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Bezaubernd untot

Bezaubernd untot

Roman

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Bezaubernd untot — Inhalt

Cassie Palmer muss durch die Hölle gehen – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Als frischgebackene Oberste Seherin der Magischen Gemeinde wird sie von ihren Pflichten ziemlich in Anspruch genommen, zumal man ihre Kräfte nicht gerade als zuverlässig bezeichnen kann. Dabei hat Cassie momentan nur ein Ziel, und das hat überhaupt nichts mit ihrem Job zu tun: Sie muss einen gewissen Magier vor einem Schicksal in ewiger Verdammnis retten ...

€ 7,99 [D], € 7,99 [A]
Erschienen am 19.01.2015
448 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96725-9

Leseprobe zu »Bezaubernd untot«

Kapitel Eins

 

 

»Bist du groß geworden.«

Die zarte Stimme gehörte einem noch zarteren Mädchen an der Tür. Die Kleine war schwer zu erkennen, denn sie schimmerte in der Nacht wie die Mondstrahlen, die sie durchdrangen, und wurde vom dunstigen Gewirr der Geisterspuren überdeckt, die wie Graffiti in der Luft hingen. Meine Nackenmuskeln entspannten sich langsam.

Verkrampften sich aber sofort wieder, als eine zu laute Stimme aus einem nahe gelegenen Raum rief: »Cassie?«

Es gelang mir nur mit knapper Not, nicht aus der Haut zu fahren. Plötzliche Bewegungen [...]

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Kapitel Eins

 

 

»Bist du groß geworden.«

Die zarte Stimme gehörte einem noch zarteren Mädchen an der Tür. Die Kleine war schwer zu erkennen, denn sie schimmerte in der Nacht wie die Mondstrahlen, die sie durchdrangen, und wurde vom dunstigen Gewirr der Geisterspuren überdeckt, die wie Graffiti in der Luft hingen. Meine Nackenmuskeln entspannten sich langsam.

Verkrampften sich aber sofort wieder, als eine zu laute Stimme aus einem nahe gelegenen Raum rief: »Cassie?«

Es gelang mir nur mit knapper Not, nicht aus der Haut zu fahren. Plötzliche Bewegungen erschreckten das Geistermädchen vielleicht, und das konnte ich mir jetzt nicht leisten. »Bin gleich wieder da«, sagte ich ihr leise und lächelte beruhigend.

»Was?«, erklang die Stimme, lauter diesmal.

Ich schaute mich um und sah den wilden, weißen Schopf meines Komplizen Jonas Marsden aus einer Bürotür lugen. Mit dem wirren Haar, den rosigen Wangen und einer Brille mit Gläsern so dick wie Colaflaschenböden sah er aus wie Einstein auf LSD. Aber trotz des äußeren Anscheins verdiente er seine Position als tatsächlicher Führer der magischen Welt. Jonas leitete den mächtigen Silbernen Kreis, die größte Organisation von Anwendern der Magie auf Erden.

Aber selbst große Magier sind menschlich, und Jonas’ Ego verkraftete das Altern nicht besonders gut. So weigerte er sich zum Beispiel, sich mit einem Gehörzauber zu belegen, nur weil wir anderen alle zu leise redeten. Bedauerlicherweise konnte man dasselbe nicht von ihm sagen.

»Es gibt keinen Grund zu flüstern«, brüllte er. »Ich versichere dir, der Schild wird halten.«

»Das erzählst du mir schon die ganze Zeit.« Er redete von dem Stillezauber, den er gesprochen hatte, um jeden Lärm, den wir machten, daran zu hindern, ins restliche Haus vorzudringen. Das war ziemlich wichtig, da unsere Situation das Potential hatte, eine Katastrophe auszulösen. Wobei das irgendwie gerade auf jede Situation in meinem Leben zutraf.

Mein Name ist Cassie Palmer, und ich bin die frisch gekrönte Pythia, alias die Chefseherin der Welt. Der Job klingt erheblich beeindruckender, als er ist. Bisher ging es hauptsächlich darum, seltsamen Leuten Taxifahrten durch die Zeit zu verschaffen, wenn ich nicht gerade fast umgebracht wurde. Da ich mich zurzeit zwei Jahrzehnte in der Vergangenheit befand und versuchte, zusammen mit einem Typen, neben dem alles Exzentrische langweilig aussah, meinen alten Vampirmeister zu berauben, war der heutige Tag eigentlich eher durchschnittlich.

Meine Nerven waren allerdings anderer Meinung.

Vielleicht zeigte mir der fleckige Spiegel über dem Kamin auch deshalb kurze, blonde Locken, die aussahen, als wäre ich mir unentwegt nervös mit den Fingern durchs Haar gefahren. Außerdem ein Gesicht, das bleich genug war, um meine Sommersprossen scharf hervorstechen zu lassen, und große, erschrockene blaue Augen. Und ein T-Shirt mit der Aufschrift Brave Mädchen lassen sich nur nicht erwischen.

Das wollen wir hoffen, dachte ich inbrünstig.

Glücklicherweise war dieser Vampirhof vergleichsweise nachlässig, da er von einem Mann geführt wurde, der die Renaissance-Entsprechung zu »White Trash« war. Es gab nur eine felsenfeste Regel bei Tony: Niemand schwänzte das Abendessen. Ich war mir nicht sicher, warum, denn Vampire brauchen nicht zu essen – jedenfalls keine Menschennahrung. Und die meisten tun es auch nicht, da alle unterhalb des Meisterniveaus, dem Nonplusultra für Vampire, keine funktionierenden Geschmacksknospen haben.

Vielleicht war es Tradition, etwas, das er im Leben getan hatte und woran er sich im Tod noch immer festklammerte. Vielleicht war er auch einfach das gleiche Arschloch wie immer und wollte sein Abendessen vor einem Haufen von Leuten genießen, von denen die meisten genau dazu nicht in der Lage waren. So oder so bedeutete es, dass Jonas und ich eine Stunde Zeit haben sollten, bevor uns irgendjemand unterbrach.

Jedenfalls vorausgesetzt, dass der Zauber hielt.

Jonas wirkte nicht allzu besorgt. »Du könntest einen irischen Volkstanz veranstalten«, prahlte er, »in Holzschuhen, und niemand würde etwas hören.«

»Nein, aber sie könnten vielleicht die Vibrationen spüren …«

»Hier?« Er deutete auf die Risse in den Dielenbrettern, die aus der Zeit der Amerikanischen Revolution stammten, auf die jahrhundertealten Fenster, gegen die der Regen trommelte und hinter denen immer wieder Blitze aufzuckten und den uralten Putz auf den Wänden kalkweiß aufleuchten ließen. Tony lebte in einem historischen Bauernhaus im ländlichen Pennsylvania, das normalerweise einer Postkartenidylle glich.

In diesem Moment allerdings nicht.

»Oder uns wittern«, fügte ich hinzu.

»Von der anderen Seite des Hauses aus?« Jonas lachte spöttisch. »Das sind keine Übermenschen.«

Ich blinzelte. »Nun, eigentlich …«

»Du gibst zu viel auf deine Vampire, Cassie«, sagte er streng. »In einem Wettbewerb zwischen einem von ihnen und einem guten Magier würde ich immer auf den Magier setzen!«

Naja, das tue ich gerade, wollte ich erwidern. Aber ich hielt mich zurück, damit er endlich die Klappe hielt. Ich bin normalerweise nicht reizbar, allerdings versuche ich normalerweise auch nicht, ein durch Fallen gesichertes Büro eines Vampirmafiabosses auszurauben. Nicht dass ich das jetzt tat. Das war Jonas’ Ding. Ich war aus einem anderen Grund hier.

»Okay«, sagte ich und schaute wieder beunruhigt zu dem Mädchen hinüber.

Zum Glück war sie immer noch da, jetzt sogar ein wenig stofflicher. Die alte Puppe, die sie an den Haaren herumschleppte, hatte einen rosigen Farbton angenommen, und ihr Kleid, von dem ein Teil im Boden verschwand, zeigte jetzt eine helle Blauschattierung. Ich atmete auf und wurde mir dabei erst bewusst, die Luft angehalten zu haben.

Der Name des Geistes war Laura, und wir hatten als Kinder zusammen gespielt, damals, als ich diesen Ort mein Zuhause genannt hatte. Nur war ich erwachsen geworden, und sie … nun, sie eben nicht.

Eine der feststehenden Tatsachen über Geister ist: Wenn du stirbst, bleibst du ziemlich genau so, wie du es im Leben warst. Was bedeutet, wenn du ein einarmiger Mann warst, wirst du ein einarmiger Geist; so manifestiert sich die Energie eben. Größtenteils lernen die Betroffenen in Beetlejuice-Manier, damit klarzukommen und werfen abgetrennte Köpfe nach ahnungslosen Touristen – dem Geisterausdruck für Friedhofsbesucher – oder ziehen ausgeweidete Innereien wie einen blutigen Zug hinter sich her.

Humor tendiert dazu, ins Makabere umzuschlagen, wenn man gestorben ist.

Das Dumme ist nur, dass man fünf bleibt, wenn man mit fünf Jahren stirbt. Man lernt zwar neue Dinge, erwirbt neue Fähigkeiten, erlangt vielleicht sogar eine Art von Weisheit. Aber es ist die Weisheit eines Kindes. Man fängt nicht plötzlich an, wie ein Erwachsener zu denken.

Selbst nach mehr als hundert Jahren tut man das nicht.

Das war ein Problem, da ich Informationen brauchte, und ich brauchte sie dringend. Vor allem musste ich mit meiner Mutter sprechen, die früher ebenfalls Tonys Gastfreundschaft genossen hatte. Aber sie war gestorben, als ich noch jünger gewesen war, als Laura es zu sein schien.

Natürlich sollte es für eine Zeitreisende leicht sein, einer Toten einen Besuch abzustatten, nicht wahr? Nur dass es bei mir niemals leicht ist. Ich hatte fast eine ganze Woche damit verbracht, nach ihr zu suchen, und ich hatte nichts gefunden, nada. Aber ich musste sie aufspüren. Ein Freund von mir steckte in Schwierigkeiten, und Mom war die Einzige, die vielleicht wusste, wie man ihm helfen konnte. Und es bestand eine extrem gute Chance, dass Laura wusste, wo sie war.

Aber wenn ich mich recht erinnerte, würde es nicht einfach werden, sie zur Mitarbeit zu bewegen.

»Hey, Laura …«, begann ich möglichst lässig.

»Was macht der da?«, fragte sie und zog ihr Püppchen in den Lichtkeil, der aus dem Büro flutete.

»Nichts. Alles in Ordnung«, flüsterte ich und versuchte, sie hier draußen zu halten, wo wir ungestört reden konnten.

Also ging sie natürlich hinein.

Ich schloss die Augen.

So lange ich mich zurückerinnere, kann ich mit Geistern sprechen, viel länger also, als ich meinen jetzigen, verrückten Job mache. Aber es ist so wie mit Menschen – sie reden nur mit dir, wenn sie es wollen. Natürlich wollen sie es üblicherweise durchaus, da die meisten Geister an einen einzigen Ort gekettet sind und nicht viele Besucher bekommen. Nun, jedenfalls nicht viele, die sie auch bemerken. Also hätte die Kleine mir, wäre Jonas nicht hier gewesen, inzwischen wahrscheinlich ein Ohr abgekaut.

Aber er war da, und von uns beiden war er offensichtlich der Interessantere.

Ich akzeptierte das Unausweichliche und folgte ihr hinein.

Jonas musste schon einiges zerlegt haben, denn nichts erschoss, erdolchte oder packte mich, als ich durch die Tür trat. Er sah auch ziemlich okay aus, wenn man seine Angewohnheit ignorierte, willkürlich Dinge in die Hand zu nehmen und sie in oder in diesem Fall auf die wogende Masse zu stecken, die er Haar nannte.

»Er sieht aus wie Honeybun.« Laura kicherte. Sie sprach von meinem zahmen Kaninchen aus Kindertagen, das wir uns praktisch geteilt hatten, da Tiere Geister erheblich besser spüren können als Menschen.

Damit lag sie nicht ganz falsch.

»Hast du irgendetwas gefunden?«, fragte Jonas, der im Chaos auf dem Schreibtisch herumgestöbert hatte und jetzt aufschaute. Sein weißes Haar stand in zwei ungeheuerlichen Puscheln zu beiden Seiten eines alten Filzhutes heraus. Der Hut passte nicht zu seinem Outfit, und er hatte ihn bei seiner Ankunft hier noch nicht aufgehabt. Aber ich wusste bereits, dass der Versuch, Jonas zu verstehen, mir nur Kopfschmerzen bereitete – also ließ ich es meistens bleiben.

»Er ist so flauschig.«

»Wie bitte?«

»Ähm, nein. Noch nicht«, antwortete ich ihm und versuchte verstohlen, Laura zur Tür hinauszuscheuchen.

Sie kroch stattdessen unter den Schreibtisch.

»Schon fertig?«, fragte Jonas und schaute mich über den Rand seiner Brille an, während ich hinter ihr herkroch.

»Ähm, ja.«

»Bist du dir sicher, dass du nichts übersehen hast? Es ist ziemlich klein, weißt du.«

»Ziemlich sicher.«

Was er haben wollte, befand sich nicht im vorderen Büro. Ich wusste das, weil ich wusste, wo es sich befand, aber es war notwendig, ihn ein paar Minuten lang damit zu beschäftigen, es zu finden. Minuten, die ich nutzen konnte, um Laura einige Geheimnisse zu entlocken. Aber Jonas sah nicht so aus, als hätte er Lust, mir diese Zeit zu geben. Ausnahmsweise wirkte Jonas einmal sehr konzentriert.

»Wir haben keine Zeit für Spielchen, Cassie«, ermahnte er mich streng, während Laura zwischen seinen Beinen durchkroch.

»Ich kann dir gar nicht genug zustimmen«, murmelte ich und griff nach ihr.

Nur um zu erleben, dass sie sich abrupt auflöste und meine Hände direkt durch sie hindurchglitten. Und stattdessen Jonas’ Wade zu fassen bekamen. »Gibt es ein Problem?«, fragte er trocken.

Ja. Das Auflösen war es nicht – Lauras Sinne funktionierten nicht so gut, wenn sie nicht ganz da war, und sie war garantiert neugierig genug, um jeden Moment wieder aufzutauchen. Das war nicht das Problem.

Das Problem war, dass sie dachte, ich wolle spielen.

»Nein, nein, warte – oh, Scheiße«, zischte ich, als sie vollkommen unsichtbar wurde.

»Was?« Jonas versteifte sich und sah sich um. »Was ist los?«

Laura kicherte und erschien bei dem fadenscheinigen karierten Sofa, auf dem Tony seine Gäste zu parken pflegte, damit er beobachten konnte, wie sie sich auf den harten alten Federn wanden. »Fang mich doch!«, rief sie mir die gewohnte Herausforderung entgegen.

Es hatte mir als Kind Spaß gemacht, als ich nichts Besseres zu tun hatte. Jetzt machte es weniger Spaß. »Nein, hör zu …«

»Ich höre zu«, warf Jonas ungeduldig ein, als sie erneut verschwand.

Verdammt!

Ich kroch unter dem Schreibtisch hervor. »Cassie, was …«

»Bin in einer Sekunde wieder da«, unterbrach ich ihn mit zusammengebissenen Zähnen.

»Du benimmst dich selbst für eine Pythia ein wenig verrückt«, seufzte er, als ich hinausstapfte.

Nicht halb so verrückt, wie ich werde, wenn ich einen gewissen verspielten Geist nicht finde, dachte ich grimmig und schaute mich im vorderen Raum um.

Nichts schaute zurück, bis auf ein altes Porträt an der Wand, irgendein finster blickender Verwandter der Familie, der dieses Haus gehört hatte, bevor Tony beschloss, dass er es haben wollte. Es war in Mondlicht getaucht wie alles andere hier drin, was ein Problem war. Wenn sie verblassten, waren Geister wenig mehr als silberne Kleckse und verdammt schwer zu entdecken im Hell und Dunkel alter Möbel, muffiger Porträts und tanzender Schatten. Draußen zuckten Blitze auf und ließen das Weiß der gemalten Augen unheimlich hervorstechen.

»Verstecken ist unfair!«, rief ich angespannt.

Aber es sah aus, als sei ich die Einzige, die dieser Meinung war.

Es würde wirklich nicht einfach werden. Auch nichts Neues, dachte ich grimmig. Während der letzten drei Monate hatte ich gelernt, dass nichts jemals einfach war. Es war, als lebte ich in Murphy’s Law.

Obwohl, nein.

Das wäre eine Verbesserung.

Murphy zufolge ging alles, was schiefgehen konnte, auch tatsächlich mal schief. Aber das passte nicht auf mein Leben. Ich brauchte eine neue Regel. Cassies Regel. Etwas wie »Was nicht schiefgehen kann, weil es vollkommen unmöglich ist, wird irgendwie trotzdem schiefgehen.«

Typisches Beispiel: Es ist schon ziemlich unwahrscheinlich, dass der eigene Vater von einem Vampirmafiaboss getötet wird. Und dass die Seele besagten Vaters in einem verzauberten Briefbeschwerer gefangengehalten wird, weil der Vampir ein Arschloch ist, das sich so lange wie möglich an seinem ehemaligen Diener ergötzen will, ist einfach nur albern. Wenn jetzt vielleicht noch das Schicksal der Welt von diesem Briefbeschwerer und dem darin enthaltenen Geist abhängt, wird das Ganze grotesk. Und wenn die magische Welt es auch noch schafft, diesen überaus wichtigen Briefbeschwerer zu verlieren, weil besagter Bastard von einem Vampir damit ins Feenland abhaut … nun. Ich weiß nicht einmal, ob es ein Wort dafür gibt.

Aber wir brauchen eins. Denn es passierte. Einfach so, und zwar mir.

Ist jetzt klar, womit ich mich hier herumschlagen muss?

Aber gerade war es an Jonas, den Briefbeschwerer des Verhängnisses wiederzubeschaffen. Er war derjenige, der eine Welt zu retten versuchte. Ich war nicht so ehrgeizig. Ich versuchte einfach, einen Freund zu retten.

Und das klappte nicht so besonders gut.

Ich gab jede Raffinesse auf und zog die welthässlichste Halskette aus meinem T-Shirt.

Eine Sekunde später erschien ein Geist, wie ein Dschinn aus einer Flasche. Nur dass dieser Dschinn ein Cowboyoutfit trug und ziemlich erschrocken aussah. »Nein«, erklärte er mir energisch. »Auf keinen Fall, niemals. Denk nicht einmal daran …«

»Ich habe gerade nicht viel Zeit«, flüsterte ich barsch. »Und sie kann stundenlang so weitermachen. Einmal haben wir eine ganze Woche gespielt.«

»Und wieso ist das mein Problem?«, fragte er und sah sich nervös um. »Verdammt, es ist schlimmer, als ich es in Erinnerung hatte. Dieser ganze Ort tropft von Ektoplasma.«

»Du weißt, dass es so etwas nicht gibt«, erwiderte ich ungeduldig. Der Name des Geistes war Billy Joe, und obwohl er selbst zu den vom Leben Gebeutelten gehörte, hatte er keine Ahnung vom Tod. Vielleicht weil er die Ewigkeit damit verbrachte, kitschige alte Filme zu sehen und mich in den Wahnsinn zu treiben.

Wir hatten uns kennengelernt, als ich mit siebzehn versehentlich die Kette, in der er spukte, als Geburtstagsgeschenk für meine Gouvernante gekauft hatte. Am Ende schenkte ich ihr stattdessen einige geisterfreie Taschentücher und behielt dafür einen irischen Glücksspieler aus dem neunzehnten Jahrhundert mit einem großen Mundwerk und null Mumm in den Knochen. An manchen Tagen denke ich noch immer, dass die Gouvernante es besser getroffen hatte.

»Ach, wirklich?«, fragte Billy und sein gewohnter Sarkasmus wurde von einem Anflug von Panik überlagert. »Hör auf, dich wie ein Mensch umzusehen, und stell mal zur Abwechslung auf GEISTERSICHT um!«

Sein Ton verlieh dem Wort Großbuchstaben, obwohl es tatsächlich nur um die Art ging, wie Seher die Welt betrachten. Manche Leute sind gelenkig; wir sehen extrem gut, mit so etwas wie einem zweiten Augenpaar, das auf die Geisterwelt konzentriert ist. Ich versuchte für gewöhnlich, diese Gabe zu unterdrücken, da die Beobachtung anderer meist dazu führt, dass die einen ihrerseits beobachten, und es gibt da draußen einige furchteinflößende Dinge. Aber es sah nicht so aus, als könnte ich Laura auf eine andere Art finden.

»Siehst du, was ich meine?«, fragte Billy, als ich umschaltete. Nur dass er jetzt kein halbdurchsichtiger Cowboy in Rüschenhemd und Stetson war, sondern eine leuchtende, grüne Säule halbwegs cowboyförmigen Rauchs. Und schlechter erkennbar, statt besser, wie es der Fall hätte sein sollen, denn er hatte recht – der ganze Raum leuchtete in derselben unheimlichen Farbe.

Es war nicht nur so, dass die Vorbesitzer des Landhauses ein unappetitliches Ende gefunden hatten. Lange bevor hier gebaut worden war, hatten die Indianer auf diesem Hügel ihre Toten bestattet, und danach war er im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg in ein Schlachtfeld verwandelt worden. Und dann hatte es diverse Rivalen gegeben, die Tony im Laufe der Jahre hierher verschleppt hatte – die meisten von ihnen hatten das Haus nie wieder verlassen. Außerdem gab es noch Rachegeister, die verschiedenen Vampiren hierher gefolgt waren, um noch ein bisschen Post-mortem-Vergeltung zu üben. Das Ergebnis war eine Art Geister-Hauptbahnhof, mit den leuchtenden Spuren, die so dick auf dem Boden und an den Wänden und an der Decke hafteten, dass der ganze Raum neonfarben pulsierte.

»Du weißt, dass die Typen hier andere Geister hassen«, bemerkte Billy und riss den Kopf bei einem Geräusch herum, das ich nicht hören konnte. »Also, richtig, richtig hassen!«

»Dies müsste geheiligter Boden sein«, erwiderte ich. »Die ursprünglichen Besitzer mochten die Neuankömmlinge nicht, und sie prügeln sich deswegen bis heute.«

»Tja, nun, das sollen sie mal ohne mich machen«, sagte Billy. »Ich bin fertig.« Und er begann in seine Halskette zurückzuverschwinden, die, da er von ihr Besitz ergriffen hatte, neutraler Boden war.

Zumindest tat er das, bis ich ihn wieder herauszerrte.

»Laura wird dir nichts tun«, sagte ich und rang mit ihm um die Kontrolle. »Sie ist einer der süßesten Geister, die ich je getroffen habe. Sie spielt einfach gern.«

»Ja, das möchte ich wetten. Mit meinen Knochen, wenn ich welche hätte!«

»So ist sie nicht!«

»Klar. Denn wenn ein unschuldiges kleines Mädchen in einem Horrorstreifen auftaucht, ist das immer eine gute Sache!«

»Das hier ist kein Film!«, entgegnete ich und riss die Halskette zurück.

»Okay. Okay, sicher. Sie ist in Ordnung. Sie ist wunderbar. Aber was ist mit den anderen?«

Er hatte nicht ganz unrecht. Das Haus war ein Kriegsschauplatz, für Menschen unsichtbar, wo Generationen von Geistern Allianzen schmiedeten und brachen, gejagt und gelegentlich voneinander kannibalisiert wurden und ganz allgemein im Tod die Schlachten weiterführten, die sie im Leben gekämpft hatten. Und wie in allen Schlachten überlebten die Schwachen nicht lange.

»Ich will nicht, dass du dich in Gefahr begibst«, sagte ich ihm aufrichtig. »Schau dich nur einmal um; schau, ob sie mit dir redet. Du weißt, was ich brauche.«

»Ja, eine Untersuchung deines Kopfes!«, blaffte Billy. »Sie ist ein Geist – es ist nicht so, als würde sie irgendwo hingehen. Du könntest sie in unserer eigenen Zeit finden, ohne das Risiko …«

»Meinst du nicht, dass ich daran auch schon gedacht habe?«, zischte ich. »Das Haus ist in unserer Zeit leer. Niemand vertraut Tonys Leuten …«

»Keine Ahnung, warum«, unterbrach Billy mich sarkastisch.

»… also wurden sie auf andere Häuser verteilt, wo man sie beobachten kann. Seit er zum Verräter wurde, hat dieses Haus leergestanden. Und ohne menschliche Energie, um sich davon zu ernähren …«

»Verfallen Geister in den Winterschlafmodus«, beendete er meinen Satz.

Er sollte es wissen; er war nur deshalb so aktiv, weil ich ihm erlaubte, Energie von mir abzuzapfen. Andere Geister taten das gleiche, in einem viel kleineren Umfang, bei jedem, der in ihr Territorium eindrang – Menschen verlieren die ganze Zeit über Lebensenergie wie Hautzellen. Deshalb werden Geister auch überwiegend auf Friedhöfen oder alten Häusern gesichtet. Nicht nur, weil ihr körperliches Leben oft dort geendet hatte, sondern auch, weil Geister, die von einem anderen Ort stammten, es viel schwerer hatten, genug Energie aufzunehmen, um aktiv zu bleiben.

»Ich kann sie in unserer Zeit nicht finden«, erklärte ich ihm. »Und wann immer ich versuche, allein in der Zeit zurückzureisen, werde ich beinahe geschnappt. Dies ist vielleicht meine einzige Chance.« Er sah so aus, als wolle er Einwände erheben, und darin war Billy genauso ausdauernd, wie Laura im Verstecken. Aber auch dafür hatte ich keine Zeit. »Billy, bitte. Ich weiß nicht, was ich sonst tun soll!«

Er runzelte finster die Stirn. »Das ist nicht fair.«

Und das war es wirklich nicht. Wir kabbelten und stritten und zickten uns einander ständig an, schlimmer als ein altes Ehepaar. Und das war okay; das war Standard in den Familien, in denen wir beide aufgewachsen waren. Aber mit zarteren Gefühlen kamen wir nicht so gut klar, weil wir ihnen nicht allzu oft begegnet waren.

Billy war in einer lärmenden Familie mit zehn Kindern großgeworden, und obwohl ich den Eindruck hatte, dass seine Eltern bis zu einem gewissen Grad liebevoll gewesen waren, hatte es einfach nicht für alle gereicht. Er war in dem Gedränge oft untergegangen. Und was mich betraf …

Nun, Tonys Haus war vieles gewesen, aber bestimmt keine liebevolle Umgebung.

Als Resultat zogen wir beide es vor, uns von zarteren Gefühlen fernzuhalten oder sie ganz zu ignorieren. Also ja, Anflehen mit Tränen in den Augen war definitiv eine Art Mogeln. Aber ich war verzweifelt.

Einen Moment später gab Billy einen angewiderten Laut von sich und schaute himmelwärts. Warum, weiß ich nicht. Er hatte das seit ungefähr einhundertfünfzig Jahren ausdrücklich vermieden. Dann verschwand er ohne ein weiteres Wort, aber mit einer gereizten Vehemenz, die mich wissen ließ, dass ich irgendwann dafür bezahlen würde.

Das war okay. Das ging in Ordnung.

Über die Konsequenzen würde ich mir später Gedanken machen.

Jetzt musste ich sie einfach nur finden.

»Komm schon«, schmeichelte ich und versuchte, ruhig und lieb zu klingen. »Ich bin aus der Übung.«

Nichts. Nur ein dunkler, hallender Raum, durch den sich kreuz und quer Geisterspuren zogen. So dick und so verwirrend, dass die Geistersicht verdammt nochmal nichts nützte.

»Verflixt, Laura!«

Endlich kicherte jemand.

Es war schwer zu erkennen, wo es herkam, da der Wind und der Regen so laut waren, aber Geduld war nie Lauras Stärke gewesen. Eine Sekunde später war ein verdächtiges Flattern neben den langen Gardinen am Fenster bemerkbar. Als sie rannte, stürzte ich los, zu erleichtert, um vorsichtig zu sein, rutschte auf einem Teppich aus und fiel am Ende direkt durch sie hindurch.

»Verblassen … unfair!«, keuchte ich, als ich auf Hartholz aufschlug.

Sie lachte und hüpfte fröhlich durch die halboffene Tür in den Flur hinein, während ich mich aufrappelte. Aber sie nickte. »Kein Verblassen.«

»Keine Tricks?«, fragte ich, während ich ihr folgte. Denn anderenfalls galt es nicht.

»Keine Tricks«, stimmte sie feierlich zu.

Dann trat sie durch eine Wand.

Technisch gesehen war das kein Verblassen. Es war außerdem ihre patentierte Du-kommst-aus-dem-Gefängnis-frei-Karte, da das Kind, das ich gewesen war, ihr nicht hatte folgen können. Daher hatte sie neun von zehn Malen gewonnen, wenn wir dieses Spiel spielten. Aber ich hatte seit dem letzten Mal einige Dinge dazugelernt, und eine Sekunde später trat ich hinter ihr durch die Wand.

Nun, ich trat nicht direkt. Ich sprang und bewegte mich räumlich durch die Macht meines Amtes, genauso wie ich mich durch die Zeit bewegt hatte, um uns hierher zu bringen. Es war ein guter Trick, wie Lauras Gesicht verriet, als ich mich einen halben Meter hinter ihr wieder materialisierte. »Wie hast du das gemacht?«, fragte sie mit leuchtenden Augen.

Und dann lief sie wieder los, verschwand durch ein Bücherregal.

Ich eilte hinter ihr her und versuchte, mich an den Grundriss dieser Räume zu erinnern, während ich rannte. Aber im Gegensatz zu Laura werde ich nicht körperlos, wenn ich springe. Ich ploppe einfach von einem Ort weg und in einem anderen wieder auf, und es würde keinen Spaß machen, mitten auf einem Stuhl oder Tisch aufzuploppen. Also lagen meine Nerven blank, noch bevor ich durch einen weiteren Raum stürmte, durch einen Kamin sprang und es mit knapper Not vermied, mich mit einem Schüreisen aufzuspießen, bevor ich in den Flur hinausflitzte …

Wo ich Laura erblickte, wie sie direkt zwischen zwei Männern hindurchhuschte, die in meine Richtung kamen.

Oh nein, dachte ich, plötzlich erstarrt.

Keine Männer.

Zumindest nicht mehr.

Sie kamen eine prachtvolle alte Wendeltreppe herunter, eins der schönsten Dinge, die das Haus zu bieten hatte. Sie war aus Eichenholz gefertigt, aber durch das Fett tausender Hände über die Jahrhunderte dunkel poliert worden. Doch sie konnte den Vampiren, die sie benutzten, nicht das Wasser reichen. Nun, jedenfalls einem von ihnen nicht.

Mircea Basarab, Tonys eleganter Meister, hätte wahrscheinlich auch in schlichten alten Jeans mein Herz zum Rasen gebracht. Ich sage wahrscheinlich, weil ich ihn nie in etwas so Lässigem gesehen hatte und es auch jetzt nicht tat. Das schimmernde, mitternachtschwarze Haar fiel ihm auf Schultern, die in einem so perfekt geschneidertem Smoking steckten, als käme er direkt aus einem Fotoshooting. Mirceas Haar war eigentlich mahagonibraun, nicht schwarz, wie es bei dem schwachen Licht erschien, aber die breiten Schultern, die schmale Taille und die Aura kaum gezügelter Macht waren keine Illusionen.

Allerdings wirkte er ein wenig deplatziert in einem Haus, in dem sein Gastgeber sich nur mit Glück darauf besann, seine Krawatte nicht in die Suppe zu hängen. Und da Mircea es für gewöhnlich vermied, deplatziert zu wirken, musste er einen guten Grund für seine Anwesenheit hier haben. Vielleicht denselben, aus dem Tony die Familie jeden Abend zum Festmahl geißelte?

Eine Sekunde lang wünschte ich mir, ich hätte Tony sehen können, seine gut dreihundert Pfund in einen Frack gezwängt, ausnahmsweise einmal so überaus unbehaglich bei einem seiner Dinner wie alle anderen. Aber das würde nicht passieren. Denn der Vampir an Mirceas Seite mit dem dunklen, gelockten Haar, dem Ziegenbärtchen und den trügerisch freundlichen, braunen Augen war nicht Tony.

Scheiße, dachte ich grimmig und wich schnell in den Raum zurück, aus dem ich gerade gekommen war.

Absolut die richtige Entscheidung.

Zumindest bis sie mir dorthin folgten.

In Panik sprang ich – ebenfalls die richtige Entscheidung, da es keine anderen Türen aus diesem Raum gab. Aber Springen im Sekundenbruchteil und in einem Anfall von Panik ist nicht leicht, und diesmal schaffte ich es nicht. Oder vielmehr schaffte ich es nicht ganz.

Verdammte Scheiße!, dachte ich verzweifelt und fand mich gefangen im Kamin, während zwei hochrangige Meistervampire in den Raum spazierten.

Karen Chance

Über Karen Chance

Biografie

Karen Chance lebte in Frankreich, Großbritannien und Hongkong, kehrte aber stets wieder zurück in ihre amerikanische Heimat. Derzeit hat sie sich in Orlando, Florida, niedergelassen. Bisher erschienen bei Piper fünf Bände um die Seherin Cassie Palmer: »Untot mit Biss«, »Hinreißend untot«, »Für...

Kommentare zum Buch

Wer Cassie Palmer nicht kennt, hat die Welt verpennt
Andrea Bruns am 29.06.2015

So heiß ersehnt! Und endlich war er da! Der 6. Band um und mit Cassie Palmer! Was ihr kennt Cassie noch nicht? Dann wird es aber Zeit. Das ist eine der besten Serien die ich bisher gelesen habe, und die Qualität lässt nicht nach und es wird auch nie langweilig Cassie zu begleiten. Ihr denkt euer Leben ist kompliziert? Dann habt ihr Cassie´s Leben noch nicht kennengelernt. Denn Cassie ist seit einiger Zeit völlig unvorbereitet Pythia ( die Oberste Seherin der Welt) geworden. Sie kann durch die Zeit springen, manchmal kontrolliert oft aber auch unkontrolliert. Ja und eigentlich jeder will was von ihr. Die einen wollen sie tot sehen, die anderen wollen etwas von der Macht abhaben, die Cassie eigentlich gar nicht will. Cassie ist von Natur aus etwas chaotisch, liebenswert, mutig wenn es drauf ankommt, mit dem Herzen am richtigen Fleck und hat ab und an mal ein sehr loses Mundwerk, und sie landet mehr oder weniger immer in irgendwelche Katastrophen. Aber sie hat auch mächtige Freunde an ihrer Seite, und einen gilt es jetzt gerade zu retten! Ob ihr das Vorhaben gelingt? Welche ungeahnten Gefahren sich ihr in den Weg stellen? Vor allem mit wem sie sich alles anlegen muss ... Dieses Buch war wieder ein wahrer Augenschmaus. Durch den lockeren Schreibstil, hat Karen Chance es mehr als einmal geschafft mir einen Lacher zu entlocken und das in Situationen, die eigentlich gar nicht zum Lachen waren. Ich liebe Cassie Palmer und habe auch den 6. Band sehr genossen. Und ich hoffe sehr auf Band 7, denn so kann es einfach nicht zu Ende sein!!!   Fazit: Für alle Cassie Palmer Fans eine absolute Must Read Empfehlung. Und für alle anderen: Eine empfehlenswerte Reihe, die Spannung, Fantasie, Herzlichkeit, manchmal auch Verrücktheit gekonnt vereint.

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