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Bambus

Essays

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Bambus — Inhalt

»Pflanze einen Bambusschössling und du wirst Bambus ernten ein Leben lang.«

Chinesisches Sprichwort

Für seine Romane ist William Boyd bekannt. Was kaum einer weiß, ist, dass der britische Schriftsteller auch passionierter Autor nicht-fiktionaler Texte ist. Film- und Theaterkritik schrieb er schon im College, lange bevor der erste Roman erschien. Seither hat das feuilletonistische Schreiben seinen festen Platz in Boyds Schaffen.

So versammelt »Bambus« einen einzigartigen Fundus bislang unveröffentlichter Texte, autobiographische Essays, Notizen zum Schreiben, Kunst- und Literaturkritik. Man erhält intimem Einblick in die Werkstatt des Drehbuchschreibers – 14 Skripts hat Boyd geschrieben, fünf seiner Romane wurden verfilmt – und stößt auf so eindrückliche Porträts wie die von Anton Tschechow, Woody Allen, Charlie Chaplin, Ian Fleming oder den Wright-Brüdern. Eine Reise im berüchtigten Londoner Minicab offenbart endgültig, dass Abenteuer mit William Boyd nicht allein in seinen Romanen zu bestehen sind.

 

€ 22,99 [D], € 23,70 [A]
Erschienen am 13.10.2014
Übersetzer: Matthias Fienbork
352 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-8270-1215-9
€ 10,99 [D], € 10,99 [A]
Erschienen am 13.10.2014
Übersetzer: Matthias Fienbork
352 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7754-7

Leseprobe zu »Bambus«

Inhalt

 

Leben

Intro

Von Ameisenlöwen und Wurstfliegen

Nach Hause fliegen

Der ungeheure Schmerz

London

Der Erste Weltkrieg

Anglo-Französisch

 

Literatur

Intro

Evelyn Waugh

Cyril Connolly

Tagebuch schreiben

Drei französische Romane  [...]

weiterlesen

Inhalt

 

Leben

Intro

Von Ameisenlöwen und Wurstfliegen

Nach Hause fliegen

Der ungeheure Schmerz

London

Der Erste Weltkrieg

Anglo-Französisch

 

Literatur

Intro

Evelyn Waugh

Cyril Connolly

Tagebuch schreiben

Drei französische Romane

Die Kurzgeschichte

Anton Čechov A-Z

 

Kunst

Intro

Dreizehn Arten ein Foto zu betrachten

Bonnard

Claude Monet

Edward Hopper

Nat Tate

 

Film

Intro

Making Films

Cannes Festival

Woody Allen

 

Leute und Orte

Intro

Die Wright-Brüder

Die Galapagos-Affäre

Charlie Chaplin

Ian Fleming

Minicabs

Montevideo

Rio de Janeiro

 

Vorwort

„Pflanze einen Bambusschössling, dann hast du Bambus dein Leben lang.“ Dieses chinesische Sprichwort schien mir ein passendes Motto für dieses Buch zu sein. Der Bambusschössling meiner ersten Rezension, 1978 für die New Review geschrieben, hat sich, genau wie die Pflanze, exponentiell vervielfacht. Dass in den vergangenen Jahrzehnten so viele journalistische Arbeiten entstanden sind, hat Verwunderung, Neugier und ungläubiges Staunen ausgelöst. Woher habe ich die Zeit genommen, diese Unmenge von Artikeln zu schreiben – neben meiner eigentlichen schriftstellerischen Tätigkeit, dem Schreiben von Romanen und Drehbüchern? Dies jedenfalls ist eine Auswahl, verteilt auf fünf Themenfelder – Leben, Literatur, Kunst, Film, Menschen und Orte. Die Artikel, Vorworte, Skizzen, Rezensionen und Einleitungen ergeben so etwas wie ein intellektuelles Porträt. Sie stehen für das, was mich interessiert, empört, fasziniert, umtreibt. Es erklärt auch, warum es mir so schwer fällt, nein zu sagen, wenn Redakteure anfragen, ob ich etwas für sie schreiben würde. Tatsächlich habe ich von Anfang an, neben meiner schriftstellerischen Arbeit, Besprechungen geschrieben. Als Student in Glasgow habe ich einen unveröffentlichten Roman (Is That All There Is?) geschrieben und parallel dazu die Feuilletonseiten der Studentenzeitung betreut und selbst Film- und Theaterkritiken verfasst. In Oxford habe ich Beiträge für Isis geschrieben (hauptsächlich Interviews mit anderen Schriftstellern), während ich mich immer stärker auf die Schriftstellerei konzentrierte (es entstand ein weiterer Roman, der ebenfalls in der Schublade landete) und gleichzeitig die ersten Erzählungen von mir erschienen. Keinen dieser frühen Artikel habe ich in die vorliegende Sammlung aufgenommen, auch wenn sie als interessante Juvenilia vielleicht ihren Platz hätten. Rezensionen werden ja nicht zuletzt deswegen geschrieben, weil der eigene Name unter dem Artikel steht (sehr wichtig für einen jungen Schriftsteller) und man (meistens) dafür bezahlt wird und ein Rezensionsexemplar bekommt. Es erschien mir daher sinnvoll, das Auswahlverfahren mit dem ersten veröffentlichten Artikel zu beginnen, für den ich ein Honorar bekam. Er wurde 1978 von Craig Raine in Auftrag gegeben, seinerzeit Literaturredakteur der New Review. Für ihn habe ich seitdem immer wieder gearbeitet, als er bei Quarto war, bei Areté, und Anfang der 1980er waren wir Kollegen beim New Statesman. Ich habe in all den Jahren mit vielen Redakteuren zusammengearbeitet. Wenn der Betreffende kündigte und eine andere Stelle übernahm, folgte ich ihm. Ich denke hier u. a. an Bill Buford (zunächst bei Granta, dann beim New Yorker), an Peter Stothard (bei der Times, jetzt beim Times Literary Supplement), an Mary Kay Wilmers (beim TLS, dann beim London Review of Books), an Rebecca Nicholson (beim Spectator, Observer Magazine, Sunday Telegraph und schließlich bei Short Books). Christopher Hawtree, der in den frühen Achtzigern meine ersten Arbeiten für das London Magazine betreute, hat mich bei der Zusammenstellung des vorliegenden Bandes beraten. Ich bin ihm sehr dankbar dafür. Eine solche Auswahl hat den Vorteil, dass man die Songlines in der eigenen schriftstellerischen Produktion und im eigenen Leben nachzeichnen kann. Der Weg ist nicht so planlos, wie man denkt. Angesichts der ungeheuren Menge habe ich strenge Auswahlkriterien angelegt und hauptsächlich solche Artikel aufgenommen, die ein Licht – mal deutlich und klar, mal indirekt und versteckt – auf meine Romane, Erzählungen und Filme werfen. In ihnen kündigt sich oft etwas an, worüber ich später geschrieben habe, manchmal diskutiere ich mit mir selbst über Dinge, die mich beschäftigen, ein andermal sind es Betrachtungen zu Themen, zu denen ich mir wegen der Recherchen zu einem Roman kurzzeitig Fachwissen angeeignet habe. Das Schreiben eines Romans ist, neben allem anderen, auch eine Art Bildungsreise: Die blaue Stunde führte mich zu den Pionieren der Fliegerei und zur Chirurgie, Brazzaville Beach zur Primatenforschung, Die neuen Bekenntnisse zu Jean-Jacques Rousseau und so weiter. Ich habe der Versuchung widerstanden, diese Texte zu überarbeiten. Jeder Schriftsteller hat Lieblingswörter und bevorzugte Redewendungen, bestimmte Marotten, Eigenheiten und Orientierungspunkte (in meinem Fall sind es Wallace Stevens, Paul Klee, Anton Tschechow, T. S. Eliot und Pablo Picasso, auf die ich mich offenbar besonders gern berufe). Es erschien mir sinnlos, die unvermeidlichen Wiederholungen zu streichen, sie haben in dem jeweiligen Zusammenhang ihren begründeten Platz. All diese Artikel habe ich auch deswegen geschrieben, weil das aus meiner Sicht immer völlig normal war. Nie habe ich das als Verschwendung von Zeit und Energie empfunden, die anderweitig aufzuwenden sinnvoller gewesen wäre. Von Anfang an wollte ich Artikel und Besprechungen schreiben. Das gehört doch zum Beruf des Schriftstellers, dachte ich. Schreiben Schriftsteller denn nicht die ganze Zeit, so viel es nur geht? Im Rückblick mag diese Überlegung naiv erscheinen, möglicherweise handelt es sich auch um ein spezifisch britisches Phänomen. In den beiden anderen literarischen Welten, die mir vertraut sind (Amerika und Frankreich), sind Schriftsteller, verglichen mit ihren britischen Kollegen, ausgesprochen knauserig, von dem bewundernswerten John Updike einmal abgesehen. Es ist, als wäre die unermüdliche Schaffenskraft unserer großen Vorbilder – Dickens, Trollope, Thackeray – für uns noch immer Inspiration beziehungsweise Verpflichtung, die, mit wenigen Ausnahmen, die meisten britischen Schriftsteller (und viele ihrer Dichterkollegen) bereitwillig akzeptieren. Trotzdem stoße ich in meinem Tagebuch (das ich ebenfalls seit fünfundzwanzig Jahren schreibe) oft auf den Ausruf „Keine journalistischen Arbeiten mehr!“ Es sieht nicht so aus, als wäre ich imstande, meine eigene Empfehlung zu beherzigen. Der letzte Artikel in dem vorliegenden Buch wurde im Dezember 2004 geschrieben. Während ich einen Monat später diese Zeilen schreibe, stelle ich fest, dass ich zugesagt habe, eine Buchbesprechung für das Times Literary Supplement zu liefern, ein Vorwort für einen Band mit Erzählungen von Katherine Mansfield und einen längeren Zeitungsartikel über Hitler-Darstellungen im Spielfilm. Aus dem Bambusschössling, den ich 1978 gepflanzt habe, ist ein unablässig wachsender, üppig grüner und dichter Bambusgarten geworden, der sich bedenkenlos ausbreitet. William Boyd, London 2005 LEBEN

Ich habe öffentlich erklärt, dass ich keine Autobiographie schreiben werde und dass meine Romane kein Schlüssel zu meiner privaten Welt sind. Unter meinen journalistischen Arbeiten finden sich aber durchaus autobiographische Texte, mehr als ich gedacht hatte, vor allem über meine afrikanische Kindheit und meine Zeit in einem schottischen Internat. Diese Stücke sind weitgehend chronologisch angeordnet – eher der Chronologie meines Lebens als der ihrer Entstehung folgend. Zwischen den einzelnen Texten klaffen große Lücken, aber es wird erstaunlich viel aus meinem Leben behandelt. Ich denke nach wie vor, dass ich keine Autobiographie schreiben werde. Es wird sich auf diese verstreuten Erinnerungsschnipsel beschränken. In diesem Abschnitt begegnet der Leser auch einem meiner liebsten technischen Verfahren – dem A-Z. Ich habe es in meinen journalistischen Arbeiten regelmäßig verwendet, weil es mir erlaubt, möglichst viel auf beschränktem Raum unterzubringen oder zumindest diese Illusion zu erzeugen. Paradoxerweise zwingt einen die strenge Buchstabenfolge, erfinderisch zu sein. Man muss für das „Q“, das „X“, das „O“ oder das „V“etwas Passendes finden, selbst wenn sich gerade nichts anbietet. Ein A-Z zu einem bestimmten Thema (einem Maler, einem Londoner Stadtteil, einem berühmten Schriftsteller) ist umfassender als ein ausgearbeiteter Artikel gleicher Länge. Das Sprunghafte, das zwangsläufig entsteht, wenn man von Buchstabe zu Buchstabe geht und gelegentlich die Quadratur des Kreises versucht, führt zu einer schrägen, disparaten und eigenwilligen Darstellung, die, wenn sie funktioniert, ein kontrastreiches, genaues Porträt ergibt.

Von Ameisenlöwen und Wurstfliegen

Der Ameisenlöwe baut seine Fallen in sandigem Boden. Irgendwie gräbt er einen perfekten kegelförmigen Trichter. Ganz unten in der Spitze lauert er dann, eingebuddelt und unsichtbar, und wartet auf ein Insekt, das hineinfällt. Wenn das passiert, rührt er sich zunächst nicht. Die Wände des Kegels sind so glatt, die Sandkörner so fein, dass nur die größten Insekten noch Halt finden. Während die kleineren Opfer mühsam versuchen, die steile Wand wieder hinaufzukrabbeln, bewirft sie der Ameisenlöwe mit Sand, so dass sie in die Trichterspitze kullern und dort unter den Sand gezerrt und verspeist werden. Der größte Trichter, den ich je gesehen habe, war etwa sieben Zentimeter tief, das räuberische Tier selbst anderthalb Zentimeter lang. Ich bemerkte ihn unter unserem Haus in der Signals Road in Achimota, einem Ort an der vormaligen Goldküste. Das Haus stand auf mannshohen Betonpfeilern. Der Boden darunter war übersät mit Ameisenlöwentrichtern. Eine perfekte Mondlandschaft. Aberhunderte von Ameisenlöwen. Ein Niemandsland für kleine Insekten. Unser Spiel bestand darin, dass wir einen kleinen Ameisenlöwen ausbuddelten und ihn in das Loch eines größeren warfen. Ich muss immer an Ameisenlöwen denken, wenn ich an unser Haus in Achimota denke. Es ist das erste unserer Häuser in Afrika, an das ich mich erinnere, auch wenn wir vorher schon in zwei anderen Häusern gewohnt hatten. Zur Zeit meiner Geburt wohnten wir in einer umgebauten Offiziersmesse, einem Lehmziegelhaus mit Wellblechdach. Achimota war etwa zehn Kilometer von Accra und der Küste entfernt. Mächtige Atlantikbrecher donnerten über die breiten Strände. Erst als wir älter waren und im Wasser planschen konnten, durften wir an den Sandstrand, aber es gab auch einige felsige Stellen mit Tümpeln voller Meeresgetier. Als Fünfjähriger in einem Tümpel zu sitzen, bis zur Hüfte im lauwarmen Wasser. Das Leben war schön. Von Achimota zogen wir nach Legon, fünf Kilometer landeinwärts, auf den neuen Campus der Universität von Ghana. Wir wohnten in einem großen U-förmigen Haus, das weiß gestrichen und mit einem roten Ziegeldach versehen war. Es gab eine Veranda, groß genug für dreißig Personen, die an einen riesengroßen Garten grenzte und einen Ausblick über die Umgebung bot – grasbedeckte Hügel, Baumgruppen, klein und robust. Das Insekt, das ich mit dem Haus in Legon verbinde, ist die Rote Samtmilbe. Diese völlig ungefährlichen Tierchen waren fingernagelgroß, von einem leuchtenden Rot und mit samtigen Härchen überzogen. Es waren die einzigen Insekten, die ich je erlebt habe, über die man mit der Hand streichen konnte. Sie vermehrten sich zu bestimmten Jahreszeiten, besonders nach der Regenzeit, und im Gras rings um unser Haus wimmelte es dann von ihnen. Meine Schwestern und ich haben sie zu Hunderten gesammelt und in behelfsmäßigen Gattern aus Zweigen eingesperrt. Dort krabbelten sie ziellos umher, ein brodelnder roter Insektenteppich. 1963 zogen wir nach Nigeria, nach Ibadan. Unser Haus auf dem dortigen Universitätscampus war lang und gerade. Der Garten war umgeben von einer dichten Hibiskus- und Weihnachtssternhecke und voller Bäume – Frangipani, Kapokbäume und hohe, elegante Kasuarinen. Ich lieh mir die Machete unseres Gärtners und bearbeitete die Frangipanibäume, versenkte die gekrümmte Klinge (ein tschechoslowakisches Produkt) im Stamm, der sehr weich und nachgiebig war. Weiße Milch tropfte den ganzen Tag aus der Schnittstelle. Später kaufte ich mir für fünf Shilling meine eigene Machete, die als Hacke gute Dienste leistete. Ibadan liegt inmitten eines tropischen Regenwalds, alles wächst unglaublich schnell. Ich hackte zwei Äste ab und steckte sie in die Erde, um unser Federballnetz daran zu befestigen. Als ich drei Monate später von der Schule zurückkam, hatten sich die Äste in Bäume verwandelt. Das Insekt, das ich mit unserem Haus in Ibadan assoziiere, ist die Wurstfliege. Es ist eigentlich gar keine Fliege, sondern eine Ameise, der Flügel wachsen und die nach dem Regen zu fliegen beginnt. Die Wurstfliege ist gut zwei Zentimeter lang, von einem glänzenden Bratwurstbraun, daher der Name. Abends, nach dem Regen, schließt man alle Fenster. Auf dem Rückenschild der Wurstfliege entfalten sich Flügel, und die Tierchen erheben sich massenhaft in die Luft. Sie können nicht gut fliegen – das ist nicht ihr natürliches Element –, und es scheint, als hätten sie sich die Flügel nur für diesen einen Tag ausgeliehen. Wie besinnungslos steuern sie auf die nächste Lichtquelle zu. Im Haus kann man hören, wie sie gegen Fenster und Moskitogitter knallen. Draußen schwirren sie scharenweise um das Licht. Die Flügel haben sie nur für etwa eine Stunde. Die Wurstfliege landet, und dann fallen ihre Flügel ab. Viele sterben nach Zusammenstößen in der Luft oder weil sie gegen eine Wand oder ähnliches prallen. Wenn man am nächsten Morgen die Veranda betritt, knirschen die toten Tierchen unter den Füßen, und in den Ecken liegen schimmernde Fetzen von herrenlosen Flügeln. Diejenigen Wurstfliegen, die überlebt haben, setzen ihr irdisches Dasein fort und kriechen irgendwohin, um ihren Lebenszyklus zu vollenden. Mein Vater kam während des Zweiten Weltkriegs als Sanitätsoffizier nach Westafrika. Er war in Lagos stationiert, in Jos in Nordnigeria (wo Erdbeeren angebaut und das ganze Jahr über Kartoffeln geerntet werden) und an der Goldküste. Es gibt ein Foto von ihm, aufgenommen 1945, das ihn, sehr jung und dünn, in einem Korbstuhl vor einer Grashütte zeigt. 1951 kehrte er mit meiner Mutter wieder an die Goldküste zurück, wo er nur ein paar Jahre bleiben wollte. Er blieb bis 1977, bis er aus gesundheitlichen Gründen aufhören musste. Er hatte sich eine kuriose und seltene Krankheit zugezogen, das sogenannte Q-Fieber. Zeit seines Lebens hatte er in Afrika als Arzt gearbeitet, und am Ende brachte Afrika ihm den Tod. Seine Arbeit begann sehr früh am Tag. Er arbeitete bis zwei Uhr nachmittags, dann ging er zum Mittagessen nach Hause. Bis vier Uhr ruhte er, dann ging er Golf spielen. Abends stieß meine Mutter zu ihm und ihren Freunden auf der Terrasse des Golfclubs (es gab reichlich zu trinken, spottbillig und auf Kredit). Später traf man sich vielleicht zu einem improvisierten Abendessen. In dieser sozialen Umgebung war man nicht ausgelassen oder ausschweifend – von Dolce Vita konnte keine Rede sein -, aber verglichen mit dem Leben, das die meisten dieser Leute im Großbritannien der fünfziger Jahre geführt hätten, muss es paradiesisch gewesen sein. Sie konnten dieses Leben führen, weil jeder Hauspersonal hatte. Eine Woche nach ihrer Ankunft an der Goldküste sahen meine Eltern eines Morgens einen kleinen alten Mann vor der Küchentür sitzen. Er sagte, er heiße Kofi und ihm sei zu Ohren gekommen, dass man einen Koch benötige. In den nächsten elf Jahren war Kofi unser Koch. Er und seine Familie lebten in einem drei Kilometer entfernten Dorf. In Legon hatten wir ein separates Quartier für das Personal, ein schlichtes, um nicht zu sagen primitives kleines Haus aus Beton, nur wenige Schritte vom Haupthaus entfernt. Dort wohnte Kofis Sohn Kwame, damals in den Zwanzigern. Heute ist er Major in einem Panzerbataillon der ghanaischen Armee. Kwame war Babysitter. Meine Schwestern und ich waren abends oft in seinem heißen Betonzimmerchen und aßen von den scharfen Kochbananen, die er auf einem kleinen schmiedeeisernen Holzkohlebecken in der Ecke zubereitete. In Nigeria hatten wir einen Koch und einen Boy, Johnson und Israel. Johnson war sehr alt und grauhaarig und hatte sehr starre Vorstellungen. Wenn ich Joyce Carys Mister Johnson lese, muss ich immer an unseren alten Koch denken. Carys Johnson ist viel jünger, aber die beiden hatten viel gemeinsam. Johnson hatte oft geheiratet, aber keine Kinder. Das lag, wie er behauptete, an den Frauen, nicht an seiner Manneskraft. Kurz bevor wir Nigeria verließen, heiratete er eine blutjunge Frau. Sie kümmerte sich um unsere Wäsche, und wenn Johnson nachmittags außer Haus war, bekam sie Besuch von anderen Männern. Irgendwann wurde sie schwanger und brachte schließlich eine kleine Tochter zur Welt. Nie habe ich einen stolzeren Vater gesehen. Johnson war groß und schlaksig, Israel war sehr klein und ging immer sehr schnell. Er stammte aus dem Osten, war ein Ibo, und während des Biafra-Kriegs schloss er sich der biafrischen Armee an, um etwas zu essen zu haben. Eines Tages bekam er ein Gewehr und fünf Patronen und sollte im Busch einen Angriff der Bundesarmee abwehren. Johnson hat über das, was er dann tat, immer sehr offen gesprochen. Er zog seine Tarnjacke aus (die einzige Uniform, die er besaß) und vergrub sie. Dann warf er das Gewehr weg und desertierte. In irgendeinem Wartezimmer oder einer Bahnhofsbuchhandlung kam mir einmal eine Ausgabe des Scientific American unter die Augen. Das Titelbild schien eine schlecht gemachte Patchworkdecke zu zeigen, lauter graue und rostfarbene und braune Erdtöne. Ich erkannte sofort, dass es eine Luftaufnahme des Stadtzentrums von Ibadan war, auch ohne mich über das Thema dieser Ausgabe informiert zu haben - „Stadtplanung in der Dritten Welt“ oder etwas in der Art. Ibadan hat sich mir ebenso fest eingeprägt wie jeder andere Ort, an dem ich gelebt habe. Die Stadt wird manchmal liebevoll als das größte Dorf in Afrika bezeichnet. Sie hat über eine Million Einwohner. Die meisten Häuser in ihren endlos ausufernden Quartieren sind aus Lehm und mit Wellblechdach versehen. Die Straßen sind rechts und links von tiefen Gräben gesäumt und ständig verstopft. In jedem Haus und Geschäft plärrt laute Radiomusik. Nachts brennt in allen Gebäuden Neonlicht, vorzugsweise in Grün und Blau. Es gibt öffentliche Busse, aber die meisten Leute nehmen für innerstädtische Strecken lieber VW-Sammeltaxen. Wenn man ein solches Fahrzeug sieht, streckt man die Hand raus und winkt, dann hält es. Man steigt ein (die Schiebetür ist entfernt worden) und gibt einem kleinen Jungen, der sich draußen festhält, einen Sixpence. Diese Minibusse fahren auf bestimmten Strecken. Wer aussteigen will, klopft einfach gegen das Dach. Das Fahrzeug hält sofort. Ich bin auf diese Weise vom Campus in die Stadt zum Recreation Club gefahren. Dort konnte man Tennis, Golf und Squash spielen, schwimmen, etwas essen und trinken. In den Schulferien war es ein Treffpunkt für die Kinder der Expatriates. Wir verbrachten ganze Tage dort. Abends gingen wir ins Kino oder auf eine Party. Es gab oft Partys. Partys in der Stadt, Partys auf dem Campus, Partys im New Reservation – immer dieselben Jungs, dieselben Mädchen, Platten und Bier, manchmal Punsch aus Gin, der in irgendwelchen entlegenen Dörfern schwarz gebrannt wurde und von dem es hieß, dass man blind wurde, wenn man zuviel davon trank. Ausflüge ins Umland waren selten. Hin und wieder fuhren wir angeln. Ein, zwei Stunden Autofahrt in den Dschungel, um einen trägen, braunen Fluss zu finden und dort Flussbarsche zu angeln. Manchmal fuhren wir für eine Woche nach Lagos, wo wir am Tarqua Beach in ärmlichen Hütten hausten. Im Brackwasser angeln, segeln – den Schiffen ausweichen, die den Hafen von Lagos ansteuerten – in der Brandung surfen und nachts im Freien auf Feldbetten schlafen, unter dem Sternenhimmel und einem Moskitonetz. Amerikaner bezeichnen die Kinder von Militärs, die im Ausland stationiert sind, gern als „Army Brats“ oder „Air Force Brats“. In jenen Tagen waren wir „Colonial Brats“. Träge, ichbezogen, vergnügungssüchtig und absolut desinteressiert an dem Land, in dem wir lebten. Mit dem Biafra-Krieg wurde alles anders. Ich erinnere mich noch gut an den Tag des Militärputschs, der das Land in den Bürgerkrieg stürzte. Ich sollte zum bevorstehenden neuen Schuljahr nach England zurückfliegen. Johnson, unser Koch, meinte lakonisch, dass ich nicht fliegen werde. Warum nicht?, fragte ich. Weil am Montag ein Militärputsch stattfinden werde, antwortete er. Er hatte recht. Im Verlauf des Krieges (1967-1970) veränderte sich das Leben radikal, vor allem wegen der Allgegenwart des nigerianischen Militärs. Sobald man auf dem Flughafen Lagos aus der Maschine stieg, gehörten bewaffnete Soldaten zum Alltag. Und dienstfreie Soldaten hatten immer eine Waffe dabei, im Bus, in der Bar, beim Spaziergang mit den Kindern. Als ich mit meinem Vater eines Abends eine ruhige Straße entlangfuhr, kamen wir an einer leeren Öltonne vorbei, an der eine Holzlatte lehnte. Dass es eine Straßensperre war, erkannten wir erst, als wir sahen, wie mehrere Soldaten hinter den Bäumen hervorsprangen und ihre Kalaschnikows auf uns anlegten. Wir hielten sofort an und stiegen aus. Die Soldaten senkten die Gewehre und durchsuchten das Auto. Sie seien auf der Suche nach Geldschmugglern, erklärten sie. Sie waren jung und nervös. Sie trugen irgendwelche Uniformteile in Tarnfarbe und eigene Sachen, Turnschuhe, Flanellhose, Hawaiihemd. Die Gewehre mit der eingebrannten Nummer im Kolben sahen aus, als stammten sie aus ausgemusterten Ostblockbeständen. Beim Anblick dieser Burschen, die sich freiwillig gemeldet hatten, weil es bei der Armee Bier und Zigaretten umsonst gab, fragte man sich, wie es im Kernland der Rebellen wohl aussehen mochte. Ich bin seit 1973 nicht mehr in Nigeria oder einem anderen westafrikanischen Land gewesen. 1976 begann ich, darüber zu schreiben, einen (unveröffentlichten) Roman über den Biafrakrieg. Dank nachträglicher Bemühungen um besseres Verständnis und gelegentlicher Anfälle von Nostalgie ist mir Afrika in lebhafter Erinnerung. Schwerer Regen, eine schwülwarme Nacht, das Lied von Zikaden, ein kaltes Bier an einem heißen Tag wird immer an seinem afrikanischen Äquivalent gemessen, reicht aber nie ganz heran. Es ist die Musik von Nat King Cole, die sich als zuverlässiger Proustscher Auslöser erweist. Mein Vater hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, morgens nach dem Aufstehen eine Schallplatte auf den Hifi-Spieler aus poliertem Walnuss zu legen, den er sich aus England hatte kommen lassen. Es war immer eine Platte von Nat King Cole, deren erste Takte vom Rest der Familie mit lautem Stöhnen begrüßt wurden, was ihn aber nicht weiter irritierte. Er stand mitten im Wohnzimmer, die Glasschiebetür weit geöffnet, so dass der kühle Morgenwind hereinkam, schaute hinaus in die sonnenhelle Umgebung und sang dazu Nat King Cole. In diesen Momenten erschien er mir immer als ein sehr glücklicher Mensch. Wenn ich diese charakteristische warme Stimme höre, denke ich jedesmal an meinen Vater und an Afrika im Morgenlicht. 1984

William Boyd

Über William Boyd

Biografie

William Boyd, 1952 in Ghana geboren, gehört zu den überragenden europäischen Erzählern unserer Zeit. Er schreibt Romane, Kurzgeschichten und Drehbücher und wurde vielfach ausgezeichnet. Im Berlin Verlag erschienen zuletzt »Ruhelos« (2007), »Einfache Gewitter« (2009), »Nat Tate« (2010), »Eine große...

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