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Bibel der Toten

Bibel der Toten

Thriller

Taschenbuch
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Bibel der Toten — Inhalt

Kurz nachdem die junge Archäologin Julia Kerrigan in den französischen Cevennen einen alten Schädel mit einem mysteriösen Loch in der Stirnplatte entdeckt, wird ihr Grabungsleiter brutal ermordet. Und auch das Leben des Journalisten Jake Thurby gerät in Gefahr, als er im Dschungel Südostasiens zusammen mit der schönen Kambodschanerin Chemda einem Geheimnis der Khmer auf die Spur kommt. Beide Entdeckungen haben den Zorn eines alten, mysteriösen Todesengel geweckt, der noch immer auf Rache sinnt.

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 17.02.2014
Übersetzer: Sepp Leeb
480 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30382-8

Leseprobe zu »Bibel der Toten«

Die Höhle war feucht. Und dunkel. Unangenehm dunkel. Draußen schien die letzte Herbstsonne über die Cevennen, aber sobald Julia auf der Metallleiter in die Höhle der Schwellung hin­ab­zu­stei­gen begann, wurde sie von klammem Dunkel umschlossen – eingesogen. Verschluckt.

Warum graute ihr vor jedem Abstieg von neuem? Eigentlich hätte sie sich längst daran gewöhnt haben müssen. Sie machte das jetzt schon den ganzen Sommer lang: ihrer Arbeit nachgehen und in dem feuchtkalten Kalksteinhöhlennetz unter der Cham des Bondons wühlen und graben. Doch der [...]

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Die Höhle war feucht. Und dunkel. Unangenehm dunkel. Draußen schien die letzte Herbstsonne über die Cevennen, aber sobald Julia auf der Metallleiter in die Höhle der Schwellung hin­ab­zu­stei­gen begann, wurde sie von klammem Dunkel umschlossen – eingesogen. Verschluckt.

Warum graute ihr vor jedem Abstieg von neuem? Eigentlich hätte sie sich längst daran gewöhnt haben müssen. Sie machte das jetzt schon den ganzen Sommer lang: ihrer Arbeit nachgehen und in dem feuchtkalten Kalksteinhöhlennetz unter der Cham des Bondons wühlen und graben. Doch der Einstieg in den Arbeitstag fiel ihr immer noch kein bisschen leichter.

Sie hob die Hand, knipste die Lampe an ihrem Schutzhelm an und bückte sich in deren schwachen Schein zu ihrer Werkzeugtasche hinab, die sie am Vortag auf dem feuchten Höhlenboden zurückgelassen hatte. Sie kniete nieder, schlug die Plastikumhüllung zurück und breitete ihr Arbeitsgerät aus: Kellen und Schutzbrille, Bürsten und Lote. Die Werkzeugtasche war ein Geschenk ihrer Eltern in Michigan.

Der Wind blies flötend über die Höhlenöffnung wie ein Kind über einen Flaschenhals. Das vom Hall verstärkte Geräusch hatte etwas Unheimliches. Julia nahm die Werkzeugtasche und tastete sich langsam in den hinteren Teil der Höhle vor. Trotz der weichen Neopren-Knieschoner schmerzte ihr Schienbein empfindlich, als sie es sich an einem Felsen stieß. Nach wenigen Minuten erreichte sie eine Stelle, an der die Kalksteindecke kaum einen Meter hoch war. Ihr Grabungsbereich. Er hatte nichts Einladendes.

Normalerweise arbeitete sie zusammen mit ihren Kollegen Kanya, Alex und Annika hier unten in der Höhle der Schwellung. Aber in den letzten Tagen war ihre kleine Truppe empfindlich geschrumpft. Kanya hatte die Grabungssaison eine Woche vor dem offiziellen Termin beendet und war nach Kalifornien zurückgekehrt. Alex arbeitete mit dem Rest des Teams in einer anderen Höhle des Plateaus. Und Annika, ihre gute Freundin Annika, lag in ihrem kleinen Häuschen in dem verlassenen Dorf Vayssière mit einer Erkältung danieder.

Sie war die Einzige, die hier noch richtige archäologische Arbeit leistete, dachte Julie, als sie den Strahl ihrer LED-Stirnlampe justierte. Doch sie hatte nur noch eine Woche Zeit, um das Beste aus der enttäuschenden Grabungssaison zu machen. Noch eine Woche, um etwas zu finden und so ihr Forschungssemester und den zeitlichen und finanziellen Aufwand zu rechtfertigen, den sie hier, im entlegensten und einsamsten Teil Südfrankreichs, im ­Departement Lo­zère, betrieb.

Eine Woche noch bis zum Ende der Grabungssaison.

Und was dann?

Die Aussicht auf einen Winter in London und viele nachfolgende Winter, in denen sie gelangweilte Achtzehnjährige unterrichten müsste, war wenig aufbauend. Julia riss sich von ihren Gedanken los und versuchte, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren.

Tu es einfach.

Selbst wenn sie nichts anderes mehr finden würde als Fragmente eines zerbrochenen Knochenstifts, war ihr dennoch bewusst, dass sie von Glück reden konnte, überhaupt hier sein zu dürfen. Der metronomische Rhythmus ihres fachgerechten archäologischen Vorgehens übte schließlich seine beruhigende Wirkung auf sie aus: Bürste, Kelle und Sieb; Kelle, Pinzette und Sieb. Das metallische Klirren ihres Werkzeugs hallte durch die leere Höhle.

Sie versuchte auszublenden, dass sie ganz allein war. Und wenn nun plötzlich irgendein verrückter Hirte hier unten auftauchte und sie vergewaltigte? In der Speläologie konnte einen niemand schreien hören. Sie musste über ihre Ängste lächeln. Sollte es nur einer versuchen. Sie würde den Kerl mit ihrem fünfzehn Zentimeter langen Vermessungspflock aufschlitzen.

Eine weitere Stunde verrann im Nu. Sie ging ganz in ihrer Tätigkeit auf und war jetzt dabei, den trockeneren Staub am Ende der Höhle zu durchsuchen. Mit der Kelle aufnehmen und sieben. Mit der Kelle aufnehmen und sieben.

Sie bürstete und griff wieder zur Kelle. Dann hielt sie mitten in der Bewegung inne. Ihr Herz begann heftig zu schlagen.

Ein Auge starrte ihr entgegen.

Fast ließ sie die Bürste fallen.

In der schwarzen Erde zeichnete sich eine unverkennbare Rundung aus weißem Knochen ab, wie eine Mondsichel in einer dunklen Nacht.

Eine Augenhöhle. In einem menschlichen Schädel?

Mit zusammengekniffenen Augen betrachtete Julia ihren Fund. Ihr Puls ging immer schneller. Es war ein menschlicher Schädel.

Wie alt war das Cranium? Vielleicht war es nur ein Ziegenhirte aus dem Mittelalter, der nach einer durchzechten Nacht durch das Einstiegsloch gestürzt war. Vielleicht war es die Leiche eines Protestanten, der im 18. Jahrhundert vor dem Kamisardenkrieg geflohen war. Wahrscheinlicher war jedoch, dass der Schädel aus dem Neolithikum stammte. Genau das, was sie suchte.

Die Ablagerungen auf dem Höhlenboden stammten vorwiegend aus der Steinzeit. So viel stand bereits fest. Erst vor kurzem hatte sie ein winziges Fragment eines Stifts aus Antilopenknochen gefunden – aus der Zeit um 5000 v. Chr. Dieser Schädel musste aus derselben Epoche stammen.

Julias Hand zitterte vor Aufregung. Das war der mit Abstand beste Fund dieser unergiebigen Grabungssaison in den Höhlensystemen unter der Cham des Bondons. Ach was, das war der beste Fund ihrer ganzen unergiebigen archäologischen Karriere.

Sie bürstete und kratzte, um das Cranium schließlich mit der feinsten Kelle, ihrer kostbaren versilberten 10-cm-Kelle, ganz aus dem Boden zu lösen. Schon als sie die Erde beiseiteschob, merkte sie, dass an dem Schädel etwas eigenartig war.

Er hatte hoch oben in der Stirn ein Loch.

Julia streifte sich die Arbeitshandschuhe über und hob das Cranium in das weiße, schwächer werdende Licht ihrer Stirnlampe. Die Batterien würden nicht mehr lange halten, aber das war ihr jetzt egal. Das Ganze war einfach zu schön.

Die uralten Zähne schimmerten im matten Licht. Weiß und gelb. Und grinsend.

Eigentlich war ein beschädigtes Cranium nichts Ungewöhnliches. Julia hatte genügend Knochen gesehen, um zu wissen, dass man bei alten Funden mit Absplitterungen und Frakturen rechnen musste; in der ausgehenden Eiszeit hatte Homo sapiens erbittert um sein Überleben kämpfen müssen, mit Höhlenbären und Vielfraßen, mit Leoparden und Hyänen. Da waren schwere Verletzungen an der Tagesordnung: von der Jagd, von Stürzen beim Klettern, von Steinschlag.

Doch dieses Loch im Kopf war von Menschenhand gemacht worden. Nicht unbedingt in der Absicht, den Besitzer des Schädels zu töten, aber ganz gezielt in den Knochen gebohrt.

Julia legte den Schädel auf den Höhlenboden und machte sich ein paar Notizen. Zweifellos handelte es sich hier um einen Fall von steinzeitlicher Lobotomie, einen chirurgischen Eingriff, bei dem der Schädel eines lebenden Menschen aufgebohrt – oder »trepaniert« – wurde, um ein Stück seines Gehirns freizulegen.

Für solche Trepanationen, die als die frühesten bekannten chirurgischen Eingriffe gelten, gab es zahlreiche wissenschaftliche Belege, und die Museen waren voll von Exemplaren aus der Zeit um 5000 v. Chr., aus der vermutlich auch dieser Schädel stammte.

Aber niemand konnte bisher mit einer einleuchtenden Erklärung aufwarten, warum die Steinzeitmenschen so etwas getan hatten. Deshalb war diese Entdeckung eine kleine Sensation.

Ein Geräusch riss Julia aus ihren Gedanken. Sie legte das Notizbuch auf den Boden und spähte angespannt in das Dunkel hinter dem schwachen Lichtkegel ihrer Stirnlampe; um sie herum tanzten die Schatten der Höhle.

»Hallo?«, rief sie in das Dunkel hinein.

Stille.

»Hallo? Ghislain? Annika?« Stille. »Alex?«

Die Stille war fast total. Nur das ferne Pfeifen des Winds oben auf der Cham antwortete auf ihre Frage.

Hier unten war niemand. Niemand außer Julia Kerrigan, vierunddreißig Jahre alt, alleinstehend, kinderlos, mit einem Abschluss an der Universität Montreal und einer antistatischen Pinzette – nur sie und dieser namenlose menschliche Schädel. Und vielleicht eine Ratte.

Julia wandte sich wieder ihrem Fund zu. Noch zwei Stunden, dann wäre ihr Arbeitstag zu Ende. Und inzwischen freute sie sich richtig auf das abendliche Treffen, wenn die Archäologen, wie gewohnt, in der kleinen Brasserie Stevenson in Pont de Montvert zusammenkamen, um über die Funde des Tages zu sprechen – dieser Abend würde bestimmt nicht langweilig werden. Ganz beiläufig würde sie ihrem salbungsvollen Grabungsleiter gegenüber fallen lassen: Ach übrigens, Ghislain, ich habe einen Schädel gefunden. Trepaniert. Aus dem Neolithikum, glaube ich.

Ihr Chef würde strahlen vor Begeisterung und ihr gratulieren, und ihre Freunde würden grinsen und sich freuen und mit Côte du Rhône auf ihren Erfolg anstoßen, und dann würde sie ihre Eltern zu Hause in Marysville anrufen und ihnen endlich begreiflich machen können, warum sie nach Europa gegangen war. Warum sie immer noch nicht nach Hause kam. Weil ihre eigensinnigen Ambitionen endlich doch von Erfolg gekrönt wurden …

Moment mal. Als sie den Kopf von ihrem Notizbuch zu ihren Knochenbürsten drehte, stach ihr aus einer Ecke noch so ein weißer Schimmer in die Augen.

Ein zweiter Schädel?

Nach kurzem, vorsichtigem Bürsten hatte Julia die Bestätigung: ein zweiter Schädel. Und das dort, ganz hinten in der Ecke: war das etwa ein dritter?

Was hatte das zu bedeuten?

Jetzt war Julia nicht mehr zu bremsen. Sie machte sich sofort an die Arbeit. Sobald sie ihren Kollegen von ihrer Entdeckung erzählte, würden sie auf der Stelle anrücken und die Höhle für sich in Beschlag nehmen. Aber dieser Schatz, dieses Knochenlager war ihr Fund. Auf so etwas hatte sie den ganzen Sommer gewartet; nein, auf so etwas hatte sie fünfzehn Jahre lang gewartet. Sie müsste also schön blöd sein, sich diesen Fund wegnehmen zu lassen, ohne vorher das Bestmögliche aus der ganzen Sache herausgeholt zu haben.

Inzwischen hatte es draußen zu regnen begonnen. Laut klatschten die Tropfen auf die Metallleiter am Ende des Gangs und schwärzten oben auf der Cham des Bondons die eindrucksvollen alten Menhire. Aber Julia nahm kaum Notiz davon. Inzwischen war ganz deutlich zu erkennen, dass der Boden der Höhle – es war kaum zu glauben – von menschlichen Skeletten übersät war.

Und alle wiesen Spuren schwerer Verletzungen auf.

Sie schaute. Entsetzt. Das Licht ihrer Stirnlampe war inzwischen sehr schwach, aber es reichte noch aus, um ihren Fund zu beleuchten.

Drei Schädel wiesen Löcher auf. Gezielt gebohrte Löcher. Trepanationen. Vier weitere Skelette, ein Mann, eine Frau und zwei Kinder, hatten zwar keine aufgebohrten Schädel, wiesen aber eine andere Besonderheit auf.

Julia rieb sich die Augen, als könnte sie nicht glauben, was sie sah. Aber es war unstreitig. Zwischen den schmutzig weißen Rippen und Halswirbeln der Skelette steckten Feuersteinpfeilspitzen. In den unterschiedlichsten Winkeln. Das Gewebe, das sie einmal durchbohrt hatten, war schon vor Tausenden von Jahren verwest, aber die steinernen Pfeilspitzen, die zwischen den Rippen lagen oder noch in den Wirbeln steckten, waren erhalten geblieben.

Diese vier Steinzeitmenschen waren brutal ermordet oder sogar hingerichtet worden. Von allen Seiten mit Pfeilen beschossen. Rituell getötet. Julia konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das etwas mit den anderen, den trepanierten Schädeln zu tun haben musste. Aber worin genau bestand dieser Zusammenhang?

Sie wurde abrupt in ihren Überlegungen unterbrochen.

Da war es wieder, dieses Geräusch.

Diesmal war es unverkennbar. Jemand, etwas kam die Metallleiter herunter. In der Dunkelheit der Höhle, die wegen des schwächer werdenden Scheins ihrer Stirnlampe noch intensiver wurde, erschien Julia das Scheppern der rostigen Sprossen bedrohlich laut.

Sie hob die Hand an ihre Stirnlampe und klopfte dagegen. Es half nichts. Das Licht ging ganz aus. Die Batterien waren leer. Jetzt konnte sie nichts mehr sehen – aber umso besser hören. Und die Schritte, die in dem undurchdringlichen Dunkel näher kamen, ließen sie erschrocken zurückweichen.

»Hallo? Wer ist da? Wer ist da?«

Das Dunkel antwortete nicht. In dem grauen Flecken Licht unter dem Eingang der Höhle war nur ein schwarzer Schemen zu erkennen. Eine dunkle Gestalt. Hünenhaft. Riesig. Julia versuchte, Gesichtszüge auszumachen, aber alles, was sie erkennen konnte, war diese bedrohliche Silhouette. Und dann kam die dunkle Gestalt rasch den Gang herunter, direkt auf sie zu. Näher, immer näher.

Julia schrie entsetzt auf.

Tom Knox

Über Tom Knox

Biografie

Tom Knox, geboren 1963, ist das Pseudonym des Schriftstellers Sean Thomas. Als Journalist schreibt er unter anderem für die Times, den Telegraph, den Guardian sowie die Daily Mail. 2007 wurde er von der Sunday Times zum Reisejournalisten des Jahres gewählt. Sein erster Thriller, »Genesis Secret«,...

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