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Big Pharma

Big Pharma

Wie profitgierige Unternehmen unsere Gesundheit aufs Spiel setzen

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Big Pharma — Inhalt

Die Medizin will uns Menschen gesund erhalten und Krankheiten heilen? Das Gegenteil ist der Fall: Das von der Pharmaindustrie beherrschte Gesundheitswesen verfolgt rein ihre Profitinteressen und setzt dabei die Gesundheit der Verbraucher aufs Spiel. Mikkel Borch-Jakobsen hat in diesem Buch zwölf hochkarätige internationale Autoren zusammengebracht, die sich jeder als „Whistleblower“ einen Namen gemacht haben: Wissenschaftler, Pharma-Spezialisten und Journalisten. Sie zeigen u.a., wie psychische Erkrankungen zu einem riesigen Geschäftsfeld gemacht und Grenzwerte von Cholesterin manipuliert werden, Alltagsstress pathologisiert und Werbung für Medikamente als neutrale Information getarnt wird. Ein beunruhigendes und brisantes Aufdeckerbuch, das zeigt, was alles getan wird, um mehr Medikamente zu verkaufen – für die Gewinnmaximierung der Pharmaindustrie, und zum Schaden von uns allen.

€ 10,99 [D], € 10,99 [A]
Erschienen am 11.05.2015
Herausgegeben von: Mikkel Borch-Jacobsen
Übersetzt von: Helmut Reuter
480 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96929-1

Leseprobe zu »Big Pharma«

Vorwort

 

Dieses Buch wendet sich nicht gegen Medikamente. Es wendet sich gegen die Branche, die den Einsatz von Medikamenten zugunsten der eigenen Gewinne manipuliert und dabei das Risiko eingeht, unsere Gesundheit zu gefährden und die Medizin zutiefst zu verändern.

Medikamente sind erstaunliche Substanzen, denen wir seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wahre Wunder verdanken. Sie haben unzählige Menschenleben gerettet, und ohne sie wäre die moderne Medizin nicht das, was sie heute ist. Darüber hinaus haben sie unseren Alltag verändert und durchdrungen. [...]

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Vorwort

 

Dieses Buch wendet sich nicht gegen Medikamente. Es wendet sich gegen die Branche, die den Einsatz von Medikamenten zugunsten der eigenen Gewinne manipuliert und dabei das Risiko eingeht, unsere Gesundheit zu gefährden und die Medizin zutiefst zu verändern.

Medikamente sind erstaunliche Substanzen, denen wir seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wahre Wunder verdanken. Sie haben unzählige Menschenleben gerettet, und ohne sie wäre die moderne Medizin nicht das, was sie heute ist. Darüber hinaus haben sie unseren Alltag verändert und durchdrungen. Während die Arzneischränkchen unserer Eltern und Großeltern in den 1940er-Jahren noch praktisch leer waren, quellen unsere buchstäblich über vor Entzündungshemmern, Beruhigungsmitteln, Antidepressiva, Antibiotika, Hormonen, Verhütungsmitteln, Blutdrucksenkern, Statinen, Schlafmitteln und Stimulanzien. Mit einer Kaskade neu entdeckter Medikamente und der darauf folgenden außergewöhnlichen Expansion der pharmazeutischen Industrie nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sind unsere entwickelten Gesellschaften in hohem Maß von Pharmaka und Chemie abhängig geworden – in einem Tempo, das sich immer mehr beschleunigt. Ob reich oder arm, ob alt oder jung – wir alle schlucken Pillen, Kapseln, Tabletten. Wer über 65 ist, nimmt üblicherweise bis zu sieben Stück am Tag ein.

Nun sind Medikamente auch gefährliche Substanzen, mit denen man vorsichtig umgehen sollte. Das ist uns durchaus bewusst, denn auf den Beipackzetteln wird es uns ausreichend oft wiederholt: All diese chemischen Substanzen können unerfreuliche Wirkungen nach sich ziehen, uns krank machen oder sogar töten. Doch wir beruhigen uns, indem wir uns sagen, dass es sich dabei um »Nebenwirkungen« handelt – die Wahrscheinlichkeit, dass wir davon betroffen sind, ist nicht höher als die, einen vom Balkon fallenden Blumentopf auf den Kopf zu bekommen. Schließlich werden die Medikamente doch strengen Kontrollen unterworfen, nicht wahr? Werden sie denn nicht in pharmazeutischen Laboren gerade deswegen auf Wirksamkeit und ein ausgewogenes Verhältnis von Nutzen und Risiko getestet, um zu vermeiden, dass wir unnötigen Gefahren ausgesetzt sind? Müssen sie denn nicht den Filter der Gesundheitsbehörden und der unabhängigen Experten passieren, die sie bewerten, ehe die Markteinführung genehmigt wird? Haben wir denn nicht Systeme der Pharmaüberwachung eingerichtet, die uns auch danach vor eventuellen Risiken warnen? Stützt sich unser Arzt denn nicht auf die besten und neuesten wissenschaftlichen Befunde, ehe er uns diese Medikamente verschreibt, wobei er sorgfältig mit einbezieht, ob sie auf unseren individuellen Fall abgestimmt sind? Und liefern nicht zu allem Überfluss auch noch das Internet und Patientenvereinigungen alle Informationen, die wir benötigen, um uns selbst eine Vorstellung von ihrer Gültigkeit zu verschaffen?

Natürlich, es gibt diese Skandale, von denen Frankreich vor Kurzem erschüttert wurde: die Mediator-Affäre (um ein in Deutschland nie zugelassenes, auch als Appetitzügler verwendetes Diabetesmittel mit dem Arzneistoff Benfluorex), die der Empfängnisverhütungspillen der dritten und vierten Generation, die des Aknemittels Diane®-35. Es gab Tote, und das ist nicht hinnehmbar. Doch es handelt sich eben um Skandale, um Ausnahmeerscheinungen, die von der Allgemeinheit missbilligt werden. Beweist nicht die Tatsache, dass diese rücksichtslosen Industriellen und ihre Komplizen in Behörden angezeigt und einige der Justiz überstellt wurden, dass das System funktioniert und wir ausreichend vor den Verfehlungen moralisch anrüchiger Pharmaunternehmen geschützt sind?

Falsch. Keine dieser Überzeugungen ist begründet, wie die wiederholten Skandale zeigen, von denen die Pharma-Welt seit gut 20 Jahren erschüttert wird und in die so gut wie alle großen Pharmaunternehmen weltweit verwickelt sind. Noch im November 2013 hat das amerikanische Justizministerium mitgeteilt, dass das Unternehmen Johnson & Johnson eine Geldstrafe von 2,2 Milliarden Dollar bezahlen müsse, weil es sein Neuroleptikum Risperdal® in unzulässiger Weise für Kinder und Betagte oder Behinderte angepriesen und damit eine schwere Schädigung ihrer Gesundheit riskiert habe. Kurz zuvor war herausgekommen, dass die Repräsentanten des Pharmakonzerns GlaxoSmithKline (GSK) in China etwa 500 Millionen Dollar an Bestechungsgeldern an Ärzte verteilt hatten, damit diese die Medikamente der Firma verschrieben (manche Pharmavertreterinnen boten den Ärzten überdies sogar sexuelles Entgegenkommen an). 2012 ist genau dieses Unternehmen GSK in den USA zu einer Rekordstrafe von 3 Milliarden Dollar verurteilt worden, weil es die Risiken seines Antidiabetikums Avandia® für Herzerkrankungen verschleiert und seine Antidepressiva Paxil® und Wellbutrin® falsch angepriesen hatte. In der Zwischenzeit erwarten die Leiter des Pharmaunternehmens Servier, wegen fahrlässiger Tötung und schweren Betruges im Mediator-Skandal verurteilt zu werden – der Appetitzügler hat in Frankreich zwischen 1300 und 2000 Todesopfer gefordert.

Man könnte das noch lange fortsetzen, denn die Liste der jüngsten Entgleisungen der Pharmaindustrie ist endlos und erschreckend. Nun enthalten diese Skandale ausnahmslos die gleichen Zutaten: eine zynische Vermarktung gefährlicher Substanzen, manipulierte oder unter Verschluss gehaltene klinische Studien, in viele und unterschiedliche Interessenkonflikte verwickelte Experten, gefällige oder passive Gesundheitsbehörden, merkwürdig reaktionsträge Systeme der Pharmaüberwachung, schlecht informierte oder ins Boot geholte Ärzte, Patientenorganisationen unter Einfluss der Pharmabranche, mittels Werbeanzeigen gekaufte medizinische Fachzeitschriften und Medien, Politiker, die auf den Schutz eines strategisch wichtigen Industriesektors bedacht sind. Man kann also nicht mehr sagen, dass es sich um vereinzelte Fälle von Korruption handle, um ein paar »Bösewichte«, die man einfach nur ins Gefängnis stecken müsse. So sehr, wie diese Praktiken zur Normalität und zur Routine geworden sind, kann man nicht einmal mehr von Skandalen oder Entgleisungen sprechen – bei den Pharmariesen ist das »Business as usual«. Im Übrigen landen am Ende nur wenige Akteure des Pharmasektors im Gefängnis. Marketingleute, Experten, Wissenschaftler, Ärzte, Politiker – sie alle machen nur ihre Arbeit; die Mehrheit handelt sogar in guter Absicht und guten Glaubens. Was die Skandale gerade wegen ihrer Wiederholung enthüllen, ist einfach die Banalität des pharmazeutischen Bösen, sein systemischer, industrieller Charakter.

Es ist was faul im Reich der Medizin, um es frei nach Hamlet zu sagen. Wir alle spüren das irgendwie, scheuen uns aber, es uns einzugestehen. Wir möchten weiterhin glauben, dass die Medizin »evidenzbasiert« ist, wie man uns ständig wiederholt, dass unsere Ärzte wachsam und gut informiert sind, dass die Gesundheitsbehörden nicht länger zulassen werden, dass man uns nutzlose und gefährliche Medikamente verkauft. Wir möchten weiterhin an die Medizin glauben, denn seit der therapeutischen Revolution vom Ende des 19. Jahrhunderts hat sie alle unsere Hoffnungen auf ein langes und schmerzfreies Leben getragen. Doch diese Medizin gibt es nicht mehr. Wie in diesem Buch zu lesen sein wird, werden die »Beweise«, auf die man sich stützt, um uns Medikamente zu verschreiben, fortwährend manipuliert. Die Forschungslabore verschweigen die Risiken. Die Ärzte erhalten ihre Weiterbildung und ihre Informationen von der pharmazeutischen Industrie. Die Gesundheitsbehörden lassen ungeniert vollkommen wirkungslose Medikamente zu, während sie gleichzeitig mit der Betonung des Geschäftsgeheimnisses auch die von den Unternehmen bereitgestellten Daten mit negativen Resultaten schützen. Auf allen Ebenen hat der Profit der Wirtschaft Vorrang vor den Interessen der Patienten.

Das Problem ist also erheblich gewichtiger und reicht tiefer als das der Medikamente, bei denen eine schwarze Liste genügen würde. Das gesamte Gesundheitssystem gehört auf den Prüfstand: die Forschung und deren Finanzierung, das System der Patentrechte, die den Pharmafirmen gewährt werden, die Bewertung der Medikamente hinsichtlich ihrer Wirksamkeit und ihrer Risiken, die Methodik der klinischen Studien, die Ausbildung der Ärzte, die Rolle der Experten bei den Gesundheitsbehörden, die Art und Weise, in der die Krankheiten definiert werden, und noch vieles andere mehr.

Das ist eine gewaltige globale und unendlich komplexe Baustelle, und nicht zuletzt deshalb umfasst dieses Buch mehr als 450 Seiten. Einer der Gründe, aus denen wir Patienten und Bürger angesichts der durch die Pharmaindustrie auf Abwege geratenen Medizin so hilflos sind, ist genau diese Komplexität, und normalerweise überlassen wir es den Fachleuten, sich darin zurechtzufinden. Doch diese Experten sind Teil des Problems, und wir können uns nicht mehr darauf verlassen, dass sie uns die Lösung liefern. Es liegt an uns, das anzugehen. Und weil die erste Etappe bei der Lösung eines Problems darin besteht, es vorher gründlich zu verstehen, legt dieses Buch eine Bestandsaufnahme der Medizin und der Gesundheitssysteme im Zeitalter der Pharmariesen vor – in möglichst einfachen (aber nicht vereinfachenden) Formulierungen. Es handelt sich um ein Buch, das sich an alle richtet, damit auch wir zu Experten werden und die Entscheidungen diskutieren können, die man gewöhnlich im Namen der Wissenschaft und des öffentlichen Gesundheitswesens an unserer Stelle trifft.

Dabei werden uns elf Experten helfen. Doch das sind nicht irgendwelche Fachleute. Die Experten, die wir in diesem Band vereint haben, gehören zu jener kleinen Gruppe warnender Stimmen, die seit etwa 15 Jahren den Zugriff der pharmazeutischen Industrie auf medizinische Forschung und Praxis anprangern. Die meisten von ihnen sind »Insider«, international anerkannte Spezialisten auf ihrem Gebiet. Einige haben sogar lange in der Pharmaindustrie oder für sie gearbeitet. Aus verschiedenen Gründen abgestoßen von dem, was sie dort sahen, haben sie beschlossen, ihr Fachwissen in den Dienst der Öffentlichkeit statt in den der Pharmaunternehmen zu stellen – manchmal auf Kosten ihrer Karriere. Es sind die »Entrüsteten« des medizinisch-industriellen Komplexes, den wir »Big Pharma« nennen.

Sie waren die Ersten, die vor den Gefahren der Antidepressiva (David Healy) und der COX-2-Entzündungshemmer (John Abramson) warnten, die angeblichen therapeutischen Möglichkeiten der Antidepressiva (Irving Kirsch) und der Medikamente gegen die sogenannte Alzheimer-Krankheit (Peter Whitehouse) auf den Boden der Tatsachen zurückholten, die falsche »Pandemie« der Grippe H1N1 (Wolfgang Wodarg) anprangerten oder auch die Promotion neuer Krankheiten mit dem Zweck, Medikamente zu verkaufen (Iona Heath). Mediziner, ein medizinischer Anthropologe, ein Psychologe, ein Experte für das öffentliche Gesundheitswesen, ein Medizinjournalist – sie alle sind zu unseren Verbündeten geworden und helfen uns, das Maß der Krise zu erfassen, die unsere Gesundheitssysteme beeinträchtigt, weil die Pharmaindustrie in so unglaublicher Weise auf die Medizin übergegriffen hat. Sie sind sowohl Zeugen als auch Leitfiguren.

Verantwortlich sind sie selbstverständlich allein für die Texte, die sie selbst verfasst haben. Nicht verantwortlich sind sie insbesondere für die nicht namentlich gekennzeichneten Abschnitte, die zwischen ihre Beiträge eingeschoben wurden und von mir stammen. Jeder dieser Texte steht für sich und kann unabhängig von den anderen gelesen werden; das gilt auch für die dazwischenliegenden Kapitel, die das Buch »zusammenhalten«. Insgesamt erzählen sie eine zusammenhängende Geschichte, die mit den großen Pharmaskandalen beginnt (Prolog), sich fortsetzt mit einer Darstellung des gewaltigen Herrschaftsbereichs von Big Pharma (Teil 1) sowie der vielfältigen Methoden, die man nutzt, um die Medikamente zu verkaufen (Teil 2). Sie schließt mit der Umlenkung der »evidenzbasierten Medizin« zugunsten der Industrie (Teil 3). Das Nachwort von Iona Heath bedauert das Verschwinden der Medizin im Zeitalter des umfassend Pharmazeutischen und ruft zum Widerstand dagegen auf.

Für die Lektüre dieses Werks ist keinerlei medizinisches oder pharmazeutisches Vorwissen erforderlich. Ein Leser, der das Buch an beliebiger Stelle aufschlägt, kann jederzeit auf das Register am Ende zurückgreifen. So sollten Abkürzungen wie SSRI (Selective Serotonin Reuptake Inhibitor – selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) oder HAM-D (Hamilton Rating Scale for Depression – Hamilton-Skala) für ihn nicht lange rätselhaft bleiben, ebenso wenig wie etwa die Begriffe »Statin« oder »Randomisierung«. Er wird zum Experten – wenigstens so weit, dass er sich eine fundierte Meinung zu den Debatten um Nutzen und Risiken der Medikamente bilden kann. Was die echten Experten angeht, so können sie auf die Anmerkungen am Ende des Buches zurückgreifen, wo sie die Quellen der in diesem Buch enthaltenen Informationen finden.

Ein letztes Wort zu den Namen der Medikamente. Sie weisen zwei Bezeichnungen auf: 1. den internationalen Freinamen (INN, DCI) für den Wirkstoff und 2. den Markennamen, dem das Symbol ® angehängt ist. In der Theorie sollte man immer nur die Wirkstoffbezeichnung verwenden, um nicht Wissenschaft und Kommerzialisierung zu vermengen. In der Praxis neigen alle dazu, eher den Markennamen (Prozac, Viagra) zu verwenden, und das haben wir hier ebenfalls so gehalten, wenn auch nicht systematisch. Die erste Nennung eines Markennamens geht stets mit dem Symbol ® einher, wozu wir von den Puristen aufgefordert wurden, danach jedoch nicht mehr.

Wir danken den Herausgebern der Fachzeitschrift Prescrire, dass sie uns erlaubt haben, die schon vorher unter ihrer Verantwortung veröffentlichten Artikel nachzudrucken. Sie leisten seit mehr als 30 Jahren bewundernswerte Informationsarbeit über Medikamente und die sie produzierende Industrie. Man muss auf sie hören.

Dieses Buch ist allen Whistleblowern und investigativen Journalisten gewidmet. Weit mehr als die Angehörigen der Gesundheitsberufe haben sie zweifelhafte, wenn nicht sogar geradeheraus kriminelle Praktiken der pharmazeutischen Unternehmen ans Licht gebracht. Ihrem Mut und ihrer Hartnäckigkeit haben wir viel zu verdanken.

 

Mikkel Borch-Jacobsen

 

 

Prolog

Perfekte Verbrechen

 

Im Wechselspiel der physischen Gesundheit der Verbraucher und der finanziellen Gesundheit des Unternehmens gehen viel zu oft Täuschung vor Wahrheit, Verkaufszahlen vor Sicherheit und Geld vor Moral. Wer also sind diese Leute, die bewusst und im Geheimen entscheiden, die Öffentlichkeit allein aus Profitstreben zu gefährden, und die glauben, dass Krankheit und Tod der Verbraucher der Preis sind, der für ihr eigenes Wohlergehen zu bezahlen ist? Bundesrichter H. Lee Sarokin

 

Mit einigen kleinen Variationen ist es seit einem halben Jahrhundert immer die gleiche Geschichte. Man gibt Einzelfälle bekannt, in denen das Medikament X des Pharmaunternehmens Y eine toxische Wirkung Z gehabt hat. Die Pharmakologen des Unternehmens liefern Studien, die bestätigen, wie schwerwiegend das Problem ist. Intern zirkulieren Memos mit den Vermerken »STRENG VERTRAULICH«, »NICHT WEITERGEBEN«. Man engagiert renommierte Experten, die jedem, der ihnen zuhören möchte, erklären, dass zwischen X und Z wissenschaftlich kein kausaler Zusammenhang herzustellen sei und dass »neue Studien durchgeführt werden müssen«. Man streut Gerüchte über skeptische Wissenschaftler oder zu neugierige Journalisten, um sie zu diskreditieren. Man setzt die Angehörigen der Opfer unter Druck, damit sie den Mund halten.

Am Ende fliegt die Sache dann doch auf, sei es, weil die Leichen sich auf zu offensichtliche Weise häufen, sei es, weil ein Whistleblower die Memos ans Licht gebracht hat. Die Öffentlichkeit ist empört, die Behörden versprechen, künftig wachsamer zu sein, die Opfer erheben Klage. Zum Schluss wird das Unternehmen Y dazu verurteilt, eine hohe Strafe und/oder den Opfern Entschädigungen zu bezahlen – Beträge, die es schon seit langer Zeit zurückgelegt haben wird. Zwischen den ersten Alarmrufen und dem abschließenden Urteil werden jedenfalls Jahre, wenn nicht Jahrzehnte vergangen sein, in denen das Mittel X für Gewinne gesorgt haben wird, die unendlich weit über den für die Entschädigungen vorgesehenen Summen liegen.

Die Wall Street begrüßt die Operation und lässt die Aktien des Unternehmens steigen – ein perfektes Verbrechen.

 

Die Geschichte der Reptilien-Menschen

Im Juni 1960 ließ in den USA die Food and Drug Administration (FDA) ein neues Medikament gegen Cholesterin zu: MER/29, entwickelt von dem amerikanischen Unternehmen Richardson-Merrell (das unter anderem die bekannte Erkältungssalbe Wick VapoRub® erfand). MER/29 (generischer Name Triparanol) war das erste Medikament, das speziell für die Cholesterinreduzierung auf den Markt kam, das damals als Verdächtiger Nummer 1 bei Herzleiden galt. Das Marktpotenzial war (und ist noch heute) enorm: 60 Millionen Betroffene, so die Schätzung von Merrells Marketingleuten. Der Leiter der Forschungsabteilung hielt in einem Bericht fest, dass »die Dosis von einer Kapsel täglich für alle angezeigt ist, die älter als 35 sind« – etwa so wie bei Vitaminen. Man rechnete mit einem jährlichen Umsatz von 4,25 Milliarden Dollar, was den 1960 in den USA für Medikamente insgesamt ausgegebenen Betrag überstieg. Das Unternehmen Merrell war gut gestartet, um das erste Milliarden-Medikament der Geschichte in den Handel zu bringen.

Das mit großer Werbeunterstützung und aggressiver Beeinflussung der Ärzte auf den Markt geworfene MER/29 schickte sich gerade an, die Hochrechnungen der Marketingleute zu bestätigen, als erste schlechte Nachrichten eintrafen. Es zeigte sich, dass MER/29 bei manchen Patienten Ichthyosis (Fischschuppenkrankheit) verursachte; charakteristisch für diese Erkrankung ist eine schmerzhafte Verhärtung der Haut, verbunden mit der Bildung von Schuppen, die an solche von Reptilien erinnern. Die Betroffenen ähnelten, wie es hieß, Alligatoren. Anderen fielen die Haare aus, und bei manchen entwickelte sich grauer Star. Merrell jedenfalls weigerte sich hartnäckig, die Ärzte brieflich vor diesen Nebenwirkungen zu warnen – ungeachtet der dringenden Empfehlungen der FDA. Es handle sich, so das Unternehmen, um Einzelfälle und »Idiosynkrasien«. Am 12. April 1962 besann man sich bei Merrell plötzlich eines anderen und nahm MER/29 vom Markt.

Diese Entscheidung kam alles andere als spontan zustande. Drei Tage zuvor waren Inspektoren der FDA, versehen mit einem Durchsuchungsbefehl, im Labor der Firma vorstellig geworden. Durch Zufall hatte einer der Inspektoren bei der Nutzung einer Mitfahrzentrale den Ehemann einer früheren Merrell-Angestellten getroffen, und dieser hatte erzählt, dass man seine Frau, Bleulah Jordan, aufgefordert habe, die toxikologischen Daten zu fälschen, die man der FDA bei der Zulassung von MER/29 vorgelegt hatte. Schockiert habe sie kurz darauf die Firma verlassen, allerdings nicht ohne vorher Fotokopien der Dokumente angefertigt zu haben. Um ihr Gewissen zu erleichtern, war nichts weiter erforderlich, als sie der FDA auszuhändigen.

Die Untersuchung ergab, dass Merrell die unerwünschten Nebenwirkungen von MER/29 schon vor dem Antrag auf Marktzulassung gekannt und zur Vertuschung die Daten gefälscht hatte. Die Inspektoren fanden zudem ein Memo für die Pharmareferenten, die bei den Ärzten für das Medikament werben sollten:

Wenn Ihnen ein Arzt sagt, Ihr Medikament [MER/29] verursache eine Nebenwirkung, antworten Sie sofort: »Herr Doktor, welches andere Medikament nimmt der Patient noch ein?« Selbst wenn Ihnen bewusst ist, dass Ihr Medikament die fragliche Nebenwirkung verursachen kann, bestehen ebenso viele Risiken, dass genau diese Nebenwirkung auch von einem zweiten Medikament hervorgerufen werden kann! Sie geben Ihrem Medikament die Schuld, wenn Sie mit einer defensiven Erwiderung reagieren.

Zum ersten Mal in der Geschichte wurde eine Pharmafirma in flagranti ertappt. Das Unternehmen Merrell wurde wegen Fälschung und der Nutzung einer Fälschung angeklagt, ebenso der Vizepräsident und zwei Laborleiter, die direkt mit der Fälschung der Daten zu tun gehabt hatten. Zwei Jahre später, nach einem »plea of no contest« (bei diesem Arrangement mit der US-Justiz erkennt der Angeklagte die Schuld weder an, noch streitet er sie ab) wurden die Beschuldigten zur Zahlung einer Geldstrafe von jeweils 80000 Dollar verurteilt – ein lächerlicher Betrag im Vergleich zu den 180 Millionen Dollar Umsatz, die Merrell in diesem Jahr generiert hatte. In den folgenden zehn Jahren musste das Unternehmen zwischen 45 und 55 Millionen Dollar aufwenden, um die Prozesse beizulegen, die von den ungefähr 1500 entstellten oder halb erblindeten MER/29-Opfern angestrengt worden waren. Verbucht unter »Nebenkosten«.

Pressestimmen

WDR5 Leonardo

»Ein sehr informatives, verständliches Buch, das zur Empörung aufruft.«

Inhaltsangabe

Vorwort 
Prolog: Perfekte Verbrechen 


Erster Teil

Die Allmacht der Pharmariesen 
1 Pharmakonzerne im Dienst der ­Aktionäre

2 Medikamente : Konsumartikel wie alle anderen 

3 Warum sind Medikamente so teuer ? 
4 Es gibt keine Nebenwirkungen 


Zweiter Teil
Pharmazeutisches Marketing : Jedes Mittel ist recht
5 Für treue Kunden sorgen : Die Abhängigkeit von Arzneimitteln 
6 Medikamente auf Abwegen : Verschreibung » außerhalb der ­Zulassung « 
7 Der Risperdal-Prozess : Von der ­Schwierigkeit, die Vermarktung ­außerhalb der Zulassung zu verhindern (Kalman Applbaum)
8 Krankheiten schaffen 
9 Marketing für medizinische Informa­tionen : Die Einflussnahme auf das Inter­net und Patientenorganisationen (Antoine Vial)

10 Desinformation per Internet : Die » Wikipedia-Strategie « 

11 Die Ausbeutung unserer Ängste : Der Mythos von der Alzheimer-Krankheit (Peter J. Whitehouse)
12 Die Psychiatrisierung der Wechsel­fälle des Lebens : Die » DSM-Pharma-Connection « (Jerome C. Wakefield)
13 Zahlen manipulieren und Risiken aufbauschen 
14 Risiko und Verantwortung in der pharmazeutischen ­Werbung (Jeremy A. Greene)
15 Ein Fall von Datenfälschung : Cholesterin und die Vorbeugung ­gegen Herzerkrankungen (John Abramson)
16 Falscher Alarm : Die Schweinegrippe-Pandemie (Wolfgang Wodarg)


Dritter Teil
Was bleibt von der Wissenschaft ? 
17 Worauf beruht die » evidenzbasierte Medizin « ? 
18 Antidepressiva: Ein Mythos bricht zusammen (Irving Kirsch)
19 Der beste aller Märkte (David Healy)
20 Versuche und Versuchungen : Ärztliche Versuchs­kaninchen (Hans Weiss)


Epilog : Die Medizin verschwindet (Iona Heath)


Die Autoren 
Anmerkungen 
Register 

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