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Aufziehendes Gewitter

Aufziehendes Gewitter

Roman

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Aufziehendes Gewitter — Inhalt

Boston, 1962: Frederick wacht mit einem schlimmen Kater im Irrenhaus auf. Nur langsam fällt ihm wieder ein, was passiert ist … Er wurde verhaftet, weil er ältere Damen auf offener Strasse mit seinem nackten Hinterteil erschreckt hat. Um ihm einen Prozess zu ersparen und weil seine Frau Katharine seine manischen Schübe einfach nicht mehr ertragen kann, steckt man ihn ins Mayflower Home, eine exklusive Anstalt, wo die High Society sich im Falle eines Falles kurieren lässt. Frederick glaubt eigentlich nicht, dass er krank ist – aber als er wieder gehen will, muss er feststellen, dass er darüber nicht mehr entscheiden kann. Und Katharine antwortet bald noch nicht einmal mehr auf seine Briefe.
Brooklyn, 2010. Fast fünfzig Jahre später beschließt Stefan Merrill Block, seinem totgeschwiegenen Großvater eine Stimme zu geben.


€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 12.03.2012
Übersetzt von: Dirk van Gunsteren
240 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-95608-6

Leseprobe zu »Aufziehendes Gewitter«

Für meine Großeltern

 

Hör nur,
Wie rasch dein Herz in mir schlägt.

 

»Jeden Falls« von Wisława Szymborska

 

Ich saß und lauschte zu vielen
Worten der hilfreichen Muse
Und plante mein Leben vielleicht zu unbeschwert,
Ersparte anderen keinen Schmerz,
Ersparte mir selbst keinen Schmerz
Und bitte um Mitgefühl … dies Buch, nur halb Fiktion,
ein selbstgeknüpftes Aalnetz zum Kampf gegen die Aale.

 

»Dolphin« von Robert Lowell

 

Wir müssen stets wachsam sein

 

1

 

Da ist das Haus in der Wildnis. Das Haus – Echo Cottage –, davor der See, ein bebendes Gitterwerk [...]

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Für meine Großeltern

 

Hör nur,
Wie rasch dein Herz in mir schlägt.

 

»Jeden Falls« von Wisława Szymborska

 

Ich saß und lauschte zu vielen
Worten der hilfreichen Muse
Und plante mein Leben vielleicht zu unbeschwert,
Ersparte anderen keinen Schmerz,
Ersparte mir selbst keinen Schmerz
Und bitte um Mitgefühl … dies Buch, nur halb Fiktion,
ein selbstgeknüpftes Aalnetz zum Kampf gegen die Aale.

 

»Dolphin« von Robert Lowell

 

Wir müssen stets wachsam sein

 

1

 

Da ist das Haus in der Wildnis. Das Haus – Echo Cottage –, davor der See, ein bebendes Gitterwerk aus Spätnachmittagslicht. Unter dem moosbewachsenen Vordach blättert der Name des Hauses von einem Schild.
Eine Veranda, so bleich wie bedeckter Himmel, zieht sich rings um das Cottage, und an ihrer am weitesten entfernten Ecke steht eine alte Chaiselongue, fleckiges Aluminium mit einer gepolsterten Auflage aus avocadogrünem Vinyl. Darauf liegt, unter dem grau-braunen Nest ihrer Haare, meine Großmutter und schläft, ihre Haut klebt an dem Plastikbezug.
In der Luft über dem Ufer hängt ein Dunst aus Insekten, aus schwebenden Mücken. Von Zeit zu Zeit zerreißen die Schreie meiner im Wasser spielenden Cousinen und Cousins die Stille. Dreißig Jahre zuvor hat meine Urgroßmutter auf dieser Chaiselongue gelegen, Jahre später wird meine Mutter den verwaisten Thron besteigen. Doch jetzt ist 1989, und dieser Platz gehört meiner Großmutter.
Sie erwacht, und ihre Waden lösen sich leise schmatzend vom Vinyl. Ihr entschlossenes New-England-Gesicht strafft sich, die feinen Falten werden tiefer. Die durchscheinenden Muscheln ihrer Lider öffnen sich und enthüllen ihre Augen, die das Licht auf geradezu unglaubliche Weise einfangen können – als wären ihre Iriden zwei Höhlen, zwei blaue Geoden. Die Augen meiner Großmutter richten sich auf den See; ihr Blick ist so undurchdringlich wie immer.
Das ist meine Großmutter Katharine Mead Merrill. Was weiß ich von ihr? Dass sie oft auf dieser Chaiselongue gelegen hat. Dass sie nachmittags oft geschlafen hat. Dass sie im Sommer 1989 eines Nachmittags aufgewacht ist und eine sehr bedauerliche Entscheidung getroffen hat.

 

2

 

Katharine hat geträumt. Wovon? Von ihrem Mann, von Frederick. Wenn auch die Einzelheiten im statischen Rauschen des Wachzustands verblassen, bleibt doch eine Gewissheit. Keine der Wut oder der Trauer, aber vielleicht aus diesen geboren. Ein schlichtes Wissen darum, was getan werden muss.
Mit einem Mal weiß Katharine, wie richtig das ist, was sie tun muss.
Dennoch lässt sie sich Zeit. Sie erhebt sich langsam, hält beim Betreten des Hauses inne, um die Augen an das gebrochene Nachmittagslicht zu gewöhnen. Katharine geht durch das dunkle, dumpfe Wohnzimmer, in dem das Sonnenlicht stets unwillkommen wirkt. Es ist ein Ort, wo die Nacht vor dem unverwandten Starren der Sommersonne Zuflucht zu suchen scheint. Als sie in die Küche tritt, erinnert der Geruch nach abgestandenem Kaffee sie daran, den Filter in den Abfalleimer zu werfen. Sie holt die Keksdose aus dem Schrank, steckt, wie damals als Mädchen, einen ganzen Keks in den Mund und lässt ihn auf der Zunge zergehen. Seit ein paar Monaten zeigt sie immer häufiger Verhaltensweisen, die zwar nicht direkt kindlich, aber auch nicht so steif, nicht so nüchtern und würdevoll sind, wie man es von ihr kennt. In diesem Sommer des Jahres 1989 ist Katharine neunundsechzig; Morbus Alzheimer kündigt sich durch erste Auflösungserscheinungen ihrer Auffassungsgabe und Merkfähigkeit an. Einen Augenblick lang bleibt sie an der Spüle stehen, sieht ihren Enkeln zu, die vom Steg ins Wasser springen, und erinnert sich zwar an die Gewissheit, nicht aber an ihren Inhalt; einen Augenblick lang denkt sie, sie sei aufgewacht mit dem Wunsch, im See zu schwimmen. Aber nein, nein. Es war etwas anderes; die Vorstellung des Schwimmens füllt den Raum nicht aus, den ihr Entschluss geöffnet hat.
Katharine sagt sich, dass Vergessenes manchmal dort wieder auftaucht, wo es einem eingefallen ist, und geht zurück zur Veranda. Kurz vor der Fliegentür weiß sie wieder, was sie beschlossen hat und mit welchem Objekt dieser Beschluss verknüpft ist. Wie eine verdrängte Erinnerung, ein freudsches Kindheitstrauma, ist es irgendwo auf dem Dachboden verborgen, hinter und unter dem Zeug, das sich im Verlauf der Jahre dort angesammelt hat. Sie hat es ein Jahrzehnt oder länger nicht in der Hand gehalten, doch oft hat sie das Gefühl, als habe es noch immer sie in der Hand. Das Objekt – oder vielmehr der Gedanke daran – erscheint mitunter ungebeten in ihren Gedanken und droht, all die Geschichten zu zerstören, in die sie ihre Erinnerungen an Frederick im Lauf der Zeit verwandelt hat. Wenn sie mit ihren Töchtern und anderen Verwandten über ihren Mann spricht, akzeptieren sie alle ohne einen Hauch von Skepsis ihre Charakterisierung: Frederick war ein Alkoholiker, ein Schürzenjäger, ein Verrückter, der sich an der Landstraße entblößt hat. Er war verrückt, sie war normal. Er war selbstsüchtig, sie war aufopfernd.
Frederick war ein Mann mit manischen Leidenschaften. Er hat ihr viele Briefe geschrieben, außerdem Geschichten, Ideen für Erfindungen und Patente, Gedanken über Politik und Philosophie. Auch Gedichte. Manche sind gut, das meiste ist jedoch grässliche romantische Kitschlyrik in peinlich sentimentalem, elisabethanisch angehauchtem Englisch. All dies ist in Schachteln verwahrt und sorgsam geordnet im Wandschrank gestapelt, so geordnet wie jene Erinnerungen an ihn, die sie gewöhnlich zur Hand hat. Aber dieses Objekt, dieses Briefbündel, ist wie ein verräterisches Herz. Sie hat es vor langer Zeit begraben, und doch schlägt es noch immer in seinem enervierenden Rhythmus. Katharine holt die alte, mit Farbspritzern übersäte Leiter aus dem Wäscheraum und trägt sie hinauf.
Über dem Kopf der Treppe ist die schwere Falltür. Ihr Gewicht und das komplizierte, geradezu akrobatische Manöver, das nötig ist, um hinaufzuklettern, machen das Betreten des Dachbodens so beschwerlich wie den Gedanken, der es begleitet. Mit neunundsechzig geht Katharine leicht gebeugt und vorsichtig, wegen der Osteoporose, aber ihre Arme sind stark vom Schwimmen und Kanufahren. Sie zieht sich hinauf und versucht, nicht nach unten zu sehen.
Dann der Schreck über dieses Paralleluniversum, die Erkenntnis, dass es immer gleich über uns ist, ein stilles, von Spinnweben überzogenes, unwandelbares Durcheinander, ein dunkler Antipode des Hauses dort unten, das stets von Licht und Bewegung erfüllt ist, in dem Cocktailpartys stattfinden und Kinder in Badehosen einander jagen. Katharine betrachtet die Stapel, die der Falltür am nächsten sind: alte Schallplatten, das kaputte Grammophon, eine Schachtel mit welken Handschuhen. Hier oben bestehen die Dinge einfach fort, ganz ohne unser Zutun. Katharine staunt über das Rätsel, welche Dinge die Zeiten geheimnisvollerweise überdauern und welche nicht. Viele Dinge, die sie gern behalten hätte, sind fort, und vieles, an dem ihr nichts liegt, ist noch hier. Beinahe alle Fotos aus den zwei Jahren, die sie als ungebundene junge Frau in Boston verbracht hat, sind verschwunden, doch dort drüben sieht sie die Beine einer nicht sonderlich geliebten Puppe, die sie als kleines Mädchen hatte. Katharine hat den Verdacht, dass das Gedächtnis eigentlich genauso funktioniert: Wenn wir nicht beschließen, etwas fortzuwerfen oder anders zu arrangieren, wenn wir nicht bewusst inventarisieren und organisieren, besteht Unerwünschtes einfach fort. Das Gedächtnis ist mitunter eigensinnig – wir müssen stets wachsam sein. Wir müssen uns stets entscheiden.
Vorsichtig geht sie auf den Balken und meidet die Zwischenräume, denn sie weiß, dass das, was wie fester Boden aussieht, in Wirklichkeit nur die dünne Presspappe ist, aus der die Decke des Raums unter ihr besteht. Einmal, als sie in ihrem Zimmer schlief, trat Frederick, der ganze Nachmittage in den entlegensten Winkeln des Dachbodens verbrachte, neben einen der Balken und brach durch die Decke. Er prallte auf die Bettkante und landete auf dem Boden. Dann stand er auf und schwenkte eine Holzkiste voll altem Christbaumschmuck. Ho, ho, ho, rief er. Frohe Weihnachten! So war Frederick.
Sie weiß genau, wo das Objekt ist; etwa fünf Meter von der Falltür entfernt, auf dem Boden der Kiste mit den Sachen von Frederick, die wegzuwerfen sie nicht über sich bringt, mit denen sie aber auch nicht leben kann: seine Marineuniform, eine Sammlung getrockneter und gepresster Blumen aus der Zeit, als er um sie geworben hat, die Schachtel, in der einst der Verlobungsring gesteckt hatte. Es ist seltsam, diese Dinge zu berühren; anfangs sind sie ganz gewöhnlich, doch wenn sie sich zu lange mit ihnen beschäftigt, werden sie empfindungsfähig und elektrisch. Dann beginnen sie, ihr durch ihre Fingerspitzen etwas mitzuteilen; sie erzählen ihre Geschichte, und es gelingt ihnen beinahe, Katharines Entschluss ins Wanken zu bringen. Und so wühlt sie einfach in der Kiste. Sie wühlt, sie gräbt und schiebt beiseite, bis es mit einem Mal einfach da ist. Einen Augenblick lang erscheint es zu klein in seiner Objekthaftigkeit. Es handelt sich ja letztlich nur um vergilbtes Papier und Tinte, um gewöhnliches Papier, auf dem gewöhnliche Worte stehen, nicht anders als die Worte, die sie denkt, spricht, schreibt. Es ist eigenartig, dass eben diese Anordnung bloßer Worte, diese Anordnung von Buchstaben auf Papier, imstande war, ihre Träume zu stören.
Einen Augenblick lang denkt sie, ihr Vorhaben und ihr Entschluss seien töricht oder schlimmer noch: eine Entwürdigung, ein Verrat. Dies sind doch nur Worte eines Mannes, den sie seit über zwanzig Jahren nicht gesehen hat. Eines Mannes, den sie in einem früheren Leben einmal geliebt hat. Fast hätte sie die Briefe wieder zurückgelegt, fast wäre sie wieder vom Dachboden gestiegen und hätte sich ihren Badeanzug angezogen, um das Wasser zu genießen, jetzt, zur besten Tageszeit, wenn die Sonne langsam untergeht. Doch dann gestattet sie es sich zu lesen, ganz kurz nur.
Und plötzlich ist hier, in ihren Händen, ein anderer Ort. Sie weiß, dass sie die Geschichten, die sie über Frederick erzählt, eigentlich nicht glaubt. Sie weiß, dass sie sich der Meinung von Fredericks Psychiatern, den Ansichten ihrer Verwandten, ihrer eigenen Familie eigentlich nicht anschließt. Sie weiß, dass sie noch immer nicht glaubt, es sei so einfach, wie andere behaupten, wie sie selbst behauptet: dass sie geistig normal und Frederick verrückt war, dass sie heldenhaft tat, was getan werden musste, um ihre Kinder zu retten, während Frederick in der Anstalt für Geisteskranke seiner eskapistischen Schreibtätigkeit frönte (wie sein Psychiater es ausdrückte), deren Ergebnis sie in Händen hält. Normal, verrückt, heldenhaft, zügellos, ernst, wahnhaft – sie weiß, dass sie an diese einfachen Unterteilungen, mittels deren sie zwanzig Jahre lang die Vergangenheit geordnet hat, eigentlich nicht glaubt.
Ihre Entschlossenheit kehrt zurück.
Und dennoch – als sie, das Papierbündel in der Hand, vorsichtig vom Dachboden heruntersteigt, fragt Katharina sich: Warum jetzt? Warum nach all den Jahren, wo doch alles mehr oder weniger gut gegangen ist? Wo das Schicksal ihrer Kinder nicht mehr vom Ausgang ihres Ehedramas abhängt? Warum gerade jetzt diese Gewissheit?
Frederick führte oft Augenblicke dramatischer Katharsis herbei, schleppte sich nachts blutend ins Haus, ins Wohnzimmer, und forderte Rechenschaft. In diesen Momenten war er mit seiner leidenschaftlichen Dringlichkeit immer viel stärker als sie, und dafür hasste sie ihn. Doch hier und jetzt legt sie Rechenschaft ab, allein und schweigend, wie es sich ihrer Meinung nach gehört. In aller Privatheit, in aller Stille.
Wird ihre Gewissheit von Schuld getrübt? Katharine versucht sich zu ermutigen. Wahrscheinlich, denkt sie, kann ohnehin niemand etwas mit diesen Briefen anfangen. Wahrscheinlich liegt die Macht dieser Briefe in der Bedeutung, die sie für Katharine allein haben. Andere würden aus ihnen nur den Wahnsinn lesen, dem sie vielleicht entstammen. Und außerdem: Hat sie es sich nicht verdient? Hat sie sich mit dem, was sie erlitten und überstanden hat, nicht das Recht auf diese letzte Entscheidung verdient?
Katharine ist jetzt unten im Wohnzimmer, stopft Zeitungspapier in den Ofen und legt etwas Anmachholz darauf.

 

3

 

Achtzehn Kilometer weiter östlich am Ufer des Lake Winnipesaukee sitze ich an der Theke des Mast Landing Diner und unterhalte mich mit einem Mann in Flanellhemd und Skimütze. Ich tue so, als wären meine Mutter und mein Bruder, die an dem Tisch hinter mir sitzen, nicht da. Ich versuche, den Blick, den meine Mutter und der Mann wechseln, nicht zu bemerken. Ich bin sieben.
David und ich haben ein Steingeschäft eröffnet, sage ich. Wir verkaufen Glimmer. Und Granit. Und Quartz. Und Katzengold. Aber Glimmer ist am besten.
Glimmer?, sagt der Mann.
Ja. Sieht aus wie Glas. Und was machen Sie so?
Meistens, sagt der Mann und lacht, fahre ich einen Lastwagen und esse in Imbissbuden.
Das ist Ihre Arbeit?
Tja, sieht so aus.
Toll.
Übrigens, sagt der Mann und sieht auf seine Uhr, muss ich weiter. Und ich glaube, deine Mom und dein Bruder langweilen sich.
Ich drehe mich zu ihnen um. Mein Bruder lässt fröhlich die Beine baumeln und spielt mit seinem Gameboy. Er scheint dankbar für die Klimaanlage des Diners und die Waffeln, von denen nur noch ein paar sirupgetränkte Reste übrig sind. Meine Mutter betrachtet die Szene und meine Imitation eines Erwachsenen mit unbeirrbarem Entzücken. Mir ist klar, wie entzückend sie mich findet, und einen Augenblick lang ärgert mich das sehr. Ich habe angefangen, meine Selbstständigkeit bei jeder Gelegenheit zur Schau zu stellen.
Ja, stimme ich dem Mann zu, und ich muss wieder in unser Steingeschäft.
Auf dem Heimweg denke ich, während meine Mutter den Minivan auf der Route 109 durch Kurven und über Hügel lenkt, an den Lastwagenfahrer, an die Straßen, die Freiheit.
Ich weiß jetzt, was ich werden will, wenn ich groß bin, sage ich.
Ach ja?
Ich will einen Lastwagen fahren und in Imbissbuden essen.
Haha!, sagt meine Mutter. Stefan, das ist das Süßeste, was ich je gehört habe.
Das ist bescheuert, sagt mein Bruder, ohne von ›Die Legende von Zelda‹ aufzusehen. Damit verdient man doch kein Geld. Und man wird fett.
Wir biegen von der asphaltierten Landstraße auf den Feldweg ab, an dem das handgemalte Schild mit der Aufschrift Providence Road steht. Schon vor fünfundsechzig Jahren, als meine Urgroßeltern zu Pferd die lange Reise von Concord hierher unternahmen, war dies das letzte Stück des Weges.
Das Schaukeln des Wagens reißt meinen Bruder aus seinem Spiel. Sofort beteiligt er sich an unserem rituellen Wettkampf, bei dem es darum geht, wer als Erster das Wasser des Sees durch den dichten Wald schimmern sieht.
Ich sehe ihn!, ruft David.
Stimmt ja gar nicht, sage ich. Lügner.
Warum ist da Rauch?, sagt meine Mutter.
Eine dünne weiße Rauchsäule steht über dem Kamin von Echo Cottage, das gerade in Sicht kommt. Ich betrachte die seltsamen Figuren, die der Rauch macht: Er sieht aus wie die Kalligrafie eines Wortes, das beinahe in den makellosen Abendhimmel geschrieben wird. Das beinahe geschrieben wird und verschwindet.
Hm, sagt meine Mutter. Ist es nicht zu warm, um Feuer zu machen?
Von dem mit Fichtennadeln bedeckten Parkplatz gehen wir hinunter zur Hintertür des Hauses. Ich schleppe eine übermenschlich große Menge Tüten mit unseren Einkäufen. Ich will meine Mutter unbedingt mit meiner Kraft beeindrucken.
Mum?, ruft meine Mutter, als wir im Haus sind.
Hier drinnen, antwortet meine Großmutter aus dem Wohnzimmer, wo der Ofen ist.
Mein Bruder wühlt in den Papiertüten nach einer Packung Kartoffelchips, während ich meiner Mutter ins Wohnzimmer folge.
(Meine Großmutter muss schon einige Zeit dort gewesen sein und es sich überlegt haben. Oder ist es wirklich ein Zufall? Dass wir genau in dem Moment dort ankommen, in dem sie die Briefe schließlich ans Feuer hält?)
Warum hast du Feuer gemacht?, fragt meine Mutter. Was machst du da?
Ach, ich wollte nur ein paar alte Sachen loswerden, sagt meine Großmutter, als ginge es um irgendeine alltägliche Hausarbeit.
Alle drei wenden wir unsere Aufmerksamkeit dem Papierbündel in der Hand meiner Großmutter zu. Auf der obersten Seite ist die schwungvolle, akkurate Schrift meines Großvaters zu sehen.
Sind das Daddys?, fragt meine Mutter.
Meine Großmutter zuckt mit den Schultern.
Daddys, denke ich. Ich nenne meine Mutter Mommy, und sie nennt meine Großmutter Mum. Ein kleiner Unterschied, doch er hilft mir zu vergessen, dass meine Großmutter tatsächlich die Mutter meiner Mutter ist und dass meine Mutter einst wie ich ein Kind mit Eltern war. Aber Daddy … So nenne ich meinen Vater. Daddy – wie mein Vater, nur nicht mehr da.

 

Noch im Erinnern von Ehrfurcht und Erbitterung geleitet, haben meine Mutter und ihre Schwestern das Bild meines abwesenden Großvaters in düsteren Farben gemalt: abenteuerlustig, tragisch, brillant, eine Fallstudie über die Gefahren eines zu außergewöhnlich gelebten Lebens. Bei unseren alljährlich im Sommer stattfindenden Familienzusammenkünften erzählen meine Mutter und ihre Schwestern die Frederick-Mythen – Geschichten, die das Gegenstück unserer Familie zur Ilias zu sein scheinen, jener Urerzählung, aus der alle modernen Geschichten entstanden sind:
Einmal, als die Familie an der Golfküste war und der Hurricane Betsy sich näherte, flohen Katharine und die Mädchen ins Landesinnere, doch Frederick blieb dort und band sich an einen Baum, um dem Sturm die Stirn zu bieten.
Einmal, als Frederick mit meiner Mutter im Südchinesischen Meer segelte, lief das Boot auf ein Riff, während sich ein Sturm zusammenbraute. Das Riff war aus scharfkantigem Gestein und umschwärmt von giftigen Kugelfischen, meine Mutter hatte keine Schuhe, und die Monsunwolken kamen rasch näher. Mein Großvater gab sein Boot auf, nahm meine Mutter auf die Arme und trug sie fünfhundert Meter weit über das Riff zum offenen Meer, von wo sie an Land schwimmen konnten.
Einmal, am Ende eines langen, mit Freunden durchzechten Sommerabends, ging Frederick entlang der Providence Road bis zur Route 109, wo er, wie ein Penner aus einem Witzblatt, den Regenmantel aufhielt und sich so vor den Insassen der vorbeifahrenden Wagen entblößte.
Ich weiß, dass mein Großvater eine Zeit lang in einer berühmten psychiatrischen Klinik voller großer Dichter und Denker war. Aber eben doch in einer psychiatrischen Klinik. Ich weiß nicht, ob ich Frederick und sein Erbe bewundern oder fürchten soll.
Meine Mutter sagt mir auf ihre entschiedene Art, dass ich nie so sein werde wie mein Großvater, aber sie sagt es derart oft, dass es mir eher wie ein besorgter Wunsch als wie eine Feststellung vorkommt. Wenn ihre Schwestern und Cousinen bemerken, wie ähnlich ich Frederick sehe, verzieht sie das Gesicht. Mit sieben habe ich bereits ein Interesse für meinen verschwundenen Großvater entwickelt, das über bloße Neugier hinausgeht.

Stefan Merrill Block

Über Stefan Merrill Block

Biografie

Stefan Merrill Block, geboren 1982, aufgewachsen in Texas, lebt heute in Brooklyn. Er studierte an der Washington University in Saint Louis/Missouri. Schon sein erstes Buch »Wie ich mich einmal in alles verliebte«, war national und international ein Erfolg - die Übersetzungsrechte wurden in über 20...

Medien zu »Aufziehendes Gewitter«

Pressestimmen

Kieler Nachrichten

»Es gibt Momente schriller, zuweilen grotesker Komik, die aber sogleich von solchen stiller Rührung und manchmal existenzieller Dramatik abgelöst werden.«

Frankfurter Neue Presse

»Stefan Merrill Block gelingt mit seinem mutigen und einfühlsamen Buch Aufziehendes Gewitter ein großartiger Familien- und Psychiatrieroman.«

Westdeutsche Allgemeine

»Erneut besticht Merrill Block durch sprachliche Virtuosität und Fabulierlust (...). Ein erstaunlich reifes Plädoyer für mehr Toleranz.«

Wilhelmshavener Zeitung

»Der Amerikaner Stefan Merill Block hat aus dem Psychiatrie-Aufenthalt seines Großvaters einen großartigen Roman geformt. Aufziehendes Gewitter berührt das Herz und den Verstand.«

Tagesspiegel

»Ein seltsam heiterer Psychiatrie-Roman, erzählt in einer außergewöhnlich bildhaften Sprache.«

Eßlinger Zeitung

»Starke, sinnliche Passagen machen das Buch zu einem Erlebnis.«

FAZ

»Ein überaus berührender Roman (…)«

Ruhr Nachrichten

»(…) man darf hoffen, dass seine Familie ihm noch mehr Stoff für tolle Bücher liefert.«

NDR Kultur

»Aufziehendes Gewitter ist nicht nur eine humorvoll und souverän erzählte Familiengeschichte, sondern auch eine vielschichtige Reflexion über unsere Konstruktionen von Identität und Erinnerung und über die prägenden Legenden und Lügen, die unsere Familien zusammen halten.«

Bayern2

»(…) ein Stück großartiger Literatur.«

Kultur Spiegel

»Was ist normal, was psychisch krank? Entlang dieser gesellschaftlichen Grenze erzählt Stefan Merrill Block, 29, eine leidvolle Liebesgeschichte. Inspiriert wurde er zu diesem großartigen Buch durch seine Großeltern.«

BR2, Zündfunk

»(…) Wie schon in seinem Debütroman ist es die kunstvolle Sprache, die aus der Familiengeschichte großartige Literatur macht.«

Karen Russell, Autorin von Swamplandia

Eines der mutigsten und schönsten Bücher, die ich je gelesen habe.

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Stefan Merrill Block dürfte ein Name sein, den man sich unbedingt merken sollte.

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