Lieferung innerhalb 2-3 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Bekenne deine Schuld

Bekenne deine Schuld

Kriminalroman

E-Book
€ 8,99
€ 8,99 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
Jetzt kaufen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Bekenne deine Schuld — Inhalt

Lisa Wild ist ihr schlechtes Karma endlich los. Denn als im Nachbarort zwei Männer ermordet werden, ist es ausnahmsweise einmal nicht sie, die die Toten entdeckt. Lisa hat keine Lust mehr auf Ermittlungen, und obwohl alles auf einen Serienmörder hindeutet, möchte sie mit dem Fall rein gar nichts zu tun haben. Doch kurz darauf lockt eine anonyme SMS sie in das Gartenhäuschen ihres Nachbarn – und prompt findet sie dort die dritte Leiche! Kennt Lisa den Mörder etwa persönlich?

€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 19.01.2015
304 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96724-2

Leseprobe zu »Bekenne deine Schuld«

Früher stellte ich mir oft vor, ich sei eine Art Superwoman mit einem ganzen Blumenstrauß an phantastischen Fähigkeiten. Ich kämpfte regelmäßig gegen Zombies, Vampire und Außerirdische – und ging natürlich immer siegreich hervor. Ich sah in jeder Lebenslage wahnsinnig gut aus und war bei jedermann irrsinnig beliebt. Zugegeben, damals war ich zwölf Jahre alt und ahnte nicht, dass ich mit sechsundzwanzig Jahren noch bei meiner Großmutter wohnen und es auch um mein Aussehen nicht ganz so sagenhaft bestellt sein würde. Erst recht nicht um sieben Uhr in der [...]

weiterlesen

Früher stellte ich mir oft vor, ich sei eine Art Superwoman mit einem ganzen Blumenstrauß an phantastischen Fähigkeiten. Ich kämpfte regelmäßig gegen Zombies, Vampire und Außerirdische – und ging natürlich immer siegreich hervor. Ich sah in jeder Lebenslage wahnsinnig gut aus und war bei jedermann irrsinnig beliebt. Zugegeben, damals war ich zwölf Jahre alt und ahnte nicht, dass ich mit sechsundzwanzig Jahren noch bei meiner Großmutter wohnen und es auch um mein Aussehen nicht ganz so sagenhaft bestellt sein würde. Erst recht nicht um sieben Uhr in der Früh, wenn ich in Jogginghose und ausgeleiertem Pulli zum Postkasten wankte, um die Zeitung zu holen.

Um genau zu sein, konnte es um meine Beliebtheit in unserem Dorf nicht schlechter bestellt sein – punktemäßig kam derzeit bestimmt selbst der dauerbesoffene Loisl besser weg. Die Dorfbewohner kamen aus dem Kopfschütteln, Augenbrauenrunzeln und Fäuste-in-die-Hüfte-Stemmen gar nicht mehr heraus. Über alles, was ich tat oder nicht tat, wurde gemeckert: Dass mein Freund Max und ich nicht verheiratet waren – und ich dankte Gott dafür, dass noch keiner herausbekommen hatte, dass ich Max’ Heiratsantrag abgelehnt hatte. Dass ich mich zu wenig um meine Großmutter kümmerte, sondern alles dem armen Maarten überließ, seines Zeichens Expraktikant von Max, Exaltenpflegepraktikant und jetzt Polizist in Ausbildung. Dass ich mich zu wenig um meinen tollen Max kümmerte, wo es doch das komplette Wunder war, dass sich so ein phantastisch aussehender, liebenswürdiger und körperlich gestählter Mann – man bedenke, auch noch bei der Kripo! – überhaupt für so jemanden wie mich interessierte.

Den Gipfel meines unsteten Lebenswandels bildete meine »Beziehung« zu unserem noch immer recht neu zugereisten Dorfpolizisten Joe. Ich war mir fast sicher, dass in unserer Metzgerei, dem Informationsknotenpunkt des Dorfes, über Joe und mich Buch geführt wurde. Wie oft er mir zugezwinkert hatte. Ob wir ein Gespräch geführt, wie nahe er dabei an mich oder ich an ihn herangetreten war und ob sich vielleicht, Gott behüte, unsere Schuhspitzen berührt hatten. Und die allermeisten, insbesondere die Annl, waren sich auch fast ein Jahr nach seiner Ankunft im Dorf immer noch hundertprozentig sicher, dass sie ihn aus ›Aktenzeichen XY ungelöst‹ kannten. Deswegen kursierten hartnäckige Gerüchte, die ihn mit absurdesten Gewaltverbrechen in Verbindung brachten. Und auch die Sache mit der Kalaschnikow unter seinem Bett war nach Meinung der Ratschkathln noch nicht endgültig widerlegt. Genauso sicher waren sich alle, dass ich ihn nicht von der Bettkante stoßen würde, so sie denn nicht verlässlich dafür sorgten, dass ich keine Sekunde mit ihm alleine war.

Mit viel Glück rettete ich mich an diesem schönen Tag mit der Tageszeitung in unsere Küche, ohne unseren morgenaktiven Oberratschkathln Rosl und Annl über den Weg gelaufen zu sein. Stattdessen stolperte ich über Großmutters Kartons, um im nächsten Atemzug die wassergetränkte Grünlilie vom Fensterbrett zu reißen, die ihrerseits die nasse Erde über den Fußboden spritzte. Als ich meinem Ärger lautstark Ausdruck zu verleihen gedachte, bekam ich wegen meiner Halsentzündung nicht mehr heraus als ein Papagei, der die ersten Sprechübungen absolviert – und so blieben meine wütenden Kommentare unausgesprochen.

Was vielleicht auch besser war, denn die Sache mit den Kartons in der Küche konnte ich sowieso nicht ändern. Das waren nämlich Sauerkrautdosen, die Großmutter für den Notfall gekauft hatte. Um für den bevorstehenden Weltuntergang, der, wie alle außer Großmutter wussten, 2012 bereits hätte sein sollen, gewappnet zu sein, hortete sie nämlich Nahrungsmittel. Und diese Menge an Notfallsauerkrautdosen, die gereicht hätte, das gesamte Universum zu versorgen, sprengte natürlich das Fassungsvermögen unserer Speisekammer.

Statt mich um die Kartons und die nasse Erde zu kümmern, schenkte ich mir eine Tasse Kaffee ein und setzte mich an den Küchentisch. Der Gedanke an all das, was ich in nächster Zeit zu stemmen hatte, machte mich ganz kraftlos. Der Umzug von Max und mir stand bevor, unsere erste gemeinsame Wohnung! Es gab noch tausend Sachen zu organisieren. Nebenbei wollte ich, bevor ich Urlaub nahm, auch noch meine Artikelserie über das bayerische Schulsystem abschließen.

Wenn ich viel Glück hatte, kam mittags Maarten vorbei, der beste Großmuttersitter aller Zeiten. Okay, er hatte auch ständig Hunger und vernichtete alles, was Großmutter kochte und buk, aber das nahm ich gerne in Kauf. Denn für ihn, den lieben Martin, wie sie ihn beharrlich nannte, nahm sie sogar ihre Medikamente und trank Ostfriesentee, den Maarten in »Schwarztee mit Milch« umgetauft hatte, um nicht als Saupreiß zu gelten, der er nun einmal war.

»Des glaubst ned«, sagte Großmutter und ließ im Unklaren, ob sie von dem Saustall sprach, den ich gerade fabriziert hatte, oder von etwas anderem.

Vor mir lag die Tageszeitung, auf deren Titelblatt ich heute meinen persönlichen Seite-Eins-Artikel erwartete. Nicht, dass ich ständig Seite-Eins-Artikel schrieb, das war eigentlich die große Ausnahme. Ich hatte die Überschrift gewählt: »Bayerns Schulen in der Krise«. Obwohl die Zeitung verkehrt herum lag, erkannte ich bereits an der Anzahl der Wörter, dass es sich unmöglich um meinen Artikel handeln konnte – und ich war just in der richtigen Stimmung, schnurstracks in die Redaktion zu fahren und meinem Kollegen Kare gewaltig meine Meinung zu geigen. Weil, wenn es nicht mein Artikel war, dann war es der vom Kare.

»Hast des glesen?«, wollte Großmutter wissen, ebenfalls die nasse Erde ignorierend.

Ihre Aufregung konnte eigentlich nur bedeuten, dass endlich etwas in der Zeitung stand, das sie darin bestärkte, dass die »Meiers« mit ihren Berechnungen zum Weltuntergang richtiglagen. Und ich würde mir wieder den Mund fusselig reden können, dass das mit den Mayas und dem Weltuntergang weder 2012 eingetroffen war noch irgendwann anders eintreffen würde.

Sie drehte die Zeitschrift zu mir um, und ich las die Überschrift.

Plötzlich hätte ich singend und lachend durchs Haus springen können. Wegen einer Schlagzeile vom Kare. Ehrlich, dass so etwas jemals eintreten würde … Und ja. Er hatte damit meinen Seite-Eins-Artikel ins Nirwana geschossen, was eine unglaubliche Gemeinheit war. Auch war der Titel meines Erachtens ein Griff ins Klo, wie so mancher Titel vom Kare, den er nicht von Wikipedia geklaut hatte. Aber der Inhalt machte mich dennoch richtig glücklich!

»Des glaubst doch ned«, wiederholte sich Großmutter kopfschüttelnd.

»Neue Leiche gefunden: Ein Serienkiller mitten unter uns?«, stand dort in zackigen Buchstaben, von denen das Blut heruntertroff.

Nein, ich bin weder so blutrünstig, dass ich mich über Serienmörder freue, noch bin ich eine Sympathisantin von der Annl, die schon seit Jahren ihre Serienkiller-Hypothese verfolgt und damit das halbe Dorf »stocknarrisch« macht.

Nein.

Was mich juchzen machte, war, dass es Leichen gab, die nicht von mir gefunden wurden! Ganz nah, man stelle sich das vor! Okay, im Nachbarort, das war fünfzehn Kilometer weit weg. Aber schließlich hatte ich ein Auto und fuhr auch manchmal durch Unterbachenreuth. Es war also nicht komplett ausgeschlossen, dass ich bei einer dieser Fahrten eine Leiche des Serienkillers hätte finden können.

Konnte es sein, dass der Spuk ein Ende hatte? Noch vor zwei Wochen hätte ich alles darauf verwettet, dass keine Leiche an mir vorbeikam, ohne mir ein Bein zu stellen! Am liebsten hätte ich die Schlagzeile geküsst. Fortan würde ich wieder unbeschwert durchs Leben gehen können, jeglicher Makel war von mir gewaschen und nichts geblieben, das magisch Leichen anzog. Ab jetzt wurden Leichen einfach von anderen Menschen gefunden!

Begierig begann ich die Details zu lesen. Was meinte der Kare zum Beispiel mit »neue Leiche«, ganz so, als gäbe es noch ein paar alte?

»Gestern kurz vor Redaktionsschluss fand Josef W. (alle Namen von der Redaktion geändert) vor seiner Hofeinfahrt seinen langjährigen Freund Alfons S. bewusstlos am Boden liegen. Er verständigte sofort den Rettungsdienst, der die Unfallstelle um 21 Uhr 33 erreichte. Trotz intensiver Wiederbelebungsmaßnahmen konnte Alfons S. nicht mehr ins Leben zurückgeholt werden.«

Das klang nicht nach Serienkiller, sondern nach Herzinfarkt.

»Wie erst jetzt bekannt wurde, ist vor vier Tagen ein anderer langjähriger Freund von Josef W. tot aufgefunden worden. Nach einer Autopsie stellte sich heraus, dass dieser keines natürlichen Todes gestorben war.«

Noch eine Leiche. Die ich nicht gefunden hatte! Das musste ich dringend Max erzählen. Zwei Leichen! Und keine von mir gefunden! Das war der totale Rekord!

Großmutter stemmte zungeschnalzend die Fäuste in die Hüften.

»Josef W.«, sagte sie in genervtem Tonfall. »Wieso schreibt er denn ned glei, dass es der Gschwendner ist. Der Adi. Weiß doch eh jeder, dass des der Adi ist.«

»Wer? Der Tote?«, wollte ich krächzend wissen.

»Nein, der, dem die ganzen Spezln wegsterben wie die Fliegen«, erläuterte Großmutter.

»Wieso weiß das schon wieder jeder?«, hakte ich nach, wissend, dass ich mir die Frage hätte schenken können.

»Wegen dem Jagdhäusl. Vor dem sein Freund tot gfunden worden ist. Wer hat denn schon ein Jagdhäusl? I ned.«

Auch wieder wahr. Allerdings wusste ich vom Gschwendner auch nicht allzu viel, außer dass er ein Großbauer war, ein Großkopferter sowieso, und laut meiner Großmutter immer so tat, als wär er der Herr Graf. Was aber auch kein Wunder war, denn er stammte aus Unterbachenreuth, unserem Nachbardorf, und war somit a priori nicht ganz koscher, egal, wie er sich benahm.

»Außerdem ham’s des ja gestern schon in der Metzgerei erzählt.«

»Was? Dass am Abend der nächste Tote gefunden wird?«, fragte ich ungläubig nach. Das war selbst für unsere Oberratschkathln ein Rekord, der mich mit Bewunderung erfüllte.

»A geh, Mädl«, murrte Großmutter unwillig. »Dass der Poldi keinen Herzinfarkt hatte, sondern erdrosselt worden ist.«

Von erdrosselt stand jetzt gar nichts in der Zeitung, was der erneute Beweis dafür war, dass sie als Informationsmedium ausgedient hatte. Zumindest in Orten mit Metzgereien als Nachrichtenkompetenzzentren. Vielleicht hatte auch irgendein Polizist verhindert, dass es in die Zeitung kam. Mit größter Wahrscheinlichkeit mein Freund Max, seines Zeichens Kriminalkommissar und dazu prädestiniert, Zeitungsmenschen und insbesondere mir alles Mögliche zu verbieten.

»Wieso weiß man das schon in der Metzgerei?«

Die nächste dumme Frage, die ich mir nicht verkneifen konnte. Schließlich hatten wir die Rosl im Dorf, und wäre diese nicht so unbedarft in Computerdingen gewesen, hätte ich ihr und ihren Genossinnen zugetraut, dass sie sich in Altersteilzeit in der Internetüberwachung betätigten.

»Na ja. Die Rosl …«

Ja. Meine Rede. Die Rosl.

»… die ist doch die Schwägerin vom Adi. Weil die Rosl … da ist doch die Mutter so früh gstorben, und dann sind die ganzen Kinder auf die Verwandtschaft verteilt worden. Und die Rosl, das ist die Älteste, ist zusammen mit der Burgl, des is ihre Schwester, die Jüngste, damals zu den alten Gschwendners kommen. Des war kurz bevor der Krieg aufghört hat, und den Gschwendners hat des damals nicht so recht ’passt. Damals hat keiner was ghabt, und dann noch ein paar Kinder dazu kriegen … Die ham die damals ausgnutzt, des kannst dir gar nicht vorstellen. Nach Strich und Faden. Die waren ja auch erst Kinder. Aber gearbeitet wie die Knechte. Auf dem Feld, in der Küch’, den ganzen Tag lang.«

Sie warf mir einen stechenden Blick zu. »Deswegen geht ja die Burgl auch so schief.«

Darum saß ich lieber auf der Eckbank.

»Und dann hat dem Gschwendner sein Bub die Burgl gheirat’. Obwohl die Eltern natürlich dagegen waren. Die Burgl, die nix ghabt hat. Wo er genauso gut eine Geldige hätt haben können, nimmt er die Burgl.«

Sie nickte zufrieden, eindeutig auf der Seite von der Burgl.

»Aber eine Freud’ war des für die Burgl ned«, erklärte sie mir. »Die Kinder von ihr sind alle schon im Kindbett gstorben, bis auf die zwei letzten Mädeln. Aber die Letzte, die ist ein bisserl …« Bei dem letzten Satz drehte sie ihren Zeigefinger neben der Schläfe.

»Ich weiß«, sagte ich. Mit der jüngsten Tochter vom Gschwendner war ich nämlich in dieselbe Klasse gegangen. Sie hatte zwar nie das Einmaleins gelernt, aber immer leckere Schmalzlmauserln dabeigehabt, die sie mit mir zu teilen pflegte.

»Mei, sie war halt auch schon weit über vierzig, wie sie die Jüngste kriegt hat, da kann des leicht passieren«, erläuterte sie mir. »Und die Rosl hat gsagt, dass des alles die Strafe des Herrn ist.«

Für die Rosl war alles Mögliche die Strafe des Herrn. Vermutlich auch meine Heiserkeit und Großmutters Hammerzehe.

»Und für was?«, fragte ich neugierig nach. Meine Heiserkeit war bestimmt die Strafe für meinen irrsinnigen Rededrang. Und die Hammerzehe dafür, dass Großmutter immer den Hund mit dem Fuß wegschob. Aber wofür die Burgl bestraft werden sollte, wusste Großmutter leider auch nicht.

»Bei so was frag ich ned nach«, erklärte sie mir. »Was da ans Licht kommt. Des will man gar nicht wissen.«

Ich leider schon. Ich seufzte unzufrieden.

»Und die Burgl hat halt gsagt …«

»War die auch da?«

»Nein. Natürlich war die Burgl nicht da«, antwortete Großmutter mit einem Unterton, der signalisierte, dass meine Unterbrechungen nicht gern gesehen waren. »Aber die hat halt der Rosl unter dem Siegel der Verschwiegenheit …«

Ich lehnte mich zufrieden zurück.

»… erzählt, dass sie jetzt den Poldi obduziert hätten, weil die Marianne, seine Frau, bei der Polizei gsagt hätt, der Poldi, der ist pumperlgsund, der stirbt doch ned an einem Herzinfarkt. Noch dazu akkurat vor der Jagdhütte vom Adi! Wenn gar keine Jagd ist …«

Mir begann der Kopf zu schwirren. Vielleicht war es auch nur eine beginnende Nebenhöhlenentzündung.

»Und die Burgl hätt gmeint, also, so ein Herzinfarkt, des wär halt des Normale, wenn man so plötzlich stirbt, und dass sie des überhaupt gar nicht verdächtig gefunden hätt. Letzte Woch’, wie sie ihn gefunden hat.«

Die erste Leiche war also der Poldi gewesen.

»Aber er ist doch angeblich erdrosselt worden«, sagte ich möglichst ruhig. »Wieso redet sie dann von Herzinfarkt? Den braucht’s dann doch gar nicht mehr, um den Löffel abzugeben.«

»Weil ihr des halt auch richtig zuwider ist, direkt vor der Jagdhütte. Als hätte sie damit was zu tun. Und da hat sie halt gesagt, da machen wir gar ned lang umeinander. Veranstalten kein Tamtam, des wär ja sauber überzogen.«

Das könnte ich dem Max simsen, dachte ich grinsend. Dass seine Mordkommission ständig nur sauber überzogenes Tamtam fabrizierte. Gerade bei Leuten, die erwürgt worden waren, lag der Verdacht auf eine natürliche Todesursache doch total nahe.

»Aber die Marianne hat gmeint, dass sie sowieso sofort gwusst hat, dass des Mord sein muss. Weil doch der Poldi nicht einfach so stirbt. Und dass es ihr schon recht gwesen wär, wenn die Polizei sich das alles angschaut hätt. Bevor die Burgl …«

Großmutter hörte zu sprechen auf und starrte auf unseren Herd. »Des wenn’st dir vorstellst. Der Poldi liegt schon in der Aussegnungshalle, alles ist schön hergricht, und dann kommt die Polizei und konfisziert den Leichnam. Wo er doch schon seinen guten Anzug anghabt hat, den schwarzen aus dem feinen Stoff, und ein schwarzes Krawatterl dazu. Und dann schneiden’s den Anzug auf, wo sie des doch alles auch vorher hätten machen können.«

Meine Großmutter war keine Anhängerin der geradlinigen Erzählung. Hatte sie nicht eben gesagt, dass der Poldi erdrosselt worden war? Wieso hatte dann der Max nicht schon längst eine Obduktion angeordnet?

»Aber wieso war denn die Polizei nicht am Tatort?«, fragte ich verständnislos nach. »Ist das nicht normalerweise so, wenn Erdrosselte gefunden werden?«

»Wegen der Burgl halt. Die hat doch mit ihrem Mann den Poldi gfunden und dann des Betttuch weggschnitten, das der Poldi um den Hals gwickelt ghabt hat. Und hat ihm ein kariertes Halstüchl umgebunden, dass es nicht ganz so komisch ausschaut. Die blauen Flecken. Am Hals. Da haben die Rettungssanitäter halt erst einmal an einen Herzinfarkt gedacht.«

Ich starrte sie sprachlos an. Es war einfach immer wieder faszinierend, wie in unserem Dorf die Tatsachen so lange verdreht wurden, bis keiner mehr wusste, wo oben und unten war.

»Die hat das Mordwerkzeug entfernt?«, hakte ich nach. Kein Wunder, dass Max nicht gleich ermittelt hatte, bei diesem entscheidenden Ermittlungsnachteil. »Aber wieso macht sie denn so etwas?«

»Sie hat’s nur gut gmeint«, sagte Großmutter, die das offenbar total nachvollziehen konnte.

»Gut gmeint«, echote ich kopfschüttelnd. Das sah jetzt aber gar nicht gut für den Gschwendner aus.

»Weil, wie schaut denn des aus? Der ehrwürdige Herr Richter. Und ein Betttuch um den Hals.«

So ehrwürdig war der nicht. Meinen Informationen zufolge hatte er sich mit allen verbrüdert, die mit ihm beim Seldschukenwirt gesoffen hatten. »Herr Richter« sagte sowieso kein Mensch zu ihm, sondern nur Poldi. Und ich wollte lieber nicht wissen, wie es mit seiner Ehrwürdigkeit im Gerichtssaal aussah.

»Und da hat sie sich halt gedacht, alle wären froh, wenn das mit dem Betttuch nicht rauskommt.« Großmutter nickte beifällig. »Mir wär des auch lieber, man würd mich nicht mit einem Betttuch um den Hals finden. Grad, wenn man der Herr Richter ist.«

Susanne Hanika

Über Susanne Hanika

Biografie

Susanne Hanika, geboren 1969 in Regensburg, lebt noch heute mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in ihrer Heimatstadt. Nach dem Studium der Biologie und Chemie promovierte sie in Verhaltensphysiologie und arbeitete als Wissenschaftlerin im Zoologischen Institut der Universität Regensburg. In ihren...

Kommentare zum Buch

Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden