Lieferung innerhalb 1-3 Werktage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Kostenloser Versand*
Bei den großen VögelnBei den großen Vögeln

Bei den großen Vögeln

Roman

Hardcover
€ 22,00
E-Book
€ 18,99
€ 22,00 inkl. MwSt. Vorbestellung möglich
In den Warenkorb
Gratis-Lieferung ab 9,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen
€ 18,99 inkl. MwSt. Vorbestellung möglich
In den Warenkorb
Gratis-Lieferung ab 9,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Bei den großen Vögeln — Inhalt

„Solange erzählt wird, ist Leben.“

Seit Ali im Altersheim ist, spricht sie ständig vom Sterben. Für ihre Enkelin aber bleibt ihr Tod undenkbar. Sie beginnt, alles, was mit Ali zu tun hat, aufzuschreiben, und merkt, wie wenig sie weiß: über ihre Kindheit und Jugend, die Jahre in London, ihre Arbeit in der Fabrik. Anhand von Fragmenten, Anekdoten und mit viel eigener Fantasie entwirft die Erzählerin eine mögliche Lebensgeschichte, versucht, den Schalk und die pragmatische Art ihrer Großmutter festzuhalten. So eröffnen sie einen gemeinsamen Raum, in dem sich jede auf eigene Weise auf den bevorstehenden Abschied vorbereiten kann.

Ein zu Herzen gehender, humorvoller, sprachlich fein gearbeiteter Roman über das Abschiednehmen von geliebten Menschen.

€ 22,00 [D], € 22,70 [A]
Erscheint am 01.03.2021
288 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-8270-1427-6
€ 18,99 [D], € 18,99 [A]
Erscheint am 01.03.2021
304 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-8023-3

Leseprobe zu „Bei den großen Vögeln“

es beginnt nicht mit einer Beerdigung

Ali sollte die Geschichte erzählen, nicht ich. Ich war nicht dabei, aber Ali weigert sich ja. Sie scheint nicht das Bedürfnis zu haben, ihr Leben zu einer Erzählung zusammenzufügen. Ich habe es schon oft versucht, muss die Fantasie zu Hilfe nehmen und über all die weißen Stellen etwas zeichnen. Ich weiß nicht viel. Nur meine Liebe, von der könnte ich schreiben, aber ich will, dass es um Ali geht.

Obwohl Ali noch lebt, haben die Erzählungen in meinem Kopf immer mit ihrer Beerdigung begonnen. Ich dachte, dass ich [...]

weiterlesen

es beginnt nicht mit einer Beerdigung

Ali sollte die Geschichte erzählen, nicht ich. Ich war nicht dabei, aber Ali weigert sich ja. Sie scheint nicht das Bedürfnis zu haben, ihr Leben zu einer Erzählung zusammenzufügen. Ich habe es schon oft versucht, muss die Fantasie zu Hilfe nehmen und über all die weißen Stellen etwas zeichnen. Ich weiß nicht viel. Nur meine Liebe, von der könnte ich schreiben, aber ich will, dass es um Ali geht.

Obwohl Ali noch lebt, haben die Erzählungen in meinem Kopf immer mit ihrer Beerdigung begonnen. Ich dachte, dass ich mich vorbereiten könnte, dass ich so viel über die tote Ali und die Konsequenzen ihres Todes nachdächte, dass es danach nicht mehr schlimm würde. Ich dachte, wenn ich jede mögliche Situation schon durchgespielt habe, als wäre Ali tot, dann kann mich zumindest nichts mehr überraschen. Aber dass sie stirbt, ist trotzdem unvorstellbar geblieben. Ali ist nicht tot und soll auch nicht sterben. Ich kann mir mich hier nicht vorstellen, ohne Ali am anderen Ende des Sees zu wissen. Könnte keinen Schritt tun, wenn ich nicht wüsste, dass sie da ist und das Land festhält.

Es gab diesen Tag, da wurde es mir plötzlich bewusst, wie mit einem Blitzschlag im Kopf. Im ganzen Körper eigentlich. Da begriff ich, dass Ali irgendwann sterben würde. Im Februar war das, ich saß warm eingepackt in Spanien am Meer, als mein Bruder anrief, weil sie im Krankenhaus lag. Wirbel eingefallen, Wasser im Bauch, Leberzirrhose, sagte Lukas, es sieht nicht gut aus. Da bin ich in Panik geraten und habe sechsunddreißig Stunden lang in einem Reisebus gesessen und gedacht, es reiche nicht mehr, und geweint.

Ali lag dann in einem halbsterilen Krankenhausbett und sah zerknittert aus und blass und alt.

Meine Mutter sagte, sie ist alt, jetzt wirklich schon sehr alt.

Im Zimmer lagen noch drei weitere weißhaarige Frauen, die eine heulte, die andere hatte eine Lungenentzündung und hustete den ganzen Tag, die dritte war dement, wankte andauernd zum Klo, zog sich dort aus und begann, nach Hilfe zu rufen. Das hatte alles überhaupt nichts mit uns zu tun.

Seit Ali nicht mehr so ist, wie sie einmal war – und ich weiß nicht, wie und wann das passieren konnte –, erschrecke ich jedes Mal, wenn ich sie sehe, auch wenn ich mich langsam an ihren Anblick hätte gewöhnen können.

Wo sind die Haare hin, die Muskeln, wo ist das Fleisch unter der Haut, es scheint so, als wäre sie nach und nach von allem verlassen worden. Außer von den Menschen. Wir schauen zu, wie sie einfällt.

Schreib alles auf, sage ich, aber sie will nicht.

Zu müd, zu alt, zu anstrengend, sagt sie, mach du doch. Sie erzählt weiterhin am liebsten nur Possen und Anekdoten.

Ich kann es vielleicht auch nicht, sage ich zu ihr.

Und sieh zu, dass es lustig wird, sagt sie. Ali möchte, dass gelacht wird.

Weißt du, was ich lustig finde, Ali? Die erste Radiostation, die ging auf Sendung, bevor überhaupt irgendjemand einen Empfänger hatte. Niemand konnte hören, was gesendet wurde. Und die, die sendeten, wussten das und sendeten trotzdem. Weil ja niemand einen Empfänger gekauft hätte, solange es nichts zu empfangen gab. Hast du das gewusst?

Ali sagt, früher im Riet hatte nur der Matter ein Radio. Das stand im Wohnzimmer auf einem Wandregal. Der Matter konnte es sich leisten, als Einziger, weil er im Bergwerk gearbeitet hat, was nicht schön war, aber einträglich. Alle Stühle waren besetzt in Matters Wohnzimmer, aber wer seinen eigenen Stuhl mitbrachte, durfte sich dazusetzen, und außerdem wurden die Fenster aufgemacht, und die Jüngeren haben draußen auf Baumstämmen gesessen, und so haben wir abends Radio gehört, den ganzen Krieg hindurch.

Ich habe versucht, Ali umzuwandeln, im Kopf, habe sie Arnim genannt, sein Begräbnis beschrieben und dann gemerkt, dass es nicht geht, dass es die Geschichte einer Frau ist. Zuletzt taufte ich sie Charlotte, der Name gefiel mir, und ich fand ihn passend, weil ihre Schwägerin so heißt. Habe sie ins Tessin geschickt und ihr einen Mann an die Seite gestellt, aber das ging alles nicht, es war immer zu real oder zu erfunden, dann wieder zu echt, dann wieder gelogen.

Ali ist ein Code, drei Buchstaben, damit ich nicht Oma sagen muss oder Großmama.

Ali ist meine Großmama.

wir sagen: Altsein ist keine Krankheit

Was machst du denn hier? Ali sieht mich entgeistert an.

Gekommen bin ich.

Aber du bist doch am Meer.

War ich auch.

Ja eben, und jetzt?!

Jetzt bin ich bei dir.

Endlich, seit Lukas’ Anruf war ich wie betäubt, stellte mir ununterbrochen vor, ich würde zu spät kommen. Wie soll ich ihr sagen, dass ich Angst habe, sie stirbt? Auf dem Ohr ist sie taub, außerdem will ich jetzt nicht gleich losheulen, und die Tränen stehen mir schon wieder recht nah.

Was soll denn das, du bist doch wohl nicht wegen mir früher aus dem Urlaub zurück?

Doch. Mehr bringe ich nicht heraus, würde ich das Sprechen zulassen, würde bestimmt alles aus mir herausbrechen.

Also sicher nicht, Ali will es so nicht haben, und darum soll es auch nicht geschehen sein. Sie denkt, sie hat mir die Ferien verdorben.

Ich sage, es ist ja selbstverständlich … Und sie: Papperlapapp. Das wäre jetzt wirklich nicht nötig gewesen. Dann drückt sie den Notrufknopf, weil die Demente wieder nackt im Badezimmer steht und schreit. Ali sagt, so, jetzt ist es so weit, jetzt sterb ich. Und ich sage, du spinnst. Ich sage, das wird wieder gut, und mit dem Wirbel kann man sicher auch noch etwas machen. In St. Gallen gibt es einen Arzt, der die Wirbel ersetzen kann, sagt sie, oder irgendwie auffüllen mit Beton, aber das lohnt sich nicht.

Es kommt mir vor, als würde Ali bei der Gelegenheit gleich alle Brücken einreißen, nach Hause will sie nicht mehr und zu Lena auch nicht. Nix da, deine Mutter hat schon genug zu tun, sagt sie, ich weiß, wie das ist, wenn man die Alten am Hals hat, es ist viel zu viel.

Wir können uns organisieren, wir wechseln uns ab.

Aber Ali bleibt stur. Wir müssen den Tatsachen ins Auge sehen, sagt sie, Zeit, ins Heim zu ziehen, wie alle anderen auch. Ich will nicht ständig ein schlechtes Gewissen haben, weil ihr euch um mich kümmern müsst, und Punkt.

Ich versuche dennoch, Ali zu überreden, nach Hause zurück oder fürs Erste zu Lena zu ziehen, wenn sie aus dem Krankenhaus entlassen wird.

Vielleicht ist es auch gar nicht mehr nötig, sagt sie.

Ich hasse das.

Dieses Jahr kann ich also mit niemandem ans Geissenbein, sagt Ali, aber ihr seid sowieso zu alt dafür. Erinnerst du dich überhaupt?

Natürlich erinnere ich mich, früher sind wir jedes Jahr dafür nach Rapperswil gelaufen, es war einer dieser Tumulttage, ich glaube, es war ein Fest, um den Winter zu vertreiben, jedenfalls versammelten sich alle Kinder und Erwachsenen auf einem Platz vor dem Stadthaus und begannen zu rufen, eins, zwei, Geissenbein, eins, zwei, Geissenbein. Mir war schleierhaft, was das bedeutete, und ich mochte auch das Rufen nicht so sehr. Ali hielt meine Hand und rief mit gedeckter Stimme mit, eins, zwei Geissenbein, um mich zu ermutigen. Nach einer Weile sprangen die Fenster in den oberen Stockwerken auf, und es flogen in hohem Bogen Würste, Semmeln und Biberfladen zu uns herab. Ali ließ mich los, und ich sprang mit den andern Kindern herum und versuchte, Würste und Biber und, wenn nichts anderes ging, auch Semmeln zu erwischen. Ali stand mit stoischer Miene und vor dem Bauch verschränkten Händen da wie ein Stock. Wenn der Spuk vorbei war, hatte sie trotzdem oft mehr ergattert als ich, weil es ihr direkt in die Hände geflogen oder ihr aus unerfindlichen Gründen von andern Leuten zugesteckt worden war. Waren alle Fenster wieder geschlossen, tauchte von irgendwoher eine Blaskapelle auf und lief trötend über den Platz, bevor sie sich aufstellte und ein paar Stücke dudelte. Wir setzten uns auf eine Bank oder auf die steinerne Treppe unterhalb der Burg und futterten, wie wir zu sagen pflegten, Wurst mit Wurst, während Ali mit dem Fuß den Takt der Musik klopfte. Sie mochte diesen Tag im Jahr wegen der Musik, während ich die Musik vor allem wegen Ali gut fand und die fliegenden Esswaren viel lieber mochte. Traditionsgemäß hatte Ali eine winzige Tube Senf dabei, die gerade für diese eine Mahlzeit reichte und mir, des guten Stils wegen, ein Gefühl der Überlegenheit gegenüber den andern bescherte, die außerdem ihre Wurst mit Brot aßen.

Ali ist eingeschlafen, ich wundere mich über die Plötzlichkeit, vielleicht wegen der Schmerzmittel. Ich halte meine Hand vor ihr Gesicht und kontrolliere, ob sie atmet, nur um sicherzugehen. Ich decke sie zu und fühle mich seltsam dabei.

Im Flur quetsche ich mir Desinfektionsgel auf die Hände und reibe sie ein, es brennt. Ich fasse nichts mehr an. Mir ist schlecht, in Krankenhäusern werde ich immer seekrank, als hätte ich keinen festen Boden unter den Füßen. Ich drücke mit dem Ellbogen auf die Lifttaste und fahre ins Erdgeschoss. Unten in der Eingangshalle schmiere ich mir noch mehr von diesem Gel auf die Hände und halte die Luft an, bis ich draußen bin.

Dann kommen die Tränen doch. Ich laufe zu Fuß ins Nachbardorf, zu Lena, nach Hause.

die Welt ist das Gegenteil vom Zuhause

Zu Hause im Riet muss alles immer gleich bleiben. Die Männer sind Bauern, und die Frauen sind Bäuerinnen. Die Männer sind Männer und die Frauen ihre Frauen. Als würde die Zeit zwischen den felsigen Wänden des Tals zähflüssig und langsam. Ein Dorf, in dem jeder jeden kennt und in dem man aufeinander aufpasst, hauptsächlich, sagt Ali, um sicherzustellen, dass es dem Nachbarn nicht besser geht als einem selbst.

Ali will die Welt, hat nicht viel am Hut mit Kartoffeln und Mais. Sie sieht ihre Mutter und die anderen Frauen, wie sie müde sind und abgekämpft, wie sie mit Müh und Not Hof und Haushalt bewältigen, abends mit ihren rissigen Händen im schlechten Licht noch Stickarbeiten machen oder aus vorfabrizierter St. Galler Spitze die Zwischenräume herausschneiden. Wenn sie einen Stapel fertig haben, legen sie die kleine Schere in die Schublade und gehen früh ins Bett. Trotz des zusätzlichen Verdienstes kommen sie nie aus dem Dorf heraus. Ali kann sich Schöneres denken.

Sobald es geht, zieht sie nach England, da ist sie vierundzwanzig Jahre alt. Ich stelle mir vor, wie sie mit der Fähre übersetzt. Über den Ärmelkanal, als Galionsfigur mit großen Brüsten. Dabei passt das gar nicht zu so einer Fähre der späten Vierziger, aber sie muss vorne stehen, ganz vorne an der Reling, weil sich das so gehört für eine Aufbruchsgeschichte. Die Haare vom Salzwind verweht, Ali atmet das Meer, zum ersten Mal Möwen, das Geschrei, das Dröhnen der Maschinen, undenkbar. Sie zieht die Jacke enger um die Taille und sieht einer neuen Welt entgegen.

Die Winter, Johann, die Küsse, sie sind mehr als tausend Kilometer in Vergessenheit geraten. Eine lange Zugfahrt, alles ist zwischen die Schienen gefallen, wie die Exkremente aus dem Abort des Waggons.

Der Vater hat gesagt, komm so zurück, wie du gehst! Ali hat hinter den Lidern die Augen gerollt und zurückgerufen, woher willst du wissen, wie ich gehe? Dann nur noch Vaters rotes Gesicht, ohne Worte, außen am Zugfenster. Langsam fiel es seitlich aus dem Rahmen, als der Wagen ins Rollen kam. Es könnte die letzte Unterhaltung mit ihm gewesen sein. Überhaupt ist das fast alles, was ich über Alis Vater je gehört habe.

Wie sich das anfühlt, diesem England entgegenzufahren. Die Vibration des Schiffs, die Leute ringsum, die englisch sprechen, französisch, nur wenige deutsch, ein Wortteppich, aus dem Ali keine Bedeutungen herausfiltern kann. Der Lärm mischt sich mit dem Herzschlag, der aus ihrem Brustkorb bis in den Kopf hinauftönt.

Es war fast zu einfach, eine Annonce in der Zeitung, eine Agentur in St. Gallen, spezialisiert darauf, jungen Schweizerinnen Arbeit in England zu verschaffen, als Krankenschwestern, Köchinnen und Kindermädchen, die meisten landen in Privathaushalten. Ein einziges Vorsprechen bei der Agentur. In Manchester hätten wir was Gutes, sagte die Vermittlerin, oder in einem Hospiz in Bristol, da sie ja in eine Stadt wolle … Neinnein, Moment, sagte Ali, also ich gehe nach London.

Nach nur zwei Wochen ein Brief, Herr Meyer bestätigte das Anstellungsverhältnis und bestellte Ali für Ende August nach London, kurz darauf sitzt sie im Zug. Die Eltern hat sie vor vollendete Tatsachen gestellt. Der Vater hat geschwiegen, die Mutter geweint.

Ali weiß, wo die Welt ist. Die Welt ist das Gegenteil vom Zuhause. Es ist London in der Mitte des Jahrhunderts.

Dann geht alles unwahrscheinlich schnell. Die Fähre legt an, die Passagiere strömen über die Brücke ans Ufer, unter ihnen Ali, sie kann nicht viel sehen, Hüte, Regenschirme, Koffer, sie selbst hat wenig dabei, drei Garnituren Kleider, ein Buch vielleicht – was wäre das für eins? Eine Übersetzung von Camus oder eher, druckfrisch, Don Camillo und Peppone, irgendein Buch, das sie in einem Anfall von Aufbruchsstimmung und Verschwenderlaune in einer Bahnhofsbuchhandlung erstanden hat, vielleicht auch ein Groschenroman, Hauptsache, der Titel gefällt. Sie lässt sich vom Strom der Passagiere nach unten treiben, springt mit einem Satz an Land, hat wieder festen Boden unter den Füßen. Sie folgt ein paar Franzosen zum Bahnhof und wartet mit ihnen auf die nächste Eisenbahn nach London. Sie zieht von einer Zigarette, fühlt sich schon wieder wie auf See. Im ratternden Zug schläft sie ein, das Köfferchen fest zwischen den Waden. Sie wird geweckt, als man in die Hauptstadt einfährt. Es regnet.

Ali ist froh, aus dem stickigen Abteil auszusteigen, schaut sich auf dem Bahnsteig um und wird dann am Arm gepackt, zur Seite gezogen, will sich kurz widersetzen. Miss Mottli, sagt der andere aber. Sie weiß nicht, wie er sie hat erkennen können, ja, das ist sie, wird sie wohl sein, Miss Mottli, wie albern das klingt, doch daran muss sie sich gewöhnen. Very pleased to meet you, Mister Meyer, sagt sie, auswendig gelernt, er ist jünger, als sie erwartet hat. Aber der Mann lacht nur, nein, er ist nicht Meyer, sondern von der Agentur, und außerdem spricht er Schweizerdeutsch, wie sie auch. Der Mann ist hager und trägt einen dünnen Schnurrbart, Clemens heißt er und ist dafür engagiert, sie zu ihren neuen Arbeitgebern zu fahren. Nicht einschlafen, sagt er und schiebt Ali vor sich durch den Bahnhof, hält sie am Ellbogen, bis sie vor seinem dunklen Wagen stehen, als befürchte er, sie könnte ihm davonlaufen. Eigentlich geht ihr das alles zu schnell, obwohl sie auch froh ist, weil sie, wie ihr jetzt erst aufgeht, keinen Gedanken daran verschwendet hat, wie sie vom Londoner Bahnhof zu der ihr ausgehändigten Adresse hätte kommen sollen. Clemens redet, während er fährt, aber Ali kann ihm nicht zuhören, zu viel gibt es zu sehen. Ihre Augen kleben an den Fassaden, den Schaufenstern und den Leuten, noch nie hat sie so viele Leute auf einmal gesehen, ein endloser Strom von Menschen, dichtes Gewimmel und Hektik. In anderen Straßen sind die Häuser nur noch Trümmer und Ruinen, der Anblick ist erschütternd. Dort unten in den U-Bahn-Schächten saßen sie, während die Deutschen oben die Bomben abließen, sagt Clemens. Ali bekreuzigt sich wie aus einem Reflex, ihre rechte Hand tut es ganz von allein, noch bevor sie darüber nachdenkt. Gerade als sie sich an das Autofahren gewöhnt, hält Clemens am Straßenrand. Da sind wir, sagt er, soll ich mitkommen? Ich schaff es schon allein, sagt Ali, aber er steigt trotzdem aus und trägt ihr den Koffer bis zur Tür.

Sie betrachtet das rote Backsteinhaus, zum Glück ist an dem alles ganz, denkt sie kurz, hat noch die Trümmerberge von eben vor Augen. Die Klingel ist aus Messing und blank poliert, das gefällt ihr. Schon geht schwungvoll die Tür auf, die Frau ist jung und wird wohl nicht Frau Meyer sein. Sie bittet Ali herein. Wenn du tanzen willst, komm in den Schweizer Club, ruft ihr Clemens hinterher. Sie winkt ihm mit der Hand, bevor die Tür zufällt. Die junge Frau führt sie in ein Wartezimmer mit Couch und einem kleinen Tischchen, auf dem Magazine liegen. Was als Erstes auffällt, ist der alles durchdringende Geruch, chemisch irgendwie, unangenehm. Der Mann, der jetzt eintritt, muss Mister Meyer sein, er sieht aus wie jemand, der Ernst und Autorität ausstrahlen will. Er drückt Ali trocken die Hand und bedeutet Mary, ihr alles zu erklären. Die junge Frau führt sie durchs Haus, Putzkammer, Speisekammer, Küche, danach Wohnzimmer, Salon und Schlafzimmer, Mutter und Kinder kommen erst morgen von einem Ausflug zurück. Was die Praxisräumlichkeiten betreffe, werde der Doktor sie selber einweisen. Work together, fragt Ali. No, I’m off, sagt Mary. Sie überreicht ihr die Schürze, die sie bis eben noch selber trug, holt aus der Putzkammer eine Tasche und geht die Treppe hinab. Good luck for you, sagt sie, dann verschwindet ihr Gesicht, und Ali bleibt ratlos im Flur stehen. Man kann sich an fast alles gewöhnen, denkt sie. Das Herz klopft noch immer.

Eingeständnisse werden wir nicht zulassen

Es regnet auf die Ahornbäume, die noch immer kahl und schwarz zwischen Bahngleisen und See stehen. Der Weg vom Bahnhof zum zweckmäßigen Spitalbau, der leicht oberhalb an den Hang geklebt wurde, ist mir schon jetzt verleidet. Ich verbringe meinen restlichen Urlaub bei Lena und komme Ali einmal am Tag besuchen, obwohl es mir vor diesem Zimmer graust, vor dem Geruch und den Gebrechen. Die Frau mit der Lungenentzündung ist spurlos verschwunden, sogar das Bett ist weg, ich frage nicht, was mit ihr geschehen ist.

Jeden Tag sitzt schon wer anderes an Alis Bett, oder es kommt noch jemand, mein Cousin, eine Cousine von Lena und Emil, eine Freundin von früher, eine Freundin von jetzt, Onkel Toto und Charlotte, es ist wie ein in die Länge gezogenes Familienfest in Bruchstücken, nur dass es nichts zu feiern gibt und schlechtes Essen, außerdem singt niemand. Ich weiß nicht, wie Ali es schafft, immer so viele Leute anzulocken, als wäre sie ein Menschmagnet, aber so ist das mit ihr. Gerne würde ich behaupten, dass sie trotz der Schmerzen viel lacht, aber es hält der Beobachtung nicht stand. Manchmal komme ich, und sie will lieber allein sein, dann drückt sie mir einen Zehner in die Hand und schickt mich in die Kantine. Ich fahre ins Erdgeschoss, in die bemüht modern gestaltete Kantine mit Blick über den See. Pflichtbewusst gehe ich eine Runde um das ovale Selbstbedienungsbuffet und betrachte die Salate, Müsli, Quiches und Kuchen, aber ich denke nicht daran, etwas davon zu essen. Während ich vor dem Hauptportal eine Zigarette rauche, krame ich in den Taschen nach Kleingeld. Ich kann ihr nicht die Zehnernote zurückgeben, sonst haben wir wieder eine endlose Diskussion. Wenn Ali zu etwas einlädt, ist es unmöglich, diese Einladung abzulehnen.

Lena fragt, ob ich zu Alis Wohnung fahren kann. Sie hat großes Glück, heißt es, denn sie bekommt tatsächlich kurzfristig einen Platz in dieser Altersheimwohnung, in der nur zwölf Leute leben, kann aus dem Krankenhaus direkt dorthin wechseln, wenn es ihr wieder gut genug geht. Die im Heim wollen aber so bald wie möglich ihre Kleider, damit sie Namensetiketten einnähen können. Mir läuft ein Schauer über den Rücken. Ali in etikettierten Kleidern, angeschrieben, als würde man sie nicht erkennen, die Vorstellung ist unerträglich, Ali in einem Altersheim. Sie hat die bestduftende Wäsche der Welt, wie soll das gehen, wenn ihre Kleider dann von irgendwem gewaschen werden, in einer Altersheimwäscherei.

Machst du es also, fragt Lena, du hast ja Zeit.

Na danke.

Ich packe meinen Rucksack mit überflüssigen Dingen voll, als könnten sie mir behilflich sein, und lasse mir den Schlüssel der Wohnung geben. Irgendwie freue ich mich auf die Wohnung, ein bisschen Zeit da zu verbringen, ich verdränge den Grund, weshalb ich hinfahren muss. Erst als der Zug in den Bahnhof einfährt und durchs Fenster Alis Block zu sehen ist, die Gardinen, die schon von Weitem weiß leuchten, realisiere ich, dass sie gar nicht da sein wird.

Ich allein in ihrer Wohnung, ich striele herum. Aus der Tiefkühltruhe nehme ich ein Brot und backe es auf. Dann erst fällt mir ein, dass niemand außer Ali den Tiefkühler anfassen darf, weil er alt und sie überzeugt ist, dass er äußerst diffizil sei und nur durch ihre aufmerksame Fürsorge so lange durchgehalten habe. Darum tätschelt sie ihn auch nach jeder Benutzung und sagt brava, brava dabei. Ich untersuche den Inhalt des Kühlschranks, werfe einen abgelaufenen Quark in den Mülleimer und ein Paar Würstchen ins heiße Wasser, obwohl ich seit Jahren kein Fleisch mehr esse. Dann öffne ich das Buffet im Wohnzimmer, wegen des Geruchs, der darin wohnt, ein Sonntagsduft, der zum Dessert gehört, weil die kleinen gläsernen Teller dort aufbewahrt werden. Ich ziehe die Gardinen auf und zu. Öffne alles, was geöffnet werden kann. Finde das Buch mit den Zeichnungen, blättere es durch. Mache den CD-Player an und dann gleich wieder aus. Something stupid, Alis Lieblingslied. Ich weiß nicht, was zu tun ist, setze mich vor den Fernseher und esse Würstchen mit Senf und Meerrettich. Ich spiele Bei-Ali-sein, und es funktioniert nicht.

Nach Stunden auf der Couch rapple ich mich auf und gehe ins Schlafzimmer. Nur Ali öffnet diesen Schrank. Ich bin nicht Ali. Es fühlt sich an, als würde ich eine Grenze überschreiten, die nicht überschritten werden darf. Ich öffne den Schrank für sie, sage ich laut. Dann rupfe ich Kleider heraus. Ich weiß nicht, was sie will, wie soll ich für sie auswählen?

Ich beginne mit der Unterwäsche, weil ich glaube, dass es einfacher sein könnte, aber wie viel muss ich nehmen und welche? Die Unterhosen, die ganz neu aussehen? Vielleicht sind sie unbequem und deshalb kaum gebraucht. Es ist falsch, in Alis Unterwäsche rumzuwühlen, ich kann mir nicht helfen.

Ich nehme von allem etwas. Aber braucht sie überhaupt noch alle Arten von Kleidern? Die Frage tut weh. Nachthemden braucht sie bestimmt. Pullis auch, aber wird sie je wieder eine Bluse oder eine richtige Hose tragen? Wird sie je wieder spazieren gehen oder ihre Freundinnen besuchen? Tun es Leggings und Trainingshosen? Es ist, als würde ich mit Alis Zukunft pokern, als hätte ich Einfluss darauf. Ich darf nichts verspielen. Ich rufe Lukas an.

Das ist wohl eher deine Auseinandersetzung und nicht ihre, sagt er.

Schöne Hilfe, tschüss.

Ich beginne, Kleider in zwei große Taschen zu stopfen, es kommt nicht drauf an, was, sage ich mir. Und dann: Natürlich reichen die Kuschelklamotten nicht, was für eine dumme Idee. Natürlich ist es unbedingt nötig, dass Ali sich weiterhin schön anziehen kann, gerade sie, die immer darauf beharrt, dass man sich anständig anzieht, wie sie es ausdrückt. Natürlich braucht sie Hosen und Blusen, braucht Strümpfe, Schuhe, Kappen, Hüte. Alles andere wäre ein Eingeständnis, und Eingeständnisse werden wir nicht zulassen.

Annina Haab

Über Annina Haab

Biografie

Annina Haab wurde 1991 geboren und wuchs in Wädenswil im Kanton Zürich auf. Sie studierte Literarisches Schreiben in Biel, Bern und Leipzig sowie Deutsche Philologie und Russisch an der Universität Basel. Sie war Artist in Residence am Zentrum für nonkonformistische Kunst St. Petersburg, im...

Kommentare zum Buch
Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden