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Binewskis: Verfall einer radioaktiven FamilieBinewskis: Verfall einer radioaktiven Familie

Binewskis: Verfall einer radioaktiven Familie

Roman

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Binewskis: Verfall einer radioaktiven Familie — Inhalt

Wie viele der großen Romane der Moderne erzählt auch dieses Kultbuch die Geschichte einer Familie. Arturo, der Fischjunge, Iphy und Elly, die siamesischen Zwillinge, das Nesthäkchen Chick und Oly, die bucklige Albino-Zwergin: die Binewskis sind die absonderlichste Verwandtschaft, die man sich vorstellen kann. Doch ihre Probleme kennen wir alle. Geschwisterliebe und -konkurrenz, die Anerkennung der Eltern, unsere Vorstellung von „Selbst“ und dem „Anderen“, normal und unnormal. Dann nimmt Artys Größenwahn Überhand und der Caravan der Binewskis steuert auf eine schreckliche Katastrophe zu.

€ 10,99 [D], € 11,30 [A]
Erschienen am 14.09.2015
Übersetzt von: Monika Schmalz
512 Seiten, Broschur
EAN 978-3-8333-1027-0
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 12.05.2014
Übersetzt von: Monika Schmalz
512 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-7697-7
»Außergewöhnlich! Diese Familiensaga beeindruckt mit Stil, einer grandiosen Heldin und der Frage, was heutzutage eigentlich noch normal ist. Schrill, schillernd, umwerfend.«
Petra
»Das lange Warten auf die Übersetzung - Monika Schmalz meistert die Untiefen und Wortspiele des Originals übrigens glänzend - hat sich gelohnt: "Binewskis" [...] ist eine verstörend scharfsinnige, brutal komische Reflexion über Normalität und Abweichung. [...]. Katherine Dunn erzählt kühl und lakonisch ungerührt, warmherzig und nostalgisch von Zwergen, die nicht klein beigeben.«
Frankfurter Allgemeine Zeitung
»"Binewskis" lässt sich lesen als Satire auf den Schönheitskult unserer Zeit: auf plastische Chirugie und Diätwahn. Aber auch als Satire auf Ich-Sucht und Individualismus als Religion. [...]. Dunns Sprache und ihr Ton sind mal saftig und mal versaut, mal blutig und mal tabulos, oft komisch und immer anschaulich.«
SPIEGEL online

Leseprobe zu »Binewskis: Verfall einer radioaktiven Familie«

1

Die Kernfamilie: Seine Reden, ihre Zähne

 

„Als eure Mama noch der Geek war, meine Traumkindchen“, sagte Papa immer, „machte sie das Abknabbern der Köpfe zu einem so funkelnden Geheimnis, dass die Hennen selbst sich nach ihr verzehrten, sie umtanzten, hypnotisiert vor Verlangen. ‚Öffne deine Lippen, süße Lil’, gackerten sie, ‚und zeig uns deine Hauer!’“

Genau diese Crystal Lil, unsere Mama mit den sternenfunkelnden Haaren, saß gemütlich auf dem Einbausofa, das nachts zu Artys Bett wurde, sah glucksend auf das Nähzeug auf ihrem Schoß und schüttelte den [...]

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1

Die Kernfamilie: Seine Reden, ihre Zähne

 

„Als eure Mama noch der Geek war, meine Traumkindchen“, sagte Papa immer, „machte sie das Abknabbern der Köpfe zu einem so funkelnden Geheimnis, dass die Hennen selbst sich nach ihr verzehrten, sie umtanzten, hypnotisiert vor Verlangen. ‚Öffne deine Lippen, süße Lil’, gackerten sie, ‚und zeig uns deine Hauer!’“

Genau diese Crystal Lil, unsere Mama mit den sternenfunkelnden Haaren, saß gemütlich auf dem Einbausofa, das nachts zu Artys Bett wurde, sah glucksend auf das Nähzeug auf ihrem Schoß und schüttelte den Kopf. „Red den Kindern nichts ein, Al. Die Hennen damals haben die Beine in die Hand genommen.“

Abends war das, wenn wir auf Tour waren, zwischen den Shows und Städten auf irgendeinem Zelt- oder Rastplatz, umringt von den anderen Caravans, LKW und Wohnwagen vom Wanderzirkus Binewski, im Schutz unseres fahrbaren Dorfes.

Abends, wenn wir nach dem Essen mit vollem Bauch im Schein der Lampe saßen, sollten wir Binewskis eigentlich lesen und lernen. Aber bei Regen beschlich Papa die Erzähllaune. Das Zischen und Trommeln auf dem Metalldach unseres großen Caravans lenkte ihn von seinem Bürokram ab. Regen am Abend vor der Vorstellung war ein Fiasko. Aber Regen auf Fahrt bedeutete Reden, und das war für Papa das Größte.

„Eine Schande ist das, und äußerst bedauerlich, Lil“, sagte er dann immer, „dass dein Nachwuchs nichts anderes kennt als die Geeks aus Yale, die sich einen Sommer lang unters Volk mischen.“

„Princeton, Schatz“, korrigierte ihn Mama dann sanft. „Randall kommt diesen Herbst ins dritte Semester. Meines Wissens ist er unser erster Junge aus Princeton.“

Wir Kinder ahnten, dass unsere Geschichte ins Nebensächliche abzugleiten drohte. Arty stupste mich an, und ich meldete mich zu Wort. „Erzähl doch mal von damals, als Mama der Geek war!“, sagte ich, und dann rutschten Arty, Elly und Iphy und Chick neben mich in eine Reihe auf den Boden zwischen Papas Sessel und Mama.

Mama tat fasziniert von ihrem Nähzeug, und Papa zwirbelte seinen geschwungenen Schnurrbart, ließ die zauseligen Brauen vibrieren und zierte sich künstlich. „Nun ja ...“, begann er, „es war einmal vor langer, langer Zeit ...“

„Vor unserer Geburt!“

„Bevor ich euch“, verkündete er mit seiner ausladensten Zirkusdirektorengeste, „ auch nur erträumt hatte, meine Traumkindchen!“

„Damals hieß ich noch Lillian Hinchcliff“, sinnierte Mama. „Und wenn mich euer Vater ansprach, was nur selten und widerwillig geschah, nannte er mich ‚Miss’.“

„Miss!“, sagten wir kichernd. Papa flüsterte dann laut, als könnte Mama ihn nicht hören: „Schreckliche Angst! Ich war so entbrannt, dass ich jedes Mal anfing zu stottern, wenn ich sie ansprechen wollte. M-M-M-Miss ..., sagte ich dann.“

Bei der Vorstellung, dass Papa, der GROSSE REDNER, so durcheinander war, mussten wir hilflos kichern.

„Ich sagte zu eurem Vater natürlich Mister Binewski.“

„Da stand ich nun“, sagte Papa, „am Morgen des 3. Juli, spritzte mit dem Schlauch das alte Hühnerblut und die Federn aus der Manege und beglückwünschte mich zu meinen guten Geekplakaten, und ich sagte mir, bestimmt würde ich Karten in rauen Mengen verkaufen, weil das 4. Juli-Wochenende die heißeste Zeit war für Geeks und ich in dem Jahr einen schönen muskulösen Geek hatte. Der war mit Feuereifer bei der Sache. Also spritz ich mit dem Schlauch so vor mich hin, fühl mich pudelwohl und bin stolz wie nur was, da kommt eure Mama angetrippelt, ein Hingucker vor dem Herrn, und offenbart mir, dass mein Geek sich in der Nacht davongestohlen hat, sein Zeug gepackt und sich ein Taxi zum Flughafen genommen. Er lässt einen Brief da, sein Vater sei sehr krank und er, der Geek, müsse sich aus der Manege zurückziehen und seine Reißzähne zurück nach Philadelphia tragen, um die Privatbank der Familie zu übernehmen.“

„Immobilienfirma, Schatz“, berichtigt Mama.

„Und weil eure Mama, Miss Hinchcliff, da rumsteht wie drei Kugeln Vanilleeis, kann ich nicht mal fluchen! Was tun? Die ganze Stadt ist mit dem Geek plakatiert!“

„Es war während irgendeines Krieges, meine Lieblinge“, erklärt Mama. „Ich weiß nicht mehr genau welcher. Euer Vater hatte damals Schwierigkeiten, Leute zu finden, sonst hätte er mich nie im Leben eingestellt, nicht mal als Kostümnäherin, unerfahren wie ich war.“

„Da steh ich also mit verwirrten Sinnen von Miss Hinchcliffs Moschus-Marzipanparfüm und kann vor lauter Rechnerei schon nur noch schielen. Nun konnte ich ja schlecht selber in die Manege steigen, schließlich hatte ich schon zwanzig Jobs. Katzenbändiger Horst konnte ich nicht fragen, zum einen, weil er Vegetarier war, und außerdem hätten sich seine Dritten schon beim ersten Biss in einen Hühnerhals in Wohlgefallen aufgelöst. Und da prescht plötzlich eure Mutter vor, wie aus dem Nichts, als würde sie mir Sherry und Kräcker bringen. ‚Ich mach das, Mister Binewski’, sagt sie, und fast hätte ich meinem Wäschemann ein hübsches Geschenk gemacht.“

Mama lächelte lieblich in ihr Nähzeug hinein und nickte. „Ich wollte mich unbedingt nützlich machen. Es war erst meine zweite Woche beim Zirkus Binewski, und ich hatte das sehr deutliche Gefühl, mich bewähren zu müssen.“

„Also sag ich“, fällt Papa ihr ins Wort, „’Aber Miss, was ist mit Ihren Zähnen? Will sagen, nicht, dass da was kaputtgeht oder rausbricht, da schenkt sie mir ein breites Lächeln, ähnlich wie jetzt, und sagt: ‚Ich denke, die sind scharf genug!’

Wir sahen Mama an, und ihre Zähne waren weiß und gerade, aber da waren es natürlich schon nicht mehr ihre echten.

„Ich warf einen Blick auf ihre zarten kleinen Bäckchen und konnte nur stöhnen. ‚Nein’, sag ich, ‚das kann ich nicht von Ihnen verlangen ...’, wobei ich’s mir schon haarklein ausmalte, so ein hübscher blonder Geek mit langen Beinen – schließlich hat eure Mama das, was wir in der Branche BEINE nennen --, konnte dem Laden eigentlich nicht schaden. Von ’nem Mädchen als Geek hatte ich bis dahin noch nie gehört, und ich sah die Plakate schon vor mir. Aber dann dacht ich wieder, Nein ... das geht doch nicht ...“

„Was euer Papa nicht wusste, war, dass ich mir den Geek schon ein paarmal angesehen hatte, und dann hatte ich natürlich unserer Köchin Minna zu Hause oft beim Hühnerschlachten geholfen. Damit habe ich ihn überzeugt. Er hatte keine Wahl, er musste mir eine Chance geben.“

„Trotzdem ging mir der Arsch auf Trockeneis, als sie an dem Nachmittag ihren ersten Auftritt hatte! Ich hatte Angst, dass sie angewidert zurück nach Boston gehen würde. Oder dass sie sich nicht an die Abmachung hält, und die Leute empört ihr Geld zurückverlangen. Oder dass sie sich was tut ... dass sie gekratzt wird, oder dass ihr ratzfatz ein Auge ausgepickt wird.“

„Ich war auch ganz schön aufgeregt“, sagte Mama nickend.

„Das Publikum war gut. Es war ein heißer Sonnabend, und der Sonntag darauf war der 4. Juli. Ich rannte selbst den ganzen Tag wie ein aufgescheuchtes Huhn durch die Gegend und hatte gerade noch Zeit, blitzschnell hinter die Manege zu schauen, bevor ich nach vorn musste, um die Meute reinzuholen. Und da stand sie, wie ein Schmetterling ...“

„Ich hatte eigentlich nur einen Fetzen an, etwas Weißes, weil sich in der dunklen Manege das Blut so schön davon abhebt.“

„Aber was für’n Fetzen! So’n Seidenfummel mit ’nem Riesenausschnitt und ’nem Schlitz bis zum Schenkel! Also hab ich ein Mal tief durchgeatmet und bin raus, um die Leute reinzulotsen. Und sie kamen in Scharen. ‚Ne Menge Soldaten im Publikum. Ich war immer noch beim Kartenverkauf, da ging drinnen schon das Gerufe und Gepfeife los, und das Gejubel und Gestampfe auf der alten Holztribüne zog noch mehr Leute an. Schließlich hab ich mir einen der kleinen Popcornverkäufer geschnappt, ihn zum Kartenverkauf abgestellt und bin rein, um zu sehen, was los ist.“

Papa schenkte Mama ein Grinsen und zwirbelte an seinem Schnurrbart.

„Ich werd’s nie vergessen“, sagte er schmunzelnd.

„Wisst ihr, ich konnte weder knurren noch überzeugend die Zähne fletschen. Also habe ich gesungen“, erklärte Mama.

„Lustige deutsche Liedchen! Mit hoher, schütterer Stimme!“

„Franz Schubert, meine Lieben.“

„Sie flatterte umher wie ein zierlicher Vogel, und als sie diese hässlichen gackernden Hühner einfing, hätte keiner gedacht, dass sie’s wirklich tun würde. Aber als es losging und sie sich wie ein echter Geek über die Köpfe hermachte, da ging das Publikum ab wie ’ne Rakete! Sowas hatte die Welt noch nicht gesehen, dieses Drehen und Knacken aus dem Handgelenk, diesen Vampirbiss in den Hals, und das Blut geschlürft wie Champagner. Ein Mal die sternenweiße Mähne geschüttelt, und der Hühnerkopf flog im hohen Bogen in die Ecke, und dann vergrub sie die kleinen rosa Fingernägel in den flatternden zitternden Kadaver, hob ihn wie einen goldenen Kelch an die Lippen hob und trank! Sie trank das Blut direkt aus den zuckenden Eingeweiden! Sie war umwerfend, Prinzessin, Kleopatra, Elfenkönigin! So war sie, eure Mama in der Manege!

Die Menschen strömten herbei, um ihre Nummer zu sehen. Wir bauten mehr Tribünen, wir gaben ihr das größte Zelt, das wir hatten, mit 1100 Plätzen, und es war immer gerammelt voll.“

„Es war lustig“, sagte Lil nickend. „Aber ich hatte das Gefühl, es sei nicht mein wahres Metier.“

„Stimmt.“ Papa verzog das Gesicht zu einem leichten Stirnrunzeln, sah auf seine Hände und verstummte.

Wir spürten, dass sich die Erzähllaune verflüchtigte, und dann drängte eines von uns Kindern: „Wieso hast du aufgehört, Mama?“

Sie seufzte und sah unter ihren Glaswollbrauen zu Papa hoch, dann wandte sie sich dorthin, wo wir zusammen auf dem Boden kauerten, und sagte leise: „Ich hatte immer vom Fliegen geträumt. Die Antifermos vom italienischen Trapezkünstlerclan stießen in Abilene zu unserem Zirkus dazu und ich flehte sie an, mir Unterricht zu geben.“ Danach sprach sie nicht mehr zu uns sondern blickte Papa an. „Und du weißt, Al, du hättest niemals den Mut aufgebracht, um meine Hand anzuhalten, wenn ich nicht gestürzt und so lädiert gewesen wäre. Wo wären wir sonst heute?“

Papa nickte. „Ja, ja, und ich hab dich hübsch wieder auf die Beine gestellt, nicht wahr?“ Doch seine Miene wurde ernst, sein Lächeln schwand dahin und er ließ den Blick hinüberschweifen zu dem Plakat auf der Schiebetür zum Elternschlafzimmer. Es war altes, versilbertes, teures Papier, und darauf abgebildet war Mamas einsame opulente Gestalt, glitzernd und lächelnd, stolz dahinschreitend und die Arme so hochgeworfen, dass ihre Finger in den roten, ellenbogenlangen Handschuhen die sternenfunkelnden Buchstaben berührten, die sich über ihr in einem Bogen zu „CRYSTAL LIL“ zusammenfügten.

 

. . .

 

Mein Vater hieß Aloysius Binewski. Er wurde in einem Wanderzirkus aufgezogen, der wiederum seinem Vater gehörte und „Binewskis fahrende Menagerie“ hieß. Papa war 24 Jahre alt, als Opa starb und der Zirkus ihm zufiel. Sorgfältig nietete Al die silberne Urne auf die Motorhaube des Generatorwagens, der den Rummel mit Strom versorgte. Der alte Mann war so lange mit dem Zirkus herumgezogen, dass seine Asche todtraurig gewesen wäre, hätte man sie in irgendeiner unbewegten Gruft zurückgelassen.

Die Zeiten waren schwer, und ohne Als Verschulden begann es geschäftlich bergab zu gehen. Fünf Jahre nach Opas Tod war der einst florierende Zirkus in traurigem Zustand.

Der Zirkus litt unter einem alternden Löwen, der sich immer wieder an den Käfigstangen seine teuren Prothesen kaputtbiss, den Forderungen der Dicksten Frau der Welt wegen steigender Lebenshaltungskosten, auf die sie vertraglich Anspruch hatte und dem mitternächtlichen Abflug einer ganzen Tiererotikerfamilie samt Esel, Ziege und Dogge.

Irgendwann ging die Dickste Frau der Welt von Bord, um Fotomodell für eine Zeitschrift namens Chubby Chaser zu werden. Und so saß mein Vater da mit einem ruinösen dieselbetriebenen Feuerschlucker und der Aussicht auf eine sehr lange Zeit in einem Trailerpark außerhalb von Fort Lauderdale.

Al war ein Yankee wie er im Buche stand, erpicht auf Selbstbestimmung und Unabhängigkeit, aber in jener Krise zeigte sich sein genialer Kern. Er beschloss, sich seine eigene Freakshow zu züchten.

Meine Mutter, Lillian Hinchcliff, war eine wässrig-kühle Bostoner Aristokratin aus der pingeligen Ecke von Beacon Hill, die ihr Erbe in den Wind geschlagen hatte und zum Zirkus gegangen war, um Luftakrobatin zu werden. 19 ist spät, um fliegen zu lernen, und Lillian stürzte, brach sich die vornehme Nase plus Schlüsselbein. Der Mut kam ihr abhanden, nicht aber ihre Lust auf Sägemehl und blinkende Lichter. Diese Leidenschaft war es, die sie zu Als engagiertem Partner machte. Sie war bereit, bei allem mitzumachen, was das öffentliche Interesse am Zirkus neu entfachen würde. Außerdem war ihr der Gedanke von Sicherheit durch Erbmasse noch aus der Kindheit eingeschrieben. Wie sie immer so schön sagte: „Was könnte man seinen Kindern für ein schöneres Geschenk machen als die ureigene Fähigkeit, ihren Lebensunterhalt dadurch zu verdienen, dass sie einfach nur sie selbst sind?“

Das findige Paar begann mit illegalen Drogen und rezeptpflichtigen Medikamenten, Insektiziden und schließlich auch mit Radioisotopen zu experimentieren. Dabei entwickelte meine Mutter diverse komplexe Abhängigkeiten, doch das störte sie nicht weiter. Sie verließ sich auf Papas Einfallsreichtum, um versorgt zu bleiben und schien ihre Abhängigkeit als nebensächliche Begleiterscheinung ihrer kreativen Kollaboration zu betrachten.

Ihr Erstgeborener war mein Bruder Arturo, meist unter dem Namen Aquaboy bekannt. Seine Hände und Füße hatten die Form von Schwimmflossen, die ihm ohne intervenierende Arme und Beine direkt aus dem Oberkörper sprossen. Im Säuglingsalter brachte man ihm schwimmen bei und stellte ihn nackt in einem großen aquariumartigen Becken aus. Im Alter von drei bis vier Jahren gehörte es zu seinen Lieblingstricks, sein Gesicht an die Scheibe zu drücken, mit aufgerissenen Augen in die Menge zu glotzen, den Mund auf- und zuzuklappen wie ein Flussbarsch, sich am Ende umzudrehen und im Davonpaddeln eine Kackwurst zwischen den muskulösen Pobacken hervorzupressen. Später konnten Al und Lil darüber lachen, aber zu dem Zeitpunkt löste er bei ihnen große Bestürzung aus, ganz abgesehen von dem Ärgernis, überdurchschnittlich häufig das Becken desinfizieren zu müssen. In den Jahren danach zog sich Arty eine Badehose über und wurde kultivierter, doch seine Einstellung, wie gerne und zu Recht behauptet wurde, blieb im Grunde dieselbe.

Meine Schwestern Electra und Iphigenia kamen auf die Welt, als Arturo zwei Jahre alt war und gerade anfing, sich zum Publikumsmagneten zu entwickeln. Die Mädchen waren siamesische Zwillinge mit eigenständigen, an der Taille verbundenen Oberkörpern und einem Paar gemeinsamen Hüften und Beinen. Meist saßen, gingen und schliefen sie, indem sie die langen Arme umeinander schlangen. Sie waren jedoch in der Lage, geradeaus zu schauen, indem die eine ihre Schulter über die der anderen schob. Sie waren immer schön, schlank und großäugig. Sie lernten Klavierspielen und fingen schon in jungen Jahren an, Duette aufzuführen. Einige waren der Meinung, ihre vierhändigen Kompositionen hätten die Zwölftonskala revolutioniert.

Drei Jahre nach meinen Schwestern wurde ich geboren. Bei diesen Experimenten scheute mein Vater weder Kosten noch Mühen. Während des Eisprungs und der Schwangerschaft wurden meiner Mutter ordentliche Mengen Kokain, Amphetamine und Arsen verabreicht. Dass ich mit so alltäglichen Entstellungen zur Welt kam, war eine Enttäuschung. Mein Albinismus ist die handelsübliche Sorte mit rosa Augen, und mein Buckel hebt sich zwar deutlich hervor, ist aber weder im Hinblick auf Größe noch auf Form besonders bemerkenswert. Das alles war viel zu alltäglich, als dass ich in gleichem Maße hätte vermarktet werden können wie meine Brüder und Schwestern. Immerhin stellten meine Eltern bei mir eine starke Stimme fest und beschlossen, dass aus mir ein geeigneter Ausrufer und Marktschreier für unser Geschäft werden könnte. Ein Albino mit Glatze und Buckel schien die Leute auf den Geschmack bringen zu können für die abseitigen Talente der restlichen Familie. Der bei meinem dritten Geburtstag inzwischen unverkennbare Zwergenwuchs war dem geduldigen Paar eine angenehme Überraschung und erhöhte meinen Marktwert. Von Anfang an schlief ich im Caravan der Familie im Einbauschrank unter der Spüle und besaß zum Schutz meiner empfindlichen Augen eine Sammlung von exotischen Sonnenbrillen.

Trotz der kostspieligen, in seine Planung integrierten Radiumbehandlungen schrammte mein Bruder Fortunato knapp an der scheinbaren Normalität vorbei. Jener betrübliche Zustand deprimierte meine unternehmerischen Eltern so sehr, dass sie umgehend Maßnahmen ergriffen, um ihn spätnachts bei der Fahrt durch Green River, Wyoming vor einer geschlossenen Tankstelle auszusetzen. Mein Vater hatte den Caravan schon fluchtbereit geparkt und war ausgestiegen, um meiner Mutter beim Abstellen des Pappkartons mit dem Baby an einem sicheren Abschnitt der Straße zu helfen. Genau in dem Moment nahm der zwei Wochen alte Säugling meine Mutter verschwommen ins Visier und entpuppte sich innerhalb weniger Sekunden als ganz und gar nicht misslungen, sondern vielmehr als das Meisterwerk meiner Eltern. Es war ein Glück, und so gaben sie ihm den Namen Fortunato. Doch aus dem einen und anderen Grund nannten wir ihn immer nur Chick.

 

„Papa“, sagte Iphy. „Ja“, sagte Elly. Sie standen hinter seinem großen Sessel, fuhren ihre vier Arme aus, um seinen Hals zu umschlingen, und zwei von geschmeidigem schwarzem Haar umrahmte Gesichter sahen ihn von beiden Seiten an.

„Was führt ihr im Schilde, Mädels?“, sagte er dann lachend und legte seine Zeitschrift hin.

„Erzähl, wie wir dir eingefallen sind“, forderten sie.

Ich lehnte mich gegen sein Knie und sah in sein gutes, fleischiges Gesicht. „Bitte, Papa“, bettelte ich. „Erzähl das mit dem Rosengarten.“

Er schnaufte, kokettierte und wollte nicht, und wir beschwörten ihn. Am Ende saß Arty auf seinem Schoß und Papa hatte die Arme um ihn gelegt, und Lily hatte Chick auf dem Schoß, und ich lehnte mich gegen Lilys Schulter, während Iphy und Elly im Schneidersitz auf dem Boden hockten, die vier Arme wie gotisches Strebewerk für ihre gekrümmten Schultern, und dann lachte Al und erzählte die Geschichte.

„Es war in Oregon, oben in Portland, der als Rose City bekannten Stadt, obwohl ich die Sache erst richtig ins Rollen brachte, als wir gut ein Jahr später in Fort Lauderdale steckten.“

Eines Tages war er unruhig gewesen, geplagt von seinem geldfressenden Geschäft. Er fuhr mit dem Wagen auf einen Hügel und stieg aus, um in einem kleinen Park einen Spaziergang zu machen. „Von dort oben konnte man meilenweit in die Ferne sehen. Und es gab einen großen Rosengarten mit Lauben, Spalieren und Springbrunnen. Die Wege waren gepflastert und wanden sich hin und her.“ Er setzte sich auf eine Stufe zwischen zwei Terrassen und starrte teilnahmslos in die Zuchtrosen. „Es war ein Versuchsgarten, und die Farben waren ... entworfen. Gestreift und geschichtet. Die Blütenblätter von innen anders als von außen.

Ich ärgerte mich über Maribelle. Sie war ein Spitzkopf, und schon lange bei deiner Mutter und mir dabei. Sie drängte auf eine Lohnerhöhung, die ich mir aber nicht leisten konnte.“

Die Rosen brachten ihn ins Grübeln, und er überlegte, dass sie in ihrer Eigenartigkeit schön waren, und dass diese Eigenartigkeit ersonnen worden war, um ihnen einen Wert zu verleihen. „Da kam mir der Gedanke –, glasklar und gleich vollkommen rund –, ohne langes Hin und Her.“ Er erkannte, dass man auch Kinder entwerfen konnte. „Und ich dachte mir, das wär doch mal ein Rosengarten, der sich richtig lohnen würde für einen Mann!“

Dann lächelten wir Kinder und drückten ihn, und er grinste in die Runde und schickte die Zwillinge los, um vom Getränkewagen eine Kanne Kakao zu holen, und für mich eine Tüte Popcorn, denn die rothaarigen Mädchen würden es ohnehin nur wegwerfen, nachdem sie die Bude zugemacht hatten. Und dann saßen wir alle gemütlich zusammen in der warmen Sitzecke des Caravans, aßen Popcorn, tranken Kakao und fühlten uns genau wie Papas Rosen.

Katherine Dunn

Über Katherine Dunn

Biografie

Katherine Dunn, geboren 1945 in Kansas City, ist Romanautorin und Journalistin für die L.A. Times und unzählige weitere Zeitungen und Magazine. Außerdem arbeitet sie als Radiomoderatorin und Kritikerin und ist eine der führenden Box-Reporterinnen der USA. Sie selbst steigt heute nicht mehr in den...

Pressestimmen

Petra

»Außergewöhnlich! Diese Familiensaga beeindruckt mit Stil, einer grandiosen Heldin und der Frage, was heutzutage eigentlich noch normal ist. Schrill, schillernd, umwerfend.«

Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Das lange Warten auf die Übersetzung - Monika Schmalz meistert die Untiefen und Wortspiele des Originals übrigens glänzend - hat sich gelohnt: "Binewskis" [...] ist eine verstörend scharfsinnige, brutal komische Reflexion über Normalität und Abweichung. [...]. Katherine Dunn erzählt kühl und lakonisch ungerührt, warmherzig und nostalgisch von Zwergen, die nicht klein beigeben.«

SPIEGEL online

»"Binewskis" lässt sich lesen als Satire auf den Schönheitskult unserer Zeit: auf plastische Chirugie und Diätwahn. Aber auch als Satire auf Ich-Sucht und Individualismus als Religion. [...]. Dunns Sprache und ihr Ton sind mal saftig und mal versaut, mal blutig und mal tabulos, oft komisch und immer anschaulich.«

Buchkultur

»Und es ist unwahrscheinlich, was in dieses Buch alles hineingezaubert wird. Immer dann, wenn man meint, man könne es sich auf einer Erzählebene bequem machen, dreht die Autorin die Schraube wieder um einige Windungen an, erfindet neue alptraumhafte Absonderlichkeiten und Absurditäten.«

Der Standard

»Was Dunn hier durchexerziert, ist ein reizvolles Gedankenexperiment: Schönheitsideale und die Dialektik, die sie in einer marktwirtschaftlich denkenden Welt entwickeln. [...]. Zweifellos ein Roman, der zu denken gibt.«

Die Presse

»"Binewskis" ist der schönste, schmerzvollste, fantasievollste, traurigste, verstörendste und berührendste Familienroman seit Langem. Man erahnt bei der Lektüre: Diese verrückten Binewskis, im Grunde sind sie uns doch recht ähnlich.«

Format

»Der scharfsinnige wie herrlich komische Roman über eine Artistenfamilie war in den USA in den 90er-Jahren Kult. [...]. Großartige Gesellschaftssatire!«

WIEN Spiegel

»Kult!«

Jolie

»Skandalös, absurd und absolut genial.«

Tages-Anzeiger

»Die heitere Selbstverständlichkeit, mit der Oly von ihrer schrecklich normalen Familie erzählt, ist starker Tobak. [...]. "Binewskis" ist eine verstörende, scharfsinnige Reflexion über Normalität und Abweichung: Familienroman, Gesellschafts- und Mediensatire und Hommage an die Beutelmenschen und bärtigen Frauen, die auf unser Mitgefühl und unsere Schönheitsideale pfeifen. [...]. Dunn feiert das Recht auf Anderssein, Weisheit und Stolz der Freaks, aber ihr Monstrositätenkabinett hat heute doch einiges von seiner Unschuld verloren.«

WDR 1Live

»Sprachgewaltig, derb, skurril, tabulos, überraschend, dabei aber auch witzig. [...]. Auf jeden Fall ein Muss-Buch!«

annabelle

»Danke, Katherine Dunn! Für den umwerfenden Roman "Binewskis". Eine Ode an das krasseste, witzigste, anrührendste und abgründigste Buch des Jahres. [...]. Die "Binewskis" waren das Abgründigste, was mir je begegnet war, und zugleich zu Tränen rührend und atemberaubend witzig.«

NEON

»"Binewskis. Verfall einer radioaktiven Familie" ist ein Buch wie ein Panoptikum, ein Familienroman, eine dunkel-schillernde Reflexion über die Frage nach Normalität und Perfektion in einem Mainstreamamerika [...]. An einem neuen Roman arbeitet Katherine Dunn seit 24 Jahren [...]. Es gibt kein Erscheinungsdatum und keine Vorhersage, wann er fertig sein könnte. Nur die Vorfreude darauf - und den leisen Neid, der so viele Dunn-Fans eint, auf alle jene, die das verstörende Wunder der Lektüre der "Binewskis" noch vor sich haben.«

NDR Kultur "Neue Bücher"

»Wer Sapß haben will an diesen 500 - vor Verrücktheiten strotzenden - Seiten, sollte keine ethische Diskussion erwarten, sondern einen Panoptikums-Text, der später die Autorin Karen Russel zu ihrem Überraschungsdebüt "Swamplandia" ebenso inspirierte wie John Irving zu "Zirkuskind". Vor der Übersetzung von Monika Schmalz kann man sich nur verneigen.«

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