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Beim Leben meiner FamilieBeim Leben meiner Familie

Beim Leben meiner Familie

Roman

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Beim Leben meiner Familie — Inhalt

Achtzehn Jahre ist es her, dass Sheila spurlos aus Websters Leben verschwand. Er hat ihre gemeinsame Tochter Rowan allein großgezogen und sich geschworen, Sheila nie mehr wiederzusehen. Doch als seine Tochter ihm zu entgleiten droht, weiß Webster, dass er nicht länger vor der Vergangenheit davonlaufen kann: Er muss Sheila wiederfinden, um seine Tochter zu retten ...

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 10.06.2014
Übersetzt von: Mechtild Ciletti
336 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-30472-6
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 14.05.2013
Übersetzt von: Mechtild Ciletti
336 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96158-5

Leseprobe zu »Beim Leben meiner Familie«

Für Jennifer Rudolph Walsh
In Zuneigung und großer Dankbarkeit

 

Webster läuft auf Strümpfen die schmale Treppe hinunter und sagt »Arme Ritter«, als er um die Ecke biegt.
Rowan, über die Pfanne gebeugt, an der vor lauter Kratzern kaum noch Teflon übrig ist, wird rot.
Webster liebt das Gesicht seiner Tochter. Selbst als Säugling hatte sie schon dieses zusätzliche Stückchen Stirn, vielleicht ein halber Zentimeter, über den Augenbrauen. Als hätte jemand eine Zange angesetzt und ihren Kopf ein klein wenig in die Länge gezogen. Es macht ihre blauen Augen [...]

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Für Jennifer Rudolph Walsh
In Zuneigung und großer Dankbarkeit

 

Webster läuft auf Strümpfen die schmale Treppe hinunter und sagt »Arme Ritter«, als er um die Ecke biegt.
Rowan, über die Pfanne gebeugt, an der vor lauter Kratzern kaum noch Teflon übrig ist, wird rot.
Webster liebt das Gesicht seiner Tochter. Selbst als Säugling hatte sie schon dieses zusätzliche Stückchen Stirn, vielleicht ein halber Zentimeter, über den Augenbrauen. Als hätte jemand eine Zange angesetzt und ihren Kopf ein klein wenig in die Länge gezogen. Es macht ihre blauen Augen größer und lässt sie wie leicht erstaunt über das Leben aussehen.Webster gefällt das. Rowan, mit braunem, fast schwarzem Haar, hat den gleichen Haaransatz wie er, spitz zulaufend, mit zwei Einbuchtungen wie Geheimratsecken an den Seiten. Sie kaschiert sie mit Stirnfransen. Webster kaschiert die seinen, stärker ausgeprägten, mit einer Baseballcap. Diese Ecken sind ein Problem und werden immer eins sein.
Webster öffnet den Kühlschrank, um den Saft herauszunehmen.
»Hab ich schon gemacht«, sagt Rowan.
Webster dreht sich um, der Küchentisch ist liebevoll gedeckt:Teller, Besteck, Servietten, die Butter in der alten Butterdose, nicht wie sonst auf einer Untertasse, der Saft in richtigen Saftgläsern. Rowan hat einen blassblauen Pulli von J. Crew an, den er ihr zu Weihnachten geschenkt hat.
Etwas geht zu Ende, und sie wollen es nicht unbeachtet lassen.Webster denkt das nun schon seit Monaten.
Der Geburtstag muss heute Morgen gefeiert werden. Webster hat die Nachtschicht.
Rowan lässt die Armen Ritter auf die Teller gleiten.
»Du hättest dich an einer Kochakademie bewerben sollen.« Webster setzt sich und rückt seinen Stuhl näher an den Tisch.
Falsche Bemerkung. Er erkennt es an dem kurzen Zucken ihres Mundes. Eben noch da, ist es gleich wieder weg.
Drei Universitäten haben Rowan abgelehnt, unter ihnen das Middlebury College, ihre erste Wahl. Webster erinnert sich, wie seine Tochter am 15. März in der Küche am Computer saß und darauf wartete, dass es fünf Uhr werden würde. Genau an diesem Tag, zu dieser Stunde verschickten bestimmte Universitäten ihre Bescheide. Webster klapperte am Spülbecken herum, bearbeitete immer wieder dasselbe Glas und tat so, als wäre er gar nicht da. Er wusste genau, wann es so weit war. Die Minute verstrich. Ebenso die nächsten Minuten. Kein Ton von Rowan. Kein Freudenschrei, kein glücklicher Juchzer. Vielleicht waren die Universitäten diesmal spät dran mit ihren Ergebnissen, dachte Webster, obwohl er wusste, dass es nie klappte, wenn man auf göttliche Intervention hoffte.
Er starrte auf den Rücken seiner Tochter. Sie saß ganz still, den Blick auf ihre Hände gerichtet, während sie mit dem silbernen Ring an ihrem Mittelfinger spielte.Webster hätte gern etwas gesagt, sie berührt, aber das ging nicht. Es würde ihr peinlich sein, alles nur schlimmer machen. Besser, er ließ Rowan in Ruhe. Nach zwanzig Minuten in unveränderter Haltung stand Rowan auf und verließ die Küche. Sie ging in ihr Zimmer hinauf und kam nicht mehr herunter, nicht einmal zum Abendessen. Webster war erst wütend auf die Universitäten, dann nur noch traurig. Bis zum nächsten Morgen gelang es ihm, sich zu aufmunternder Zuversicht durchzuringen. Er versuchte ihr die Universität von Vermont schmackhaft zu machen, bei der sie sich nur zur Sicherheit beworben hatte und an der sie für den Herbst angenommen worden war. Aber sie wollte dort gar nicht hin. Sie hatte sich eine kleinere Universität gewünscht. Am schwersten zu ertragen war für Webster das Ausbleiben des Freudenschreis, des glücklichen Juchzers.
Rowan hätte ihn verdient gehabt.
Webster hätte ihn verdient gehabt.
» Köstlich «, sagt Webster jetzt.
Das Brot ist dick geschnitten, gut durchtränkt mit Milch und Ei und genau richtig geröstet. Rowan kippt Sirup auf ihren Teller. Webster isst seinen Armen Ritter ohne alles, wie immer, höchstens häuft er manchmal einen Löffel Marmelade auf das letzte Stück. Er erinnert sich nicht, die Eier gekauft zu haben, und er ist ziemlich sicher, dass in der Sirupdose nur noch Bodensatz war.
»Ich hab heute die Vier-bis-Mitternacht«, sagt er. »Ich muss für Koenig einspringen. Seine Tochter heiratet. Heute Abend ist das Essen für alle, die an der Probe für die Trauung teilgenommen haben.«
Rowan nickt.Vielleicht hat Webster ihr das schon einmal erzählt. »Ich hab sowieso bis sechs Training«, sagt sie.
Und wer macht ihr das Abendessen? Fünfzehn Jahre immer dieselbe Frage. Als er den Kopf hebt, bemerkt er einen in Klarsichtfolie eingeschlagenen Teller mit Armen Rittern auf dem Herd.
Erledigt.
»Mach jetzt mal dein Geschenk auf«, sagt Rowan. Keiner von ihnen hat vorher den Geburtstag erwähnt, seinen neununddreißigsten. Rowan, siebzehn, eins zweiundsiebzig groß, verschwindet im Esszimmer und kommt mit dem Geschenk zurück, das sie neben dem Teller ihres Vaters ablegt. Der Karton ist in Goldpapier mit roten Weihnachtsbäumen verpackt. Es ist fast Juni. »Was anderes hab ich nicht gefunden«, sagt sie.
Webster lehnt sich zurück und trinkt einen Schluck Kaffee. Er hält das Geschenk auf dem Schoß. Rowan hat reichlich Klebeband verwendet, sieht er. Mit seinem Schweizer Armeemesser, einem Geschenk von Sheila, hundert Jahre ist das her, schafft es Webster, das Päckchen zu öffnen, und er stellt den silbernen Würfel auf den Tisch. Er dreht und wendet ihn und entdeckt, dass er, auf eine Seite gelegt, Uhrzeit und Datum anzeigt. Wenn er ihn anders herum legt, gibt er das Wetter für die nächsten vier Tage an: zwei Sonnen; eine Wolke, die Regen ausgießt; und dann wieder eine Sonne.
»Er ist mit irgendeinem Wettersender verbunden«, erklärt Rowan, während sie ihren Stuhl näher an den ihres Vaters heranrückt. »Er funktioniert besser, wenn du ihn in der Nähe vom Fenster aufstellst. Auf der Seite hier ist ein Wecker. Ich hab ihn ausprobiert. Ganz in Ordnung. Der Klang, meine ich. «
Webster schätzt, dass der silberne Würfel Rowan mindestens drei Tage Lohn ihrer Arbeit bei Giant Mart, drüben auf der anderen Seite der Staatsgrenze, gekostet hat. Sie fährt zwei Nachmittage die Woche und jeden Samstag, wenn sie kein Spiel hat, von Vermont nach New York und wieder zurück. Webster legt Rowan die Hand auf den Rücken und reibt leicht, an der Stelle gleich unter ihrem langen Nacken. »Das Ding für die Außentemperatur kann ich gut gebrauchen«, sagte er. »Und was tut diese Seite hier ? «
Rowan nimmt ihrem Vater den silbernen Würfel aus der Hand und zeigt es ihm. »Du schüttelst ihn ein bisschen hin und her, und dann stellst du ihn hin. Er sagt dir die Zukunft voraus, da in dem schwarzen Quadrat.«
Webster erinnert sich an die schwarzen Kugeln seiner Jugend, in denen Sprüche in wer weiß was für einer Flüssigkeit schwebten. Irgendetwas Giftigem wahrscheinlich.
» Wessen Zukunft ? «
»Deine, nehme ich an. Jetzt ist es deine.«
Rowan setzt den Würfel ihrem Vater auf die Knie. Sie warten. Abrupt dreht Webster den Würfel um, aber er hat den Spruch – aufgestiegen wie eine Geistergestalt seiner Zukunft – bereits gesehen: Sei bereit für eine Überraschung. Er will die Prophezeiung nicht haben.
»Warum hast du ihn umgedreht?«, fragt Rowan.
»Überraschungen sind in meinem Beruf fast immer unerfreulich. «
»Du bist zu zynisch«, sagt sie.
»Ich bin nicht zynisch. Nur vorsichtig.«
»Vorsichtiger als gut für dich ist«, bemerkt sie mit einem Blick auf die Uhr. »Ich muss los.«
Sie rutscht von ihrem Stuhl und küsst ihn auf die Wange. Er beobachtet ihre anmutigen Bewegungen, tausendmal hat er ihr schon zugesehen. Jetzt hebt sie ihre Haare, dreht sie zusammen und lässt sie über ihre rechte Schulter fallen. Diese Geste hat er bei seiner Tochter nie gesehen, und sie trifft ihn mitten ins Herz.
»Danke für das Frühstück und das Geschenk«, sagt er.
» Gern. «
Webster kehrt zu seinem Armen Ritter zurück.
Er bemerkt eine merkwürdige Geräuschlosigkeit im Flur; kein Klappern des Schlosses, kein Schrammen der Tür in ihrem verzogenen Rahmen wie sonst. Nach ein paar Sekunden dreht er den Kopf.
Seine Tochter ist immer noch im hinteren Flur und schaut zum Fenster in der Tür hinaus.
»Was ist?«, fragt er.
» Nichts. «
» Rowan ? «
» Nichts ! «
»Schrei mich nicht an.«
Webster bemerkt die ausgebeulte Tasche ihrer leichten Jacke. Den Umrissen nach könnte sie eine Packung Zigaretten darin haben. Er hegt den Verdacht, dass seine Tochter trinkt. Raucht sie auch? Experimentiert sie? Ist das normal für ein Mädchen ihres Alters?
Webster kann sich nicht erinnern, wann er sich mit Rowan das letzte Mal wirklich entspannt gefühlt hat. Heute Morgen war er einen Moment lang froh und glücklich: Sie hat an seinen Geburtstag gedacht, sie hat ihm das Frühstück gemacht, konnte es kaum erwarten, ihm sein Geschenk zu überreichen.
» Rowan. «
»Was denn?«, fragt sie gereizt, während sie ihren Rucksack vom Haken nimmt.
»Ich möchte – ich möchte nur, dass du glücklich bist.«
Rowan verdreht seufzend die Augen.
Webster versucht krampfhaft, die gute Stimmung vom Frühstück wiederherzustellen. »Ich freue mich sehr über mein Geschenk«, sagt er.
Er spürt die Ungeduld seiner Tochter. Sie möchte nur weg.
Er wendet sich wieder dem Tisch zu, hört das ruckartige Aufziehen der Tür, das unvermeidliche krachende Zuschlagen.
Er geht zum Fenster und schaut hinaus. Während er seine Tochter beobachtet, wie sie in ihr Auto steigt, spürt er einen tiefen Schmerz, der ihn leer saugt.
Rowan ist dabei, ihn zu verlassen.
Schon seit Monaten.

 

Achtzehn Jahre früher

 

Webster erhielt den Ruf morgens um ein Uhr zehn. »Weibliche Person, nicht ansprechbar, VU, ein Fahrzeug.« Er schaffte es in zweieinhalb Minuten vom Haus seiner Eltern zur Rettungswache. Er stellte seinen Wagen, einen gebraucht gekauften Streifenwagen, in der Nähe des Gebäudes ab und kletterte auf den Beifahrersitz des RTW, als Burrows schon das Gaspedal durchdrückte, Lichter und Sirene anstellte und in die linke Fahrspur einschwenkte. Webster hatte die Uniform über seinem Schlafanzug, das Stethoskop um den Hals, Handschuhe, Bergetücher, Taschenlampe, Stauband, Beatmungstuch und Nothammer an seinem Zubehörgürtel, das Funkgerät im Holster. Im Kopf ging er die Checkliste durch. Unfallstelle sichern, auf Brand- oder Explosionsgefahr achten. Auf lose Kabel und tropfenden Tank prüfen. Schutzanzug und Visier, falls der Verunglückte eingeklemmt ist und befreit werden muss. Atemwege sichern, Esmarch-Handgriff, wenn nötig. Atmung und Kreislauf prüfen. Wirbelsäule stabilisieren. Pulsoxymetrie, Blutungen stillen, offene Wunden suchen. Webster war einundzwanzig und blutiger Anfänger.
» Wo ? «, fragte er.
»In der Nähe von dem Gartengeschäft, wo die 83 einen Knick macht. «
Vier Minuten Fahrt. Maximum. Vielleicht weniger.
»Opfer hat sich um einen Baum gewickelt«, sagte Burrows.
Burrows war ein bulliger Kerl mit kurz gestutztem blondem Haar, soweit noch vorhanden. An seinem Uniformhemd fehlten zwei Knöpfe, was er mit einer Reißverschlussweste zu verbergen suchte. Er hatte eine üble Narbe auf der rechten Wange, von einem Melanom, das er vor einem Jahr hatte entfernen lassen. Er fummelte ständig daran herum.
Weil er der Anfänger war, musste Webster als Packesel herhalten. Burrows, der ihm vorgesetzte Rettungsassistent, trug lediglich den Notfallkoffer und seine eigene Schutzkleidung. Webster musste Sauerstoff, Notfallkoffer, HWS-Schiene und Spineboard schleppen.
» Scheißkalt «, sagte Burrows.
»Ja, was ist eigentlich aus dem Tauwetter geworden, das wir sonst immer im Januar haben?«
In der Ferne dirigierte ein Polizist mit einer Stablampe den nicht vorhandenen Verkehr. Burrows wendete schnell und routiniert und hielt auf einem flachen Stück Straßenrand an, vielleicht zehn Meter von einem Cadillac entfernt, der sich überschlagen hatte und auf dem Dach liegen geblieben war.
»Die wollte wohl den Baum umarmen«, sagte Nye, eine Ratte, die sich ständig angegriffen fühlte. »Ich würd gern wissen, was so eine beschissene kleine Maus mit einem Zwei-Tonnen-Cadillac will.«
Keine kleine Maus, wie Burrows und Webster entdeckten. Eine Frau, vielleicht vier- oder fünfundzwanzig. Nicht angeschnallt. Der Cadillac war mindestens zehn Jahre alt, mit Rost in den Radschächten.
»Nicht ansprechbar«, sagte Nyes jüngerer Partner McGill, als er zur Seite trat, um Burrows und Webster Platz zu machen. Der Rettungsassistent und der unerfahrene Neuling knieten zu beiden Seiten der noch teilweise im Fahrzeug Eingeschlossenen nieder. Der Schreck, mit dem Webster das im künstlichen Licht glänzende braune Haar registrierte, wurde sogleich von Schlagwörtern verdrängt: Atemwegssicherung. Atmung. Kreislauf. Er achtete auf die Stabilisierung der Wirbelsäule und prüfte die Vitalfunktionen. Burrows übernahm die Atemwegssicherung.
»Hundertzwanzig zu einundsiebzig«, las Webster vor. »Puls dreiundsechzig.« Selbst in der Kälte konnte er den Alkohol riechen. »C2«, meldete er. »Die Lippen sind blau. «
» Atemfrequenz ? «
» Acht. «
» Nicht gut. «
» Sie stinkt. «
Trotzdem, das wusste Webster, durften sie erst einmal gar nichts voraussetzen.
Die Splitter der sternförmig geborstenen Windschutzscheibe hatten Schnittwunden auf ihrer Stirn hinterlassen. Ein zerbrochenes Fenster hatte einen glitzernden Scherbenregen versprüht. Webster tupfte ihr behutsam das Glas von Augen und Mund.
»Weiß jemand, wie sie heißt?«, fragte Burrows.
Webster beobachtete die Ratte, wie sie nach der Handtasche der Verunglückten griff, die unter den Wagen zu liegen gekommen war.
Nye öffnete einen Geldbeutel. »Sheila Arsenault.«
» Sheila ! «, rief Burrows. » Sheila, wachen Sie auf ! «
Nichts.
Burrows rubbelte mit den Fingerknöcheln ihr Brustbein mit einem Druck, der Tote erweckt hätte.
Die Frau hob den Kopf in Richtung der Schmerzquelle. » Scheiße «, sagte sie.
»Nettes Mädchen«, bemerkte Nye.
»Reagiert nur auf Schmerzreize«, stellte Burrows fürs Protokoll fest, während er der Frau die HWS-Schiene um den Hals legte.
»Können wir sie angezogen aufs Board ziehen?«, fragte Webster.
»Geh rüber«, sagte Burrows, während er die restlichen Glassplitter aus dem Gesicht der Frau entfernte und ihr eine Hochkonzentrationsmaske überstülpte. Er schnitt mit seiner Schere den Ärmel ihrer Denimjacke auf und legte an ihrem Arm einen Zugang.
Von seiner Position auf der anderen Seite des Wagens konnte Webster erkennen, dass ein Metallstück, von dem er nicht sagen konnte, was genau es war, mit scharfer Kante in den Bauch der Frau einschnitt und die vorderen Enden ihrer hellblauen Bluse blutig gefärbt waren. Ein losgerissener Teil des Armaturenbretts? Etwas, das sich vom Boden aufgewölbt hatte? Durch einen Schlitz in dem Metall sah er Burrows bei der Arbeit.
» Schnitt im Bauch! «, rief er ihm zu. »Scheint eine oberflächliche Verletzung zu sein. Wenn Nye und McGill das Metallstück hier ein, zwei Zentimeter zu dir rüberbiegen können, kannst du sie vielleicht herausziehen. Ich lege einen Druckverband an, sobald ihr Bauch frei ist. Halt du deinen bereit, wenn sie rauskommt.«
» Blut ? «
»Ja, aber nicht viel.Warte, bis ich zähle.«
Die Taschenlampe zwischen die Zähne geklemmt, zog Webster einen Druckverband aus seinem Koffer und klemmte ihn so gut es ging gegen das hemmende Metallstück.Wenn das Manöver misslang, dachte er, würde er als Belohnung eine aufgeschnittene Hand ernten. An der Stelle, wo das Metall ihre Haut berührte, spürte er ein Hindernis. Ein Schlüsselbund und etwas, das sich wie Pelz anfühlte. Er öffnete den Gürtel der Frau, schob das freie Ende vorsichtig durch eine Schlaufe, nahm die Schlüssel, die Hasenpfote und den Gürtel an sich und warf sie über seine Schulter. Er hielt den Druckverband bereit. Dann merkte er, dass der Verschluss ihrer Jeans auch nicht durch die Öffnung passte. »Ich schneide sie aus der Hose raus«, meldete er.
Nye, der Polizist, pfiff.
Mit geübter Hand schnitt Webster die Hosenbeine bis zum Bund auf. Vorsichtig schob er die Hose zu ihren Knien hinunter, zog ihr die Stiefel aus und streifte die Jeans ab. Er sah ihren weißen Bikini-Slip, ihre schlanken, hellen Beine. Er breitete eine glänzende Wärmedecke über ihr aus und warf die Kleidungsstücke hinter sich.
»Auf drei! «, rief er. »Eins – zwei – drei! «
Die Polizisten hoben das Metallhindernis einen halben Zentimeter an. Als sie an den Schultern zogen, trat frisches Blut aus, ehe Burrows seinen Druckverband anbringen konnte. Nur ein Schuss, kein Schwall. Eine Schnittwunde, aber nicht tief. Sie sah sauber aus. Zwei Zentimeter tiefer, und es hätte ihr die Eingeweide aufgerissen.Webster kippte die Füße der Frau flach nach außen, um sie durchschieben zu können.
Die Polizisten gingen aus dem Weg, als Webster mit dem Bündel Kleider zu Burrows lief. Er und McGill hatten die Frau auf das Spineboard gelegt, angeschnallt und mit einer Decke zugedeckt. Burrows rubbelte noch einmal mit starkem Druck ihr Brustbein. Statt eines Schimpfworts erhielten sie nur ein schwaches Stöhnen .

Anita Shreve

Über Anita Shreve

Biografie

Anita Shreve, geboren 1946 in Massachusetts, verbrachte einige Jahre als Journalistin in Afrika und bereiste weite Teile Kenias, bevor sie in die USA zurückkehrte und Schriftstellerin wurde. Ihre Romane »Die Frau des Piloten« und das für den Orange Prize nominierte...

Pressestimmen

Tv Star

»Eine Familiengeschichte, die richtig unter die Haut geht.«

Stadt-Anzeiger

»ein packendes Buch«

NDR 1 - Neue Bücher

»Der Roman ›Beim Leben meiner Familie‹ handelt von Schuld und Sühne, aber vor allem von Vergebung. (...) Eine starke und oft beklemmende Geschichte, die bis zum Schluss fesselt.«

Rätsel & Freizeit

»Die Autorin erzählt mit großer Eleganz über Schuld, Vergebung und Errettung.«

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