Lieferung innerhalb 2-3 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Blick ins Buch
Aufräumen

Aufräumen

Roman

Taschenbuch
€ 8,99
€ 8,99 inkl. MwSt.
Lieferzeit 2-3 Werktage
Jetzt kaufen Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Aufräumen — Inhalt

Luisa hat beschlossen aufzuräumen. Als Erstes muss ihr Ehemann Alfred weg. Alfred, das dunkle Kneiftier ihres Lebens. Nach fast vierzig Jahren Ehe ist ihm seine Familie in etwa so wichtig wie der Terminkalender der Müllabfuhr. „Alfred, Arschfred“, denkt sich Luisa und besorgt ein Fläschen Gift. Noch zwei weitere Männer gilt es zu entsorgen: ihren widerwärtigen Schwiegersohn Roman und den unfähigen Doktor Hausammann. Drei Männer, die ihr Leben verwüstet haben. Zeit, ein wenig Ordnung zu schaffen …

€ 8,99 [D], € 9,30 [A]
Erschienen am 10.11.2014
160 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30547-1

Leseprobe zu »Aufräumen«

Ja nicht auffallen

Luisa hat beschlossen aufzuräumen. Als Erstes muss Alfred weg.

Seit beinah vierzig Jahren ist sie mit Alfred verheiratet. Alfred ist ein Egosaurier. Er hat vor allem an sich gedacht und tut es immer noch. Die Tatsache, dass Luisa und zwei Töchter an seiner Seite lebten, war für ihn etwa so maßgebend wie der Terminkalender der Müllabfuhr. «Ich bin halt ein Künstler», sagte er. «Er ist halt ein Künstler», sagte Luisa. Sie sagte es jahrelang – und wusste, dass er keiner war.

Sie sitzt im Zug nach Wien und blättert im Reiseführer. Der ist [...]

weiterlesen

Ja nicht auffallen

Luisa hat beschlossen aufzuräumen. Als Erstes muss Alfred weg.

Seit beinah vierzig Jahren ist sie mit Alfred verheiratet. Alfred ist ein Egosaurier. Er hat vor allem an sich gedacht und tut es immer noch. Die Tatsache, dass Luisa und zwei Töchter an seiner Seite lebten, war für ihn etwa so maßgebend wie der Terminkalender der Müllabfuhr. «Ich bin halt ein Künstler», sagte er. «Er ist halt ein Künstler», sagte Luisa. Sie sagte es jahrelang – und wusste, dass er keiner war.

Sie sitzt im Zug nach Wien und blättert im Reiseführer. Der ist schon längst nicht mehr aktuell, aber das macht nichts. Noch nie ist sie in Wien gewesen. «Jetzt bin ich siebzig und noch nie in Wien gewesen», hat sie zur Coiffeuse gesagt. «Jetzt will ich mir das mal leisten, ohne Grund. Machen Sie mich schön, los.» «Sind Sie sicher, Frau Gallmann?», fragte die Coiffeuse. «Zwei Zentimeter kurz?» «Sicher, schneiden Sie.» Und die Coiffeuse schnitt, schnitt die seit Jahrzehnten ewig gleichen Lockenbüschel ab.

Und jetzt sieht Luisa im spiegelnden Zugfenster ihren neuen Kopf. Jünger schaut sie aus mit dem grauen Kurzhaar. Fast wie ein Mann schaut sie aus. Hinter ihrem Kopf fliegen Felder und Wälder durch den Sommerabend, leuchten ein paar Pinselstriche Abendrot, schön.

Bereits nach kurzer Fahrt kommt der Schaffner. Er registriert ihr elektronisches Ticket. Einmal Wien und zurück. «Schönen Abend noch, Madam.» Sorgfältig steckt sie das Ticket wieder ein, es wird der Beweis sein, dass sie nach Wien gefahren ist.

Das klappt ja besser als erhofft, denkt Luisa. Bereits in Sargans kann sie aus- und umsteigen und nach Zürich zurückfahren, rechtzeitig für den frühen Nachtzug nach Mailand. Von Buchs, Feldkirch oder Innsbruck aus wär’s komplizierter gewesen. Sie hat die Fahrpläne genau studiert. Aber eigentlich hat sie keine Eile. Sie ist für volle zehn Tage abgemeldet. Sie hat genügend Zeit, ganze Arbeit zu leisten.

Das Schwierigste an der Arbeit wird sein, nicht aufzufallen. Niemand soll sich an sie erinnern, auch der Herr nicht, der ihr gegenübersitzt. Er sieht nicht unsympathisch aus, der alte Knacker, er liest im «Steppenwolf», Luisa hat es gleich gesehen, sie hat eine gute Rundumsicht, wie ein Hase, sieht auch ein bisschen wie ein Hase aus mit den weit auseinanderliegenden Augen. Zu einem anderen Zeitpunkt hätte sie mit dem alten Knacker vielleicht ein Gespräch angefangen. Aber jetzt will sie nicht auf sich aufmerksam machen, will still und unscheinbar in ihrer Verkleidung verharren: graue Regenjacke, extra fades lavendelblaues Shirt, graue Altfrauenhose, scheußliches senfbraunes Foulard mit Hufeisenmuster. So stellt sie sich eine Nonne auf Urlaub vor. Ihre schönen Sachen hat sie im Koffer. Knallblau, Eierschale, Seidenglanz. Den Tropenvogelhut. Die Eidechsenschuhe.

Alfred, Arschfred. Ein Glück, dass sie ihre Ausbildung schon abgeschlossen hatte, als sie Alfred kennenlernte. So war sie in der Lage, über alle die Jahre für den Unterhalt der Familie aufzukommen, Luisa Gallmann, geborene Racher, Hauswirtschaftslehrerin, Dozentin an der Pflegefachschule. Sie vergisst sie nicht, diese Müdigkeit, aus der sie sich täglich herausstrampeln musste. Die Todesmüdigkeit.

In Sargans wird sie auf dem Bahnsteig von einem jungen Hündchen stürmisch begrüßt, es wedelt mit allen Körperteilen. Am anderen Ende der Leine zieht ein junger Mann, auch an ihm scheint alles zu schlenkern. Dass man so jung sein kann, denkt Luisa beinahe verwundert und krault dem Hündchen die Ohren. Du sollst dich nicht an mich erinnern, hörst du, Hundekind. Ich will hier nicht gesehen werden. Ich fahre nach Mailand, und das weiß niemand. Ich werde in einem Hotel übernachten, in dem ich noch nie war. Ich werde morgen nach Genua weiterreisen, dort sitzt Alfred und zeichnet an seinem Epos. So nennt er das.

Luisa findet im Zug nach Zürich ein leeres Abteil, sie hat Hunger und wünscht sich ein Schinkenbrot, so ein weiches, ungesundes. Der Walensee glänzt schwarz, sieht aus wie nasser Asphalt. Sie weiß, dass er unheimlich tief ist, er wäre ein wunderbares Grab für die drei, die sie entsorgen will. Alfred, Roman und Doktor Hausammann. Dass es lauter Männer sind, ist Zufall. Es sind einfach drei, die ihr, Luisas, Leben verwüsten, das ist alles. Sie müssen weg. Erst wenn sie weg sind, wird sie Ruhe haben.

Sie hat ihrer Nachbarin Magi geholfen, vor dem Umzug ins Altersheim die Wohnung zu räumen. Es war furchtbar mit Magi, sie wollte sich von gar nichts trennen. Was Luisa in die Säcke fürs Brockenhaus legte, holte Magi wieder heraus. Eine Vogeluhr, die zu den falschen Zeiten pfiff, Wander-, Bade-, Stepptanzschuhe, Reiseführer für Lappland und Namibia. «Ich ziehe ins Altersheim, nicht ins Grab», sagte Magi wütend. Sie sortierte stundenlang ihre Bücher, und zum Schluss standen fast alle wieder im Regal. «So geht das nicht», sagte Luisa, «man muss sich trennen können. Du meinst doch nicht, du wirst mit deinen geschwollenen Füßen noch Stepptanz machen wollen.» «Und du meinst doch nicht», entgegnete Magi, «du wirst mir mit deinem geschwollenen Gerede das Leben verleiden. Schau dich in deinem eigenen Leben um. Müsstest du nicht mal aufräumen?»

Das war der Moment, als Luisa beschloss, mit dem Aufräumen anzufangen.

Sie nimmt eine Zeitung vom Nebensitz, sie heißt «Rheintaler Bote», und macht sich auf die Suche nach einem Satz. Seit Langem sammelt sie Sätze, die irgendwie schief sind, und notiert sie untereinander in einem kleinen roten Heft. Das Heft hat sie immer dabei, auch jetzt. Sollte sie unter den Zug geraten, und jemand würde dann die Handtasche der armen Verunglückten untersuchen, wären die Sätze ein wundersames Rätsel für die Nachwelt oder einfach die unbrauchbare Hinterlassenschaft einer alten Schrulle. Im Heft stehen Sätze wie:

Ich stehe nur auf Siamkatzen, sagte Frau Füglistaller.

Die Volkspartei lässt die Gebärenden auf der Straße stehen.

Und dann machten sie auch noch den Neckar.

Wenn sie die Sätze liest, liebt sie das Leben, weil es so ungewollt seltsam ist. Streichle mich, sagt das Leben, und liegt vor ihr wie ein zuckender Hund mit zu vielen Füßen.

Der «Rheintaler Bote» gibt nichts her.

Die Churfirsten auf der anderen Seite des Walensees sind im Abendlicht errötet, was aussieht, als drängten sie sich schamhaft aneinander. Luisa sieht Amden, das einzige Dorf am Hang, und sie versucht angestrengt, nicht an Roman zu denken, Romans Mutter kommt aus Amden, macht ein großes Geschrei draus: «Wir haben eben Bergblut.»

Romans Bergblut, so ein Kitsch. Seine ungeheure Schwermut soll damit erklärt sein, seine leidenschaftliche Natur, was für ein Stuss. Luisa hat ihren Schwiegersohn durchschaut. Er steigt anderen Frauen nach, das ist mit leidenschaftlicher Natur gemeint. Und zu Hause hockt er schweigend vor dem Fernseher und ist zu träge, Mirjam zu antworten. Das ist mit ungeheurer Schwermut gemeint. Luisa kann ihn nur noch still und leise hassen. Er hat mit seinem verdammten Bergblut dafür gesorgt, dass Mirjam jede Fröhlichkeit verloren hat. Sie hat sich in den zehn Ehejahren völlig verändert. Früher hat sie im Bad gesungen, hat in der Küche getanzt, hat sich im größten Durcheinander wohlgefühlt. Jetzt hat sie diesen besorgten, gehetzten Blick, und sie räumt dauernd auf. Wenn sie bei Luisa vorbeischaut, fängt sie sofort an, aufzuheben, was am Boden liegt, und wenn es nur ein heller Faden auf dem dunklen Teppich ist. Sie bleibt nie ein Weilchen sitzen, sondern steht auf, kaum ist die Teetasse leer, und rückt Dinge zurecht, zupft an den Vorhängen, stellt Schuhe präziser in die Reihe. Wie gern hat sie früher gelacht. Wie ein Riesenrülpser kam das Lachen aus der Tiefe und hopste in alle Richtungen. Jetzt ist ihr Lachen nur noch ein höfliches Geräusch. Es wäre höchste Zeit, dass sie sich trennte von Roman. Aber davon will Mirjam nichts wissen. Das wäre eine Niederlage. Mirjam will Siege.

Es liegt an mir, Roman zu entfernen, denkt Luisa. Es hat immer an mir gelegen, die unangenehmen Dinge zu erledigen. Ich weiß nur nicht, wie ich das diesmal anstellen soll. Noch
nicht.

Bereits jetzt hat sie einen Fehler gemacht. Sie hätte in Sargans ein Ticket nach Zürich lösen müssen. Es ist ihr nicht eingefallen, sie hat zu lange mit dem jungen Hund geschäkert. Was macht sie jetzt, wenn der Schaffner kommt? Sie wollte doch ja nicht auffallen. Unruhig blickt sie über die Schulter, wenn sie die Tür hört. Zur Rechten liegt jetzt der Zürichsee, der weite, sanfte, wie sie ihn liebt, aber für beschauliche Blicke hat sie nun keine Muße mehr, sie wartet nur noch auf den Schaffner. Sollte er in den nächsten Wochen ihr Bild in der Zeitung sehen, wird er sich wahrscheinlich an sie erinnern. Im Mordfall Gallmann wird die Ehefrau verdächtigt. Da schau, das ist doch die süßsaure Alte, die keine Fahrkarte hatte, ganz rot geworden ist die. Luisa sitzt aufrecht da, das Portemonnaie in den Händen, horcht auf das Schnauben der Tür. Schon ist
in der Ferne der Rücken des Pfannenstiels zu sehen, an seinem Saum die Dörfer der Goldküste im Abendgoldstaub, da taucht der Schaffner auf und ist auch schon vorbei, er hat Luisa nicht mal angesehen.

Es ist 18.48 Uhr, als der Zug in Zürich einfährt.

Sie hat zwanzig Minuten. Das reicht für den Kauf von Ticket und Zeitungen. Doch dann stolpert dieser Tölpel über ihren Koffer, bleibt am Boden sitzen und schaut verwundert zu ihr hoch. Eine Flasche in seiner Papiertüte ist zerbrochen, rote Flüssigkeit rinnt gegen ihre Schuhe. Seltsamerweise steht der Mann nicht wieder auf. Vielleicht bedeutet die Verwunderung in seinem Gesicht, dass ihm etwas wehtut. Das hat ihr gerade noch gefehlt. Sie kann nichts dafür, sie hat ihren Koffer ganz ordentlich hinter sich hergezogen. Inzwischen sind bereits drei Leute stehen geblieben und blicken Luisa fragend an. Was haben Sie mit dem Mann gemacht? Was ist das rote Nasse da am Boden? Endlich zieht sich der Mann an Luisas Koffer hoch, bückt sich, reibt sein Knie, seine Wade, ein junger Kerl, ein tätowierter Tölpel. Sie weiß nicht, ob der säuerliche Geruch aus seinem Mund oder von der Lache am Boden kommt. Als er davonhinkt, rennt sie zum Fahrkartenschalter, sie merkt, dass sie zittert. Und sie schwitzt in ihrer Regenjacke, die Bahnhofshalle wirkt wie geheizt.

Wieder findet sie ein freies Abteil, belegt die drei leeren Sitze mit Regenjacke und Zeitungen und räumt sie erst weg, als der Zug durch Zürich-Enge fährt. Hier hat sie einmal gewohnt, aber daran mag sie nun nicht denken. Sie lässt sich ins Polster sinken und prüft, ob die feuchtgeschwitzten Achseln des leidigen Lavendelshirts zu riechen sind. Jetzt hat sie eine Weile Ruhe, sie wird im Speisewagen gepflegt zu Abend essen und sich die Zeitungen vornehmen, auf der Suche nach dem einen oder anderen Satz.

Sechs Jahre wohnte sie mit Alfred in Zürich-Enge, ein bisschen Stuck an der Decke, ein bisschen Sicht auf den See, ein bisschen Enttäuschung bald nach der Hochzeit. Alfred, der Luisa unten am See angesprochen hatte, wo sie beide zuschauten, wie die Seepolizei einen Schwan von einem Angelhaken zu befreien versuchte, dieser Alfred wurde als Ehemann schon bald unfreundlich, und er schien das nicht einmal zu merken. Oft stand Luisa in der kleinen Wohnung am Fenster, blickte auf das bisschen See und fragte sich, warum sie sich von Alfred so hatte bezaubern lassen. «Stellen Sie sich vor», sagte er, «Sie seien ein Schwan, und ich sei der, der die Angel auswirft.» Sie lachte. «Ich, ein Schwan», sagte sie, worauf er mit größter Leichtigkeit passende Komplimente aus der Luft holte: königliche Haltung, vornehmes Weiß von Hals und Gesicht, Haar voller Glanz wie Gefieder. Sie lachte, es gefiel ihr. Was sie selber jeweils im Spiegel sah, war nichts Weißes, sondern etwas Bleiches, und ihr Haar glänzte nur gerade am Tag der Haarwäsche, dann wurde es stumpf.

Als der befreite Schwan davonschwamm, hatte Alfred Luisa gefangen.

Angelika Waldis

Über Angelika Waldis

Biografie

Angelika Waldis, 1940 in Luzern geboren, schlug nach dem Studium der Anglistik und Germanistik eine journalistische Laufbahn ein. Zusammen mit ihrem Ehemann Otmar Bucher gründete sie die Jugendzeitschrift »Spick« und leitete das mehrfach ausgezeichnete Magazin bis Ende 1999. Für ihre Erzählung...

Kommentare zum Buch

Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden