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Begraben

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Thriller

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Begraben — Inhalt

So mancher würde seine Vergangenheit am liebsten vergessen. Neuropsychiaterin Cyrille Blake täte alles dafür, sich erinnern zu können. Wer ist der traumatisierte junge Mann, der intime Details aus ihrem Leben kennt und behauptet, vor Jahren ihr Patient gewesen zu sein? Ein unberechenbarer Psychopath, der es auf sie abgesehen hat? Oder weiß er wirklich etwas von dem, was aus ihrem Gedächtnis wie ausradiert scheint? Cyrille macht sich an eine verstörende Spurensuche und fördert Dinge aus der Vergangenheit ans Licht, die vielleicht besser für immer im Dunkel begraben geblieben wären …

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 11.08.2014
Übersetzer: Eliane Hagedorn
528 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-98143-9

Leseprobe zu »Begraben«

1

 

6. Oktober

 

Dr. Cyrille Blake sah auf die Uhr. Zehn nach acht. In ­fünfundfünfzig Minuten würde ihr Leben ins Wanken ­geraten, ohne dass sie es hätte ahnen oder verhindern können. Die Neuropsychiaterin klopfte zweimal an die Tür von Zimmer 1 im ersten Stock des Centre Dulac, das sie gegründet hatte und seit nunmehr fünf Jahren leitete. Keine Antwort. Sie trat ein. Ihre Patientin Pauline Baptiste saß auf dem Bett, die rosafarbene Decke über die Beine ge­zogen, und starrte geistesabwesend hinaus auf den wolkenverhangenen Himmel. Die brünette Frau war [...]

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1

 

6. Oktober

 

Dr. Cyrille Blake sah auf die Uhr. Zehn nach acht. In ­fünfundfünfzig Minuten würde ihr Leben ins Wanken ­geraten, ohne dass sie es hätte ahnen oder verhindern können. Die Neuropsychiaterin klopfte zweimal an die Tür von Zimmer 1 im ersten Stock des Centre Dulac, das sie gegründet hatte und seit nunmehr fünf Jahren leitete. Keine Antwort. Sie trat ein. Ihre Patientin Pauline Baptiste saß auf dem Bett, die rosafarbene Decke über die Beine ge­zogen, und starrte geistesabwesend hinaus auf den wolkenverhangenen Himmel. Die brünette Frau war zwischen fünfunddreißig und vierzig Jahre alt – also etwa in ihrem Alter –, doch ihre Welt war aus den Fugen geraten. Ihr Ehemann und zwei ihrer drei Kinder waren bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Geblieben waren ihr lediglich drei Urnen und ein vier Monate altes Baby, das sie, außerstande, es selbst zu versorgen, ihren Eltern anvertraut hatte. Sie hob das blasse Gesicht, das gezeichnet war von Schlaflosigkeit, den vielen unbeantworteten existenziellen Fragen und tiefem Schmerz. Sie richtete die dunkel umschatteten Augen auf die Ärztin. Pauline hatte sie nach ihrem Selbstmordversuch um Hilfe gebeten. Das Zimmer war klein und schlicht, mit Holzjalousien an den Fenstern und einem Kelim auf dem Boden. Die Patientin fühlte sich hier zwar nicht zu Hause, aber auch nicht unwohl. »Wie haben Sie geschlafen, Pauline?« Cyrille Blake setzte sich auf die Bettkante. Die junge Frau zog die Knie an die Brust. »Besser. Ohne Albträume.« Die Hand von Dr. Blake suchte die ihrer Patientin, sie war eiskalt. »Zittern, Angstattacken?« »Nein, gar nicht mehr.« »Erstickungsgefühle?« »Auch nicht.« »Selbstmordgedanken?« Pauline Baptiste schüttelte energisch den Kopf. Es ging ihr nicht gut, aber schon sehr viel besser als letzte Woche. Der Schraubstock, der ihre Brust einengte, hatte sich gelockert, und der Kloß in ihrem Hals löste sich langsam auf. Dr. Blake schenkte ihr ein offenes Lächeln. »Perfekt. Doktor Mercier holt Sie heute Vormittag zur Kernspin ab. Wir wollen sehen, ob sich Ihr Gehirn seit Beginn unserer Behandlung erholt hat. Anschließend können Sie wieder nach Hause.« Pauline streckte ihre Hände vor sich aus. »Ich schwitze und zittere nicht mehr … Was ist das noch mal für ein Medikament, das Sie mir gegeben haben?« »Meseratrol.« »Ist das ein Antidepressivum, ein Angstlöser oder so was Ähnliches?« Cyrille Blake schüttelte den Kopf. »Nein, es handelt sich um eine neue Kategorie von Molekülen. Sie beruhigen das Gehirn, lindern den empfundenen Schmerz, machen ihn erträglicher.« »Ja, das stimmt … Ich fühle mich weniger … bedrückt.« »Wir testen es seit mehreren Jahren an Kriegsveteranen und an Opfern von Attentaten oder Unfällen. Die ­Ergebnisse sind mittel- wie auch langfristig sehr ermutigend.« »Sind Sie sicher, dass es zuverlässig wirkt?« Cyrille Blake drückte ihr die Hand und redete sanft auf sie ein: »Mein Mann hat die antitraumatischen Eigenschaften dieser Moleküle vor einigen Jahren entdeckt. Wir haben die Wirkung perfekt im Griff.« Pauline Baptiste nickte. »Dann hat man ihn deswegen für den Nobelpreis vorgeschlagen, stimmt’s?« Erstaunt darüber, dass ihre Patientin auf dem Laufenden war, zog Cyrille Blake die Augenbrauen hoch. »Ja, unter anderem …« Pauline Baptiste lächelte schwach. »Danke für alles, was Sie getan haben, Frau Doktor. Auch im Namen meines Babys. Ich hole es morgen bei meiner Mutter ab. Es braucht mich.« »Ja, es braucht Sie. Sie müssen durchhalten, für das Baby, für sich selbst, für die Menschen, die Sie lieben … und auch für uns. Wir alle wollen, dass es Ihnen besser geht.« Die beiden Frauen saßen einen Augenblick schweigend da. Wenn Cyrille doch nur ein wenig von diesem Schmerz auf ihre eigenen Schultern laden könnte … Sie zwang sich, das in ihr aufsteigende Gefühl der Ohnmacht zu ­unterdrücken, erhob sich schließlich und winkte Pauline beim Hinausgehen aufmunternd zu.

 

Um 8 Uhr 25 öffnete Cyrille die Tür zu ihrem Büro, auf der ein glänzendes Kupferschild mit der Aufschrift »Dr. Cyrille Blake« prangte – ein Geschenk ihres Mannes. Wie sooft fragte sie sich, was sich ihre Eltern wohl dabei gedacht hatten, ihr einen solchen Namen zu geben. Diesen männlichen, in der weiblichen Form so wenig geläufigen Vornamen zu tragen, war nicht immer leicht gewesen. Im Sportunterricht des Gymnasiums war ihr Name häufig versehentlich auf der Liste der Jungen gelandet, und sie musste ihn buchstabieren, damit er richtig geschrieben wurde … ganz zu schweigen von den Hänseleien. Auch wenn er immer noch Befremden auslöste, gefiel es ihr inzwischen, einen seltenen Vornamen zu tragen, der noch dazu »die Herrliche« bedeutete … Cyrille schob ein Pad in die Espressomaschine. Das japanisch eingerichtete Sprechzimmer bot einen prächtigen Blick auf die Bambuspflanzen des Innenhofs. Mit der Tasse in der Hand stand sie einen Moment am Fenster und nahm dann an ihrem Schreibtisch Platz. Sie verscheuchte das Gefühl der Traurigkeit, das sie angesichts des Leids ihrer Patientin verspürt hatte. Sie musste sich, wie immer, bemühen, die nötige Distanz und Neutralität zu wahren. Doch manchmal fiel ihr das schwer. Sie seufzte und zwang sich, Pauline Baptiste in einer Schublade ihres Gehirns abzulegen und positiv zu denken. Dabei hatte der Tag eigentlich recht gut begonnen. Das Meseratrol zeigte hervorragende Ergebnisse bei der Bekämpfung schwerer Traumata und vermochte – das hatte sie gerade wieder gehört – die schlimmsten Schmerzen der Seele zu mildern. Das Medikament hatte eine ­vorläufige Arzneimittelzulassung für fünf Jahre erhalten, die verlängert werden würde, wenn sich die therapeutische Wirksamkeit durch weitere Studien belegen ließe. Als nächsten Schritt wollte sie die unbegrenzte Zulassung für die Behandlung schwerer Traumata erreichen sowie eine Erweiterung der Indikation auf leichtere Fälle. In neun Tagen würde sie auf dem Jahreskongress für Neuropsychiatrie in Bangkok das Medikament offiziell vorstellen und hoffte, damit zum erwarteten Erfolg beizutragen. Zum zehnten Mal bereits würde sie in die thailändische Hauptstadt fliegen, sie freute sich schon. Cyrilles Arbeit war zwar eine ständige Herausforderung, bot aber auch so manche Entschädigung, wie zum Beispiel diese Tage im luxuriösen Hilton Hotel am anderen Ende der Welt. Die würde sie ausgiebig genießen. Es war noch früh. Sie atmete tief durch und ließ den Kopf ein paarmal kreisen. Ihre Nichte und Assistentin Marie-Jeanne hatte das Krankenblatt ihres ersten Patienten sorgfältig ausgefüllt auf den Schreibtisch gelegt. Auf der blauen Mappe las sie: Julien Daumas. Der Name war ihr unbekannt. Eine neue Herausforderung wartete.

 

8 Uhr 30. Sie schlug die Akte auf. Name: Daumas Vorname: Julien Alter: 31 Jahre Adresse: 21, Avenue Gambetta, 75020 Paris Beruf: Fotograf Symptome: Albträume, Schlaflosigkeit Anamnese: Selbstmordgefährdung, Depression Früherer Krankenhausaufenthalt: Abteilung B, Krankenhaus Sainte-Félicité, 2. – 27. Oktober 2000 Behandelnder Arzt: Dr. Cyrille Blake Cyrille Blake blinzelte und las die letzte Zeile noch einmal. Die Überraschung grub eine tiefe Falte zwischen ihre Brauen. Merkwürdig. Dieser junge Mann sollte einer ihrer Patienten in der Psychiatrischen Abteilung von Sainte-Félicité gewesen sein, wo sie zehn Jahre zuvor ihr praktisches Jahr absolviert hatte? Sie erinnerte sich weder an den Namen, noch konnte sie ihn mit einem Gesicht in Verbindung bringen. Sie seufzte. Ein Gespenst aus dem Krankenhaus Sainte-Félicité als Patient – keine sonderlich angenehme Vorstellung. Dort wurden nur schwerste psychopathische Fälle behandelt, nichts im Vergleich zu den temporären psychischen Störungen eigentlich gesunder Menschen, um die man sich im Centre Dulac kümmerte. Leicht irritiert stand sie auf und begab sich ins Wartezimmer.

 

8 Uhr 35. Auf dem Flur begegnete sie Maryse Entmann, die als Psychoanalytikerin hier im Zentrum tätig war. Sie begrüßten einander herzlich. Aus dem Meditationsraum zu ihrer Linken vernahm Cyrille Entspannungsmusik. Ihre kleine Welt kam wie jeden Morgen in Gang, der ­ruhige Ablauf eines Ortes, der ganz auf Wohlbefinden ausgerichtet war. Auf dem cremefarbenen Sofa im Wartezimmer saß eine einzige Person: ein attraktiver junger Mann. Halblanges blondes Haar, ausgewaschene Jeans, schwarzer Blouson über rotem T-Shirt, schwarze Chucks an den Füßen, Foto­tasche mit Riemen über der Schulter. Fast war sie darauf gefasst, ein Surfbrett an der Wand zu entdecken. Sobald er die Ärztin eintreten sah, erhob er sich, blickte sie mit seinen grauen Augen durchdringend und sichtlich aufgewühlt an. Cyrille stand einen Moment zögernd da. Nein, sie erkannte ihn nicht wieder. Seine Züge lösten keinerlei Erinnerung in ihr aus. Sie erwiderte seinen Blick so neutral wie möglich – ich bin Ihre fürsorgliche Therapeutin – und bat ihn, ihr zu folgen. Sie kamen am Büro der hübschen, rothaarigen Marie-Jeanne vorbei, die das wohlgeformte Hinterteil des neuen Patienten nicht aus den Augen ließ. Ich wüsste schon, wie ich dich von deinen Albträumen befreien könnte, sagte sie sich, das Kinn auf die Hände gestützt.

 

8 Uhr 40. Julien Daumas und Cyrille Blake nahmen zu beiden Seiten des breiten indonesischen Schreibtisches Platz, auf dessen dunkler Holzplatte der Flachbildschirm eines iMac thronte, rechts davon auf einer Schreibunterlage lag ein Stapel mit Akten. Cyrille räusperte sich, schlug das Krankenblatt auf und eröffnete das Gespräch. »Nun, Monsieur Daumas, was führt Sie zu uns?« Er hatte es sich in einem Korbsessel mit weißen Kissen bequem gemacht, die Beine leicht gespreizt, die Ellen­bogen auf den Knien. Wenn sein Blick einen erst mal fixierte, ließ er einen nicht mehr los. »Ich …« Er wirkte völlig verunsichert. »Ich schlafe nicht gut.« »Sie haben Schwierigkeiten, einzuschlafen? Sie wachen nachts auf?« »Ich … ähm … ich schlafe nur etwa drei Stunden pro Nacht. Und dann habe ich in dieser kurzen Zeit Albträume.« Julien Daumas musterte die Ärztin mit erstaunter Miene. Cyrille machte sich Gedanken. Dieser intelligente, eindringliche Blick voller Fragen irritierte sie. »Und so haben Sie beschlossen, uns aufzusuchen?«, fragte sie betont freundlich. »Nun … im Sainte-Félicité hatte man mir ja geholfen … das letzte Mal, nach meinen Problemen … Deshalb habe ich mir gedacht … Und dann habe ich das Buch über das Glück gelesen … und …« Er ließ den Satz in der Schwebe. Cyrille war zunehmend irritiert. Sie befand sich in einer extrem peinlichen Situation. Nichts, ich erinnere mich absolut nicht an ­diesen Patienten. Ihr Buch Die Wissenschaft des Glücks hatte sich sehr gut verkauft. Es hatte dazu beigetragen, das Centre Dulac bekannt zu machen, hatte aber auch jede Menge verwirrter Menschen aller Art angezogen, die Marie-Jeanne hatte abweisen müssen. Vielleicht war Julien Daumas ja ihrer Aufmerksamkeit entgangen … Sie nickte kaum merklich und konzentrierte sich auf die Spitze ihres Kugelschreibers. Sie lächelte und sprach ein wenig lauter. »Nun, wir werden Ihnen sicher helfen können. Seien Sie unbesorgt. Sie sind also Fotograf.« »Ja.« Cyrille forderte ihn mit einer Handbewegung auf, fortzufahren. »Am liebsten fotografiere ich die Natur. Das Meer, den Wald …« Cyrille kniff die Augen zusammen. »Reisen Sie oft?« »Ja.« »Und wohin?« »So ziemlich überallhin.« »Vielleicht haben Sie ein Jetlag-Problem, einen Mangel an Melatonin, zum Beispiel. Wir werden Ihren Hormonspiegel kontrollieren. Hat meine Assistentin Sie den Fragebogen zum Thema Schlaf ausfüllen lassen?« »Ja.« Julien Daumas reichte ihr ein doppelt gefaltetes Blatt. Dabei suchte sein Blick den ihren, doch sie wich ihm aus. Sie spürte, wie ihr die Hitze den Nacken hinaufkroch. Die schriftlichen Antworten hatten etwas Beunruhigendes. Cyrille las sie laut vor. »Bei ›Albträume‹ haben Sie ›Gefühl kurz bevorstehenden Todes‹ angekreuzt und ›tägliche Beklemmungen‹ sowie ›unerklärliche Ängste‹ …« Julien Daumas senkte zum ersten Mal den Blick. Sie las den Fragebogen bis zum Ende und stellte ihre Diagnose. Posttraumatische Belastungsstörung. Die PTBS ist eine psychische Reaktion auf ein belastendes Ereignis, bei dem die physische und psychische Integrität des Patienten bedroht ist und Albträume, Nachhall­erinnerungen, Flashbacks, Halluzinationen und Phobien hervorruft … Julien hatte alle Kriterien genannt, die durch die internationale Nomenklatur der Psychiatrie ­definiert waren.

 

8 Uhr 55. Cyrille griff langsam zum Telefon. »Marie-Jeanne, es wird noch etwas dauern. Bitte gib dem nächsten Patienten Bescheid.« Als sie den Hörer wieder auflegte, blickte Julien Daumas sie fragend an. Plötzlich schien es kälter im Raum. »Habe ich ein Hirnproblem?« Cyrille legte die Hände auf die Tischplatte. »Nein, Monsieur Daumas! Nein, beruhigen Sie sich.« Doch ich fürchte, Ihre Albträume und die Schlaflosigkeit sind gravierender, als Sie glauben, hätte sie gerne hinzugefügt. »Sie haben die Fragen ›Unfälle, traumatische Ereignisse‹ nicht beantwortet …« Juliens Augen waren auf die ihren gerichtet, sein Mund war leicht geöffnet, er blinzelte nicht. »Nein.« »Ihnen ist nichts widerfahren, das Ihrer Meinung nach der Ursprung Ihrer Albträume sein könnte?« »Nein.« Cyrille Blake schwieg einen Augenblick. »Haben Sie Familie?« »Nein. Ich kenne meinen Vater nicht. Meine Mutter, sie … sie ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen.« »Wie alt waren Sie?« »Zwölf.« »Das tut mir leid. Großeltern?« »Sie sind gestorben, als ich zwanzig war.« Cyrille legte nachdenklich die Hände vor den Mund. Konnte der Unfall seiner Mutter Auslöser der zwanzig Jahre später auftretenden PTBS sein? Zunächst einmal müsste sie ihn zu seinem Aufenthalt im Krankenhaus Sainte-Félicité zehn Jahre zuvor und dem Motiv für seinen Selbstmordversuch befragen, aber sollte sie die Gründe nicht besser als jeder andere kennen? Sie nagte an der ­Unterlippe. Sie fühlte sich in die Enge getrieben. Wenn sie ihm dazu Fragen stellte, würde sie damit zugeben, dass sie ihn vergessen hatte. Ein sehr schlechter Start für eine Therapie, die auf Vertrauen basierte. Sie liefe Gefahr, ihn noch mehr zu destabilisieren und sich selbst völlig ­unglaubwürdig zu machen. Die Angelegenheit war verwirrend. Die Zeit verstrich. Doch sie konnte den jungen Mann nicht gehen lassen, ohne ihm zu helfen. »Kommen wir auf Ihre Albträume zurück. Worum geht es darin?« »Ich … ich werde verfolgt.« »Von wem oder von was?« »Ich weiß nicht. Er … ist ohne Gesicht … ohne Augen.« »Er?« »Ein Mann.« »Ohne Gesicht und ohne Augen.« »Ja.« »Und was geschieht?« »Er sticht mit dem Messer auf mich ein.« »Wohin zielt er?« Julien senkte den Blick. Er strich mit der Hand über das Gesicht. »Dorthin, in die Augen, in den Mund, überall hin, ich blute. Ich sehe nichts mehr, denn meine Augen sind voller Blut.« Cyrille rieb sich das Kinn. »Und was machen Sie?« »Ich rühre mich nicht.« »Sie wehren sich nicht?« »Nein. Ich bin wie gelähmt. Ich wache auf, bevor ich sterbe.« Der junge Mann lehnte sich in seinem Sessel zurück, seine kräftigen Schultern sanken nach vorn, die Muskeln seines Halses spannten sich an, sein schmerzerfüllter Blick verlor sich in der Leere. »Jede Nacht, jede Nacht fängt es von vorn an. Ich habe Angst, einzuschlafen. Dabei habe ich sonst im Leben eigentlich vor nichts Angst.« Das konnte Cyrille sich vorstellen. Der junge Mann war groß, gut gebaut und dürfte nur schwer einzuschüchtern sein. »Monsieur Daumas?« Er hob den Blick. Cyrille Blake schenkte ihm ein ermutigendes Lächeln. »Wir praktizieren hier mentale Arbeitstechniken, die sich bei der Bekämpfung der schlimmsten Albträume bewährt haben. Die Methode wurde erfolgreich bei Soldaten getestet.« »Muss man Medikamente nehmen?« Cyrille schüttelte den Kopf. »Nein, ich schlage Ihnen keine Behandlung mit Psychopharmaka vor. Unsere Methode greift auf mentale Bilder zurück.« »Und wann kann ich anfangen?« »Zunächst würde ich gern Ihr Schlafverhalten aufzeich­nen und dabei Ihren Melatoninspiegel messen. Könnten Sie eine Nacht in unserem Schlaflabor verbringen?« »Ja. Wann?« Cyrille klinkte sich in den Zentralcomputer der Klinik ein. »Ich habe keinen Platz vor … einem Monat. Es sei denn … Wir haben eine Absage für heute Abend. Wäre das für Sie machbar?« Julien Daumas strich über den leichten Flaum an seinem Kinn. »Ja.« Cyrille Blake klappte das Krankenblatt zu: ein Zeichen, dass die Sitzung beendet war. Sie begleitete ihn zur Tür. Ich sehe ihn eher an einem Strand auf Hawaii als hier. Sie schüttelte ihm erneut die Hand und sagte: »Bis heute Abend.« Julien Daumas schien zu zögern und nicht wirklich gehen zu wollen. Er vergrub die Hände in seinen Jeans­taschen und schickte sich an, über die Schwelle zu treten, hielt dann aber inne, als erinnere er sich plötzlich an etwas, und drehte sich um. Sein Blick verfinsterte sich, seine Stimme war eine Oktave tiefer. »Warum tust du die ganze Zeit so, als würdest du mich nicht kennen? Erinnerst du dich nicht an mich?« Cyrille zuckte zusammen, als hätte man ihr einen heftigen Stromschlag versetzt. Der junge Mann trat einen weiteren Schritt auf sie zu und musterte sie aufmerksam. »Ich glaube, blond hast du mir besser gefallen …«

 

Um 9 Uhr 05 machte Julien Daumas kehrt und ging. ­Cyrille blieb perplex auf der Türschwelle stehen.

 

2

 

 

»Marie-Jeanne, bitte ruf sofort in Sainte-Félicité die ­Abteilung von Professor Manien an. Erkundige dich, ob und mit welcher Diagnose dort im Oktober 2000 ein ­Patient namens Julien Daumas behandelt wurde. Lass dir sofort seine Krankenakte schicken.« Cyrille Blake zwang sich zur Ruhe, doch in ihrer Stimme schwang ein Anflug von Hysterie mit, die sie vergeblich zu unterdrücken versuchte. Marie-Jeanne erwiderte aufgeregt: »Mein Gott, ist der Typ attraktiv! Ist dir das auch aufgefallen? Sieht aus wie Taylor Kitsch, der Typ aus Wolverine!« »Wie wer?«, fragte die Neuropsychiaterin gereizt. »Vergiss es. Wenn er wiederkommt, dann sag ihm, in meinem Bett würden ihm die Albträume vergehen. Übrigens, dein nächster Patient kommt eine Viertelstunde später, er hat gerade angerufen.« Cyrille Blake legte auf und verdrehte die Augen. Sie hörte Marie-Jeanne noch immer kichern. Vor zwei Jahren hatte Cyrille eingewilligt, Benoîts Nichte probeweise einzustellen. Normalerweise hielt sie nichts davon, Beziehungen auszunutzen, doch in diesem Fall hatte sie eine Ausnahme gemacht, weil sie Marie-Jeanne schätzte. Nachdem diese mit Ach und Krach ihr Abitur bestanden hatte, war sie mit leeren Taschen und ohne irgendeinen konkreten Plan durch die Welt gereist, dafür aber war sie mit jeder Menge Lebenslust und Elan zurückgekehrt. Marie-Jeanne strotzte nur so vor Energie. Zunächst hatte sie in der Telefonzentrale gearbeitet, doch schnell stellte sich heraus, dass sie dort unterfordert war. Ihre Stärke lag im Umgang mit den Patienten und in ihrer Fähigkeit, zu entdramatisieren. Instinktiv konnte sie jede Situation, so kritisch sie auch sein mochte, entspannen, wobei ihr Humor und ihr Temperament ihr zugutekamen. Cyrille hatte sie schließlich zu ihrer persönlichen Assistentin gemacht und es nicht bereut. Trotz des Chaos, das auf ihrem Schreibtisch herrschte, verstand es Marie-Jeanne, einen übersichtlichen Terminplan zu führen, die Krankenakten ordentlich abzulegen und die Ausbrüche in den Griff zu bekommen, die in ihrer Klinik bei Neuaufnahmen unvermeidbar waren. Cyrille trommelte nervös mit den Fingern auf die Tischplatte. Sie musste ihre Ungeduld zügeln, bis sie Antwort aus Sainte-Félicité bekam. Also ordnete sie ihre Papiere und ging dann ins Internet. Über Google rief sie die Fansite von Taylor Kitsch auf, einem jungen kanadischen Film- und Fernsehstar, von dem sie nie zuvor gehört hatte. Stimmt, er sieht ihm ähnlich … Cyrille betrachtete eine Weile ein Schwarz-Weiß-Foto des Schauspielers, das diesen in T-Shirt und Jeans zeigte, und bewunderte seinen athletischen Körperbau. Das Klingeln des Telefons riss sie aus ihren Gedanken.

Nach Marie-Jeannes Anruf saß Cyrille wie benommen da. Sie drehte ihren Stuhl zur Fensterfront, und ihr Blick verlor sich im wolkenverhangenen Himmel. Automatisch trank sie den Rest ihres kalten Kaffees, der eigentlich ungenießbar war, doch sie nahm den Geschmack kaum wahr. »Im Oktober 2000 war er drei Wochen in Sainte-Félicité, er wurde wegen eines Selbstmordversuchs, Depres­sionen und Schlaflosigkeit eingeliefert«, hatte Marie-Jeanne erklärt. »Er war tatsächlich in Professor Maniens Abteilung, und du hast ihn behandelt. Erinnerst du dich nicht mehr daran?« Cyrille, die diese Nachricht erst verdauen musste, war einer Antwort ausgewichen. Nein, zum Teufel, ich erinnere mich nicht! Was die Krankenakte anging … »Soll ich wirklich wiederholen, was Professor Manien hat ausrichten lassen?« »Ja.« »Zuerst hieß es, er hätte die Akte nicht mehr.« »Hast du darauf bestanden?« »Natürlich! Und da soll er wortwörtlich gesagt haben: Wenn Madame Bonheur sie haben will, soll sie eine offizielle Anfrage an die zuständigen Stellen richten.« Cyrille knirschte mit den Zähnen. Was für ein Idiot! Der hat sich kein bisschen geändert! Rudolf Manien war ein Patriarch der übelsten Sorte. Arrogant, pedantisch, unfähig, Kontakt zu den Patienten aufzubauen, die ihm ausgeliefert waren. Unter anderem hatte Cyrille wegen seiner fragwürdigen Methoden Sainte-Félicité den Rücken gekehrt. »Ruf bitte sofort bei besagter Stelle an und beantrage dringend die Krankenakte.« Sie hatte entnervt aufgelegt. Und plötzlich überkam sie Angst. Warum erinnere ich mich nicht an diesen Patienten, obwohl ich ihn behandelt habe? Was ist los mit mir …? Sie sprang auf, trat vor den Spiegel über der Kaffee­maschine und strich sich durchs Haar. Sie wirkte jünger als neununddreißig Jahre: ihr Gesicht war kantig, aber angenehm und ausdrucksvoll, um die Augen entdeckte sie nur wenige feine Fältchen, und sie hatte noch kein einziges weißes Haar. Doch das lag an der kastanienbraunen Tönung, die sie bereits seit einigen Jahren verwendete und die eine Nuance dunkler war als ihre Naturfarbe. Sie wollte nicht nur die grauen Haare verdecken sondern vielmehr die drei kleinen Muttermale am Haaransatz, die sie hässlich fand. Sie sah sich selbst in die Augen. Ihre Anspannung war spürbar. Sie hatte schon seit Langem vor nichts mehr Angst, seit damals, als sie auf die Ergebnisse der Krebsdiagnose ihres Vaters gewartet hatte. Pros­tatakrebs, der rechtzeitig erkannt worden war. Doch jetzt ging es um sie. Und das war ebenso Furcht einflößend. Kalter Schweiß klebte die Seidenbluse an ihren Rücken. Sie atmete mehrmals tief durch und versuchte, ihren Herzschlag zu beruhigen. Aus dem Yogaraum hinter dem Wartezimmer drang Musik zu ihr. Sie konzentrierte sich auf die entspannenden Klänge und versuchte, darin Trost zu finden. Sie strich über das Diamantherz – ein Geschenk ihres Mannes –, das sie um den Hals trug. Die Berührung beruhigte sie für einen Augenblick. Ihre Gedanken wanderten zurück zur Klinik Sainte-­Félicité. Wie konnte sie eine mehrere Wochen dauernde Behandlung eines Patienten vergessen? So viel sie auch über die Frage nachdachte, sie fand keine logische Erklärung, die nicht auf eine Krankheit schließen ließ. Mit meinem Gehirn stimmt etwas nicht. Welche Ironie des Schicksals bei meinem Beruf … Sie könnte die Sache ignorieren und weiterleben, als sei nichts geschehen. Aber nein. Am Vernünftigsten wäre es, medizinischen Rat einzuholen und den Symptomen auf den Grund zu gehen. Sie wandte sich vom Spiegel ab und begann, im Zimmer auf und ab zu laufen. Sie hasste es, Schwäche zu zeigen und sich einzugestehen, dass sie Hilfe brauchte. Wenn es ihr schlecht ging, war sie eine Einzelkämpferin, doch jetzt musste sie ihren Stolz überwinden. Sie würde Muriel, ihre Freundin, die Neurologin war, anrufen, und dann ihren Mann Benoît, den Neurobiologen. Sie wüssten sicher, was zu tun war. Diese Vorstellung beruhigte sie. Ihr Mann, der fünfundzwanzig Jahre älter war als sie selbst, hatte viele Fehler, doch in schwierigen Zeiten gab er ihr Sicherheit. Ein durchdringender Pfeifton. Die Sprechanlage. M. Hernandez war endlich da – mit fünfundzwanzig Minuten Verspätung. M. Hernandez mit seinen Erektionsproblemen …

 

3

 

Das Summen und Klopfen des Apparats war unangenehm. Es war 13 Uhr 30, und ihr Magen knurrte. Sie hatte nichts gegessen, denn Muriel hatte sie nur um die Mittagszeit zwischen zwei Terminen einschieben können. Cyrille Blake schloss die Augen und versuchte, etwas ­anderes zu denken als ich stecke in einer Röhre, aus der ich nicht entkommen kann, und ich leide unter Klaustrophobie. Bedrohliche Geräusche um sie herum, während ihr Gehirn virtuell in Scheiben zerteilt wurde. Bei Hunderten von Patienten hatte sie diese Untersuchung selbst durchgeführt und ihnen die Angst zu nehmen versucht. Jetzt war sie diejenige, der man gut zureden musste. Unglaublich, wie verletzlich man sich in dem Ding fühlt … Ein beruhigendes Mantra des buddhistischen Mönches Thich Nhat Hanh half ihr, sie wiederholte es wieder und wieder: Ich bin frisch wie der Tau. Ruhig und stark wie die Berge. Wie die Erde so fest. Ich bin frei. Sie dachte an ihr Leben. An ihre Zeit als Studentin. Die vielen Vor­lesungen und Scheine, die endlose Paukerei, der Anatomieatlas, den sie auswendig gelernt hatte … Ihr Gedächtnis war immer ausgezeichnet gewesen. Die Sache war einfach: Sie hatte sich ganz auf ihre Fähigkeit, zu lernen, zu denken, zu analysieren und sich zu erinnern verlassen können und ihre Examina eines nach dem anderen bestanden. Wenn sie das nicht mehr könnte, wäre sie beruflich erledigt. Was wäre, wenn sie einen Hirntumor hätte? Ihr wurde bewusst, dass sie von einem Übel bedroht war, das stärker war als sie selbst. Sie war auf die dunkle Seite der Kranken gewechselt. Auf die Seite derer, die halbtot vor Angst auf ein Ergebnis warten. Das war das erste Mal in ihrem Leben.

Eine halbe Stunde später wartete sie im Raum neben dem Kernspin mit ihrer alten Studienfreundin Muriel Wang, Neurologin am Pitié-Salpêtrière, gespannt darauf, dass die Bilder auf dem Computermonitor angezeigt wurden. Die hübsche dunkelhaarige Frau mit den asiatischen Zügen, die während ihrer elfjährigen Freundschaft mehr als einem Mann den Kopf verdreht hatte, versuchte, sie zu beruhigen: »Dein Verdacht ist entstanden, weil du dich an einen Patienten, den du vor zehn Jahren behandelt hast, nicht mehr erinnern kannst?« »Ja, und er duzt mich, als würde er mich wirklich gut kennen … Das hat mich unglaublich … verunsichert.« »Nun, das mag vielleicht etwas verrückt sein … Aber man kann sich nicht an alle seine Patienten erinnern, meine Liebe! Warum machst du dir also Sorgen?« Muriel war neben Marie-Jeanne eine der wenigen Personen, die sich trauten, offen mit Cyrille zu reden. »Gut, Muriel. Aber was ich dir noch nicht erzählt habe, ist, dass mir so etwas nicht zum ersten Mal passiert.« »Aha …« Muriel registrierte, dass Cyrille an ihren Nägeln kaute – etwas, was ihre Freundin für gewöhnlich nicht tat. »Vor zwei Wochen habe ich meinen Vater aus dem Norden kommen lassen und ihn zur Prostatauntersuchung zu Rothschild geschickt. Er ist ein Freund von ­Benoît und ein erfahrener Krebsspezialist. Nun, ich hatte versprochen, ihn später dort abzuholen und … habe es vergessen. Als er mich auf dem Handy anrief, aß ich gerade in aller Ruhe in meinem Büro zu Mittag.« Muriel Wang zog kaum merklich die Augenbrauen hoch, was ihr Erstaunen verriet, doch sie bemühte sich weiter, die Ängste ihrer Freundin zu zerstreuen: »Und, das ist alles?« »Gestern hat mich Mercier – das ist unser Spezialist in Sachen Radiologie – an ein Mittagessen mit möglichen künftigen Geldgebern erinnert. Vertreter eines großen Pharmakonzerns, die wir unbedingt für uns gewinnen müssen, um unser Budget für nächstes Jahr zu sichern. Wieder dasselbe: Ich hatte den Termin vergessen.« »Das kann jedem mal passieren, Cyrille …« »Jedem außer mir!« Der kategorische Ton, den Cyrille immer häufiger gegenüber Kollegen anschlug, ärgerte Muriel, doch sie übte Nachsicht und schrieb ihn Cyrilles Angst zu. »Und warum sollte dir das nicht passieren?« »Ich bin wie ein elektronischer Terminkalender. Ich erinnere mich immer an alles. So als hätte ich eine Festplatte im Gehirn.« »Nun gut. Hast du andere Symptome?« »Nein. Das heißt, manchmal ein leichtes Schwindelgefühl … Sieh mich nicht so an, ich weiß, ich hätte früher kommen sollen. Ich habe nicht gedacht, dass es etwas Schlimmes sein könnte.« »Hast du mit Benoît darüber geredet?« »Ich habe ihn angerufen, ehe ich zu dir gekommen bin, seine Mailbox war eingeschaltet. Er hat im Moment sehr viel mit dem Nobelpreiskomitee zu tun.« Cyrille massierte ihre Nasenwurzel. Verdammt! Entweder ist das Alzheimer im Anfangsstadium, oder ich habe einen Tumor. »Nein, es ist wahrscheinlich kein Alzheimer. Du weißt genau, dass sich in diesem Fall Angehörige und Freunde über Gedächtnislücken beklagen, nie der Kranke selbst.« »Ich habe ja noch gar nichts gesagt!« »Ja, aber du denkst daran, und das ist normal.« Pixel für Pixel baute sich das Bild auf. Mit klopfendem Herzen starrte Cyrille auf das Innenleben ihres eigenen Gehirns. Die Rillen, Vertiefungen und Erhebungen, die aktiven und die Ruhezonen, die rechte und die linke Gehirnhälfte. Ihre gesamte Intelligenz, ihr gesamtes Wissen waren »darin« enthalten. Eine dichte Masse von eintausendzweihundert Kubikzentimetern, die auch all ihre Probleme und Ängste beinhaltete, ihre Furcht, die Letzte zu sein, kein Geld zu haben, ihr zwingendes Bedürfnis nach Anerkennung und Verdienst, ihr Wunsch, andere zu heilen und selbst nie die Kontrolle zu verlieren. In diesen knotigen Windungen waren auch ihre Erinnerungen verewigt, ihre Gefühle für ihren Vater, ihre Mutter, für Benoît, den sie gerne den Großen Mann nannte, für ihren alten Kater Astor und … für ihre Musik … All das war in dieser Hülle verborgen, die so empfindlich und verformbar war, dass ein Aufprall, eine Verletzung alles für immer beeinträchtigen oder auslöschen könnte. Sie fühlte sich plötzlich nackt und verletzlich. Muriel klickte sich durch die einzelnen Schnitte. Beide betrachteten sie die Bilder. Es herrschte ein lastendes Schweigen.

Eine Stunde später betrat Cyrille ihre geräumige Wohnung im siebten Arrondissement von Paris. Im Flur zog sie ihre Schuhe aus, lief barfuß über den flauschigen anthrazit­farbenen Teppichboden des großen Wohnzimmers und betrat die Bibliothek, in die sie sich gerne zum Arbeiten zurückzog. Sie öffnete die quietschenden Türen des alten Schranks – ein Erbstück ihrer Großmutter –, in dem sie ihre Akten verwahrte. Der Geruch nach Mottenkugeln schlug ihr entgegen. Im untersten Fach stand ein kleiner Koffer aus rotem Lederimitat. Sie hockte sich hin und öffnete ihn. Dann wischte sie sich über die Augen und griff nach dem Instrument. Kurz darauf strich ihre Hand über die Tasten des Bandoneons, das sie an ihre Brust drückte. Die ersten Töne des Adios Nonino von Astor Piazzolla erklangen im Raum. Sie spielte den Tango zunächst langsam, um ihre Finger geschmeidig zu machen, und steigerte dann das Tempo. Sie musste die Angst in sich aufsteigen lassen, um sie vertreiben zu können. Der sich blähende Balg, die anrührenden Klagelaute, die ihr zu Herzen gingen, schenkten ihr Frieden, ein unglaubliches Glücksgefühl. Sie spielte auf dem Bandoneon ihres Vaters. Wie jedes Mal brachten die Klänge ihren Körper zum Vibrieren. Sie gab sich ihnen ganz hin und seufzte, während sie spielte und ihr Herz seinem eigenen Rhythmus folgte. Der Tango, sein Spiel mit der Annäherung, das stetig unterdrückte Verlangen, die Macht der Verführung, der Liebe und des Todes. Das Bandoneon rührte an ihre Erinnerung, brachte sie zum Weinen und gab ihr die Bodenhaftung zurück. Sie hatte das Spielen innerhalb weniger Monate erlernt und war in den folgenden Jahren fast unbemerkt zur Virtuosin geworden. Triller und Appoggiaturen folgten aufeinander, ihre Finger flogen immer schneller über die Tasten, und plötzlich setzte die Magie ein. Sie war allein auf der Welt, alle unbeantworteten Fragen waren wie ausgelöscht. Die gewaltige Musik, so sinnlich, leidenschaftlich und melancholisch, erfüllte sie. Astor, ihr alter schwarzer Kater, der faul auf dem Schreibtisch lag, begann zu schnurren und lauschte mit halb geschlossenen Augen den Klängen seines berühmten Namensvetters. Cyrille setzte zum Schlussakkord an, die Klänge schwollen an und verebbten. Sie hob den Kopf, ihre Wangen waren tränenüberströmt. Sie fühlte sich besser, sie würde es schaffen.

 

4

 

Ihre Absätze klapperten auf dem Parkett im Eingangs­bereich des Centre Dulac. Diese Klinik war ihr größter Erfolg. Im Moment war sie noch recht bescheiden, mit nur vier Ärzten, die nicht alle Vollzeit arbeiteten, und ­lediglich drei Zimmern für stationäre Patienten. Cyrille hatte gezögert, welchen Namen sie ihrem Haus geben sollte. Nach langem erfolglosem Nachdenken hatte sie sich für etwas Einfaches entschieden. Centre Dulac nach der kleinen Straße im fünfzehnten Pariser Arrondissement, in der es sich befand. Sie hatte es vor fünf Jahren dank der ­finanziellen Unterstützung zweier amerikanischer Pharmakonzerne eröffnen können. Diese hatten die Rechte für die Herstellung von Meseratrol gekauft und sich bereit erklärt, ihr zu einem niedrigen Preis zwei­hundertfünfzig Quadratmeter zu vermieten. Die Räumlichkeiten befanden sich im Erdgeschoss und ersten Stock eines modernen Gebäudes und waren durch eine hölzerne Wendeltreppe verbunden. Langfristig wollte sie hier die neuesten phy­sikalischen, psychologischen und chemischen Therapien zusammenführen, die für die Behandlung ihrer Patienten nötig waren. Die Wanduhr am Empfang, wo eine Assistentin gerade zwei Patienten begrüßte, zeigte 16 Uhr 30. Cyrille nickte ihnen zu und lief durch den hellblau gestrichenen Gang, in dem abstrakte Bilder hingen. Das Erdgeschoss war den leichteren Fällen vorbehalten, die wegen kleiner alltäg­licher Probleme wie Stress hierherkamen und mit Yoga, Entspannungsübungen, Meditation, Musik- oder kurzen Gruppenpsychotherapien sowie Hypnose behandelt wurden. Aus dem letzten Raum drangen sanfte Klänge. Sie warf einen schnellen Blick hinein. Maia, die Yogalehrerin, leitete eine Gruppe Senioren, die gerade auf ihren Gymnastikmatten den Kopfstand übten. Die beiden Frauen nickten sich zu. Cyrille Blake war prinzipiell offen für alle Therapieformen. Ihr oberstes Gebot war, dass der Patient sich beim Verlassen des Zentrums glücklicher und in seinem Leben wohler fühlen sollte als vorher. Rasch stieg sie die Stufen zum ersten Stock hinauf. An diesem Nachmittag stand eigentlich nur Routinearbeit auf dem Programm: Die behandelten Fälle rekapitulieren, die Budget-Sitzung vorbereiten und auch den Vortrag, den der Philosoph André Lecomte am übernächsten Tag hier halten würde, und dann musste sie sich noch über­legen, was sie abends zu Benoîts Geburtstagsessen anziehen wollte. Doch Cyrille wurde von Enttäuschung und Angst gequält. Der Kernspin hatte nichts ergeben, nicht das kleinste Blutgerinnsel oder eine Dysfunktion. Nichts, was ihren Blackout hätte erklären können. Sie hatte geglaubt, das MRT würde alles erhellen. Doch die Unter­suchung hatte ihre Verunsicherung nur noch schlimmer gemacht und neue Fragen aufgeworfen. Und ihr Mann hatte noch immer nicht auf ihre Nachrichten geantwortet. Das Gespenst einer Alzheimererkrankung ließ ihr keine Ruhe. Dieses Leiden war durch bildgebende Verfahren nicht belegbar, lediglich eine post mortem vorgenommene Biopsie konnte sie bestätigen. Zu Lebzeiten des ­Patienten konnte man die Diagnose nur anhand der klinischen Symptome erstellen. Der Verlauf der Krankheit war in zehn Stufen unterteilt, und es war durchaus möglich, dass sie sich in ihrem Fall noch in einem nicht nachweisbaren Stadium befand. Das Gefühl, versagt zu haben, zermürbte sie. Ihr Gedächtnis ließ sie im Stich. Sie musste an ihre Großmutter denken, eine hübsche, kleine alte Dame, seit ihrem vierzehnten Lebensjahr Tüllmacherin, die Cyrille nicht lange gekannt hatte. Doch sie erinnerte sich, dass sie sie witzig fand, weil sie nicht mehr ganz bei Verstand war und eigenartige Geschichten ohne den geringsten Bezug zur Realität erzählte. Und wenn es mir nun genauso er­gehen wird? Sie begab sich in den ersten Stock, eilte vorbei am Schlaflabor, in dem nachts gleichzeitig die Werte zweier Patienten aufgezeichnet werden konnten, und einem Entspannungsraum zu ihrem Büro. Cyrille bemerkte, dass Marie-Jeanne nicht da war. Sie machte sich einen Kaffee und knabberte einen Keks. Sie fühlte sich deprimiert. Und plötzlich sah sie sich als kleines Mädchen. Blonde Zöpfe, mit Samtrock und blauem Lycra-Pullover. Sie war im Norden in der Kleinstadt Caudry geboren worden, wo ihre ganze Familie in der Textilindustrie arbeitete. Sie war nicht im Luxus aufgewachsen und hatte sich stets ­geschworen, eines Tages ihr Zuhause zu verlassen und etwas anderes zu sehen. Und das war ihr gelungen. Nach dem Tod ihrer Mutter – sie war damals zehn Jahre alt gewesen – war sie allein mit ihrem Vater in dem Häuschen in der Rue des Martyrs, einer ruhigen und düsteren Bergarbeitersiedlung, zurückgeblieben. Der Vater hatte seine »kleine Lily« damals in ein Internat nach Amiens geschickt. An diese Zeit erinnerte sie sich nicht gerne. Das blonde, schmächtige und schüchterne Mädchen war eine Musterschülerin und wurde deshalb von ihren Kameraden gehänselt. Das mit Auszeichnung bestandene Abitur in der Tasche, stieg sie in den Zug nach Paris, wo sie mit Leichtigkeit die Aufnahmeprüfung in die medizinische Fakultät in der Rue des Saints-Pères bestand. Nicht zurück­blicken, sich nicht vergraben, immer voranschreiten. Äußerst begabt in Mathematik und Naturwissenschaften, verfügte sie zudem über ein hervorragendes Gedächtnis, sodass sie ihr Studium in Rekordzeit absolvierte. Als sie dann vor der Wahl der Fachrichtung stand, entschied sie sich für Psychiatrie, die schwierigste Ausbildung. Gedankenverloren massierte sich Cyrille den Nacken. Die Schauergeschichten über die klinische Ausbildungs­zeit waren keine Erfindung. Sie hatte zwei Jahre lang in der Abteilung B von Sainte-Félicité gelitten. Kleine dunkle Zimmer mit vergitterten Fenstern, in denen die von der Gesellschaft Ausgestoßenen verkümmerten. Die meisten von ihnen waren verarmt und mittellos, und die Krankheitsbilder umfassten alles, von schlichter Verzweiflung bis zu schweren psychopathologischen Störungen. Sie hatte geglaubt, sich um diese Menschen kümmern, ihnen zuhören und dabei helfen zu können, wieder auf die Beine zu kommen. Doch nach zehn Tagen hatte sie es begriffen. Die Patienten wurden von dem überforderten Personal derart mit Medikamenten vollgestopft, dass jegliche Interaktion unmöglich war. Professor Manien verfolgte eine einfache Politik: Die Kranken wurden mit Neuroleptika gefüttert, damit man seine Ruhe hatte, und dann verlegt. Multiple Persönlichkeiten, Schizophrene, gefährliche Psychotiker und Perverse … Sie hatte nichts ausrichten können. Und aus dieser Hölle war Julien Daumas wieder auf­getaucht? Cyrille fröstelte. Weder seine Gesten noch seine Haltung oder der Klang seiner Stimme waren ihr irgendwie bekannt vorgekommen. So sehr sie sich auch anstrengte und die Insassen der fünfzehn Zimmer, die therapeutischen Sitzungen oder gar die Elektroschockbehandlungen und die Isolationszelle Revue passieren ließ, sie konnte sich an rein gar nichts ­erinnern. Sie brach zwei Stückchen Schokolade ab und versuchte erneut, Benoît zu erreichen. Wieder die Mailbox. Sie hinterließ die dritte Nachricht, wobei sie versuchte, ihre Panik zu verbergen. In kleinen Schlucken trank sie ihren Kaffee. Seit nunmehr fünf Jahren versuchte Cyrille, ihre Patienten glücklicher zu machen. Sie war eine uneingeschränkte Anhängerin der amerikanischen Schule, die das Glück für einen Geisteszustand hielt, den man – wie jeden anderen – herbeiführen konnte. Aber vor allem war sie davon überzeugt, dass hinsichtlich der neuronalen Fähigkeiten nicht alle Menschen von Geburt an gleich waren. Manche hatten eine Veranlagung dazu, glücklich zu sein, andere nicht. Sie hielt es für ihre Aufgabe, die Dinge bei den­jenigen auszugleichen, die nicht das große Los gezogen hatten. Das war ihr einziges Bestreben. Und was auch immer geschehen mochte, das durfte sie nicht aus den Augen verlieren.

 

Der Nachmittag verging ohne besondere Vorkommnisse. Zwischen den einzelnen Terminen konzentrierte sich ­Cyrille auf ihr Problem und notierte auf einem Block alles, was ihr zu ihrer Zeit in Sainte-Félicité einfiel. Dann versuchte sie, eine Liste aller Patienten zu erstellen, die sie behandelt hatte. Die Sache ging nicht schnell voran. Das Ganze lag über zehn Jahre zurück, und wegen der wechselnden Dienstzeiten hatte sie manche von ihnen nur ein paar Mal gesehen. Das Blatt war noch halb leer. Sie hätte sämtliche Krankenakten aus der damaligen Zeit konsultieren müssen. Aber in Sainte-Félicité war sie nicht mehr willkommen. Die letzte Patientin für diesen Tag nahm ihr gegenüber Platz. »Emotionaler Bruch mit suizidaler Vorgeschichte« hatte Marie-Jeanne auf dem Krankenblatt vermerkt. Isabella DeLuza war verzweifelt. Die Hausfrau und Mutter von vier inzwischen schon großen Kindern war Mitte fünfzig und eine angenehme Erscheinung. Sie lebte in Maisons-Laffitte »in einem wunderschönen dreistöckigen Haus, das wir am Rande des Parks haben bauen lassen«. Isabella hatte nach eigener Aussage »zwanzig Kilo zu viel« und einen »untreuen Ehemann«. Cyrille notierte, dass die Frau eine direkte Verbindung zwischen beiden Faktoren herstellte. Sie hatte Mühe, sich auf den Monolog ihrer Patientin zu konzentrieren. Als ihr das auffiel, zwang sie sich, zuzuhören. Madame DeLuza rang die Hände, Tränen standen ihr in den Augen. In diesem Sessel hatten schon viele Frauen den Ehebruch ihres Mannes beweint. In den meisten Fällen wirkten sie im wahrsten Sinne des Wortes niedergeschmettert, so als hätte man ihnen einen unerwarteten Schlag versetzt. Und jedes Mal fragte sich Cyrille, warum sie die Entwicklung nicht hatten kommen sehen. Die langsame Entfremdung des Ehemannes, das Desinteresse. Madame DeLuza unterdrückte ein Schluchzen. »Entschuldigen Sie … aber schließlich war ich dreißig Jahre lang seine Frau, können Sie sich das vorstellen?« Ihre Stimme brach. Cyrille schob ihr sanft eine Schachtel Papiertaschentücher zu. »Erzählen Sie bitte weiter.« »Seit einem Jahr ist unser Leben die Hölle. Dauernd kritisiert er mich, tu dies, tu das. Er wurde immer unverschämter, sogar in aller Öffentlichkeit. Dabei war er es, der sich hinter meinem Rücken unmöglich benahm!« Die Augen der Patientin weiteten sich vor Wut. Das erinnerte Cyrille an Benoît und seine Exfrau und an deren Verzweiflung, als sie entdeckte, dass der Professor für Neurobiologie mit einer seiner Studentinnen, in diesem Fall Cyrille, ein Verhältnis hatte. So, als hätte ihr iPhone ihre Gedanken erraten, begann es zu vibrieren. Cyrille hätte es, wie sonst auch, während der Behandlung ausschalten müssen. Auf dem Display sah sie eine SMS von Benoît. Cyrille zögerte, entschuldigte sich schließlich bei ihrer Patientin und las die Nachricht. »Beha deine Nachrichten bekommen, Liebste. Bin in Sitzung bis 20 Uhr. Unmöglich rückrufen. Was ist los?« Cyrille räusperte sich. »Entschuldigen Sie mich bitte, ich muss meinem Mann antworten, es dauert nur zwei Sekunden.« Sie schrieb auf dem Touchscreen: »OK, sehen uns im Restaurant. Küsse.« Cyrille entschuldigte sich noch einmal und schaltete das Handy aus. Nach einem halbstündigen Gespräch stand fest, dass sich Isabellas Fall hervorragend für einen Versuch mit Meseratrol eignete: eine Patientin, die unter einem begrenzten Schmerz litt. »Ich kann Ihnen eine Therapie vorschlagen, um Ihr Leid zu lindern, und zusätzlich einige Sitzungen, um die Situation in den Griff zu bekommen.« Isabella DeLuza hob die Hand an den Hals, als würde sie ersticken. »Frau Doktor, glauben Sie etwa … er kommt nicht wieder?« Cyrille Blake lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. »Das kann ich Ihnen nicht beantworten. Ich möchte Ihnen nur helfen, diese Situation so gut wie möglich zu meistern.« Ja, Isabella DeLuza war genau die Richtige für ihre Meseratrol-Studie: gesund und willens, sich helfen zu lassen. Das neue Medikament könnte der Patientin von großem Nutzen sein. Sie stützte die Ellenbogen auf den Schreibtisch und beugte sich zu ihr vor. »Vielleicht kommt er zurück. Wir können es nicht wissen. Am besten begegnet man dieser Situation damit, sich so schnell wie möglich aus dem Zustand der Traurigkeit zu befreien. Wir führen eine Studie mit einem Medikament durch, das nach einem Erlebnis wie dem Ihren den seelischen Schmerz lindert. Sie könnten es auspro­bieren.« »Ich will keine Antidepressiva, Frau Doktor. Davon wird man abhängig, und sie verändern die Persönlichkeit.« »Es handelt sich nicht um ein Antidepressivum, ­Madame, und es besteht nicht die geringste Gefahr der Abhängigkeit.« Isabella DeLuza schniefte und zog ein Papiertaschentuch aus dem Karton, um sich Augen und Nase abzutupfen. »Warum nicht … Wenn Sie sagen, dass ich dann weniger leide … warum nicht?«

 

5

 

20 Uhr 30 Benoît Blake, im maßgeschneiderten Smoking, hob sein Champagnerglas. Die zwölf Gäste, die um den Tisch des kleinen gemütlichen Salons im Restaurant La Pérouse saßen, verstummten. »Liebe Freunde, vielen Dank, dass Sie mir die Ehre erwiesen haben, an diesem Essen teilzunehmen, das für mich sehr wichtig ist. Mein Dank gilt auch meiner zärt­lichen und bildhübschen Frau für diese Überraschung – auch wenn man in meinem Alter seinen Geburtstag üb­licherweise nicht mehr feiert.« Alle lachten, und Benoît wandte sich zu Cyrille um, die in ihrem schulterfreien schwarzen Kleid wunderschön aussah. Ein Diamantanhänger zierte ihren Hals, dazu passende Ohrringe, das Haar war glatt zurückgekämmt. »Das Jahr, in dem ich geboren wurde, möchte ich heute Abend aus Rücksicht auf meine noch so junge Frau verschweigen, da sie sonst bemerken könnte, dass die Jahre, die uns trennen, kein Graben, sondern ein Abgrund sind. (Gelächter.) Auf alle Fälle wurde ich nach Aussage meines Vaters auf dem Deck eines Luxusliners gezeugt. Dieses Geheimnis, das er nach einem alkoholreichen Abend­essen preisgegeben hat, ist das Einzige, was er von diesem Mysterium enthüllen wollte. (Gelächter.) Und die Geschichte hat einen kleinen Tick bei mir hinterlassen, den ich heute Abend gerne gestehe: Jedes Mal, wenn ich den Fuß auf das Deck einer Jacht setze, habe ich das Gefühl, ein Sakrileg zu begehen!« Anhaltender Applaus. Wie jedes Mal, wenn Benoît in der Öffentlichkeit sprach, bewunderte Cyrille seine Wortgewandtheit und Eloquenz … Der Große Mann mit seinem neuen Haarschnitt – und ein paar Kilo weniger – war in Hochform. Natürlich wurde er älter, doch seine Züge und seine Ringerstatur strahlten noch immer Kraft aus, und der intellektuelle Scharfsinn, der sie schon als Studentin fasziniert hatte, war ihm geblieben … Sobald der Kongress in Bangkok vorüber und der ­Nobelpreis verliehen wäre – egal, ob an Benoît oder einen anderen –, würde sie mit ihrem Mann an einen Strand fahren, auf ein traumhaftes Atoll, wo es weder Telefon noch Internet gab. Cyrille leerte die Hälfte ihres Champagnerglases. Was für eine Tragödie! Sie war fünfundzwanzig Jahre jünger als ihr Mann und verlor das Gedächtnis. In zwei Wochen würde das Karolinska Institut in Stockholm ihrem Mann vielleicht für seine Forschungsarbeit über »Neuronale Netzwerke und die Schmerzverarbeitung« den Nobelpreis für Medizin zuerkennen. Die Beratungen in Stockholm waren vermutlich das best­gehütete Geheimnis der Welt, es gab so gut wie nie eine undichte Stelle. Man konnte unmöglich mit Sicherheit vorhersagen, wer den Preis erhalten würde. Aber es gab bestimmte Indizien. Im September hatte das Karolinska Institut ein Biologie-Symposium abgehalten, zu dem nur wenige ausgewählte Persönlichkeiten eingeladen worden waren, unter anderem Benoît Blake und sein Rivale Tardieu. Es war allgemein bekannt, dass diese Versammlung ein Hinweis auf die Wahl war. Die Vorträge der Referenten kamen einer mündlichen Prüfung gleich, die dazu diente, den Sieger zu ermitteln. Cyrille stellte sich vor, wie sie in nächster Zukunft den heiß ersehnten Anruf bekommen würden, und eine Er­regung, leicht wie der Flügelschlag eines Schmetterlings, stieg in ihr auf. Benoît Blake hatte sich durch seine Arbeiten über die Auswirkungen eines psychischen Schocks auf das Neuronennetzwerk hervorgetan. Neben anderen wichtigen Ergebnissen hatte der Neurobiologe die anti­traumatischen Eigenschaften einer neuen Klasse von ­Molekülen entdeckt. Ursprünglich waren diese zur Behandlung von Bluthochdruck eingesetzt worden, doch man bemerkte schnell, dass das Medikament unerwartete Nebenwirkungen hatte. Nach einem psychischen Schock zeigten die Patienten eine deutliche Besserung ihres Allgemeinzustandes, schliefen ruhiger und litten weniger unter Angstzuständen. Benoît hatte die Gelegenheit beim Schopf gepackt. In den 1990er Jahren hatte er durch eine erste Testreihe an Mäusen nachgewiesen, dass Meseratrol die durch Schmerzzufügung traumatisierten Tiere beruhigte. Nach einigen weiteren Forschungsjahren und den ersten menschlichen Testpersonen hatte Blake versichert, diese Molekülklasse habe die Fähigkeit, die psychische Komponente eines traumatischen Erlebnisses aufzuheben. ­Cyrille, seine Assistentin, hatte sich der klinischen Erprobung zugewandt und setzte dieses revolutionäre Medikament nun tagtäglich ein. Sie betrachtete ihren Mann und lächelte. Sie war stolz auf ihn. Wenn sie ihn nicht geheiratet hätte, hätte sie vermutlich nie so viel erreicht. Sie trank ihren Champagner aus und studierte das Menü: Tatin au boudin noir (Blutwurst-Apfel-Pastete), Potage de Cresson et crème de potiron (Kressesüppchen mit Kürbiscreme), Selle d’agneau aux pommes caramélisées (Lammrücken mit karamellisierten Kartoffeln). Sie hatte seit dem Frühstück kaum etwas gegessen, und ihr knurrte der Magen. Ein Kellner kredenzte ihr einen alten Bordeaux, den sie mit Genuss probierte. Sie erinnerte sich noch genau an die Rede, die Benoît beim Antritt seiner Professur am Collège de France gehalten hatte. Sie hatte Bewunderung und zugleich Besorgnis empfunden. »Bist du zufrieden mit mir?«, hatte ihr Mann sie mit einem kleinen Lächeln gefragt. Und sie hatte ehrlich geantwortet: »Ab jetzt kann ich nur noch in deinem Schatten leben.« »Aber nein, du wirst hart arbeiten«, hatte er neckend zurückgegeben. Wie eine Besessene, jawohl. Und genau das hatte sie getan. Tag und Nacht geschuftet, um nicht zu weit hinter ihm zurückzubleiben. Wenn sie aus dem Schatten des Großen Mannes treten wollte, musste sie sich einen Namen machen. Als sie im Jahr 2000 Sainte-Félicité den Rücken kehrte, hatte sie die Medizin ganz aufgeben wollen. Doch Benoît, mit dem sie seit einem Jahr verheiratet war, hatte sie davon abgebracht. Er war damals gerade zu einer ein­jährigen Gastprofessur an die Universität von Berkeley eingeladen worden und hatte sie mitgenommen. Dort hatte Cyrille aufstrebende Neurowissenschaftler kennengelernt, die sich für ein Thema begeisterten, das in Frankreich den Philosophen vorbehalten war: das Streben nach Glück. Die junge Ärztin hatte sich sofort für diese Arbeiten interessiert, die ganz und gar mit ihren eigenen Ambitionen übereinstimmten. Endlich hatte sie Kollegen gefunden, die dieselbe Richtung verfolgten wie sie selbst und für die eine Behandlung mit Psychopharmaka nicht der einzige Weg war, psychische Leiden zu heilen, sondern die offen waren für andere Therapieformen. Benoît Blakes Geschäftssinn sorgte für den Rest. Er hatte sofort erfasst, welches Potenzial dieser Bereich bot. Und er hatte sich nicht getäuscht. In den USA gab es bereits mehrere polydisziplinäre Happiness-Center, die sich mit einem ganzheitlichen Ansatz um die Menschen kümmerten, um diese glücklicher zu machen. Und auch in Frankreich würde die Einrichtung eines solchen Zentrums Zukunft haben. Es war ihm ein Leichtes gewesen, Kontakt zu amerikanischen Pharmakonzernen aufzunehmen, um das Meseratrol-Patent an den Meistbietenden zu verkaufen.

 

Die Kerzen in den Silberleuchtern waren zu drei Viertel heruntergebrannt, und die Gäste wurden müde. Nachdem Kaffee und Konfekt gereicht worden waren, blieben sie noch ein Weilchen. Der Wein war hervorragend ge­wesen und der Ehrengast ausnehmend brillant. Benoît hatte den ganzen Abend mit Esprit und Geistesgegenwart geglänzt. Schließlich verließen die Gäste die behagliche Wärme des Salons, zogen ihre Mäntel an und traten ­hinaus in die kühle Nachtluft. Nachdem sie sich bedankt und von jedem Gast ver­abschiedet hatten, gingen die Blakes zu Benoîts Wagen, der in der Nähe des Quai des Grands-Augustins geparkt war. Benoît setzte sich ans Steuer und schaltete, da Cyrille fror, sofort die Heizung ein. »Was für ein wundervoller Abend, mein Liebling. Wie kann ich dir nur danken?« Der nagelneue metallicgraue Audi A6 fuhr an den Quais der Seine entlang, bog in die Rue des Saints-Pères und dann in die Rue de Sèvres ein. »Wie dumm, dass du heute Abend Dienst hast …«, sagte Benoît leise. Cyrille steckte die Ohrringe in ihre Handtasche und tauschte ihre Pumps gegen ein Paar Mokassins, die sie unter dem Beifahrersitz verstaut hatte. »Ich weiß, und es tut mir auch leid, aber der Arzt, der eigentlich an der Reihe war, ist krank.« »Du hast mir heute etliche Nachrichten hinterlassen. Was wolltest du mir sagen?« Sie bogen in den Boulevard Raspail, dann rechts in die Rue de Rennes. Als sie schließlich den Boulevard de Vaugirard erreichten, fand Cyrille den Mut zu sprechen. »Mir ist heute Morgen etwas sehr Eigenartiges widerfahren«, begann sie und berichtete ihm mit wenigen Worten von dem Patienten, den sie vergessen hatte. Benoît konnte gerade noch das Steuer herumreißen, das Rad des Audi schleifte am Bordstein entlang. Er fluchte laut. »Glaubst du, Ärzte würden sich an all ihre Patienten erinnern?« »Das sagte Muriel auch. Aber es ist doch irgendwie ­eigenartig, oder?« »Und das MRT hat nichts ergeben?« »Nein.« Cyrille beobachtete Benoît, der mit einem Mal ver­ärgert wirkte. Ein paar Minuten später hielt der Wagen vor dem Zentrum in der Rue Dulac. »Hör zu, vergiss diese Geschichte, wenn ich so sagen darf«, erklärte ihr Mann mit leicht spöttischem Unterton. Er überlegte kurz. »Und wenn dir dieser Patient zu schwierig erscheint, überweis ihn weiter. Das ist unsere Abmachung, erinnerst du dich? Du behandelst nur leichte psychische Probleme, alle anderen schickst du ins Krankenhaus.« Cyrille nickte. Wenn sich ihr Mann, der dazu neigte, sich Sorgen zu machen, nicht weiter beunruhigte, dann gab es auch keinen Grund dazu. Sie seufzte erleichtert und nahm ihre Sachen. »Schade, dass wir nicht früher darüber reden konnten, dann hätte ich mich nicht den ganzen Tag über geängstigt.« Benoît streichelte ihre Wange. »Geh nicht.« »Ich muss«, antwortete Cyrille sanft. »Warum?« »Jemand, ich glaube, es war ein brillanter Professor, hat mir einmal gesagt, es gebe nichts Wichtigeres als die Mühe, die man sich bei seiner Arbeit gibt.« Benoît warf ihr einen schmeichelnden Blick zu. Die ­Rosette der Ehrenlegion, die er am Revers trug, glänzte im Dämmerlicht. »Aber dieser Professor sagt dir heute, dass er genug davon hat, jede zweite Nacht auf seine Frau verzichten zu müssen.« »Es ist nur jede fünfte.« »Und dass er gerne in den wenigen aktiven Jahren, die ihm noch bleiben, etwas von ihr haben möchte.« Er beugte sich zu Cyrille und liebkoste ihre Schenkel unter dem schwarzen Kleid. Cyrille zwang sich, an Thierry Panis zu denken, den diensthabenden Arzt des Zentrums, der schon seit einer halben Stunde auf seine Ablösung im Schlaflabor wartete. Sie hasste es, zu spät zu kommen. »Benoît, ich muss gehen, es tut mir wirklich leid. Das trifft sich schlecht heute Abend, verschieben wir es auf morgen, ja?« Der Griff des Professors wurde beharrlicher. »Komm, wir fahren nach Hause. Zum Teufel mit deinem Labor!« »Benoît, bitte, ich bin die Chefin, ich muss zuverlässig sein.« »Nur ein Mal! Heute ist mein Geburtstag!« »Ja, ich weiß, Liebling, und es tut mir leid. In zwei Jahren habe ich die nötigen Mittel, um zwei Ärzte mehr einzustellen. Dann muss ich keine Nachtdienste mehr übernehmen, versprochen.« Benoît seufzte und küsste ihren Hals. Cyrille stieß ein lustvolles Stöhnen aus. »Bitte mach es mir doch nicht noch schwerer …« Sie küssten sich lange, dann stieg Cyrille entschlossen aus. Plötzlich schien ihr Mann sich an etwas zu erinnern. Er suchte in seiner Jackentasche und zog einen USB-Stick heraus. »Kannst du das heute Abend für mich erledigen?«, bat er charmant. »Vielleicht habe ich zwischen drei und vier Uhr morgens einen Augenblick für dich«, antwortete sie und zwinkerte ihm zu. Sie griff nach dem USB-Stick und warf ihm einen Kuss zu.

 

Thierry Panis lag mit offenem Mund in dem Relaxsessel im Überwachungsraum des Schlaflabors und schnarchte. Auch wenn es sich um eine sehr kleine Einrichtung handelte, war ein Schlaflabor unabdingbar für die Arbeit des Zentrums. Hinter Schlafstörungen und wiederholten Albträumen konnten sich Depressionen verbergen, aber es konnte sich ebenso gut um eine Schlafapnoe handeln. Nur diese Art der Überwachung gab letztlich Aufschluss darüber. Zwei Monitore kontrollierten die beiden Schlafenden, während der Computer ihre Vitalparameter aufzeichnete. Am Kopf angeschlossene Elektroden maßen die Hirnströme und erstellten ein EEG, das Elektroenzephalogramm. Andere Sonden an Augen und Kinn dienten zur Registrierung der Muskelanspannung. Außer den regelmäßigen Pfeiftönen der Apparate war in den beiden Zimmern nichts zu hören. Cyrilles Abendkleid verschwand unter einem weißen Kittel. Sie bediente sich auf dem Gang an der Kaffeemaschine und füllte einen zweiten ­Becher für ihren Kollegen. Sie berührte Thierry Panis leicht am Arm und hielt ihm den Becher hin. Verschlafen schreckte der Arzt hoch. »Tut mir leid, ich bin eingenickt.« »Das ist meine Schuld, ich bin zu spät.« Panis ging zum ersten Bildschirm und begann mit seiner Übergabe. »Die Patientin in Nummer eins ist sofort eingeschlafen und hat eine halbe Stunde lang die unteren Gliedmaßen bewegt, also ein eindeutiger Fall von Restless-legs-Syndrom, von ruhelosen Beinen.« »Sehr gut.« »Was den Patienten in der zwei angeht … Aber sehen Sie selbst.« Panis deutete auf den zweiten Monitor. Cyrille trat näher und erkannte Julien Daumas, der mit nacktem Oberkörper auf dem Bett lag und schlief. Er schlief, daran ließ das EEG keinen Zweifel. Aber seine Augen waren weit geöffnet. Cyrille stellte ihren Becher ab und zog einen Notizblock und einen Stift aus der Kitteltasche. Dieser Mann hatte den ganzen Tag über ihre Gedanken beschäftigt. Ihn jetzt hier schlafend vor sich zu sehen, das war … wie ein bedrückender Traum, von dem sie sich nicht befreien konnte. Sie betrachtete die langsame, unregelmäßige Linie der Gehirnströme. »Er ist im Tiefschlaf«, sagte sie mehr zu sich selbst als zu ihrem Kollegen, der seinen Motorradblouson an­zog. Dies war die Phase nächtlicher Angst und des Schlafwandelns. Sie notierte die Zeit: 1 Uhr 30. »Er ist schon seit zehn Minuten in diesem Stadium«, fuhr sie fort, »gleich kommt er in die REM-Phase. Na los, Julien, genau darauf warte ich.« »Ich hoffe für Sie, dass er auch träumt.« »Ja, ich auch. Wenn er einen Albtraum hat, müsste der jetzt einsetzen.« Cyrille, die plötzlich hellwach und konzentriert war, trank ihren letzten Schluck Kaffee. »Gute Nacht, Cyrille.« »Gute Nacht, Thierry, und noch mal Entschuldigung wegen der Verspätung.« »Nicht der Rede wert.« Dr. Blake, die anders frisiert und geschminkt war als normalerweise, betrachtete die Monitore. Panis beobachtete sie aus den Augenwinkeln. Gedanken sexueller Natur kamen ihm in den Sinn … Er blinzelte und ging.

 

Die EEG-Kurve von Julien Daumas verlief regelmäßig, es gab nur wenige kleine unstrukturierte Ausschläge. Cyrille hatte noch nie jemanden erlebt, der mit offenen Augen schlief, das war sehr eindrucksvoll. Sie müsste diesbezüglich einige Recherchen vornehmen. Sie blieb noch eine Weile wachsam. Beide Patienten schliefen gut, und sie selbst verspürte ebenfalls eine gewisse Müdigkeit. Plötzlich schreckte eine Serie von Alarmtönen aus ­Zimmer 2 sie auf. Julien hatte die Lider geschlossen, die Sonden an seinen Schläfen erfassten schnelle Augenbewegungen, die anderen hingegen zeigten eine maximale Relaxierung der Skelettmuskeln an. Die EEG-Kurve wurde flacher und die Frequenz schneller. Bei den gemessenen Gehirnwellen handelte es sich um Theta- und Alphawellen, die typisch für den Traumschlaf waren. Cyrille konzentrierte sich auf den Bildschirm. Sollte der Albtraum einsetzen, dann jetzt. Der junge Mann, der auf dem ­Rücken lag, die Arme dicht am Körper, und die Decke weggeschoben hatte, zeigte plötzlich eine intensive zerebrale Aktivität. Die Augen zuckten unter den geschlossenen Lidern hin und her. Seine Schlafanzughose wölbte sich auf der Höhe des Schritts. Zwanzig Minuten verweilte er in diesem Zustand. Die Erektion und die Augenaktivitäten ausgenommen, lag er völlig reglos da und träumte. Dann beschleunigte sich der Rhythmus der Gehirnaktivität noch mehr, und Julien schlug die Augen auf. Er drehte sich auf die linke Seite und schlummerte wieder ein. Cyrille seufzte. Damit hätte sie rechnen müssen. Sobald sie einen unter Albträumen leidenden Patienten ins Schlaflabor aufnahm, schlief er wie ein Baby, was darauf zurückzuführen war, dass er sich hier gut aufgehoben fühlte. Mit dem Finger folgte sie der Linie des EEG. Sie hätte mit Benoît nach Hause fahren sollen. Sie hätten sich geliebt und der Stress, der sich den Tag über in ihr auf­gestaut hatte, wäre von ihr abgefallen.

 

Sie schob den USB-Stick in die Zentraleinheit des Computers und öffnete die Dateien. Sie überflog den Text und runzelte die Stirn. Dann kehrte sie zum Anfang des ­Dokuments zurück und konzentrierte sich auf die Lektüre. Sie begann die Ausführungen ihres Mannes zu korrigieren, ihre Finger glitten über die Tastatur. Sie schnalzte mit der Zunge und markierte einen ganzen Absatz gelb. Na, er macht also doch Fortschritte, wenn auch nur ­langsam. Benoît hatte noch immer Schreibprobleme, die seit einem Unfall vor elf Jahren andauerten. Sie war die Einzige, die die wissenschaftlichen Arbeiten des Großen Mannes Korrektur las. Und das aus gutem Grund, denn außer dem Neurologen wusste nur sie Bescheid. Nach einem Zusammenstoß mit einem Wagen, dessen aggres­siver Fahrer ein Stoppschild übersehen hatte, hatte sich Blakes Auto auf einer regennassen Landstraße überschlagen. Wie durch ein Wunder hatte Benoît keinen körper­lichen Schaden davongetragen. Als daraufhin ein befreun­deter Neurologe seine kognitiven Fähigkeiten getestet hatte, war das Resultat völlig normal gewesen – seine Schreibfähigkeit ausgenommen. Er litt unter einer be­sonderen Störung, zurückzuführen auf die Läsion eines Temporallappens, der für die symmetrische Wahrnehmung zuständig ist. Er schrieb von rechts nach links. Nach jahrelangem intensivem Training war der schrift­liche Ausdruck endlich wieder halbwegs normal. Doch seine Texte konnten nie ohne vorherige Korrektur ver­öffentlicht werden, um die zahlreichen Fehler, die sich unweigerlich einschlichen, auszumerzen. Schlimmer und problematischer jedoch war die Tat­sache, dass manchmal auch seine Gedankengänge etwas unstrukturiert waren. Cyrille schrieb einen Absatz um. Sie streckte sich, denn sie war plötzlich hundemüde, gähnte und wiederholte Benoîts Worte: Kein Grund zur Sorge, wenn dir dieser Patient zu schwierig erscheint, überweis ihn weiter. Er hatte sicher recht. Morgen würde sie sich entscheiden. Sie schloss die Augen und döste ein.

 

Plötzlich durchzuckte sie eine Art elektrischer Schlag, und ihre Nackenhaare richteten sich auf. Ein Schrei. »CYRILLE!« Jemand rief ihren Namen. Sie sprang mit klopfendem Herzen auf. Verdammt! Die Schreie kamen aus Zimmer 2, sie hörte sie über das Mikrofon der Über­wachungs­kamera, aber auch durch die Wand. Es war 5 Uhr 43. Auf dem Bildschirm sah sie, wie Julien Daumas um sich schlug. Aber mit wem kämpfte er? Er war ganz allein. Sie sprang hoch und lief auf den Gang hinaus. »CYRILLE!« Sein Gebrüll zerriss ihr fast das Trommelfell, und ihr Herz klopfte zum Zerspringen. Sie stieß die Tür auf. Der Patient saß mit schweißglänzendem Oberkörper auf dem Bett und hatte die Hände an den Kopf gepresst. »Alles ist gut, Monsieur Daumas, ich bin da.« Sie trat an sein Bett. »Ich bin da, Julien.« Der junge Mann zog sie plötzlich an sich und presste den Kopf an ihren Bauch. Cyrille erstarrte. Er hob die tränennassen Augen zu ihr, sein Blick war abwesend, und er wiederholte: »Sie haben dich nicht erwischt, sie haben dich nicht erwischt, meine Liebste.« Cyrille fasste ihn sanft bei den Handgelenken, und als sich sein Griff nicht lockerte, schob sie ihn energisch zurück. »Monsieur Daumas, ich bin es, Doktor Blake. Sie hatten einen Albtraum. Sie müssen ihn sofort so detailliert wie möglich aufschreiben.« Julien sah sie verzweifelt an. »Meine Liebste«, murmelte er. Dann erstarben die Worte auf seinen Lippen, so als würde ihm plötzlich bewusst, wo er sich befand. »Tut mir leid. Ich dachte … die andere wäre zurück­gekommen.« »Wer?« Julien schüttelte den Kopf. »Die andere … dein anderes Ich …« Cyrille runzelte die Stirn. »Nehmen Sie einen Block und einen Stift und notieren Sie alle Einzelheiten Ihres Albtraums. Dann können wir gleich morgen daran arbeiten.« »Wie spät ist es?« »Sechs Uhr früh. In einer Stunde wird Ihnen das Frühstück serviert. Ruhen Sie sich bis dahin aus.« Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass er wirklich zu schreiben begann, schloss Cyrille leise die Tür.

 

Am ganzen Körper zitternd, lehnte sie sich an die Wand, und eine unkontrollierbare Angst erfasste sie. Julien Daumas beschwor eine parallele Realität herauf, die nicht mit der ihren übereinstimmte. »Dein anderes Ich« – was hatte das zu bedeuten? Sie legte die Hand an ihre glühende Stirn. Der Patient hatte sie nicht angegriffen, aber die Sache hätte übel ausgehen können. Unfähig, einen Schritt zu tun, stand sie da und atmete tief durch. Ihre Gedanken überschlugen sich. Sie musste unbedingt ein wenig schlafen. Aus der Küche drang Geschirrgeklapper. Die Schwesternhelferin, heute war es vermutlich Clothilde, machte das Frühstück. Cyrille ging zu ihr. Die kleine, etwa fünfzigjährige Frau im blauen Kittel beugte sich, einen Schwamm in der Hand, über die Spüle. Sie hörte nicht, wie ihre Chefin hereinkam. »Guten Morgen, Clothilde«, sagte Cyrille leise, um sie nicht zu erschrecken. Clothilde zuckte trotzdem zusammen. »Ach, Doktor Blake, Sie haben mir einen Schrecken eingejagt!« »Kann ich Sie eine Stunde allein lassen? Ich muss mich unbedingt ausruhen. Doktor Mercier kommt um sieben.« »Kein Problem, Madame. Gehen Sie schlafen, Sie haben diese Woche viel gearbeitet.« »Tausend Dank. Der Patient von Zimmer zwei ist etwas durcheinander. Achten Sie nicht weiter darauf, falls er wirres Zeug redet.« »Oh«, meinte Clothilde und schüttelte den Kopf, »Sie versuchen immer, alle glücklich zu machen, aber wer kümmert sich um Sie? Soll ich Ihnen einen guten Kaffee kochen? Sie sehen erschöpft aus.« »Vielen Dank, aber ich glaube, ich fahre besser nach Hause und ruhe mich aus. Ich bin gegen vierzehn Uhr zurück. Bis später.« Cyrille zog ihren Kittel aus und warf ihn in den Korb für die Wäscherei, schlüpfte in ihren Trenchcoat und ­wickelte einen dicken Schal um den Hals. Sie zitterte am ganzen Körper. Sie verließ die Klinik und stieg in ihren Mini Cooper, der vor der Tür geparkt war. Als sie den Zündschlüssel umdrehte, hatte der Himmel einen malvenfarbenen Ton angenommen. Cyrille beugte sich über das Lenkrad und betrachtete die dahinziehenden Wolken. Sie spürte noch Julien Daumas’ Arm um ihre Taille, seinen Geruch und seine Verzweiflung. Von Anfang an war ihr etwas entgangen, aber was?

 

6

 

7. Oktober, morgens

 

»Ich bin ganz allein auf einer verlassenen Straße, es ist sehr finster, und mir ist kalt. Ich will weg, aber ich kann nicht. Ich gehe weiter, eine dunkle Gestalt taucht auf. Ich drehe mich zur anderen Seite, aber wieder ist der Mann da, er kommt auf mich zu. Ich kann seine Augen nicht sehen. Er hält ein Messer in der Hand. Ein Austernmesser. Er holt aus, ich bin wie gelähmt, er sticht auf mich ein. Und plötzlich ist Cyrille da. Sie hat langes schwarzes Haar, aber ich weiß, dass sie es ist. Das Phantom stürzt sich auf sie. Ich bin verletzt. Er versetzt ihr mehrere Stiche. Sie bricht zusammen. Sie blutet …« An dieser Stelle hatte Julien die Aufzeichnung abgebrochen. Das mit einer feinen, engen Schrift beschriebene Blatt lag zerknittert auf dem aufgeschlagenen Bett des Schlaflabors. Nur mit seiner Pyjamahose bekleidet, setzte er sich in den Sessel am Fenster, legte die Füße auf die Fensterbank und trank eine Tasse heiße Schokolade. Sein ausdrucksloser Blick war in den kleinen Innenhof gerichtet. Sein Puls schlug ruhig, seine unbehaarte Brust hob und senkte sich gleichmäßig, sein Atemrhythmus hatte sich normalisiert. Der süße Geschmack des Kakaos war wohltuender als alle Arzneien der Welt. Die Krise war vorbei. Es war an der Zeit, diese Albträume, diese Bilder, die seine Nächte zur Qual machten, loszuwerden. Er würde mit Doktor Blake arbeiten, um die Dämonen zu besiegen … Sie hatte es ihm versprochen. Cyrille. Alles, was er je geliebt hatte, hatte er verloren. Seine Mutter, die Großeltern und dann schließlich Cyrille. Er musste sie beschützen, wenn nötig auch gegen ihren Willen. Seine Träume sagten ihm, dass sie sich in großer ­Gefahr befand. Der Bambusstrauch wiegte sich anmutig im Wind, die kleinen grünen Blätter bebten in der frischen Luft. Am Boden suchten Vögel nach Samenkörnern. Im Geist fotografierte Julien die morgendlichen Farben. Er genoss die sanften Töne, den Kontrast zwischen den fuchsienfarbenen Hibiskusblüten und den weißen Rosen, die gezackte Form der dunkelroten Blätter des japanischen Ahorns. Er öffnete das Fenster und streute einige Krümel seines Croissants auf den Sims. Dann trank er seine Schokolade und wartete geduldig. Er spürte die Kälte nicht. Ein neugieriger Sperling pickte die Brösel auf. Julien war fasziniert von dem Vogel, von seinen ruckartigen Kopfbewegungen, dem flaumig weichen Körper. Er stellte seine Tasse ab und legte einige Krümel in seine geöffnete Handfläche. Vorsichtig streckte er die Hand aus. Der Vogel ­zögerte, flog davon, kam zurück und hüpfte auf die neue Nahrungsquelle zu. Er fraß Julien aus der Hand, ein ­Gefühl wie kleine Nadelstiche. Der Fotograf rührte sich nicht und beobachtete den Vogel gebannt, so als hinge sein Leben von ihm ab. Dann wurde sein Blick plötzlich glasig und grau, er schloss die Hand um das kleine warme Wesen, das sich piepsend wehrte, und drückte zu.

 

7

 

Der Thermostat war auf 39 Grad eingestellt. Mit einem erleichterten Seufzer trat Cyrille unter den Wasserstrahl. Alle fünf Tage, wenn sie von der Nachtwache zurückkam, zelebrierte sie dieses Ritual, das ihr jedes Mal das gleiche Vergnügen bereitete. Eine heiße Dusche, anschließend, in einen weichen Bademantel gehüllt, ein üppiges Frühstück, dann drei Stunden Schlaf. Um elf Uhr kleidete sie sich an und begann einen neuen Arbeitstag, zunächst zu Hause, bis sie dann um vierzehn Uhr in die Klinik fuhr. Doch heute vermochte das warme Wasser nicht die Angst zu vertreiben, die ihr den Magen zusammenschnürte. Sie spürte eine dumpfe Bedrohung, die von Stunde zu Stunde wuchs. So als würde ihr ein Schatten folgen, jederzeit bereit, sie anzugreifen. Irrational. Und doch sehr real. Sie verließ das Badezimmer und aß in der Küche an den Kühlschrank gelehnt ein Brot. Sie hatte keinen Hunger. Ihr alter Kater Astor saß schnurrend zu ihren Füßen, bis er ein Schälchen Milch und ein paar Streicheleinheiten bekam. Als sie ihn im Garten der medizinischen Fakultät gefunden hatte, war er ein vier Wochen altes, wolliges Knäuel gewesen. Unter Sträuchern versteckt, schrie das magere Kätzchen kläglich. Es wollte überleben. Sie hatte es in ihren Pullover gewickelt und mit in ihr Zimmer in der Studentenstadt genommen. Das war vor achtzehn Jahren gewesen, in ihrem zweiten Studienjahr. Als sie noch geglaubt hatte, es sei ihre »Pflicht«, verzweifelte Seelen zu retten, indem sie Psychiaterin wurde. Zu jener Zeit trug sie ihr Haar zu einem langen blonden Pferdeschwanz zusammengebunden, was ihre Lehrer nicht unbeeindruckt ließ. Vor allem den, der heute ihr Bett teilte. Achtzehn Jahre, ein beachtliches Alter für einen Kater, der, ohne die geringsten Anzeichen von Altersschwäche zu zeigen, friedlich an ihrer Seite lebte. Als Cyrille über den Flur ging, leise die Tür öffnete und sich ins Bett legte, folgte er ihr. Ihre Vorsicht war unnötig. Sie hörte das Rauschen der Dusche. Der Große Mann war schon aufgestanden. Sie zog die Decke bis ans Kinn und versuchte, sich zu entspannen. Sie musste schlafen, doch ihre Gedanken überschlugen sich. Sie schloss die Augen. Als Benoît ihr einen kühlen Kuss auf die Wange drückte, schreckte sie zusammen. »War die Nacht nicht zu hart?« »Nein … Ich war gerade dabei einzuschlafen.« »Ich wünsche dir einen schönen Tag, mein Liebling.« »Ich dir auch. Und heute Abend koche ich dir was …« »Eine sehr gute Idee. Ich komme nicht zu spät. Bis dann.« »Dein USB-Stick liegt auf der Konsole im Flur.« »Danke.« Benoît Blake wollte gerade das Zimmer verlassen, doch dann überlegte er es sich anders. »Weißt du, mein Liebling, ich habe über deinen ver­gessenen Patienten nachgedacht.« Cyrille schlug die Augen auf und war plötzlich hellwach. »Ja, und?« »Es muss sich um einen Pseudologen, einen notorischen Lügner, handeln.« Die junge Frau stützte sich auf den Ellenbogen. »Warum?« »Hast du seine Krankenakte aus Sainte-Félicité ge­sehen? War sie von dir unterschrieben?« »Weiß nicht … Manien hat Marie-Jeanne ausrichten lassen, ich müsse sie beantragen.« »Dann wette ich um eine Flasche Champagner mit dir, dass du zwar für den Fall zuständig warst, den Patienten aber nicht behandelt hast. So was kommt dauernd vor.« »Aber der Patient versichert, dass ich seine behandeln­de Ärztin war.« »Wer sagt dir, dass das keine Hirngespinste sind? Er hat dich in Sainte-Félicité gesehen und diese Geschichte erfunden. Und du bist darauf reingefallen. So einfach ist das.« Cyrille ließ sich zurücksinken. Was ihr Mann da sagte, klang vernünftig. Sie war verunsichert. Warum bin ich nicht selbst darauf gekommen? Welchen geheimen Mechanismus hatte Julien Daumas ausgelöst, um sie in eine solche Panik zu versetzen? Mit einem sonoren Schnurren sprang Astor aufs Bett. Benoît strich ihm über den Kopf. »Überweise ihn in die Klinik.« »Ich sehe ihn heute Nachmittag. Ich dachte mir, dass ich ihn vier Tage behandele und dann an einen Kollegen überweise.« Benoît Blake verzog skeptisch das Gesicht. »Vier Tage, nicht länger?« Cyrille zog die Decke bis ans Kinn. »Keine Sorge, mein Liebling, ich will die Sache nicht unnötig in die Länge ziehen.«

Über Elena Sender

Biografie

Elena Sender, geboren 1972, arbeitet als Wissenschaftsjournalistin für die renommierte französische Zeitschrift Sciences et Avenir. Als Expertin für Gehirn- und Emotionsforschung lebt sie mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Paris. Nach ihrem Debüt "Begraben" legt sie mit "Wehrlos" ihren...

Pressestimmen

Brigitte

»Egal, wohin Sie mit diesem Buch aufbrechen, Sie brauchen sonst nichts. (…) Das ist ein Psychothriller, der nicht die kleinste Verschnaufpause duldet.«

tinaWoman

»Unheimlich.«

France Dimanche

Ein fesselnder Thriller, der uns in die Abgründe der Seele entführt.

Le Figaro

Elena Sender versteht es meisterhaft, den Leser auf die Folter zu spannen. Spannung bis zur letzten Seite!

Le Magazine des Livres

Elena Sender beweist in ihrem Debütroman, dass sie das Handwerk des Thrillerschreibens versteht: Dieses Buch verfolgt den Leser weit über das Ende der Lektüre hinaus.

L'Union

Scharfsinnig und atemberaubend!

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