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Balearenblut

Ein Mallorca-Krimi

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Balearenblut — Inhalt

Ein Roman für alle, die Mallorca lieben

Reisejournalistin Lisa Langer ist unterwegs auf die Sonneninsel Mallorca. Kaum angekommen, fällt ihr im wahrsten Sinn des Wortes ein Mann vor die Füße: Ein Hotelgast stürzt vom Balkon des dritten Stocks, und das Messer, das zwischen seinen Schulterblättern steckt, lässt einen Selbstmord unglaubwürdig erscheinen. Da die Journalistin ein heimliches Doppelleben als Krimiautorin führt, ist die Neugierde groß. Wann kann man sich schon mal eine frische Leiche aus der Nähe ansehen? Und der Polizei über die Schulter schauen? Schneller als gedacht findet sich Lisa inmitten der Mordermittlungen wieder ...

Erschienen am 02.06.2017
272 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-31036-9
Erschienen am 02.06.2017
320 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96572-9

Leseprobe zu »Balearenblut«

– UN –

Der hagere Typ stand auf, fuhr sich durchs strähnige Haar, streute lässig einige Münzen auf den Tisch und schlurfte zur Treppe, die nach oben auf die Straße führte. Während Jorge ganz in Ruhe seinen Tequila austrank, kam der Wirt Alejandro hinter seinem Tresen hervor und vergewisserte sich mit einem finsteren Blick, dass der Typ seine Bodega verlassen hatte.

Alejandro brummte vor sich hin, wischte die Münzen mit einer schnellen Bewegung vom Tisch und steckte sie in den Geldbeutel, der an seinem Gürtel hing. Dann rieb er mit einem Tuch über den [...]

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– UN –

Der hagere Typ stand auf, fuhr sich durchs strähnige Haar, streute lässig einige Münzen auf den Tisch und schlurfte zur Treppe, die nach oben auf die Straße führte. Während Jorge ganz in Ruhe seinen Tequila austrank, kam der Wirt Alejandro hinter seinem Tresen hervor und vergewisserte sich mit einem finsteren Blick, dass der Typ seine Bodega verlassen hatte.

Alejandro brummte vor sich hin, wischte die Münzen mit einer schnellen Bewegung vom Tisch und steckte sie in den Geldbeutel, der an seinem Gürtel hing. Dann rieb er mit einem Tuch über den Teil der dunklen Tischplatte, an dem der Hagere gesessen hatte, und ging wieder hinter den Tresen.

Kurz darauf trat er erneut an Jorges Tisch, stellte einen Café solo für sich und einen Cortado für seinen Gast hin und setzte sich.

»Mensch, Jorge«, knurrte er und nickte noch einmal in Richtung Treppe, »wieso musst du dich immer noch mit diesen Typen treffen, wo du doch seit eineinhalb Jahren pensioniert bist?«

»Seit dreizehndreiviertel Monaten, Alejandro, also erst seit einem guten Jahr. Und es ist immer noch meine Insel.«

»Pah, deine Insel! Wir sind hier in Port d’Alcúdia, nicht im Wilden Westen. Und diese Ganoven … Also, ich an deiner Stelle wär froh, wenn ich diese Halunken endlich vom Hals hätte. Und mir persönlich wäre es auch ganz recht, wenn du dieses halbseidene Gesocks nicht ausgerechnet in meiner Bodega treffen würdest. Wenn du nicht mein Freund wärst, dann würde ich solche Typen wie den eben gar nicht erst reinlassen.«

Jorge grinste, trank seinen Cortado aus und wischte sich den Rest des Milchkaffees von den Lippen. Dann schob er die Tasse von sich und sah den Wirt gespielt vorwurfsvoll an.

»Du nennst dich meinen Freund – und bringst mir einen Kaffee? Mit Milch, und das am Nachmittag!«

»Ja. Ein Cortado macht dich wieder ein bisschen klarer. Tequila hattest du heute schon genug. Zumindest für diese Uhrzeit.«

»Wieso? Es ist doch schon …« Jorge nestelte umständlich seine altmodische Klappuhr aus der Hosentasche. »Es ist doch schon fünf. Da darf doch wohl ein armer Pensionär so viel Tequila trinken, wie er will?«

Er lachte rau, musste husten und winkte dankend ab, als Alejandro aufsprang und ihm einige Male mit der flachen Hand fest auf den Rücken klatschte.

»Jetzt hör schon auf, Alejandro! Du schlägst mich ja windelweich. Déu meu, und das bei dem bisschen Husten …« Jorge zwinkerte dem Wirt zu. »Ein Tequila würde da sicher besser helfen.«

»Nichts da, und jetzt gehst du erst mal nach Hause und schläfst dich aus. Oder willst du heute Abend kneifen? Diesmal würdest du wirklich was verpassen: Rodrigo kommt mit dem Schinken, den er seinem Onkel abgeschwatzt hat, Bernardo bringt frisches Brot mit, und ich habe auch schon einen passenden Wein im Sinn.«

»Na gut, dann leg ich mich ein bisschen aufs Ohr und werde etwas vorschlafen. Falls ich nach deinem Cortado überhaupt einschlafen kann.«

»Bufó«, knurrte Alejandro, grinste dazu aber breit und machte sich wieder an die Arbeit.

Jorge kraxelte die ausgetretenen Stufen hinauf und ließ die schwere Holztür hinter sich zufallen. Das mit zwei Reißzwecken an der Tür befestigte Pappschild trug die Aufschrift »Heute geschlossen« und flatterte im Windzug.

Er blinzelte in die Nachmittagssonne. Es war warm, und aus dem schmalen Küchenfenster der Bar Sa perca daurada zog ein schwerer Knoblauchduft herüber. Ein Lächeln legte sich auf sein Gesicht, und beschwingt hielt er auf die Bar zu, wo er sich ein Gläschen Wein und einen »Gruß aus der Küche« gönnen würde. Das jedenfalls bestellte sich Jorge immer. Manuel wusste genau, was sein Stammgast meinte, und ließ seine Frau eine Platte mit kleinen Leckereien auftragen, dazu heiße, geröstete Brotscheiben und in der Mitte der Platte ein kleines Töpfchen mit etwas Sofrito, der würzigen Soße, mit der Manuel am Abend seinen legendären Eintopf veredeln würde.

Krachend biss Jorge ins Röstbrot und spülte mit etwas Rotem nach. Schlafen kann ich auch noch, wenn ich tot bin, dachte er.

 

Mallorca Ende Juni, mitten in der Hauptsaison – das hatte Lisa für keine gute Idee gehalten. Aber wenn die Redaktion des renommierten Reisemagazins myJourney ihr einen gut bezahlten Auftrag gab, konnte sie sich eine Absage nicht leisten. Und weil die bestellte Reportage perfekt zur Anfrage eines mallorquinischen Hotels passte, das Texte für einen neuen Imageprospekt brauchte, würde sie diesmal zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, würde gutes Geld verdienen und obendrein ein oder zwei schöne Wochen in der Sommersonne verbringen. Die vielen Touristen würde sie schon irgendwie aushalten.

Außerdem mochte sie Alex zumindest beruflich nichts abschlagen. Als Redakteur von myJourney gab er ihr immer wieder lukrative Aufträge, und er machte kein Geheimnis daraus, dass er sich auch privat das eine oder andere mit Lisa vorstellen könnte. Sie selbst war da zurückhaltend: Alex war ein netter Kerl, aber Beruf und Privatleben hatte sie schon einmal nicht strikt genug getrennt – das Ende der Beziehung hatte sie obendrein einen guten Kunden gekostet. Das würde ihr kein zweites Mal passieren.

Jetzt hatte sie endlich Abstand zu der ganzen Sache gewonnen, war vom Süden nach Hamburg gezogen und hatte mit zwei schönen Zimmern in der geräumigen Wohnung einer älteren Dame eine passende Bleibe gefunden. Sie wohnte nicht weit von der Außenalster, und wenn sie wieder einmal für eine Reportage wochenlang auf Reisen war, kümmerte sich ihre Vermieterin um ihre paar Pflanzen und nahm ihre Post entgegen.

Und so hatte sie auch diesmal nicht viel zu organisieren, bevor sie sich mit Rucksack und Rollkoffer auf den Weg zur U-Bahn machte. Als sie in Ohlsdorf ausstieg, quatschte sie ein öliger Gigolo blöd an, aber sie ließ ihn stehen, schlüpfte in die S-Bahn und war erleichtert, als sich die Türen schlossen, ohne dass er sich zu ihr in den Waggon gedrückt hatte.

Ein sympathischer Endzwanziger, der zwei Reihen vor ihr stand, schaute ab und zu verstohlen zu ihr herüber und sah schnell zur Seite, als sie seinen Blick erwiderte. Lächelnd sah sie zum Fenster hinaus. Bäume flogen vorbei, dann tauchte die Bahn in den Tunnel ab. Lisa war ganz zufrieden mit ihrem Spiegelbild, das sie in den Scheiben sah. Sie hatte sich gut gehalten für ihre sechsunddreißig Jahre, war schlank und sportlich, und die kurzen dunkelbraunen Haare trug sie in einem modischen Wuschelkopf.

Der Endzwanziger bemühte sich sehr, nicht mehr allzu auffällig zu ihr herüberzuschauen, und nach dem Ausstieg am Flughafen hatte sie ihn schon bald aus den Augen verloren.

Der Flieger nach Palma war natürlich auch am Montagnachmittag ausgebucht. Während in Hamburg die Schüler noch einige Wochen bis zur Zeugnisvergabe warten mussten, hatte das benachbarte Niedersachsen schon Ferien. Daher saß sie wenig später im Flugzeug zwischen fröhlich plappernden Lüneburgern und Cuxhavenern. In der Reihe vor ihr freuten sich zwei schwäbische Familien mit Vorschulkindern über die früh gebuchten Spartickets, die es ihnen ermöglicht hatten, noch einen Tag in den Räumen der großen Modellbahn in der Speicherstadt zu verbringen. Lächelnd ließ sie den vertrauten Dialekt auf sich wirken.

Das Geplapper um sie herum machte Lisa schläfrig, und als sie die Augen wieder aufschlug, setzte der Pilot schon zum Landeanflug auf Palma an. Pünktlich um sechs rollte der Flieger aus, und Lisa machte sich auf den Weg zur Gepäckausgabe. Der Koffer kam, der Mietwagen war reserviert, und bald steuerte sie den kleinen koreanischen Zweitürer auf der MA-13 gen Nordosten. Nach einer guten halben Stunde hatte sie bei Crestatx das Ende der Ausbaustrecke erreicht, von da an ging es zwischen Wiesen und Feldern etwas langsamer dahin. Lisa schaltete die Klimaanlage aus und ließ die Fenster herunter. Der warme Wind wehte über ihr Gesicht und verfing sich in ihren Haaren, durch die sie sich immer wieder strich.

Am Fuß des Puig de Sant Martí musste sie einem mit Melonen beladenen Lastwagen ausweichen, der in aller Ruhe aus einem Feldweg heraustuckerte. Der Fahrer scherte sich nicht um den Verkehr und bog wenig später schon wieder auf einen anderen Feldweg ab. Auf der Hauptstraße hatte er eine dunkle Abgasfahne hinter sich hergezogen, auf dem Feldweg war der dunkelgraue Qualm wegen des aufgewirbelten Staubs aber schon bald nicht mehr zu sehen.

Das Navi leitete sie nördlich um Port d’Alcúdia herum und am letzten Kreisverkehr vor dem Hafen links den Hang hinauf. Die Straße führte zunächst durch ein kleines Wäldchen, und nach etwa hundertfünfzig Metern erreichte Lisa die imposante Vorderseite eines Hotels. Das Hauptgebäude, das in warmen Farbtönen gehalten war, wirkte mit seinen Zinnen und Türmchen ein wenig wie ein maurischer Palast. Vor dem Haupteingang spendete ein ausladendes Vordach Schatten, darunter war ein roter Teppich ausgelegt, der durch das Portal aus Glas und poliertem Messing in die Halle führte. Mehrere Pflanztöpfe mit Palmen säumten den Vorplatz, und in der Mitte des Rondells, um das der Weg in elegantem Schwung herumführte, stand ein etwas kitschiger Brunnen, dessen Wasserbecken mit Ornamenten verziert war und das auf dem Rücken von zwölf steinernen Löwen ruhte.

Lisa rollte langsam an den parkenden Bussen vorbei. Als sie vor dem Eingang fast auf Schrittgeschwindigkeit abgebremst hatte, flitzte ein Page herbei. Sie musste abrupt anhalten, um den eifrigen jungen Mann nicht zu überfahren, doch der riss zackig die Fahrertür auf und forderte Lisa mit tiefem Diener und einer ausladenden Geste zum Aussteigen auf. Sie tat ihm den Gefallen, doch als sie sich gerade zum Kofferraum wenden wollte, um ihren Rollkoffer herauszuholen, bemerkte sie die rechte Hand des Pagen, die mit der Handfläche nach oben vor ihr schwebte. Sie nestelte einen Fünf-Euro-Schein aus der Hosentasche und legte ihn in die Hand. Doch der Junge sah sie ganz erschrocken an, warf einen schnellen Blick in Richtung Haupteingang und schüttelte dann energisch den Kopf.

»Nein, Señorita«, raunte er ihr zu, »den Autoschlüssel, bitte. Wir nehmen vom ankommenden Gast kein Trinkgeld.«

Die Betonung war ihm etwas zu deutlich geraten, deshalb schob er ein entschuldigendes Lächeln hinterher. Lisa reichte ihm den Schlüssel und ging zum Kofferraum. Doch der war inzwischen von einem zweiten Pagen entladen und wieder verschlossen worden.

»Wenn Sie mir bitte folgen möchten«, sagte der Page mit dem Koffer und marschierte auf dem roten Teppich davon.

Während ihr Wagen geparkt wurde, folgte sie dem Rollkoffer zur Rezeption. Dort stand ein distinguierter Mittfünfziger im dunklen Anzug, auf dessen Revers ein Anstecker in der Form zweier gekreuzter Schlüssel zu sehen war. Das ergraute Haar hatte der Concierge streng nach hintengekämmt, und auf der gewaltigen Nase thronte eine randlose Brille, die er weit nach vorn geschoben hatte. Er nickte dem Pagen ernst zu und verneigte sich dann vor Lisa.

»Wenn Sie mir bitte Ihren Namen nennen möchten?«, näselte er und ließ sich zu einem gnädigen Lächeln herab.

»Langer, Lisa Langer.«

Er überflog die Liste vor sich, dann hellte sich seine Miene etwas auf.

»Ah, Señorita Langer aus Alemania. Sehr schön.«

Er beugte sich ein wenig vor und schien enttäuscht, als er nur einen Rollkoffer vor seinem Tresen stehen sah. Dann warf er dem Pagen einen Blick zu, der sich zwei Schritte hinter Lisa zurückgezogen hatte und nun sofort wieder neben sie trat.

»Pablo«, kommandierte der Concierge mit ruhiger Stimme, »das ist Señorita Langer. Sie wird uns eine schöne neue Imagebroschüre schreiben. Bring bitte ihr Gepäck nach oben und zeig ihr das Zimmer.«

Pablo verbeugte sich, schnappte Lisas Koffer und wartete darauf, dass sie ihm folgte. Der Concierge wandte sich noch einmal an seinen Gast.

»Und sobald Sie sich erfrischt haben, klingeln Sie bitte kurz durch. Dann wird Pablo Sie zur Geschäftsleitung bringen. Señor Monte erwartet Sie in seinem Büro. Aber ich soll Ihnen ausrichten: Lassen Sie sich bitte so viel Zeit, wie Sie mögen. Señor Monte hat heute noch sehr lange im Büro zu tun. Er wird sicher bis zehn, halb elf am Schreibtisch sein, da macht es keinen Unterschied, ob Sie gleich nachher oder erst später zu ihm gehen.«

 

Nach den Tapas und einem Glas Rotwein war Jorge dann doch noch eingenickt. Manuel hatte ihn eine Weile auf dem Baststuhl in der Ecke schlafen lassen, aber als er leise zu schnarchen begann und die ersten Gäste die Bar betraten, weckte er ihn vorsichtig. Jorge entschuldigte sich wortreich und tappte nach Hause, wo er sich ein wenig hinlegte, um für den Abend in der Bodega gerüstet zu sein.

Nun war er wieder wach und frisch geduscht, es war fast neun und höchste Zeit für den kurzen Fußweg zum Treffen mit seinen Freunden. Er trat auf die Straße, grüßte einige Nachbarn und atmete die noch immer recht warme Abendluft ein. Das Wasser lief ihm schon im Mund zusammen, als er an die Leckereien dachte, die er sich gleich schmecken lassen würde, und er ging voller Vorfreude in Richtung Bodega.

Die Gestalt, die sich in die schattige Hofeinfahrt drückte und dabei ständig nervös in alle Richtungen blickte, war so lausig versteckt, dass Jorge demonstrativ mitten auf dem Gehweg stehen blieb und ihn missbilligend anschaute, beide Fäuste in die Hüften gestemmt.

»Findest du das nicht albern?«, rief er ihm zu, aber der hagere Mann trat nur ganz kurz aus der Einfahrt, packte ihn an beiden Schultern und zog ihn mit sich in den Schatten.

»Jetzt ist es aber gut, Juan«, schimpfte Jorge und schüttelte die Hände des anderen ab. »Spinnst du, mich hier herumzuschubsen?«

»Tut mir leid, Jefe, aber …«

Er beugte sich noch einmal vor und sah nach links und rechts die Carrer de les Barques entlang. Touristen schlenderten durch die Straße, und selbst ein Einfaltspinsel wie Juan musste erkennen, dass von händchenhaltenden Spaziergängern und älteren Herren mit Strohhut und Digitalkamera nicht mehr zu befürchten war, als dass sie einen baten, man möge sie doch bitte in dieser malerischen Umgebung fotografieren. Dennoch wirkte er keineswegs beruhigt, sondern legte seine albernste Verschwörermiene auf.

»Ich muss Ihnen unbedingt sagen, was ich heute gehört habe. Und bitte nennen Sie mich nicht Juan!«

»Aber so heißt du nun mal!«

»Nicht während unserer Treffen. Nennen Sie mich einfach s’Orella, bitte!«

Jorge verdrehte die Augen. »Ich weiß, dass du dich ›das Ohr‹ nennst, aber wir sind hier unter uns! Können wir diese Kinderspielchen nicht lassen?«

»Bitte, Jefe!«

Er sah ihn flehend an, und Jorge winkte seufzend ab.

»Meinetwegen, du Pappnase. Und wenn wir schon dabei sind: Ich bin nicht mehr der Jefe Superior, ich bin pensioniert. Das könntest du dir ruhig mal merken.«

Juan zuckte mit den Schultern.

»Für mich bleiben Sie der Boss, Jefe … äh … Señor Bennàssar … äh …«

»Schon gut. Und nun komm endlich zur Sache. Ich bin mit frischem Brot, feinem Schinken und würzigem Wein verabredet, die drei will ich nicht unnötig warten lassen. Und wir beide haben uns erst heute Nachmittag unterhalten. Also, was gibt’s denn jetzt schon wieder?«

»Ich war nach unserem Gespräch noch einmal draußen«, raunte der Hagere und machte ein Gesicht, als müsse Jorge sofort klar sein, was er meinte. Der zog aber nur eine genervte Miene. »In der s’Albufereta, Jefe, da stinkt etwas zum Himmel. Das habe ich Ihnen doch vorhin schon gesagt.«

Das hatte er wirklich. In düstersten Farben hatte er über Machenschaften fabuliert, die am nördlichen Rand der Gemarkung Alcúdia im Gange seien. Dort, wo auf der Gemeindegrenze zu Pollença gut zweihundert Hektar Sumpfgebiet als Naturreservat ausgewiesen waren, zur Freude der Naturschützer und der dort brütenden Vögel. Ein Naturreservat, das größtenteils in Privatbesitz war.

Doch Juan konnte für keine seiner Mutmaßungen Belege beibringen, und er konnte nicht einmal halbwegs konkret benennen, was dort eigentlich für eine Sauerei vorbereitet werde.

»Weißt du, Juan, ich glaube eher, dass du dir da was zusammenspinnst. Vielleicht will ja außer mir keiner deine Geschichten hören, oder du willst nur die Tapas und den Tequila schnorren, die ich dir bei Alejandro ausgebe.«

»Aber Jefe …« Jorge legte die Stirn in Falten. »Ich meine, Señor Bennàssar … ich habe vorhin einen Fremden dort gesehen. Der hat mit den Besitzern von zwei Fincas gesprochen, die am Rand des Naturreservats stehen. Einer hat ihn wieder fortgejagt, der andere hat ihn hereingebeten – und es würde mich nicht wundern, wenn der zweite hinterher ein paar Scheine mehr in der Tasche hatte als vorher.«

»Und du glaubst, dass dieser Fremde die Leute überredet, ihre Fincas zu verkaufen? Warum, bitte schön, sollte er das tun?«

»Ich habe gehört«, brachte Juan heiser hervor und tippte sich ans rechte Ohr, »dass dort eine ganz große Sache vorbereitet werden soll.«

»Du hast aber nicht gut genug hingehört, denn du hast keinen Schimmer, worum es sich dabei handeln könnte.«

»Das liegt doch auf der Hand, Je… Señor Bennàssar, irgendetwas mit Immobilien, eine neue Hotelanlage vielleicht oder einer dieser teuren Clubs, was weiß ich.«

»Eben! Was weißt du! Und jetzt mach dich davon und lass mich endlich in die Bodega gehen. Meine Freunde essen mir die besten Stücke weg, während ich mir deine Märchen anhören muss.«

Juan sackte ein wenig in sich zusammen, aber Jorge klopfte ihm auf die Schulter.

»Wir machen das so, s’Orella«, schlug er in versöhnlicherem Ton vor. Juan richtete sich auf und hing nun an den Lippen des früheren Leiters des Cuerpo Nacional de Policía auf Mallorca. »Du hörst dich weiter um, und sobald deine Ohren, die ja auf der ganzen Insel legendär sind, etwas aufgeschnappt haben, womit ich wirklich etwas anfangen kann, sagst du mir Bescheid. Und dann kümmere ich mich darum.«

Jorge hatte kurz Sorge, ob er mit den legendären Ohren etwas zu dick aufgetragen hatte, aber s’Orella stand mit so stolzgeschwellter Brust und so eifrig nickend vor ihm, dass die Bedenken schon bald verflogen waren.

»Los jetzt, du Spürnase!«, rief Jorge. Juan sah ihn irritiert an, und er korrigierte sich sofort. »Spürohr, meinte ich natürlich. Hör gut hin, ich freu mich schon auf deine Informationen.«

Damit verabschiedete er Juan, der über das ganze glatt rasierte Gesicht strahlte, dem pensionierten Polizisten noch einmal zuzwinkerte und dann auf die Straße hinaustrat, wo er sich so auffällig unauffällig unter die flanierenden Touristen mischte, dass ihn einige misstrauisch anschauten.

Jorge sah ihm nach, bis er um die nächste Straßenecke verschwunden war, dann seufzte er und ging die letzten Schritte bis zu Alejandros Bodega. Er dachte über Juans Äußerungen nach und fragte sich, ob womöglich doch etwas in der s’Albufereta vor sich ging, das er sich mal genauer ansehen sollte. Doch dann zog er die schwere Tür zur Ca na Miranda auf. Ihm wehte der Duft von getrocknetem Schinken und frisch gebackenem Brot entgegen, und von unten hörte er klirrende Weingläser.

Sofort waren alle Ganoven und Spitzel Mallorcas für den Moment vergessen.

 

Nach einer ausgiebigen Dusche und etwas frischem Obst aus der Schale, die auf der Anrichte bereitstand, hatte Lisa nur noch kurz ihre Mails checken wollen. Doch schon die dritte Nachricht machte ihr klar, dass das anstehende Treffen mit dem Hoteldirektor noch ein Weilchen warten musste.

»Liebe Frau Langer«, begann die Mail, »noch einmal möchte ich mich herzlich bedanken, dass Sie uns Ihr Manuskript zur Prüfung überlassen haben. Meine Kollegen und ich sind ganz begeistert von Ihrer Hauptfigur, von der Grundidee der Geschichte und natürlich von Ihrer wunderbaren Art, Urlaubsatmosphäre mit einem leicht und munter geschriebenen Kriminalfall zu verbinden. Denken Sie doch bitte möglichst bald darüber nach, an welchen Orten weitere Fälle spielen könnten – wir sehen großes Potenzial für eine überaus erfolgreiche Krimiserie. Den Entwurf für einen Autorenvertrag finden Sie im Anhang, wobei wir die Details natürlich, wie verabredet, gern mit Ihrer Agentin besprechen, der diese Mail in Kopie zugeht. Noch einmal herzlichen Dank, wir freuen uns schon alle sehr auf unsere Zusammenarbeit – und auch aus dem Vertrieb kamen schon sehr positive Rückmeldungen. Ich kann jetzt noch nichts versprechen, aber ich bin guter Dinge, dass wir Ihren ersten Urlaubskrimi als Toptitel einstufen und entsprechend mit Werbemaßnahmen flankieren werden. Wir haben alle ein gutes Gefühl, und ich glaube, Sie und wir dürfen uns auf einen schönen Erfolg freuen. Mit sehr herzlichen Grüßen, Ihre …«

Und dann folgten Name und Kontaktdaten der Lektorin, der ihre Agentin das Manuskript vorgelegt hatte – mit dem dezenten Hinweis versehen, dass sie den Text zwar vor allen anderen bekommen habe, dass sie aber bei einem zu niedrigen Angebot sicher nicht die Einzige bleiben würde. Und jetzt bot ihr tatsächlich einer der großen Publikumsverlage einen Vertrag an!

Lisa holte ein kleines Fläschchen Sekt aus der Minibar und trank den ersten Schluck direkt aus der Flasche. Dann scrollte sie zu den neueren Mails. Ihre Agentin hatte keine zehn Minuten nach der Mail der Lektorin ebenfalls geschrieben.

»Liebe Lisa, den Vertrag habe ich kurz überflogen. So ungefähr können wir das meiner Meinung nach machen, aber den Vorschuss und die Absatzhonorare werde ich noch etwas nachverhandeln. Die Homepage für dein Pseudonym habe ich inzwischen registrieren lassen, und es gibt auch schon einen Dienstleister, der dir die Seite aufbauen und betreuen will. Mach ruhig ein Fläschchen auf, Lisa, und stoß auf deinen Erfolg an. Ich glaube, da kommt jetzt was Schönes ins Rollen! Herzliche Grüße!«

Erst jetzt öffnete sie den Anhang der Verlagsmail. Sie blätterte sich durch die sieben eng beschriebenen Seiten, dann wieder zurück zu den beiden Seiten, auf denen der Vorschuss und das Honorar zu lesen waren, das sie pro verkauftem Buch bekommen würde. Der Rest der Sektflasche war kurz darauf leer, und sie tigerte auf dem Balkon ihrer Suite auf und ab.

Und da will meine Agentin noch nachverhandeln?, dachte sie.

Ach, sollte sie nur. Offenbar kam da jetzt wirklich etwas Schönes ins Rollen.

 

Lisa brauchte fast eine Stunde, bis sie sich wieder so weit beruhigt hatte, dass sie sich für das Treffen mit dem Hoteldirektor gewappnet fühlte. Noch einmal sah sie sich in ihrem Zimmer um, das eher eine kleine Suite war. Sie wollte Señor Monte für die wunderbare Unterbringung danken und prägte sich dafür noch einmal die schönsten Details der Einrichtung ein. Schließlich hatten manche Auftraggeber sie auch schon in besseren Besenkammern untergebracht. In einem preisgünstigen Hotel in Südschweden zum Beispiel hatte sie die Enge ihres Zimmers dadurch lindern wollen, dass sie die Gardine zur Seite schob und das Fenster aufriss – und dabei feststellen müssen, dass das Zimmer gar kein Fenster hatte: Die Gardine hatte die Tatsache verdeckt, dass der Raum offenbar überall an Innenwände grenzte.

Pablo führte sie in die Etage, wo die Geschäftsleitung untergebracht war. Sie durchquerte in seinem Schlepptau ein recht geräumiges Vorzimmer und betrat schließlich einen Raum, der schlichtweg atemberaubend war. Es war eher ein kleiner Saal als ein großes Zimmer, und die geradezu verschwenderische Einrichtung trieb den maurischen Stil des Hotels auf die Spitze. Von der einen Ecke abgesehen, in der ein wuchtiger Schreibtisch aus dunklem Holz mit passenden Regalen und Schränken aufgestellt war, erweckte nichts den Anschein eines Büros.

Die glatt verputzten Wände waren in verschiedenen angenehm hellen Farbschattierungen gehalten, auf dem Boden waren Teppiche ausgelegt, die weich, aber keineswegs plüschig wirkten und den Raum mit diskreten Mustern in Creme- und Sandfarben wärmten. Eine Seite des Zimmers wurde von einer beeindruckenden Sitzgruppe aus ausladenden Polstermöbeln dominiert, deren grünlich gelb leuchtende Stoffbezüge an den Seiten zu gleichmäßigen Falten gerafft waren. Obenauf türmten sich an manchen Stellen Kissen unterschiedlicher Größe, mit Blumenmustern in kräftigen Farbtönen oder einfarbig in schwerem Rot oder gedecktem Orange. In der Mitte der Sitzgruppe stand ein sehr niedriger Couchtisch aus dunkelbraunem Holz, auf dem eine Karaffe mit Wasser und einige Gläser standen und eine Miniaturkopie des kitschigen Brunnens im Auffahrtsrondell des Hotels umgaben. Das üppige Bild rundeten einige überdimensionierte Schilfwedel, zwei Zimmerpalmen und Blumensträuße in riesigen Bodenvasen ab. Erst auf den zweiten Blick merkte Lisa, dass einige der Blumen nicht echt waren, sondern zu einem sehr realistischen Gemälde gehörten, das ein großes Stück der Wand hinter den Bodenvasen zierte.

Zwischen Schreibtisch und Sitzgruppe ging der Blick durch großzügige Fenster nach Westen, wo ein Balkon mit weiteren Pflanzen, einer Garnitur schwerer Holzmöbel und einem angedeuteten Baldachin sehr wohnlich gestaltet war. Dahinter war die imposante Kulisse eines weitläufigen, den Hang hinauf verlaufenden Gartens zu sehen.

»Guten Tag, Señorita Langer«, sagte eine angenehm sonore Stimme direkt neben Lisa. Sie fuhr herum. Ihr Blick fiel auf einen Mann Anfang vierzig, den sie sofort erkannte, denn natürlich hatte sie Julio Cesar Monte Tintorero vor ihrem Abflug gegoogelt. In der Realität wirkte er tatsächlich noch charmanter als auf der Homepage des El Moro alegre. Als Spross einer reichen Hoteliersfamilie war er in der Jugend ein passabler Tennisspieler gewesen, hatte aber nie mehr als ein, zwei kleinere Turniere gewonnen. Ein gewisser Ruf als Frauenheld eilte ihm voraus.

Er streckte ihr eine Hand entgegen, mit der Innenfläche nach oben, und als sie nicht gleich reagierte, fuhr er mit den Fingern unter ihre Hand, hob sie sachte vor seinen Mund und deutete mit einem galanten Lächeln einen Handkuss an.

»Ich hoffe, Sie sind mit Ihrem Zimmer zufrieden?«

Monte führte Lisa zur Sitzgruppe und wies ihr einen Platz zu. Die Polster waren weich, aber fest. Ihre Couch in Hamburg kam ihr in den Sinn, viel zu billig und schon so durchgesessen, dass man an manchen Stellen das Holz der Unterkonstruktion spürte. Der Hoteldirektor füllte zwei Gläser mit Wasser und setzte sich neben sie auf das Sofa. Er war ihr eine Winzigkeit näher gerückt, als sie es für angemessen hielt, aber weil er sonst keine Anstalten machte, in irgendeiner Weise aufdringlich zu werden, verzichtete sie darauf, ein Stück von ihm wegzurutschen. Vielleicht stimmte es ja doch, was ihr ein aufdringlicher Süditaliener einmal anvertraut hatte, bevor er ihr fast auf den Schoß gerutscht war: dass große körperliche Nähe in den Regionen rund ums Mittelmeer nicht zwingend plumpe Anmache bedeutete.

»Ja, Señor Monte«, antwortete sie, »das Zimmer ist sehr schön, vielen Dank. Und alle Ihre Mitarbeiter sind aufmerksam, alles hat Stil, die Ausstattung ist fast verschwenderisch, die Lage traumhaft – dabei habe ich seit meiner Ankunft vorhin noch gar nicht viel gesehen. Um ehrlich zu sein: Mir ist schon jetzt nicht mehr klar, warum Sie überhaupt eine Broschüre benötigen, so schön, wie Ihr Hotel ist.«

Er lächelte und fuhr sich mit einer schnellen Bewegung durch das volle graumelierte Haar.

»Sehr freundlich von Ihnen, Señorita. Aber sagen Sie doch bitte Julio zu mir. Wir werden in den nächsten Tagen recht eng zusammenarbeiten, wie ich hoffe, da müssen wir uns den Tag nicht mit allzu vielen Förmlichkeiten erschweren, nicht wahr?«

Er lächelte noch mehr, und Lisa war es, als wäre er auf dem Polster noch ein kleines bisschen näher an sie herangerückt. Nun wich sie doch ein wenig zurück, und Monte quittierte die winzige Bewegung mit einem noch breiteren Lächeln.

»Test bestanden«, sagte er. »Leider.«

»Test? Welcher Test?«

»Nun … ich nehme an, Sie haben sich über mich informiert, bevor Sie losgeflogen sind?«

Lisa nickte.

»Was immer Sie gelesen haben, es wird wohl stimmen. Vor allem die schlimmen Sachen.«

Er lachte auf eine Weise, dass sich ihr die Nackenhärchen aufstellten.

»Ich habe es wirklich ganz gern, wenn Frauen mich mögen. Manchmal ist es auch schön, wenn während der Arbeit ein gewisses Prickeln in der Luft liegt, aber das beschränkt sich in meinem Fall und hier im Haus auf ganz wenige Angestellte. Na ja, der Hausklatsch wird Sie da vermutlich aufs Laufende bringen. Wenn ich aber jemanden als Berater oder als Dienstleister von außerhalb hinzuhole, dann finde ich solche … nun ja … Verwicklungen eher hinderlich. Und eben wollte ich herausfinden, woran ich in dieser Hinsicht bei Ihnen bin.«

Er zwinkerte ihr zu.

»Wie gesagt: Test bestanden, leider. Denn ich gebe zu, dass Sie durchaus mein Typ sind. Aber bis Sie mit Ihrer Arbeit hier im Hotel fertig sind, lasse ich Sie in Ruhe. Und ich darf Sie Lisa nennen – einverstanden?«

Er streckte die Hand aus, und sie schlug lächelnd ein.

»Einverstanden.«

 

Sumpfland, Kanäle und Vögel ohne Ende.

Die Sonne war schon fast am westlichen Horizont versunken, und während es nun endlich weniger heiß und schwül wurde, kam Bewegung in die Stechmücken, die sich in den Pfützen und im Brackwasser am Rand der Wasserläufe gemütlich eingerichtet hatten.

Er überprüfte noch einmal seine Liste. Bald würde er alles fotografiert haben, nur musste er zwischen den Schnappschüssen immer wieder gegen Hals und Gesicht, Arme und Beine klatschen, um die aufdringlichsten Plagegeister unschädlich zu machen. Eine halbe Stunde brauchte er noch, dann war er endlich fertig, und mehrere juckende Stellen im Nacken und an den Waden machten ihm klar, dass er offenbar nicht alle Mücken rechtzeitig erwischt hatte.

Beim Marsch zurück zum Wagen brach ihm noch einmal der Schweiß aus, dann war er endlich in eine neue Hose und in bequemere Schuhe geschlüpft und wieder in Richtung Hotel unterwegs. Der Fahrtwind fuhr ihm wild durch die Haare, und das Brausen ließ das Plärren des Autoradios nur bruchstückhaft an sein Ohr dringen. Den Wagen würde er wieder auf dem Gelände der stillgelegten Fabrik abstellen, wo er ein perfektes, gut verstecktes Plätzchen gefunden hatte. Das letzte Stück Weg bis zum Hotel war zu Fuß kein Problem, und so musste sich niemand wundern, warum sich ein Gruppenreisender zusätzlich noch ein Auto gemietet hatte.

Im Grunde genommen war es kein schlechter Tag gewesen. Er kam gut voran mit seinem Projekt, sein Investor würde zufrieden sein, und wenn die Konkurrenz nur noch zwei, drei Tage brauchte, um ihm auf die Schliche zu kommen, würde er genügend Verträge abgeschlossen haben, um für die anderen ein ernsthaftes Problem darzustellen. Und dann hatte er die Verhandlungsposition, die er brauchte.

Grinsend ließ er den Wagen in die Lücke zwischen zwei windschiefen Holzhütten rollen. Er stieg aus, schloss den Wagen ab und sah sich um. Keine Menschenseele war hier draußen zu sehen, nur der Wind verfing sich ab und zu in einem der trockenen Büsche. Es rauschte und knisterte, eine Bö rüttelte kurz an einem verrosteten Metalltor, dann herrschte wieder Ruhe, und er machte sich auf den Weg.

In sicherem Abstand folgten ihm mehrere Männer, die sich mit Gesten verständigten und auf ihrem Weg nach Norden darauf zu achten schienen, nicht von dem anderen bemerkt zu werden.

 

»Schauen Sie, Lisa«, begann Julio Monte, ihr den Grund für ihre Anwesenheit zu erklären, »dieses Hotel ist gewissermaßen meine letzte Chance, in meiner Familie wirtschaftlich gesehen einen Fuß auf den Boden zu bekommen. Ich habe mich jahrelang davor gedrückt, in die Firma einzutreten, weil ich keine Lust auf berufliche Verpflichtungen hatte – und jetzt, wo ich überraschenderweise doch noch Geschmack daran gefunden habe, jeden Tag bis spät in die Nacht zu arbeiten, ist mein Vater Cesar nicht mehr allein damit zufrieden, dass ich so fleißig bin, wie er es immer eingefordert hat. Jetzt will er Ergebnisse sehen, richtig gute Ergebnisse.«

Monte machte eine Geste, die den Raum und alles drum herum zu umfassen schien.

»Das El Moro alegre war meine Idee. Ich habe meinen Vater fast bekniet, einen maurischen Palast für Urlaubsgäste bauen zu dürfen. Ich wollte zeigen, dass man ein Haus wie ein Luxushotel führen kann, ohne dass wir mit den Preisen der Luxuskategorie die sogenannten normalen Gäste verprellen. Ich habe alles durchrechnen lassen, und es würde funktionieren – auch weil wir innerhalb der Hotelkette meines Vaters natürlich zu Preisen einkaufen können, von denen andere nur träumen können. Aber leider sind wir nicht annähernd so gut gebucht, wie es nötig wäre, damit sich das Ganze auch wirklich rechnet.«

»Und woran liegt das?«

»Wir hatten, glaube ich, in mancherlei Hinsicht kein so glückliches Händchen. Die Lage hier am Hang ist toll, weil wir das kleine Wäldchen haben – aber wären die Bäume weg, würden Sie nach Südwesten auf den Jachthafen und nach Südosten auf den alten Hafenschutzturm blicken, den Torre Major, doch leider auch auf den weniger malerischen Fährhafen und die Schornsteine der Industrieanlagen direkt südlich von uns.«

Lisa gefiel das charmante Lächeln, mit dem er diese Makel vorbrachte.

»Dann«, fuhr er fort, »fand ich den Namen sofort toll, den unser zentrales Marketing vorgeschlagen hat: El Moro alegre – der fröhliche Maure. Mir gefiel es, weil wir daran mit dem Gebäudestil und der Einrichtung anknüpfen konnten.«

Er deutete auf die Miniatur, die mitten auf dem Tisch stand.

»Erkennen Sie diesen Brunnen wieder?«, fragte er.

Sie zuckte mit den Schultern.

»Es ist ein Modell des Brunnens draußen auf dem Rondell vor dem Eingang. Das ist eine Nachbildung des Löwenbrunnens, der im Löwenhof der Alhambra in Granada steht«, erklärte er und schien ein wenig enttäuscht, dass ihr das offensichtlich entgangen war.

»Oh, das tut mir leid. Da habe ich mich als Reisejournalistin nicht gerade mit Ruhm bekleckert, was?«

»Ach, so geht mir das dauernd«, beruhigte Julio Monte sie und sah schon wieder ganz gut gelaunt aus. »Ich mache mir tausend Gedanken. Der Brunnen draußen war ziemlich teuer, und so wie Ihnen geht es fast allen anderen Gästen auch: Wer nicht kürzlich in Granada war oder von einem meiner Mitarbeiter mit der Nase darauf gestoßen wird, erkennt den Löwenbrunnen nicht.«

Er winkte ab und nahm einen Schluck Wasser.

»Wie gesagt, ich mache mir zu viele Gedanken. Und manchmal auch noch die falschen. Nehmen wir den Namen des Hotels, der zumindest auf Mallorca selbst nicht besonders gut ankommt. Offenbar erinnert er die Leute an die arabische Besetzung der Insel vom zehnten bis zum dreizehnten Jahrhundert, und dann haben wir auch noch die spanische Schreibweise statt der katalanischen gewählt …«

Julio lachte.

»Jedenfalls haben wir auf der Insel keine gute Presse bekommen, und in Zeiten, in denen Ihnen jeder mit einem gesenkten Daumen in den einschlägigen Bewertungsportalen in die Suppe spucken kann, können eine Handvoll eingeschnappte Mallorquiner einiges bewirken.«

»Sie glauben, dass Ihnen Leute von hier schlechte Kritiken geben, damit Sie keinen Erfolg haben?«

Er zuckte mit den Schultern.

»Zu allem Übel stammt meine Familie auch noch aus Madrid. Das ist für einen stolzen Mallorquiner womöglich noch schwerer zu ertragen als dieser Deutsche, der eine Zeit lang den Fußballclub drüben in Palma geführt hat.«

»Das ist natürlich schlimm«, stimmte Lisa ihm lachend zu.

»Und hier kommen Sie ins Spiel. Genießen Sie Ihren Aufenthalt im El Moro alegre, reden Sie mit meinen Angestellten, lassen Sie sich von meiner Assistentin oder von unserem Concierge Esteban vermitteln, was der Geist der Hauses ist und was wir unseren Gästen bieten möchten. Machen Sie Ausflüge in die Umgebung, reden Sie mit den Leuten … Sie sprechen übrigens ein sehr gutes Spanisch.«

»Sprachen zu lernen ist mir schon immer leichtgefallen, und als Reisejournalistin komme ich allein mit Englisch nicht überall gut durch.«

»Katalan sprechen Sie aber nicht zufällig?«

»Nicht wirklich«, gab sie zu und grinste, »aber mein deutscher Akzent sollte so deutlich zu hören sein, dass mich niemand für eine Madrilenin hält.«

Julio Monte lachte schallend und stand auf.

»Gut«, sagte er und reichte ihr die Hand zum Abschied. »Natürlich stehe auch ich Ihnen zur Verfügung, wenn Sie etwas von mir wissen möchten.«

Sein Händedruck war weich und fest zugleich, und dazu schaute er ihr noch einmal tief in die Augen und lächelte sehr charmant.

»Und wenn Sie mit der Arbeit an unserer Broschüre fertig sind, Lisa, können wir uns ja vielleicht mal ganz privat zum Essen verabreden. Ich kenne da das eine oder andere verschwiegene Lokal …«

Lisa erwiderte seinen Blick und sein Lächeln. Flirten konnte er, das musste sie ihm lassen.

»Wir werden sehen, Julio«, sagte sie und zwinkerte ihm zu.

Im Weggehen hörte sie, wie er zu seinem Schreibtisch ging, das Telefon abhob und eine kurze Nummer wählte.

»Hola, Maribel! Ich habe so schrecklichen Hunger, hättest du vielleicht Lust, mit mir …«

Dann war sie auch schon im Vorzimmer und steuerte durch die Gänge des Hotels auf die Eingangshalle zu. Concierge Esteban stand wie ein Fels in der Brandung hinter seinem Tresen und beriet in aller Seelenruhe ein junges Paar, obwohl sich dahinter weitere Gäste in einem Pulk drängten. Er scheuchte nebenbei mit knappen Gesten die Pagen umher und hatte für alle ein Lächeln und ein geduldiges Wort.

Lisa blieb am Rand der Lobby stehen und beobachtete ihn eine Zeit lang. Er war offenbar tadellos ausgebildet, und er lebte das vor, was sich Julio Monte von seinem Hotel versprach: die Atmosphäre eines Luxushotels für Gäste mit normalem Geldbeutel. Ob eine junge Frau mit viel zu knappen Hotpants, in Flip-Flops und einem dünnen Top mit Spaghettiträgern vor ihm stand oder ein dickbäuchiger Mittfünfziger mit Sandalen, weißen Socken, kurzer Cordhose und Motivshirt – allen begegnete er so aufmerksam, zugewandt und freundlich, als hätte er gerade jetzt einen besonders wichtigen Gast vor sich.

»Señorita Langer«, begrüßte er sie lächelnd, als sich der Trubel vor dem Tresen für einen Moment gelegt hatte und sie zu ihm trat. »Ich hoffe, Sie sind zufrieden mit mir.«

Lisa stutzte.

»Nun«, sagte Esteban mit feinem Lächeln und nickte zu dem Platz hinüber, an dem sie zuletzt gestanden hatte. »Sie haben mich doch eine Weile beobachtet. Habe ich mich gut geschlagen?«

»Mehr als gut. Sie waren sehr aufmerksam zu allen, und Sie sind auf die Gäste und ihre Fragen charmant und kompetent eingegangen. Ich hätte schwören können, dass Sie mich nicht einmal bemerken.«

»Ein guter Concierge bemerkt alles«, sagte er, beugte sich ein wenig vor und fuhr mit gesenkter Stimme fort: »Und lässt es sich nie anmerken.«

Sein Blick ging für einen Moment zur Seite, dann huschte ein Grinsen über sein Gesicht.

»Das gilt natürlich auch für alles, was mit unserem Herrn Direktor zu tun hat.«

Lisa wandte sich um und sah Julio Monte, der mit großen Schritten die Halle durchquerte. Vor dem Haupteingang wartete eine atemberaubende Schönheit im raffiniert geschnittenem Sommerkleid. Er begrüßte sie mit Küsschen, sie hakte sich bei ihm unter, und schon strebten die beiden auf eine schwarze Limousine zu, die in diesem Moment vorfuhr.

»Und da Sie ja jetzt eine von uns sind, zumindest auf Zeit, gewissermaßen, darf ich Ihnen vielleicht einen Rat geben?«

»Aber gern.«

»Sie können ruhig mit Señor Monte ausgehen, wenn er Sie einlädt. Er kennt viele schöne Lokale auf der Insel, er hat Stil und ist – soweit ich als Mann das beurteilen kann – ein angenehmer Begleiter. Er hat natürlich seine Absichten, aber Sie sehen nicht so aus, als könnten Sie ihn nicht im Zaum halten.« Er lächelte sie verschmitzt an. »Wenn Sie das wollen.«

»Das haben wir schon geklärt.«

»Sicher. Sonst wäre er heute Abend ja nicht mit Maribel ausgegangen.«

Sie sah ihn fragend an.

»Die schöne Kollegin, die draußen auf den Direktor gewartet hat. Sie macht den Frühdienst an der Rezeption, da hat sie tagsüber und abends natürlich Zeit, unter anderem für Señor Monte.«

Er zwinkerte ihr zu.

»Aber das bleibt natürlich unter uns. Im Team wissen das alle, die Gäste hingegen geht das nichts an. Wenn Sie sich in irgendeiner Sache nicht ganz sicher sind, was für die Öffentlichkeit gedacht ist und was nicht: Fragen Sie mich, ja?«

»Das mache ich, versprochen. Und ehrlich gesagt hätte ich schon jetzt eine Frage: Ich habe einen Bärenhunger, würde mir gern etwas typisch Mallorquinisches schmecken lassen – und dabei möglichst nicht im selben Lokal landen wie Maribel und der Direktor.«

»Wenn es etwas einfacher sein darf, würde ich Ihnen unbedingt zur Bar Sa perca daurada raten. Da können Sie bequem hinspazieren, der Abend ist ja herrlich, und Sie müssen auch nicht darauf achten, wie viel Wein Sie trinken. Übrigens ist direkt nebenan eine wunderbare Bodega untergebracht, die ich Ihnen auch ans Herz legen möchte, aber montags hat das Ca na Miranda leider geschlossen.«

Esteban schwärmte ihr von dem Eintopf vor, für den Manuel, der Wirt des Sa perca daurada, auf der ganzen Insel berühmt war, und er gab ihr gleich noch Tipps für die passenden Weine.

»Zum Essen müssen Sie unbedingt den Callet probieren, den Manuel von einem befreundeten Winzer aus Felanitx bezieht. Und wenn Sie danach noch was vertragen, gönnen Sie sich einen Malvasia zum Dessert. Damit können Sie vor Ihren gebildeten Lesern später glänzen, denn dieser Wein wird schon in Thomas Manns Buddenbrooks ausgeschenkt.«

Er lachte, voller Vorfreude verabschiedete sie sich von ihm und trat in den lauen Sommerabend hinaus. Felix, der Page, der nach ihrer Ankunft ihren Wagen für sie geparkt hatte, flitzte herbei und fragte, ob er ihr Auto holen solle.

»Nein, ich gehe zu Fuß. Esteban meinte, zum Sa perca daurada sei es nur ein Spaziergang.«

»Ja, das stimmt. Und grüßen Sie den Wirt herzlich von mir. Manuel ist der Cousin meiner Mutter. Vielleicht spendiert er Ihnen dann ja ein Glas Wein oder einen Tequila.«

Er lachte und schlenderte wieder zu seinem Platz neben dem Eingang, wo er auf Gäste wartete, denen er behilflich sein konnte. Als Lisa die Auffahrt hinunterschlenderte, kam ihr ein Mann Mitte vierzig entgegen, der aussah, als hätte er dringend einen Drink nötig. Unter den kurzen Ärmeln seines Poloshirts zeichneten sich dunkle Ränder ab, sein schütteres Haar, seitlich gescheitelt und mittelblond, klebte an einigen Stellen auf der Kopfhaut. In der rechten Hand trug er eine dünne Ledermappe, mit der linken fuhr er sich immer wieder durchs Haar, und dazwischen wandte er sich um und schaute zurück, als befürchtete er, verfolgt zu werden. Er stieß dabei fast mit Lisa zusammen, entschuldigte sich wortreich und mit einem etwas aufgesetzt wirkenden Lächeln und hielt dann weiter auf den Hoteleingang zu. Eine Wolke aus Deo und Schweiß folgte ihm, und Lisa machte, dass sie schnell einige Schritte wegkam und wieder die würzige Abendluft einatmen konnte.

Drunten im Wäldchen kamen die Aromen von Nadelholz und Moos dazu, auch Zigarettenrauch glaubte sie zu riechen. Ein Stück vor ihr löste sich ein Schatten aus den Bäumen neben dem Weg. Einen Moment lang kniff sie die Augen zusammen, um im schummerigen Licht der Straßenlaternen zu erkennen, wen sie da vor sich hatte, aber mehr, als dass es vermutlich ein Mann war, konnte sie nicht ausmachen. Und Gefahr drohte ihr von dem Unbekannten offenbar nicht: Der Fremde eilte die Straße hinunter, und als sie vor dem Kreisverkehr aus dem Wäldchen trat, war er schon von der Bildfläche verschwunden.

 

Der Schinken war wirklich besonders gut. Saftig und würzig zugleich und dazu Bernardos frisch gebackenes Brot und einen der besseren Rotweine, die Alejandro in seiner Bodega zur Verfügung hatte. Jorge lehnte sich zurück, schloss die Augen und lächelte selig.

»He, Jorge«, rief ihm Rodrigo zu und lachte, »nicht einschlafen, alter Mann!«

»Von wegen alter Mann«, versetzte Jorge gemütlich, ohne die Augen zu öffnen. »Ich genieße nur den Nachgeschmack des exzellenten Pernil, den du deinem Onkel abgeschwatzt hast.«

»Bravo«, lallte Bernardo, »dass du unseren schönen katalanischen Schinken nicht als spanischen Jamón beleidigt hast! Salut!«

Jorge öffnete die Augen, sah in die Runde und hob ebenfalls sein Glas.

»Auf Rodrigos Onkel! Möge er ewig leben – und vor allem möge er seine guten Kontakte nicht verlieren!«

Die vier Männer prosteten sich zu, leerten ihre Gläser und schenkten nach, klaubten Oliven aus einer Schale, rissen Brot vom Laib und säbelten Scheibe um Scheibe vom feinen Schinken. Es war ein schöner Abend, alles schmeckte, sie hatten unterhaltsame Geschichten auf Lager, die feuchte Kühle der Bodega tat gut nach dem heißen Tag, und am Ende begannen die vier sogar miteinander zu singen. Nicht schön, aber laut – und als um kurz vor elf Bernardo sein Gähnen nicht länger unterdrücken konnte und sich schließlich trollte, um vor dem Dienst in der Backstube noch schnell zwei, drei Stunden Schlaf zu bekommen, ließ sich auch Jorge zum letzten Mal nachschenken, und wenig später trank er das Glas mit einem letzten »Salut!« aus und kraxelte die Stufen zum Ausgang hinauf. Er musste sich mehr am Geländer festhalten als sonst, und auf dem oberen Treppenabsatz drehte er sich noch einmal um und rief seinen Freunden winkend und etwas undeutlich zu: »Bona nit!«

Dann wankte er hinaus in die Nacht. Um ein Haar wäre er in eine hübsche Frau Mitte dreißig hineingetorkelt, aber er konnte ihr noch knapp ausweichen, nuschelte ein verwaschenes »perdó« und nahm so gerade, wie er konnte, Kurs auf die Gasse, in der seine Wohnung lag.

 

Lisa hatte den von Esteban empfohlenen Eintopf im Sa perca daurada sehr genossen, und als sie die Bedienung bat, dem Wirt einen schönen Gruß von Felix, seinem Verwandten, auszurichten, kam Manuel selbst zum Kassieren. Er brachte eine Flasche Tequila und zwei Gläser mit und setzte sich zu Lisa. Sie plauderten ein wenig, Manuel lobte den fleißigen Felix über den grünen Klee und ließ auch Esteban Grüße ausrichten und einen herzlichen Dank dafür, dass er ihr gerade seine bescheidene Bar empfohlen habe.

»Esteban ist zwar keiner von der Insel«, sagte er, »aber er ist trotzdem ein guter Kerl. Felix hat ihn mal hergebracht, vor gut einem Jahr, als sich das Hotel noch auf die Eröffnung vorbereitete. Anfangs war er noch ziemlich zugeknöpft, aber nach einigen Gläsern von meinem besten Tequila …«

Manuel zwinkerte Lisa verschwörerisch zu und hatte ihr schneller nachgeschenkt, als sie das Glas mit der Hand abdecken konnte. Nach dem dritten Tequila schaffte sie es endlich doch noch, sich von ihm zu verabschieden, und unter dem strengen Blick einer fülligen Frau in geblümter Schürze, die neben dem Mauerdurchbruch zur Küche gestanden und ihn und Lisa die ganze Zeit über mürrisch beobachtet hatte, huschte er schließlich wieder zurück an seinen Herd.

Der Nachthimmel war wolkenlos und wölbte sich als grandioses Sternenzelt über Port d’Alcúdia. Von der dünnen Mondsichel, die sie auf dem Hinweg noch über den Dächern hatte erspähen können, war nichts mehr zu sehen. Durch die Gassen schlenderten nur noch wenige Urlauber, und in direkter Nachbarschaft der Bar Sa perca daurada schwang jetzt eine alte Holztür auf. Ein älterer Mann mit Bäuchlein und zerzausten grauen Haaren, offensichtlich nicht mehr ganz sicher auf den Beinen, stand in der geöffneten Tür und wandte sich noch einmal zum Inneren des Gebäudes um.

Lisa ging weiter und hatte ihn beinahe erreicht, als der Mann herumschwang und ihr fast in die Arme lief. Er murmelte etwas Undeutliches, vermutlich eine Entschuldigung, und machte sich davon. Die Holztür hatte er offen stehen lassen, und Lisa lugte nun hinein. Im schummrigen Licht konnte sie eine Treppe erkennen, die in einen schönen imposanten Weinkeller hinunterführte. Drunten saßen im flackernden Kerzenschein zwei Männer an einem grob gezimmerten Holztisch und prosteten sich zu. Einer der beiden bemerkte sie und rief zu ihr hinauf: »Entschuldigung, Señora, wir haben heute geschlossen. Aber wenn Sie morgen wiederkommen möchten …?«

Sie winkte ihm zu und drückte die Holztür ins Schloss. Ein Pappschild mit der Aufschrift »Heute geschlossen« war nur noch an einem Eck ins Holz gepinnt und würde wohl demnächst abfallen. Sie hob eine Reißzwecke auf, die sie auf dem Boden entdeckte, und drückte sie in eine zweite Ecke des Schilds. Über der Tür stand in groben Lettern »Ca na Miranda« – das war also die Bodega, die Esteban ihr für hinterher empfohlen hatte. Es hatte aus dem Keller recht angenehm nach frischem Brot und getrocknetem Schinken gerochen. Sie würde wohl noch auf den Tipp des Concierge zurückkommen.

Für heute aber war sie satt, und Tequila und Rotwein brauchte sie auch nicht mehr. Langsam spazierte sie ein kleines Stück in Richtung Meer, und schon öffnete sich vor ihr der Blick auf den Jachthafen, der zu dieser Jahreszeit natürlich voll besetzt war. Sie überquerte den gepflasterten Platz am Ufer und schlenderte auf die Landzunge hinaus, die den Jachthafen von der benachbarten Badebucht abgrenzte.

Stille hatte sich über die Hafenanlage gelegt, nur ab und zu waren Stimmen zu hören, und von irgendwo wehte Musik zu ihr herüber. Sie blieb stehen und schloss die Augen. Eine leichte Brise streifte vom Meer herein, und ganz leise konnte sie das Wasser gegen die Anleger glucksen hören. Als sie die Augen wieder öffnete, betrachtete sie den Steg, der sich vor ihr so weit ins Hafenbecken erstreckte, dass sie bei Nacht nicht sein Ende erkennen konnte. Links und rechts waren Boote unterschiedlicher Größe festgezurrt, einige Motorjachten waren darunter, doch die Segelboote waren klar in der Überzahl, und so wirkte der ganze Hafen wie ein kahler Wald aus Masten.

Alle paar Meter standen abwechselnd am linken und am rechten Rand des Stegs weiß lackierte Metallkästen, offenbar mit Stromanschlüssen für die Boote, und direkt über dem Boden waren in den Kästen kleine Leuchten eingebaut, die gegen die Dunkelheit anfunzelten. Das Spiel aus Licht und Dunkelheit sah hübsch aus, und etwas weiter entfernt sorgten Lampen für ein romantisches, warmes Licht. Als sie ein paar Schritte auf den Steg hinausgegangen war, sah sie einige Bootsbesitzer auf den kleinen Terrassen ihrer schwimmenden Ferienwohnungen sitzen, einige schauten fragend zu ihr her, und so drehte sie doch lieber wieder um und machte sich auf den Heimweg.

Sie ging langsam, schnupperte immer wieder und roch mal mehr den salzigen Duft des Meeres und dann wieder die Abgase eines der wenigen vorbeifahrenden Autos. Einmal wehte ihr der leichte Abendwind Zigarrenrauch in die Nase, und als sie sich umsah, saßen wirklich ein Stück entfernt zwei ältere Männer auf den Steinplatten, die noch die Wärme des Tages gespeichert hatten, lehnten entspannt ihre Rücken an den Stamm einer Palme, pafften und stießen mit kleinen Gläsern an.

Ab und zu begegnete sie Paaren, die eng umschlungen den Blick aufs Meer genossen, doch je mehr sie den Jachthafen hinter sich ließ, desto einsamer wurde es um sie. Bald war sie ganz allein unterwegs, auf einem schmalen Weg unter großen Bäumen. Vom Wasser trennte sie nur noch ein schmaler Streifen gestampfter Erde, deren Böschung durch aufgereihte Felsbrocken gesichert war.

Sie kam an den weitläufigen Asphaltflächen des Fährterminals vorbei, und schließlich sah sie vor sich die Schornsteine und Gebäude verschiedener Industrieanlagen. Einige riesige Stahltanks wirkten so vergammelt, als würde dort schon lange nichts mehr produziert oder gelagert. Das war wirklich keine besonders schöne Umgebung für ein ehrgeiziges Hotelprojekt, da hatte Señor Monte schon recht. Doch es wurde mit jedem Schritt besser, den sie sich vom Meer entfernte, und bald hatte sie das Wäldchen erreicht, hinter dem das El Moro alegre lag.

Als sie ins Dämmerlicht des Waldstücks hineingegangen war, musste sie sich anstrengen, um im diffusen Schein der elektrischen Fackeln am Wegesrand etwas zu erkennen. Allmählich schälte sich vor ihr ein Umriss aus der Dunkelheit, der nicht recht zu den Bäumen passen wollte. Etwas stand dort, links des Weges, direkt am Waldrand. Sie schaute genauer hin, da drehte sich die Gestalt zu ihr um, schien zu erstarren – und war Augenblicke später zwischen den Bäumen verschwunden. Sie hörte es auf der linken Seite rascheln, der Unbekannte schien einen Bogen um sie zu schlagen und sich dann in Richtung Hafen davonzumachen. Kurz darauf knackten rechts von ihr einige Zweige, wieder waren Schritte zu hören, ein sattes Klatschen und ein unterdrückter Schmerzensschrei. Dann war es wieder ruhig.

Lisa sah sich nach allen Seiten um, aber nun schien sie allein zu sein. Sie horchte, doch von einem Auto abgesehen, das ein Stück weiter die Straße hinunter mit aufheulendem Motor losfuhr und sich schnell entfernte, war nichts zu hören. Schließlich überlagerte das Zirpen der Zikaden alles andere, und wenn die Tierchen mal für einige Momente Ruhe gaben, drang das leise Plätschern der Löwenbrunnenkopie durch die Stille.

Vor dem Haupteingang des El Moro alegre stand nun kein Page mehr, dafür hielt Esteban die Stellung hinter dem Empfangstresen.

»Guten Abend, Esteban«, sagte Lisa und senkte ihre Stimme, als hinter ihr zwei sehr müde wirkende Urlaubsgäste in Richtung Lift schlurften. »Sagen Sie mal, gibt es hier im Hotel ein Problem mit Einbrechern?«

»Nein, Señorita Lisa, wie kommen Sie darauf?«

»Draußen im Wäldchen sind gerade zwei oder drei Typen herumgeschlichen, als würden sie das Hotel ausbaldowern.«

Esteban nickte nachdenklich. »Soll ich ein paar von den Pagen rausschicken? Die essen gerade in der Küche, aber sie finden es sicher spannend, sich diese Typen zu schnappen.«

Er machte Anstalten, nach dem Telefon zu greifen, aber Lisa winkte ab. »Die sind schon weg. Als sie mich kommen hörten, sind sie in Richtung Hafen davongeflitzt und dann wohl mit einem Wagen abgehauen.«

»Zwei, drei Burschen, die vor einer schönen Frau fliehen?« Esteban schmunzelte. »Eine allzu große Bedrohung scheinen mir diese Typen nicht zu sein. Aber ich werde natürlich die Augen offen halten.«

Er beugte sich über den Tresen und raunte ihr mit breitem Grinsen zu: »Aber das tue ich ja ohnehin. Und nun zu etwas Wichtigerem: Wie war Manuels Eintopf?«

»Ausgezeichnet. Und als ich ihn von seinem Verwandten Felix gegrüßt habe, wollte er gar nicht mehr aufhören, mir Tequila zu spendieren.«

Esteban griff sich mit einer übertrieben dramatischen Bewegung an die Stirn und stöhnte: »O ja, Manuels Tequila. Ich erinnere mich … Na, dann schlafen Sie gut! Ich wünsche Ihnen eine erholsame Nacht, Señorita Lisa.«

 

Über Hanne Holms

Biografie

Hanne Holms, geboren in Stuttgart, betreibt das Journalismusgewerbe seit Jahren mit Herzblut. Heute besucht sie als Reisejournalistin die schönsten Orte der Welt. Dort arbeiten, wo andere Urlaub machen, ist seither ihre Devise. Doch Hanne Holms hat auch eine dunkle Seite: Sie schreibt...

Weitere Titel der Serie »Lisa Langer ermittelt«

Lisa Langer arbeitet als freiberufliche Reisejournalistin und dichtet Werbetexte für Hotels. Heimlich schreibt sie Krimis – und deswegen ermittelt sie auf ihren Reisen an beliebte Urlaubsziele immer wieder in Verbrechensfällen.

Pressestimmen

Ruhr Nachrichten

»›Balearenblut‹ passt gut ins Urlaubsgepäck und an den Strand.«

Fragen und Antworten zu Hanne Holms
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