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Beautiful FuneralBeautiful Funeral

Beautiful Funeral

Roman

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Beautiful Funeral — Inhalt

Elf Jahre sind vergangen, seit Travis Maddox mit Abby durchgebrannt ist. Für Travis ist es nun an der Zeit, alte Rechnungen mit Mafiaboss Benny Carlisi zu begleichen. Doch damit rüttelt er die gefährlichste Untergrundorganisation von Las Vegas auf und plötzlich ist der ganze Maddox-Clan in Gefahr. Die Familie spaltet sich in verschiedene Lager, doch sie muss sich dringend entscheiden: Soll die Angst sie weiter auseinandertreiben, oder werden die Brüder es schaffen, sich wieder zu vereinen?

Erschienen am 01.08.2017
Übersetzer: Henriette Zeltner
384 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-31067-3
Erschienen am 01.08.2017
Übersetzer: Henriette Zeltner
384 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96573-6

Leseprobe zu »Beautiful Funeral«

Kapitel 1

Thomas

Ich saß auf dem kleinen, kalten Zweisitzer in Liis Krankenhauszimmer. Die in Beige und Blau gestrichenen Wände und die minimalistische Einrichtung erinnerten mich eher an eines dieser Aloft Hotels als an eine Entbindungsstation. Meine künftige Frau sah wunderschön aus, während sie Stellas winzigen, eingerollten Körper an ihre Brust hielt. Sie saß in demselben Bett, in dem sie vor Kurzem unsere Tochter geboren hatte. Zum ersten Mal seit siebzehn Stunden ruhte auch ich mich aus. Meine Schultern sackten abwärts, und ich atmete tief aus. [...]

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Kapitel 1

Thomas

Ich saß auf dem kleinen, kalten Zweisitzer in Liis Krankenhauszimmer. Die in Beige und Blau gestrichenen Wände und die minimalistische Einrichtung erinnerten mich eher an eines dieser Aloft Hotels als an eine Entbindungsstation. Meine künftige Frau sah wunderschön aus, während sie Stellas winzigen, eingerollten Körper an ihre Brust hielt. Sie saß in demselben Bett, in dem sie vor Kurzem unsere Tochter geboren hatte. Zum ersten Mal seit siebzehn Stunden ruhte auch ich mich aus. Meine Schultern sackten abwärts, und ich atmete tief aus. Wenig oder kein Schlaf hatten mir noch nie was ausgemacht, aber die Frau, die ich über alles liebte, so lange so viel Schmerz erleiden zu sehen, das hatte seinen Tribut gefordert.

Liis war sichtlich erschöpft. Sie war zwar so schön wie noch nie, aber ich bemerkte violette Halbmonde unter ihren Augen, und ich war hin- und hergerissen, weil ich nicht wusste, ob ich ihr anbieten sollte, Stella zu nehmen, oder besser abwarten, dass sie mich darum bat.

Stella schlummerte in den Armen ihrer Mutter. Zu sehen, wie die beiden sich geradezu gelassen aneinander festhielten, war tröstlich und erschütternd zugleich. Stella war ein neues Leben, das wir gezeugt hatten. Eine perfekte Kombination aus zwei Menschen, die sich einst vollkommen fremd gewesen waren. Von nun an würde Stella ihre eigenen Gedanken, Gefühle und – weil sie schließlich unsere Tochter war – einen eigenen Kopf haben. Ich fragte mich, wie ihr ganzes Leben wohl verlaufen würde, während sie schläfrig nuckelnd an Liis Brust lag.

Doch schließlich siegte meine Ungeduld. »Liis …«, setzte ich an.

Als ob sie Bescheid wüsste, stellte Stella das Saugen ein und ließ mit geöffnetem Mund ihr Köpfchen zur Seite sinken. Liis lächelte und schob sie behutsam auf ihre Schulter.

»Ich kann das machen«, sagte ich.

Liis rieb und klopfte sanft Stellas Rücken. Das Baby zuckte und gab dann in dem abgedunkelten Krankenhauszimmer ein kaum hörbares Bäuerchen von sich.

Ich ließ die Schultern noch tiefer sinken. Liis lachte lautlos und drückte einen Kuss auf die weichen dunklen Haare auf Stellas Köpfchen.

»Irgendwann wirst du dich von ihr trennen müssen«, sagte ich leise. Ich hatte meine Tochter bisher nur ein paar Minuten halten dürfen, bevor man sie zum Wiegen, Messen und für Fußabdrücke mitgenommen hatte. Danach verbrachte sie etwa eineinhalb Stunden bei Liis, bevor sie für ihr erstes Bad geholt wurde.

»Es wird leichter werden, oder? Sie zu teilen, meine ich«, sagte Liis nur halb im Scherz.

»Ich hoffe nicht«, sagte ich mit einem müden Grinsen. »Mir ist schon klar, dass du sie ja gerade erst zurückbekommen hast, aber ich kann ihre Windeln wechseln und sie wieder in den Schlaf wiegen.«

Liis dachte kurz über mein Angebot nach und nickte dann. Immer eine gute Verhandlerin.

Ich stand auf und durchquerte das Zimmer, um meine Tochter in Empfang zu nehmen. Schon als ich sie zu ihrem Plexiglasbettchen trug, wurde Liis Atem ganz gleichmäßig. Sogar in ihrem Personalbogen beim FBI stand, dass sie gern die Augen zumachte, sobald es ging, selbst ein paar Stunden vor einem Einsatz. Ihr Kopf rutschte zur Seite. Wenige Sekunden, nachdem sie mir endlich erlaubt hatte, Stella zu übernehmen, war sie demnach in Schlaf gefallen.

Am wohlsten fühlte Liis sich, wenn sie alles unter Kontrolle hatte, aber auch wenn sie sich noch heftig dagegen wehrte, wusste ich, dass sie mir vertraute. Ich war wohl der Einzige, dem sie ihr Herz anvertraute, vor allem jetzt, wo es außerhalb ihres Körpers lebte, nämlich in Gestalt dieses perfekten Wesens, das unsere Familie komplett machte. Es hatte fast zehn Jahre Andeutungen und Drängen gebraucht, bis sie einwilligte, einen Heiratsantrag auch nur in Betracht zu ziehen. Denn Liis war glücklich mit dem FBI verheiratet, und bevor sie erfuhr, dass Stella unterwegs war, hatte sie von Untreue nichts wissen wollen.

Jetzt blickte Stella zu mir auf. Ihre blauen Augen musterten mich fragend. Sie war aufgewacht, als ich sie hochhob. Jetzt schien sie mein Gesicht voller Neugier zu betrachten, während ich sie sauber machte und ihr eine frische Windel anzog. Ich erklärte ihr zärtlich, dass wir so froh waren, sie endlich bei uns zu haben, bevor ich sie in eine weiche, naturweiße Decke hüllte. Für ein perfektes Menschlein musste es die feinste Decke sein, die wir hatten kriegen können.

Dann streckte sie ihren Hals, und ich nahm sie lächelnd wieder in meine nackten Arme. Sportsakko, weißes Button-down-Hemd und Krawatte hingen über der Couch. Weißes Unterhemd und Anzughose wären fürs Büro nicht angemessen, aber wenn ich jemand zu versorgen hatte, der so viel kleiner war als ich, fühlte ich mich wieder wie ein Elfjähriger. Damals hatte ich Gesichter und Popos und alles dazwischen abgeputzt, wobei ich es kaum schaffte, mein eigenes T-Shirt und die zerlöcherten Jeans sauber zu halten. Jetzt konnte ich es kaum erwarten, nach Hause zu kommen, um zu duschen und mich dann mit meinen beiden liebsten weiblichen Wesen auf der Welt einzukuscheln. Mit Dreitagebart, grauer Jogginghose und meinem Lieblings-T-Shirt der Rolling Stones.

Da hörte ich eine kurze Unruhe direkt vor der Tür. Flüsternde Stimmen zischten eindringlich und unzufrieden. Ich stellte mich sofort zwischen Liis und die Tür, drehte mich aber gleich ein Stück weiter, um meinen Körper zwischen meine Tochter und wer immer da draußen war zu bringen.

Eine leicht derangiert und aufgebracht wirkende Krankenschwester steckte den Kopf herein. »Alles okay?«, fragte ich immer noch wachsam. Aus dem Augenwinkel konnte ich sehen, dass Liis wieder wach und bereit zu reagieren war.

»Äh, natürlich«, sagte die Schwester und hielt inne, als sie unsere alarmierte Haltung bemerkte. »Aber ist hier drinnen auch alles okay?«

»Was war das für ein Lärm da draußen?«, fragte Liis.

»Ach«, sagte die Schwester und streifte sich schon neben Liis Bett ein Paar Handschuhe über. »Da wurde nur gestritten, um in Ihr Zimmer zu gelangen. Diese Agenten da draußen sind ganz schön zielstrebig.«

Liis entspannte sich wieder, und ich setzte mich in den Schaukelstuhl, der nah bei ihr stand. Unterwegs schlug ich noch Stellas Decke ein wenig zurück, um sicher zu sein, dass es ihr gut ging.

»Der Direktor will mich so schnell wie möglich wieder bei der Arbeit sehen«, sagte Liis und sank in ihre Kissen zurück.

»Daraus wird nichts«, erklärte ich.

Denn wenn es nach dem Direktor gegangen wäre, hätte Liis im Büro entbunden. Wir standen am Ende unseres größten Falls, und Liis war die angesehenste Übersetzerin, Sprachexpertin und Analytikerin in Quantico, Virginia. Ich hatte die Ermittlungen in diesem Fall seit elf Jahren geleitet; das war mehr als die Hälfte meiner Zeit beim FBI. Mein jüngster Bruder Travis hatte undercover daran mitgearbeitet, aber als die Sache eskalierte und seine Frau bedroht wurde, exekutierte Travis Benny und ein paar von seinen Leuten. Abby lieferte uns alle Informationen, die sie über ihren Vater Mick – auch eine von Bennys Schachfiguren – besaß. Jetzt standen wir so dicht wie nie davor, den Fall abzuschließen. Bennys Unterboss und ältester Sohn, Angelo Carlisi, war kurz davor, aufzufliegen, deshalb wünschte sich auch jeder, dass die Ermittlungen wasserdicht wären.

Liis und ich hatten Stunden im Büro des Direktors verbracht, um ihm unsere Haltung zu der neu gegründeten Familie zu erklären. Das Risiko war dadurch so viel größer, was unseren Wunsch, die Sache abzuschließen, nur noch verstärkte.

»Ich werde sie einfach mit zur Arbeit nehmen. Dann kann der Direktor ja ihre Windeln wechseln«, scherzte Liis.

»Könnte glatt sein, dass er auf das Angebot eingeht«, meinte ich schmunzelnd.

Die Schwester fand das nicht komisch. »Wäre es vielleicht möglich, dass die Agenten sich … keine Ahnung … mein Gesicht einmal ansehen und wenigstens für eine Stunde lang einprägen? Das mit dem Abtasten nervt langsam.«

Liis und ich wechselten einen Blick, sagten aber nichts dazu. Wir verstanden zwar, dass sie genervt war, aber es wussten eben noch mehr Leute als nur der FBI-Direktor, dass Liis und ich die Hälfte der Familien, die in Vegas für die organisierte Kriminalität verantwortlich waren, zur Rechenschaft gezogen hatten. Bennys Tod hatte alle nervös gemacht. Wir beide waren die Topagenten des FBI in diesem Fall und erwarteten ein Baby, während einer von Bennys Männern in Untersuchungshaft saß und kurz davor war auszupacken. Schon zweimal hatten sie uns ins Visier genommen, weshalb das FBI kein Risiko mehr eingehen wollte. Daher wachten Agenten über jeden Schritt von uns, seit Liis’ Babybauch sichtbar geworden war.

»Stella sollte sich besser schnell daran gewöhnen, dass ihre Eltern Special Agents sind«, sagte ich und stieß mich mit den Füßen ab. Der Schaukelstuhl wippte, und irgendetwas in der Sitzfläche quietschte rhythmisch. Mir kamen Erinnerungen daran in den Sinn, wie ich Travis als Kleinkind, das noch Windeln trug, geschaukelt hatte. Mir fielen seine strubbeligen Haare, die dünnen Beinchen und die klebrigen Spuren um seinen Mund ein. Letztere waren ein sicheres Zeichen dafür, dass Grandpa zu Besuch gewesen war. Er kam immer mit fünf Lutschern in der Tasche. Die Kinder aßen Süßigkeiten, und Dad schnarchte betrunken im Schlafzimmer, während ich die Jungs davon abhielt, vor das nächste Auto zu laufen. Meine Kindheit war mit Moms Tod zu Ende gewesen.

Die Schwester nickte, doch ich konnte an ihrer Miene ablesen, dass sie kein Verständnis dafür hatte. Bevor sie ging, warf sie noch einen mitleidigen Blick auf Stella. Ich stoppte das Schaukeln mit den Füßen. Stella quäkte, und ich tätschelte, tief in Gedanken, behutsam ihren Rücken. Stella war schon vor ihrer Geburt geliebt worden, und ein nagelneues Kinderzimmer und ein Regal voll mit Bilderbüchern warteten zu Hause. Dass jemand Mitleid für unsere Tochter empfinden könnte, war mir noch nie in den Sinn gekommen. Wir beide waren absolut in der Lage zu überleben, welche Aufgabe das FBI uns auch stellen mochte. Aber nun fragte ich mich, wie sich das auf Stella auswirken würde.

»Hast du deinen Dad schon angerufen?«, fragte Liis.

»Ja, längst.«

»Und alle anderen?«

»Ich habe Dad gebeten, uns einen Tag zu lassen. Ich will nicht die ganze Zeit am Telefon hängen.«

Liis schloss die Augen. »Ich schätze, weil ich ein Einzelkind bin, denke ich an solche Sachen gar nicht«, murmelte sie, bevor sie auch schon wieder eingeschlafen war.

Ich legte mir eine Stoffwindel über die Schulter und stützte Stellas Kopf, während ich sie an meine Brust lehnte. Dann stieß ich den Schaukelstuhl wieder an. Das rhythmische Quietschen ließ meine Lider schwerer werden, und ich bemerkte, dass auch Liis tiefer atmete.

Mit der Wange berührte ich Stellas weiches Haar. Sie war so unschuldig und verletzlich. Liis wusste so gut wie ich, wie viel Böses es da draußen in der Welt, in die Stella jetzt geboren war, gab. Wir waren dafür verantwortlich, sie zu beschützen.

Ich warf einen Blick auf meine schlafende Freundin, dann auf mein Sportsakko, unter dem sich mein Schulterholster verbarg. In diesem Zimmer waren zwei Sig Sauer 9 mm versteckt, aber zu allem bereit. Ich wusste, dass Liis ihre in Stellas Babytasche gelegt hatte. Beim Vor- und Zurückschaukeln lehnte ich den Kopf an und versuchte, meine angespannte Nackenmuskulatur locker zu lassen. Selbst nachdem Stella wieder eingeschlafen war und ich sie zurück in ihr Bettchen gelegt hatte, konnte ich nicht anders, als jedes Geräusch aus dem Flur zu identifizieren – den Getränkeautomaten, die Aufzüge, Schwestern, die Patienten in anderen Zimmern versorgten, weinende Babys, flüsternde Agenten und die brummende Lüftung. Im Unterschied zu Liis konnte ich nicht schlafen, selbst wenn ich es gewollt hätte.

So griff ich nach Liis Wasserkrug und schenkte mir einen Becher voll. Dann würde ich eben schlafen, sobald sie wach war. Es stand einfach zu viel auf dem Spiel. Nicht mal die Agenten dort draußen würden Stella so erbittert beschützen, deshalb musste wohl einer von uns immer wach bleiben.

 

Regentropfen schlugen gegen das Fenster, als ich die Babytasche zum dritten Mal kontrollierte und den Autositz bereit machte, während Liis noch die Entlassungspapiere unterschrieb. Die Schwester beobachtete uns mit vorsichtiger Neugier. Wahrscheinlich hatte sie schon jede Menge Gerüchte über die bewaffneten Agenten gehört, die die ganze Nacht lang vor unserem Zimmer Wache gehalten hatten und jetzt von zwei anderen abgelöst wurden, die uns heute Morgen nach Hause eskortieren würden.

Liis hielt Stella in einem Arm, während sie mit der Hand des anderen verschiedene Papiere unterschrieb. Sie war noch keine achtundvierzig Stunden Mutter, wirkte aber schon wie eine Expertin. Ich lächelte, bis sie mir bedeutete, Stella zu nehmen. Als ich auf sie zuging, versuchte ich, mir die Aufregung nicht anmerken zu lassen.

Ich trug Stella zu dem Autositz, den ich ein paar Schritte entfernt auf den Boden gestellt hatte. »Shit«, murmelte ich, während ich versuchte, das Baby wie ein Puzzleteilchen unter dem Haltegriff in die kleine Schale zu manövrieren. Stella regte sich nicht, als ich mit dem Fünfpunktgurt kämpfte und an der Polsterung der Schultergurte und dem Kissen unter ihrem Kopf herumzupfte.

»Thomas«, meinte Liis mit einem kleinen Lachen. »Es ist schon perfekt. Wäre es für sie nicht bequem, würde sie es dich schon wissen lassen.«

»Sicher?«, fragte ich und drehte mich kurz zu ihr um. Bei jedem Meilenstein unserer Beziehung hatte ich immer Ehrfurcht davor empfunden, dass ich dachte, sie könne eigentlich nicht schöner sein, und sie es dann doch war. Das war an dem Tag, als wir in San Diego zusammenzogen, an dem Tag, als sie mir sagte, wir würden Stella bekommen, an dem Tag, als ich endlich auch nach Virginia zog, und an jedem einzelnen Tag, als mir ihr Bauch noch ein wenig runder und ihre Wangen noch eine Spur voller vorkamen. Irgendwie kam ich mir fast wie ein Gauner vor, weil ich sie dazu gebracht hatte, dass sie mich heiraten würde. In den Wehen, während der Geburt und auch jetzt, während sie einfach in der Morgensonne saß – müde, aber gleichzeitig herrlich glücklich –, war die Mutter meines Kindes wieder einmal so schön, wie ich sie noch nie zuvor gesehen hatte.

Liis lachte wieder. »Was denn?«

»Du weißt schon was.« Ich stand auf und hob vorsichtig die Babyschale vom Boden auf. »Fertig?«

Nachdem Liis genickt hatte, schob die Schwester den Rollstuhl neben ihr Bett. Liis war sichtlich genervt über diesen Umstand, während sie darin Platz nahm, aber so waren nun einmal die Regeln im Krankenhaus. Und Liis wusste schon immer, wann es sich lohnte, einen Aufstand zu machen, und wann nicht.

So ließ sie sich in ihrer blauen Bluse und grauer Umstandshose von der Schwester zur Tür fahren. Ich öffnete sie und nickte auch gleich den Agents Brubaker und Hyde zu.

Liis musste schmunzeln, weil es sich um zwei weibliche Agenten handelte. »Du weißt, was ich gerade denke, oder?«, fragte sie mich.

»Dass Frauen besser Auto fahren und mit einer Waffe umgehen können und du deshalb zufrieden mit unserer Eskorte bist?«

»Korrekt«, sagte Liis.

Da musste Brubaker auch grinsen.

Nachdem ich Stellas Autositz fixiert und Liis auf die Rückbank unseres Chevrolet Suburban geholfen hatte, setzte ich mich hinters Steuer und gab den Agentinnen ein Zeichen, dass sie losfahren sollten. Brubaker fuhr in einem schwarzen Tahoe vor uns, Hyde in einem identischen Wagen hinter uns. Ich verdrehte die Augen. »Versuchen die, bei unserem Aufbruch so viel Aufsehen wie möglich zu erregen, oder halten sie die Mafia für bescheuert?«

»Keine Ahnung«, sagte Liis und beugte sich vor, um in den Seitenspiegel zu schauen.

»Alles klar?«, fragte ich.

»Vorläufig ja.«

»Was ist denn?«, fragte ich, weil ich die Sorge in ihrem Blick sah.

»Das weiß ich auch noch nicht.«

Ich streckte den Arm nach hinten und tätschelte ihr Knie. »Alles wird gut, Mommy.«

Sie verrenkte sich den Hals. »Bitte lass uns nicht so ein Paar werden, das sich gegenseitig Daddy und Mommy nennt.«

Ich runzelte die Stirn. »Wie soll Stella sonst lernen, wie sie uns nennen soll?«

Liis seufzte, was wohl ein seltenes Einlenken bedeutete. »Na schön. Nur … lass es uns nur vor ihr tun, nicht in der Öffentlichkeit.«

»Yes, Ma’am«, sagte ich mit einem amüsierten Grinsen.

Liis lehnte sich zurück und schien entspannt, doch ich kannte sie zu gut. In Abständen beugte sie sich immer wieder vor, um in den Rückspiegel zu blicken, dann schaute sie wieder auf Stella.

»Wie geht’s ihr?«, fragte ich. »Wir brauchen einen dieser Spiegel, die man über dem Autositz befestigt, damit man sie im Rückspiegel sehen kann«, meinte Liis. »Wie soll das sonst gehen, wenn einer von uns allein mit ihr Auto fährt? Wir müssen sie doch irgendwie im Blick behalten.«

»Im Kopf hab ich es mir schon notiert«, beruhigte ich sie.

Sie schloss eine halbe Sekunde lang die Augen, riss sie aber gleich wieder auf, um in den Seitenspiegel zu schauen. Sie schaute ein zweites Mal hin und verwandelte sich sogleich von der müden, frischgebackenen Mutter in die FBI-Agentin. »Weißer Sedan, vier Fahrzeuge hinter uns, linke Spur.«

Ich sah ebenfalls in den Außenspiegel. »Hab ihn.« Dann berührte ich das Mikro an meinem Jackenaufschlag. »Jemand folgt uns. Weißer Sedan. Linke Spur.«

»Verstanden«, sagte Hyde.

Brubaker meldete sich ebenfalls, und wir waren noch keine drei Kilometer weitergefahren, als man uns wissen ließ, dass weitere Fahrzeuge zu unserem Schutz unterwegs seien. Kurz bevor sie uns eingeholt hatten, nahm der Sedan eine Ausfahrt.

»Sorg dafür, dass ihm jemand folgt«, sagte Liis.

»Keine Sorge«, sagte ich und bemühte mich, ruhig zu bleiben. »Sie kümmern sich schon darum.«

Liis schluckte und rang um ihre Fassung. Eltern zu sein, das war ein zusätzliches und nicht wirklich planbares Sicherheitsproblem. Ich wusste, dass ein Teil von ihr am liebsten selbst dem Sedan folgen würde, um die Typen darin zu stellen, zu verhören und vor unserer zerbrechlichen neuen Familie wegzusperren. Aber so groß ihr Engagement als Agentin auch sein mochte, ihr Bedürfnis, unsere Tochter zu beschützen, war größer.

Ohne Zwischenfall fuhren wir die übrigen fünfzehn Minuten bis nach Hause. Doch es gelang uns nicht, die Fahrt mit unserem Nachwuchs auf eine Weise zu genießen, wie andere frischgebackene Eltern das vermutlich taten. Während wir den Autositz herausholten, standen die Agentinnen Wache. Hyde und Brubaker blickten ständig um sich und sprachen gelegentlich in die kleinen Sender, die an ihren Ohren befestigt waren, als Liis und ich unsere Tochter zur Veranda trugen. Wir winkten den Nachbarn und stiegen schließlich die Stufen zur Haustür hinauf. Im Schatten der Veranda kramte ich nach meinen Hausschlüsseln und steckte endlich den richtigen ins Schloss.

Da berührte Hyde mich behutsam am Arm. »Sir, ich würde mich vorher gerne kurz umsehen, wenn Sie nichts dagegen haben.«

»Natürlich«, sagte ich und trat beiseite.

Noch vor zwei Tagen wäre ich derjenige gewesen, der das Haus checkte. Dann hätte ich Liis bei den Agentinnen zurückgelassen, um in jedem Zimmer, jedem Schrank, hinter jeder Tür und unter jedem Bett nachzusehen, bevor ich meine schwangere Freundin ins Haus gelassen hätte. Aber jetzt war mein Platz neben ihr, um unsere Tochter zu beschützen. In weniger als achtundvierzig Stunden hatte sich alles verändert.

Hyde schloss die Tür auf und zog dann ihre Waffe. Sie hielt die Glock, als wäre sie eine Verlängerung ihres Arms. Dann schlich sie so lautlos durchs Vorzimmer, dass ich ihre Schritte nicht hörte.

»War ich auch mal so gut?«, fragte Liis.

»Besser«, sagte ich.

»Verarsch mich nicht, Maddox.«

»Niemals, Agent Lindy.«

Nach ein paar Minuten kam Hyde zurück und verstaute ihre Waffe im Holster. »Alles in Ordnung, Sir.«

»Danke«, sagte ich und folgte Liis.

Liis holte tief Luft, als sie die Schwelle überschritt, und schien sich sogleich besser zu fühlen. Ich trug Stella in ihrem Autositz ins Kinderzimmer und stellte sie dort vorsichtig auf den Boden. Liis hatte das Zimmer in Grau, Blaugrau, Beige und Korallenrot dekoriert. Weit und breit kein Schleifchen und keine Ballerina. Liis wollte, dass Stella von Anfang an möglichst genderneutral aufwuchs. Ein cremefarben gepolsterter Schaukelstuhl stand in der Ecke neben dem Kinderbett. Darauf lag ein quadratisches blaues Kissen, auf dem in Blau die Umrisse eines Fuchses gedruckt waren.

Ich öffnete den Gurt, hob Stella vorsichtig heraus und legte sie auf den Rücken in ihr Bettchen. Sie sah darin so winzig aus.

Alles war neu – der Teppichboden, ein Läufer im Santa-Fe-Stil, das gerahmte Bild eines gezeichneten Fuchses auf einem Sideboard, die Vorhänge, die Farbe an den Wänden. Bis zu diesem Moment war das Zimmer schön, unberührt, aber leer gewesen. Jetzt füllte es sich mit unserer Liebe für dieses brandneue Baby, dem es gehörte.

Nachdem wir Stella eine Weile lang betrachtet hatten, tauschten Liis und ich Blicke.

»Und jetzt?«, flüsterte sie.

Ich adjustierte die Kinderzimmerkamera und winkte Liis, mir nach draußen auf den Flur zu folgen. Dabei zuckte ich mit den Achseln.

Sie zuckte ebenso. »Was soll« – sie zuckte noch mal – »das hier bedeuten?«

»Es bedeutet … weiß auch nicht. Ich hatte beim Heimkommen mit Chaos und Geschrei gerechnet. Du weißt schon … all die schrecklichen Sachen, die man aus Filmen so kennt.«

Liis lehnte sich lächelnd gegen den Türrahmen. »Sie ist perfekt, nicht wahr?«

»Ich hebe mir mein Urteil noch bis zwei Uhr morgen früh oder bis zu dem Zeitpunkt auf, wenn sie mir das erste Mal auf mein bestes Hemd pinkelt.«

Liis stieß mich scherzhaft in die Seite. Ich küsste sie auf die Schläfe.

»Ich glaube, ich lege mich mal ein bisschen hin«, sagte Liis und wollte nach dem Überwachungsgerät greifen.

Ich schnappte es mir allerdings vor ihr von der Kommode. »Ich nehme es. Du ruh dich aus.«

Sie stellte sich auf Zehenspitzen, küsste mich in den Mundwinkel und strich mir über die Wange. »Ich bin so glücklich, Thomas. Nie hätte ich gedacht, dass ich so empfinden könnte. Es ist schwer zu erklären.«

Ich lächelte sie an. »Das musst du nicht. Ich weiß schon, wie dir zumute ist.«

Gemächlich ging Liis über den Flur zu unserem Schlafzimmer, dessen Tür sie eine Handbreit offen ließ.

Ich lachte leise vor mich hin, als ich mich auf den Weg in die Küche machte und die Spülmaschine öffnete, um sie auszuräumen. Liis hatte sie in dem Moment eingeschaltet, als ihre Fruchtblase geplatzt war.

Das Handy brummte in meiner Hosentasche. Ich fischte es heraus und hielt es an mein Ohr. »Maddox.« Dann hörte ich zu, trat ans Fenster und schob die Vorhänge beiseite. Da wurde mir ganz schwer ums Herz.

»Das ist nicht euer Ernst«, sagte ich. Die Instruktionen, die der Direktor mir gab, ließen mir das Blut in den Adern gefrieren. »Der Plan lautet, sie auf mich schießen zu lassen?«

»Auf Travis haben sie bereits geschossen.«

»Was? Ist er okay?«, fragte ich und merkte, wie sich meine Nackenhaare sträubten.

»Nur ein Streifschuss an der Schulter. Und er ist ein bisschen mitgenommen. Die haben seinen Wagen von der Straße abgedrängt.« Der Direktor räusperte sich, denn offensichtlich waren die folgenden Worte ihm unangenehm. »Das hätte Abby treffen sollen.«

Ich schluckte die Galle, die mir hochstieg, hinunter. »Woher wissen Sie das?«

»Travis fuhr ihren Geländewagen. Im Fahrzeug des Schützen befand sich Überwachungsmaterial über alle weichen Ziele, auch über Abby.«

»Mit weichen Zielen meinen Sie …«

»Die Angehörigen Ihrer Familie, Thomas. Es tut mir sehr leid.«

Ich atmete tief aus und versuchte, Ruhe zu bewahren. Wenn sie Fotos von Observationen besaßen, mussten die Carlisis Travis schon seit einer Weile durchschaut haben. Das erklärte auch Travis’ Verhör in Vegas. Das, wovon wir dachten, Travis habe irgendwie seine Tarnung auffliegen lassen, sodass es zu einer improvisierten Entführung und Folter kam, bei der sie versuchten, an mehr Geheimdienstinfos zu gelangen, war also in Wirklichkeit geplant gewesen. »Konnte man sie lokalisieren?«

Der Direktor schwieg kurz. »Travis’ SUV knallte bei hoher Geschwindigkeit gegen einen Baum. Dann kamen sie, um die Sache zu Ende zu bringen, aber nicht lebend davon. Die Familie Carlisi steht jetzt mit drei wichtigen Männern weniger da. Bobby, der Fisch, Nikko, das Maultier, und Vito Carlisi.«

»Bennys Sohn. Das bedeutet, den Carlisis bleiben nur noch zwei mögliche Nachfolger.« Benny hatte zwar sieben Kinder, aber davon nur drei Söhne. Der älteste, Angelo, war der Unterboss, während die beiden anderen die Reserve bildeten. Benny war in der Hinsicht altmodisch – er hatte seinen Kindern und seinem kriminellen Clan eingegeben, dass nur Männer sein illegales Reich erben könnten. Ich hatte daher die Hoffnung, dass wenn kein Carlisi-Unterboss mehr übrig wäre, auch alles, was Benny aufgebaut hatte, zerfallen würde.

»Travis hat das erledigt«, fügte der Direktor noch hinzu.

»Na klar hat er das.« Meine Muskeln entspannten sich. Was ein Riesenschlamassel hätte ergeben können, erwies sich als Vorfall zu unseren Gunsten. Das hätte ich wissen können. Sobald jemand Travis einen Schlag verpasst, sorgt er konsequent dafür, dass das kein zweites Mal passiert. Selbst wenn es sich um drei der besten Profikiller der Familie Carlisi handelte.

»Der jüngste der Carlisi-Jungs, Vincenzo, und zwei Soldaten sind mit einem silbernen Nissan Altima unterwegs. Und zwar in Ihre Richtung. Inzwischen müssten sie auch schon wissen, dass Vito tot ist.«

»Sie kommen hierher? Jetzt?«, fragte ich und drehte mich automatisch zu Stellas Kinderzimmer um. »Was ist mit Irrläufern? Querschlägern? Wir inszenieren hier eine Schießerei im Vorbeifahren vor meinem Haus, während da meine Frau und meine Tochter drin sind? Das erscheint mir ziemlich nachlässig, Sir.«

»Fällt Ihnen in den nächsten acht Minuten noch ein anderer Plan ein?«

Ich verzog das Gesicht. »Nein, Sir.«

»Hyde werden Liis und Stella im hinteren Teil des Hauses mit Westen abschirmen. Das ist unsere einzige Chance. Natürlich hängt es von Ihnen ab, aber –«

»Verstanden, Sir.«

»Sind Sie sich sicher?«

»Sie haben recht. Es muss so laufen. Das verschafft uns Zeit.«

»Ich danke Ihnen, Agent Maddox.«

»Danke, Direktor.«

Die Schlafzimmertür öffnete sich langsam, und aus dem Augenwinkel sah ich Liis am Türrahmen lehnen. Sie presste sich ihr Handy ans Ohr. Man hatte sie auch angerufen.

»Aber wir sind gerade erst … die können doch eigentlich nicht wissen, dass –« Sie seufzte. »Ich verstehe. Natürlich bin ich Ihrer Meinung, aber … Ja, Sir. Ich verstehe, Sir.« Mit Tränen in den Augen sah sie mich an, bevor sie weitersprach. »Betrachten Sie es als bereits erledigt, Sir.«

Das Telefon fiel ihr aus der Hand auf den Boden, und ihr Blick verschwamm. Ich stürzte zu ihr und fing sie in meinen Armen auf. Natürlich wollte ich behutsam sein, aber ich drückte sie zu fest.

»Ich kann einfach nicht glauben, dass das wirklich passiert«, sagte sie mit gedämpfter Stimme gegen meine Brust. Dabei grub sie die Finger in meinen Rücken.

»Wenn es irgendeine andere Möglichkeit gäbe …«, setzte ich an.

»Ist Travis unversehrt?«, unterbrach sie mich. Sie war bereits gebrieft, das wusste ich mit Sicherheit, aber sie musste es aus meinem Mund hören. Ich würde nichts beschönigen, nur weil sie vor Kurzem erst entbunden hatte, da war sie sich sicher.

»Er ist ein bisschen mitgenommen. Und die sind drei Schläger weniger.«

Sie lachte bitter auf und schaute zu mir hoch. Dann schien ihr ein Gedanke zu kommen und sie riss ihre mit Tränen gefüllten Augen auf. »Ich werde es ihnen sagen müssen, nicht wahr? Das muss ich sein.«

Ich zögerte, weil widerstreitende Gefühle in mir tobten. Ich wollte ihr das nicht zumuten. Meine Augenbrauen zogen sich unwillkürlich zusammen. »Die Carlisis werden nur noch mehr davon losschicken, Liis. Ich weiß, es ist eine verdammt unsichere Sache … aber du musst es einfach tun.«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht. Ich …«

Ich biss die Zähne zusammen und versuchte, für sie die Fassung zu bewahren und stark zu sein. Ich nahm ihr Gesicht in meine Hände. »Es wird gehen. Du schaffst das.«

Ihr Brustkorb sank in sich zusammen, und sie seufzte tief. »Wie kann ich ihnen das antun?« Sie griff sich an die Stirn und schüttelte ungläubig den Kopf.

»Wir tun, was wir tun müssen. Wie wir es immer getan haben.«

Liis warf einen Blick in Richtung Kinderzimmer. »Aber diesmal steht noch mehr auf dem Spiel.«

Ich schaute rasch auf meine Uhr. »Ich muss packen und ein paar Anrufe machen.«

Sie presste die Lippen aufeinander und nickte. »Ich werde dir helfen.«

Stella begann zu jammern, und mein Entschluss geriet ins Wanken. »Das ist einfach zu viel. Es ist nicht richtig, dich hier mit ihr allein zu lassen. Sie ist kaum zwei Tage alt, und du hier, allein …«

Sie umarmte mich. »Ich werde nicht allein sein.«

Ich legte die Arme erneut um sie, atmete in ihr Haar, versuchte, mir einzuprägen, wie weich ihre Haut war. »Ich kann nicht … ich kann mich nicht von ihr verabschieden«, sagte ich. Mein Herz war schon öfter gebrochen worden, doch das hier war Folter. Ich hatte mich bereits in dieses winzige Mädchen in dem Kinderbettchen verliebt, und sie jetzt zu verlassen, würde das Härteste sein, was ich jemals tun musste.

»Dann tu es nicht.«

Ich nickte, schlich mich trotzdem ins Kinderzimmer und sah Stella ruhig atmen. Warm eingehüllt träumte sie anscheinend glücklich, wovon Neugeborene so träumen – Liis Herzschlag, meine gedämpfte Stimme. Ich beugte mich hinab und presste meine Lippen auf ihr dichtes dunkles Haar. »Bis bald, mein Schatz. Daddy hat dich lieb.«

Danach lief ich ins Schlafzimmer, schnappte mir meine kugelsichere Weste, zog sie an, während Liis mich mit gequälter Miene beobachtete. Anschließend stopfte ich noch ein paar Klamotten und Toilettenartikel in eine Tasche, griff nach meinem Handy und tippte Trentons Nummer ein. Ich versuchte, beiläufig zu klingen, während ich ihm sagte, er solle früher mit uns rechnen als ursprünglich geplant. In weniger als fünf Minuten waren damit alle erdenklichen Vorbereitungen erledigt.

»Wer ist da draußen?«, fragte Liis, nachdem ich das Telefonat mit Trenton beendet hatte.

»Dustin Johns und Canton«, sagte ich und zog noch eine leichte Jacke an.

»Brent Canton?«, hakte sie nach. Als ich nickte, seufzte sie erleichtert auf. Die beiden waren die besten Scharfschützen, die das FBI hatte.

»Dann sollten sie besser nicht danebenschießen«, meinte sie ironisch.

»Das werden sie nicht«, sagte ich. Zumindest hoffte ich das. Ich legte mein Leben in ihre Hände. Noch einmal schloss ich Liis in die Arme, hielt sie ganz fest und presste meine Lippen zum hoffentlich nicht letzten Mal auf die ihren. »Wenn wir uns wiedersehen, werde ich dich bitten, mich zu heiraten, und diesmal wirst du Ja sagen.«

»Sorg dafür, dass wir uns wiedersehen«, sagte sie nur.

Da öffnete Hyde die Haustür. »Noch dreißig Sekunden, Sir.«

Ich nickte, griff nach meinen Autoschlüsseln und warf einen letzten Blick zurück auf Liis, bevor ich die Tür hinter mir zuzog.

 

Kapitel2

Taylor

»Kopf hoch, Kumpel. Ich wette, am Ende der Schicht wird sie wieder zu Hause sein«, meinte Jubal, während er mir dabei zusah, wie ich Wäsche zusammenlegte.

»Seitdem sie fort ist, sagst du das bei jeder Schicht«, grummelte ich und schüttelte eine dunkelblaue Arbeitshose aus. Sie verlor bereits die Farbe.

Wenn Falyn die Wäsche erledigte, schaffte sie es irgendwie, dass alles noch monatelang wie neu aussah. Ich kochte das Abendessen und brachte den Müll raus; sie war für die Wäsche und den Abwasch zuständig, um die Kinder kümmerten wir uns gemeinsam. Weil Hollis und Hadley nur vier Monate auseinander waren, war es fast so, als hätten wir Zwillinge. Einer von uns hatte damals die strampelnden Beinchen festgehalten und die Feuchttücher aus der Packung gerissen, während der andere die Popos säuberte und neue Windeln anlegte. Später brachte ich Hollis zum Fußball und Falyn Hadley zum Volleyball. Neun Jahre funktionierten Falyn und ich wie eine gut geölte Maschine. Sogar das Streiten hatten wir im Lauf der Zeit perfektioniert. Wut, Verhandeln, Versöhnungssex. Jetzt, wo sie fort war, gab es niemand, mit dem ich mich einigen musste, kein Jonglieren mit den Kindern und keine Abendessen zu viert mehr. Seit zwei Monaten machte ich nur meine eigene Wäsche – seit Falyn mit den Kindern zurück nach Colorado Springs gezogen war –, und meine Hosen sahen schon jetzt fürchterlich aus. Noch ein Grund, Falyn zu vermissen.

Ich schob die Hose auf einen Bügel und hängte ihn in meinen Kleiderschrank. Seit vier Jahren war ich nicht mehr in den Bergen gewesen, um Feuerschneisen zu graben. Nur sechs Monate im Jahr zu Hause zu sein hatte in den ersten Jahren schwere Spuren in unserer Ehe hinterlassen, darum hatte ich meine Pulaski, dieses Spezialwerkzeug zur Waldbrandbekämpfung, an den Nagel gehängt und einen Vollzeitjob bei der Feuerwache hier in der Stadt angenommen.

Letztlich war es aber egal, was ich tat. Falyn war einfach nicht glücklich.

»Wie gefällt den Kindern die neue Schule?«, fragte Jubal.

»Gar nicht.«

Jubal seufzte. »Ich habe mich schon gefragt, ob es für Hollis nicht schwer sein würde. Und ich bin überrascht, dass du ihr erlaubt hast, ihn mitzunehmen.«

»Hätte ich die Kinder auseinanderreißen sollen? Nein«, erwiderte ich kopfschüttelnd. »Außerdem ist sie seine Mutter. Das war sie immer. Es wäre nicht in Ordnung gewesen, ausgerechnet jetzt die biologische Trumpfkarte auszuspielen und ihn für mich zu beanspruchen, weil Falyn nun mal nicht seine leibliche Mutter ist, ich aber sein leiblicher Vater.«

Jubal nickte zustimmend. »Richtig.« Er klopfte mir freundschaftlich auf die Schulter. »Du bist ein guter Mann, Taylor.«

»Nicht gut genug«, sagte ich stirnrunzelnd.

Mein Handy surrte. Ich hielt es an mein Ohr, und Jubal nickte erneut, denn er verstand sofort, dass ich ungestört telefonieren wollte. Darum ging er zurück ins Wohnzimmer, während ich über das Display des Telefons strich und es dann wieder an mein Ohr hielt.

»Hallo, Süße«, sagte ich.

»Hallo.« Falyn fühlte sich momentan nicht wohl, wenn sie derartige Kosenamen von mir hörte – als sollte ich so etwas nicht sagen, weil sie mich doch verlassen hatte.

Die Wahrheit war, ich hatte es bereits mit Brüllen versucht. Ich hatte versucht, zornig zu sein. Ich hatte gebettelt und gefleht und getobt, aber alles, was dabei herauskam, war, dass sie sich noch weiter von mir zurückzog. Mittlerweile hörte ich aufmerksamer zu und verlor weniger oft die Beherrschung. Eine Fähigkeit, die alle meine Brüder früher als ich gelernt hatten. Darum waren die auch noch mit ihren Ehefrauen zusammen.

»Ich habe gerade an dich gedacht«, erklärte ich.

»Ach ja?«, fragte sie. »Ich rufe an, weil … Hollis geht es nicht gut. Er war heute in einen Streit verwickelt.«

»Eine Prügelei? Ist er verletzt?«

»Natürlich ist er nicht verletzt. Schließlich hast du ihm beigebracht, wie man sich selbst verteidigt. Aber er ist ganz verändert. Er ist wütend. Zum Glück war heute der letzte Schultag vor den Sommerferien, sonst wäre er bestimmt vom Unterricht ausgeschlossen worden. Das kann aber immer noch passieren. Taylor, ich glaube …« Sie seufzte. Sie klang genauso verloren wie ich, und es war gleichzeitig schmerzhaft und erleichternd, nicht allein derart unter der Situation zu leiden. »Ich glaube, ich habe einen Fehler gemacht.«

Ich hielt den Atem an und hoffte, sie würde endlich sagen, dass sie zurück nach Hause käme. Egal warum. Sobald Falyn wieder da war, konnte ich alles in Ordnung bringen.

»Ich habe gehofft … vielleicht …«

»Ja? Ich meine, ja. Worum auch immer es geht.«

Sie schwieg. In diesen Momenten der Ungewissheit kam es mir vor, als würde ich tausend Tode sterben. Ihre Stimme verriet alles. Sie wusste, wenn sie mich anrief, würde das meine Hoffnungen wiederaufleben lassen, aber in diesem Gespräch ging es nur um die Kinder und nicht um mich. Nicht um uns. »Ich habe gehofft, du könntest mir vielleicht dabei zu helfen, eine Mietwohnung in Estes zu finden. Du hast dort mehr Kontakte zu potenziellen Vermietern als ich. Es wird schwer sein, eine Wohnung mit drei Schlafzimmern zu finden. Die Kinder sind aber schon zu groß, um sich ein Zimmer zu teilen.«

Ich setzte mich aufs Bett, denn mir war, als hätte jemand sämtliche Luft aus mir herausgeprügelt. »Könntest du nicht einfach … hier wieder einziehen? Die Zimmer der Kinder sind noch genauso, wie sie waren. Und alles hier ist ihnen vertraut. Ich würde mir so wünschen, dass du zurückkommst. Ich will so sehr, dass du das tust. Und es müsste nichts anderes bedeuten als deine eigene Wohnung. Ich werde auf der Couch schlafen.«

Am anderen Ende der Leitung war es lange still. »Ich kann nicht, Taylor.« Falyn wirkte müde. Ihre Stimme war tiefer und brüchiger als normalerweise.

Ich hatte schon zuvor gebettelt. Damit würde nur neuer Streit entstehen. Hier ging es um unsere Kinder. Ich musste unser beider Problem beiseiteschieben. »Falyn … zieh mit den Kindern zurück in unser Haus. Ich werde mir ein Apartment suchen.«

»Nein, ich bin diejenige, die gegangen ist. Also werde ich etwas Neues finden.«

»Baby«, begann ich. Obwohl sie schwieg, konnte ich ihre Abneigung gegen das Wort förmlich hören. »Falyn. Das Haus gehört euch. Ich werde die Schule informieren, dass die Kinder im nächsten Schuljahr wieder da sind.«

»Wirklich?«, fragte sie mit zitternder Stimme.

»Ja«, antwortete ich und massierte mir den angespannten Nacken. »Es ist doch Blödsinn, allein in diesem großen Haus zu wohnen, während ihr euch in eine kleine Wohnung pfercht.«

»Danke«, sagte sie und schniefte. »Die Kinder werden darüber sehr glücklich sein.«

»Gut«, meinte ich und zwang mich zu lächeln. Keine Ahnung warum. Falyn konnte mich ja gar nicht sehen. »Gut, das freut mich.«

Sie atmete erleichtert aus, und ein kaum hörbares Geräusch am Telefon vermittelte mir den Eindruck, dass sich Falyn Tränen aus dem Gesicht wischte. »Okay, dann. Ich werde, äh … Ich werde also anfangen zu packen.«

»Brauchst du Hilfe? Lass mich dir helfen.« Das Apartment, das sie in Colorado Springs bewohnte, war möbliert, darum würde es wohl kaum schwere Einrichtungsgegenstände geben, aber ich versuchte verzweifelt, zu unserer gut geölten Maschine zurückzufinden.

»Nein, das schaffen wir schon. Wir besitzen ja nicht viel. Keine schweren Dinge.«

»Falyn. Lass mich zumindest die Kinder abholen. Ich habe sie schon zwei Wochen nicht gesehen.«

Sie überlegte einen Augenblick und schniefte erneut. In meiner Vorstellung wog sie die Vor- und Nachteile ab. Derzeit musste sie über ihre Entscheidungen länger nachdenken, sie traf ihre Entschlüsse erst, nachdem sie alle Informationen gesammelt hatte – etwas, das ich mir auch angewöhnen sollte. Ich war bereits darauf gefasst, dass Falyn antworten würde, sie müsste darüber nachdenken und würde sich wieder melden, aber dann antwortete sie einfach: »Okay.«

»Okay?«

»Ich werde den Kindern heute Abend davon erzählen. Willst du dabei sein, wenn ich es tue? Ich bin mir aber nicht sicher, ob es die beiden vielleicht verwirrt …«

»Ich werde da sein«, sagte ich ohne Zögern. Manche Dinge darf man auch spontan entscheiden.

Wir beendeten das Gespräch, und ich schluckte den dicken Kloß in meiner Kehle herunter. Ich hatte nicht gewagt, ihr zu sagen, was ich wirklich wollte. Ich hielt mich an der Hoffnung fest, dass wir, sobald sie zurück war, an allem arbeiten konnten, was in unserer Ehe schiefgelaufen war. Diesmal würde ich versprechen, nicht zu fordernd zu sein oder zu schnell etwas zu erwarten – ich würde ihr zeigen, dass ich mich geändert hatte.

Ich hielt das Handy mit beiden Händen an meine Stirn und schwor mir, mich diesmal zusammenzureißen und es nicht erneut zu verbocken. Nichts verursachte mehr Angst, als sich selbst der ärgste Feind zu sein. Sogar wenn ich alles richtig machen wollte, war es schwer. Ich kannte natürlich mein Gefühlsleben, und die, die mir nahestanden, machten auch Bekanntschaft mit den entsprechenden Rückschlägen. Sie sahen, wie sich der Druck aufbaute und entlud, selbst wenn die Wut nur ein paar Sekunden dauerte. Ich hatte mich in all den Jahren nicht weiterentwickelt, nie gelernt oder mir Mühe gegeben, dieses Verhalten zu überwinden, deshalb fiel es Falyn immer schwerer, mir zu vergeben, und ich konnte es ihr nicht einmal verdenken.

»Fertig mit Telefonieren?«, fragte Jubal. Ich hob den Kopf, nickte und bemühte mich, mir die inneren Qualen nicht ansehen zu lassen. »Der Commander verlangt nach dir.«

Ich fuhr mir mit dem Handrücken über die Nase, stand auf und holte tief Luft. Meine Muskeln waren angespannt. Ich wusste, was nun kam. Der Commander hatte den gesamten Morgen mit den anderen Schicht-Commanders, dem Chief und dem Stadtrat in einer Konferenz verbracht – alles wegen mir.

»Taylor?«, fragte Jubal, als ich an ihm vorbeiging.

»Ja?« Ich drehte mich um und sah ihn genervt an. Er hatte meine emotionalen Vorbereitungen auf das, was mich wohl im Büro des Commanders erwartete, unterbrochen.

»Du musst dich erst mal ein bisschen abregen, bevor du da reingehst. Du steckst schon tief genug in der Scheiße. Und ganz sicher wirst du Falyn nicht zurückgewinnen, wenn du arbeitslos bist.«

»Spielt keine Rolle. Seit sie fort ist, läuft für mich sowieso nichts mehr rund.«

Jubal verzog das Gesicht und war von meinem offensichtlichen Selbstmitleid wenig beeindruckt. »Wenn du mal aufhörst, so viel Zeit damit zu verbringen, Schuld zu verteilen, könntest du auch deinen Verstand und dein Herz benutzen, um eine Lösung zu finden.«

Ich dachte über Jubals Worte nach, dann nickte ich zustimmend und atmete tief ein. Er hatte wie immer recht.

Der Commander telefonierte, als ich nach dem Anklopfen sein Büro betrat. Er hob den Zeigefinger und deutete auf einen der orangefarbenen Stühle vor seinem Schreibtisch, wo ich Platz nehmen sollte.

Das tat ich, verschränkte noch die Hände vor dem Bauch und wippte nervös mit dem Knie. Das Büro hatte sich nicht sehr verändert, seitdem er es übernommen hatte. An den Wänden hingen dieselben Bilder, und auf den verschiedenen Korkpinnwänden im Raum waren die gleichen Informationen zu finden wie immer. Die Wandverkleidung verriet das Alter des Gebäudes, genauso wie der fleckige Teppichboden und die abgewetzten Möbel. Alles, was sich hier in jüngster Zeit geändert hatte, waren ein gerahmtes Foto auf dem Schreibtisch und der Mann, der auf der anderen Seite saß, sowie das Namensschild vor ihm.

COMMANDER TYLER MADDOX


»Du hast angerufen?«, fragte ich, als er sein Telefonat beendet und den Hörer aufgelegt hatte. Ich nahm das Foto von uns und Dad vom Schreibtisch. Da standen wir, hatten die Arme umeinandergelegt und wirkten glücklich. Nur Thomas schien aus der Art geschlagen. Er besaß keine Tattoos, hatte längeres, helleres Haar und grünbraune Augen, im Gegensatz zu den dunkelbraunen von uns anderen. 

»Wer dieses Foto sieht, muss doch denken, Thomas ist das Kind des Milchmanns. Nur die Leute, die uns gut kennen, wissen, dass er Mom ähnelt.«

Tyler verzog das Gesicht. »Ich weiß, du hast es mir schon gesagt, aber erklär es mir noch mal, Taylor. Erklär mir, du wusstest nicht, wer er war, als du ihm eine verpasst hast.«

Ich versuchte, mich nicht zu verteidigen, aber es war schwer, mich zurückzuhalten, als Tyler mich fragte, warum ich den Sohn des Bürgermeisters zusammengeschlagen hatte, nachdem er in einer Bar meiner Frau an den Hintern gegrapscht hatte. Tyler wusste so gut wie ich, er hätte an meiner Stelle genauso gehandelt. Die Maddox-Jungs fragen eben nicht lange, ob jemand eine wichtige Person ist, wenn sie ihn in die Schranken weisen.

»Der Bürgermeister ist erst vor ein paar Jahren hergezogen«, sagte ich. »Woher soll ich denn wissen, wer sein bescheuerter Sohn ist?«

Tyler starrte mich immer noch finster an. »Es handelt sich hier um keine Kleinigkeit, Taylor. Diesmal habe ich keine Ahnung, wie ich dich aus der Sache rausboxen soll.«

Ich beugte mich vor und stützte die Unterarme auf die Knie. »Diesmal? Du tust so, als hättest nur du mir schon mein ganzes Leben lang den Arsch gerettet. Ich finde, es war immer ein Geben und Nehmen.«

Tyler ließ die Schultern sinken. »Na gut, ich bin also dran, aber du hast mich in echte Schwierigkeiten gebracht. Mir sind die Hände gebunden.«

»Vielleicht hätte der Schwanzlutscher meiner Frau nur einfach nicht an den Po fassen sollen.«

Tyler lehnte sich im Stuhl zurück und schnaubte ungeduldig. »Er ist gestolpert.«

Ich biss die Zähne aufeinander, krallte mich zornig in die Armlehnen des Stuhls und versuchte, das Bedürfnis zu unterdrücken, über den Tisch zu springen und mir meinen Bruder vorzuknöpfen. »Wiederhol seine verdammten Lügen nicht auch noch, Tyler. Ich hab es mit eigenen Augen sehen, genauso wie die Hälfte der Crew. Jubal, Zeke, Sugar, Jew, Cat und Porter haben ihre Jobs aufs Spiel gesetzt, um für mich auszusagen. Und sie wussten, dass der Bürgermeister eigentlich von ihnen verlangte, eine Falschaussage zu machen.«

Tyler blickte mich eine Weile an, dann entspannte sich sein Gesichtsausdruck. »Ich weiß. Es tut mir leid.«

»Also … was jetzt? Bin ich jetzt erledigt?«, fragte ich.

»Das sind wir beide.«

Ungläubig zog ich die Augenbrauen zusammen. »Was meinst du damit? Das können sie verdammt noch mal nicht tun. Wie können sie das?«

»Sie nicht. Ich habe heute Morgen meine Entlassung eingereicht. Scheint so, dass heute für uns beide hier der letzte Tag ist.«

Mir wurde schwer ums Herz und ich schnaubte verständnislos. »Verarschst du mich?«

Tyler schüttelte den Kopf. »Wir haben gemeinsam hier angefangen. Wir gehen auch gemeinsam, nicht wahr?«

Meine Augen füllten sich mit Tränen, und ich schüttelte ebenfalls den Kopf. Ich erinnerte mich daran, wie stolz Tyler war, als er seine Ernennungsurkunde erhalten hatte, und wie stolz Ellie war und wie glücklich wir alle waren, als wir an diesem Abend gefeiert haben. Tyler war der Beste für den Job. Er kümmerte sich um die Crew genauso wie um mich. »Das hast du nicht verdient. Du hast hart für diesen Schreibtisch gearbeitet.«

Tyler stand auf und kam um den Tisch herum. Er streckte mir seine Hand hin, und als ich sie nahm, zog er mich hoch. »Das ist nur ein Schreibtisch. Aber du bist mein Bruder.«

Er umarmte mich, und meine Stirn sank an seine Schulter. Ich spannte jeden Muskel an, denn ich wollte all dem Schmerz und den Verletzungen, die ich seit Falyns Fortgehen empfunden hatte, und der Trauer über den Verlust meines Jobs – und zusätzlich den Schuldgefühlen, weil Tyler seinen Job verlor – nicht die Chance geben, mich zu überwältigen, und einen unkontrollierbaren Gefühlsausbruch hinlegen.

»Ich denke, ab jetzt können wir aufhören, Dad zu beschwindeln, und tatsächlich Versicherungsvertreter werden.« Tyler legte den Arm um meinen Hals, und mit den Knöcheln der anderen Hand verpasste er mir ein paar liebevolle Kopfnüsse. »Komm schon. Es wird alles gut werden. Lass es uns jetzt den anderen beibringen.«

»He, oh …«, begann ich. »Ich muss ziemlich schnell einen neuen Job finden.«

»Warum?«

»Falyn zieht mit den Kindern wieder hierher.«

Tyler fiel die Kinnlade runter. Er machte einen Schritt rückwärts und boxte mit der Faust freundschaftlich gegen meinen Oberarm. »Im Ernst, Bruder? Das ist ja fantastisch!«

Ich verschränkte die Arme vor der Brust. »Die Kinder sind in Colorado Springs nicht glücklich. Ich habe Falyn das Haus angeboten.«

»Oh.«

»Also bin ich auf der Suche nach einem Apartment.«

Tyler verzog wieder das Gesicht. »Das sind nicht ganz so gute Nachrichten, wie ich gehofft habe.«

»Geht mir genauso.«

Tyler legte mir eine Hand auf die Schulter. »Willst du bei Ellie und mir wohnen?«

»Nein«, antwortete ich. »Trotzdem danke.«

»Ihr beide liebt euch. Du wirst das schon wieder hinbiegen.«

Ich blickte zu Boden, und ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. »Wenn sie mich liebt, warum hat sie mich dann verlassen?«

Das brachte Tyler kurz zum Nachdenken. Dann kniff er mich in die Wange. »Wir Maddox’ sind verdammt irre. Die Frauen, die uns lieben, brauchen verdammt viel Mumm. Und … manchmal muss man eine Frau erst verlieren, um schließlich den Mut aufzubringen, der Mann zu werden, den sie verdient hat.«

Meine Brust zog sich schmerzhaft zusammen, und ich keuchte, als hätte Tyler mir auf den Solarplexus geschlagen. Diese Art von Wahrheit zu akzeptieren fühlte sich an, als würde man sich ins eigene Schwert stürzen.

»Aber … Erzähl niemandem davon, dass sie zurückkommt«, sagte ich. »Ich will versuchen, ein paar gute Gespräche mit ihr zu führen, bevor der Sohn des Bürgermeisters Bescheid weiß. Dieser arrogante Scheißkerl.«

»Der kann dir deine Frau nicht wegnehmen, Taylor. Sie will ihn gar nicht.«

Ich schnitt eine Grimasse. »Mich will sie auch nicht.«

»Das ist Bullshit, und das weißt du auch. Wir Brüder haben doch alle irgendwann gemerkt, dass unsere Ehefrauen genug hatten von unserem Mist, deshalb mussten wir uns alle ab einem gewissen Punkt echt zusammenreißen. Das haben wir gemacht, und nun ist alles gut. Du bist nur etwas zu spät dran.«

»So ungefähr«, grummelte ich, während wir zum Wohnbereich der Feuerwache gingen.

Dann stellten wir uns vor die Reihe der eng nebeneinanderstehenden Fernsehsessel. Jeder Sitz war von jemand aus unserer Schicht besetzt. Sie alle waren genau wie Tyler und ich ehemalige Hotshots und warteten auf den Alarm, damit das Adrenalin durch ihre Adern fließen konnte und sie die Kraft spürten, die nur dann entstand, wenn man gegen etwas Unmenschliches und beinah Unaufhaltsames kämpfte – und siegte.

Tyler blickte zu mir und nickte daraufhin der Crew zu. Ich biss die Zähne fest zusammen und schaute zu Boden. Die Scham und das Gefühl, meine Feuerwehr-Familie im Stich zu lassen, waren kaum auszuhalten.

Jubal setzte sich aufrecht hin, er schien bereits begriffen zu haben, was los war. »So ein Quatsch. Das glaub ich ja wohl nicht.«

»Ich …« Bevor ich weitersprechen konnte, dröhnte der Alarm aus jedem einzelnen Lautsprecher im Gebäude. Nun warteten wir auf die näheren Informationen von Sonja aus der Zentrale, die uns den Ort und nähere Umstände des Feuers durchgeben würde.

»Feuermelderalarm im Hickory Lagerhaus, 200 North Lincoln Avenue. Möglicherweise Menschen betroffen.«

»Da sind Leute drin?«, fragte ich. »Der Kasten steht doch seit Jahren leer.«

»Verdammt«, sagte Jubal. »Nein, tut er nicht. Die Familie Hickory hat das Gebäude vor fünf Jahren oder so an die Möbelfirma Marquis Furniture vermietet. Das Haus ist voll mit ihrem Zeug.«

»Wir benötigen die Leiter und die beiden größeren Löschzüge. Wassertender in Bereitschaft!«, rief Tyler. Er klopfte mir auf den Rücken. »Fahr mit mir. Zum letzten Mal.«

Ich zog die Augenbrauen zusammen. »Ich habe Falyn versprochen, heute Abend nach Colorado Springs zu kommen, um ihr mit den Kindern zu helfen.«

Tyler grinste verständnisvoll. »Verstehe. Dann regel den Scheiß, damit du aufhören kannst rumzujammern, okay?«

Ich lächelte halbherzig, während ich beobachtete, wie sich mein Zwillingsbruder seinen Commander-Helm, die Jacke und die Schlüssel schnappte und zur Rettungsrampe lief, wo sein Feuerwehr-Truck parkte.

Die anderen Männer folgten ihm zu den Löschfahrzeugen und Rettungswagen. Und ich stand ganz allein da und spürte, wie sich mein Kiefer zunehmend anspannte. Irgendetwas fühlte sich nicht richtig an.

»Gottverdammt, Tyler«, rief ich atemlos und rannte los, um meine Ausrüstung zu holen. Ich zog die Schutzkleidung über, griff mir den Helm und riss die Tür des Trucks auf, als Tyler gerade losfahren wollte.

Er runzelte die Stirn, während ich den Sicherheitsgurt anlegte. »Was tust du hier, Blödmann? Los, hol deine Frau zurück.«

»Zum letzten Mal«, sagte ich, lehnte mich im Sitz zurück und setzte mein Pokerface auf.

Tyler gab Gas und lotste die Crew so schnell zum Stadtrand, dass wir fast früher da waren als das schrille Geräusch unserer Sirenen. Tyler hing parallel am Funk, sprach mit einer anderen Einheit, die ebenfalls unterwegs war, und tauschte Informationen mit der Zentrale aus, auch darüber, dass der Brandort abgeriegelt werden sollte. Wir alle ahnten, das Lagerhaus würde heftig brennen, trotzdem erkannte ich in den Augen meines Bruders ein nervöses Flackern. Er hatte ein genauso schlechtes Gefühl bei der Sache wie ich.

Die Bremsen des Trucks quietschten, und die Reifen gruben sich in den Schotter, als Tyler vor dem Lagerhaus hielt. Die südliche Seite des drei Stockwerke hohen Gebäudes stand beinahe vollständig in Flammen. Ich kurbelte das Seitenfenster herunter und konnte sogar aus fünfzig Metern Entfernung die Hitze des Brands spüren. Die Flammen peitschten in den Himmel, reckten ihre deformierten Finger, verschlangen und verdauten Stahl und Bauholz, das zuvor fünf Generationen lang dem wechselhaften Wetter Colorados getrotzt hatte.

Tyler beugte sich vor und presste seine Brust gegen das Lenkrad, um durch die Windschutzscheibe besser sehen zu können. Das glühende, orangefarbene Monster von Feuer machte einen solchen Lärm, dass er schreien musste. »Ein verdammt riesiges Biest!« Bei der Zentrale ersuchte er darum, dass alle Straßen, die zum Lagerhaus führten, sofort gesperrt wurden. Konstanter Wasserdruck würde sowieso schon ein Problem sein. Da brauchten wir nicht auch noch Autoverkehr, der über unsere Schläuche fuhr.

Zum ersten Mal überkam mich angesichts eines Feuers eine unheilvolle Ahnung. »Ich hab ein schlechtes Gefühl, Tyler.«

Er schnaubte. »Hör bloß auf, großer Bruder. Du bist verdammt noch mal viel zu mies drauf, um zu sterben.«

Ich schaute zum Feuer. »Das hoffe ich. Ich habe nämlich meine Frau seit drei Monaten nicht im Arm gehalten.«

Jamie McGuire

Über Jamie McGuire

Biografie

Jamie McGuire ist in Tulsa, Oklahoma, aufgewachsen und lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern auf einer Farm in der Nähe ihrer Heimatstadt. Ihr erster Roman, »Beautiful Disaster«, war ein internationaler Erfolg, an den sich weitere New-York-Times-Bestseller anschlossen.

Pressestimmen

leser-welt.de

»Ein hervorragender Abschluss und trotzdem hätte ich gerne noch viele Bände über die Maddox-Brüder und deren Familien gelesen.«

Kommentare zum Buch

...Gefühlvoll, spannend & mitreißend... das Finale der Reihe mit grandiosen Plan zum Lösen des Falls.
Buch Versum am 21.08.2017

Endlich kommt es zum Ende des Falls, werden die Maddox es schaffen, ihn zu lösen ohne dass die Familie zerbricht ?   Das ist der letzte Band der Reihe, es ist ratsam und zur Logik erforderlich die vorherigen Bände zu lesen.   Das Cover ist passend zu Reihe, wunderschön verspielt und die Farbwahl ist toll gewählt.   Der Klapptext macht neugierig auf mehr.   Die Hauptprotagonisten bestehen aus allen Maddox, die uns wieder in Gedächtnis gerufen werden. Alles sind so herzlich und leben Ihr Leben, der Leser wird wieder involviert und steckt mitten im Gefühlschaos und hofft mit den Hauptprotagonisten das am Ende alles gut ist.   Der Schreibstil von Jamie ist sehr bildlich, flüssig und fesselnd. Die Autorin schafft eine wundervolle Welt, besonders aber eine emotionale und spannende.   Die Erzählweise ist emotionell und gefühlvoll. Diese reißt einen mit und belebt den Lesefluss, dass man nicht aufhören kann zu lesen. Man bekommt durch die wechselnden Perspektiven jede mögliche Einsicht in die Protagonisten und fühlt mit Ihnen. Der familiäre liebevolle Umgang in der Familie ist wundervoll, man wünscht sich diesen Zusammenhang und die Loyalität. Außerdem schafft die Autorin innerhalb der ganzen Bände ein perfekten roten Faden und ergänzt in diesem Band alle Lücken zwischen den Situationen. Erstaunlich ist auch die Beschreibung der Liebe eines Maddox, sowie die erotische Spannung, die den Leser fesselt und spürbar sowie gut beschrieben ist.   Die Autorin bietet dem Leser eine emotionale, spannende und amüsante Geschichte.   Das Buch zeichnet sich durch die Familienbande der Maddox sowie der Auflösung des Falls aus.   Es hat mir sehr viel Freude bereitet das Buch zu lesen.   Das Buch hat mich berührt, geschockt, amüsiert, überrascht, emotional mitgerissen und sehr gut unterhalten.   Fazit: Emotion geladene Geschichte mit Lösung eines Fall, spannender & aktionistischem Verlauf und hilfreiche Ergänzung der Lücken der Szenen. Ich war sehr erstaunt und emotional total involviert. Sehr über den Plan begeistert & mitgerissen, sowie aber auch geschockt. Ich war über die Verluste emotional total am Ende und habe sehr bedauert dass nicht alles wie erhofft Gut ging. Ich bin durch das Buch nur so geflogen, war durch den Maddox Charme berauscht und über Ihre Familienbande begeistert. Jedoch gab es auch Fehler und Probleme, das normal Leben, dass man innerhalb der Leben der Maddox zu lesen bekam, dies macht die Familie noch authentischer und herzlicher. Die Lösung der Probleme war sehr originell. Der letzte Band war der Emotionell stärkste Band. Jamie hat es geschafft die Reihe wundervoll zum Ende zu bringen. Der rote Faden von Beginn der Reihe an wurde sehr gut durch gezogen & logisch abgeschlossen.   Emotionelle Lektüre umhüllt mit Spannung, Aktion und Liebe.   Vielen Dank für das Lesevergnügen. ! Empfehlung !   <3   Danke für das Rezi Exemplar an den Verlag Piper.

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