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Bankrott — Inhalt

»Ein Roman von erstaunlicher Zeitlosigkeit.« Deutschlandradio Kultur

Paris in den 1920er Jahren: Der 45-jährige Brugnon führt ein erfolgreiches Familienunternehmen und seine hübsche Verlobte gerne in schicke Restaurants aus. Er ist zufrieden mit seinem Leben. Oder? Von einem Tag auf den anderen verhält er sich sonderbar. Er verpasst Termine, verliert sich in Gefühlsausbrüchen, verliebt sich Hals über Kopf in eine viel jüngere Angestellte. Immer tiefer gerät Brugnon in den Strudel seiner unkontrollierten Gefühle. Bis er zielsicher auf einen finanziellen und emotionalen Bankrott zusteuert ...

 

 

Erschienen am 01.03.2017
Übersetzer: Rainer Moritz
256 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30991-2

Leseprobe zu »Bankrott«

I

Brugnons Jugend verlief unbeschwert. Sein Vater war reich, und seine Mutter pflegte zärtlichen Umgang mit ihm. Beide hatten ihn früh zur Arbeit angehalten, und es gab niemanden, der ihm nahegelegt hatte, an diesen Worten zu zweifeln. Der einzige Traum, den er sich eines Tages erfüllen wollte, bestand darin, jeden Morgen an die Arbeit zu gehen, sich eine Pause von einer Stunde zu gönnen, danach weiterzuarbeiten und schließlich sehr spät am Abend damit aufzuhören. Am folgenden Tag würde er damit fortfahren. Das Leben aller Menschen, wie er es [...]

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I

Brugnons Jugend verlief unbeschwert. Sein Vater war reich, und seine Mutter pflegte zärtlichen Umgang mit ihm. Beide hatten ihn früh zur Arbeit angehalten, und es gab niemanden, der ihm nahegelegt hatte, an diesen Worten zu zweifeln. Der einzige Traum, den er sich eines Tages erfüllen wollte, bestand darin, jeden Morgen an die Arbeit zu gehen, sich eine Pause von einer Stunde zu gönnen, danach weiterzuarbeiten und schließlich sehr spät am Abend damit aufzuhören. Am folgenden Tag würde er damit fortfahren. Das Leben aller Menschen, wie er es beobachtete oder erahnte, baute auf diesem Gerüst auf.

Brugnon schloss, wie es sein Vater von ihm verlangte, sein Studium an der École des Sciences Politiques ab. Nachdem er dort abgegangen war und in Friedenszeiten auf Geheiß seines Vaterlandes für eine Zeit lang die Waffen getragen hatte, öffneten sich vor ihm endlich die Tore, die ihm wie die eines Paradieses vorkamen: Er wurde Sekretär seines Vaters.

Brugnons Vater handelte mit Zucker. Dreißig Jahre zuvor war seine Firma in einer kleinen Stadt im Norden gegründet worden und hatte sich auf bescheidene und gemächliche Weise entwickelt. Das war zu einer Zeit, als es noch nicht Mode war, mit einem Paukenschlag auf den Plan zu treten, und sich große Unternehmen immer aus kleinen Anfängen entwickelten. So war Brugnons Vater vorangekommen. Hartnäckig und ehrgeizig überstand er die schlechten Jahre, ohne jemals seinen Besitz zu verlieren, bis zu jenem Tag, als es ihm gelungen war, den üblen Umständen einen Vorsprung abzuringen, den man nie verliert. In diesem geradlinigen Leben hatte es vielleicht nur einen Schwachpunkt gegeben. Als Brugnons Vater glaubte, das Wohlergehen seines Hauses sei gesichert, ließ er sich in Paris nieder. Er wurde für diesen Ehrgeiz nicht bestraft, und seine Geschäfte litten darunter nicht, doch während er in der Provinz der Erste gewesen war, zählte er in der Stadt zu den Letzten. Klug genug, dieses Gesetz zu akzeptieren, fand er sogar Gefallen daran, nun wieder Plätze zurückerobern zu müssen. Die Liebe zur Arbeit entwickelt sich am intensivsten in den großen Städten, und tatsächlich wuchs die Firma nach und nach. Mit zunehmendem Alter überfiel Brugnon der Gedanke, dass er sterben würde, ohne dass sie so mächtig wäre, wie er sich das gewünscht hatte, aber es genügte ihm, sie so stark zu machen, wie er konnte. Er wollte sein Möglichstes tun, doch das mit all seiner Kraft, und wohl deshalb glaubte Brugnon, als er in die Dienste seines Vaters trat, dass er seinen Platz in einem sehr mächtigen Unternehmen einnehme. Das Vergnügen, das ihm Arbeit und Erfolg schenkten, bestärkte ihn in seiner Zuversicht und seinen Erwartungen.

Sein Vater, der sich wie immer ein wenig darüber wunderte, dass sein Sohn jünger war als er, und der – klug, wie er war – vielleicht dessen Übereifer fürchtete, hatte ihn behutsam und beinahe streng ermahnt: »Mach dir keine Illusionen, nicht wegen des Zuckers und nicht wegen mir. So lustig, wie du glaubst, ist es nicht, und ich hoffe, dass deine ersten Schritte dich ein bisschen entmutigen werden. Ich werde versuchen, dir zuerst undankbare Aufgaben zu übertragen. Wenn dich das langweilt, beklag dich. Mir soll es recht sein.« Brugnon aber hatte sich nie beklagt.

Er war damals dreiundzwanzig Jahre alt. Vier Jahre lang arbeitete er als Privatsekretär seines Vaters, dem es nicht gelang, den Eifer seines Sohnes zu zügeln, und der sich schließlich damit abfand. Zur Belohnung schickte er seinen Sohn monatelang quer durch Europa und die Welt, da es für die Firma an der Zeit war, weiter zu wachsen. Brugnon kam von dieser Reise zurück und wusste über alles Bescheid, was mit Zucker zusammenhing. Recht geschickt ging er auf Menschen zu, er beherrschte mehrere Sprachen, hatte die Gunst vieler Frauen erworben und war durch seinen Aufenthalt in Hotels und auf Schiffen an Reichtum gewöhnt. Wieder nahm er den Platz an der Seite seines Vaters ein, der immer noch misstrauisch war gegenüber einem Sohn, der sich mit derart neuartigen Methoden auf das Leben vorbereitet hatte. Dennoch machte er ihn einige Jahre später zu seinem Teilhaber. Brugnon war nun fünfunddreißig Jahre alt.

Dann starb sein Vater. Brugnon hatte so viel Geschick darauf verwandt, ihn nachzuahmen, ihm in allem zu folgen und sein Werk fortzusetzen, dass dieser Tod, der ihn zuerst grausam traf, als hätte er ihn selbst zerstört, ihn als Erbschaft eines ganzen Lebens hinterließ, das sich dem seinigen hinzufügte. Schon am nächsten Morgen erkannte Brugnon, als hätte sein Vater das Haus gar nicht verlassen, in seinen Gesten die seines Vaters wieder, er nahm die Intonation seiner Stimme und den Ausdruck seines Gesichts an, und seine Mutter stieß mehrmals einen Schrei aus wie vor einem allzu ergreifenden Porträt. Stolz fragte sich Brugnon, ob von den Toten nicht doch etwas zurückbleibe.

Vom alten Brugnon blieb das Haus, und es blieb das Büro, in dem der Sohn den leeren Platz einnahm. Der Gedanke, dass es der Tod seines Vaters war, der ihm die Macht über diese kleine Welt gab, kam ihm nicht. Er nahm sich die Macht einfach.

Inzwischen zählte er vierzig Jahre. Er wünschte sich, dass die Firma, die ihm übertragen worden war, größer wäre, und nur das Andenken an seinen Vater hielt ihn davon ab, die Dinge zu schnell voranzutreiben und das Unternehmen rasch auszubauen. Er ertrug es schlecht, nur einer kleinen Firmengruppe vorzustehen, und wollte nicht begreifen, dass sein Vater in so vielen Jahren das Haus Brugnon nicht zur ersten Pariser Adresse gemacht hatte. Er ließ sich auf unvorsichtige Geschäfte ein und hatte anfangs nur selten Erfolg. Bisweilen glückte ihm etwas, was manche Leute überraschte. Der Zufall stand ihm mehrmals zur Seite, sodass Brugnon zufrieden war.

Dieser rasche Aufschwung, der den alten Brugnon sicher erschreckt hätte, beunruhigte die Konkurrenz übrigens nicht. Bemerkenswerterweise verachten die Geschäftsleute Erfolge, die der Dreistigkeit geschuldet sind. Sie nennen das Verrücktheit. Oft wurde gesagt, dass das Haus Brugnon eine sehr ehrbare Geschichte aufweise und dass es diese hätte fortschreiben können – bedauerlicherweise liege es aber in den Händen eines unvorsichtigen Mannes, den manche einen Luftikus nannten. Die kleinen Revolverblätter – Brugnon erlebte eine seiner größten Freuden, als er dort zum ersten Mal endlich seinen Namen gelesen hatte – erklärten Brugnon gern für verrückt. Anfänglich hatte er es ignoriert, mit der Zeit reagierte er zunehmend ungehalten und fragte sich, ob ihn sein Vater auch so beurteilt hätte. Er schüttelte den Kopf, um nicht mehr daran zu denken, aber er hatte daran gedacht.

Eine kleinformatige, auf blassblauem Papier gedruckte Zeitung lag ausgebreitet auf seinem Toilettentisch und wiederholte hartnäckig die Worte, die er nicht mehr hören wollte. Brugnon, der mit Simone ausgehen wollte und seine Krawatte vor dem Spiegel band, nahm das blassblaue Blättchen, den Franc-Joueur, in die Hand und las die von einem roten Kasten eingerahmten Zeilen: »Es handelt sich übrigens um ein offenes Geheimnis, dass die Reisen des Monsieur B. allein dem Zweck dienen, sich in die Obhut von Spezialisten zu begeben, die ihn bereits früher behandelt haben. Die Medizin hat zweifelsohne bei der Behandlung von Geisteskrankheiten Fortschritte gemacht, doch ein derart häufiges Auftreten der Symptome dürfte jenen Unternehmen wenig Hoffnung geben, die sich in Geschäftsbeziehungen mit ihm befinden. Es geschieht übrigens nicht zum ersten Mal …« Brugnon betrachtete sich im Spiegel, wie er es gelegentlich tat, wenn er allein war, denn er liebte Gesellschaft.

Hast du verstanden?, fragte er sein Spiegelbild, das mit dem Kopf nickte.

Was hältst du davon?

Das Spiegelbild machte einen zweifelnden Eindruck und zog eine Schnute.

Das ist keine Antwort, sagte Brugnon ein wenig nervös. Sag deine Meinung. Glaubst du auch, dass ich verrückt bin?

Nun ja, sagte das Bild, vielleicht schon …

Ah? Du glaubst also …

Glauben, glauben … Ich weiß es nicht … Ich überlege … Auf jeden Fall kannst du sicher sein, »verrückt« ist übertrieben.

Wirklich?

Ja.

Nun gut, ich würde auf dieses Geschwätz pfeifen, aber ich möchte gern wissen, auf was sie sich stützen.

Brugnon beugte sich über die blassblaue Zeitung:

Das ist schon die dreißigste Ausgabe, sagte er. Es gibt wirklich Leute, die Angst haben …

Du lenkst ab, sagte das Spiegelbild. Es geht darum, ob du verrückt bist. Oder sagen wir: eigenwillig … oder ein bisschen gestört, wenn dir das lieber ist.

Nein, selbstverständlich! Nein, ich bin nicht verrückt. Brugnon zuckte mit den Schultern.

Reg dich nicht auf, sagte das Spiegelbild. Du hast diesem (Brugnon beugte sich erneut über das blassblaue Blatt) … diesem Herrn Louleau das Geld verweigert, auf das er glaubte Anspruch zu haben. Das geht nur dich etwas an, das erweist der Sauberkeit deiner Geschäfte alle Ehre. Aber bist du verrückt, wie es heißt? Genau darum geht es hier.

Gewiss nicht.

Ohne Feuer kein Rauch. Es ist nicht das erste Mal, dass du von dieser Geschichte hörst.

Ich weiß nicht, wer dieses Märchen in die Welt gesetzt hat.

Gibt es, sagte das Spiegelbild, nichts in deinem Leben, was das erklären könnte? Erinnere dich an die kleine Krise, die du vor zehn Jahren hattest, als du aus Japan zurückkamst … Diese ständige Gereiztheit, die zwei Jahre anhielt. Wegen nichts und wieder nichts bist du wütend geworden: eine offen stehende Tür, ein Papierrascheln, ein Lachen, ein Regenschauer … Wutanfälle wie ein Kind hast du bekommen.

Das sind alte Geschichten, sagte Brugnon.

Und seitdem gab es nichts mehr?, fragte das Spiegelbild.

Nein, nichts mehr.

Keine Zornausbrüche mehr?

Doch, zum Teufel! Viele Wutanfälle, aber man ist doch, glaub ich, nicht verrückt, weil man schnell in Zorn gerät?

Der Zorn ist eine kurze Verrücktheit, das hat … gesagt …

Komisch, dass mir das nicht einfällt!

Pass auf, das ist vielleicht ein Symptom.

Und sich mit seinem Spiegelbild zu unterhalten ist auch ein Symptom?

Wer weiß?

Brugnon schüttelte heftig den Kopf, um sich von seinem eigenen Anblick loszureißen.

Geh schlafen!, sagte er zu seinem Spiegelbild. Ich bin verrückt, meinetwegen! Ein Witz! Und was diesen Monsieur Louleau angeht, rate ich ihm, bei mir vorbeizuschauen, ich breche ihm alle Knochen.

Er zerknüllte die blassblaue Zeitung zwischen seinen Fingern und riss sie so heftig und ausdauernd in Stücke, dass man, als er die Schnipsel zu Boden warf, hätte denken können, dass ein Hund die Zeitung zerfetzt hätte.

Brugnon beendete seine Toilette. Er hatte Anspielungen dieser Art nie große Aufmerksamkeit geschenkt. Sich in seinem Alter – immer noch oder erst – von solchen Nöten aufbringen zu lassen! Es geschah nicht zum ersten Mal, dass er einen Louleau oder irgendeinen anderen loswerden musste. Er war weder ein Grünschnabel noch ein Tattergreis, oder? Wie? Er geriet oft in Zorn? Na und! Diese Krise vor zehn Jahren, es hatte des Dialogs mit seinem Spiegel gebraucht, um sich daran zu erinnern. Das war ein längst vergessener Zwischenfall, die Jugend, die heißen Länder damals, die Frauen, was weiß man schon? Man wird mich nicht mehr dabei erwischen, wie ich mit meinem Spiegelbild spreche! Alles albernes Zeug.

Brugnon fährt mit dem Wagen ins Restaurant, wo er eine Verabredung mit Simone hat. Er ist ein ziemlich großer, aufrechter, kräftiger Mann mit beinahe zu breiten Schultern. Dazu die langen, stämmigen Beine, das klare, niemals harte, glattrasierte Gesicht, die hellen Augen, der ganze Körper, der den Eindruck von Solidität und Beweglichkeit vermittelt und vom Glanz des reifen Alters überzogen ist. Sein Haar ist von leichtem Grau durchsetzt; hinter den etwas schlaffen Gesichtszügen breitet sich im Nacken die speckige Falte des Mannes aus, der etwas zu gut genährt ist, ein Zeichen, dass er recht rasch gealtert ist. Aber was kann man als Vierzigjähriger mehr verlangen? Verrückt, er? Was für ein Unsinn! Wenn er verrückt wäre, hätte er zum Beispiel die alte Frau über den Haufen gefahren, die, ohne nach links und rechts zu schauen, wie eine Idiotin vor sein Auto gelaufen ist. Durch ein Wunder an Geschicklichkeit ist er ihr ausgewichen, er versteht es zu fahren, oder? Wenn hier jemand verrückt ist, dann die Alte. Wie völlig grotesk die sich in ihrer Angst bewegt hat! Da, ein Pfiff! Was will man noch von ihm? Er hält nach einigen Metern an (bei dieser Geschwindigkeit gar nicht so einfach; wenn Simone an seiner Seite gewesen wäre, hätte sie sicher aufgeschrien – arme Kleine!). Ein Polizist … Was will der? Ich? Was? Ach … Ja, das ist möglich. Wie bitte? Ich fahre wie ein Verrückter? Da haben wir’s … Ich fahre wie ein Verrückter … Wie ein Verrückter. Noch was? Alle haben sich heute gegen mich verschworen. Der Polizist, er ist von diesem Louleau bestochen worden. Brugnon fährt wieder los und beißt die Zähne zusammen.

Als Brugnon das Restaurant betrat, sah er als Erstes einen Spiegel. Er wich ein wenig vor seinem Anblick zurück, fing an zu lachen und grimassierte sich zu. Als ihn der Hotelpage erstaunt ansah, verpasste er ihm einen leichten Nasenstüber und ging auf Simone zu, die einen weiten Mantel trug und ihn, tief in einer roten Polsterbank versunken, an einem Tisch erwartete. Sie reichte ihm die Hand, die er ergriff, als wolle er ihr einen Handkuss geben, und drückte sie dann aber gegen Stirn und Wangen. Sie lächelte, voller Zuneigung für diese Geste. Brugnon nahm neben ihr Platz.

Simone war jünger als Brugnon. Sie war hübsch, aber man hätte leicht zwanzig Frauen finden können, die genauso hübsch waren. Sie hatte bei Männern so viel Glück wie alle anderen Frauen. Brugnon hatte vor langer Zeit Gefallen an Simone gefunden, und sie gefiel ihm immer noch. Vielleicht am meisten an ihr gefiel ihm, dass sie arbeitete. Er erinnerte sich nicht daran, jemals länger als acht Tage mit einer Frau, die den Müßiggang pflegte, zusammen gewesen zu sein. Simone war Buchhändlerin. Anfangs hatte sie geglaubt, dass es, wenn sie schon etwas verkaufen musste, besser wäre, edle Waren zu verkaufen. Sie hatte sich für die Bücher entschieden, weil sie sie liebte, und sie war ein wenig enttäuscht gewesen, als sie begriffen hatte, dass nichts ein Geschäft für jemanden reizvoller machen kann, der damit nichts anzufangen weiß. Sie hätte die Bücher lieber nur gelesen, ganz einfach, aber nun war sie gezwungen, sie auch zu verkaufen, und sie wusste, dass sie Brugnon verlöre, wenn sie ihren Beruf aufgäbe.

Sie war seine Geliebte gewesen, denn das gehört nun einmal bei einem Paar dazu, aber sie war es nicht mehr oder fast nicht mehr, wenn man es so sagen kann, da sie in den Armen Brugnons nie große Lust verspürt hatte – zu dessen großem Erstaunen, da er mehr Anerkennung gewohnt war. Sie hatte sich dafür entschuldigt, Reue und sogar ein wenig Scham empfunden. Brugnon hingegen war davon so überrascht gewesen, dass er daran geglaubt hatte, eine ungewöhnliche, ja vielleicht herausragende Frau gefunden zu haben, die größerer Zuwendung bedurfte. Er hatte diese Kühle akzeptiert (»Nein«, sagte Simone, »Kühle ist es nicht, ich kann es dir, verstehst du, nicht gut erklären …«). Er, der von Frauen kaum mehr als das körperliche Vergnügen kennengelernt hatte, hatte es verstanden, mit Simone eine andere Art der Freude zu erfahren, die sie ihm Schritt für Schritt beigebracht hatte. Sie wusste, dass er sich gern anderswo das holte, was sie ihm nicht geben konnte, und sie hatte dem stillschweigend zugestimmt.

»Sag mir«, fragte Brugnon, »glaubst du wirklich, dass ich verrückt bin?«

»Verrückt?«

»Ja. Das Gerücht geht um. Wer mich angreifen will, tut das immer an diesem Punkt.«

»Ich verbiete dir, so etwas zu sagen«, bemerkte Simone und machte mit der Hand eine senkrechte Bewegung, als zerschnitte sie die Luft vor dem Gesicht ihres Freundes.

Das genügte Brugnon. Er gehorchte Simone gern; sie kannte ihn und verlangte von ihm, da sie diese Macht nicht verlieren wollte, fast nur angenehme Dinge. So wies sie ihn an, sie ihn die Konzerthalle zu begleiten, und schlug einen äußerst energischen Befehlston an, was ihr bei Befehlen dieser Art gefiel, die so leicht zu erfüllen waren. Es war ein Spiel. Brugnon, der die Regeln kannte, gehorchte. Während der Aufführung ließ Simone, wenn der Saal abgedunkelt wurde, ihren Kopf auf die Schulter ihres Freundes gleiten, und er, um sie nicht zu verärgern, wagte es nicht, ihre Schulter zu umfassen. Jedoch an diesem Abend hätte er sie gern mit zu sich genommen, aber da er das so lange nicht mehr gewagt hatte, wusste er nicht, wie er darum bitten sollte. Als die Aufführung zu Ende war, begleitete er Simone in ihre Wohnung und verabschiedete sich. Einen Moment lang blieb er regungslos und voller trüber Gedanken in seinem Wagen sitzen, dann fuhr er nach Hause.

Am nächsten Tag war er wie immer, wenn er nicht noch früher kam, um halb neun in seinem Büro. Die Räumlichkeiten der Firma Brugnon befanden sich in einem großen, neu errichteten Haus, das für die Ewigkeit gebaut schien. Es umfasste sieben gleichartige Stockwerke, auf denen ein großer Raum thronte, dessen gläserne Wand sich hin zu den Dächern und zum Himmel öffnete. Der Raum war so lichtdurchflutet, dass man beim Eintreten glaubte, auf eine Terrasse zu gelangen, die das Gebäude beherrschte. Brugnons Stenotypistinnen besetzten dieses Zimmer, während sich Brugnon in den eigentlichen Büros darunter, im siebten Stock, eingerichtet hatte. Im Treppenhaus sausten zwei Fahrstühle so rasch hinauf und hinunter, dass man selbst bei der Fahrt nach oben hinabzustürzen meinte. Auf jedem Absatz öffneten sich wie ein Fächer vier Türen, jede trug einen eingravierten Namen, mitunter ohne erklärenden Zusatz, als müsste man in Geheimnisse eingeweiht sein, um dieses Haus zu verstehen. Man hat zu wissen, was die Herren Lamberty, Horowsky, Weiler, S. A. B. M., Poulot und Mangeon, Escartefigue, Orléans, Marlson & Co., Legros und andere verkaufen. Im siebten Stock ist der Treppenabsatz schmaler; es gibt nur drei Türen, drei Wohnungen, die allesamt Brugnon gehören. Auf der linken Tür steht zu lesen: Brugnon.

Seit drei Jahren saß die Firma hier. Er hatte seine Räumlichkeiten in diesem Haus gekauft, als dieses noch keine fünf Meter hoch war. Er hatte zugesehen, wie es wuchs, und es mit seiner Belegschaft in Beschlag genommen, als die Farbe noch kaum trocken war. Er konnte nicht mehr in den alten, engen und düsteren Büroräumen seines Vaters leben. Er wollte sich vergrößern. Vielleicht liegt es daran, dass die Neider ständig sagen, er sei verrückt. Sie werden schon sehen.

Da sitzt er nun in einem großen, hellen, spärlich möblierten Raum mit grauen Tapeten. Zwei Telefonapparate stehen auf dem Schreibtisch, unzählige Papierstöße in Körbchen aus Eisendraht, Bleistifte, Lineale, Töpfe mit Klebstoff, obwohl Brugnon all das nie benutzt. Doch eine Art Aberglaube verleitet ihn dazu, diese kleinen Objekte um sich herumzuhaben. Manchmal spielt er mit ihnen.

In den anderen Zimmern der Wohnung sitzen verschiedene Abteilungsleiter oder Angestellte. Im gläsernen Büro darüber schweben die Stenotypistinnen im trockenen Lärm ihrer Maschinen wie in einer Sandwolke, und sommers hören sie bei geöffneter Glasfront nicht einmal die Straßengeräusche, außer am Mittag, wenn sie plötzlich Ruhe geben. Dann steigt ein konfuses Rumoren zu ihnen hinauf, das sich aus Wagenrattern, Hupen, Schritten, Pfiffen und Stimmengewirr zusammensetzt. Ganz nah sieht man den Blitzableiter der Börse und fühlt sich in der Höhe wie in einem Erdgeschoss, dessen Fundament aus Dächern besteht.

Als Brugnon an diesem Morgen im Büro ankam, drehte er wie jeden Tag seine Runde durch alle Räume. Da die Arbeit erst um neun Uhr begann, war außer Brugnons Sekretär Jean Poussain, der rauchend am Fenster stand und Schokolade aß, noch niemand da. Eine seiner Leidenschaften bestand darin, Tabak- und Schokoladenmischungen auszuprobieren, als hätte er Cocktails gemixt. Jean war fünfundzwanzig, elegant gekleidet, mittelgroß, mager, seine Bewegungen gemächlich. Er trug keinen Bart, seine tiefliegenden Augen waren dunkel umschattet, da er spät zu Bett ging und sich gern amüsierte, ohne dass er es jemals versäumt hätte, auf seinem Posten zu sein, wenn sein Chef kam.

»Na, viel geschlafen haben Sie letzte Nacht wohl nicht?«, fragte ihn Brugnon freundschaftlich.

»Ich habe überhaupt nicht geschlafen«, antwortete Poussain. »Ich bin heute Morgen nach Hause gegangen, um meinen Smoking abzulegen, und dann bin ich hergekommen.«

»Sie verfügen über eine gute Gesundheit.«

»Die Schokolade, Chef, die Schokolade! Ich war auf einem Ball der Holzschneider.«

»Und der war gut?«

»Nein.«

»Und dennoch sind Sie die ganze Nacht geblieben?«

»Wenn ich gar nicht zu Bett gehe, fühle ich mich morgens viel frischer, als wenn ich spät schlafen gehe.«

»Ich war wie Sie in Ihrem Alter.«

»Sie sind doch noch robust.«

»Gestern Abend bin ich ins Empire gegangen. Haben Sie nie Colson gesehen?«

»Nein, ist das bemerkenswert?«

»Ah, mein Guter! Mehr als bemerkenswert. Er ist einer der größten Komiker, die ich je gesehen habe. So der gutmütige Trottel, der einen zum Lachen bringt, Sie wissen schon. Eigentlich mit nichts … Er krabbelt auf allen vieren, steht wieder auf, dann fällt er wieder auf alle viere und steht wieder auf. Und wenn er den Typ nachmacht, dem im Museum kalt ist. Herrlich! Er verdient fünftausend Francs am Abend.«

»Da ist er besser bezahlt als ich«, sagte Poussain.

»Ja, aber er arbeitet auch viel besser als Sie, mein Bester. Ich war mit Simone dort. Haben Sie an Montélimar gedacht?«

»Ja, gestern. Wollen Sie das sofort anschauen?«

»Glauben Sie an Rüben die Rhone entlang?«

»Man weiß es nicht. Die Bodenanalysen sind ziemlich gut.«

Beide machten sich an die Arbeit. Poussain hatte einen Schreibtisch im Büro Brugnons, der nicht gern allein war. Und wenn Brugnon bei einem vertraulichen Gespräch keine Mithörer haben wollte, drückte er in ausgeklügelter Weise auf den Knopf des Haustelefons. Der stellvertretende Direktor am Ende der Leitung begriff und bestellte Poussain zu sich. Brugnon setzte diesen Trick nur selten ein, denn er hielt Poussain über alle Geschäfte auf dem Laufenden und hatte volles Vertrauen. Er unterrichtete ihn übrigens nicht nur über die geschäftlichen Aktivitäten, sondern hielt ihn über sein ganzes Leben auf dem Laufenden. Für dieses entgegengebrachte Vertrauen verlangte er von seinem Sekretär lediglich, dass dieser sich an alles getreulich erinnerte, was er ihm sagte. Brugnon mochte es nicht, sich zu wiederholen. Poussain legte nicht nur Aktenordner und Hefter für die Geschäftsvorgänge an, sondern hatte zudem zu Hause einen Zettelkasten, wo er Brugnons vertrauliche Mitteilungen geordnet nach Namen und Orten festhielt. An manchen Tagen konsultierte er ihn rasch, um sein Gedächtnis aufzufrischen und keine Fehler zu begehen. Er war diskret und hatte sich dieses Hilfsmittel nicht ausgedacht, um seinen Chef auszuspionieren, sondern weil ihn Brugnons Geschichten oft wenig interessierten und er fürchtete, sie gleich wieder zu vergessen, was Brugnon nicht akzeptierte. Der Kasten umfasste einhundertachtundvierzig Karten, manche waren doppelt, jene von Simone dreifach.

Um Punkt zehn Uhr stand Brugnon auf und setzte erneut zu seinem Rundgang durch die Büros an, wie er ihn bei seiner Ankunft gemacht hatte. Im Vorzimmer nahm ein blässlicher Laufbursche Haltung an, als er seinen Chef erblickte. Aus seiner Tasche ragte eine rosafarbige Freigeisterzeitung heraus, von dem der Bursche hoffte, dass sie als Sportzeitung durchginge. Das rosa Papier erinnerte Brugnon an die Anschuldigungen dieses Louleau. Ich muss darüber mit Poussain sprechen, dachte er. Ich werde dieser Kanaille die Rippen brechen. Er hatte eine Schwäche für ein wenig theatralische Formulierungen. Der Laufbursche sagte:

»Guten Tag, Monsieur.«

»Guten Tag, mein General«, sagte Brugnon, der den Jungen seiner Livree wegen immer mit militärischen Titeln anredete. Dieser lächelte einfältig, denn er wusste seit langem, dass ihm, obwohl er alles immer recht machen wollte, nie eine passende Antwort auf diesen Scherz einfiel.

Brugnon besuchte den stellvertretenden Direktor Narbonne, er ging zu Colleton, Comte und Quellemaleur. Er trat in jedes Büro, klopfte im gleichen Moment an die Tür, wie er sie öffnete. Er gab jedem die Hand, sprach offen und klar, immer lächelnd. Er zeigte diese ein wenig überlegene Herzlichkeit, die allen gefiel, und er musste sich keine Gewalt antun, um ungezwungen zu wirken, nein, aber man spürte, dass er es mit Absicht tat und dass er auch hochmütig hätte sein können. Selbst wenn seine Haltung eine Spur aufgesetzt wirkte, fuhr er damit besser, um sein Ziel zu erreichen. Es ist eine oft verkannte Regel, dass man erfolgreicher ist, wenn man etwas mit einer bestimmten Absicht tut.

Über eine Wendeltreppe gelangte Brugnon nach oben zu den Stenotypistinnen.

Oh, ihr Stenotypistinnen, um euch zu beschreiben, müsste man Worte verwenden, die nur für euch erfunden wurden. Der mechanische, kompliziert gebaute Körper, der den eurigen oberhalb eurer Fingernägel verlängert, hat eure weiblichen Formen verändert, eure Ellbogen zusammengepresst, aus euren Fingern Zorngeschrei hervorschießen lassen und hinter euren Köpfen eine offensichtliche Nackenlinie enthüllt. Die alten Floskeln, die man für Frauen, wie ihr keine mehr seid, verwendet hat, können euch nicht erfassen und umschreiben, aber auch die modernen Formeln, die dem Rhythmus der Maschinen und der Hektik angepasst sind, diese Floskeln, bei denen sich alle Sprachen der Welt ein Stelldichein geben, alle kurzlebigen Leidenschaften, alle eleganten Formen ohne Anmut, die uns heute gefallen, diese modernen Wörter, die man gern verabscheuen würde und die dennoch anziehend sind, auch die würden euch nicht angemessen beschreiben. Ihr seid eine verwirrende Mischung, ein hybrides Wesen, halb lebend, halb tot, halb Frau, halb Maschine. Unter euren harten Fingerkuppen klappern die Metallstifte, rattert, klickt und klingelt es manchmal, und dazu dieser ruckartige Lärm, der sich wie der Geräuschpegel einer Rede anhört, mit ihren Pausen, Aufbrüchen, ihren Betonungen.

Man müsste nicht sehr weit gehen, ihr Stenotypistinnen, um euch als eine Art Symbol zu sehen, eines dieser bescheidenen Symbole, mit denen wir uns heute zufriedengeben. Ihr kleinen Mädchen, die ihr vor hässlichen Maschinen eine künstliche Anmut zeigt, jeden Tag aufs Neue und wiederholbar. Ihr parfümierten Frauen, deren Gesicht mit dem Gesicht bemalt ist, das ihr gerne hättet, da seid ihr kleinen Frauen vor einer kalten, vernünftigen Maschine, die nur kann, was sie kann, wie seit jeher eine Frau vor einem Mann steht. Und es ist eure Hand, die anweist und führt, eure Hand, die die schwere Maschine ergreift und sie lenkt, sie zum Gehorsam zwingt. Es ist eure Hand, ihr Stenotypistinnen, ihr Frauen, die ihr wie alle Frauen geboren seid, um zu befehligen, ohne darum zu wissen. Eure Hand, die hier die Führung an sich reißt wie überall, mit einer nachlässigen, unwiderstehlichen Geste.

Aber ihr wisst davon nichts. Ihr habt es noch nicht begriffen, und die Männer hüten sich, euch einzuweihen. Ihr glaubt immer noch, dass ihr da seid, um zu gehorchen – glaubt es nur lange, glaubt es für immer und ewig. Glaubt an eure Lieben und daran, dass die Frau dem Manne untertan ist. Findet Gefallen daran zu gehorchen, Sklavinnen zu sein. Glaubt nur daran, dass der Mann in der Liebe bestimmt – so macht ihr vielleicht irgendeinen Mann glücklich. Aber verlasst euch darauf, dieser Mann wird bald eine Frau finden, die Bescheid weiß, eine Frau, die verstanden hat und mit dieser Maschine spielen wird. Vielleicht wird sie sie zertrümmern, und sie wird nicht wissen, wie man sie repariert.

»Einen schönen guten Morgen, meine verehrten Fräulein«, sagte Brugnon, als er den gläsernen Saal betrat, den er Aquarium nannte. Dazu machte er eine grüßende Handbewegung und verteilte ein Lächeln gleichermaßen über alle Köpfe. Das Schweigen kehrte in den Raum zurück, und beinahe hätte man Ausschau gehalten nach dem verflogenen Lärm wie nach einem losgelassenen Taubenschwarm. Alle Stenotypistinnen waren ein bisschen in Brugnon verliebt, aber ohne es zu übertreiben, eher als eine Art gemeinsamer Genugtuung. Sie bildeten eine gefühlsselige Einheit und liebten Brugnon so, wie eine einzelne Frau ihn geliebt hätte. Das ließ für alle gerade genügend Liebe übrig, um für ein angenehmes Gefühl zu sorgen. Untereinander sprachen sie über Brugnon mit einem unzweideutigen Vergnügen; er war Teil ihrer Existenz.

Eine neu eingestellte Stenotypistin, die sich ernsthaft in ihn verliebt hatte und jedes Mal errötete, wenn Brugnon eintrat, und hundertmal hintereinander »Brugnon, Brugnon, Brugnon« auf das Briefpapier tippte, war derart ausgeschlossen und als Verräterin eines stillschweigenden Paktes angesehen worden, dass man sie binnen einer Woche entlassen hatte. Sie war siebzehn, und es war ihre erste Stelle.

Nach Beendigung seines Rundgangs kehrte Brugnon in sein Büro zurück, wo ihn ein Packen Briefe erwartete. Aus einem kleinen gelben Wandkasten quoll in einer Ecke des Büros wie eine Ziffernseilbahn ein langer Papierstreifen Richtung Decke, auf den sich unaufhörlich neue Zahlenfolgen einschrieben. Brugnon setzte sich wieder an seinen Schreibtisch und fragte Poussain, welche der Stenotypistinnen ihm am besten gefalle.

»Valentine«, antwortete Poussain. »Und Ihnen?«

»Mir ist das völlig gleichgültig«, sagte Brugnon.

»Oh, ja, mir auch.«

Es war Zeit für die tägliche Zusammenkunft. Von Brugnon in sein Büro gerufen, erschienen einer nach dem anderen die Herren Narbonne, Colleton, Comte und Quellemaleur, hinter dessen Ohr ein Federhalter steckte, ohne dass er diesen je benutzte. Für Notfälle, pflegte er zu sagen. Tatsächlich hatte er ihn bisher einmal benutzt.

Die Sitzung wurde sogleich eröffnet. Brugnon hörte die Berichte. In dieser Stunde spürte er seine Macht stärker als in jeder anderen – eine Macht, die in seinen Augen vor allem die war, die er haben wollte und die er eines Tages haben würde. Er fühlte sie ganz genau, so wie man seinen Brustkorb spürt, wenn man seine Weste zuknöpft. Diese Männer hatten sich um ihn versammelt, um ihm über Vorgänge Rechenschaft abzulegen, die sie in seinem Namen erledigt hatten. Er fühlte, wie sich diese Vorgänge im Raum ausbreiteten, als ob sie sich von seinen Fingern lösten und aus seinem Mund fielen. Nichts vermochte zu verhindern, dass er da war, in einem hartgefederten Sessel saß, einen blauen Bleistift in der Hand hielt und diesen Männern, die alle älter waren als er, zuhörte, wie sie vor seinen Augen das Bild eines Arbeitstages zeichneten. Wie viel Geld hatte er gestern verdient? Er wusste es nicht, und er kümmerte sich kaum darum, da er an seinen Reichtum gewöhnt war. Er wusste lediglich, dass er gut gearbeitet und folglich viel Geld verdient hatte. Diese vier Männer waren da, um ihm das zu sagen.

Die Konferenz dauerte eine halbe Stunde. Brugnon leitete sie, mal streng, mal lächelnd. Er behielt nie lange die gleiche Haltung bei, und er machte sich oft einen Spaß daraus, gewichtige Reden mit einem schwer verdaulichen Scherz zu unterbrechen, über den er sehr rasch und sehr laut lachte. Es war wie ein Windstoß: Durchgeschüttelt und frisch belüftet, setzte Brugnon wieder ein ernsthaftes Gesicht auf. Diejenigen, die in seinem Umfeld arbeiteten, wussten nicht recht mit diesen unvorhersehbaren Wogen umzugehen, besonders Narbonne ertrug sie schlechter als die anderen.

In diesem Moment fixierte Brugnon Narbonne: »Entschuldigen Sie, mein lieber Narbonne, wenn ich Sie unterbreche, aber Sie ähneln verblüffend einem Jodelsänger, den ich gestern Abend im Empire gesehen habe.«

»Wirklich?«, entgegnete Narbonne leicht pikiert.

»Das ist zum Brüllen«, sagte Brugnon, »vor allem, wenn Sie Ihr beleidigtes Gesicht aufsetzen. Sie haben wohl nie gejodelt?«

»Nicht dass ich wüsste«, antwortete Narbonne würdevoll.

»Da haben wir sicher etwas verpasst.«

»Ja«, sagte Quellemaleur, »was das Jodeln angeht, habe ich neulich abends einen ganz erstaunlichen Sänger in der Rue de Clichy gesehen.«

»Rue de Clichy?«, fragte Poussain nach. »Ich auch. Zu welcher Uhrzeit?«

»So gegen halb neun, neun.«

»Ja, genau. Bei mir war es neun, und zwar … Moment … ja, letzten Mittwoch.«

»Ja, genau«, sagte Quellemaleur. »Mittwoch. Das war sicher derselbe. Wie komisch.«

»Ich habe Sie nicht gesehen«, sagte Poussain.

»Ich Sie auch nicht«, erwiderte Quellemaleur. »Der Typ war fantastisch. Er stand auf dem Trottoir und jodelte.«

»Nicht möglich?«, sagte Brugnon. »Ob Sie uns das zeigen wollen, Monsieur Quellemaleur?«

Und Quellemaleur versuchte, um seinen Bericht zu veranschaulichen, den Jodelgesang nachzumachen. Alle fingen an zu lachen, und Quellemaleur, der sich darüber ein wenig ärgerte, sagte: »Versuchen Sie es doch, Sie werden schon sehen.«

Die Herren Narbonne, Colleton, Comte, Poussain und Brugnon versuchten ihrerseits, einen Jodel hinzulegen.

Der Laufbursche, fiel es Brugnon plötzlich ein, er steht hinter der Tür und muss uns alle für verrückt halten. Verrückt? Ich breche ihm alle Knochen, diesem Louleau … Die Knochen, ja, genau, die Knochen, wie einer Katze. Mit einem Knacken fällt Herr Louleau zu Boden, zertrümmert, und dann fegt man ihn beiseite!

Der blaue Stift, den Brugnon in der Hand hielt, hüpfte wie ein Ball bis zur Decke, wo er hart anschlug und geräuschlos auf den Teppich fiel. Das Jodeln erstarb mit einem Schlag.

Brugnon fing zu schreien an: »Nun aber genug. Was glauben Sie, wo wir hier sind? Monsieur Poussain, wollen Sie zuerst, wenn dies nicht zu viel verlangt ist, die Aktienkurse notieren? Oder denken Sie, der Apparat spult das ab, um das Vergnügen zu haben, das Abo zu bezahlen? Und Sie, meine Lieben, wenn Sie singen wollen, bitte, aber zu Hause. Haben Sie, Monsieur Comte, Chanoine getroffen? Nein, nicht wahr? Was machen Sie denn noch hier?«

»Ich habe ihn gesehen, Monsieur, ich habe ihn gesehen …«

»Also bitte, warum sagen Sie es nicht, um Himmels willen, ohne mich eine Stunde warten zu lassen? Was will Chanoine? Interessant, oder? Wir sprechen morgen darüber. Ah! … Etwas anderes: Monsieur Narbonne, haben Sie das letzte Bulletin gelesen?«

»Ja«, antwortete Narbonne.

»Und was sagen Sie dazu?«

»Nun …«, sagte Narbonne, der nicht wusste, worum es sich handelte.

»Sie haben also nichts gesehen, gut. Wie ich gesagt habe.«

Das Telefon klingelte. Poussain nahm den Hörer ab, verlor ein paar Worte und reichte den Apparat an Brugnon weiter.

»Hallo? Ja, sei gegrüßt, Liebling. Hör zu, würdest du mich in einer halben Stunde anrufen? Ich bin in einer Sitzung. Ja, bis gleich.«

Er hielt Poussain den Hörer hin, der ihn auflegte, und wandte sich wieder Narbonne zu:

»Sie haben also nichts gesehen? Nun gut, man spielt da aber auf ein neues, in Deutschland entwickeltes Verfahren an, um den Rübensaft zu filtern. Da müssen wir uns schlaumachen.«

»Im letzten Bulletin?«, fragte Narbonne, der vor Verwirrung rot anlief.

»Ja, Monsieur Narbonne.« Brugnon öffnete eine Schublade, zog das Bulletin heraus und reichte es hinüber. »In einem Hinweis auf die Zuckerfabriken in Termonde, wenn Sie es genau wissen wollen.«

»Das habe ich nicht gesehen …«

»Meine Rede!«

»Ich werde mich informieren.«

»Gut, erledigt. Wie steht der Kurs, mein Kleiner? Danke.«

So arbeitete Brugnon, in diesem Stadtzentrum, das sich zwischen den anderen Vierteln bewegte wie ein Epileptiker in einem Kreis Schaulustiger, in einem dieser Büros, wo der Geruch trockenen Papiers und kahler Wände den menschlichen Geruch ersetzt hat, dort, wo jeden Tag hunderttausend Menschen, dicht an dicht und undurchlässig übereinandergestapelt, daran arbeiteten, die Waren und Reichtümer anderweitig zu verteilen. An anderen Orten der Welt streckten sich andere ganz ähnliche Gebäude steil in die Höhe, als gälte es, sich von weitem auszuspionieren. Männer, die wie Brugnon waren, machten die gleichen Bewegungen wie er und sprachen in verschiedenen Sprachen, aber sie verstanden sich untereinander über die Sprache des Geldes. Tag für Tag, zur immer gleichen Stunde, sprach Brugnon vor denselben Menschen von denselben Dingen, und wenn ihn jemand gefragt hätte, ob er davon nicht genug habe, hätte er geantwortet: Monsieur, haben Sie etwa genug davon zu leben? Und glauben Sie, dass die Erde genug davon hat, rund zu sein?

Draußen schien die heiße Sonne auf eine kalte Erde. Der schwache und zugleich deutliche Lärm der Straße schlug gegen die Scheiben und wandte sich wie nach einem Gruß im Vorübergehen von dort wieder ab. Wenn man näher kam, erkannte man Menschen, Pferde, Wagen, Gaslaternen und Läden – so verkleinert und verformt, dass man sich fragte, ob ihre wirkliche Gestalt überhaupt die richtige war. Der Eingang zur Metro ähnelte tatsächlich einem Mund, mit einer Treppe, die wie ein Kiefer aussah, eigentlich der Mund der Erde, der tausend Menschen in der Minute verschlang, aber sie kurz darauf wieder ausspie. Ein Stück weiter entsprach die Börse keiner anderen Notwendigkeit als jener, die sie selbst geschaffen hatte. An der Straßenkreuzung stand ein Schutzmann, der von Autos eingekreist war und dennoch nie überfahren würde.

»Nun, meine Herren, gehen wir an die Arbeit. Sie geben mir die Akte Chanoine? Danke. Bis später.«

Als Brugnon wieder mit Poussain allein war, hob er den blauen Bleistift, den er an die Decke geworfen hatte, auf, setzte sich an seinen Schreibtisch und machte sich, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, an die Arbeit. Gegen Mittag rief Simone wieder an, die bei seinem ersten »Hallo?« sofort bemerkte, dass er beschäftigt war und ihr nicht zuhören würde, was nicht zum ersten Mal geschah. Sie ertrug es schwer, dass er sie so zurückwies, doch sie wagte es nicht, sich zu beklagen. Sie war froh darüber, einen sehr beschäftigten Freund zu haben, aber sie ging nicht so weit, es zu mögen, wenn ihm die Arbeit wichtiger war als sie. Eine häufig vorkommende Inkonsequenz. Sie war immer die Erste, die ihn, wenn sie zusammen waren, abwimmelte: Geh an die Arbeit, sagte sie dann, aber sie wollte, dass er fernab von ihr arbeitete. Anderen bei der Arbeit zuzusehen war ein unerträglicher Anblick. Als Brugnon sie eines Tages in der Buchhandlung besuchte, traf er sie in einem düsteren, kleinen Zimmer an. Sie saß an einem mit Papieren überhäuften Tisch und schrieb; daneben stand ein noch kleinerer Tisch mit einer Schreibmaschine. Simones Gesicht war unbeweglich und verschlossen, es zeigte keine der vertrauten Regungen, ja, sie war nicht mehr dieselbe Frau. Brugnon hatte abrupt innegehalten und zu ihr gesagt: »Ich erkenne dich kaum wieder«, ohne dass er gewusst hätte, warum.

»Das liegt an der schlechten Beleuchtung«, hatte Simone gesagt.

»Ja.«

Brugnon hatte nicht zu sagen gewagt, was er dachte, er hatte verlegen gelächelt, dann war Simone ans Telefon gerufen worden, und Brugnon hatte diesen Anblick nicht ertragen können.

»Ich gehe«, hatte er, während Simone noch am Apparat war, mit halblauter Stimme gesagt.

Ihre Augen schickten ihm einen kleinen Abschiedsgruß hinterher, und sie reichte ihm lächelnd ihre freie Hand. Brugnon machte sich davon.

»Bin ich bei der Arbeit auch so? Ist dann mein normales Gesicht auch mit einem anderen überklebt?«

Er hatte nie wieder mit Simone über diese Szene gesprochen, doch in die Buchhandlung hatte es ihn nie mehr gezogen.

Wenn sie mich einmal im Büro besucht, dachte er, werde ich sie anders empfangen.

Dennoch hörte er Simone, wenn sie ihn anrief, nicht zu, sodass sie dachte: Wenn er mich anruft, werde ich ihm zuhören und antworten!

So belogen sie sich gegenseitig und erkauften sich diese doppelte Lüge mit einer neuen, indem sie nie über die Gedanken, die ihnen in den Sinn kamen, sprachen. Sie schwiegen – er aus Vorsicht, sie aus Scham. So erwähnte Simone, als sie an diesem Tag erneut anrief, mit keinem Wort ihre Enttäuschung. Sie wollte nur wissen, was Brugnon am Abend zuvor, nachdem er von ihr gegangen war, gemacht hatte, denn sie fürchtete, dass er an diesem Abend zu einer anderen gegangen war. Natürlich dachte sie nicht, dass er ihr das, wenn er es denn getan hätte, gestehen könnte, aber sie wollte ihn danach fragen. Sie glaubte, an irgendeinem Zeichen, an seiner Stimme oder seinen Worten etwas abzulesen, wie man das oft denkt, weil es manchmal geschieht. Aber sie konnte nichts heraushören, als Brugnon ihr sagte, dass er unverzüglich nach Hause gegangen sei, und sie war enttäuscht, nicht den kleinsten Verdacht vorbringen zu können, doch sie wagte es nicht, irgendetwas zu sagen, und versicherte nur, dass sie glücklich sei. Brugnon erwiderte, dass er das auch sei. Und in der Tat, sie waren glücklich, als sie das Gespräch beendeten.

 

II

Jede Woche flatterte die blassblaue Zeitung des Herrn Louleau auf Brugnons Schreibtisch. Brugnon zerknüllte sie, ohne sie aufzuschlagen, ehe er es dann doch tat und dabei die Falten so gut wie möglich glatt strich und die ihm gewidmeten Zeilen las, bis er sie auswendig konnte. Es hieß über ihn nicht mehr nur, dass er verrückt sei, sondern dass er kurz vor dem Bankrott stehe, oder man warf ihm vor, mit Millionenbeträgen ein deutsches Patent einer verbesserten Rübensaftfilterung umgangen zu haben. Eines Tages schließlich meldete die blassblaue Zeitung, dass er alle seine Geschäftsabschlüsse aufgekündigt habe und bei mindestens einem seiner beiden Bankiers mit zwei Millionen in der Kreide stehe.

Wenig später begab sich Brugnon in Ferien. Er fuhr nach Montélimar, wo er beschlossen hatte, eine neue Raffinerie zu bauen, als Erster in dieser Gegend. Wenn man nichts Neues anpackt, pflegte er zu sagen, wie soll es dann vorangehen? Brugnon, der schon mehrfach vor Ort gewesen war, kehrte nun zurück für einen Probelauf der Maschinen. Es war mitten im Sommer. Glücklich, frei und ausgelastet mit Arbeit, blieb er länger als angekündigt. Als er nach Paris zurückkam, traf er auf unterkühlte, beunruhigte Gesichter. Die Kampagne des Franc-Joueur war fortgeführt worden und stellte Brugnons Abwesenheit als eine Isolationskur oder Flucht dar. Die lügenhaftesten Gerüchte können von den vernünftigsten Menschen geglaubt werden, wenn ihre Interessen im Spiel sind, und wenn Brugnons Freunde oder Feinde vielleicht noch nicht geglaubt hatten, was über ihn geredet wurde, so waren sie doch nicht mehr weit davon entfernt, den Gerüchten Glauben zu schenken. Es ließ sich nicht einmal sagen, ob nicht selbst seine Mitarbeiter von Unruhe befallen wurden. Narbonne hatte Andeutungen gegenüber Poussain gemacht, der darüber gelacht hatte, aber Poussain war kein wirklicher Geschäftsmann. Es braucht nicht viel Zeit, dass aus einer Lüge Wahrheit wird.

Brugnon fühlte zu dieser Zeit einen gewissen Stillstand in seinem Leben. Er hätte das niemandem gegenüber zugegeben, nicht einmal seinem Spiegelbild, wenn er noch gewagt hätte, es zu befragen, doch manchmal widerfuhr es ihm nachts vor dem Einschlafen oder morgens, wenn er nicht mehr so plötzlich wie früher aus dem Bett sprang, dass er insgeheim sein Alter ausrechnete, die Funktionen seines Körpers durch versteckte Bewegungen kontrollierte und sich die großen Pläne, die er geschmiedet hatte, wie ungehorsame Tiere ins Gedächtnis zurückrief. Er war nicht zufrieden und schürfte immer tiefer nach dem versteckten Grund seiner Unruhe, ohne ihn zu finden. Durch Simone wurde er auch nicht schlauer. Sie sprach ihm Mut zu und sagte ihm, dass er nichts zu fürchten habe, aber Brugnon glaubte, dass sie ihn nur aus Liebe beruhigen wolle, was er ihr ein wenig übel nahm.

Simone erriet sehr wohl, was in ihm vorging, schien aber nicht zu verstehen, dass Brugnon ihr weniger Zärtlichkeit entgegenbrachte, weil sie ihn ein wenig zu sehr verachtete. Sie sahen sich fast jeden Abend, aber sie begleitete ihn nie mehr in seine Wohnung. Bei jedem Abschiednehmen fühlten sie sich beide enttäuscht, und jeder stellte bei sich selbst eine Traurigkeit fest, die der andere nicht verstanden hätte.

Eines Abends waren sie in das Kabarett Crabe gegangen, Poussain an ihrer Seite. Meistens lehnte es Simone ab, Etablissements dieser Art aufzusuchen, und vergaß dabei, dass sie, sobald sie einen Fuß dorthin gesetzt hatte, zur glücklichsten Frau wurde. Doch vielleicht war sie gerade deshalb so zurückhaltend; es gibt Frauen, die jedes Vergnügen fürchten. Brugnon hingegen liebte dieses Schauspiel nach Arbeitstagen, die zu abrupt geendet hatten, während Poussain Nacht für Nacht in Bars oder Tanzlokalen zugebracht hätte, wenn er jeden Abend einen ausreichend vermögenden Freund und Begleiter gefunden hätte. Er trank und tanzte gern, und er liebte es, sich umzusehen. Er arbeitete nie besser, als wenn er für den Abend diese Art Belohnung erwarten durfte. An solchen Tagen bereitete er in allen seinen Taschen eine große Zahl Fünf- und Zehn-Francs-Scheine für die Trinkgelder, Farbkugeln, Luftschlangen und Garderobenmarken vor.

Simone tanzte nicht. Sie liebte es vor allem, sich den Luxus anzusehen, ohne jeden Anflug von Neid. Brugnon beobachtete ebenfalls, hörte zu und trank wenig. Poussain begeisterte sich an allem, am weißen Tischtuch, am Frack der Oberkellner, an den Frauenbeinen, den aufgeschnappten Gesprächen in der Toilette, am Champagner und am Tanz. Manchmal stand er auf, knöpfte seinen Smoking zu, forderte, da Simone ja nicht tanzte, die eine oder andere auf, kehrte zurück und tupfte sich die Stirn ab.

Auf dem Tisch standen zwei Flaschen Champagner und ein gefüllter Aschenbecher. Simone, Brugnon und Poussain unterhielten sich vergnügt. Außerhalb der Arbeit verlor Brugnon kein Wort über die Arbeit, nicht aus einem Gefühl des Gleichgewichts heraus, sondern weil er tatsächlich alles vergaß. Für ihn zählten nur der Augenblick und der Ort, an dem er sich gerade befand. Er bewunderte die runde Tanzfläche, die von einer Art Balkon eingerahmt war. Dort waren Tische arrangiert, geschmückt von Frauen in glänzenden Toiletten. Paare tanzten, je nach Charakter der Akteure, mit so unterschiedlichen Bewegungen, dass man sich fragte, ob sie wirklich derselben Musik folgten. Manchmal flog eine leichte Kugel auf den Tisch, und wenn man Ausschau hielt, wer sie geworfen hatte, erblickte man eine Frau mit frechem Gesichtsausdruck, die nun ein Lächeln hinterherschickte, oder einen älteren, ernsthaften Herrn, der einen Clownshut aus Papier auf dem Kopf hatte. Mal schickte Brugnon, mal Simone ein Kügelchen zurück; das Spiel dauerte ein paar Augenblicke, dann war es vergessen. An der Bar, die sich im hintersten Teil des Saals befand, schlossen Männer im Sakko und Frauen, die nur ein Kleid besaßen, Bekanntschaft und tranken etwas zusammen. Eugène, der Barkeeper, ein großer, magerer Junge, verzog keine Miene, blieb kühl und korrekt; nur an seinen trüben, feuchten Augen sah man, dass auch er betrunken war. Unter seinem Mahagonitresen reihten sich – an Nägeln baumelnd und mit einem Schild versehen – dreizehn Taschenuhren, die man bei ihm in Zahlung gegeben hatte. In einer Schublade zur Rechten lagen Zigarettenetuis, Krawattennadeln und Ringe, doch er verkaufte niemals etwas davon. An der Bar saßen mehrere Betrunkene; Eugène reichte ihnen von Zeit zu Zeit ein Glas mit Vichy-Wasser, dem er, um die Trinker hinters Licht zu führen, eine gefärbte Flüssigkeit beimischte.

»Schmeckt es?«, fragte er.

»Ja, das tut gut. Und was nehmen Sie?«

Eugène nahm einen Apéritif, denn es war vier Uhr morgens, und um sechs frühstückte er.

»Vier Uhr! Wir müssen gehen«, rief Simone.

Es war so klar, dass Brugnon die Rechnung übernahm, dass die beiden anderen nicht einmal diskret den Kopf abwenden mussten.

»Sie wohnen ja im hintersten Winkel, mein armer Junge«, sagte Brugnon zu Poussain, als der Wagen über die Seine fuhr.

»Stimmt«, sagte Poussain, »aber ums Eck gibt’s gleich einen Eisenwarenhändler.«

Sie setzten ihn in einer kleinen Straße unweit des Jardin des Plantes ab, wo er zwei mit Diwans und schweren Stoffen möblierte Zimmer bewohnte.

Sobald sie allein im Wagen zurückgeblieben waren, sah Brugnon Simone mit jenem verlegenen, schüchternen Gesichtsausdruck an, den er immer hatte, wenn er sich von ihr trennte. Zwischen ihnen baute sich dann eine unsichtbare, unüberwindbare Grenze auf.

»Wohin gehst du jetzt?«, fragte Brugnon.

»Oh, um diese Zeit!«, sagte sie mit einem vorwurfsvollen Ton in der Stimme.

»Du gehst morgen früh zur Arbeit?«

»Wie immer.«

»Du könntest ein wenig später aufstehen …«

Brugnon traute sich nicht, sie anzusehen. Die Hand am Steuer, den Fuß auf dem Gaspedal, beugte er sich etwas nach vorne und wartete starr auf ihre Zurückweisung. Simone saß gegen ihn gelehnt in ihrem Pelzmantel, der so weit geschnitten war, dass Brugnons Arm ihn leicht eindrückte. Über den Autoscheiben zogen sich zwei kalte Lichterketten und schwarze Häuserfronten, während am Horizont drei Streifen in Rosa, Gelb und Grün das Morgengrauen ankündigten. Keiner von ihnen wagte es zu sprechen. Neben sich spürte Brugnon Simones Körper, der so weich wie beim Aufwachen und so warm wie beim Einschlafen war. Um fünf Uhr morgens ist der Mensch schwach gegen sich selbst. Dennoch dachte Brugnon nicht daran, Gewalt anzuwenden. Er war voller Verlangen, zitterte ein bisschen und wusste, dass er es nicht wagen würde, um irgendetwas zu bitten. Es lag an Simone; er hörte gewissermaßen, wie sie an seiner Seite nachdachte, und erriet ihre Gedanken: Ich werde weiter ablehnen, weil ich ablehnen muss, und er wird es nicht verstehen. Warum immer das verlangen, was ich ihm nicht geben kann? Wenn ich ihm schon sonst alles gebe, könnte er wenigstens dieses Opfer bringen. Aber ich habe den Mut, nein zu sagen.

In einem leichten Ton, der aber keinen von beiden täuschen konnte, sagte sie: »Wie? Ausgerechnet du bittest mich, später aufzustehen? Und was ist mit meiner Arbeit? Wo du es so gern hast, wenn man viel arbeitet!«

Brugnon erwiderte nichts. Er biss sich auf die Lippen, atmete schwer und fuhr mit hoher Geschwindigkeit los. Gern wäre er, die Hände tief in seinen Hosentaschen vergraben, auf und ab gegangen. Stattdessen umklammerte er das Lenkrad und biss gleichzeitig die Zähne krampfhaft zusammen. Ja, dachte er, es stimmt ja, ich mag es, wenn sie früh aufsteht und keine Müdigkeit zeigt. Und warum verlange ich von ihr, darauf zu verzichten, wenn ich derartigen Gefallen daran finde? Sie hat recht. Aber wieso hat sie recht? Sie wird mich immer zurückweisen und immer recht haben. Was versteht sie, diese schöne, kluge Frau, diese Frau, die ich liebe und die mich liebt, unter Liebe, wenn sie sich in dem Moment, da ich sie besitzen will, entzieht und mich allein lässt? Sie wird gleich etwas sagen, sie wird als Erste etwas sagen. Sie weiß nicht, wie ich leide. Was wird sie mir gleich sagen? Jedes Wort wird mich verletzen. Ich nehme ihre Gleichgültigkeit hin, weil ich sie liebe, wenn sie mir nur wenigstens keine Vorwürfe macht. Sie wird sich beklagen, sagen, dass ich fordernd und verbissen bin. Wenn sie nur um alles in der Welt schwiege! Wenn sie nur Ruhe gäbe, weil sonst meine Traurigkeit sich in Wut verwandeln und auf sie herabstürzen wird, das weiß ich. Meine Hände sind weiß, weil ich das Lenkrad so fest umklammere, ich bin kaum noch Herr meiner Bewegungen, und in meinem Mund drängen Worte nach vorne, die ich schwerlich zurückzuhalten vermag. Sei still, sei bloß still, und wir sprechen nicht mehr davon …

Simone beugte sich zu Brugnon hinüber. Sie las alles in seinem Gesicht und verstand seine Gedanken ein wenig. Sie wusste nur nicht, was sie ihm sagen sollte, denn um Brugnon sein Schweigen und diese traurige Wut, die er zeigte, zu verzeihen, musste sie ganz entfernt für ihn nach Entschuldigungen suchen, die sie in ihrem Herzen nicht fand und die sie kaum verstand. Also doch, dachte sie, der Mann, den ich liebe, ist ein Mann wie jeder andere.

Sie kam ihm näher.

»Bist du mir sehr böse?«

»Nein«, presste er hervor.

Sie entwand sich ihm.

»Doch, du bist mir böse. Du verstehst mich nicht.«

»Ich verstehe dich sehr gut«, sagte Brugnon mit sanfterer Stimme, »ich bin nur ein wenig enttäuscht.«

»Das musst du nicht sein«, sagte sie und wandte sich ihm wieder zu.

»Es wird vorübergehen. Aber ich bitte dich, mir wenigstens nicht zu nahe zu kommen. Das darfst du mir nicht übelnehmen.«

»Das tue ich nicht.«

Simone entfernte sich großmütig von Brugnon. Sie gab sich alle Mühe, ihn zu verstehen, und fast gelang es ihr auch. Als der Wagen vor Simones Haustür hielt, umarmten sie sich, doch Simone entzog sich rasch. Der Himmel klarte bereits auf; Autos fuhren vorbei.

»Um acht Uhr muss ich aufstehen.«

»Großartig!«, sagte Brugnon zu ihr, und als er wieder losfuhr, winkte er Simone zum Abschied zu. Er lächelte nun, beinahe stolz, ohne zu wissen, worauf, und das Verlangen, seine Freundin bald wiederzusehen, kämpfte in ihm mit dem Bedürfnis zu schlafen.

Als Simone in ihrer Wohnung war, fragte sie sich in dieser Betäubung, die der zurückgehaltene Schlaf auslöst, ob der enttäuschte Brugnon den Rest der Nacht wohl bei einer anderen Frau verbringen würde. Einen solchen Verrat hätte sie, da körperlich, mehr verabscheuen müssen als jeden anderen, doch sie akzeptierte ihn. Sie hatte begriffen, dass sie Brugnon verlieren würde, wenn sie darauf bestünde, ihm zu verbieten, das, was sie ihm verweigerte, anderswo zu suchen, und sie hatte begriffen, dass sie ihm das nicht geben konnte. Das Recht, über seinen eigenen Körper zu verfügen, das man am häufigsten dann anführt, wenn man sich nach Belieben jemandem hingibt, war für sie das Recht, sich niemandem hinzugeben, nicht einmal dem Mann, den sie liebte. Sie wunderte sich selbst über ihre Gefühllosigkeit, die aber keine Kälte war. Wie jede andere Frau war sie der Zuwendung fähig, doch sie wusste nicht, was Verlangen war. Sie hatte aus ihrem Körper nie eine Freude gezogen, und sie verachtete ihn, den alten, ehrwürdigen Gedanken auf die Spitze treibend, dass das Fleisch der Ort des Dämons sei, den es zu beherrschen und zu verfluchen gelte.

Trotzdem liebte sie Brugnon. Sie hätte für ihn wohl mehr als jede Geliebte getan. Sie dachte den ganzen Tag an ihn und erwartete ihn wie einen Liebhaber. Sie empfand sogar eine heimliche Freude, die sie nicht erklären konnte, dass man sie für seine Geliebte oder seine Frau hielt. Tief in ihrem Herzen fühlte sie sicher einen Stolz, den einzugestehen sie nicht wagte; ja vielleicht bestand ihr Stolz feigerweise darin, diesen starken Mann zu beherrschen und ihm ohne Gegenleistung ständig Anweisungen zu geben. Doch an dieser Stelle hielt sie inne … Ohne Gegenleistung? Sie verstand nicht, dass das Geschenk des Körpers in den Augen der Welt einen so hohen Preis besaß, den einzigen wirklichen Preis. Wut ergriff sie. Früher, als der zurückgewiesene Brugnon ihr noch sagte: Du liebst mich nicht, fragte sie sich, ob er wirklich so töricht wie die anderen war und ob sie ihm nicht, um ihn zu bestrafen, sogar das entziehen musste, was sie ihm gab: ihre Liebe. Doch nach und nach hatte Brugnon verstanden, oder er sagte zumindest nichts mehr zu Simone. Diese dachte beim Einschlafen an all diese Dinge und suchte in sich selbst nach den Spuren ihrer Liebe. Trotz der vergnüglichen Nacht, der Erregung durch den Wein und der Wärme ihres Bettes fand sie nichts außer einer leichten, angenehmen Mattigkeit, in die sie die Gedanken an Brugnon einschloss, an sein Gesicht, seine Kraft und seine Weichheit, an die sie, während sie die Augen zumachte, mit Liebe und mit einer ihr eigenen, wahrhaftigen Zärtlichkeit dachte. Und sie dachte, schon viel nachgiebiger und der Wahrheit näher, dass er ein guter Mann sei, wenn er sie trotzdem so liebe. Dann gab sie ihrem Kopfkissen einen freundschaftlichen Klaps; eine andere Frau hätte es in die Arme genommen.

Brugnon war eingeschlafen, während er an Simone dachte, er träumte aber nicht. Nachdem er wenig später zur gleichen Zeit wie immer von selbst aufgewacht war, ging er in sein Büro, wo ihn Poussain erwartete.

»Guten Morgen, Chef. Gut geschlafen?«

»Und selbst?«

»Ich habe vier Wecker, die ich im Abstand von fünf Minuten klingeln lasse. Beim dritten bin ich heute aufgewacht. Ich erinnere mich an einen Tag, als ich keinen von ihnen gehört habe. Was meine Schuld war, denn ich war um zehn Uhr schlafen gegangen.«

Er aß Schokolade. Seine Gesichtsfarbe war grau, seine Augen müde.

»Erinnern Sie sich an diese Frau gestern Abend, die mit dem Chinesen getanzt hat?«

»Sagen Sie schnell, mein Guter, haben Sie mir Lévys Brief nicht gegeben? Das ist nicht sehr gewissenhaft, das alles.«

An diesem Tag informierte Poussain, der das Papierband, das sich aus dem an der Wand befestigten Kasten wand, überwachte, Brugnon über die ersten Kursbewegungen, die sich in immer größere Höhen schraubten. Es war der Tag, an dem sich die Nachricht von Albertis Bankrott verbreitete, Brugnons unmittelbarem Konkurrenten, und es war der Tag, als in Montélimar die neue Raffinerieanlage ihren vollen Betrieb aufnahm. Es sind die kleinen Umstände, die den anderen fast gleich sind und deren materielle Realität man zuerst nicht wahrnimmt, durch die sich die großen Ereignisse vorbereiten. Dann kommen andere Umstände hinzu wie die Spähtrupps einer Armee. Das Ereignis bahnt sich von fern seinen Weg, man spürt es jeden Tag näherrücken, man hört jetzt seinen Schritt. Man muss nicht losgehen, um ihm zu begegnen, sondern bereit sein und es erwarten.

Brugnon wartete mehrere Monate lang. Zur gleichen Zeit, als sich das Ereignis in der Ferne abzeichnete, bildete es sich in Brugnon heraus, in seinem Denken und in seinen Handlungen, die auszuüben er bereit war. Er spürte, dass er wachsen würde, dass er endlich gegenüber seinem Vater recht behielte und dank seiner Leistung das Haus Brugnon bald etwas anderes als in der Vergangenheit darstellen würde. Jeden Morgen war er um acht Uhr an seinem Platz, und abends ging er spät nach Hause. Einmal, als ein Telegramm erwartet wurde und ein Rundschreiben an alle Geschäftspartner verschickt werden musste, war er bis drei Uhr morgens im Büro geblieben. Er hatte die Briefe höchstpersönlich eingeworfen und anschließend mit Poussain und Quellemaleur in einer Kneipe in den Halles ein Omelette gegessen und Weißwein getrunken. Kaum noch hatte Brugnon Zeit, Simone zu sehen, was diese verstanden und nicht übelgenommen hatte. Sie wartete, bis wieder Ruhe einkehrte. Um zu zeigen, dass sie an allem Anteil nahm, schickte sie Poussain eine Schachtel Schokolade.

»Ich werde Simone in Ihrem Namen danken«, sagte Brugnon, »und ihr sagen, dass Sie stark beansprucht sind.«

Wenn man Brugnon damals begegnete, hatte er nicht diese wichtige, beschäftigte Miene der zweitrangigen Geschäftsmänner, die, ihre vollgestopfte Tasche unter den Arm geklemmt, vor Hektik aufstöhnen, wenn sie von einem sensationellen Treffen zu einem höchst wichtigen Mittagessen eilen. Brugnon wirkte nur angespannt, und er redete viel, immer von unwichtigen Dingen.

Quellemaleur ging auf dem Zahnfleisch. Mehrmals hatte er endlich die Gelegenheit gehabt, den Federhalter, der hinter seinem Ohr steckte, zu benutzen. In Zeiten wie diesen, da viel los ist, erkennt man, sagte sich Brugnon, die weitsichtigen Mitarbeiter. Narbonne verspürte mit einem Mal Schmerzen auf der linken Bauchseite und beglückwünschte sich selbst, so viel zu arbeiten trotz seiner Sorgen. Denn der Schmerz saß, so führte er aus, genau auf der Höhe des Blinddarms, wenn auch auf der linken Seite … Das Wort Blinddarm ermutigte ihn, sich selbst noch mehr zu bewundern. Comte lief durch die ganze Stadt, von Bank zu Bank, von Notar zu Anwalt. Colleton tätigte zwanzig Anrufe in der Stunde, und alle anderen, vom Ersten bis zum Letzten, spürten, dass sich in dem Haus, dessen Sklaven sie waren, etwas anbahnte, und gaben ihr Bestes, indem sie ihre Kräfte mobilisierten und ihre Karteikarten und Briefkopien besonders gut führten. Selbst der kleine Laufbursche begleitete die Besucher mit einer ungeahnten Feierlichkeit, als wäre jeder von ihnen der Überbringer des erwarteten Ereignisses gewesen.

Brugnon begnügte sich wie alle Chefs damit, über alles Bescheid zu wissen. Das Metier des Chefs ist einfach und schwierig zugleich, abhängig von der jeweiligen Einschätzung. Die Untergebenen halten es für einfach, obwohl es ihnen schwerfiele. Die Chefs wiederum halten es für schwierig, während es ihnen leichtfällt. Brugnon stellte sich keine solchen Fragen und gab allen Anweisungen, bei sich selbst angefangen.

Dann trat das Ereignis ein, allerdings durch die Hintertür und ohne Glanz. Da es auf den Anstrengungen mehrerer Monate beruhte, gelangte es nicht als ganz frisches, vollständiges, geschlossenes Ergebnis auf Brugnons Schreibtisch, das man mit allen hätte teilen können. Es handelte sich lediglich um eine Abfolge von Ereignissen – in Form von Briefen, Unterredungen, Schecks, Berichten –, die Schritt für Schritt langsam die Firma veränderten und die Existenz jedes Einzelnen. Brugnon wurde mächtiger und reicher. Trotz Narbonnes Rat zur Vorsicht mietete er – vermutlich des Vergnügens wegen, seine Macht zu vergrößern – eine weitere Etage in dem Gebäude, wo sich seine Büros befanden, hinzu, die sechste. Für Simone kaufte er einen Ring.

Zur selben Zeit schrieb Monsieur Louleaus blassblaue Zeitung, dass der Wohlstand des Hauses Brugnon auf Sand gebaut sei und dass es – ohne an den zweifelhaften Geisteszustand seines Direktors zu erinnern – genüge, die Bilanzen zu studieren, um zu begreifen, dass die Inbetriebnahme der Raffinerie in Montélimar der Versuch sei, das große Defizit der alten Fabrikanlagen auszugleichen. Darüber würden üble Gerüchte kursieren, über die man die Leser selbstverständlich auf dem Laufenden halten werde. Da Louleau Brugnon geschrieben hatte, dass er ihn gern treffen würde und ihm ein sicher interessantes Geschäft vorschlagen wollte, machte Brugnon, der sich bereit fühlte, wem auch immer zu antworten, einen Termin mit ihm aus.

Am Tag des Treffens mit Louleau, so hatte Brugnon versprochen, werde man an einem schönen Spektakel teilnehmen. Alle Mitarbeiter standen Gewehr bei Fuß, um in Brugnons Büro zu kommen, sobald er sie riefe. In Erwartung der Begegnung hatte Brugnon auf seinem Schreibtisch mehrere Ausgaben des Franc-Joueur ausgebreitet.

Louleau kam in Begleitung eines großen schwarzhaarigen Mannes mit Bart. Louleau selbst war klein und nachlässig gekleidet. Aus seinen Manteltaschen quollen so viele Zeitungen, dass diese ihn am Gehen zu hindern schienen. Aus seinem gräulich schimmernden Anknöpfkragen ragte ein rotfleckiger, magerer Hals hervor, auch sein Gesicht war rot, zerfurcht und von einem vom Tabak gelb gefärbten Schnurrbart zerteilt. Seine von einem Rot und einem verwaschenen Blau gesäumten Augen schwammen im trüben Dunst, sodass man auf den ersten Blick nicht genau erkannte, ob er schielte, halbblind oder betrunken war.

So präsentierte sich Louleau dem Laufburschen. Aus seinem Büro hörte Brugnon laute, derbe Stimmen. Louleau gab an, dass der Direktor da sei, da sein müsse und dass er auf jeden Fall auf diesen Simulanten, der wohl immer als Letzter komme, warten würde. Doch er musste nicht warten, Brugnon empfing ihn umgehend. Louleau trat mit seinem Begleiter ein.

»Ja, mein Herr?«, fragte Brugnon, ohne aufzustehen.

»Monsieur Brugnon«, erwiderte Louleau, der mit ausgestreckter Hand näher kam, »sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, ich stelle Ihnen Monsieur Djobbé vor, meinen Teilhaber.«

Brugnon versuchte einen ausgedehnten Augenblick lang, Louleaus ausgestreckte Hand nicht zu sehen. Aber jemandem, der sich geschworen hat, einem die Hand zu schütteln, ist auf Dauer schwer zu entkommen. Brugnon gab sich zumindest alle Mühe, es mit so wenig Körperkontakt wie möglich hinter sich zu bringen, doch Louleau umschloss Brugnons Hand und schüttelte sie. Als das vorüber war, wiederholte sich die Szene mit Poussain. Monsieur Djobbé begnügte sich damit, eine tiefe Verbeugung zu machen und vor sich hin zu brummen.

»Monsieur Djobbé spricht wenig Französisch, aber er versteht es«, sagte Louleau und ließ sich in einem Sessel nieder.

»Ich sehe, mein Herr, dass Sie diese kleine Zeitung, an der ich beteiligt bin, verfolgen. Trotz ihres bescheidenen Formats stellt sie sicher das bestinformierte Blatt der ganzen Zuckerindustrie dar und vor allem …«

Sobald dieser ärmliche, abstoßende kleine Mann zu sprechen begann, blühte er auf und erhob sich zu einer gewissen rhetorischen Größe, die zwar etwas Clowneskes hatte, aber nicht ohne Schönheit war. Er verfügte über eine sonore Stimme, die wohlklingend war trotz einiger jäher, der Angst oder dem Alkohol geschuldeter Aussetzer. Sein fliehender Blick beruhigte sich; seine rauen, behaarten Hände machten ausladende Bewegungen, zogen aus einer Tasche eine Zeitung, aus einer Brieftasche einen Brief hervor und spielten mit einem Bleistift. Mal legte er Zorn, mal Herzlichkeit an den Tag, mal sprach er Brugnon als »Herr Direktor«, mal als »Mein lieber Freund« an, und in regelmäßigen Abständen fügte er seiner Rede ein »Da stimmen Sie mir sicher zu« hinzu. Er sagte ständig »nichtsdestotrotz« und benutzte viele unflätige Wörter. Während seine Manteltaschen auf beiden Seiten wie zwei Papierkörbe bis zu den Knien herunterhingen, erläuterte er die Verdienste des Franc-Joueur.

»So gut unterrichtet und so gut dokumentiert dank der besten Quellen, dass jedes Haus am Platz sich ohne Zögern daran beteiligt. Zuerst bat uns das Haus Alberti – ehe es in den vergangenen Monaten Schwierigkeiten bekam – um Rat, und wenn wir unglücklicherweise das Unausweichliche nicht verhindern konnten, so dürfen wir uns doch damit rühmen, für eine Woche alle Panik zurückgehalten zu haben. Ausgerechnet im Departement Drôme, wo Sie, glaube ich, Beteiligungen haben, habe ich mich erst neulich der Frage angenommen, ob Zucker …«

Er senkte leicht die Stimme, während er zur Tür blickte, und schob seinen Sessel näher zu Brugnon heran. Der bewegte sich nicht und nestelte an einer der blassblauen Zeitungen. Plötzlich griff er nach dem Haustelefon und drückte mehrere Tasten. Einen Augenblick später rief Narbonne an und bat Poussain zu sich.

»Gut«, sagte Louleau, »das ist besser so. Man hat mir dort – ohne mich mit einer Silbe zu erwähnen – von einer neuen Raffinerie erzählt, die die Rüben aus der Region verarbeiten soll. Die Idee ist interessant, doch unglücklicherweise ist der Zuckergehalt dieser Rüben – den Analysen des städtischen Labors von Valence zufolge – um acht Prozent niedriger, da sie auf einem Terrain wachsen, das für diesen Anbau noch nicht optimal entwickelt ist. Das führt dazu, dass der dort raffinierte und dem Kunden als angeblicher Kristallzucker verkaufte Zucker …«

Er redete noch einen Augenblick lang weiter, in diesem vertraulichen Tonfall, doch Brugnon hatte sich erhoben und ging im Büro auf und ab. Ein langes Schweigen setzte ein, das Brugnon nicht unterbrach.

»Moment!«, rief Louleau und wühlte in seiner Brieftasche. »Das ist das Merkwürdigste an der ganzen Sache. Vor vier Monaten hat der Raffineriebesitzer, um den es geht, den Zuschlag erhalten, das 15. Armeecorps zu versorgen, und entsprechend geliefert. Nach mehreren Ruhrerkrankungen in Marseille und Istres hat man das toxikologische Institut in Aix mit einer Analyse beauftragt. Zufälligerweise habe ich eine Kopie des Berichts bei mir, der in dieser Sache an die allgemeine Versorgungsstelle ging. Der Bericht ist eindeutig, und seine Schlussfolgerungen sind gravierend. Welche Auswirkungen die Angelegenheit, deren Ende noch nicht abzusehen ist, haben wird, weiß ich nicht. Der Bericht ist zehn Tage alt; ich besitze ihn seit fünf Tagen. Sie sehen, es ist genau der richtige Moment, dass wir uns kennenlernen.«

Brugnon hielt inne. Er sah Louleau einen Augenblick lang an und streckte seine Hand aus. Louleau faltete den Bericht wieder zusammen und steckte ihn in seine Brieftasche zurück. Brugnon nahm an seinem Schreibtisch Platz und sah sich von einem großen Zorn gepackt, den er mit aller Macht zurückhielt. Er fragte sich, wie er sich so lange beherrschen konnte, Louleau nicht an den Hals zu gehen. Schließlich machte er den Mund auf: »Darf ich fragen, um wen es sich dabei handelt?«

»Ich kenne keine Namen«, erwiderte Louleau leichthin, »und ich erwähne dieses Beispiel Ihnen gegenüber nur, um Ihnen zu beweisen, wie genau unsere Informationen sind. Da werden Sie mir zustimmen.«

»Ich stimme Ihnen zu. Könnten Sie mir den Bericht zeigen, den Sie gerade in der Hand hielten?«

Louleau ließ das Papier sehen, aus der Ferne, faltete es aber erneut zusammen und legte es in seine Brieftasche zurück, sobald Brugnon sich anschickte, näher zu kommen. Er reichte seine Brieftasche sogar an Monsieur Djobbé weiter, der keinen Ton gesagt hatte und aus Holz zu sein schien. Monsieur Djobbé griff nach der Brieftasche und verstaute sie in seinem Jackett.

Ein paar Meter entfernt warteten Narbonne, Colleton, Comte und Quellemaleur darauf, dass Brugnon sie rief. Sie hatten sich gegenseitig versichert, bald einem herrlichen Schauspiel beizuwohnen, und lachten schon im Voraus, voller Bewunderung für ihren Chef. Als Poussain zu ihnen stieß, wunderten sie sich ein wenig, dass Brugnon mit Louleau hatte allein sein wollen, und warteten ab. Sie hatten sich alle in Comtes Büro versammelt und vertrieben sich die Zeit mit Gerede. Die Angelegenheit schien sich überhaupt nicht so zu entwickeln, wie sie gedacht hatten, weshalb sie ein wenig besorgter waren, als die dachten.

»Was ist das für ein Typ?«, fragte Narbonne.

Poussain beschrieb ihm Monsieur Louleau.

»Den kenne ich!«, rief Colleton. »Er ist einäugig, oder?«

»Nein, nicht wirklich, aber er hat irgendetwas mit den Augen.«

»Das ist er! Ich erinnere mich jetzt an den Namen. Ich hatte vor mindestens zehn Jahren mit ihm zu tun. Er hat mit Diamanten gehandelt und soll früher Kellner gewesen sein.«

»Worüber wurde gesprochen, als Sie gingen?«

»Über nichts Besonderes«, erwiderte Poussain diskret.

Sie plauderten noch alle fünf in Comtes Büro, als sie im oberen Stockwerk, im Aquarium, laute Stimmen und schnelle Schritte hörten. Kurz darauf schlugen Türen zu, und Brugnon raste wie ein Schnellzug in das Büro. Er war blass und fürchterlich zornig.

»Monsieur Narbonne!«, rief er. »Gerade komme ich aus Ihrem Zimmer: keine Menschenseele! Und auch in Monsieur Colletons Zimmer treffe ich niemanden an. Glauben Sie, dass ich Sie dafür bezahle, dass Sie die Sache Zigaretten rauchend in irgendeinem Winkel besprechen? Lassen Sie uns fünf Minuten in Ruhe mit Ihrer Schokolade, Sie!«, schrie er Poussain an. »Wir sind hier keine Konditorei. Das muss sich alles ändern! Ich rate Ihnen, Monsieur Narbonne, ein Stockwerk nach oben zu gehen, dort werden Sie sehen, wie man die Arbeit erledigt, auch wenn man sich für sie nicht interessiert. Und was ist das für ein Papierkorb da? Seit zwei Wochen wurde der nicht geleert. Würden Sie bitte notieren, dass man unverzüglich den Laufburschen entlässt? Ist das da Ihr Zeug, Monsieur Comte?«

Mit einem Handstreich verstreute er im ganzen Zimmer alle Papiere, die auf Comtes Schreibtisch lagen.

»Wenn Sie Lust auf Unordnung haben – die kann ich Ihnen geben! Und Sie, Monsieur Poussain (er wandte sich an Poussain), verschwinden in mein Zimmer, dort ist Ihr Platz. Sie, Monsieur Colleton, rufe ich gleich; ich habe Ihnen ein paar Worte zu sagen.«

Er schnitt seine Sätze mit Verwünschungen und Ausrufen ab, verlor die Beherrschung und erbleichte. Schließlich ließ er sich in einen Sessel fallen und fing, während er mit der Faust auf den Tisch hieb, erneut an zu schreien. Jeder war in sein Zimmer zurückgegangen. Nur Comte blieb allein zurück und bekam die letzten Schläge ab, während er den Kopf senkte und nicht wagte, auch nur seine Papiere aufzulesen. Darunter befanden sich zwei, die übereinanderlagen und die völlig unterschiedliche Vorgänge betrafen. Dieses Spektakel war ihm unangenehm. Endlich stand Brugnon auf und ging in sein Büro. Im Vorzimmer sah er den Laufburschen, der eine blaue Zeitung las. Brugnon entriss sie ihm und gab ihm eine Ohrfeige. Seine Hand zitterte. Als er sein Zimmer betrat, warf er die Tür mit großer Kraft hinter sich zu, fing sie aber in dem Moment, da sie zuschlagen wollte, plötzlich ab und schloss sie sanft.

»Es lohnt sich nicht, Türen kaputtzumachen, nur weil man wütend ist«, sagte er kühl zu Poussain.

Nach und nach beruhigte er sich, das heißt, er schrie nicht mehr, sah aber immer noch sehr blass aus. Kurz vor Mittag verließ er sein Büro, was er wohl noch nie zuvor getan hatte.

Am nächsten Tag reiste er in Begleitung von Narbonne nach Marseille. Niemand wusste, was es mit dieser überstürzten Reise auf sich hatte, jeder dachte, dass alle anderen besser informiert seien, hoffte, etwas in Erfahrung zu bringen, und tat so, als wüsste er Bescheid oder ahnte zumindest etwas. Da aber alle das gleiche Spiel spielten, gelang es keinem, das der anderen zu durchschauen. So blieben sie Seite an Seite, ohne ein Wort zu verlieren, auf der Lauer, zögernd wie zwei Polizisten, von denen jeder den anderen für einen verkleideten Dieb hält. Vor allem Poussain hatte man im Verdacht, unterrichtet zu sein, da er zum Teil der Unterredung von Brugnon mit Louleau beigewohnt hatte. Doch Poussain wusste nichts.

Selbst Louleau schien ahnungslos zu sein, als er am Tag der Abreise zu Brugnon kam. Er sah unverändert heruntergekommen aus. Die Zeitungspakete, die seine Taschen ausbeulten, schienen noch größer geworden zu sein, und er trug unter dem Arm eine Kunstledertasche, die voller weißer Risse war. Djobbé, riesig, stumm, begleitete ihn wieder. Louleau weigerte sich, von irgendjemand anderem als von Brugnon empfangen zu werden, und als man ihm beibrachte, dass dieser außer Haus sei, blieb er ruhig im Vorzimmer sitzen. Ohne recht zu wissen, warum, hatte ihm keiner sagen wollen, dass Brugnon Paris verlassen hatte.

»Gut, dann warte ich«, hatte Louleau erwidert.

Er war bis nach der Mittagspause geblieben und hatte dann, als er um zwei Uhr zurückgekommen war, gewartet, bis kurz vor acht der letzte Angestellte, Quellemaleur, Feierabend machte. Da sagte er sanft: »Ist Monsieur Brugnon immer noch nicht gekommen?«, und setzte ein so liebenswürdiges Lächeln auf, dass Quellemaleur davon ganz überrascht war.

»Und Sie denken nicht, dass er heute noch kommt?«

»Ich denke es nicht.«

»Um 19.13 Uhr kommt noch ein Zug an«, sagte Louleau.

»Oh«, sagte Quellemaleur, »Monsieur Brugnon nimmt immer den Nachtzug.«

»Ich danke Ihnen.«

Quellemaleur begriff, dass er zu viel ausgeplaudert hatte, und da seine Gewissensbisse so stark waren, vermochte er nicht, als er nach Hause kam, ein Abendessen zu sich zu nehmen, er ging sofort ins Bett und schlief die ganze Nacht nicht. Er war einer dieser ungeschickten Männer, deren größte Tugend die Härte ist, mit der sie ihre eigenen Fehler verdammen. Es sieht so aus, als müssten sie sie begehen, um sie in der Folge zu bereuen.

Am folgenden Tag kam Louleau nicht wieder, doch gegen Mittag entdeckte Comte ihn in einem Café, von dem aus man die Eingangstür zu den Büros überwachen konnte. Zusammen mit Djobbé trank er mehrere Aperitifs. Im Büro hielt das Unverständnis an, und man versuchte herauszufinden, warum sich Brugnon in Marseille aufhielt. Poussain rief sich in Erinnerung, was er von dem Gespräch mit Louleau verstanden hatte … Brugnon hat mich hinausgeschickt, mutmaßte er, als der andere auf die Raffinerie in Montélimar zu sprechen kam. Mehr weiß ich nicht. Und er ist nach Marseille gefahren. Das sind dürftige Erkenntnisse. Es ist unmöglich, dass niemand vom wahren Ziel dieser Reise Kenntnis hat. Quellemaleur muss etwas wissen … Und Poussain ging zu Quellemaleur, der sich über den Besuch freute und hoffte, endlich unterrichtet zu werden.

Am Abend kam ein Telegramm von Narbonne, das verschiedene Angelegenheiten betraf, die durch seine Abwesenheit unerledigt geblieben waren. Es war in Toulon aufgegeben worden. Mehr war nicht in Erfahrung zu bringen, und mehr erfuhr man auch am übernächsten Tag nicht, als Brugnon und Narbonne zurückkehrten. Vor allen anderen kamen sie direkt von der Gare de Lyon noch ganz rußbefleckt ins Büro. Nichts in ihrem Auftreten ließ vermuten, dass irgendetwas Wichtiges geschehen war. Es war nicht einmal von ihrer Reise die Rede. Narbonne gab nichts preis, aus Diskretion, wie man dachte, doch der wahre Grund war viel einfacher: Er wusste auch nicht mehr als die anderen, abgesehen davon, dass er Brugnon nach Marseille, Avignon, Aix, Toulon, Montélimar und Valence begleitet hatte. Denn er hatte während dieser Reise nicht mehr getan, als sich pünktlich zu den von Brugnon ausgemachten Verabredungen einzufinden. Dieser kam immer zu spät, nachdem er seine Geschäfte erledigt hatte. Womöglich hatte Brugnon Narbonne mitgenommen, um nicht allein unterwegs zu sein oder um seine Abreise weniger geheimnisvoll erscheinen zu lassen. Man weiß es nicht.

Als man die Hoffnung fahren ließ, zu verstehen, was geschehen war, verzichtete man auf Nachforschungen und vergaß diese beunruhigende Reise allmählich. Selbst Poussain erfuhr von Brugnon nichts. In der Post bemerkte er lediglich einen Brief aus Marseille, der in einem Umschlag der Armee steckte. Die beiden Briefe, die Brugnon auch noch erhalten hatte, sah er hingegen nicht; einer trug den Briefkopf der Abgeordnetenkammer, der andere jenen des Staatsrats. Was er jedoch sehen konnte, war Louleau, der Brugnon aufsuchte und lächelnd auf ihn zukam: »Guten Tag, mein Lieber.« Brugnon zeigte diesmal keinen Widerwillen, die Hand zu nehmen, die Louleau ihm entgegenstreckte.

Poussain zögerte einen Augenblick. Wenn ich dableibe, dachte er, schickt mich der Chef sicher gleich nach draußen. Besser, ich komme ihm zuvor und ernte dafür etwas mehr Freundlichkeit. Er entschuldigte sich also und verschwand unter dem Vorwand, in Narbonnes Zimmer Briefe unterzeichnen lassen zu müssen. Brugnon war ihm dafür dankbar und sagte zu ihm: »Nein, bleiben Sie doch bitte, Sie stören nicht.« Doch P0ussain ließ sich nicht aufhalten.

Das war Louleaus letzter Besuch. Von nun an konnte man den Franc-Joueur von vorne bis hinten lesen, ohne die kleinste Anspielung auf Brugnon, auf seine Firma oder seine Geschäfte zu finden – mit Ausnahme eines kleinen Artikels, der zu einer Serie mit dem Titel »Die großen Zuckerfabrikanten« gehörte. Brugnon wurde darin als einer der Könige der Handelsbörse vorgestellt.

Wenig später ließ Brugnon seine Fabrik in Mézières ausbauen und dorthin alle Maschinen aus der Fabrik in Montélimar bringen, die er aufgab und an einen Weinhändler verkaufte. Eine Menge Ausgaben für nichts, sagte Narbonne dazu.

Über Pierre Bost

Biografie

Pierre Bost, 1901 in Lasalle geboren, gehörte zu den bedeutendsten Literaten und Journalisten der Zwischenkriegszeit. Er schrieb mehr als ein Dutzend Romane, Erzählbände, Essays und Drehbücher. Seine Novelle »Ein Sonntag auf dem Lande« wurde von Bertrand Tavernier verfilmt. Pierre Bost starb 1975...

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