann zuzuwinken, der mit seiner Frau nebenan wohnte; er belud gerade seinen Lieferwagen.

»Dir auch, Jackie. Bisschen frisch heute, was?« Er rieb die großen Hände aneinander, ein Arbeiter wie Pete.

Darüber musste sie lächeln. Er schien, ganz wie ihr Ehemann, stets überrascht vom kalten Wetter. Sie wollte ihn daran erinnern, dass schon September war und sie in Weston-super-Mare wohnten, nicht auf den Bahamas. »Geht’s dem Baby gut?«, rief sie zurück, während sie sich der Fahrertür näherte. Er und seine Frau Angela hatten einen acht Wochen alten Jungen, Jayden.

»Alles bestens.« Er grinste. »Hält uns permanent auf Trab, schreit und will gefüttert werden.«

»Kommt mir bekannt vor, und mein Kleinkind ist einundachtzig.« Sie lachte.

»Es gibt Schlimmeres, Jackie.« Er lachte, und sie lachte mit, obwohl sie nicht wusste, warum. »Ich hoffe, ihr bekommt nicht allzu viel von ihm mit«, fügte er kleinlaut hinzu.

»Vergiss nicht, dass ich selbst zwei von der Sorte hatte. Mach dir keine Sorgen, er gehört doch zur Nachbarschaft, und das ist einfach seine Art, sich einzubringen. Er erzählt nur ein bisschen.«

Ivor schnappte sich seinen Werkzeugkasten und verstaute ihn im Lieferwagen. Jackie sah eine Flasche und eine Brotdose und dachte, wie reizend es war, dass Angela die Zeit fand, ihrem Mann etwas für die Mittagspause vorzubereiten. Armer Pete, der sich mit einer Imbissbude zufriedengeben musste, wenn sich die Gelegenheit dafür bot.

»Ich wünschte, er würde zwischen neun und fünf erzählen und den Rest der Zeit einfach ruhig sein.« Ivor kicherte.

»Tja, wenn das nur so einfach wäre.« Sie lächelte, als ihre Kinder aus der Haustür rannten. Die ließen sie immer offenstehen, damit ihr Vater sie hinter ihnen schließen konnte, sobald sie ins Auto stiegen.

»Ich habe das Baby letzte Nacht gehört. Macht mich wahnsinnig«, beklagte sich Martha.

»Er ist ein süßer, kleiner Wurm«, sagte Jackie.

»Er ist ein ekliges, rosa Ding, das viel schreit, und noch dazu sehr laut. Er kackt, schläft und schreit. Ich verstehe nicht, was daran süß sein soll.«

»Das siehst du anders, wenn es dein eigenes ist. Warte nur ab.«

»Na hoffentlich.«

»Alle angeschnallt?«, fragte Jackie.

Wie üblich ignorierten die Kinder diese Frage, weil es ihnen niemals in den Sinn gekommen wäre, sich nicht anzuschnallen.

 

Jackie parkte und verabschiedete erst Jonty, dann Martha, die auf benachbarte Schulen gingen. Sie schaute ihrem Sohn nach, der sich mit seiner Schultasche und einer flachen Kiste abmühte, in der leere Bierdosen waren. Ein bisschen behinderten ihn dabei die viel zu langen Ärmel seines zu großen Pullovers, von dem er ein Jahr lang etwas haben sollte.

»Ach, der Gute. Die verdammte Clifton Suspension Bridge!« Sie ließ die Scheibe ein wenig herunter, bevor sie tief durchatmete.

Es gab einen Bus, der die Kinder die sechs Kilometer quasi von Tür zu Tür bringen konnte. Den durften sie nehmen, wenn sie zusammen oder wenigstens mit Freunden fuhren. Pete hatte öfter als einmal angeboten, sie zur Schule zu bringen, aber Jackie hatte die Hilfe immer abgelehnt. Dieser tägliche Ausflug im Auto war weit mehr für sie, als einfach nur die Kinder zur Schule zu bringen. Die zwanzig Minuten Rückweg waren die einzigen zwanzig Minuten des Tages, die sie komplett für sich hatte, in denen sie nicht zu erreichen war, und die brauchte sie.

Sie lehnte sich im Fahrersitz zurück, presste den Kopf gegen die Stütze und atmete ein weiteres Mal durch. Ganz schwach roch es hier immer noch nach ihrem Vater, und sie ließ sich von diesem kleinen Stückchen Don umfangen wie von einer Umarmung. Ein gewaltiger Wagen mit Allradantrieb hielt hinter ihr, entließ drei blonde Kinder unterschiedlichen Alters vom Rücksitz und fuhr schnell wieder ab. Jackie warf einen Blick in den Wagen, als er vorbeizog, und erblickte die Insassen: Die Beifahrerin trug eine riesige Sonnenbrille, ungeachtet des frischen Morgens, zog im Spiegel der Sonnenblende ihren Lippenstift nach und presste dann die Lippen auf einem Taschentuch zusammen, damit die Farbe gleichmäßig verteilt war.

Jackie schloss die Augen und stellte sich vor, selbst auf dem Beifahrersitz eines dieser riesigen Protzautos zu sitzen. Ihre Gedanken wanderten weiter, und schon bald war sie nicht mehr allein. Sven saß auf dem Fahrersitz. »Wohin soll’s gehen?«, fragte er. »Meine Konferenz wurde abgesagt, wir haben den ganzen Tag für uns.«

Sie warf den Kopf in den Nacken, seufzte und fuhr sich mit den Händen über die maßangefertigte Designerjeans. »Mir egal, solange ich bei dir sein kann. Was hältst du von einem Mittagessen in Bristol? Irgendwas mit Aussicht.«

»Da weiß ich genau das Richtige.« Sven nahm ihre Hand, führte sie an den Mund und liebkoste ihre Fingerknöchel mit seinen Lippen. »Ein schöner Spaziergang und dann ein Mittagessen mit Champagner.«

»Und was feiern wir?«, fragte sie.

»Einen weiteren gemeinsamen Tag.« Er lächelte.

»Du verwöhnst mich«, säuselte sie und legte ihm die Hand auf den Oberschenkel.

»Weil ich dich liebe.« Er grinste, als er den Fuß auf das Gaspedal setzte, um die Autobahn anzusteuern. Sie stellte sich vor, wie sie beide dahindüsten, die Fenster heruntergelassen, den Wind in den Haaren. Sie hatten keine Verpflichtungen, keinen Zeitplan, an den sie sich halten mussten. Jackie gluckste und setzte den Blinker, um loszufahren. Ihr Traum verflüchtigte sich, aber es war ihm trotzdem gelungen, ihre Laune zu heben.

Während sie im Stau stand, wischte sie mit einem Taschentuch, das sie in ihrer Manteltasche gefunden hatte, das Armaturenbrett ab. Das Auto vor ihr bewegte sich, und sie zog mit dem alten Skoda Fabia ihres Vaters nach. Dabei winkte sie vielen ihrer Nachbarn zu, die sie vom Sehen oder sogar mit Namen kannte.

Als sie auf die Marine Parade abbog, das Meeresufer zu ihrer Linken, zog wie immer das Weston Wheel, das Riesenrad von Weston, ihren Blick auf sich. »Wie das London Eye«, sagte Pete immer, »nur besser, weil es in Südwestengland steht.« Sie lächelte über den wolkenlosen Himmel und das Panorama des Piers vor dem Horizont, ein wunderbarer Anblick, der jedes Herz an einem solch blauen Herbsttag erfreuen konnte. Über die Drogenabhängigen und Obdachlosen, die sich entlang der Promenade ihren provisorischen Unterschlupf errichtet hatten, sah sie geflissentlich hinweg. Die Touristensaison war zu Ende, weshalb sie sich ungestört auf den Bänken ausstrecken konnten, ohne sich irgendwelchen Pflichten stellen zu müssen. Sie passierte die Reihe von Geschäften, die ihr eigentlich nur dann wirklich auffielen, wenn mal wieder ein Laden den Besitzer gewechselt hatte oder einer vernagelt worden war, was sehr regelmäßig in Weston geschah, besonders, wenn man sich mit der harten Realität des Winters in einer Küstenstadt konfrontiert sah.

Jackie dachte darüber nach, was sie zum Abendessen machen sollte, während sie die Schüler beobachtete, die sich an den Bushaltestellen ihre A4-Unterlagen an die Brust drückten. Sie trugen enganliegende Jeans und alberne Wollmützen, womit sie aussahen, als hätten sie Tiere oder Pudding auf dem Kopf. Sie standen neben den Yuppies, die nach Bristol oder Portishead pendelten, aber die großen viktorianischen Villen in Weston aufkauften, sie erweiterten, sanierten und so die Preise in die Höhe trieben. Solange sie denken konnte, hatte sie diese Häuser bewundert: herrliche, geräumige Gebäude mit großen Kaminen, breiten Treppen, gefliesten Böden, Fußabstreifern neben den schweren Eingangstüren und eigentümlichen Türmchen, die sich verschmitzt an die Dachgeschosse schmiegten. Als junges Mädchen hatte sie davon geträumt, in einem dieser runden Zimmer zu schlafen, ganz wie eine Prinzessin. Sie übertrafen immer noch ihre kühnsten Träume.

Sven und seine Familie hatten in einer dieser Villen gewohnt, und rückblickend schien ihr diese Tatsache mit ein Grund dafür, dass sie ihn so anziehend fand. Bevor sie Sven kennenlernte, hielt Jackie sich und ihre Familie für recht weltgewandt: Im Gegensatz zu vielen ihrer Freunde wurde sie von ihren Eltern mit ins Pub genommen, wo sie Scampi oder Pommes aßen. Oder im Sommer sogar Chips oder Nüsse, wenn sie draußen saßen. Ihr Vater trank immer ein Bier, die Mutter eine Martini-Limonade mit einer Zitronenscheibe auf dem Rand des Glases. Jackie selbst trank Pepsi – mit Strohhalm direkt aus der Flasche. Pepsi war für sie gleichbedeutend mit Amerika, und sie war versessen auf alles Amerikanische. Durch Sven begriff sie, dass ihre Familie alles andere als weltgewandt war. Ihr gelegentlicher Urlaub in einem Campingpark in Devon und die seltenen Tagesausflüge nach London waren nichts im Vergleich zu seiner weltenbummlerischen Kindheit. Voller Bewunderung lauschte sie seinen Geschichten über Flugzeuge, Berge, Wüsten und Strände, die von Palmen gesäumt waren. Eine ganz andere Welt. Je mehr sie über all die exotischen Orte erfuhr, desto weniger konnten die Straßen von Weston-super-Mare sie mehr entzücken.

»Ach, Sven …«

Sie stellte sich den missbilligenden Blick ihres Vaters vor. »Schau mich nicht so an! Ich darf mich doch an ihn erinnern, oder etwa nicht? Es schadet ja wohl nicht, Papa.«

Seit seinem Tod trug sie ein kleines Bild von ihm in Gedanken bei sich. Nicht vergleichbar mit den kleinen Momentaufnahmen, die sich meldeten, wenn sie an einen Ort kam, den sie öfter besucht hatten, oder wenn sie Musik hörte, die er mochte. Nein, dies war wirklich ein kleines Porträt von ihm, eine jüngere und glücklichere Version, sein Haar noch dunkel und glänzend, seine Augen funkelnd vor guter Laune und ein Zucken um den Mund, als wäre er kurz vorm Loslachen. Ein Bild aus der Zeit, bevor die Krankheit alles in ihm zum Schweigen gebracht hatte. Dieses Bild befand sich immer im Zentrum ihres Bewusstseins. Wenn sie etwas lesen oder ein Bild betrachten wollte, musste sie fast um ihn herumblicken.

 

Die Ampeln in der Innenstadt waren gnädig, weshalb sie auf einer grünen Welle durch die Einbahnstraßen kam. Sie dachte, dass sie womöglich die Einzige war, die auf rote Ampeln hoffte, nur um die Einsamkeit ein wenig länger genießen zu können.

Kaum drehte sie den Schlüssel in der Haustür, rief sie: »Mama, ich bin zu Hause.« Sie ging die Treppe hinauf, öffnete die Zimmertür und war nicht überrascht, ihre Mutter aufrecht sitzend vorzufinden, wie sie mit einer Hand am Kragen ihrer Bettjacke spielte.

»Hast du meinen Brief?«, fragte Ida unruhig. »Ich brauche ihn.«

»Nein, der Postbote war noch nicht da.« Jackie trat an das offene Fenster und schob es ein bisschen weiter zu. Es roch besser, frischer, seit das Bett neu bezogen war und sich die Luft etwas bewegen konnte. »Was hältst du von Porridge? Oder möchtest du heute lieber Toast?«

»Wann kommt Don?«, fragte sie.

»Das weiß ich nicht.« Jackie lächelte. Sie wusste immer noch nicht, wie sie am besten auf Fragen nach ihrem Vater reagieren sollte.

»Ich wollte nicht, dass es alles aufgeschrieben wird, und jetzt weiß ich nicht, wo der Brief geblieben ist.«

Jackie seufzte und setzte sich zu ihr ans Bett. Sie schob die Ärmel der Bettjacke hinauf und sah zu, wie sie sich in Falten oberhalb des Ellbogens sammelte. Dann drückte sie etwas Handcreme aus der Tube und massierte sie in die knöchrigen Finger, schmalen Handgelenke und blassen Handflächen ihrer Mutter.

»Riechst du das, Mama? Das ist Lavendel. Duftet er nicht herrlich?« Sie führte die Hand ihrer Mutter zur Nase.

»Riecht wie Frankreich.« Und plötzlich ein Moment des Verstehens, plötzlich eine Erinnerung, die aus einer anderen Zeit klar und deutlich an die Oberfläche ihrer sonst so verschwommenen Gedankenwelt trieb.

»Das stimmt. Papa und du, ihr wart doch mal in Frankreich, oder? Erinnerst du dich daran, dass du mal durch ein Lavendelfeld spaziert bist? Ihr wart mit dem Bus unterwegs und habt mir einen getrockneten Strauß mitgebracht. Er hat noch jahrelang geduftet. Ich habe ihn in die Küche gehängt, er war so wundervoll. Jeder hat ihn bemerkt und etwas dazu gesagt.« Jackie lächelte, als sie sich an das große Abenteuer ihrer Eltern zur Goldenen Hochzeit erinnerte. Ihr Vater hatte drei Packungen Haferkekse und so viele Brote mit Fischpaste eingepackt, dass sie für vier Tage reichten, falls ihnen das Essen dort nicht schmeckte.

»Ich brauche meinen Brief.« Und schon waren sie wieder am Ausgangspunkt.

Jackie nickte. »Ich bringe dir dein Frühstück.«

Sie schlug die Decke unter die Beine ihrer Mutter und schloss kurz darauf die Tür hinter sich. Nachdem sie das Bündel schmutziger Wäsche hinter der Badezimmertür hervorgeholt hatte, verteilte sie großzügig Desinfektionsmittel in der Duschwanne, dann machte sie sich auf den Weg nach unten. Auf halber Treppe hörte sie die Handglocke. Jackie seufzte. Sie dachte an ihren Vater und daran, wie sehr sie ihn geliebt hatte.

Sein letzter Lebenstag lief wie ein Film vor ihrem inneren Auge ab. Die Augen weit aufgerissen griff er nach seiner Sauerstoffmaske, seine Finger rutschten ab und verfehlten das dünne Gummiband, das dafür sorgte, dass die Maske über Mund und Nase blieb. Sie hatte ihm nicht geholfen, hatte seine Schwäche nicht anerkennen wollen, hatte mitgespielt. Gelächelt und so getan, als könnte er das noch alles, als wäre er noch der starke, fähige Mann, der Gras mähte und Auto fuhr. Sie hatte an ihren Fingernägeln gepuhlt, daran gebissen, alles, nur um nicht seine Pflegerin werden zu müssen, die zu Hilfe kam, wo seine krummen Finger nichts mehr ausrichten konnten. Sie wollte sich locker geben. »Lass dir Zeit … Mein Parkticket gilt noch drei Stunden.« Ihre flapsige Sachlichkeit verbarg, dass ihr Herz platzte wie eine überreife Tomate, überquellend von verzweifelter Trauer. Verlass mich nicht, Papa, bitte, verlass mich nicht. Ich bin noch nicht so weit … In Wahrheit würde sie nie so weit sein.

»Du musst mir etwas versprechen.« Die Wörter glitten auf stoßweisen Atemzügen, seine Stimme ein nachlassendes Flüstern. »Versprich mir …«

»Was soll ich dir versprechen, Papa?« Sie versuchte sich an einem fröhlichen Ton trotz der strömenden Tränen.

»Versprich mir … dich um deine Mutter zu kümmern. Bitte … Versuch es …« Er hielt ihren Blick, wartete auf ihre Zusicherung.

Sie nickte. »Ich verspreche es.« Kaum hatten die Worte ihre Lippen verlassen, atmete er lange und schwer aus, während seine Finger sich entkrampften.

Oft dachte sie an diese letzten Minuten. Ihr Gesicht, nur wenige Zentimeter von seinem. Seine letzten Atemzüge einatmend, das letzte bisschen Raum teilend, in dem sein Leben noch verweilte. Sie küsste seine zarte Stirn, streichelte ihm über die papierähnliche Wange, und dann verließ er sie. Endgültig, langsam ließ er sie allein in diesem Zimmer zurück, und sie spürte, dass ein großer Teil ihrer Fähigkeit, Glück zu empfinden, mit ihm ging. Ihr Vater war gestorben. Ihr Vater! Sie musste es immer wieder wiederholen, denn selbst nach einem Monat, einem Jahr, achtzehn Monaten fühlte es sich noch immer wie eine Lüge an. Wie hatte er das nur tun können? Sie brauchte ihn. Natürlich sagte sie das nicht. Jackie war eine erwachsene Frau mit einer eigenen Familie. Alle sagten ihr: »Das ist die natürliche Reihenfolge … Er hatte ein erfülltes Leben … Nun hat sein Leid ein Ende …« All das mochte zutreffen, trotzdem fühlte es sich furchtbar an. Er hatte immer gesagt, dass ein einzelner Mensch die Welt nicht ändern konnte, aber da lag er falsch. Er hatte ihre Welt verändert, sie zu einem besseren Ort gemacht. Und sie hatte ihn sehr geliebt. Deshalb hatte sie ihm auch das Versprechen gegeben. Niemals zuvor hatte er um etwas gebeten, und sie wollte ihn glücklich machen. Das Problem war, dass es ihr ungeheuer schwerfiel, ihre Mutter zu lieben. Genau genommen – so schmerzhaft es war, sich dies einzugestehen – mochte sie sie nicht einmal immer.

Amanda Prowse

Über Amanda Prowse

Biografie

Amanda Prowse kündigte vor fünf Jahren ihren Job als Unternehmensberaterin, um sich fortan nur noch dem Schreiben zu widmen. All ihre Bücher haben drei Dinge gemeinsam: Sie halten uns nachts davon ab, die Nachttischlampe auszuknipsen. Sie erzählen Geschichten, die mitten aus dem Leben gegriffen...

Pressestimmen

Laviva

»Amanda Prowse lässt mit ihrem leichten, gefühlvollen Schreibstil tief in den Alltag einer Durchschnittsfamilie blicken. Ich habe mitgefühlt, oft geschmunzelt und mich auch das ein oder andere Mal in der Hauptfigur wiedererkannt.«

Bücherstadt Kurier

»Spannend und voller Überraschungen.«

Kommentare zum Buch

Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden